Hören vergehen sollte . Flora Kuglmeier scheint mich mit ihrer Besuchs-Zusage für diesen Vormittag positiv zum Besten gehabt zu haben . Eigentlich gefällt mir das von dem zarten und doch so eigenwilligen Ding ; ja , es imponiert mir sogar . Dieses eigentümliche Persönchen mit seinem blonden Falkenköpfchen fängt an , einen unheimlichen Reiz auf mich auszuüben . Ich nehme mich schon ordentlich zusammen in ihrer Nähe . Ihr langer , kritischer Blick hat etwas Beängstigendes ; sie hat eine gewisse Art , mit ihren dunkelblauen Augen Fragen zu stellen , daß man sich selbst , bei Gott , ganz fragwürdig vorkommt . Und ich , der ich gewohnt bin , das weibliche Geschlecht so schopenhauerisch von oben herab zu nehmen ! ( In Parenthese : Brigitta galt mir stets als eine große Ausnahme ; ihr schlichter , starker Sinn , ihr hausmütterlich treues Walten , ihre Entsagungskraft - ja , da gehe Einer hin und thue desgleichen ! ) Mein lieber Max v. Drillinger , gemütreicher Leichtfuß , spitzfindiger Phantast , pessimistischer Optimist , Mann der Widersprüche , Zusammenreimer von Ungereimtheiten - ist das genug auf einmal ? - was wärst Du , ohne Brigittas Herz , diesen festen Schlußstein im luftigen Gewölbe Deines Lebensbaues ? Ich lege nun einen Eid darauf ab , daß mich die Tempera-Malerin mit Wissen und Willen gefoppt hat und schmiere ruhig Briefbogen um Briefbogen voll ; ich tilge nicht nur Briefschuld , sondern kapitalisiere , damit ich für den Rest meiner Italiafahrt von epistolarischen Renten leben kann und Dir überhaupt nicht mehr zu schreiben brauche . Wenn ich Flora Kuglmeier auf diesem Stern jemals wiedersehe , werde ich sie überzeugen , daß sie mir mit ihrem Wortbruch einen nützlichen Dienst geleistet hat . » Fragwürdig « habe ich oben gesagt . Ja , eigentlich sind wir zwei , Du und ich , fragwürdige Kerls , d.h. Du hauptsächlich , ich viel weniger . Schon deshalb , weil ich jetzt fest entschlossen bin , bei der Stange zu bleiben , mir im Leben nichts mehr gefallen zu lassen , was meine Thätigkeit stören oder beeinträchtigen könnte , und schließlich als freier Mann zu irgend einem schönen Fleck Erde in der bajuwarischen Heimat zu sprechen : » Hier ist gut sein , hier laßt uns Villen bauen ! « Fräulein Flora , wie gefällt Ihnen der Scherz ? Das ist zwar noch alles ziemlich kompliziert , aber ich stehe für mich ein , daß ich hinausfinde . Wo ein Wille ist , da ist auch ein Weg - das Wort soll nicht bloß für Amerikaner gesprochen sein . Aber Du ? ... Wille und Weg , wohin sollen sie schließlich führen ? Zur Berühmtheit , zur Unabhängigkeit und Herrschaft großen Stils , zu Reichtümern und allem , was damit zu erwerben ? Was damit zu erwerben ? Käuflich ist heute nahezu alles . Leider . Und das verdirbt dem feineren Ehrgeiz alle Freude . Erstreben was jeder reiche Lump haben kann , ist das noch erstrebenswert für den raffinierteren Kopf ? Gewährt uns das noch eine höhere Befriedigung , was für jeden aus der gemeinen Herde erreichbar ist , sobald ihm das große Los zufällt ? Aufgepaßt : das wäre ungefähr Dein Gedankengang , nicht Dein eingestandener , sondern Dein geheimer - und das ist just nicht der meine . Ich will mich einfach ausarbeiten und ausleben ; ich will beweisen , daß ich eine Kraft bin . Die kleinen Hilfsmittel und Verzierungen des Lebens kümmern mich wenig , sofern sie nicht eine besondere Verstärkung meiner Kraft bedeuten . Ich will meine eigenen Werte prägen : ich will meine höchstpersönliche Meinung vom Glück allen andern Meinungen gegenüber zur Geltung bringen . Großzügig , siehst Du ; monumental in Gesinnung ! Nun glaubst Du aber selbst , daß die geheimnisvolle Flora Kuglmeier heute nicht mehr zu mir kommt , so heiß auch meine - Neugierde sie ersehnt , nichtwahr ? Krampfhaft halte ich die Feder und schreibe fort , wütend , zähneknirschend - wenn nur kein Handschriftendeuter diese Blätter jemals in die Klauen bekommt und Dir mit dem Tüpferl auf dem I und dem U-Häuberl und dem andern Schnickschnack beweist , daß der Schreiber ein rasend verliebtes Rhinozeros gewesen . Da thäte ich mir selbst leid . Denn gerade meine Schreibfuria soll ja bezeugen , daß ich nur kraft körperlichen Zwanges in dem Vicoletto del Petrajo , einer Steinbruchgasse hoch über Neapel , hause , hingegen mein Geist bei Dir weilt an der rauschenden Isar , bei Dir , Max v. Drillinger , dem unausstehlichsten Freunde , den mir Gott in seiner unergründlichen Gnadenlaune beschieden . Träte Fräulein Flora Kuglmeier jetzt plötzlich durch die verschlossene Thür zu mir , oder schwebte sie über den Balkon leise herein , oder senkte sie sich vom Plafond herab , etwa am Faden eines Spinngewebes , oder tauchte sie aus der schwarzen Tiefe meines Tintenfasses auf - Du wirst ' s erleben , daß sie nichts dergleichen thut - aber angenommen : ich versichere Dir , ich bliebe kalt wie eine Hundenase und plauderte ganz gelassen da weiter , wo ich gerade mit der Feder aufgehört . Also von Dir , Unvergleichlicher ! Komisch . Sie erzählte mir neulich aus ihrer Lehrerin-Vorbereitungszeit von einem Examen , das ihr die erste Auszeichnung eingetragen , eine Prämie in der Physik , weil sie so gründlich und anschaulich die Gesetze von der Anziehung der Körper dargelegt habe . Anziehung der Körper , welch ' ein Thema für eine junge , feurige , geistreiche Dame ! Freilich muß es schon recht lange her sein , da sie selbst so wenig mehr von der Wirkung dieses interessanten Gesetzes verspürt . Oder sollte mein Körper alle intimere Anziehungskraft verloren haben ? Sollten keine geheime Kräfte mit siegender Allgewalt sich Bahn brechen zu der entfernten Ersehnten , daß sie dem Zwange der Natur sich füge ? Und heute ist Josephitag ! Wie ganz anders haben wir gewirkt in unserer Jugendjahre Maienblüte , guter Max ! Neulich , in einer schlaflosen Nacht , habe ich die Flammen rekapituliert , die ich einst als studentischer Schmetterling umgaukelte . Wieder ein Beweis , was ich für eine treue Seele : ich habe im Stillen den Lebenslauf dieser unschuldigen Kinder verfolgt . Die Beobachtung ergab seltsame Resultate . Die dicke , runde Klara , die Bräumeisters-Tochter , ist mit einem Kassier verduftet ; Seraphine aus der Sendlingergasse hat ihr Herz an einen Pfaffen gehängt und hat sich aus mystischen Gewissensskrupeln in der Isar ertränkt ; die sentimentale Amalie der Professorswittwe Streuhuber ist eine tüchtige Geschäftsfrau geworden und verkauft Hosen an die Landshuter Garnison ; Fanni Kranzler vom Rochusberg hat sich dem Trunk ergeben und ist im Irrenhause gestorben ; die rabiate Bella ist zuerst Komödiantin und dann eine resolute Pensionatsmutter geworden . Was für Lebenswendungen ! Und unsere Jugendeseleien ! Noch nicht hinter den Ohren trocken , wollten wir berühmt werden und die Augen von ganz Europa - oder wenigstens von unserm Stadtviertel auf uns lenken . Berühmt werden ! Jeden Morgen war die erste Frage : wie fangen wir ' s an ? Und dabei erreichten wir zunächst , daß wir beim Examen mit Pauken und Trompeten durchfielen . Dann wiederum : sollen wir fünfaktige Dramen schreiben , um schneller