und sprach : » Beim ersten Blick ist mir etwas an Ihnen aufgefallen - ich wußte nur nicht gleich , was es war ... « Sie erwachte , lächelnd über diesen Traum und mit unglaublich leichtem Herzen für ein junges Mädchen , dem eben eine erste Illusion zerstört worden . Es ist aus , dachte sie , ich hätte nicht geglaubt , daß man so schnell mit einem Gefühl fertigwerden kann , das doch wie Neigung ausgesehen hat ... Nein , nicht nur ausgesehen ! ... Die anderen wollen belogen sein - warum aber mich selbst belügen ? ... Ich habe ihn geliebt , innig und heiß . Und aufschluchzend drückte sie ihr tränenüberströmtes Gesicht in das Kissen . 3 Am nächsten Tage machte Hermann Dornach seinen ersten Besuch , wurde für morgen zu Tische geladen und brachte einige Abende im Familienkreise zu . Gräfin Dolph fand ihn charmant und unglaublich gescheit für einen Majoratsherrn . Sie rechnete es ihm hoch an , daß er mit ihr , der bösen Zunge , die den meisten Scheu einflößte , so rasch vertraut wurde . » Einfach die Folge seines guten Gewissens « , erklärte sie . » Eine Anklage gegen ihn wäre ein Schuß ins Blaue ; der sieht ruhig zu , wie ich meine Pfeile spitze ; er gehört nicht zu den Leuten , denen vor mir graut . « Und wirklich schwand in ihrer Gegenwart die leise Befangenheit , die bei einem Manne , den zu verwöhnen alle Welt wetteiferte , für den Laien so befremdlich und dem Herzenskundigen eine Bürgschaft echten Seelenadels war . Man sagte , diese Befangenheit sei die Folge der übertriebenen Strenge , mit welcher er unter der Leitung seiner Mutter erzogen worden war . Die Gräfin hatte ein Gegengift anwenden wollen gegen die Kriecherei der Parasiten , des Beamtenheeres , der Dienerschaft und gegen die grenzenlose Nachsicht eines schwachen und kränklichen Vaters für sein einziges Kind . Aber die Dosis war zu stark gewesen und hatte nicht nur keine Selbstüberhebung aufkommen lassen , sondern auch kein rechtes Selbstvertrauen . Die Gräfin sah den begangenen Fehler ein und suchte ihn noch beizeiten gutzumachen . Sie hatte nach dem Tode des Grafen die Vormundschaft über Hermann , die sie tatsächlich immer geführt , auch formell angetreten und schenkte nun dem achtzehnjährigen Jüngling uneingeschränkte Freiheit . Ein kleiner Mißbrauch derselben wäre leicht verziehen gewesen , kam aber nicht vor . Hermann besuchte landwirtschaftliche Schulen in Deutschland und England , jagte Löwen in Nubien und Elefanten in Indien , diente einige Jahre in einem eleganten Kavallerieregimente und widmete sich später der Verwaltung seiner Güter . Er war dreiunddreißig Jahre alt geworden , ohne in die Lage gekommen zu sein , andere Schulden als die seiner Freunde bezahlen zu müssen , ohne ein Mädchen verführt , ohne den Ruf einer Frau gefährdet zu haben . Und doch kochte das Blut in seinen Adern so heiß wie in denen irgendeines seiner Alters- und Standesgenossen , und doch hatte er in seinen wenigen Liebesverhältnissen mehr echte und wahrhafte Empfindungen ausgegeben als sie alle zusammengenommen in ihren zahllosen Zirkus- und Halbweltsabenteuern . Übrigens erschienen ihm von dem Augenblick an , in dem er Maria kennenlernte , seine ernsthaftesten Schwärmereien und Leidenschaften wie Kinderspiel . Es geschah auf einem Balle , den er aus Gehorsam gegen seine Mutter besucht hatte . Er kam ja überhaupt nur aus Gehorsam zu ihr nach Wien , um dort in die große Welt zu gehen , wo er kein Vergnügen fand und wo die Bemühungen um