die Höbe und sagte : » Schau mich an , was schaust denn immer auf den Boden , schlechter Bub ! « Nicht liebreich waren diese Worte ! und doch , woran lag es denn , daß sie dem Pavel ordentlich wohltaten und daß sogar die Art , in welcher der Herr Lehrer ihn dabei an den Haaren zauste , etwas Vertraueneinflößendes hatte und wie eine Herzstärkung wirkte ? » Fürcht dich , du Bosnickel , du Trotznickel ! Fürcht dich ! « fuhr jener fort , machte schreckliche Augen und schwang mit äußerst bezeichnender Gebärde den dürren Arm in der Luft . Und Pavel , aus dem seit drei Tagen kein Wort herauszubringen gewesen , der seit drei Tagen keinem Menschen ins Gesicht geschaut hatte , richtete mit einem Male seinen scheuen Blick blinzelnd auf den Lehrer und sprach mit einem halben Lächeln : » Ich fürcht mich aber doch nicht . « Aus der Schulstube hatte es früher herausgesummt wie aus einem Bienenkorbe , dann war das Summen in wüsten Lärm übergegangen , und jetzt wurde da drinnen gerauft um die besten Plätze zum bevorstehenden Schauspiel . Der Lehrer brummte unwillig vor sich hin und schüttelte Pavel von neuem : » Wenn du dich schon nicht fürchtest , so schrei , schrei , was du kannst , rat ich dir ! « sagte er , öffnete die Tür und trat ein . Sogleich wurde es still in der Stube , nur einzelne unwillkürliche Ausrufe befriedigter Erwartung ließen sich hören ; freundschaftlich rückte man aneinander in den Bänken ; die rührendste Eintracht herrschte . Der Lehrer stellte Pavel neben das Katheder und sah sich nach der Rute um . Da er sie eine Weile nicht fand oder nicht zu finden schien , rief eine Stimme : » Dort im Fenster steht sie , im Winkel . « Die Stimme kam aus einer der letzten Reihen und gehörte dem Arnost , dem Sohne des Häuslers , bei dem Virgil zur Miete wohnte . Pavel ballte die Faust gegen ihn , was zu einem Gemurmel der Entrüstung Anlaß gab . Mehr als hundert Augen richteten sich schadenfroh und gehässig auf den braunen zerlumpten Jungen . In ihm kochte die Galle , und so klar er zu denken vermochte , so klar dachte er : Was hab ich euch getan ? Warum seid ihr meine Feinde ? Habrecht gebot Stille und hielt eine Ansprache , in welcher er die Schuljugend auf eine merkwürdige Enttäuschung vorbereitete . » Ihr seid voll Vergnügen . Warum ? wieso ? Tun euch die Prügel wohl , die ein anderer kriegt ? Paßt auf ! Weh tun werden sie euch ! Jeder von euch « - seine Stimme senkte sich zu einem geheimnisvollen Geflüster , und er streckte den Zeigefinger langsam gegen das Auditorium aus : » Jeder , der dasitzt und vor Schadenfreude aus der Haut fahren möcht , wird bald vor Schmerz aus der Haut fahren mögen . Jeder , der herglotzt und zuschaut , wie ich meine Schläge austeile , wird sie mitspüren ... mitspüren ! « wiederholte er seine unheimliche Prophezeiung , bei der ihm selbst zu gruseln schien . » Und jetzt gebt acht , was der Herr Lehrer kann ! « Alle Kinder schauderten vor dem Wunder , das sich an ihnen vollziehen sollte ; nur noch von der Seite streiften zage Blicke den gefürchteten Mann , dessen Erscheinung in ihrer Länge und Magerkeit etwas Gespenstisches hatte . Die Buben stierten zu Boden , die Mädchen verdeckten die Augen mit den Schürzen . Der Lehrer aber ging rasch ans Werk . Mit fabelhafter Geschwindigkeit wirbelte er die Fuchtel um den Kopf des Delinquenten und führte dann eine Anzahl Hiebe , die Pavel