ans Ziel zu kommen , wenigstens öffentlich ausgepfiffen zu werden , oder eine neue Religion oder ein neues Schießpulver erfinden , um der Menschheit ein ungeahntes Heil zu bringen ? Mit unserer Sehnsucht nach der Heilandschaft verband sich nur ganz selten die sehr praktische Erwägung : Berühmtheit bringt Moneten , jene Berühmtheit , welche von den Kindern einer materialistischen Zeit als die überhaupt allein erstrebenswerte betrachtet wird . Unser Sinn ging zunächst immer , dieses Lob dürfen wir uns nicht versagen , auf etwas Schönes ohne Hinterlist , etwas Reinliches ... Zum Teufel auch , hätten wir doch wenigstens Richard Brands Schweizer-Pillen erfunden ! Da fällt mir eben etwas sehr Menschliches ein : wenn Fräulein Flora Kuglmeier krank geworden wäre ? Wir haben gestern bei einem Ausfluge eine Menge Zeug durcheinander gegessen : Orangen , Makkaroni , Salat , Würste , Feigen ... Ich werde mich ankleiden und im Gasthofe nach ihr sehen . Sie wohnt da unten , dem Meere zu , in einem Kranze blütenreicher , duftiger Gärten , Rione Principe Umberto . Ich bin ganz gerührt , wenn ich mir das liebe Kind leidend denke , im Bett vergraben , mit der Kolik , der Ruhr oder sonst einer wüsten Krankheit ringend ; das Gesichtchen bleich , verzagt , von einem weißen Häubchen umrahmt ; auf dem Nachttischchen eine herabgebrannte Stearinkerze in einem grünspanfleckigen Messingleuchter mit zerbrochener Glasmanschette , daneben halbleere Medizinflaschen in allen Größen und Farben . Hilfesuchend streckt sie mir aus der Decke ihr feines , vom Fieber brennendes Händchen entgegen ... Ja , ich will gleich hinuntergehen . Ich erfülle eine heilige Menschenpflicht . Das hätte ich eigentlich schon vor einer Stunde thun sollen . Statt an diesem unnützen , überflüssigen , ungeheuerlichen Brief zu schreiben , für den ich doch keinen Dank ernte , höchstens eine mokante Kritik . Trotzdem will ich zum Schlusse auch Dir gegenüber das Maß meiner Güte voll machen und Dir zu Deinem bevorstehenden Geburtstage gratulieren - ich merkte ihn , weil er in den kalendermäßigen Frühlingsanfang fällt , worauf Du Dir in grenzenloser Eitelkeit immer so viel zu Gute thatest , obwohl Du diesen Datums-Vorzug mit einigen Millionen anderer Menschenkinder teilst , hochgeborener Max von Drillinger . Da ich Dich nun einmal mehr liebe , als Du verdienst , und das Schicksal - die präsumptive Krankheit - meiner armen Flora mich in weiche Stimmung versetzt , hat , so will ich ein ganzes Füllhorn innigster Wünsche auf Dein edles Haupt ausgießen . Möge das neue Lebensjahr all ' die Wechsel - so warte doch mit Deiner nervösen Grimasse ! - all ' die Wechsel - einlösen , welche Dir das alte auf Glück ausgestellt haben sollte . Im Übrigen kannst Du bleiben wie Du bist ; Du bist mir drollig und amüsant genug . Ziehe aus dem Umstande , daß die Zahl Deiner Jahre um eins vermehrt wird , nicht den voreiligen Schluß , daß Du älter geworden seist . Ich weiß , man ist gerade an solchen Tagen zu so jammerhaften Meditationen geneigt , und besonders Leute , die wie Du gar kein Talent zum Altwerden haben , sind ' s am meisten . So . Und jetzt lass ' mich gefälligst in Ruhe . Schreib ' mir gelegentlich , was die Isar neues rauscht , wie ' s der tapfern Brigitta geht , der bewundernswerten Heldin , die das Unerträglichste erträgt - Dich ! Gott mit uns . Amen . Mit Schwert und Eichenlaub Dein getreuer Joseph Zwerger . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Nachschrift . Zwei Stunden später . Flora Kuglmeier ist gekommen , Flora Kuglmeier ist gegangen ; sie ist frisch und gesund , der Name des Herrn sei gelobt ! In die Arme sind wir uns zwar nicht gesunken , aber das kommt noch . Sie ! ist ein wunderbares Geschöpf . Ein Charakter ! Da läßt sich daraufbauen . Ich habe mich nicht enthalten können , sie auszuforschen : sie kennt Dich nur vom Hörensagen , aus weiter Entfernung . Das gereicht mir zu großer Beruhigung . Nun hab ' ich ihr zum Dank viel Gutes von Dir erzählt . Entsetzlich war ' s , daß ich vor Zerstreuung , Eile , freudigem Schreck u.s.w. im Hemde die Thür öffnete . Je nun , Flora hat nicht aufgeschrieen , ist nicht in Ohnmacht gefallen - sie hat den Anblick ertragen wie ein Mann ! Das werde ich ihr all ' mein Lebtag nicht vergessen . Sie wünscht , Du möchtest die Bekanntschaft des Bildhauers Achthuber machen . Er hat sein Atelier drunten am » Gries « , im Wäscherinnen-Viertel , Ende der Isarstraße . 2. Die Vorstellung im Gärtnerplatztheater war zu Ende . Jung-München lärmte heraus . Der Schwarm der Besucher hatte sich bis auf wenige Nachzügler im urbajuwarischen Gaslichthalbdunkel der von der Rotunde strahlenförmig auslaufenden , schön langweilig nach der Schnur gebauten Straßen mit allmählich verhallendem Geräusch von Menschenstimmen , Massenschritten und Wagengerassel verloren . Die Kandelaber an der Freitreppe des Theaters wurden gelöscht und die Thüren geschlossen . Die Feuerwehrmänner mit ihren blitzenden Helmen marschierten in militärischem Tempo und kräftigem Absatzaufschlag davon . Ehrsame Nachtstille lagerte wieder über dem dämmerigen Platz und träumte in den schwarzen Wipfeln der Kastanienbäume , welche die statuengeschmückte Rotunde umsäumen . Aus dem Seitenausgang des Theaters gegen die Klenzestraße war eine elegant in Kapuze und Mantel gehüllte Dame in eine wartende Droschke gestiegen . Der wohlabgerichtete Kutscher fuhr langsam die Theaterseite hin und zurück , bis endlich behenden Schrittes eine Männergestalt den Platz durchquerte , direkt auf den Wagen zueilte und den Schlag öffnete . » Aber Max , wie konntest Du mich wieder so lange warten lassen ! « erklang zärtlich vorwurfsvoll eine tiefe Frauenstimme aus dem dunklen Wagengehäuse . » Rasch herein ! « » Den alten Weg , « rief der Herr zum Kutscher hinauf und schwang sich zu der vor Ungeduld und verliebtem Begehr fiebernden Dame in die Droschke . Kaum war die Thür geschlossen , so fielen auch schon die Gardinen und das Liebesgespann - nahm den alten Weg . Hü , hot ! » Natürlich war er ' s wieder , Max v. Drillinger , der Heißbegehrte , « höhnte eine meckernde Baßstimme aus einer Gruppe , die beobachtend im Dunkel der Hausecke den Vorgang verfolgt hatte . » Kein Zweifel . « » Die Abfahrt stimmt . Der Rest läßt sich denken . « » Wie gewöhnlich hat die kluge Dame ihren eigenen Wagen heimgeschickt mit der Erklärung , sie ziehe bei dem schönen Wetter den Spaziergang vor , die Nachtluft werde ihr wohl thun und so weiter . « » Wird ihr auch wohl thun . « » Sehr wohl . Der Drillinger versteht sein Metier als patentirter Frauentröster . « » Wie der brave Gatte in der Quaistraße - sprich auf münchenerisch : G ' weih-Straße ! - sein Metier als König Menelaus versteht . « » - Laus der Gute , - Laus der Gute - « spottete der Dritte , den Offenbachschen Refrain aus der » Schönen Helena « summend . » O , der hat als richtiges Ehe-Trampelthier eine Elephantenhaut . Alle Pfeile des Spottes auf dem letzten Faschingsball im Hoftheater sind wirkungslos abgeprallt . « » Und es sollte kein Mittel geben , ihm die Augen zu öffnen ? « » Er