waren sehr verlegen , und Lina weinte jämmerlich vor sich hin , und bloß Rudolf , der überhaupt ein störrischer und großmäuliger Bengel is und immer gegen ' s Militär , bloß Rudolf sah ganz bockig vor sich hin , als ob er sagen wollte : Dummes Zeug , ich hätt euch auch rausgesteuert . « » Ja , so is er , ein großmäuliger Bengel ; ich kenn ihn . Aber nu die beiden Herren . Das ist doch die Hauptsache ... « » Nun die bemühten sich erst noch um uns und blieben dann an dem andren Tisch und sahen immer zu uns rüber . Und als wir so gegen sieben , und es schummerte schon , nach Hause wollten , kam der eine und fragte , ob er und sein Kamerad uns ihre Begleitung anbieten dürften ? Und da lacht ich übermütig und sagte , sie hätten uns ja gerettet und einem Retter dürfe man nichts abschlagen . Übrigens sollten sie sich ' s noch mal überlegen , denn wir wohnten so gut wie am andern Ende der Welt . Und sei eigentlich eine Reise . Worauf er verbindlich antwortete : Desto besser . Und mittlerweile war auch der andre herangekommen ... Ach , liebe Frau Dörr , es mag wohl nicht recht gewesen sein , gleich so freiweg zu sprechen , aber der eine gefiel mir , und sich zieren und zimperlich tun , das hab ich nie gekonnt . Und so gingen wir denn den weiten Weg , erst an der Spree und dann an dem Kanal hin . « » Und Rudolf ! « » Der ging hinterher , als ob er gar nicht zugehöre , sah aber alles und paßte gut auf . Was auch recht war ; denn die Lina is ja erst achtzehn und noch ein gutes , unschuldiges Kind ! « » Meinst du ? « » Gewiß , Frau Dörr . Sie brauchen sie ja bloß anzusehn . So was sieht man gleich . « » Ja , mehrstens . Aber mitunter auch nich . Und da haben sie euch denn nach Hause gebracht ? « » Ja , Frau Dörr . « » Und nachher ? « » Ja , nachher . Nun Sie wissen ja , wie ' s nachher kam . Er kam dann den andern Tag und fragte nach . Und seitdem ist er oft gekommen , und ich freue mich immer , wenn er kommt . Gott , man freut sich doch , wenn man mal was erlebt . Es ist oft so einsam hier draußen . Und Sie wissen ja , Frau Dörr , Mutter hat nichts dagegen und sagt immer : Kind , es schadt nichts . Eh man sich ' s versieht , is man alt . « » Ja , ja « , sagte die Dörr , » so was hab ich die Nimptschen auch schon sagen hören . Und hat auch ganz recht . Das heißt , wie man ' s nehmen will , und nach ' m Katechismus is doch eigentlich immer noch besser und sozusagen überhaupt das beste . Das kannst du mir schon glauben . Aber ich weiß woll , es geht nich immer , und mancher will auch nich . Und wenn einer nich will , na , denn will er nich , un denn muß es auch so gehn und geht auch mehrstens , man bloß , daß man ehrlich is un anständig und Wort hält . Un natürlich , was denn kommt , das muß man aushalten un darf sich nicht wundern . Un wenn man all so was weiß und sich immer wieder zu Gemüte führt , na , denn is es nich so schlimm . Un schlimm is eigentlich man bloß das Einbilden . « » Ach , liebe Frau Dörr « , lachte Lene , » was Sie nur denken . Einbilden ! Ich bilde mir gar nichts ein . Wenn ich einen liebe , dann lieb ich ihn . Und das ist mir genug . Und will weiter gar nichts von ihm , nichts , gar nichts , und daß mir mein Herze so schlägt und ich die Stunden zähle , bis er kommt , und nicht abwarten kann , bis er wieder da ist , das macht mich glücklich , das ist mir genug . « » Ja « , schmunzelte die Dörr vor sich hin , » das is das richtige , so muß es sein . Aber is es denn wahr , Lene , daß er Botho heißt ? So kann doch einer