zu nehmen . Aber einmal , es war am vorletzten Tag , als der Kapitän lange stand und in die dunklen , schönen und gleichwohl des lichtesbewußten Ausdrucks noch entbehrenden Kinderaugen sah , schaute Adrienne doch zu ihm hinüber . Arnold hatte seine Hand sorgfältig auf das haarlose Köpfchen gelegt . Er seufzte tief . In seinen Augen war ein feuchter Schimmer . Es war das erstemal , daß Adrienne in diesen ernsten Augen Rührung sah . Ihr Blick verdunkelte sich , ihr Herz klopfte . » Mein Sohn ! « sagte Arnold leise . Und dann wie zu sich selbst lauter : » Kinder brauchen viel Herzenswärme . « Dann ging er schnell hinaus . Sein Weib verstand , was die Betonung auf » Kinder « sagen sollte - es hieß : sie können sich nicht wie ein Mann ohne Herzenswärme behelfen . Ein Vorwurf , wieder ein Vorwurf , immer Vorwürfe und nie die Erkenntnis , daß er kein Echo verlangen könne , wo er keinen Ruf ergehen ließ . Sie weinte - es waren die selbstbetrügerischen Thränen einer sich verkannt und nicht geliebt glaubenden Frau . » Nun , so lebe denn wohl , « sagte der Kapitän am nächsten Morgen , » die Stunde ist da , ich gehe . Gott beschütze euch mir , daß ich Dich und unser Kind wiederfinde , wenn ich heimkehre . « Er war sehr bleich und drückte die Hand seiner Frau mit schmerzhafter Festigkeit . Adrienne war keines Wortes mächtig . » Und wenn er sprechen lernt ... lehr ihn auch Papa sagen , « flüsterte er . Sie nickte heftig . Er umfaßte sie lange , innig . Auf ihre Stirn rann die Thräne eines Mannes . Sie erschauderte . Eine unendliche , fassungslose Bewegung ergriff sie , ihre Lippen lallten . Aber erst . als er schon , sich hastig dieser Qual entreißend , an der Thür stand , kam der Ruf » Arnold ! « aus ihrem Munde . Es war ein Ruf höchster Angst . Er eilte zu ihr zurück , er umfaßte sie noch einmal , und sein Gesicht an ihr Haar drückend , flüsterte er : » Versuche , daß Du mich doch noch lieben kannst . « Dann riß er sich wieder los . Eine Thür fiel ins Schloß , ein Schritt verklang im Korridor , und alles war stumm . Adrienne stand erstarrt . Thränen rannen ihr unbewußt aus ihren weit geöffneten Augen , dabei hatte sie das Gefühl , als könne sie nicht weinen . » Ich will an die Landungsbrücke gehen , « murmelte sie vor sich hin . Langsam kleidete sie sich für den Ausgang an . Durch den kühlen Februarmorgen schritt sie dem Quai zu ; je näher sie dem Hafen kam , um so mehr fand sie sich im Gedränge von Menschen , die dem gleichen Ziele zustrebten . An der Landungsbrücke zeigte es sich , daß diese gesperrt war , da von ihr aus noch durch eine kleine Dampfbarkasse ein letzter Verkehr mit der Korvette stattfand . Adrienne dachte nicht daran , sich als Offiziersgattin bei den wachthabenden Leuten zu melden , um auf der Brücke , wo schon einige andere Damen standen , gleichfalls einen Platz zu finden . Sie blieb im Gedränge eingekeilt stehen ; ein dicker alter Mann hinter ihr , der um jeden Preis vorn am Quairand stehen wollte , weil er einen Sohn dabei habe , wie er jedermann erzählte , drängte und drängte und stieß Adrienne dergestalt mit sich fort , daß sie sich endlich neben dem pustenden und schimpfenden Alten hart am Eisengitter des Quais befand . Zu ihren Füßen schob sich glitzernd Welle um Welle vorbei . Die weite Fläche der Meeresbucht , die sich am Ende der Stadt zum Hafen abrundet , war von zahllosen Fahrzeugen belebt ; kleine Dampfer schossen vom Kieler Ufer nach den Schiffswerften von Gaarden und nach dem Fischerdorf Ellerbeck hinüber . Schwarze Kähne mit geblähten rostbraunen Segeln kreuzten meerwärts ; zwischen den Kolossen der Kriegsschiffe verkehrten Boote und Barkassen , mit Matrosen bemannt ; weit aus der Stirn trugen diese die dunkelblauen Mützen mit dem breiten Randreifen , darauf zu lesen stand : » Kaiserliche Marine « ; von ihrem tief entblößten braunen Halse fiel der blaue , weiß umsäumte Kragen . Und mitten in dem eiligen Leben auf der stahlblau schimmernden Fläche lag die Korvette . Von ihrem Hauptmast wehte das Heimatwimpel , aus ihren Schloten wölkte sich schwarzbrauner Rauch auf , den ein Windstoß zuweilen mit widrigem Kohlendunst landwärts über den menschenbesäten Quai niedersenkte . Hüben und drüben lagen die hügelartig ansteigenden Ufer im kühlen Lichtglanz der Sonne , und dort links hinunter sah das Auge eine blaue , uferlose Ferne sich in einem blauen , leicht umdunsteten Horizont verlieren . Nun scholl von Schiff zu Schiff ein Kommandosignal , Dampfpfeifen kreischten auf . In den Raaen der stationirten Kriegsschiffe ward es lebendig wie in einem Spinnennest . Unzählige schwarze Gestalten kletterten darin umher , bis plötzlich auf ein neues Kommando Mann an Mann dort auf den Tauen in strammer Linie stand , als wäre der feste Boden unter ihren Füßen . So , im lebendigen Ehrenschmuck der Matrosenreihen in ihrem Tauwerk , erwarteten die Schiffe die Abfahrt der Maria . Wieder zerriß ein hohler , langgedehnter Pfiff die Luft - ein Ton , der die Menge am Ufer verstummen machte und für tausend Herzen wie ein Weheruf erklang . Die Korvette schien sich zu bewegen . Atemlose Spannung erfaßte die Menschen , die zuschauend standen . Da sank , langsam wie in wehmutsvollem Hinscheiden , das Heimatwimpel von seiner stolzen Höhe herab ; noch einmal wellte sich der lange Stoffstreifen in der Luft aus , dann glitt er , im Fall sich ballend , am Seil hernieder . Und zugleich sauste stolz , frei die deutsche Flagge empor , und nach scharfem Blitz vom Nachbarschiff donnerten die Salutschüsse über die Bucht , von Ufer zu Ufer widerhallend . Das hohle Krachen verschlang die Abschiedspfiffe der Maria . Langsam und groß fuhr das Schiff davon . Die Matrosen in den zurückbleibenden Schiffen , das Volk am Ufer - alles schwenkte Hüte , Mützen , Tücher . Aus thränengepreßten Kehlen schrieen Tausende Hurra und vermischten das Geschrei mit den Klängen der Nationalhymne , die eine Militärkapelle am Ufer spielte . Ein unermeßlicher Lärm erfüllte eine Minute lang die Lüfte , das Leid , die Freude , den Stolz , die Angst des Einzelnen verschlingend und sich doch vermählend zu einem Ruf , der ins Weltmeer und über alle Lande hinausdonnerte , den die deutsche Flagge da auf dem Ozean predigen wollte : » Mit Gott für König und Vaterland ! « Zweites Kapitel Adrienne war zum erstenmal in ihrem Leben einsam . Ihre frühe Jugend war in einer geräuschvollen Pension verflossen ; inmitten der lärmenden Gefährtinnen hatte sie sich allein gefühlt . Ihre jungen Mädchenjahre verlebte sie in vornehmen Häusern als Gesellschafterin oder Erzieherin ; auch da umgab sie sich mit einer unsichtbaren Mauer und glaubte sich allein , wie sie denn auch fortfuhr , ihr Wesen abzuschließen , sogar noch in der Ehe . Diese Art selbstgeschaffener Einsamkeit , die sie aus Trotz künstlich sich aufrecht erhielt , war ganz verschieden von dem ungestörten Alleinsein , zu dem sie sich jetzt gezwungen sah . Sie konnte ihre Bitterkeit nicht damit sättigen , daß sich der nebenan arbeitende Gatte nicht um sie bekümmerte . Sie