hat ja immer etwas Tröstendes - nicht wahr ? Aber bestätigte er mit diesem Troste nicht sein Leben - seine Neigung zum Leben ? War da nicht sein » Wille zum Leben « thätig ? Wohl doch . Und dann : hatte er das Leben eigentlich schon » genossen « ? Oefter packte ihn - oh ! er erinnerte sich dessen ! - ein wahrer Heißhunger auf das gewissenhafte , feierliche Genießen der buntesten , tollsten , seltensten , süßesten Lebensreize . Allein dieser Heißhunger war im Grunde doch sehr gegenstandslos . Wissenschaftlichen Ehrgeiz besaß Adam nicht . Zur Liebe hatte er nicht Geduld , nicht Ausdauer mehr . Erkenntnißresultate befriedigten ihn nicht , da er wußte , daß es ihm doch nicht gegeben war , dem mystisch-metaphysischen Drange seiner Seele ganz zu genügen . Ja ! Unberechenbar in seinen Stimmungen , in seinen Neigungen und Launen ; zersplittert in seinen Kräften ; unbeständig , flackernd in » erotischen Fragen , « in der » Leidenschaft « satt und unbefriedigt zugleich ; müde , todtmüde - und begeisterungsfähig wie ein Jüngling , der soeben mannbar geworden ist ; angefressen von dem Skepticismus seiner Zeit ; unklar und wechselnd in seinen Bestrebungen ; radical in seinen Anschauungen ; und wieder über Alles bornirt , einseitig , engherzig , intolerant , besonders hinsichtlich mancher gesellschaftlichen Formen und Gewohnheiten ; - der Volksseele mitunter in Allem so nahe und dem dargestellten Volke selber zumeist in Allem so fern , so fremd ; auf sich neugierig , über sich erstaunt und seiner selbst überdrüssig ; nicht wissend : Warum das Alles ? Wozu ? Wohin mit dem Allen ? Wo hinaus ? Oder wo hinein ? - Oft deklamatorisch , pathetisch , agitatorisch ; oft ironisch , cynisch , gezwungen geistreich , selten » normal , « selten schlicht , einfach , gewöhnlich , mittelmäßig , mittelhoch oder mitteltief - : also war es im Allgemeinen bestellt um Adam Mensch - um diesen » Menschensohn , « der noch immer in seiner Sophaecke sitzt , das letzte Stümpfchen seiner Cigarette an die Lippen geklebt hält - und an sich ... und manchmal auch an Hedwig Irmer denkt , an diese Dame , die ihm vorhin eigentlich einen rechtschaffenen Korb gegeben hat , - die ihm auch skandalös gleichgültig ist - und in die er sich doch eigentlich so etwas wie ... wie » verlieben « möchte , bloß um Gelegenheit ... bloß um einen inneren Grund zu besitzen , ihr dann und wann noch ein Wenig zu schaffen zu machen . - III. Hedwig Irmer war die drei Treppen zu ihrer Wohnung langsam emporgestiegen . Sie hatte beim Hinaufgehen öfter inne halten , öfter stehen bleiben und Athem schöpfen müssen . Was war ihr nur ? Es lag ein Druck auf ihr , den sie sich nicht erklären konnte . Schreckte sie auf einmal zurück vor der Enge , Einförmigkeit und Kärglichkeit der Existenz , die sie mit ihrem halb gelähmten , halb blinden , schwerhörigen Vater führte ? Nun schon seit Jahr und Tag führte ? Sie kam wieder einmal draußen aus der Welt . Wohl war sie im Grunde sehr gleichgültig durch diese sie umflirrende Welt gegangen . Sie besaß nicht das Talent , sich in die Herzen der Menschen hineinzudenken . Sie hatte nicht das Bedürfniß , hinter jeder Gesichtsmaske ein Schicksal zu suchen . Sie dachte an die Menschen eigentlich kaum , sie dachte kaum an sich , sie lebte nur auf , bestätigte sich nur , wenn sie mit ihrem Vater in intim-wissenschaftlichen , zumeist philosophischen Verkehr trat . Eine tiefere Tendenz ihrer Natur stellte dieses ernste Studium allerdings auch nicht dar . Sie