, der ihm auffiel . Er fragte nicht weiter , denn des Vaters Wille galt als ein Gesetz , dessen Gründen niemand nachzuforschen hatte , aber an diesem Tage knüpfte das Geheimnis des » weißen Hauses « ein neues Band zwischen Mutter und Sohn . - Öffentlich durfte nicht von ihm gesprochen werden . Der Vater wurde wütend , sobald man seine Existenz nur andeutete , und auch die Brüder mochten mit ihm , dem Jüngsten , nicht gern darüber reden ; wahrscheinlich fürchteten sie , daß er ' s in seiner Dummheit wiedersage . Aber die Mutter , die Mutter vertraute ihm ! Wenn sie miteinander allein waren - und sie waren während der Schulzeit fast immer allein - dann öffnete sich ihr Mund und mit dem Munde das Herz , und das » weiße Haus « stieg aus ihren Erzählungen immer höher und leuchtender vor seinen Augen empor . Bald kannte er jedes Zimmer , jede Laube im Garten , den grünumbuschten Weiher mit der spiegelnden Glaskugel davor und die Sonnenuhr auf der Terrasse ; man denke , eine Uhr , auf welcher die liebe Sonne selbst die Stunden anzeigen mußte . Welch ein Wunder ! Er hätte mit geschlossenen Augen auf Helenental umhergehen können und sich dennoch nicht verirrt . Und wenn er mit Klötzchen spielte , dann baute er sich ein weißes Haus mit Terrassen und Sonnenuhren - zwei Dutzend auf einmal ! - grub Teiche in den Sand und befestigte Murmelsteine auf kleinen Pfählen , um die Glaskugeln anzudeuten . Aber freilich , spiegeln taten sie nicht . 3 Zu derselben Zeit faßte er den Plan , dem » weißen Hause « einen Besuch abzustatten . Ganz auf eigene Faust . Er verschob es auf den Frühling , als aber der Frühling kam , fand er nicht den Mut dazu . Er verschob es auf den Sommer , aber auch dann kamen allerhand Hindernisse dazwischen . Einmal hatte er einen großen Hund allein auf der Wiese umherstreichen sehen - wer konnte wissen , ob es nicht ein toller war ? - und ein andermal war ihm der Bulle mit gesenkten Hörnern auf den Leib gerückt . » Ja , wenn ich groß sein werde , wie die Brüder , « so tröstete er sich , » und in die Schule gehe , dann werde ich mir einen Stock nehmen und den tollen Hund totschlagen , und den Bullen werd ' ich bei den Hörnern fassen , daß er mir nichts tun kann . « Und er verschob es auf das nächste Jahr ; denn dann sollte er beginnen , in die Schule zu gehen , ganz wie die großen Brüder . Die großen Brüder waren Gegenstand seiner Anbetung . Zu werden wie sie , erschien ihm das letzte Ziel menschlicher Wünsche . Auf Pferden reiten - auf großen wirklichen , nicht bloß auf hölzernen - Schlittschuh laufen , schwimmen ganz ohne Binsen und Schweinsblasen und Vorhemdchen tragen , weiße , gestärkte , die mit Bändern um den Leib befestigt werden , ach , wer das könnte ! Aber dazu muß man erst groß sein , tröstete er sich . Diese Gedanken behielt er ganz für sich , der Mutter mochte er sie nicht sagen , und den Brüdern selbst , - o die machten sich sehr wenig mit ihm zu schaffen . Er war ein solcher Knirps in ihren Augen , und wenn die Mutter bestimmte , daß sie ihn irgendwohin mitnähmen , waren sie unwillig , denn dann mußten sie auf ihn achtgeben und um seiner Dummheit willen die schönsten Streiche aufgeben . Paul fühlte das wohl , und um ihren bösen Gesichtern und noch böseren Püffen auszuweichen , sagte er meistens , er wolle lieber zu Hause bleiben , mochte ihm auch noch so weh ums Herze sein . Dann setzte er sich auf den Pumpenschwengel , und während er sich leise hin und her schaukelte , träumte er von den Zeiten , da er ' s den Brüdern gleichtun wollte . Auch im Lernen . - Und das war keine Kleinigkeit , denn beide , Max sowohl wie Gottfried , saßen die Ersten in ihrer Schule und brachten zu den Feiertagen stets sehr schöne Zeugnisse mit nach Hause . Wie schön die