konnte niemand auf eine etwaige freundliche Bitte antworten : » Ich danke , ich mag nicht unter so viele Menschen gehen ; « es forderte sie eben niemand zu einem Spaziergang , einem Theaterbesuch , einer Ausfahrt auf . Sie brauchte ihr innerliches Alleinsein von keiner Umgebung mehr abzutrotzen . Die Magd , eine gutmütige , beschränkte Person , waltete ihres Amtes als Köchin und Kindswärterin zugleich in tadelloser Gewissenhaftigkeit . Das Kind lebte sein junges Pflanzendasein in gesunder Regelmäßigkeit weiter , das heißt , es schlief mehr als den halben Tag und ließ sich in seinen wachen Stunden umhertragen , wobei es sich die Welt mit ganz verständnislosen Augen ansah . Neben dieser geringen Arbeit war die sehr vereinfachte Küche bald besorgt . Auch schien es den beiden Frauen nicht der Mühe wert , für sich , in Abwesenheit des Herrn , viel zu kochen . Adrienne fing an sehr schlecht zu leben und der Magd die ganzen Küchenbestimmungen zu überlassen , welche diese nach ihren dörflichen Heimatgewohnheiten traf . Adrienne versuchte es , sich mit dem Kinde zu beschäftigen . Es war ein Vierteljahr alt und begann eben erst zu lächeln , ein Lächeln , welches natürlich bloß physischem Behagen entsprang . Adrienne hatte es sich anders gedacht , » ein Kind zu haben « . Die schönen Redensarten , welche sie in Büchern gelesen und von Frauen gehört , die mit der Mutterliebe kokettirten , von dem ausfüllenden , entzückenden Glück , welches der Besitz eines Kindes gibt , schienen ihr erlogen . Dieses kleine Menschenwesen bedurfte nur einer rein körperlichen Pflege , das Kind hatte seine Mutter , die Mutter hatte das Kind noch nicht in geistigen Besitz genommen , und dieser allein ist es , der Seelenfreuden und Seelensorgen gibt . Wohl ergriff auch ihr Herz bange Furcht , wenn das Kind je zuweilen unruhig oder fieberhaft war , das aber sind die mütterlichen Instinkte , die auch dem Tier nicht fehlen . Manchmal träumte sie sich voraus , in die Zeiten , wo aus dem schlummernden Bündelchen ein denkender Mensch , ein Mann geworden sein würde . Dann ward ihr Herz ergriffen von den bangen und seligen Ahnungen der Mutterlasten . Sie erschauerte unter dem Bewußtsein der tödlich ernsten Pflichten , die ihr denkendes Kind ihr auferlegen würde ; sie sah ihren Sohn im voraus als guten , bedeutenden Menschen oder als mißratene Frucht am Baum des Lebens . Sie schlief nächtelang nicht aus Sorge um ihres Kindes Zukunft ; sie kämpfte mit ihrem Sohn , sie lobte ihn , sie weinte um ihn , fühlte allen Stolz einer glücklichen , alle Schmach einer unglücklichen Mutter . Und dann hielt ihr die Gegenwart nichts entgegen als ein kleines , dummes , unerwachtes Lebewesen , das sich in den Armen der sorglichen , mit Kindern vielgewandten Magd behaglicher fühlte als in den zarten , unsicheren Händen der Mutter . » Nein , « sagte sie sich dann , » das Schönfärben hilft hier nichts : ein so kleines Kind ist nur eine Versprechung auf die Zukunft , und mit Versprechungen füllt man ein einsames Herz nicht aus . « Adrienne war an eine rastlose Thätigkeit gewöhnt . Sie hatte immer fleißig sein müssen , in der Pension , bei fremden Leuten , in ihrer Ehe , denn Arnold sprach viel von dem sittlichen Wert aller Arbeit , auch der Frauenarbeit , was Adrienne als Mahnung zur Unermüdlichkeit aufzufassen sich verpflichtet glaubte . Weil nun so ihre Thätigkeit immer einem gewissen Zwang entsprossen war , hatte sie sich schon von Kindheit an gewöhnt , alle Erholung heimlich zu suchen . In