mußte sich oft zwingen , zu den Büchern zu greifen , wenn nicht eine unmittelbare Anregung dazu von ihrem Vater vorausgegangen war . Alle diese Weisheiten der modernen Philosophie waren ihr ja so gleichgültig . Die Stürme ihrer Seele waren vorüber . Ihr Blut war todt . Grenzenlos nüchtern und kahl lag das Leben vor ihr ... eine große , öde , handflache Ebene ... lag es vor ihr ... würde es vor ihr liegen , weiter und weiter - wenn sie es nicht eines Tages freiwillig ausblies ... lag es vor ihr mit seinem kleinlichen Kampf ums Dasein , seinen erbärmlichen Mühen und Sorgen , seinem reizlosen , einförmigen , so unendlich überflüssigen Wellenschlage ... Immer dieselbe Mechanik , immer dasselbe einschläfernde Surren der Spindel ... Hatte ihr die Philosophie ihres Vaters diese Ruhe und Kälte und Theilnahmlosigkeit gebracht ? Damals , als sich die Wasser der Katastrophe verlaufen , hatte er sie eingeführt in seine Gedankenwelt , in seine philosophischen Glaubenssätze ... hatte er ihr Stille und Trost durch die Erkenntniß bringen wollen . Nun - und ? Darüber waren fast fünf Jahre hingegangen . Die Stürme ihrer Seele waren vorüber , ihr Blut war todt , ihre Natur eingefroren . Manchmal wohl ... manchmal raschelte plötzlich ein heißer , schwüler Sehnsuchtshauch durch die dürren Blätter der Resignationsphilosophie , in der ihr Vater lebte und deren Resultate auch ihr einleuchten mußten . Aber sie konstatirte eigentlich diese Resultate nur vernunftsmäßig , sie besaß nicht Grund und Bedürfniß , sich dieselben verinnerlicht zuzueignen . Hedwig hatte auf dem schmalen , engen , von einer blakenden Küchenlampe mit angebrochenem Cylinder nothdürftig erhellten Corridor Hut und Mantel abgelegt , war eine Sekunde vor einem kleinen , schmucklosen , halb erblindeten Wandspiegel stehen geblieben , hatte flüchtig an ihrem Haar geordnet ... und war sodann durch die nächste Thür in ein Zimmer eingetreten , welches sich als Wohnzimmer zugleich und Arbeitsgemach ihres Vaters benahm . Der Raum , mittelgroß , einigermaßen behaglich eingerichtet , augenblicklich von einer milden Wärme durchfüllt . Rechts hinten in der Ecke , neben dem jetzt rouleaux- und teppichverhangenen Fenster , stand der Schreibtisch ihres Vaters , ein ansehnliches , massiveichenes Gestell , nach Einrichtung und Ausstattung mit dem ganzen Wirrwarr behaftet , den eine starke geistige Thätigkeit , welche für die kleinliche Krämerordnung der Dinge keine Zeit hat , herausfordert und bestehen läßt . Rechts vom Schreibtisch drückte sich ein hohes Bücherregal an die Wand , in dessen Fächern es auch recht bunt aussah . Fräulein Hedwig besaß entschieden wenig Sinn für häusliche Ordnung . In seinem Sessel vor dem Schreibtisch sitzt Doctor Leonhard Irmer . Er hat sich zurückgelehnt , der Kopf hängt ein Wenig der Brust zu , die Arme liegen auf den Lehnen des Sessels . Die Augen zumeist halb geschlossen , blinzelnd , öfter ganz überlidert . Das gedämpfte Licht der mit einem grünen Schirm bedeckten Lampe fällt auf sein Gesicht . Dieses Gesicht hat einen großen , fesselnden Zug , einen außergewöhnlichen Stil . Leidend , sehr leidend erscheint es mit seiner mehr krankhaft weißen , denn verschossen angeröthelten Farbe . Stirn gefurcht , um Nase und Mund pointirte Schmerzensfalten . Hinter dieser hohen Stirn ist viel gedacht worden , diese Unterpartie des Gesichts hat sich wohl oft genug für ein bitteres , ironisches Lächeln hergeben müssen . Ein gestutzter , weißgrauer Bart liegt