waren , ersieht man daraus , daß sie ihnen von dem Vater je einen Silbergroschen , von der Mutter eine Honigstulle eintrugen . An einem solchen Freudentage hörte er den Vater sagen : » Ja , wenn ich die beiden Ältesten in eine gute Schule geben könnte , da würde was aus ihnen werden , denn sie haben ganz meinen aufgeweckten Kopf , aber Bettler , wie wir sind , werden wir sie wohl auch zu Bettlern erziehen müssen . « Paul dachte viel darüber nach , denn er wußte bereits , daß Max zum Feldmarschall und Gottfried zum Feldzeugmeister geboren sei . Es hatte sich nämlich einmal ein Ruppiner Bilderbogen mit Abbildungen der österreichischen Armee in das Heidehaus verirrt , und an diesem Tage waren die Brüder einig geworden , die beiden höchsten Würden der Generalität unter sich zu verteilen , während ihm , dem Jüngeren , eine Unterleutnantsstelle zufallen sollte . Seitdem war allerdings eine Periode gekommen , in der der eine den Beruf zum Trapper , der andere zum Indianerhäuptling in sich fühlte , aber Pauls Gedanken blieben an jenen goldgestickten Uniformen haften , mit denen die hölzernen Speere und die aus Lumpen zusammengeflickten Sandalen , wie sie die Brüder beim Spielen trugen - die letzteren nannten sie » Mokassins « - keinen Vergleich aushalten konnten . Auch warum sie später wieder Naturforscher und Superintendenten werden wollten , blieb ihm unverständlich - die Neu-Ruppiner Bilder waren doch das beste . Zu derselben Zeit begannen die Zwillinge gehen zu lernen . Käthe , die ältere - sie war um dreiviertel Stunden früher zur Welt gekommen - machte den Anfang , und Grete folgte ihr drei Tage später nach . Das war ein bedeutungsvolles Ereignis in Pauls Leben . Plötzlich stand er gebannt in einem Kreis von Pflichten , der ihn so bald nicht wieder freilassen sollte . Niemand hatte ihm aufgetragen , die ersten Schritte der kleinen Schwestern zu bewachen ; aber so selbstverständlich es stets gewesen war , daß er seine Schuhe schon am Abend putzte und die der Brüder dazu , daß er sein Röckchen viereckig zusammengefaltet zu Kopfenden des Bettes niederlegte und die beiden Strümpfe kreuzweise darüber , daß er nie einen Flecken ins Tischtuch machte , und daß er vom Vater einen Denkzettel erhielt , wenn das Unglück einem der Brüder passierte , so selbstverständlich war es auch , daß er sich fortan der kleinen Schwestern annahm und mit altkluger Sorge über ihren tollkühnen Steh- und Gehkunststücken wachte . Er kam sich so wichtig in diesem neuen Amte vor , daß selbst die Sehnsucht nach der Schule geringer wurde , und hätte er allenfalls noch - pfeifen können , das Maß seiner Wünsche wäre voll gewesen . Ja , pfeifen können , wie Jons , der Knecht , oder auch nur wie die älteren Brüder , das war nun das Ziel seiner Träume , der Gegenstand unaufhörlicher Studien . Aber er mochte noch so viel den Mund spitzen und noch so viel die Lippen anfeuchten , um sie geschmeidig zu machen , kein Ton kam zum Vorschein . Ja , wenn er die Luft einzog , dann ging es allenfalls - einmal war es ihm sogar gelungen , die ersten vier Töne von » Ist ein Jud ' ins Wasser gefallen « hervorzubringen , aber jeder zünftige Pfeifer weiß , daß die Luft zum Munde hinausgestoßen werden muß , und das gerade war es , was er nicht lernen konnte . Auch hierin tröstete er sich mit dem Gedanken : » Wenn ich erst groß sein werde . « Die Weihnachten dieses Jahres brachten eine Freudenbotschaft . Von der » guten Tante « aus der Stadt , einer Schwester seiner Mutter , traf eine Kiste ein mit allerhand schönen und nützlichen Sachen , Bücher und Hemdenzeug für die Brüder , Kleidchen für die Schwestern und für ihn ein Samtrock , ein wirklicher Samtrock , mit Husarenschnüren und großen blanken Knöpfen . - Das war eine Freude ! - Aber die allerschönste Bescherung stand erst in dem Briefe , den die Mutter mit Tränen der Rührung und der Freude vorlas . Die gute Tante schrieb , daß sie aus dem letzten Briefe » Elsbeths « ersehen habe , wie es ihres Mannes höchster Wunsch sei , den beiden ältesten Knaben eine bessere Schulbildung zu geben , und daß sie sich infolgedessen entschlossen habe , sie zu sich ins Haus zu nehmen und sie das Gymnasium auf eigene Kosten durchmachen zu lassen . Die Brüder jauchzten , die Mutter weinte , der Vater rannte in der Stube umher , fuhr sich mit der Hand durch die Haare und murmelte aufgeregte Worte . Er saß derweilen ganz still am Bettchen der Schwestern und freute sich innerlich . Da kam die Mutter zu ihm heran , barg das Antlitz in seinen Haaren und sagte : » Wirst du es auch einmal so gut haben , mein Junge ? « » Ach der ! « sagte der Vater , » der kapiert ja nichts . « » Er ist noch so jung ! « erwiderte die Mutter , seine Wangen streichelnd , und dann zog sie ihm den schönen Samtrock an ; den durfte er , weil ' s Feiertag war , bis zum Abend anbehalten . Und auch die Brüder kamen und herzten ihn , teils weil ihnen das Herz so voll von Freude war , teils des schönen Samtrockes wegen . So gut waren sie niemals zu ihm gewesen . Ja , das waren Weihnachten ! Und als der Frühling sich näherte , ging ' s an ein großes Nähen und Sticken für die Aussteuer . Paul durfte beim Zuschneiden behilflich sein , die Elle halten und die Schere zureichen , und die Zwillinge lagen auf der Erde und wühlten in der weißen Leinwand . Die Brüder wurden ausgestattet wie zwei Prinzen . Nichts wurde vergessen . Selbst Schlipse bekamen sie , die hatte die Mutter aus einer alten Taftmantille zurechtgeschneidert . Die Brüder waren in dieser Zeit ungeheuer stolz . Sie spielten bereits die Herren , jeder auf seine Weise . Max drehte sich Zigaretten , indem er Knaster aus des Vaters Tabakskasten in kleine Papiertüten schüttete , die er dann an dem breiten Ende in Brand steckte , und Gottfried setzte sich eine Brille auf , die er in der Schule für sechs Hosenknöpfe erstanden hatte . » Gefall ' ich dir so ? « fragte er , vor Paul hin und her stolzierend , und da dieser » ja « sagte , wurde er abgeküßt ; hätte er » nein « gesagt , würde er einen Katzenkopf bekommen haben . Gleich nach Ostern fuhren die beiden Brüder ab . Das gab viel Tränen im Hause . Als aber der Wagen zum Hoftor hinausgerollt war , da preßte die Mutter ihr tränenüberströmtes Gesicht gegen Pauls Wange und flüsterte : » Du bist lange vernachlässigt worden , mein armes Kind ; jetzt sind wir wieder zu zweien wie vordem . « » Mama , au Tuß ! « schrie die kleine Käthe , die Ärmchen ausreckend , und ihre Schwester tat desgleichen . » Ja , ihr seid ja auch noch da ! « rief die Mutter , und heller Sonnenschein leuchtete über ihr blasses Gesicht . Und dann nahm sie jede auf einen Arm , trat mit ihnen ans Fenster und schaute lange nach dem » weißen Hause « hinüber . Paul steckte den Kopf zwischen den Falten ihres Kleides hervor und tat desgleichen . Die Mutter senkte den Blick zu ihm herab , und als er seinem altklugen Kinderauge begegnete , errötete sie ein wenig und lächelte . Aber keines sprach ein Wort . Als der Vater aus der Stadt zurückkam , verlangte er , daß Paul anfangen sollte , in die Schule zu gehen . - Die Mutter wurde sehr traurig und bat , ihn doch noch ein halbes Jahr daheimzulassen , damit sie sich nicht allzusehr nach den beiden Ältesten bange , sie wolle ihn selber unterrichten und weiter bringen , als der Lehrer es vermöchte . Aber der Vater wollte nichts davon wissen und schalt sie eine Tränenliese . Paul bekam einen Schreck . - Die Sehnsucht nach der Schule , die ihn früher stets erfüllt hatte , war ganz verschwunden ; freilich , jetzt waren ja auch die Brüder nicht mehr da , denen er nachzueifern hatte . Am nächsten Tage nahm der Vater ihn bei der Hand und führte ihn ins Dorf hinüber , dessen erste Häuser etwa zweitausend Schritt von dem Meyhöferschen Grundstück entfernt lagen . Immerhin ein tüchtiges Stück Weges für einen so kleinen Burschen . Aber Paul hielt sich wacker . Er hatte so große Furcht , vom Vater Schläge zu bekommen , daß er bis an das Weltende marschiert wäre . Die Schule war ein niedriges , strohbedecktes Gebäude , nicht viel anders wie ein Bauernhaus , aber daneben standen allerhand hohe Stangen mit Leitern und Gerüsten . » Daran werden die faulen Kinder aufgehängt , « erklärte der Vater . Pauls Angst erhöhte sich noch ; als aber der Lehrer , ein freundlicher , alter Mann mit weißen Bartstoppeln und einer fettigen Weste , ihn zu sich aufs Knie nahm und ihm ein schönes , buntes Bilderbuch zeigte , da wurde er wieder ruhig , nur die vielen fremden Gesichter , die von den Bänken her nach ihm hinstarrten , schienen ihm nichts Gutes zu bedeuten . Er erhielt den letzten Platz und mußte zwei Stunden lang Grundstriche auf die Schiefertafel malen . In der Zwischenpause kamen die großen Jungen an ihn heran und fragten nach seinem Frühstücksbrote , und als sie sahen , daß es mit Schlackwurst belegt war , nahmen sie es ihm fort . Er ließ sich das ruhig gefallen , denn er glaubte , es müsse so sein . Beim Nachhausegehen prügelten sie ihn , und einer stopfte ihm Nesseln in den Halskragen . Er glaubte , auch das müsse so sein , denn er war ja der Kleinste ; aber als er die Häuser des Dorfes hinter sich hatte und einsam auf der sonnbeglänzten Heide daherging , da fing er zu weinen an . Er warf sich unter einem Wacholderbusch nieder und starrte zum blauen Himmel in die Höhe , wo die Schwalben hin und her schossen . » Ach , wenn du doch auch so fliegen könntest ! « dachte er , - da fiel das » weiße Haus « ihm ein . Er richtete sich auf und suchte es mit den Augen . Wie das verzauberte Schloß , von welchem die Mutter in ihren Märchen zu erzählen wußte , strahlte es zu ihm herüber . Die Fenster glitzerten wie Karfunkelsteine , und die grünen Büsche wölbten sich ringsum wie eine hundertjährige Dornenhecke . In seinen Schmerz mischte sich ein Gefühl des Stolzes und des Selbstbewußtseins . » Du bist nun groß , « sagte er sich , » denn du gehst ja in die Schule . Und wenn du jetzt die Wanderschaft antreten wolltest , kann niemand etwas dagegen haben . « Und dann kam wieder die Angst über ihn . Der böse Bulle und die tollen Hunde - man kann ja nicht wissen . Er beschloß , sich die Sache bis zum nächsten Sonntage zu überlegen . Aber das » weiße Haus « ließ ihm fortan keine Ruhe . Jedesmal , wenn er über die Heide ging , fragte er sich , was denn eigentlich an jenem Wege Schlimmeres wäre als an dem nach der Schule . Freilich , die Fahrstraße - die lief durch einen dunklen Fichtenwald , und in solchen Wäldern hausen allerhand Zwerge und Hexen , auch Wölfe kommen nicht selten darin vor , wie die Geschichte vom Rotkäppchen zeigt , aber wenn er quer über die Wiese ging , dann behielt er das Heimathaus stets in den Augen und konnte des Rückweges sicher sein . Der Gang erschien ihm wie eine Ehrenpflicht , die er jetzt , da er » groß « sei , zu erfüllen habe , und wenn die Angst aufs neue in ihm erwachte , schalt er sich einen Feigling . Dies Wort galt in der Schule als eine große Beschimpfung . Als der Sonntag kam , war er entschlossen , die Fahrt zu wagen . Er schlich sich um den Zaun herum und lief , so rasch er laufen konnte , über die väterlichen Wiesen in der Richtung nach dem » weißen Hause « zu . Dann kam ein Zaun , der mit leichter Mühe zu überklettern war , und dann ein Stück fremden