der Pension hatte sie gleich den anderen Mitschülerinnen heimlich gelesen ; in ihrer dienenden Stellung verbarg sie ebenfalls die Neigung ; als Frau hatte sie verstohlen in ein Buch geguckt , wenn Arnold und die Magd ausgegangen waren . Nun hörte mit dem Zwang allmälich auch die Thätigkeit auf . Die immer fleißige Nadel wurde seltener und seltener eingefädelt , aber da niemand ein Verbot oder nur eine Frage über das Lesen an Adrienne richtete , nahm sie auch kein Buch mehr zur Hand . Die Inhaltlosigkeit der Tage und die geringe Nahrung steigerten die Nervenerschlaffung der jungen Frau bis zur brütenden Schwermut . » Ich möchte sterben , « sagte sie eines Abends laut vor sich hin . Der einzige Tag , der neues Leben brachte , war der Sonntag . An diesem traf , seit Arnolds Abreise , regelmäßig ein Brief von Joachim und einer von Fanny Förster ein . Joachim war kein Federheld ; seine Briefe erzählten in einem ungeschminkten , etwas bummeligen Ton allerlei kleine Erlebnisse aus seinem gesellig bewegten Landleben , von denen er immer die Befürchtung aussprach , daß sie Adrienne langweilen möchten . In der That hatte sie auch keinerlei Teilnahme für seine Berichte als die des Neides , der die reicheren Lebenserscheinungen in einem andern Dasein gegen die Armut derselben im eigenen hält . Für diejenigen , welche der Welt absterben , ist Neid der letzte Faden des Zusammenhaltens , der erste , um wieder anzuknüpfen . Fanny Förster schrieb nur immer kurz : » Wann kommst Du ? - Was macht Dein Kind ? - Schreibt Dein Mann , und was ? « Auf diese immer verschieden , aber immer knapp eingekleideten Fragen antwortete Adrienne zuerst : » Vielleicht - im Sommer - oder zum nächsten Winter , « und endlich - es waren inzwischen acht Wochen seit Arnolds Abreise vergangen - » ich komme nicht , ich tauge nicht unter Menschen . « Darauf schrieb Fanny Förster nicht mehr . Aber das bemerkte Adrienne nur am ersten Sonntag . In ihre Verlassenheitsekstase war eine neue Wendung getreten . Ein Brief von Arnold , der erste , lange Brief , war die unmittelbare Veranlassung dazu geworden . Der Kapitän beschrieb die Reise des Schiffes , welches zur Zeit , da er den Brief verfaßte , in Alexandrien vor der Rhede lag . Er erzählte so klar , gefällig und doch gründlich , als sei der Bericht für eine Zeitung bestimmt . Als er von sich und seiner Reise alles Bemerkenswerte mitgeteilt , ging er zu Adrienne und ihrer Einsamkeit über . Er war zu nüchtern und einsichtsvoll , um die Tage seines Weibes durch das Mutterglück ausgefüllt zu denken ; alles , was in dieser Richtung jetzt in Adrienne unter schweren Grübeleien vorging , war für ihn , den Mann , eine einfache und selbstverständliche Thatsache . Er berührte diesen Punkt , ohne zu ahnen , daß er ihr schon zu denken gegeben ; er berührte ihn , um sie auf ihre Pflicht zu verweisen , sich schon jetzt für die Zukunft vorzubereiten . » Man muß seinen Kindern so viel geben , als man im Vermögen hat . Wir können unserem Sohn sehr viel mehr geben , als tausend andere , an Gütern Reichere im stande sind . Wir besitzen eine Bildung des Geistes , die uns gestattet , auch unserem lernenden und erkennenden Sohn noch überlegen zu bleiben . Die fortschreitende Zeit wird freilich auch uns nicht den traurigen Augenblick ersparen , wo wir unser Kind reifer , gebildeter und vielleicht anspruchsvoller sehen , als wir es selbst sind ; aber diesen Augenblick weit , weit hinaus zu schieben und ihn dann von der pietätvollen Erinnerung unseres Sohnes , daß er uns auch geistig alle Fundamente danke , übergoldet zu sehen , das sei unser Bestreben . Werde Du seine erste Lehrerin ; ich rüste mich , sein Mentor zu werden , wenn er Deinem Anschauungskreise entwächst . Zu dem Zweck bitte ich Dich , alle Disziplinen , welche Du in Deinem Lehrerinnenberuf üben mußtest , fortzubilden , Dir das Neue anzueignen , wo es gut ist , Dich auch insbesondere mit den modernen Sprachen zu beschäftigen . Dieses wird zugleich Deine einsamen Tage nützlich und sittlich ausfüllen und Dir innere Zufriedenheit geben . « Adrienne lächelte herbe . Anstatt von Sehnsucht nach Weib und Kind zu sprechen , sandte er ihr vom Bord des Schiffes aus noch Ermahnungen . Das war so seine Art. Aber der stumpfe Gehorsam war Adrienne zur Gewohnheit geworden . Und in der Wollust , aus dem Beschäftigungsrat ihres Gatten eine Quälerei für sich zu gestalten , suchte sie sich zur Uebung dasjenige aus , was ihr in der Schule und als Lehrerin die größten Mühen und Aergernisse gemacht , nämlich das Französische . Sie hatte kein Sprachtalent , und obwohl sie mit einem sich oft bis zur Verzweiflung steigernden Fleiß vollkommen die grammatische Seite der Sprache beherrschen gelernt hatte und fließend las , war ihr das Sprechen und Lehren doch immer eine unendliche Schwierigkeit gewesen . Sie beschloß , sich einige französische Bücher laut zu lesen und zu übersetzen . In Arnolds Bibliothek fanden sich keine vor . Sie schickte die Magd mit einem Zettel zur nächsten Buchhandlung . Als die Magd mit dem Baby auf dem Arm im Laden den Zettel abgab , in welchem Frau Kapitän von Herebrecht einige neue französische Bücher forderte , sagte sich der Commis , daß eine junge Offiziersdame mit dem » neu « ohne Zweifel » pikant « gemeint habe , und packte einige Bücher von Belot , Gyp und Guy de Maupasant ein , nicht ohne auf der begleitenden Nota den Vermerk zu setzen , daß die neue wohlfeile Ausgabe von Zola , oeuvres complètes , durch sie zu beziehen sei . So kam Adrienne zu Büchern , zu einer Lektüre , von deren Dasein sie bisher keine Ahnung gehabt . So schlugen zum erstenmal die Laute aus einer verruchten , zerfallenden Kultur an ihre streng verschlossen gewesenen Ohren . Kein Warner war zugegen , der ihr das erste Staunen , das erste Erröten hätte deuten und ihr sagen können : » Das ist die durch Neugier gemilderte Entrüstung - erkenne dies Gefühl und laß von diesen Büchern ab . « Die peinliche , schamhafte Neugier wandelte sich schnell in ein Gefühl brennender , fast schmerzlicher Spannung . Die Begier , immer weiter sich die Schleier heben zu sehen von Seiten des Lebens , bis zu denen sich nicht einmal ihre Phantasie verirrt gehabt hatte , ergriff ihre ganze Seele . Sie las und las . Bis zum Morgen brannte das Licht vor ihrem Bette . Das Geschrei des Kindes , die Fragen der Magd wurden zu Störungen . Die Dezenz des Lasters erscheint den Lasterhaften als der Ersatz für wohlanständige Formen , für die verlorene Sittlichkeit - die Phantasien eines Unschuldigen und bisher auch Unwissenden gehen in das Riesengroße , Unfaßliche und suchen hinter dem , was ihm bekannt wird , noch immer Schrecklicheres . Adrienne zitterte , als seien die Sünden der Welt auf sie gefallen . Sie krankte an der Furcht , daß dies alles Wahrheit sei , und an der Gier , zu erfahren , ob hinter der Wahrheit noch eine andere , noch unmenschlichere sich verberge . Von den durchlesenen Nächten , von steter Spannung aller Nerven wurden ihre Wangen noch schmäler , ihre Augen