für die Einleitung zur eigentlichen Straße hielt . Statt diese jedoch folgen zu lassen , sprach der Lehrer plötzlich : » Herrgott , da fällt mir jetzt die Brille herunter ... Heb sie auf ... Für die Strafe bedanken kannst du dich nach der Stunde . « Pavel starrte ihn mit stumpfsinnigem Staunen an ; er wartete noch auf die richtige Wichse - da hörte er , daß er sie schon habe , und erhielt Befehl , sich zu setzen ; - auf den letzten Platz in die letzte Bank . Der Lehrer zog das Taschentuch , wischte sich den Schweiß von der Stirn , nahm umständlich eine Prise und begann den Unterricht . Arnost , der so rot war wie ein Krebs , flüsterte seinem Nachbar zu : » Hast g ' schaut ? « - » Ein bissel « , antwortete der . » Spürst was ? « - » Ich spür ' s im Buckel . « - » Mich brennt ' s am Ohr . « - Ein neugieriges kleines Ding von einem Mädchen , das zufällig mit einem Auge an einen Riß in der Schürze geraten war und ihn zum Auslugen benützt hatte , gestand einigen Gefährtinnen , daß es meine , auf lauter Erbsen zu sitzen . Nach beendigter Lehrstunde wollte Pavel sich mit den anderen davonmachen ; aber der Schulmeister hielt ihn zurück , betrachtete ihn lange mit stechenden Blicken und fragte ihn endlich , ob er sich schäme . Pavel antwortete leise : » Nein . « » Nein ? wieso nein ? Hast aller Scham den Kopf abgebissen ? « Der Bursche verfiel wieder in das hartnäckige Schweigen , das der Lehrer an dem armseligsten und seltensten Besucher seiner Schule kannte . Bisher hatte er ihn laufen lassen , heute jedoch , als er ihn strafen sollte für eine unbekannte Schuld , Mitleid mit ihm gefühlt . Um diese Regung tat ' s ihm nun leid , und er fuhr giftig fort : » Aufgewachsen in Schande , ja wirklich schon aufgewachsen , bald vierzehn Jahre - an die Schande gewöhnt , weiß nicht einmal mehr , wie sie tut ! « Nun sprach Pavel : » Weiß schon « , und den Mund des Kindes verzerrte ein alternder Zug verbissener Bitterkeit . Er hatte nicht verstanden , was der Herr Lehrer früher gewollt mit seinen Schlägen , die beinahe nicht weh taten ; daß er ihm jetzt den Jammer seines Lebens vorwarf , verstand er wohl . » Weiß schon « , wiederholte er in einem Tone , durch dessen erzwungene Keckheit unbewußt der Schmerz einer tiefen Enttäuschung drang . Der Lehrer betrachtete ihn aufmerksam - er war das verkörperte Elend , der Bub ! - Nicht durch die Schuld der Natur . Sie hatte es gut mit ihm gemeint und ihn kräftig und gesund angelegt ; das zeigte die breite Brust , das zeigten die roten Lippen , die starken , gelblich schimmernden Zähne . Aber die wohlwollenden Absichten der Natur waren zuschanden gemacht worden durch harte Arbeit , schlechte Nahrung , durch Verwahrlosung jeder Art. Wie der Junge dastand mit dem wilden braunen Haargestrüpp , das den stets gesenkten Kopf unverhältnismäßig groß erscheinen ließ , mit den eingefallenen Wangen , den vortretenden Backenknochen , die magere derbe Gestalt von einem mit Löchern besäten Rock aus grünem Sommerstoff umhangen , die Füße mit Fetzen umwickelt , bot er einen Anblick , abstoßend und furchtbar traurig zugleich , weil das Bewußtsein seines kläglichen Zustandes ihm nicht ganz verlorengegangen schien . Lange schwieg der Lehrer , und auch Pavel schwieg ; aber immer verdrossener ließ er die Unterlippe hängen und begann verstohlen nach der Tür zu sehen , wie einer , der eine Gelegenheit