gehört zu jenen Blinden , die nicht sehen wollen . Und die sind inkurabel . « » Bah , man müßte ihn nur bei den Ohren nehmen und einmal der Katze die rechten Schellen anhängen . « » In der Presse ? « » In dem berüchtigten , Vaterland der schönen Seelen , Organ für sittliche Unterhaltung und Belehrung der Wachtstuben- und Kasernenwanzen ? « » Das ist abgeschmiert . Die kluge Donna ist eine zahlungsfähige Klientin der Revolverpresse unserer königlichen Haupt- und Residenzstadt . « » Ein Versuch wäre doch zu machen . Aber welcher reinliche Mensch mag sich mit solchen Schmieranten und Preßbanditen einlassen ? « » Ich ! Reinlichkeit in Ehren , aber gibt es nicht Zangen , mit denen sich auch das Schmutzigste anfassen läßt ? Gibt es nicht Mittelspersonen ? Das sind zwar auch Hallunken , aber wenn ' s einmal nicht anders geht ! Dem Drillinger muß endlich ein ordentlicher Prügel zwischen die Beine geworfen werden . « » Einverstanden . Das wird wenigstens eine Abwechslung sein für seine verehrten Beine . Also überlegen wir das Geschäft ! « » Preis ist Nebensache ! « spottete der Dritte . Die Gruppe entfernte sich durch den dunklen Portikus , überschritt die Reichenbachstraße und trat in das Café Paul , dem Stelldichein der Theaterbummler und Nachtschwärmer des Gärtnerplatz-Viertels . Auf dem Asphalt unter den Kastanienbäumen promenierten mehrere Studenten , schweigend ihre Zigaretten rauchend und die Pferdebahn erwartend . » Ich muß sagen , nach der Nacht in Venedig mit der entzückenden Straußschen Musik verspreche ich mir wenig von dieser Nacht in München , die Ihr mir zum Besten geben wollt « , nahm eine schlanke Gestalt mit ein paar Schelmenaugen im träumerischen Siegfriedskopfe die Rede auf . » Eine Gondel auf den Lagunen und eine Droschke auf dem Münchener Pflaster - wer weiß mir lächerlichere Gegensätze ? « » Und eine Droschke , die nie zu haben ist , wenn man sie braucht , und zu deren Ersatz man auf eine Trambahn wartet , die nie ankommt . « » Ihr Norddeutschen könnt eben unser herrliches München nur in kritischer Sauce genießen . Das ist zwar fade für unsern Gaumen , aber wir haben uns daran gewöhnt . « » Nun hören Sie einmal , Kuglmeier , die Rheinländer sind nicht so norddeutsch , wie Sie glauben und meine Wiege hat bekanntlich in der großen Pfaffengasse am Rhein gestanden , « protestierte der träumerische Siegfriedskopf und schob seinen Arm unter den seines Münchener Kameraden . » Wir Rheinländer wissen zu leben und leben zu lassen . Wir sind die gemütlichsten Kerls . « » Na , und wir Münchener erst ! « Das brachte der kleine Kuglmeier so drollig heraus , daß alle lachten . » Na , und diese Luft , direkt aus Italien , von einer Weichheit ... « » Als ob sie Deine Schwester Flora in Neapel extra für uns präpariert hätte . « » Also heute nicht raisonnieren ! « hob wieder der Rheinländer an . » Nehmen wir Kuglmeiers Münchener Nacht , wie sie ihm Gott beschieden hat ; trinken wir noch Eins , scherzen mit hübschen Mädchen womöglich - plaudern , faseln , kannegießern , aber warten wir nicht länger auf diese marode Pferdebahn ! « » Dort kommt sie schon herangekrochen mit müdem Geklingel . « » Wir haben noch gar kein Vergnügungs-Programm gemacht ! « » Das laßt meine Sorge sein , « rief Kuglmeier . » Da kann ' s uns nicht fehlen . Kuglmeier ist die rechte Hand des Zufalls , « bemerkte der Mediziner Stich , der auf den Kneipnamen Hippokrates hörte . Der einspännige blauweiße Kasten rollte vorüber , die jungen Herren sprangen einer nach dem andern auf die Plattform . Im Innern