leuchtender . Kaum nahm sie sich Zeit , sich sorgsam anzukleiden , ja , sie scheute vor dem Spiegel zurück , denn einmal , als sie , ihr schönes Haar kämmend , den zarten weißen Arm erhob , dachte sie : » Wer freut sich daran ? « und bebte vor Scham wegen dieses Gedankens . Einmal an einem der ersten Tage des Mai , der sich mit einer üppigen Schönheit über den deutschen Norden ausbreitete , wie man ihn in dieser Zone selten genießt , einmal versuchte Adrienne , den Folterqualen zu entrinnen , unter denen ihr Wesen bebte . Sie warf das Buch von sich und eilte in die Natur , um in ihre erhitzte Brust reine , frische , weite Atemzüge zu ziehen . Ihr Auge war scheu , ihr Fuß unsicher , sie kam sich vor wie aus einer Haft entlassen und doch noch nicht genug gestraft . Am Ufer der Kieler Bucht standen jetzt die Buchen des Gehölzes von Düsternbrook im jungen Laube . Der Sonnenschein rann durch das noch gelbliche und undichte Blattwerk , so daß die Wege von Licht- und Schattenflecken unruhig gemustert schienen . Rechts vom Wege , vor der steil abfallenden Uferböschung und zum Teil sich an dieser terrassenförmig niedersenkend , befanden sich Gärten und vorn an der Straße in diesen weiße Landhäuser . Das Wasser blitzte in der Tiefe auf . Es war eine Wonne und eine Pracht in dem Bild und in der von Syringenduft durchsättigten Luft , daß Adrienne sich von den Wundern des Frühlings wie betäubt fühlte . Wie selig mußten heute die Menschen sein , die liebten und mit einem frohen Genossen den Durst ihrer Herzen ganz stillen konnten . - Ein Bataillon kam mit klingendem Spiel die Wald-und Villenstraße herabgezogen . Vorauf zahllose Jungen , zu seiten mitmarschirende , lachende Menschen . Adrienne stand auf dem Bürgerstiege still . Die Trompeten schmetterten , die Trommel dröhnte , vom Glockenspiel , das , mit rot-weißem Pferdehaarbusch geschmückt , hinter dem Tambourmajor getragen wurde , fielen einzelne Silbertöne wie Schmuckperlen in die Flut der Töne . Die Militärmusik spielte einen bekannten , sehr flotten , sehr übermütigen Marsch . Die geheimnisvolle Macht , die eine schmetternde , frohe Weise über ein wundes Herz hat , zeigte sich auch hier wieder . Da werden plötzlich tausend unbestimmte Wünsche wach , da fließt jede ungestillte Sehnsucht der Seele in einer unendlichen Wehmut zusammen , da durchwallt das müde Blut ein Bedürfnis nach ungewohnten , berauschenden Freuden . Zu viel , zu viel ! Adrienne fühlte ihr Herz zerreißen . Sie stand und horchte gierig den verhallenden Klängen nach und floh dann durch die Straßen heim . Das Leben war ihr verschlossen - so wollte sie wenigstens ihr Gehirn mit den Erzählungen aus demselben betäuben . Zurück zu den Büchern ! Zu Hause lag ein Brief von Joachim auf dem Tisch . Sie schob ihn fort - er machte ihr Unbehagen . Sie dachte daran , daß auch Joachim ein Mann sei , und schauderte in krankhafter Abneigung . Es war Mittagszeit . Adrienne setzte sich und löffelte mit der Rechten ihre schlechte Wassersuppe aus , während ihre Linke einen französischen Roman hielt , auf dessen Seiten sie eben die frivole Beschreibung eines Champagnerdiners las . Ihre Wangen glühten . In ihrer Seele regte sich , tief , dunkel , wie in gesunde Menschenseelen sich die Sünde schleicht , eine fürchterliche Empfindung : die des Neides auf jene Weiber , von denen sie las . Und dabei dehnte eine unermeßliche Angst ihre Brust . Alle ihre Nerven waren angespannt wie zu einer Katastrophe . In diesem schwülen Augenblick trat die Magd ein . Adrienne erschrak so , daß sie krampfhaft aufschrie . » Draußen ist eine Dame , « sagte die Magd . Adrienne starrte sie mit offenem Mund an . Da erhob sich im Korridor eine sonore , frohe Stimme und rief : » Ich bin es ! « Adrienne kannte die wohltönende Altstimme nicht , aber sie schrie zum zweitenmal auf , als die Dame nun in der Thür erschien . Es war Fanny Förster . Und es war , als hätte jemand in einer dunklen Stube plötzlich Licht gemacht . Fanny breitete die Arme aus , und die unglückliche Frau rettete sich hinein wie in einen Hafen , schmiegte sich an Fanny , als stände hinter ihr jemand , der sie wieder in einen häßlichen Sumpf zurückreißen wolle . » Armes Kind ! « sagte Fanny ; » ich dachte mir so was . « Dabei ging ihr Auge über die Wassersuppe und das sonnenlose Zimmer hin . Adrienne bebte so heftig , daß Fanny sie liebevoll zum Sofa führte , wo sie sich in eine Ecke warf , das Gesicht an den Polstern verbergend . Fanny hob unterdes den herabgefallenen französischen Roman auf , sah hinein , blickte kopfschüttelnd auf Adrienne und klappte das Buch zu . Dann trat Fanny vor den Pfeilerspiegel und nahm ihren schleierumwundenen Reisefilzhut ab . Sie strich mit ihren weißen , wohlgeformten Händen den welligen Scheitel hinunter , doch erwies sich die Bemühung , das glanzlose , lockere Blondhaar zu glätten , als nutzlos ; es war immer ein wenig rauh bis in den dicken Knoten , der in klassischer Weise über dem schlanken Nacken saß . Fanny Förster hatte ein Gesicht mit großen Zügen : eine gebogene Nase , eine breite Stirn , einen großen Mund mit herrlich gezeichneten Lippen und wundervollen Zähnen und ein hellbraunes Auge unter dunklen Brauen , mit einem raschen , klaren Blick . Diesen großen , regelmäßigen Zügen wurde eben durch diesen Blick und ein besonderes Lächeln jede Härte genommen , und wer Fanny Förster zum erstenmal sah , empfing stets den Eindruck , einer sehr schönen und ohne Zweifel bedeutenden Frau gegenüber zu stehen . Ihre Kleidung war von jener ausgesuchten Einfachheit , die bei englischen Herrenschneidern sehr teuer erkauft wird . Trotzdem Fanny geradenwegs von der Bahn und von einer weiten Reise kam , waren ihre Farben frisch , ihr Lächeln munter , ihre Kleider sauber . Sie trat zurück an den Tisch . » Höre , Kind , « sagte sie mit dem unbefangensten Ton von der Welt , » ich habe Hunger , aber trotzdem keinen Appetit auf Wassersuppe . Sei gastlich , lade mich ein , mit Dir irgendwo zu speisen , wo die Sonne uns in die Weingläser funkeln kann . « Adrienne hob ihren Kopf . Hatte Fanny denn kein Auge oder kein Gefühl für ihre sichtliche Verstörtheit ? Desto besser , desto bequemer ! » Wo könnten wir ... wir beiden Frauen ... « stotterte sie . » Wo wir beiden Frauen ohne männlichen Schutz in ein Wirtshaus gehen könnten ? « lachte Fanny . » Ueberall dahin , wo wir uns ladylike benehmen . Setze Dir einen Hut auf , wir nehmen einen Wagen und fahren nach Bellevue . Aber schließe zuvor das Buch da weg . Wie kommst Du auf die Lektüre ? « » Durch Zufall ... ich wollte Französisch üben ... « sagte die junge Frau , am ganzen Leibe zitternd . » Pfui Teufel ! « sprach Fanny mit kräftiger Betonung ; » sich seine Phantasie beschmutzen , ist eine größere Unreinlichkeit , als im Feuer der Leidenschaft einen Sündenfleck auf seine Seele machen . « Adrienne verbarg das unglückliche Buch und schlich hinaus , sich ihren Hut zu holen . Unterdes besah Fanny sich alles im Zimmer auf das genaueste . Hiebei entging ihr nicht der verschlossene