zu entwischen wahrzunehmen sucht . Da sprach der Lehrer endlich : » Sei nicht so dumm . - Wenn du aus der Schule draußen bist , sollst du denken : wie kann ich hinein , und nicht , wenn du drin bist : wie kann ich hinaus ? « Pavel stutzte ; das war nun wieder ganz unerklärlich und stimmte mit der weitverbreiteten Meinung überein , der Schulmeister vermöge die Gedanken der Menschen zu erraten . » Geh jetzt « , fuhr jener fort , » und komm morgen wieder und übermorgen auch , und wenn du acht Tage nacheinander kommst , kriegst du von mir ein Paar ordentliche Stiefel . « Stiefel ? - wie die Kinder der Bauern haben ? ordentliche Stiefel mit hohen Schäften ? Unaufhörlich während des Heimwegs sprach Pavel die Worte : » Ordentliche Stiefel « vor sich hin , sie klangen märchenhaft . Er vergaß darüber , daß er sich vorgenommen hatte , den Arnost zu prügeln , er stand am nächsten Morgen vor der Tür der Schule , bevor sie noch geöffnet war , und während der Stunde plagte er sich mit heißem Eifer und verachtete die Mühe , die das Lernen ihm machte . Er verachtete auch die drastischen Ermahnungen Virgils und seines Weibes , die ihn zwingen wollten , statt zum Vergnügen in die Schule zur Arbeit in die Fabrik zu gehen . Freilich mußte dies im geheimen geschehen ; zu offenen Gewaltmaßregeln zu greifen , um den Buben im Winter vom Schulbesuch abzuhalten , wagten sie nicht ; das hätte gar zu auffällig gegen die seinetwegen mit der Gemeinde getroffene Übereinkunft verstoßen . Sieben Tage vergingen , und am Nachmittage des letzten kam Pavel nach Hause gerannt , in jeder Hand einen neuen Stiefel . Vinska war allein , als er anlangte ; sie beobachtete ihn , wie er das blanke Paar in den Winkel am Herd , sich selbst aber in einiger Entfernung davon aufstellte und in stille Bewunderung versank . Freude vermochten seine vergrämten lüge nicht auszudrücken , aber belebter als sonst erschienen sie , und es malte sich in ihnen ein plumpes Behagen . Einmal trat er näher , hob einen der Stiefel in die Höhe , rieb ihn mit dem Ärmel , küßte ihn und stellte ihn wieder an seinen Platz . Aus der Stube erscholl ein Gelächter , Vinska trat auf die Schwelle , lehnte sich mit der Schulter an den Türpfosten ( eine Tür gab es zwischen der Stube und dem Eingange nicht ) und fragte : » Wo hast die Stiefel gestohlen , du Spitzbub ? « Er sah sich nicht einmal nach ihr um , von antworten war gar keine Rede . Vinska jedoch wiederholte ihre Frage so oft , bis er sie anbellte : » Gestohlen ! ja just gestohlen ! « » Du Esel « , murmelte sie , » siehst du ? Jetzt sagst du ' s selbst . « Der Blick ihrer begehrlichen grauen Augen wanderte abwechselnd von den Stiefeln zu den eigenen nackten , hübsch geformten Füßen . Pavel hatte sich auf die Erde gekauert neben sein neues köstliches Eigentum ; es war ihm , als müsse er es beschützen gegen eine nahende Gefahr , und er machte sich gefaßt , ihr zu begegnen . Vinska neigte den Kopf auf die Seite , lächelte den Burschen , der drohend zu ihr emporsah , plötzlich an und sprach mit einschmeichelnder Stimme : » Geh , sag mir , woher hast sie ? « Er wußte nicht , wie ihm geschah . In dem Ton hatte er die Vinska vor kurzem zum Peter sprechen hören , der ihr Liebhaber war . Heiße Wellen wogten auch in seiner Brust , er verschlang seine reizende Hausgenossin mit den Augen und meinte , was ihn da mit ungeheurer