um Kinn und Wangen . Das spärliche Kopfhaar vertheilt sich in einigen dünnen , sprödfasrigen Strähnen über die Platte . » Guten Abend , lieber Papa ! « Hedwig begrüßt ihren Vater mit angenommener Munterkeit . » Guten Abend , mein Kind ! Du bist recht lange heute ... « Herr Doctor Irmer spricht langsam , schleppend , halblaut , undeutlich . Mehr mit den Lippen , denn mit dem inneren Munde . » Findest Du , Papa ? Ich bin etwas langsam gegangen - mag sein ! Hier ist die Volkszeitung . Soll ich Dir jetzt vorlesen oder nach Tisch ? Das Buch von Dühring war nicht vorräthig . Ich habe es bestellt . In acht Tagen werden wir ' s haben . Brauchst Du ' s zu irgend einer Arbeit ? ... « Der Vater schüttelt den Kopf . » Na ! dann schadet ' s ja nichts ! Dann können wir ja warten . Emma holt wohl ein zum Abendbrot ? Schmerzt der Kopf noch so , Papa ? Wenn Du Dich nur entschließen könntest , wieder einmal eine Straße zu gehen - die ewige Stubenluft thut Dir nicht gut - « » Morgen vielleicht ... morgen , Hedwig ... Ich möchte Dir eigentlich noch vor Tisch ... vor Tisch einige Zeilen dictieren - willst Du ... ja ? ... Du weißt : zu dem Aufsatze Poesie und Philosophie in ihrem gegenseitigen Verhältniß - aber nachher - nachher stört uns doch das Essen wieder - - was steht denn heute in der Volkszeitung ... ? « Hedwig rückt sich einen Stuhl neben den Sessel ihres Vaters , faltet die Zeitung auseinander und liest zuerst die Telegramme . Vater und Tochter haben mit der Zeit ein eigenthümliches Verhältniß zu einander gefunden . Irmer ist ein hoher Fünfziger , Hedwig dreiundzwanzig Jahre alt . Sie hat sich , allerdings mit einer gewissen Aeußerlichkeit , in die Anschauungen ihres Vaters eingelebt , sie hat es gelernt , sich seinen Gewohnheiten zu fügen . Sie ist seine Gehilfin , seine Schülerin , seine einzige , zuverlässige Lebensstütze geworden . Die Stürme ihrer Seele sind vorüber , ihr Blut ist todt , sie braucht sich nicht mehr zu bezwingen , sie kann alles mechanisch , alles hübsch automatenhaft bewältigen . Ihr Vater fragt nicht viel darnach , ob sie sich zur gläubigen , wirklich überzeugten Anhängerin entwickelt . Er besitzt den Egoismus des Kranken , des Leidenden , des Hülflosen . Er lebt ganz in der Welt seiner Gedanken . Die andere Welt , der Mutterboden der geistigen , dünkt ihn so ziemlich verschollen . Die Sphäre der Idee hat für ihn fast etwas Körperliches , formell Reales angenommen . Er sinnt über die Räthsel der Dinge nach . Er sieht , denkt , träumt , visionirt , combinirt , gewinnt . Nichts ist ihm das Individuum mehr . Nicht reizt es ihn mehr , individuelle Entdeckungen zu machen . Damit hat er abgeschlossen . Ob er auch schon über die Tendenz der Selbsterkenntniß hinausgekommen ? Kaum . Er wird auch noch nicht wissen , wer er ist . Hedwig hat keine Neigung , sich über ihren Vater zu wundern . Sie hat eben überhaupt keine Neigungen mehr . Liebt sie ihren Vater ? Er erhält sie , sie darf bei ihm wohnen , zusammenwohnen mit ihm in den wenigen , engen Räumen , für die er den Miethszins nothdürftig zusammenarbeitet . Ein paar Heller sind ihnen noch aus früheren , volleren , runderen Zeiten geblieben . Die beiden Leute kommen einigermaßen aus . Hedwig kann sich sogar noch ein » Dienstmädchen « halten . Es ist ein farbloses , eintöniges Leben , das sie lebt . Wird es ihr öfter nicht doch zu Sinn , als müßte sie aufspringen , einmal laut ... laut aufschreien - aufschreien , wie Jesus , ehe er am Kreuze verreckte - und