Heidelandes , auf dem er noch nie gewesen war . Aber auch hier gab es nichts Gefährliches . Das Heidekraut glänzte im Sonnenschein , die welken Katzenpfötchen knisterten zu seinen Füßen , ein warmer Wind strich ihm entgegen . Er versuchte zu pfeifen , aber er mußte noch immer die Luft einziehen , um einen Ton zu erzeugen . Darüber schämte er sich , und ein kleinmütiges Gefühl bemächtigte sich seiner . Dann kam ein sumpfiges Moor , das wiederum seinem Vater gehörte . Der sprach oft davon . Er ging mit dem Gedanken um , Torf darin zu stechen , aber er wollte die Sache nur im Großen beginnen , und dazu fehlten ihm die nötigen Gelder . Paul sank bis an die Knöchel im Sumpfe ein , und jetzt erst kam er auf den Gedanken , daß er die neuen Stiefel vielleicht beschmutzen würde . Er erschrak , denn er erinnerte sich der Worte der Mutter : » Schone sie sehr , mein Junge , ich habe sie von meinem Milchgelde abgespart . « Auch den schönen Samtrock trug er , weil es eben Sonntag war . Er besah die glänzenden Seidenschnüre und war einen Moment unschlüssig , ob er nicht lieber umkehren sollte , nicht des Samtrockes wegen , nein , nur um die Mutter nicht zu betrüben . » Aber vielleicht komme ich doch heil hindurch , « so tröstete er sich und begann weiter zu laufen . Der Boden wogte unter seinen Füßen , und bei jedem Schritte ertönte ein quatschender Laut , wie wenn man den Schlegel aus dem Butterfasse zieht . Dann kam er an ein schwarzes Brachwasser , an dessen Rande weißhaarige Küchenschellen blühten und auf dem , wie Grünspan glitzernd , eine Lösung von Eisen herumschwamm . Er ging ihm vorsichtig aus dem Wege , geriet zwar vollends in den Morast , kam aber schließlich doch wieder ins Trockene . Die Stiefel waren zwar zuschanden , aber vielleicht ließen sie sich an der Pumpe heimlich abwaschen . Er schritt weiter . Die Lust zum Pfeifen war ihm vergangen , und je größer das » weiße Haus « aus den Gebüschen in die Höhe stieg , desto beklommener wurde ihm zumute . Schon konnte er eine Art von Wall unterscheiden , der die Bäume umgab , und durch eine Lücke im Laubwerk sah er ein langes , niedriges Gebäude , das er aus der Ferne nie bemerkt hatte . Dahinter noch eins , und in einer schwarzen Höhle eine hohe Flamme , die hin und her züngelte . Das mußte eine Schmiede sein - aber sollte die selbst am Sonntage arbeiten ? Eine unerklärliche Lust zu weinen ergriff ihn , und während er blindlings weiterlief , stürzten ihm die Tränen aus den Augen . Plötzlich sah er einen breiten Graben vor sich , bis zum Rande mit Wasser gefüllt . Er wußte wohl , daß er nicht hinüberkommen würde , aber der Trotz zwang ihn , zum Sprunge auszuholen , und im nächsten Augenblick schlug das dicke , schmutzige Wasser über ihn zusammen . Bis auf die Knochen durchnäßt , mit einer Schicht von Morast und Algen umgeben , kam er wieder ans Land zurück . Er versuchte die Kleider trocknen zu lassen , setzte sich auf den Rasen und schaute nach dem » weißen Hause « hinüber . Er war ganz mutlos geworden , und als ihn gar sehr zu frieren begann , ging er traurig und langsam nach Hause zurück . 4 Der Sommer , der nun folgte , brachte dem Hause Meyhöfers eitel Kummer und Not . - Der frühere Besitzer hatte seine Hypothek gekündigt , und es war keine Aussicht vorhanden , daß irgend jemand die nötige Summe leihen würde . Meyhöfer fuhr wöchentlich wohl drei- , viermal in die Stadt und kam am späten Abend betrunken nach Hause . Manchmal blieb er auch die Nacht über fort . Frau Elsbeth saß derweilen aufrecht in ihrem Bette und starrte in die Dunkelheit . Paul erwachte oft , wenn er ihr leises Schluchzen hörte . Dann lag er eine Weile mäuschenstill , denn er mochte es nicht merken lassen , daß er wach war , aber schließlich fing auch