Macht angepackt hatte , sei die Lust , auf sie loszustürzen und sie durchzuprügeln . Dabei rührte er sich nicht , öffnete nur ganz willenlos die Lippen und sprach : » Der Herr Lehrer hat sie mir gegeben . « Vinska begann leise zu kichern . » O je - der ! Wenn du sie von dem hast , dann hast du nichts . « » Was - nichts ? « » Nun - nichts ! Wenn du morgen aufwachst , sind die Stiefel weg . « » Weg ? ... Warum nicht gar ! « » Ja , ja ! was der Lehrer schenkt , hält sich nicht über Nacht . Du weißt ja , daß er ein Hexenmeister ist . « Pavel geriet in Eifer : » Ich weiß , daß er kein Hexenmeister ist . « Das Mädchen warf verächtlich die Lippe auf . » Du Dummrian ! Er war drei Tage tot und im Sarge . War er nicht ? Und weiß nicht jedes Kind , daß einer , der drei Tage tot gewesen ist , in die Vorhölle hineingeschaut und dem Teufel eine Menge abgelernt hat ? « Pavel starrte sie sprachlos an , ihm begann zu gruseln . Sie gähnte , drückte die Wange an die emporgezogene Schulter und sagte nach einem Weilchen so nachlässig , als ob sie eine ihr langweilig gewordene , hundertmal erzählte Geschichte wiederhole : » Der alten blinden Marska , die im vorigen Jahr bei uns gestorben ist , hat er auch ein Paar Schuhe geschenkt . Sie hat sie am Abend vors Bett gestellt , und wie sie am Morgen hineinfahren will , tritt sie statt in die Schuh auf eine Kröte , so groß wie eine Schüssel . « Pavel schrie auf : » Das ist nicht wahr ! « Heiß und kalt wurde ihm vor Zorn und Angst , und plötzlich schossen Tränen ihm in die Augen . Vinska streifte ihn mit einem Blick voll Geringschätzung und kehrte in die Stube zurück . An dem Abend suchte Pavel sich des Schlafes zu erwehren , er wollte seinen Schatz bewachen , er betete auch ein Vaterunser nach dem andern , um die bösen Geister zu bannen . Trotzdem sank er endlich doch in Schlummer , und als er am nächsten Morgen erwachte , hatte Vinskas Prophezeiung sich erfüllt - die Stiefel waren verschwunden . 4 Pavel verlor kein Wort über sein Unglück . Als Vinska ihn schelmisch lachend fragte , wo seine Stiefel wären , führte er einen so derben Schlag nach ihr , daß sie schreiend davonlief . Auch die Erkundigungen seiner Schulkameraden fertigte er mit Püffen ab ; die ärgsten erhielt Arnost , der ihn dafür beim Lehrer verklagte . Damit war aber nichts getan , denn es gehörte zu den Eigentümlichkeiten des letzteren , daß er gleich stocktaub wurde , wenn einer seiner Zöglinge sich über den andern beschwerte . Eine Woche verfloß , Pavel erschien nicht mehr in der Schule ; er ging aus freien Stücken in die Fabrik und arbeitete dort von früh bis abends . Mehrmals schickte der Lehrer nach ihm , und da es vergeblich blieb , begab er sich endlich in eigener Person nach der Wohnung Virgils , um den Buben abzuholen . Das Weib des Hirten empfing ihn und verblüffte ihn , bevor er noch den Mund auftun konnte , durch die lauten Ausbrüche ihres Jammers . Nach fünf Minuten war dem Lehrer , als ob er unter einer Traufe stände , aus der statt Regentropfen Schrotkörner auf ihn niederhagelten . Ihm wurde ganz wirr in seinem müden und schmerzenden Kopf . Die Frau rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen ihrer Leiden an . Nein , sie hatte nicht geahnt , was sie sich aufhalste , als sie dareingewilligt , das Kind des Gehenkten und der Zuchthäuslerin bei sich aufzunehmen . Viel war ihr im