dann hinausstürzen aus dieser lähmenden Enge - irgendwohin - - irgend Etwas , von dem sie sich beängstigend-unklar bezwungen fühlt , befriedigen - ? In dieser dämonischen Oscillation sich ausleben ? ... Wird es ihr also nicht öfter doch zu Sinn ? Nein ! Sie kann sich nicht erinnern , von solchen elementaren Erschütterungen heimgesucht zu sein . Vielleicht dann und wann einmal ein jähes Aufzucken - mehr war ' s nicht - nein ! mehr nicht . Manchmal sagt sie sich ganz klar und vernunftsmäßig : dies und das im Leben müßte doch eigentlich auch für mich noch einen Reiz besitzen , da es doch Millionen Andere auch reizt - in irgend einem Stärkegrade reizt - ? Hm ! Das Theater ! Die Musik ! Geht nicht durch die Träume ihrer Nächte manchmal ein Schatten , der ihr in die Seele prickelt ? Ist die Luft nur voll von Stecknadeln ? Da sitzt ein Stück comprimirten Lebens vor ihr - ihr Vater . Ein Menschenalter liegt hinter ihm . Von allen Seiten ist das Leben zu ihm herangekommen . Der nun Einsame besaß einmal tausend Beziehungen . So viel verrauscht , so viel vergilbt , vergessen , verschleppt und verloren ! Freut sie sich nicht doch darüber , wenn ihr manchmal unter ihres Vaters Anleitung und Führung ein Gedanke tiefer Eigenthum wird , eine Erkenntniß ihr in schärferen Linien aufgeht ? So sonderbar ist ihr dann und wann . Etwas in klarer Grenzbestimmung erfassen , macht ihr zeitweilig doch eine Art Spaß , so etwas wie Vergnügen . Sie weiß : darüber vergißt man sich am Besten und Leichtesten . Aber sie weiß auch : Stimmungen sind Blasen , die aufsteigen , sich eine Sekunde lang irisfarben brüsten und zerplatzen . Unhemmbar rollt der Grundstrom weiter . Zu der und der Grundcombination haben sich die Moleküle ihres Wesens zusammengeschlossen . Sie bleibt , diese Combination ; sie bestimmt ihr Leben . Von ihr wird sie in Gedanken , Wort und That geleitet . Eine » Bekehrung « , eine entscheidende Beeinflussung ist nicht mehr möglich . Das Schicksal vollzieht sich . Hedwig weiß , daß ihr einmal eine überschäumende Leidenschaft aus der Brust gebrochen . Vor Jahren . Sind neue Ausbrüche möglich ? Aber Nichts stört ja ihre Kreise . Sie war einmal ein sehr sinnliches Weib . Wie nüchtern sie bleibt , wenn sie jetzt an ihre » Schmach « denkt , wenn sie sich ihres Kindes erinnert ! Wie kalt sie bleibt , wenn es ihr einfällt , daß dieses Kind ihr entrissen worden ist ! Sie hat es nicht geliebt . Nein ! Sie hat es nicht geliebt . Sie haßt auch den Vater des Kindes nicht . Es ist ihr wirklich Alles gleichgültig , sehr gleichgültig . Die Stürme ihrer Seele sind vorüber und ihr Blut ist todt . Hedwig ist bei dem Verzehren ihrer Sardellenleberwurst und bei dem Hinunternippen ihres Glases Dresdener Tafelbiers sehr schweigsam gewesen . Sie hat ihrem Vater die Bissen zurechtgeschnitten und selbst sehr mechanisch die Speisen zu sich genommen . Nun streicht sie sich mit der Serviette über den kleinen , feinlippigen Mund und schellt . Emma tritt ein und deckt ab . Herrn Doctor Irmer ist es nicht aufgefallen , daß seine Tochter während des Essens so verschlossen gewesen . Ihm ist es sehr gleichgültig , was für Selbstbetrachtungen sie anstellt . Er ist , ohne daß er es eigentlich weiß , so verbissen in seine Art , geistig abgelöst , hinweggesondert , zu existiren , daß er kaum mehr im Stande , die leichteste Spur eines subjektiven Zwiespalts zu vermuthen . Wenn es ihm gerade einfällt , bestätigt er sich , daß er durch seine Philosophie seiner