seine Gunst ihn anekelten . Tante Dolph war Zeuge seiner ersten Begegnung mit Maria und dann selbst der Gegenstand seiner eifrigsten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeiten gewesen . Sie erinnerte sich plötzlich ihrer Jugendfreundschaft mit Gräfin Agathe Dornach und machte ihr einen Besuch , der bald erwidert wurde . Die alten Damen sagten zueinander : » Liebes Kind « , und jede hatte das Gefühl ihrer Überlegenheit über die gute Bekannte von einst , mit der sie später auseinandergekommen war wegen völlig verschiedener Anschauungen und gleich schroffer Unduldsamkeit . Agathe berühmte sich , eine orthodoxe Katholikin zu sein ; Dolph , ganz ungläubig , ließ nicht gelten , daß ein vernünftiger Mensch fromm sein könne , es wäre denn ein Dienstbote , ein Bauer oder ein Prinz . Agathe fürchtete für Dolphs ewiges Heil , diese fürchtete Agathens Bekehrungsversuche , die stets in der Behauptung gipfelten , die Skepsis entstehe aus der Halbbildung , und weiter als bis zu einer solchen brächten Frauen es nicht . Ob sich diese Gegensätze zwischen den beiden Damen im Laufe der Jahre gemildert oder verschärft hatten , danach wurde jetzt nicht gefragt und das Berühren heikler Punkte sorgfältig vermieden . Der Graf , ein Konversationskünstler ohnegleichen , half spielend über ein paar Abendstunden hinweg ; das Gespräch , das er beherrschte , wurde lebhafter geführt als das zwischen den jungen Leuten am Teetisch nebenan . Maria war schweigsam , Hermann nicht beredt . Er sagte aber dennoch viel , denn jeder seiner Blicke enthielt eine glühende Erklärung der innigsten Liebe . Eines Tages nun geschah es , daß Gräfin Dornach sich bei Maria anmelden ließ und mit einer Miene eintrat , als ob sie die Schlüssel des Himmels zu überreichen hätte . In würdevoll gelassener Weise brachte sie im Auftrage Hermanns die Anfrage vor , ob er um Marias Hand werben dürfe . » Dein Jawort würde ihn beseligen « , schloß sie , » und du kannst es ihm getrost geben . Ich schmeichle niemandem , am wenigsten mir selbst in meinem Sohne . Mein Urteil über ihn ist das eines jeden Unparteiischen und lautet : Es gibt keinen vernünftigeren Menschen , keinen besseren , keinen edleren . « Sie hielt inne , sie wartete auf eine Erwiderung ; da keine erfolgte , fuhr sie fort : » Wenn deine Mutter lebte , würde ich mich zuerst an sie gewendet haben , und sie wäre es , die jetzt zu dir spräche . Nimm an , daß es durch meinen Mund geschieht . « Maria senkte die Augen , ihre Lippen zitterten , aber sie schwieg . » Ein sicheres Glück bietet sich uns im Leben selten . Dem , der es einmal abgewiesen hat , wird es schwerlich wiederkehren « , fuhr die Gräfin nach einer Pause noch kälter und förmlicher als früher fort . » Indessen hast du recht zu erwägen . Dein Zögern gefällt mir ; es beweist , daß du den Ernst des Schrittes kennst , den andere junge Mädchen oft so leichtsinnig unternehmen . Ich habe Vertrauen zu dir . Wenn ich deine Einwilligung , deine einfache Einwilligung mit nach Hause nehme , so enthält sie für mich alle heiligsten Schwüre , die ein ehrliches Mädchen ihrem zukünftigen Gatten nur irgend leisten kann . « » Jawohl , das enthielte sie auch ... Ich bitte Sie - « » Wieder : Sie ! Bleibe ich dir denn fremd ? « - » Ich bitte dich , sage dem Grafen Hermann - - « eine unaussprechliche Bangigkeit bemächtigte sich ihrer ; sie blickte in das marmorblasse Gesicht der Gräfin : - So lieblos wie die Tante , dachte sie . » Nun , was sag ich ihm ? « » Daß ich heute abends - Ihr kommt ja doch ? - selbst mit ihm sprechen werde . « Sie küßte der Gräfin , die sich ziemlich enttäuscht erhob , die Hand und begleitete sie bis zur Treppe . In ihr Zimmer zurückgekehrt , schritt sie lange in hoher Erregung auf und ab und quälte sich mit der Frage : Warum will ich ' s tun ? - Ist mein Grund nicht ein verwerflicher ? ... Und dann setzte sie sich ans Klavier und spielte und wurde allmählich ruhiger . Und dann kam Tante Dolph und las ein Telegramm von Wilhelm Dornach vor , einem Bekannten aus uralter Zeit , dessen Existenz sie längst vergessen hatte . Auf ein Gerücht hin , das in seine ländliche Einsamkeit gedrungen war , schickte der gute , dumme Mensch ihr seine Glückwünsche zur Verlobung ihrer Nichte mit seinem Vetter . Die Gräfin lachte über die Eile des armen Teufels , seine geheuchelte Freude an den Tag zu legen . Als nächster Anwärter auf das Majorat konnte der ganz unbegüterte und mit einer zahlreichen Familie gestrafte Mann doch nichts anderes gewünscht haben , als daß sein Vetter ledig bleibe . Ein insdiskreter Wunsch , ja , aber der natürlichste von der Welt . Sie nahm Platz auf der Chaiselongue mit dem Rücken gegen das Bild ihrer verstorbenen Schwägerin , das anzusehen sie überhaupt vermied , klagte über Kopfschmerzen und rieb die eingefallenen Schläfen mit Kölner Wasser . Sie war leidend und in gereizter Stimmung . Sogar als sie ihr jetziges Lieblingsthema anschlug , das Lob Hermanns , geschah es mit einer Beimischung von Spott . » Heil der Frau , die er heimführt ! « rief sie aus , » ihre Ehe wird freilich sein wie jede , in der nur ein Wille herrscht . « Sie beantwortete den erstaunten Blick Marias mit der Frage , ob denn Hermann nicht von seiner Kindheit an gelernt habe , sich einer Weiberregierung zu fügen ? ... Wie albern müßte doch die Frau sein , die es nicht verstände , einen so vortrefflichen Elementarunterricht als Grundlage zu weiterer Ausbildung zu benützen ! Gute Lehren , wie das anzufangen sei , kamen nun in Fülle . Ernst gemeinte wie spaßhafte und alles mit Beispielen erläutert . Man sehe das Ehepaar Heinburg . Im Anfang war er ein Spieler und brachte die Nächte im Klub zu , während sie daheim saß und weinte . Das hat sich nach und nach geändert - durch ihr Verdienst ! Jetzt spielt sie , und er weint . » Und deine Freundin Emmy , die sich zum Altar schleppen ließ wie ein Lamm zur Schlachtbank und in ihrer Ehe einen so guten sicheren Hafen gefunden hat , von dem aus sie allerlei abenteuerliche Fahrten unternehmen kann in die stürmische See ! « Ein Klopfen an der Tür ließ sich hören , und Fräulein Nullinger , die Gesellschafterin Gräfin Dolphs , schlüpfte herein . Sie wurde von der Gebieterin » Nulle « genannt , was sie empörte , und litt infolge ihres aufregenden Dienstes an Nervosität . Obwohl sie jetzt nur die harmlose Meldung zu machen hatte , daß die Schneiderin gekommen sei und gesagt habe , sie könne nicht lange warten , zuckte es dabei krampfhaft um ihren Mund . » Schon gut , setzen Sie sich « , erwiderte Dolph und fuhr fort , Freund und Feind durch die Hechel zu ziehen . Sie nannte viele Namen ganz flüchtig und obenhin ; an dem , der ihn trug jedoch , blieb ein Makel hangen , oder er wurde mit einer Lächerlichkeit behaftet . Maria hörte ihr heute aufmerksamer zu als sonst und dachte : Sie hat wohl recht . Was soll auch an den übrigen Menschen sein , wenn Tessin nichts taugt ? Und