Leben schon begegnet , aber etwas so Schlechtes wie der Bub noch nie . Jedes Wort aus seinem Munde ist Trug und Verleumdung . Erzählt er nicht , daß seine Pflegeeltern ihn abhalten , in die Schule zu gehen , und daß sie den Wochenlohn einstecken , den er in der Fabrik verdient ? Von Entrüstung hingerissen , setzte sie hinzu , die bösen Augen weit geöffnet und bedeutungsvoll auf den Alten gerichtet : » Redet er nicht noch ganz anderen als uns armen Leuten , mit Respekt zu melden , grausige Dinge nach ? « Der Lehrer hatte sein Taschentuch gezogen und drückte es an den kahlen Scheitel . Er kannte die Gerüchte , die über ihn im Schwange waren , und es bildete den Zwiespalt in ihm , daß sie ihn manchmal verdrossen und daß er sich ein anderes Mal einen Spaß daraus machte , sie zu nähren . Heute war das erstere der Fall ; er winkte abwehrend : » Still still ! Halte Sie ihr Maul . « » O Jesus Maria , ich ! « rief das Weib , » ich red nicht ! ich möcht mir lieber die Zunge abbeißen ... Keinen Pfifferling sollten sich der Herr Lehrer mehr kümmern um den schlechten Buben , sag ich nur ... Die schönen Stiefel ! Nicht zwei Tage hat er sie gehabt . « » So , wo sind sie ? « Die Virgilova ( wie sie im Ort genannt wurde ) ergoß sich in einem neuen Redeschwall : Wo die Stiefel geblieben seien , müsse der Herr Lehrer den Juden fragen , dem der Bub sie vermauschelt habe . Der Jud werde freilich nichts davon wissen wollen , zeterte sie , und Habrecht , völlig betäubt , hielt sich die Ohren zu und trat den Rückzug an . Nach einigen Schritten jedoch blieb er stehen , wandte sich und befahl der Frau , Pavel morgen ganz gewiß in die Schule zu schicken . Sie versprach , den Auftrag zu bestellen , und tat es , indem sie Pavel am Abend mitteilte , der Herr Lehrer sei dagewesen und ließe ihm sagen , nicht mehr unter die Augen solle er ihm kommen . Die Ermahnung war überflüssig ; Pavel wich ohnehin dem Schulmeister auf hundert Schritte aus . Der Vinska hingegen lief er nach und gehorchte ihr wie ein knurriger Hund , der , unzufrieden mit seinem Herrn , immer zum Aufruhr bereit ist und sich doch immer wieder unterwirft . Was sie wollte , geschah ; er besorgte ihre Botengänge ; er stahl für sie Holz aus dem Walde , Eier aus den Scheunen der Bauern ; er geriet ganz und gar unter ihre Botmäßigkeit . Indessen , was ihn auch beschäftigte , wohin er auch wanderte - eines vergaß er nicht ; einen Umweg scheute er nie und niemals ; Tag für Tag kam er ans Tor des Schloßgartens und spähte in den Hof hinein und starrte die Fenster des Hauses an . Anfangs mit sehnsüchtiger Hoffnung im Herzen , später , als ihm diese allmählich erloschen war , aus alter Gewohnheit . Eines schönen Mainachmittags fand er , als er an seinen Beobachtungsposten trat , zu seiner höchsten Überraschung das Gartentor offen . Unter den Säulen der Einfahrt stand die Equipage der Frau Baronin , eine geschlossene Kalesche , mit dicken Fliegenschimmeln bespannt . Die Dienerschaft drängte sich grüßend und knixend um den Wagen , auf dem ein Koffer aufgebunden war . Nun flog der Schlag lärmend zu , der Lakai sprang zum Kutscher auf den Bock , der schwere Kasten schwankte auf den Schneckenfedern , das Gefährt setzte sich in Bewegung . In kurzem Trabe umkreiste es den Hof , bog ganz langsam um die Ecke am Torpfeiler und rollte der Straße zu . Pavel hatte einen Blick in das