Tochter das innere Gleichgewicht , das sie einmal verloren hatte , wiedergegeben . Und er fügt wohl unwillkürlich noch als Ergebniß hinzu , daß Hedwig schon in ihrer Jugend durch ein gewaltiges Wetter gehen mußte , um früh zu Erkenntnissen kommen zu können , die er sich erst in späteren Jahren zueignen durfte . So läßt sich denn aus All ' und Jedem etwas Zweckmäßiges und individuell Verwendbares herausdenken . In den nächsten Stunden liest Hedwig ihrem Vater einige Kapitel aus Hartmanns » Phaenomenologie des sittlichen Bewußtseins « vor . - IV. Gestern um die Mittagsstunde , als Adam eben zum Speisen gehen wollte , war er mitten auf dem Marktplatze Herrn Traugott Quöck in die Arme gelaufen . Sapristi ! hatte sich dieser Mensch doch gefreut ! Adam hätte es gar nicht für möglich gehalten . Er war beinahe ganz entsetzt gewesen über diese Freudensprünge und Hühnerhundscapriolen . Hatte er dem Manne denn jemals Gelegenheit gegeben , ihn für einen approbirten » Freund « von sich , wenigstens für einen » Freund seines Hauses , « zu halten - ? Ih bewahre ! Keine Spur ! Es giebt Leute , die aus ehrbarer menschlicher Lebenslangeweile immer guter Dinge , immer in der besten , weltfreundlichsten Laune sind . Traugott Quöck gehörte nicht ganz zu diesen Stoikern des Optimismus , aber doch sehr theilweise . Er war halb und halb mit der Couponscheere auf die Welt gekommen . Das giebt gewiß ein ganz nettes und bequemes Rundreisebillet durch ' s » menschliche Leben « ab . Traugott Quöck sen. war in einer sächsischen Provinzialstadt Tuchmacher gewesen , hatte es aber in den letzten Jahren seines gesegneten Erdenwallens fertig gekriegt , sich zum » Fabrikanten « umzuzüchten und in die Höhe zu schwingen . Man muß mit seiner Zeit » fortschreiten . « Also hat man eines Tages die Pflicht , » Fabrikant « zu werden . Das ist einfach . Traugott Quöck sen. besaß einen Sohn , an den er » viel drangewandt « hatte , das heißt : Viel Geld , viel Mühe , Geduld , Lebensspesen , Nachsicht - und schließlich war es ihm auch nicht darauf angekommen , ein kleines Bündel unerfüllt gebliebener Hoffnungen an seinen eingeborenen Filius noch extra » dranzuwenden « . - Nach dem Tode seines Vaters hatte es Traugott Quöck jun. für nützlich befunden , sich schon in jüngeren Läuften seines angenehm gesicherten Lebens zum jovialen Menschen heranszufexen . Er hatte die » Fabrik « seines Vaters , deren Mitinhaber er ein paar Jahre hindurch formell gewesen , nach dem Tode ihres Begründers schleunigst verkauft , war in die nächste größere Stadt versiedelt - und » verwaltete « nun sein Vermögen , » spekulirte « ein Wenig zum Zeitvertreib , war Mitglied einer bierbräulichen Aktiengesellschaft - er saß sogar in ihrem » Verwaltungsrathe « ! - und genoß im Uebrigen sein Leben harmlos , einfach , bescheiden , gemüthlich , höchstens mit einem nur ganz kleinen , nur ganz spröden Stich in ' s Raffinirte , befriedigte zeitweilig , wie es gerade kam , auch seine » geistigen Bedürfnisse « , ging ' mal in ' s Theater , ' mal in ' s Concert , unterstützte mit Vorliebe einen Verein , der es sich angelegen sein ließ , für Vermehrung der öffentlichen Aborte und Retiraden Sorge zu tragen , trug einen großen , monströs-breitspurigen Siegelring mit schmutzig grünem Stein auf dem Zeigefinger der rechten Hand - und führte gelegentlich ' mal ein paar mehr oder weniger » geistreiche « Leute , zu deren Bekanntschaft er zumeist gekommen war , wie die bewußte Magd zu ihrem Kinde , in sein