eigentlich nich heißen : das is ja gar kein christlicher Name . « » Doch , Frau Dörr . « Und Lene machte Miene , die Tatsache , daß es solchen Namen gäbe , des weiteren zu bestätigen . Aber ehe sie dazu kommen konnte , schlug Sultan an , und im selben Augenblicke hörte man deutlich vom Hausflur her , daß wer eingetreten sei . Wirklich erschien auch der Briefträger und brachte zwei Bestellkarten für Dörr und einen Brief für Lene . » Gott , Hahnke « , rief die Dörr dem in großen Schweißperlen vor ihr Stehenden zu , » Sie drippen ja man so . Is es denn so ' ne schwebende Hitze ? Un erst halb zehn . Na soviel seh ich woll , Briefträger is auch kein Vergnügen . « Und die gute Frau wollte gehn , um ein Glas frische Milch zu holen . Aber Hahnke dankte . » Habe keine Zeit , Frau Dörr . Ein ander Mal . « Und damit ging er . Lene hatte mittlerweile den Brief erbrochen . » Na , was schreibt er ? « » Er kommt heute nicht , aber morgen . Ach , es ist so lange bis morgen . Ein Glück , daß ich Arbeit habe ; je mehr Arbeit , desto besser . Und ich werde heut nachmittag in Ihren Garten kommen und graben helfen . - Aber Dörr darf nicht dabeisein . « » I Gott bewahre . « Und danach trennte man sich , und Lene ging in das Vorderzimmer , um der Alten das von der Frau Dörr erhaltene Spargelgericht zu bringen . Viertes Kapitel Und nun war der andre Abend da , zu dem Baron Botho sich angemeldet hatte . Lene ging im Vorgarten auf und ab , drinnen aber , in der großen Vorderstube , saß wie gewöhnlich Frau Nimptsch am Herd , um den herum sich auch heute wieder die vollzählig erschienene Familie Dörr gruppiert hatte . Frau Dörr strickte mit großen Holznadeln an einer blauen , für ihren Mann bestimmten Wolljacke , die , vorläufig noch ohne rechte Form , nach Art eines großen Vlieses auf ihrem Schoße lag . Neben ihr , die Beine bequem übereinandergeschlagen , rauchte Dörr aus einer Tonpfeife , während der Sohn in einem dicht am Fenster stehenden Großvaterstuhle saß und seinen Rotkopf an die Stuhlwange lehnte . Jeden Morgen bei Hahnenschrei aus dem Bett , war er auch heute wieder vor Müdigkeit eingeschlafen . Gesprochen wurde wenig , und so hörte man denn nichts als das Klappern der Holznadeln und das Knabbern des Eichhörnchens , das mitunter aus seinem Schilderhäuschen herauskam und sich neugierig umsah . Nur das Herdfeuer und der Widerschein des Abendrots gaben etwas Licht . Frau Dörr saß so , daß sie den Gartensteg hinaufsehen und trotz der Dämmerung erkennen konnte , wer draußen , am Heckenzaun entlang , des Weges kam . » Ah , da kommt er « , sagte sie . » Nu , Dörr , laß mal deine Pfeife ausgehen . Du bist heute wieder wie ' n Schornstein un rauchst und schmookst den ganzen Tag . Un so ' n Knallerballer wie deiner , der is nich für jeden . « Dörr ließ sich solche Rede wenig anfechten , und ehe seine Frau mehr sagen oder ihre Wahrsprüche wiederholen konnte , trat der Baron ein . Er war sichtlich angeheitert , kam er doch von einer Maibowle , die Gegenstand einer Clubwette gewesen war , und sagte , während er Frau Nimptsch die Hand reichte : » Guten Tag , Mutterchen . Hoffentlich gut bei Weg . Ah , und Frau Dörr ; und Herr Dörr , mein alter Freund und Gönner . Hören Sie , Dörr , was sagen Sie zu dem Wetter ? Eigens für Sie bestellt und für mich mit . Meine Wiesen zu Hause , die vier Jahre von fünf immer unter Wasser stehen und nichts bringen als Ranunkeln , die können solch Wetter brauchen . Und Lene kann ' s auch brauchen , daß sie mehr draußen ist ; sie wird mir sonst zu blaß . « Lene hatte derweilen einen Holzstuhl neben die Alte gerückt , weil sie wußte , daß Baron Botho hier am liebsten saß ; Frau Dörr aber , in der eine starke Vorstellung davon lebte , daß ein Baron auf einem Ehrenplatz sitzen müsse , war inzwischen aufgestanden und rief , immer das blaue Vlies nachschleppend , ihrem Pflegesohn zu : » Will er woll auf ! Ne , ich sage . Wo ' s nich drinsteckt , da kommt es auch nich . « Der arme Junge fuhr blöd und verschlafen in die Höh und wollte den Platz räumen , der Baron litt es aber nicht . » Um ' s Himmels willen , liebe Frau Dörr , lassen Sie doch den Jungen . Ich sitz am liebsten auf einem Schemel , wie mein Freund Dörr hier . « Und damit schob er den Holzstuhl , den Lene noch immer in Bereitschaft hatte , neben die Alte und sagte , während er sich setzte : » Hier neben Frau Nimptsch ; das ist der beste Platz . Ich kenne keinen Herd , auf den ich so gern sähe ; immer Feuer , immer Wärme . Ja , Mutterchen , es ist so ; hier ist es am besten . « » Ach , du mein Gott « , sagte die Alte . » Hier am besten ! Hier bei ' ner alten Wasch- und Plättefrau . « » Freilich . Und warum nicht ? Jeder Stand hat seine Ehre . Waschfrau auch . Wissen Sie denn , Mutterchen , daß es hier in Berlin einen berühmten Dichter gegeben hat , der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat ? « » Is es möglich ? « » Freilich ist es möglich . Es ist sogar gewiß . Und wissen Sie , was er zum Schluß gesagt hat ? Da hat er gesagt , er möchte so leben und sterben wie die alte Waschfrau . Ja , das hat er gesagt . « » Is es möglich ? « simperte die Alte noch einmal vor sich hin . » Und wissen Sie , Mutterchen , um auch das nicht zu vergessen , daß er ganz recht gehabt hat und daß ich ganz dasselbe sage ? Ja , Sie lachen so vor sich hin . Aber sehen Sie sich mal um hier , wie leben Sie ? Wie Gott in Frankreich . Erst haben Sie das Haus und diesen Herd und dann den Garten und dann Frau Dörr . Und dann haben Sie die Lene . Nicht wahr ? Aber wo steckt sie nur ? « Er wollte noch weitersprechen , aber im selben Augenblicke kam Lene mit einem Kaffeebrett zurück , auf dem eine Karaffe mit Wasser samt Apfelwein stand , Apfelwein , für den der Baron , weil er ihm wunderbare Heilkraft zuschrieb , eine sonst schwer begreifliche Vorliebe hatte . » Ach Lene , wie du mich verwöhnst . Aber du darfst es mir nicht so feierlich präsentieren , das ist ja , wie wenn ich im Club wäre . Du mußt es mir aus der Hand bringen , da schmeckt es am besten . Und nun gib mir deine Patsche , daß ich sie streicheln kann . Nein , nein , die Linke , die kommt von Herzen . Und nun setze dich da hin , zwischen Herr und Frau Dörr , dann hab ich dich gegenüber und kann dich immer ansehn . Ich habe mich den ganzen Tag auf diese Stunde gefreut . « Lene lachte . » Du glaubst es wohl nicht ? Ich kann es dir aber beweisen , Lene , denn ich habe dir von der großen Herren- und Damen-fête , die wir gestern hatten , was mitgebracht . Und wenn man was zum Mitbringen hat , dann freut man sich auch auf die , die ' s kriegen sollen . Nicht wahr , lieber Dörr ? « Dörr schmunzelte , Frau Dörr aber sagte : » Jott , der . Der un mitbringen . Dörr is bloß für rapschen und sparen . So sind die Gärtners . Aber neugierig bin ich doch , was der Herr Baron mitgebracht haben . « » Nun , da will ich nicht lange warten lassen , sonst denkt meine liebe Frau Dörr am Ende , daß es ein goldener Pantoffel ist oder sonst was aus dem Märchen . Es ist