Brief auf dem Tisch ; sie hielt ihn prüfend zwischen den Fingern , als Adrienne wieder eintrat . » Ist das Deines Schwagers Joachim Handschrift ? Ich sehe das Herebrechtwappen auf dem Couvert . Eine angenehme , schön fließende Schrift . Du scheinst nicht sehr neugierig auf den Inhalt . « » Wir wollen den Brief mitnehmen . In der That interessirt es mich nicht übermäßig , was Joachim mir von seinem Leben erzählt . Wenn es Dich interessirt , kannst Du auch Arnolds letzten Brief lesen , « sagte Adrienne . » Mich interessirt alles , « antwortete Fanny . » Wie kann das nur ? « fragte Adrienne erstaunt ; » mich läßt das Wohl und Wehe fremder Menschen kalt , und trotz unserer Verwandtschaft sind doch wir Dir fremd . « Fanny sah sinnend vor sich hin ; es war ein Blick , wie ihn Menschen zuweilen in ihre reichbewegte Vergangenheit zurückthun . Alles , was gewesen ist , erscheint wie ein Gemälde , nicht in uns , sondern außer uns , und wir , die wir durch die Zeit die richtige Standferne eingenommen haben , betrachten das Gemälde kritisch . » Welche Oede würde mein Leben sein , « sprach sie endlich langsam , » wenn ich mir nicht einen Kreis , einen weiten Kreis von Pflichten zurecht gemacht hätte ! Gott sei Dank , in mir liegen keine Kräfte brach , ich lebe ein gesundes , arbeitsames Leben . « Und heiterer setzte sie rasch hinzu : » Aber daß Du nicht denkst , ich bin eine sentimentale Närrin , voll Welt- , respektive Nächstenbeglückungsduselei . Weißt Du , für Heidenkinder in Afrika stricke ich keine Socken , und wenn irgendwo in Spanien oder Italien ein Unglück passirt , bleibt mein Herz zwar nicht kalt , aber meine Börse zu . Dafür aber gibt ' s in meinem Dorfe keine Not und kein Leid außer dem , was der Tod schafft . Ich meine immer , man solle mit seinen Händen nicht weiter greifen wollen , als die Länge der Arme erlaubt . « In Adrienne ging etwas Seltsames vor . Sie umarmte Fanny heftig und rief : » Ich beneide Dich ! « » Um Gottes willen , « sagte Fanny erschreckt , » mich ! Und weshalb ? Mich , die sich erst künstlich schaffen muß , was Du vom Schicksal schon empfingst : liebe Pflichten ! ? Du hast ein Kind , einen Gatten und obenein einen klugen , guten . « » Aber Du brauchst Dich nicht bevormunden zu lassen , Du kennst das Leben , die Welt , Du bist frei , « rief die junge Frau voll Leidenschaft . » Nun , « antwortete die andere , » Du wirst mein Leben kennen lernen und mir erst später sagen , ob Du es mir neidest . Denn Dich zu holen , ist der einzige Zweck meiner Reise . Jetzt komm ins Freie . Nur zuvor einen Blick in die Kinderstube . « In der Kinderstube besah Fanny sich den kleinen Joachim und meinte , ob man von ihr erwarte , daß sie ihn hübsch fände , andernfalls würde sie sich die Freiheit nehmen , zu sagen , er sähe ebenso aus wie alle Babies von sechzehn Wochen . Dann fuhren sie zusammen denselben Weg , den Adrienne vor einigen Stunden in düsterer Stimmung gemacht . Wie anders war ihr jetzt zu Mute : an der Seite einer Frau , die eine sorglose Heiterkeit entweder wirklich besaß oder doch mit unendlicher Anmut zur Schau trug , in einem bequemen Wagen an den Fußgängern vorbei , mit denen sie vorhin selbst im Staube gewandert , in der Gewißheit , ein feines Diner mit interessanten Gesprächen zu genießen . Selbstverständlich beging Adrienne den Irrtum , diesen ganzen Wechsel dem Umstand zuzuschreiben , daß Fanny als reiche Frau sich jede Stunde angenehm machen könne . Aber wenigstens verführte diese Betrachtung sie heute