Haus ein , » schmiß « diesen Auserwählten ein kleines Frühstück oder ein delikates Souper , setzte ihnen , aus der menschenfreundlichsten Stimmung von der Welt heraus , einen trinkbaren Wein und ein rauchbares Kraut vor ... und arrangirte schließlich eine Scatpartie ... in höheren , weiteren Abendstunden ... eine Scatpartie , bei der man gewöhnlich » ganz zwanglos , « » ganz unter sich « war ... und für welche sich Adam Mensch mit der Zeit beinahe so etwas wie ein kleines » Fäbel « angezüchtet hatte . Es waren wirklich immer sehr nette , sehr amüsante Abende gewesen ... diese späteren Scatnächte bei Mister Traugott Quöck ... Allerdings ! in den letzten sechs Wochen war Adam Mensch nicht dazu gekommen , in die gastfreundliche Burg seines » jovialen Freundes « einzukehren , dieses Mannes , der schon seit erklecklicher Zeit gerade in seinen » besten Jahren « stand und vermuthlich noch in Zukunft eine beträchtliche Weile also weiterstehen würde . Hatte Adam irgend ein ernsteres Etwas von dieser » Einkehr « zurückgehalten ? Nein . Er erinnerte sich nicht . Aber das Leben reißt so hin und her , verzettelt , verkrümelt und zerkrümelt so , ist so bei der Hand mit dem Entwegen , Verschieben , Aufschieben , mit dem Ueberschatten und Vergrauen . Oder - ja doch ! richtig ! - so war ' s - : irgendwo , irgendwann hatte er ' mal gehört , im Café oder in der Kneipe oder sonstwo , daß Frau Möbius , die alte Verwandte Herrn Quöck ' s , welche dieser als weibliche Repräsentationsfigur in sein Haus aufgenommen hatte , seit längerer Zeit leidend sei - na ! und da war es ja sowieso ausgeschlossen , daß - hm ! - aber ein Beileidsbesuch , ein Erkundigungsbesuch wäre dann wohl erst recht geboten gewesen ... Nun ! Der Herr Doctor war denn auch gestern nett ' reingeplumpst - das heißt : nur vor sich selber . - Herr Quöck schien die Geschichte nämlich gar nicht ernsthaft capirt zu haben - war hübsch ' reingefallen also , als er sich nach dem Befinden der Frau Möbius - es ginge ihr doch hoffentlich wieder besser ? - erkundigt und damit verrathen hatte , daß er ziemlich sauber orientirt war - : » Ach Gott ! die alte Schachtel ! Die hat auch immer ' was ! heute das , morgen das ! Na ! sie hat wenigstens Zeit , ihre Krankheiten poussiren zu können . So hängt Jedem sein kleines Privatvergnügen an . Momentan ist sie übrigens wieder auf dem Damm ... « Somit könnte denn morgen Abend , das war also heute Samstag , endlich ' mal wieder ein kleines Souper vor sich gehen , hatte Herr Quöck nunmehr gemeint . Lydia käme natürlich auch . Lydia - ? » Wer ist denn das - ? « - » Ach so ! Sie kennen meine - sie will nämlich eine Cousine von mir sein , wenigstens hat ' s meine Tante Wort - na ! thun wir ihr den Gefallen ! - mir kann ' s ja egal sein - Cousine hin , Cousine her - aber ich sage Ihnen , Doctor - : so ' n Weib haben Sie überhaupt noch nicht gesehen - - « - » Na ! na ! Herr Quöck - Sie ! - - « » - Ruhig ! ruhig , mein Lieber ! Feudal , capital , pikant , Sie wissen ja , kennen ja die Litanei - ei-genartig , emanci-pirt , capri-ciös - was Sie wollen ! Mit einem Wort - : ' n janz jöttliches Frauenzimmer ! - Wird Ihnen gefallen . Spielt nämlich ooch so ' n Bischen mit der Feder - verstehen schon ! ... hätte ' s ja gar nich nöthig , nicht im Geringsten - ist ihr ooch nicht Ernst damit - bewahre ! - bloß - na ! Federwisch und Flederwisch und so weiter - junge Wittwe - lebt erst seit Kurzem hier - hat wenig Umgang noch - will sich ' n Bissel