aber bloß das . « Und dabei gab er Lenen eine Tüte , daraus , wenn nicht alles täuschte , das gefranzte Papier einiger Knallbonbons hervorguckte . Wirklich , es waren Knallbonbons , und die Tüte ging reihum . » Aber nun müssen wir auch ziehen , Lene ; halt fest und Augen zu . « Frau Dörr war entzückt , als es einen Knall gab , und noch mehr , als Lenes Zeigefinger blutete . » Das tut nich weh , Lene , das kenn ich ; das is , wie wenn sich ' ne Braut in ' n Finger sticht . Ich kannte mal eine , die war so versessen drauf , die stach sich immerzu un lutschte und lutschte , wie wenn es wunder was wäre . « Lene wurde rot . Aber Frau Dörr sah es nicht und fuhr fort : » Und nu den Vers lesen , Herr Baron . « Und dieser las denn auch : » In Liebe selbstvergessen sein Freut Gott und die lieben Engelein . « » Jott « , sagte Frau Dörr und faltete die Hände . » Das is ja wie aus ' n Gesangbuch . Is es denn immer so fromm ? « » I bewahre « , sagte Botho . » Nicht immer . Kommen Sie , liebe Frau Dörr , wir wollen auch mal ziehn und sehn , was dabei herauskommt . « Und nun zog er wieder und las : » Wo Amors Pfeil recht tief getroffen , Da stehen Himmel und Hölle offen . Nun , Frau Dörr , was sagen Sie dazu ? das klingt schon anders ; nicht wahr ? « » Ja « , sagte Frau Dörr , » anders klingt es . Aber es gefällt mir nicht recht ... Wenn ich einen Knallbonbon ziehe ... « » Nun ? « » Da darf nichts von Hölle vorkommen , da will ich nich hören , daß es so was gibt . « » Ich auch nicht « , lachte Lene . » Frau Dörr hat ganz recht ; sie hat überhaupt immer recht . Aber das ist wahr , wenn man solchen Vers liest , da hat man immer gleich was zum Anfangen , ich meine zum Anfangen mit der Unterhaltung , denn Anfangen is immer das schwerste , gerade wie beim Briefschreiben , und ich kann mir eigentlich keine Vorstellung machen , wie man mit soviel fremden Damen ( und ihr kennt euch doch nicht alle ) so gleich mir nichts , dir nichts ein Gespräch anfangen kann . « » Ach , meine liebe Lene « , sagte Botho , » das ist nicht so schwer , wie du denkst . Es ist sogar ganz leicht . Und wenn du willst , will ich dir gleich eine Tischunterhaltung vormachen . « Frau Dörr und Frau Nimptsch drückten ihre Freude darüber aus , und auch Lene nickte zustimmend . » Nun « , fuhr Baron Botho fort , » denke dir also , du wärst eine kleine Gräfin . Und eben hab ich dich zu Tische geführt und Platz genommen , und nun sind wir beim ersten Löffel Suppe . « » Gut . Gut . Aber nun ? « » Und nun sag ich : Irr ich nicht , meine gnädigste Komtesse , so sah ich Sie gestern in der Flora , Sie und Ihre Frau Mama . Nicht zu verwundern . Das Wetter lockt ja jetzt täglich heraus , und man könnte schon von Reisewetter sprechen . Haben Sie Pläne , Sommerpläne , meine gnädigste Gräfin ? Und nun antwortest du , daß leider noch nichts feststünde , weil der Papa durchaus nach dem Bayrischen wolle , daß aber die Sächsische Schweiz mit dem Königstein und der Bastei dein Herzenswunsch wäre . « » Das ist es auch wirklich « , lachte Lene . » Nun sieh , das trifft sich gut . Und so fahr ich denn fort : Ja , gnädigste Komtesse , da begegnen sich unsere Geschmacksrichtungen . Ich ziehe die Sächsische Schweiz ebenfalls jedem anderen Teile der Welt vor , namentlich auch der eigentlichen Schweiz . Man kann nicht immer große Natur schwelgen , nicht immer klettern und außer Atem sein . Aber Sächsische Schweiz ! Himmlisch , ideal . Da hab ich Dresden ; in einer Viertel- oder halben Stunde bin ich da , da seh ich Bilder , Theater , Großen Garten , Zwinger , Grünes Gewölbe . Versäumen Sie nicht , sich die Kanne mit den törichten Jungfrauen zeigen zu lassen , und vor allem den Kirschkern , auf dem das ganze Vaterunser steht . Alles bloß durch die Lupe zu sehen . « » Und so sprecht ihr ! « » Ganz so , mein Schatz . Und wenn ich mit meiner Nachbarin zur Linken , also mit Komtesse Lene , fertig bin , so wend ich mich zu meiner Nachbarin zur Rechten , also zu Frau Baronin Dörr ... « Die Dörr schlug vor Entzücken mit der Hand aufs Knie , daß es einen lauten Puff gab ... » Zu Frau Baronin Dörr also . Und spreche nun worüber ? Nun , sagen wir über Morcheln . « » Aber mein Gott , Morcheln . Über Morcheln , Herr Baron , das geht doch nicht . « » O warum nicht , warum soll es nicht gehen , liebe Frau Dörr ? Das ist ein sehr ernstes und lehrreiches Gespräch und hat für manche mehr Bedeutung , als Sie glauben . Ich besuchte mal einen Freund in Polen , Regiments- und Kriegskameraden , der ein großes Schloß bewohnte , rot und mit zwei dicken Türmen , und so furchtbar alt , wie ' s eigentlich gar nicht mehr vorkommt . Und das letzte Zimmer war sein Wohnzimmer ; denn er war unverheiratet , weil er ein Weiberfeind war ... « » Ist es möglich ? « » Und überall waren morsche , durchgetretene Dielen , und immer , wo ein paar Dielen fehlten , da war ein Morchelbeet , und an all den Morchelbeeten ging ich vorbei , bis ich zuletzt in sein Zimmer kam . « » Ist es möglich ? « wiederholte die Dörr und setzte hinzu : » Morcheln . Aber man kann doch nicht immer von Morcheln sprechen . « » Nein , nicht immer . Aber oft oder wenigstens manchmal , und eigentlich ist es ganz gleich , wovon man spricht . Wenn es nicht Morcheln sind , sind es Champignons , und wenn es nicht das rote polnische Schloß ist , dann ist es Schlößchen Tegel oder Saatwinkel oder Valentinswerder . Oder Italien oder Paris oder die Stadtbahn , oder ob die Panke zugeschüttet werden soll . Es ist alles ganz gleich . Über jedes kann man ja was sagen und ob ' s einem gefällt oder nicht . Und ja ist geradesoviel wie nein . « » Aber « , sagte Lene , » wenn es alles so redensartlich ist , da wundert es mich , daß ihr solche Gesellschaften mitmacht . « » O man sieht doch schöne Damen und Toiletten und mitunter auch Blicke , die , wenn man gut aufpaßt , einem eine ganze Geschichte verraten . Und jedenfalls dauert es nicht lange , so daß man immer noch Zeit hat , im Club alles nachzuholen . Und im Club ist es wirklich reizend , da hören die Redensarten auf , und die Wirklichkeiten fangen an . Ich habe gestern Pitt seine Graditzer Rappstute abgenommen . « » Wer ist Pitt ? « » Ach , das sind so Namen , die wir nebenher führen , und wir nennen uns so , wenn wir unter uns sind . Der Kronprinz sagt auch Vicky , wenn er Victoria meint . Es ist ein wahres Glück , daß es solche Liebes- und Zärtlichkeitsnamen gibt . Aber horch , eben fängt drüben das Konzert an . Können wir nicht die Fenster aufmachen , daß wir ' s besser hören ? Du wippst ja schon mit der Fußspitze hin und her . Wie wär es , wenn wir anträten und einen Contre versuchten oder eine Française ? Wir sind drei Paare : Vater Dörr und meine gute Frau Nimptsch und dann Frau Dörr und ich ( ich bitte um die Ehre ) , und dann kommt Lene mit Hans . « Frau Dörr war sofort einverstanden , Dörr und Frau Nimptsch aber lehnten ab , diese , weil sie zu alt sei , jener , weil er so was Feines nicht kenne . » Gut , Vater Dörr . Aber dann müssen Sie den