Innere des Wagens geworfen und war zurückgefahren wie geblendet . Er preßte das Gesicht an die Mauer ; er schloß die Augen und sah dennoch wieder sah mit den geschlossenen klar und deutlich , was er eben mit seinen offenen Augen gesehen ; - die Frau Baronin war nicht allein in ihrem wunderbaren Wagen ; neben ihr saß ein kleines Fräulein , in schönen Kleidern , mit einem Hütchen auf dem Kopfe , und hatte wohlbekannte , hatte die lüge Miladas , aber so runde und rosige Wangen , wie seine Schwester nie gehabt . Plötzlich richtete der Bursche sich empor und sprang in tollen Sätzen dem Wagen nach . Der hatte abermals eine Wendung gemacht und glitt mit eingelegtem Radschuh im Schritt der dicken Schimmel den Abhang des Schloßbergs hinab . Pavel lief quer über das grüne Feld , lief der Kalesche voraus und erwartete sie , am Wegrain aufgestellt , pochenden Herzens . Sie kam quietschend und rasselnd heran , und der Junge streckte sich , guckte und erblickte abermals die liebliche Erscheinung von vorhin . Und jetzt war auch er gesehen worden , ein Freudenjauchzen drang an sein Ohr , die Stimme Miladas rief : » Pavel , Pavel ! « Mit solchem Ungestüm warf das kleine Mädchen sich ans Fenster , daß die Scheibe klirrte und in Stücke brach . Sogleich hielt die Karosse , und der Bediente schickte sich an , vom Bock zu steigen . Hastig befahl die Baronin : » Sitzenbleiben ! Vorwärts , jagt den Buben fort ! « Die Peitsche knallte um Pavels Kopf , und drinnen im Wagen erscholl lautes Jammergeschrei ... Dazwischen ließ ernster , liebevoller Zuspruch sich vernehmen . Pavel sah , daß die alte Dame das Kind an sich gezogen hatte und daß es in ihren Armen weinte . Dieses Weinen ging ihm durch Mark und Bein ; dieses Weinen mußte aufhören , dem mußte er ein Ende machen . Da stieß er auf einmal einen Jauchzer aus , wie er dem Übermütigsten nicht besser gelungen wäre , und begann in gehöriger Entfernung von der Kutscherpeitsche bärenplump und emsig Räder und Purzelbäume zu schlagen . Wenn der Atem ihm auszugehen drohte , stand er still , lachte zu der Kleinen hinüber , machte Zeichen und schnitt Gesichter , bis sie endlich in ein fröhliches Gelächter ausbrach . Ach , wie hüpfte ihm das Herz im Leibe , als er einmal wieder ihr liebes Lachen vernahm ! Die Entfernung zwischen ihm und dem Wagen wuchs und wuchs . Pavel lief und sprang nicht mehr ; er schritt nur noch , und als er am großen Berge angelangt war , erklommen die Schimmel eben dessen steilen Gipfel . Mühsam keuchte er die Höhe hinan , und oben brach er zusammen , mit hämmernden Schläfen , einen rötlichen Schein vor den glühenden Augen . Zu seinen Füßen breitete die sonnenbeglänzte Ebene sich aus ; an der Grenze derselben lag die Stadt ; einzelne ihrer Häuser schimmerten schneeweiß herüber ; die vergoldeten Spitzen der Kirchtürme glitzerten wie Sterne am blauen Tageshimmel . In der Richtung gegen die Stadt schlängelte sich die Straße durch die grünen Fluren , und auf der Straße glitt ein schwarzer Punkt dahin , und diesen Punkt verfolgte Pavel so inbrünstig mit den Blicken , als ob das Heil seiner Seele davon abhinge , daß er ihm nicht entschwinde . Als es geschah , als die Schatten der Auen den kleinen Punkt aufnahmen und ihn nicht mehr zum Vorschein kommen ließen , streckte sich Pavel flach auf die Erde und blieb so regungslos liegen wie ein Toter ... Seine Schwester