zerstreuen - ' s Leben genießen - ganz hübsch vermögend - laß ich mir gefallen - Alles solid bei ihr , Doctor : - Geld , Fleisch , Lebensanschauung - und so weiter .... Warum also nicht - ? ' n Narr , der ' s menschliche Leben nicht so nimmt , wie ' s ist . - Habe übrigens schon mit ihr von Ihnen gesprochen - sie sagt : sie interessirte sich - - « » Um Gottes Willen - « » Was erschrecken Sie denn so - ? Werden mir noch dankbar sein . Das heißt , lieber Doctor - : Sie sind in gewissen Dingen ' n kleener Schwerenöther , ich weiß wohl - aber hier - - « » Sie haben die Vorhand , Herr Quöck - versteht sich ! - versteht sich ! - wir mogeln grundsätzlich nicht - « hatte Adam laut lachend eingeräumt , zugestanden , ganz und gar ohne inneren Rückhalt - und doch ein klein Wenig gnädig , einen Fingerhut voll Souveränität in der Seele , eine Idee » von oben ' runter « ... Aber er kannte ja diese Dame , dieses » janz jöttliche Frauenzimmer « überhaupt nach gar nicht . Also ! War er etwa neugierig - ? Quatsch . Seitdem er sich selber so oft als pointenloser , interessant dekadirter Schlingel vorkam , hatte Adam ein wahres und auch ganz aufrichtiges , ehrliches Entsetzen vor allem Neuen , Außergewöhnlichen , allem » Ei-genartigen . « Manchmal wenigstens pilzte sich das Abwehrgefühl prall auf und energisch entgegen - : » Alles ! - nur das nicht ! « Dieser verfluchte Exotismus ! Das » gewöhnliche « Leben ist ernst , schwer , traurig , elend , verworren , monströs , angenehm , lieblich , beseligend , berauschend genug . Ha ! das » gewöhnliche , « das gewöhnlichste Leben . Aber Adam hatte die Einladung Herrn Quöcks doch angenommen . » Selbst-verständlich ! « Sich so Etwas auch entgehen lassen sollen ! Ein patenter Abend : Wein , Cigarren , Scat , Souper , Weiber - da bleibe der Teufel zu Hause ! Lydia - ? Nein ! Sie reizte ihn nicht . Dieser dämliche Köder . Vielleicht eine ganz angenehme Zugabe ... eine pikante Würze - warum denn nicht - ? Also abwarten . Nur nichts erwarten . Hinterher ist man auch nicht enttäuscht . Enttäuschungen verstimmen so . Und wenn man die Karten nachher doch wieder in die Hand nimmt , in die Hand nehmen muß , sind sie mit einem Male so klebrig , so schmutzig , so ... so ... so - abgespielt eben - man weiß gar nicht - man gewöhne sich bitte ! daran , allenthalben als das Selbstverständlichste von der Welt nur Dreck , Moder , Schweiß , Staub , Koth , Schleim und andere Parfums ... zu erwarten . Handschuhe . Hm ! Handschuhe ? Handschuhe sind doch eigentlich sehr merkwürdige Dinger . Adam erinnerte sich wirklich nicht mehr , bei welcher Gelegenheit er Herrn Quöcks Bekanntschaft gemacht hatte . Ein ganz nettes Zeitweilchen war ' s immerhin doch schon her . Aber das war ja jetzt sehr schnuppe . Der » Zufall « ist ein so gediegener , ein so zuverlässiger Improvisator . - V. Es war also heute Samstag Abend um die achte Stunde . Adam Mensch hatte sich natürlich ein Paar neuer Glacés erstanden , die er mit großem Behagen , mit großer Selbstgefälligkeit über seine weißen Hände zog , als er die Treppe hinunterschritt , um gen Quöck-Heim zu wallfahrten . Der Herr Doctor trug leidenschaftlich gern Glacéhandschuhe . - Es gab viel Unrast und Bewegung in den Lüften . Die Zeit lief wieder einmal dem Kalenderfrühling in die Arme - und dabei war einiger Windrumor , verschiedentliches Stürmen und Blasen und Pfeifen unumgänglich nothwendig . Aber die Temperatur war noch kaum angelenzt . Der Wind kalt , schneidend , stechend , als wirbelte er kleine , spitze Eiskristalle durch die Luft . Es hatte am Nachmittage geregnet , und große Pfützen standen auf den Straßen . Das Pflaster hatte ein sehr schmieriges , breiiges , klebriges Gesicht aufgesteckt . Die Gasflammen zuckten nervös in ihren Glaskäfigen hin und her und spiegelten sich unruhig in den Pfützen wieder . Am Himmel war schläfrigdämmernde Mondhelle . Die Wolken zogen in großen , unförmigen Schwämmen und Schwärmen hin . Ab und zu ließ sich die eine oder andere herbei , den Mond gleichsam zu verschlingen . Und gleichsam von ihrem Magen her floß ein weißgelbes Feuer in alle ihre Glieder und durchleuchtete sie blendend von innen heraus . Adam sagte sich , daß dieser Aufruhr in der Natur ein köstliches Frühlingssymbol sei . Und doch dünkte ihn dieser stechende Stecknadelwind impertinent . Er klappte den Kragen in die Höhe und schob die frierenden Hände resignirt in die Rocktaschen . Ja ! Es gehörte ein sehr biegsamer und an ' s Pariren gewöhnter » Wille « dazu , um an dieses Frühlingssymbol glauben zu können . Adam schlug den Rockkragen wieder nieder und drückte auf den Knopf der elektrischen Klingel . Das Gaslicht lag dick auf dem gelben , funkelnden Metallschild , das den Namen » Traugott Quöck « eingravirt trug . Ein Diener öffnete . Er complimentirte den Ankömmling in den Vorsaal hinein und war ihm beim Ablegen des Ueberziehers behülflich . Dann stieß er die Thür zum Salon auf . Adam trat ein . Herr Quöck schnellte von einem Fauteuil auf und eilte seinem Gaste entgegen . » Willkommen , Herr Doctor - « » Guten Abend , Herr Quöck - « » Darf ich Ihnen meine - ich sagte ja Ihnen gestern schon - Sie werden sich erinnern - also meine Cousine - Frau Lydia Lange - vorstellen - ? « Herr Quöck deutete auf eine Dame , die im Hintergrunde des Zimmers an einem kleinen Ecktische stand und sich soeben umwandte . Ein aufgeschlagenes Album wurde jetzt sichtbar . » Herr Doctor Mensch - « Adam verneigte sich sehr ceremoniell . Die Dame nickte kurz . » Wollen Sie nicht Platz nehmen , Herr Doctor ? - « » Wenn Sie gestatten - « Adam warf sich in einen Fauteuil . Er knöpfte seine Glacé ' s auf und sah zu der Frau hinüber , die näher getreten war und jetzt am Sophatisch stand . Hm ! Frau Lange besaß allerdings Etwas , das - gewiß ! das » eigenthümlich « war , das interessiren , das unter Umständen sogar - hm ! - sogar - » Na ! nur nicht gleich so hitzig ! « bremste Adam seine schmunzelnde Zufriedenheit fest ... und gestand sich nun eine volle , die durchschnittliche Mittelgröße ein Wenig überragende Gestalt ; einen , wie die Dame so dastand , durch kleine , runde , gelenke Bewegungen mit den Armen , mit dem Kopfe , Elasticität und Geschmeidigkeit verrathenden Körperbau ; eine prachtvoll durch das Corset zu eleganter Wölbung herausgecurvte Brust ; volle , warme Arme , die durch das glatt und eng anliegende Kleid entzückend bestimmt hervortraten - einen breit und gebärtüchtig sich ausladenden Unterkörper - » allerdings ! derartige Frauen sind sehr oft unfruchtbar « - - und schließlich ein , wenn auch nicht gerade » durchgeistigtes , « so doch sehr regelmäßiges Gesicht : feine , zierliche Nase , kleiner , üppiger Mund , niedrige , weiße , von einigen zwanglos herabfallenden Ringeln des rothblonden Haars coquett überschattete Stirn - und ein Paar grauer , merkwürdig unruhiger , verzettelt sich ausgebender Augen , die einen Moment groß aufgeschlagen sind , um im nächsten wiederum halb überlidert zu