Gräfin Dolph , wie ein echter Schauspieler , den schon die Teilnahme eines einzigen Zuhörers begeistert , übertraf sich selbst in ihrer fragwürdigen Kunst und geriet in den kleinen Witz- und Bosheitsrausch , der ihr so gesund war . Ihr Gesicht , das , wie sie selbst sagte , eine Karikatur der schönen Züge ihres Bruders war , belebte sich , und ihre Kopfschmerzen verschwanden . Fräulein Nullinger verlor endlich die Geduld und erhob sich , noch um eine Schattierung höher gefärbt als gewöhnlich . » Ich werde der Schneiderin sagen « , sprach sie , » daß Frau Gräfin jetzt lästern müssen und keine Zeit für sie haben . « Dolph lachte . » Ach was , mein Lästern : ein gerader Kerl , der gleich Farbe bekennt . Aber das Ihre ! ... Wenn Sie anfangen : Ich hab den oder die recht gern , das ist , wie wenn ein Reiter sein Pferd zusammennimmt , bevor er ihm eins hinaufgibt . « Sie ging in munterster Laune , war auch später bei Tische heiter und anscheinend ganz wohl . Am Abend jedoch stellten sich plötzlich ihre Kopfschmerzen wieder ein und zwangen die Leidende , ihr Zimmer aufzusuchen , kurz bevor Hermann und seine Mutter gemeldet wurden . Ausnahmsweise hatte Wolfsberg zu Hause gespeist und nachmittags im Salon den Damen Gesellschaft geleistet . Er empfing die Gräfin mit tausend Entschuldigungen seiner Schwester , die sehr zur Unzeit unwohl geworden ; Agathe äußerte ihre Teilnahme mit ganz besonderer Wärme und ersuchte den Grafen , sie zu ihrer Freundin zu geleiten , was alsbald geschah . - Die jungen Leute blieben allein . Beiden stieg die Röte in die Wangen . Ihm schien die Gelegenheit zu einer entscheidenden Unterredung plump und ungeschickt geboten ; ihrer bemächtigte sich ein peinliches Gefühl , halb Empörung , halb Bangigkeit . Regungslos stand sie da , hatte die Brauen zusammengezogen und blickte ins Feuer des Kamins . Nach einer Pause , die , je länger sie dauerte , desto schwerer zu unterbrechen war , begann Hermann bewegt und zagend : » Meine Mutter hat mit Ihnen gesprochen , Gräfin ... Sie kennen die kühne Frage , die ich so vermessen bin , an Sie zu stellen . Die leiseste Hoffnung auf eine bejahende Antwort würde mich beglücken ... Darf ich sie fassen ? « Maria schwieg , aber sie wandte sich ein wenig und blickte ihn von der Seite so fremd an , als ob sie ihn heute zum ersten Male sähe . Sein Äußeres war ungemein gewinnend , sie mußte es gestehen . Verstand , Güte , Geradheit sprachen aus seinem hübschen Gesicht , leuchteten aus seinen treuherzigen Augen . Er trug einen kleinen Schnurr- und Backenbart , die reichen braunen Haare waren kurz geschnitten und ließen die edel geformte Stirn und die Schläfen frei . Seine Gestalt hatte etwas Festes , Kräftiges , und doch fehlte es ihr nicht an männlicher Anmut . » Antworten Sie mir « , sagte er . Und sie , » der Held « im Kreise ihrer jungen Freundinnen , die Unerschrockene , die ja mit sich selbst im reinen und fest entschlossen war , ihre Hand in die des ungeliebten Freiers zu legen , flüsterte nun bestürzt : » Ich weiß nicht ... ich weiß nicht - « Ihre Verzagtheit ergriff und rührte ihn ; er machte sich Vorwürfe , er hatte zu früh gefragt , er hätte dem Drängen seiner Mutter nicht nachgeben , sich von dem Entgegenkommen des Grafen nicht verleiten lassen sollen . Nun bemühte er sich , seine Übereilung gutzumachen : » Sie sind noch unentschieden « , nahm er wieder das Wort , » ich sehe es und finde es begreiflich . - Überlegen Sie , prüfen Sie mich streng und lang . Ich mache es Ihnen nicht schwer - in meiner Seele gibt es keine Abgründe ... « » Mein Gott , nein « , sprach Maria , » das ist nicht ... nein , nein - « und zwei Worte , Anfang und Ende ihrer jungen Weisheit , kamen fast unhörbar über ihre Lippen ... Worte ihres Vaters , die er seiner gelehrigen Schülerin eingeprägt hatte : » Nur ruhig ! « - Dereinst , als sie sich in Verzweiflung über die Leiche ihrer Mutter geworfen ... und viel später , auf der Jagd , als ihr scheuendes Pferd dem Mühlstrom zugerast ... und dann auf ihrem ersten Ball , als sie , von übermütiger Fröhlichkeit ergriffen , so laut gelacht , so toll getanzt , immer hatte sein eindringliches : » Nur ruhig ! « sie zur Besinnung gebracht . Auch in diesem Augenblick erinnerte sie sich der väterlichen Mahnung nicht umsonst und vermochte ihren abgebrochenen Reden mit einem Scheine von Gelassenheit hinzuzufügen : » Sie irren - ich bin entschlossen . « » Wozu ? ... Nein ? « » Ja . « » Heil mir ! « rief er mit tiefinnerstem Jubel und ergriff ihre Hand , die sie , wieder erfaßt von ihrer früheren Bangigkeit , aus der seinen zu lösen suchte . Er aber hielt sie fest . » Sie ist mein , mein kostbarstes Eigentum - und Ihr freies Geschenk , nicht wahr , Maria ? - Niemand hat Sie beeinflußt , Sie hätten sich nicht beeinflussen lassen ; Sie sind zu stolz , zu selbständig . « » Doch « , versetzte sie und erhob nun endlich ihr gesenktes Haupt . Nie in ihrem Leben hatte sie einen Menschen so bewegt gesehen , und - merkwürdig - was ihr als der Ausbund des Lächerlichen galt : ein Verliebter , dessen Empfindung nicht völlig erwidert wird , kam ihr jetzt höchst ernsthaft vor und traurig sogar , traurig für sie . Er , mit seinem großen , wahrhaftigen Gefühl , er war der Reiche und sie arm neben ihm . » Doch « , wiederholte sie leise , » der Wunsch meines Vaters hat Einfluß auf mich gewonnen - im Anfang . « » Und später , was bestimmte Sie später , was bestimmt Sie jetzt ? Seien Sie aufrichtig gegen mich , Gräfin , wie ich es immer gegen Sie sein werde . Was bestimmt Sie ... ich ... ich weiß , daß es nicht Neigung ist . « Mühsam hatte er dieses Geständnis vorgebracht , denn er täuschte sich nicht über die Gefahr , die es in sich schloß . Aber Maria lächelte , freudig fast : » Daß Sie es trotzdem mit mir wagen wollen , das eben bestimmt mich ... Und das Vertrauen , das Sie mir beweisen - und das Vertrauen , das Sie mir einflößen . « » Dank ! « sprach er , und aus seinen ehrlichen blauen Augen leuchtete eine wonnige Zuversicht . » Das ist ein schöner Bund : Ihr Vertrauen und meine ehrfurchtsvolle Liebe ! Eine solche Liebe reicht aus für zwei gute Herzen , sie hat eine mitteilende Kraft . Wissen Sie warum ? Weil sie sich nie aufdrängt , sich niemals ein Recht anmaßt . Ihr gegenüber gibt es keine Pflicht , nur Gnade und Wohltat . Und welche edle Frauenseele würde nicht endlich gerührt von ... Genug ! ... « unterbrach er sich , » sonst verrate ich noch , daß diese Uneigennützigkeit nichts ist als der größte Egoismus - der Egoismus , Sie glücklich zu sehen . « Mit beiden Händen zog er ihre Hand an seine Lippen , an seine Brust . Maria fühlte das ungestüme Pochen seines Herzens , auf seinem Angesicht jedoch , das sich über das ihre neigte , lag Frieden , und es erschien ihr wie verklärt von tiefster Seligkeit . Der schweigsame Mann wurde beredt ; er fand für seine Empfindung den Ausdruck , der gewinnt , für seine