war ein Fräulein geworden und war fortgefahren in die Stadt . Wenn er jetzt ans Gartentor kam , mochte er nur vorübergehen ; mit der Freude , nach der Kleinen auszulugen , war es nun nichts mehr . Herb und trostlos fiel der Gedanke an den Verlust seines einzigen Glückes dem Jungen auf die Seele . Gern hätte er geweint , aber er konnte nicht ; er wäre auch gern gestorben , gleich hier auf dem Fleck . Er hatte oft seine Existenz verwünschen gehört , von seinem eigenen Vater wie von fremden Menschen , und nie ohne innerste Entrüstung dabei zu empfinden ; jetzt sehnte er sich selbst nach dem Tod : und wenn es einmal so weit gekommen ist mit einem Menschen , kann auch das Ende nicht mehr ferne sein , meinte er . Und steht es einem nicht frei , es zu beschleunigen ? Es gibt allerlei Mittel . Man hält zum Beispiel den Atem an , das ist keine Kunst ; es handelt sich nur darum , daß es lange genug geschieht . Pavel unternimmt den Versuch mit verzweifelter Entschlossenheit , und wie er dabei den Kopf in die Erde wühlt , regt sich etwas in seiner Nähe , und er vernimmt ein leises Geräusch , wie es durch das Aufspreizen kleiner Flügel hervorgebracht wird . Er schaut ... Wenige Schritte von ihm sitzt ein Rebhuhn auf dem Neste und hält die Augen in unaussprechlicher Angst auf einen Feind gerichtet , der sich schräg durch die jungen Halme anschleicht . Unhörbar , bedrohlich , grau - eine Katze ist ' s. Pavel sieht sie jetzt ganz nah dem Neste stehen ; sie leckt den lippenlosen Mund , krümmt sich wie ein Bogen und schickt sich an zum Sprung auf ihre Beute . Ein Flügelschlag , und der Vogel wäre der Gefahr entrückt ; aber er rührt sich nicht . Pavel hatte über der Besorgnis um das Dasein des kleinen Wesens alle seine Selbstmordgedanken vergessen ; - So flieg , du dummes Tier ! dachte er . Aber statt zu entfliehen , duckte sich das Rebhuhn , suchte sein Nest noch fester zu umschließen und verfolgte mit den dunklen Äuglein jede Bewegung der Angreiferin . Pavel hatte eine Scholle vom Boden gelöst , sprang plötzlich auf und schleuderte sie so wuchtig der Katze an den Kopf , daß sie sich um ihre eigene Achse drehte und geblendet und niesend davonsprang . Der Bursche sah ihr nach ; ihm war weh und wohl zumute . Er hatte einen großen Schmerz erfahren und eine gute Tat getan . Unmittelbar nachdem er sich elend , verlassen und reif zum Sterben gefühlt , dämmerte etwas wie das Bewußtsein einer Macht in ihm auf ... einer anderen , einer höheren als derjenigen , die seine starken Arme und sein finsterer Trotz ihm oft verliehen . Was war das für eine Macht ? Unklar tauchte diese Frage aus der lichtlosen Welt seiner Vorstellungen , und er verfiel in ein ihm bisher fremdes , mühevolles und doch süßes Nachsinnen . Ein lauter Ruf : » Pavel , Pavel , komm her , Pavel ! « weckte ihn . Auf der Straße stand der Herr Lehrer , den einer seiner beliebten Nachmittagsspaziergänge bis hieher geführt hatte und der seit einiger Zeit den Jungen beobachtete . Er trug einen Knotenstock in der Hand und versteckte ihn rasch hinter seinem Rücken , als Pavel sich näherte . » Du Unglücksbub , was treibst du ? « fragte er . » Ich glaube , du nimmst Rebhühnernester aus ? « Pavel schwieg , wie er einem falschen Verdacht gegenüber immer pflegte , und der Schulmeister drohte ihm : » Ärgere mich nicht , antworte ... Antworte , rat ich dir ! « Und als der