er zu weinen an . Dann wurde wieder die Mutter still , und wenn er gar nicht aufhören wollte , stand sie auf , küßte ihn und streichelte seine Wange , oder sie sagte : » Komm zu mir , mein Junge . « Alsdann sprang er auf , schlüpfte in ihr Bett , und an ihrem Halse schlief er wieder ein . Der Vater prügelte ihn oft . Er wußte selten , warum ? aber er nahm die Schläge hin , als etwas , das sich von selbst verstand . Eines Tages hörte er , wie der Vater die Mutter schalt . » Weine nicht , du Tränensack , « sagte er , » du bist bloß dazu da , um mir mein Elend noch größer zu machen . « » Aber Max , « antwortete sie leise , » willst du den Deinen verwehren , dein Unglück mit dir zu tragen ? Müssen wir nicht um so enger zusammenhalten , wenn es uns schlecht geht ? « Da wurde er weich , nannte sie sein braves Weib und belegte sich selber mit bösen Schimpfnamen . Frau Elsbeth suchte ihn zu beruhigen , bat ihn , Vertrauen zu ihr zu haben und tapfer zu sein . » Ja , tapfer sein - tapfer sein ! « schrie er , aufs neue in Ärger geratend , » ihr Weiber habt klug reden , ihr sitzt zu Hause und breitet demütig die Schürze aus , damit euch Glück oder Unglück in den Schoß falle , wie ' s der liebe Himmel beschert ; wir Männer aber müssen hinaus ins feindliche Leben , müssen kämpfen und streben und uns mit allerhand Gesindel herumschlagen . - Geht mir mit euren Mahnungen ! Tapfer sein , ja , ja - tapfer sein ! « Darauf schritt er dröhnenden Schrittes zum Zimmer hinaus und ließ den Wagen anspannen , um seine gewöhnliche Wanderfahrt anzutreten . Als er wiedergekommen war und seinen Rausch ausgeschlafen hatte , sagte er : » So - jetzt ist auch die letzte Hoffnung dahin . Der verfl ... Jude , der mir das Geld zu fünfundzwanzig Prozent vorschießen wollte , erklärt , er wolle nichts mehr mit mir zu tun haben . - Na , dann läßt er ' s bleiben ... Ich hust ' auf ihn ... Und zu Michaelis können wir richtig betteln gehn , denn diesmal bleibt uns nicht so viel wie das Schwarze unterm Nagel . Aber das sag ' ich dir - diesmal überleb ' ich den Schlag nicht - ein Kerl von Ehre muß auf sich halten , und wenn ihr mich eines schönen Morgens oben am Sparren baumeln seht , dann wundert euch nicht . « Die Mutter stieß einen entsetzlichen Schrei aus und klammerte die Arme um seinen Hals . » Na , na , na , « beruhigte er sie , » es war so schlimm nicht gemeint . Ihr Weiber seid doch allzu klägliche Geschöpfe ... Ein bloßes Wort schmeißt euch um ! « Scheu trat die Mutter von ihm zurück , aber als er hinausgegangen war , setzte sie sich ans Fenster und schaute ihm angstvoll nach , als ob er sich schon jetzt ein Leids antun könnte . Von Zeit zu Zeit lief ein Schauern durch ihren Körper , als friere sie ... In der Nacht , die diesem Tage folgte , bemerkte Paul erwachend , wie sie aus ihrem Bette aufstand , einen Unterrock überwarf und an das Fenster trat , von dem aus man das » weiße Haus « sehen konnte . Es war heller Mondenschein - vielleicht schaute sie wirklich hinüber . - Wohl zwei Stunden lang saß sie da - unverwandt hinausstarrend . - Paul rührte sich nicht , und als sie mit Beginn der Morgendämmerung vom Fenster zurückkam und an die Betten ihrer Kinder trat , drückte er die Augen fest zu , um sich schlafend zu stellen . Sie küßte zuerst die Zwillinge , die umschlungen nebeneinander ruhten , dann kam sie zu ihm , und wie sie sich zu ihm herabbeugte , hörte er sie flüstern : » Gott , gib mir Kraft ! Es muß ja sein . « Da ahnte er , daß etwas Außergewöhnliches sich vorbereitete . Als er am andern Nachmittag aus der Schule heimkehrte , sah er die Mutter in Hut und Mantille , ihrem Sonntagsstaat , in der Laube sitzen . Ihre Wangen waren noch bleicher als sonst , die Hände , die in dem Schoße lagen , zitterten . Sie schien auf ihn gewartet zu haben , denn als sie ihn nahen sah , atmete sie erleichtert auf . » Willst du fortgehen , Mama ? « fragte er verwundert . » Ja , mein Junge , « erwiderte sie , » und du sollst mit mir kommen . « » Ins Dorf , Mama ? « » Nein , mein Junge - - « ihre Stimme bebte - » ins Dorf nicht - du mußt dir die Sonntagskleider anziehen - der Samtrock freilich ist verdorben - aber aus der grauen Jacke hab ' ich die Flecken ausgemacht - die geht noch - und die Stiefel mußt du dir wichsen - aber rasch . « » Wohin werden wir denn gehen , Mama ? « Da schloß sie ihn in die Arme und sagte leise : » Ins weiße Haus ! « Er fühlte , wie ein heißer Schreck ihn überrieselte ; der Jubel , der aus dem Herzen emporquellen wollte , erstickte ihn fast , er sprang auf den Schoß der Mutter und küßte sie stürmisch . » Aber du mußt niemandem etwas davon sagen , « flüsterte sie , » niemandem - verstehst du ? « Er nickte wichtig . Er war ja ein so kluger Mann . Er wußte , um was es sich handelte . » Und nun zieh dich um - rasch ! « Paul flog die Treppe zur Kleiderkammer empor - und plötzlich ! - auf welcher Stufe es war , ist ihm niemals klar geworden - ein langgezogener , schriller Ton quoll aus seinem Munde ; da war kein Zweifel mehr - er konnte pfeifen - er probierte es zum zweiten- , zum drittenmal - es ging vorzüglich ! Als er im vollsten Staate zur Mutter zurückkehrte , rief er ihr jubelnd entgegen : » Mama , ich kann pfeifen « und wunderte sich , daß sie so wenig Verständnis für seine Kunst an den Tag legte . Sie nestelte nur ein wenig seinen Kragen zurecht und sagte dabei : » Ihr glücklichen Kinder ! « Dann nahm sie ihn bei der Hand , und die Wanderschaft begann . Als sie den dunklen Fichtenwald erreichten , in dem die Wölfe und die Kobolde hausten , war er soeben mit den Studien zu » Kommt ein Vogel geflogen « fertig geworden , und als sie wieder aufs freie Feld kamen , konnte er sicher sein , daß » Heil dir im Siegerkranz « nichts mehr zu wünschen übrig ließ . Die Mutter schaute mit trübem Lächeln auf ihn nieder , jeder schrille Ton ließ sie zusammenfahren , sie sagte aber nichts . Das » weiße Haus « stand nun ganz nah vor ihnen . Er dachte nicht mehr an die neue Kunst . Das Schauen nahm ihn gänzlich gefangen . Zuerst kam eine hohe , rote Ziegelmauer mit einem Torweg darin , auf dessen Pfosten zwei steinerne Knöpfe saßen , dann ein weiter , grasbewachsener Hofraum , auf dem ganze Reihen von Wagen standen und den in einem ungeheuern Viereck langgestreckte , graue Wirtschaftsgebäude umgaben . - In der Mitte lag eine Art Sumpf , der von einer niedrigen Weißdornhecke umgeben war und in dem eine Schar von schnatternden Enten sich herumsielte . » Und wo ist das weiße Haus , Mama ? « fragte Paul , dem das alles gar nicht gefiel . » Hinter dem Garten , « erwiderte die Mutter . Ihre Stimme hatte einen eigentümlich heiseren Klang , und ihre Hand umklammerte die seine so fest , daß er beinahe aufgeschrien hätte . Jetzt bogen sie um die Ecke des Gartenzauns , und vor Pauls Blicken lag ein schlichtes , zweistöckiges Haus , das von Lindenbäumen dicht umschattet war und das wenig oder gar nichts Merkwürdiges an sich hatte . Auch lange nicht so weiß erschien es wie aus der Ferne . » Ist es das ? « fragte Paul gedehnt . » Ja , das ist es ! « erwiderte die Mutter . » Und wo sind die Glaskugeln ? und die Sonnenuhr ? « fragte er . Ihn wandelte plötzlich eine Lust zum Weinen an . Er hatte sich alles tausendmal schöner vorgestellt ; wenn man ihn auch um die Glaskugeln und die Sonnenuhr betrogen hätte - es wäre kein Wunder gewesen . In diesem Augenblick kamen zwei kohlschwarze Neufundländer mit dumpfem Bellen auf sie zugestürzt . Er flüchtete sich hinter das Kleid der Mutter und fing