Takt schlagen ; Lene , gib ihm das Kaffeebrett und einen Löffel . Und nun antreten , meine Damen . Frau Dörr , Ihren Arm . Und nun Hans , aufwachen , flink , flink . « Und wirklich , beide Paare stellten sich auf , und Frau Dörr wuchs ordentlich noch an Stattlichkeit , als ihr Partner in einem feierlichen Tanzmeister-Französisch anhob : » En avant deux , pas de basque . « Der sommersprossige , leider noch immer verschlafene Gärtnerjunge sah sich maschinenmäßig und ganz nach Art einer Puppe hin und her geschoben , die drei andern aber tanzten wie Leute , die ' s verstehen , und entzückten den alten Dörr derart , daß er sich von seinem Schemel erhob und statt mit dem Löffel mit seinem Knöchel an das Kaffeebrett schlug . Auch der alten Frau Nimptsch kam die Lust früherer Tage wieder , und weil sie nichts Besseres tun konnte , wühlte sie mit dem Feuerhaken so lang in der Kohlenglut umher , bis die Flamme hoch aufschlug . So ging es , bis die Musik drüben schwieg ; Botho führte Frau Dörr wieder an ihren Platz , und nur Lene stand noch da , weil der ungeschickte Gärtnerjunge nicht wußte , was er mit ihr machen sollte . Das aber paßte Botho gerade , der , als die Musik drüben wieder anhob , mit Lene zu walzen und ihr zuzuflüstern begann , wie reizend sie sei , reizender denn je . Sie waren alle warm geworden , am meisten die gerade jetzt am offenen Fenster stehende Frau Dörr . » Jott , mir schuddert so « , sagte sie mit einem Male , weshalb Botho verbindlich aufsprang , um die Fenster zu schließen . Aber Frau Dörr wollte davon nichts wissen und behauptete : » Was die feinen Leute wären , die wären alle für frische Luft , und manche wären so fürs Frische , daß ihnen im Winter das Deckbett an den Mund fröre . Denn Atem wäre dasselbe wie Wrasen , grade wie der , der aus der Tülle käm . Also die Fenster müßten aufbleiben , davon ließe sie nicht . Aber wenn Lenechen so fürs Innerliche was hätte , so was für Herz und Seele ... « » Gewiß , liebe Frau Dörr ; alles , was Sie wollen . Ich kann einen Tee machen oder einen Punsch , oder noch besser , ich habe ja noch das Kirschwasser , das Sie Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der großen Mandelstolle geschenkt haben ... « Und ehe sich Frau Dörr zwischen Punsch und Tee entscheiden konnte , war auch die Kirschwasserflasche schon da , mit Gläsern , großen und kleinen , in die sich nun jeder nach Gutdünken hineintat . Und nun ging Lene , den rußigen Herdkessel in der Hand , reihum und goß das kochsprudelnde Wasser ein . » Nicht zuviel , Leneken , nicht zuviel . Immer aufs Ganze . Wasser nimmt die Kraft . « Und im Nu füllte sich der Raum mit dem aufsteigenden Kirschmandelarom . » Ah , das hast du gut gemacht « , sagte Botho , während er aus dem Glase nippte . » Weiß es Gott , ich habe gestern nichts gehabt und heute im Club erst recht nicht , was mir so geschmeckt hätte . Hoch Lene ! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat aber doch unsere Freundin , Frau Dörr , weil ' s ihr so geschuddert hat , und so bring ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit aus : Frau Dörr , sie lebe hoch . « » Sie lebe hoch « , riefen alle durcheinander , und der alte Dörr schlug wieder mit seinem Knöchel ans Brett . Alle fanden , daß es ein feines Getränk sei , viel feiner als Punschextrakt , der im Sommer immer nach bittrer Zitrone schmecke , weil es meistens alte Flaschen seien , die schon , von Fastnacht an , im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten . Kirschwasser aber , das sei was Gesundes und nie verdorben , und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte , da müßte man doch schon was Ordentliches einnehmen , wenigstens eine Flasche . Diese Bemerkung machte Frau Dörr , und der Alte , der es nicht darauf ankommen lassen wollte , vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau kannte , drang auf Aufbruch : » Morgen sei auch noch ein Tag . « Botho und Lene redeten zu , doch noch zu bleiben . Aber die gute Frau Dörr , die wohl wußte , » daß man zuzeiten nachgeben müsse , wenn man die Herrschaft behalten wolle « , sagte nur : » Laß , Leneken , ich kenn ihn ; er geht nu mal mit die Hühner zu Bett . « - » Nun « , sagte Botho , » wenn es beschlossen ist , ist es beschlossen . Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus . « Und damit brachen alle auf und ließen nur die alte Frau Nimptsch zurück , die den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte . Fünftes Kapitel Vor dem » Schloß « mit dem grün und rot gestrichenen Turme machten Botho und Lene halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis , noch in den Garten gehn und eine halbe Stunde darin promenieren zu dürfen . Der Abend sei so schön . Vater Dörr brummelte , daß er sein Eigentum in keinem beßren Schutz lassen könne , worauf das junge Paar unter artigen Verbeugungen Abschied nahm und auf den Garten zuschritt . Alles war schon zur Ruh , und nur Sultan , an dem sie vorbei mußten , richtete sich hoch auf und winselte so lange , bis ihn Lene gestreichelt hatte . Dann erst kroch er wieder in seine Hütte zurück . Drinnen im Garten war alles Duft und Frische , denn , den ganzen Hauptweg hinauf , zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern , standen Levkojen und Reseda , deren feiner Duft sich mit dem kräftigeren der Thymianbeete mischte . Nichts regte sich in den Bäumen , und nur Leuchtkäfer schwirrten durch die Luft . Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende des Gartens zu , wo , zwischen zwei Silberpappeln , eine Bank stand . » Wollen wir uns setzen ? « » Nein « , sagte Lene , » nicht jetzt « , und bog in einen Seitenweg ein , dessen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen . » Ich gehe so gern an deinem Arm . Erzähle mir etwas . Aber etwas recht Hübsches . Oder frage . « » Gut . Ist es dir recht , wenn ich mit den Dörrs anfange ? « » Meinetwegen . « » Ein sonderbares Paar . Und dabei , glaub ich , glücklich . Er muß tun , was sie will , und ist doch um vieles klüger . « » Ja « , sagte Lene , » klüger ist er , aber auch geizig und hartherzig , und das macht ihn gefügig , weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat . Sie sieht ihm scharf auf die Finger und leidet es nicht , wenn er jemand übervorteilen will . Und das ist es , wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht . « » Und weiter nichts ? « » Vielleicht auch noch Liebe , so sonderbar es klingt . Das heißt Liebe von seiner Seite . Denn trotz seiner sechsundfünfzig oder mehr ist er noch wie vernarrt in seine Frau , und bloß weil sie so groß ist . Beide haben mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht . Ich bekenne dir offen , mein Geschmack wäre sie nicht . « » Da hast du aber unrecht , Lene ; sie macht eine Figur . « » Ja « , lachte Lene , » sie macht eine Figur , aber sie hat keine . Siehst du denn gar nicht , daß ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen ? Aber so was seht ihr nicht , und Figur und stattlich ist immer euer