Bursche in seiner Stummheit verharrte , hob der Lehrer plötzlich den Stock und führte einen Schlag nach Pavel , dem dieser nicht auswich und den er ohne Zucken hinnahm . Im Herzen Habrechts regten sich sofort Mitleid und Reue . » Pavel « , sagte er sanft und traurig , » um Gottes willen , ich hör nur Schlimmes von dir - du bist auf einem schlechten Weg ; was soll aus dir werden ? « Diese Anrufung rührte den Buben nicht , im Gegenteil : eine tüchtige Dosis Geringschätzung mischte sich seinem Hasse gegen den alten Hexenmeister bei , der ihn betrogen hatte . » Was soll aus dir werden ? « wiederholte der Lehrer . Pavel streckte sich , stemmte die Hände in die Seiten und sagte : » Ein Dieb . « 5 Die Frau Baronin kam noch am Abend desselben Tages nach Hause , aber allein . Ihre Fahrten nach der Stadt wiederholten sich jede Woche den ganzen Sommer hindurch , und man wußte bald im Dorfe , daß ihre Besuche dem Kloster der frommen Schwestern galten , mit deren Oberin sie sehr befreundet war und denen sie die kleine Milada zur Erziehung anvertraut hatte . Das Institut stand in hohen Ehren , und als Pavel hörte , daß seine Schwester dort untergebracht war , durchströmte ihn ein Gefühl von Glück und Stolz und von Dankbarkeit gegen die Frau Baronin . Er widerstand auch einige Zeit lang den Aufforderungen Vinskas und der eigenen Lust , Raubzüge in den herrschaftlichen Wald zu unternehmen . Nur eine Zeitlang . Seitdem der alte Förster pensioniert und sein Sohn an dessen Stelle gekommen , war der Eintritt in den Wald jedem Unbefugten ein für allemal verboten worden . Das neue Gesetz machte böses Blut und reizte gewaltig zu Übertretungen . Es bildete sich eine Bande von Buben und Mädeln , lauter Häuslerkindern , deren Führerschaft Pavel übernahm wie ein natürliches Recht . In kleinen Gruppen wanderten sie hinaus , lustig , kühn und schlau . Sie kannten die Schlupfwinkel und gedeckten Stege besser als selbst die Heger und gingen mit köstlichem Gruseln ihren Abenteuern entgegen , die nur auf zweierlei Weise enden konnten . Entweder glücklich heimkehren , das gestohlene Holz auf dem Rücken , mit der Aussicht auf Lob und ein warmes Abendessen , oder erwischt werden und Prügel kriegen , an Ort und Stelle wegen Dieberei und daheim , weil man sich hatte erwischen lassen . Das letztere Schicksal traf selten einen anderen als Pavel , dem es oblag , den Rückzug zu decken , und den man immer im Stiche ließ , weil man seiner Verschwiegenheit sicher war . Der Pavel verriet keinen , und hätte er es getan , dem schlechten Buben würde man nicht geglaubt haben . Sein Ruf verschlimmerte sich von Tag zu Tag . Fand sich im Walde irgendeine böswillige Beschädigung vor , sie war sein Werk . Entdeckte man eine Schlinge , er hatte sie gelegt ; fehlten Hühner , Kartoffeln , Birnen , er hatte sie gestohlen . Trat ihn jemand an und drohte ihm , dann stellte er sich und starrte ihm stumm ins Gesicht . Die alten Leute schimpften ihn nicht einmal mehr ; er wäre imstande , meinten sie , einem Steine nachzuwerfen aus dem Busch . So schwarz erschien er mit der Zeit , daß die Familie Virgil förmlich in Unschuld schimmerte im Gegensatz zu ihm . Daß Pavel hundert Hände und die Kraft eines Riesen hätte haben müssen , um die zahllosen Schelmenstreiche , die ihm zugeschrieben wurden , wirklich auszuführen , überlegten seine Mitbürger nicht ; er aber kam