Gedanken das überzeugende Wort . Maria hörte ihm zu und sagte sich : Er ist wahr und warm . - Und vielleicht war es das , wonach sie sich sehnte von Kindheit an : Wahrheit und Wärme . Wohl hatte man sie vergöttert und verwöhnt ; aber wieviel Falschheit war bei dieser Vergötterung , die servile Leute ihr erwiesen , wieviel - wenigstens äußere - Kälte bei der Verwöhnung , die sie von ihrem Vater und nun erst von Tante Dolph erfuhr . » Der Ernst auf Ihrer Stirn « , sprach Hermann , » der hat mich bezaubert ; er ist , was ich zuerst an Ihnen geliebt habe , und jetzt wird es mein heißes Bestreben sein , ihn allmählich zu zerstreuen . Sie sollen gefeit durchs Leben wandeln , eingehüllt in meine Liebe ... Ich bin zu glücklich « , brach er aus - » ich verdien es nicht - was müßte der sein , der Sie verdiente , Maria ! Maria ! « Sie trat einen Schritt zurück , sie vermied den Blick voll leidenschaftlicher Andacht , der den ihren suchte , und sprach : » Nein , nicht so - Sie sind ja besser als ich ... haben Sie Geduld mit mir . « 4 Sie wurden ein stilles und feierliches Brautpaar . Maria blieb kühl und gemessen . Dornach bekämpfte immer siegreich jede Regung seines überströmenden Gefühls . In der Gesellschaft erhoben sich Streitigkeiten , weil die einen behaupteten , er sei ihr , und die anderen wissen wollten , sie sei ihm gleichgültiger . Dennoch erging sich alle Welt in so überzeugten und gerührten Glückwünschen , als ob Romeo und Julia aus ihren Gräbern auferstanden und im Begriffe gewesen wären , sich häuslich einzurichten . Unter den vielen Oberflächlichen , deren hohles Geschwätz geduldet und für deren als Teilnahme verkleidete Neugier gedankt werden mußte , gab es aber doch auch einige wohlwollende , treue Menschen , gab es vor allem Fürstin Alma Tessin . Maria liebte sie , verehrte ihre grenzenlose Herzensgüte und war voll Mitleid mit ihrer Befangenheit , die von Jahr zu Jahr zunahm . Die Fürstin fragte Maria um Rat , küßte ihre Hände , hatte in ihrer Gegenwart etwas Demütiges und Beschämtes , das dem jungen Mädchen ein Übergewicht über die Frau , die beinahe ihre Mutter hätte sein können , förmlich aufzwang . Eines Vormittags kam Fürstin Tessin zu Tante Dolph und fand dort das Brautpaar . Maria schritt ihr entgegen , Hermann erhob sich . Alma sah ihn zum ersten Male seit seiner Verlobung , und es geschah unerwartet . Auf ihrem zarten Angesichte wechselten die Farben . » Graf Dornach « , sprach sie , » ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt , Ihnen meinen innigen , meinen freudigen ... « sie hielt inne , von unüberwindlicher Verwirrung ergriffen , und blickte beschwörend zu ihm empor : Erbarme dich , schien sie zu sagen , sieh , was ich leide , und erbarme dich . Ihre stumme Bitte blieb unerfüllt . Er verbeugte sich , murmelte ein paar höfliche Redensarten und nahm ihre Hand nicht , die sie ihm zitternd hatte reichen wollen und nun mit einer Gebärde der Trostlosigkeit niedergleiten ließ . Hermann nahm Abschied und ging . Das Herz Marias schwoll vor Unzufriedenheit mit ihm . Was berechtigte ihn zu diesem ablehnenden Benehmen gegen ein Wesen , das ihr teuer war ? - Almas Verwandtschaft mit Tessin , flog es ihr durch den Kopf . Aber nein ! Weder Dornach noch irgend jemand konnte eine Ahnung von dem flüchtigen Interesse haben , das jener Mensch ihr eingeflößt . Tessin war scheinbar nicht mehr um sie bemüht gewesen als zwanzig andere . Daß sie ihm den Vorzug gegeben , blieb ihr sogar gegen ihn selbst streng bewahrtes Geheimnis . Aber die Eifersucht sieht scharf - der arglose Hermann verdankt ihr vielleicht einen Seherblick . Als er am Abend wiederkam und den wunderschönen Blumenstrauß brachte , der täglich aus den Gewächshäusern von Dornach für die künftige Herrin anlangte , wies Maria die Gabe zurück : » Vorher will ich wissen , was haben Sie gegen Alma ? « Er zögerte mit der Antwort : » Sie ist mir ... Aufrichtigkeit über alles , nicht wahr ? - Nun denn - sie ist mir unangenehm . « » Unangenehm ? Verzeihen Sie , das begreife ich nicht - ausgenommen , Sie hätten die Kunst entdeckt , die Schönheit zu hassen und die Güte « , rief sie herb , und er erwiderte mit seiner gewohnten bescheidenen Gelassenheit : » Ich habe nicht von Haß gegen Fürstin Tessin gesprochen , ich bewundere ihre Schönheit ... « » Sie sieht eben aus , wie sie ist « , fiel Maria lebhaft ein ; » so blond , so weiß , so duftig , von so überirdischer Anmut umflossen habe ich mir in meiner Kindheit die Engel vorgestellt . « Seltsam war der Eindruck , den diese Worte auf ihn hervorbrachten ; ein Schatten von Verlegenheit flog über sein Gesicht , und zugleich malte sich darin die tiefste und liebevollste Rührung . » Ich will Sie heilen von Ihrer Abneigung « , fuhr Maria fort . » Das Mittel dazu ist einfach : Sie müssen Alma besser kennenlernen , dann wird meine beste Freundin auch die Ihre werden und bei uns ihr zweites Zuhause finden - wenn es Ihnen recht ist . « Es fiel ihm schwer , den Jubel , den dieses » bei uns « in ihm erweckt hatte , zu unterdrücken ; doch bezwang er sich und versetzte : » Sie werden in Ihrem Hause empfangen , wen Sie wollen , und tun und lassen , was Sie wollen ; mir wird es recht sein . Nehmen Sie jetzt die Blumen ? « » Gern , und ich danke Ihnen « , antwortete sie und dachte : Er ist ein vortrefflicher Mensch , und ich werde ihn liebhaben wie einen Bruder . Dornach hörte nicht auf , seine Huldigungen mit der größten Anspruchslosigkeit darzubringen . Seine erfinderischen Aufmerksamkeiten für seine Braut waren in seinen Augen das Selbstverständliche ; ein Zeichen der Zustimmung von ihr , einen freundlichen Blick empfing er wie Himmelsgaben . Gräfin Dolph neckte und versicherte ihn , er beschäme die ganze Tafelrunde : solch ein altmodisch ritterlicher Bräutigam wie er bereite dem Ehemann einen schweren Stand . Hermann lachte und behauptete , daß er nicht mehr sei und nicht mehr sein wolle als korrekt . Maria habe ihm ihren Wahlspruch : » Nur ruhig ! « anvertraut , er halte sich an den seinen : » Nur korrekt . « Und so waren denn seine fürstlichen Geschenke , so war der unerhört großmütige Heiratsbrief , den er ausstellte , so war jeder Beweis seiner unbegrenzten Sorgfalt für das Wohl und Behagen der Gegenwart und Zukunft seiner Braut » nur korrekt « . Gräfin Dornach benahm sich gegen die Verlobte ihres Sohnes ganz und gar in seinem Sinne , der ihr plötzlich maßgebend geworden . Für die von orthodoxem Familiengeist beseelte Frau war der unmündige Junggeselle Hermann in den respektswürdigen zukünftigen Stammhalter seines edlen Geschlechts verwandelt , und der alten Generation kam nichts mehr zu , als - Platz machen . Agathe trat mit großartigem Gleichmut vor der zurück , die nun an ihrer Stelle die erste im Hause Dornach sein sollte . Sie legte zu deren Gunsten den Majoratsschmuck so gleichgültig ab , als ob es sich um ein Paar getragener Handschuhe gehandelt hätte . Sie traf ihre Anordnungen zur Übersiedlung aus dem Palais nach einem Miethause in der Stadt , wo sie einige Wintermonate , und nach dem Witwensitze Dornachtal , wo sie den größten Teil des Jahres zubringen wollte . Es war dies ein trauriger Aufenthalt in rauher Gegend , zu Füßen der Branecker Berge , und Hermann versuchte in jeder Weise , seine Mutter abzuhalten , ihn zu beziehen . Sie sollte in Dornach bleiben , in dem Flügel des Schlosses , den sie von jeher den drei anderen vorgezogen . Dort hatte sie ihr kurzes Eheglück genossen , dort ein Menschenalter hindurch als Gebieterin gehaust , dort sollte sie auch ferner hausen in der Nähe ihrer Kinder , von ihnen geehrt , geliebt , aber unbehelligt . Sie ließ sich nicht erbitten , ihr Entschluß war unerschütterlich . Sie dankte Gott , sagte sie , für die endlich erlangte Gnade , ihr Leben in Ruhe und im Gebet für sich und die Ihren still zu Ende spinnen zu dürfen . So tadellos auch alles war , was die Gräfin tat und sagte , Maria vermochte dennoch kein Herz zu ihr zu fassen ; diese Tadellosigkeit wurde zu frostig ausgeübt . Das zurückhaltende Wesen ihres Vaters flößte Maria Bewunderung ein , weil sie voraussetze , daß sich ein großer Reichtum hinter demselben verberge . Die Zurückhaltung der Gräfin aber schien ihr einen Mangel verdecken zu sollen . Wenn sie nach einem Besuche bei der Mutter ihres Verlobten Abschied nahm , erhielt sie einen Kuß auf die Stirn , dessen eisige Kälte sie vom Wirbel bis zur Sohle durchschauerte . Einmal , da Gräfin Dornach einen neuen Beweis ihrer ungeheuren Selbstentäußerung geben wollte , wagte Maria abzuwehren . Agathe lächelte , gab dem olympischen Haupte einen kleinen Ruck ins Genick und sprach : » Nimm es nicht zu hoch , liebes Kind , es geschieht vielleicht nur für die Gräfin von Dornach . « Am Abend vor der Hochzeit ließ Graf Wolfsberg seine Tochter zu sich bescheiden . Er erwartete sie , am Schreibtisch sitzend , in seinem großen Fauteuil , den Kopf zurückgelehnt , die Beine gekreuzt , und überdachte , was er ihr sagen wollte . Es war gar viel . - Daß sie ihm ein braves und gehorsames Kind gewesen , ihm auch nicht eine Stunde getrübt , daß ihm der Abschied schwerfalle , daß er aber einen Trost finde in der festen Hoffnung , sie werde glücklich sein . Und nun das Lob Hermanns und einige gute Ratschläge für die Zukunft . Dem Grafen war es eine ausgemachte , durch hundert Erfahrungen bestätigte Tatsache , daß jede junge , unschuldige Frau sich in den Mann verliebt , der sie zuerst das Leben kennenlehrt . - Maria wird keine Ausnahme machen , und er wollte ihr auf die Seele binden , in ihrer Leidenschaft nicht selbstsüchtig zu werden und stets ihre Würde zu wahren . Die Treue , meinte er , die der Mann seiner Frau am Altare geschworen , ist eine andere als diejenige , deren Schwur er von ihr empfing . Eine scheinbare Vernachlässigung , eine flüchtige Zerstreuung des Gatten wird von dem Weibe , das sich selbst achtet , übersehen . Was ist ein kurzer Sinnenrausch , dem gewöhnlich klägliche Ernüchterung folgt , im Vergleiche zu der unerschütterlichen , dankbaren Anhänglichkeit an die verehrte Lebensgefährtin , die niemals Nachsicht braucht , aber immer Nachsicht übt ... üben soll - und weh ihr , wenn sie es nicht tut - wenn sie , wie jene arme , einst von ihm angebetete Frau ... Der Graf seufzte tief , seine Stirn verfinsterte sich . Die schmerzlichste Erinnerung seines Lebens war in ihm erwacht