saßen , beschienen von der gelben Laterne , zwei etwas auffallend geputzte Mädchen , eine stumpfnäsige Brünette und eine langnäsige Blondine , beide mit exzentrischen Hüten aus hochgestülptem , schwarzem Filz und steifen , gespreitzten Federn , wodurch die ermüdeten Gesichter etwas gewaltsam Kühnes und Herausforderndes erhielten . Fest im straffen Korsett sitzend , die Beine übereinander geschlagen , mit den Stiefletten klopfend , die einen kräftigen , aber wohlgeformten Fuß umspannten , wandte sich die Brünette mit einer raschen Bemerkung ans Ohr der Blondine , worauf diese mit einem schmachtenden Blick auf die Plattform antwortete . Als Fortsetzung unterdrückte sie ein Gähnen , hielt die gelbgantierte Hand muschelförmig über den Mund und flüsterte : » Hunger hab ' ich . « » Und ich Durst . Prost Mahlzeit ! « kicherte die Brünette und gähnte gleichfalls mit Anstand . » Wohin fahren die Herren ? « fragte der Kondukteur . » Ja , wohin fahren wir gleich - « meinte Kuglmeier mit komischer Unsicherheit . » Der rechte Führer ! Prädestiniert für den deutschen Generalstab ! Du lieber Gott , Damen haben überall den Vortritt : wir fahren den Damen da drinnen nach ! « vermittelte lachend der Rheinänder und seine Schelmenaugen umspielten einladend die beiden Mädchen , denen die Geschichte offenbar gar nicht übel gefiel , denn sie stießen sich an , schlugen die Augen à tempo halb nieder und zwinkerten durch die Lidspalte mit leisem Kopfnicken dem munteren Sprecher zu . » Also geben Sie uns für zehn Pfennige pro Mann , « sagte Kuglmeier trocken und steckte dem Kondukteur ein halbes Markstück in die Hand . Der Wagen durchrollte die lange Reichenbachstraße und hielt an der Haltestelle bei der Einmündung in die Frauenhoferstraße . Niemand machte Miene zum Aussteigen . Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung . Eine leichte Steigung gegen die Reichenbachbrücke veranlaßte den Kutscher langsamer zu fahren ; auf der Brücke angekommen , einem alten Balkengerüst von der architektonischen Schönheit der Pfahlbauzeit , ließ der Kutscher sein Pferd vorschriftsmäßig im Schritte gehen . Der müde Schimmel , dankbar für diese ortspolizeiliche Vorschrift , streckte den Kopf rechts und links , pustete seinen glühenden Atem in die schwarze Nachtluft hinaus , daß weiße Nebel um seine Nüstern sprühten , hob den Schweif und blieb mitten auf der Brücke stehen , um ein natürliches Bedürfnis zu befriedigen . Die Mädchen stießen sich wieder an , zupften ihre exzentrischen , hochgestülpten Filzhüte mit den gespreitzten Federn zurecht - und benützten den unfahrplanmäßigen Halt zum Aussteigen . » Erlauben Sie , daß wir die schöne Gelegenheit bei der Hand ergreifen , « sagte der Rheinländer galant und erhaschte die flinke Brünette bei den Fingerspitzen , zog damit ihren Arm an sich und , mit ihr gleichzeitig den Boden betretend , schlang er als vorsichtiger Ritter noch seinen Arm um ihre Hüfte , damit sein Schützling auf der schlecht beleuchteten Brücke ja nicht zu Fall komme . Die übrigen Kameraden , elektrisiert von seinem Beispiel , wollten sich gleichzeitig um die Blondine bemühen , aber da kam einer dem andern in die Quere , das Pferd zog plötzlich an und der kleine Kuglmeier blieb mit dem Absatz am Tritteisen hängen , fiel und drückte die lange Blondine mit zu Boden . Die Brünette schrie und lachte zugleich , sich fest an den Rheinländer drückend , der sie im ersten Schreck mit beiden Armen umschlang , während die Andern im Rettungseifer blind dreintappten - merkwürdigerweise keiner nach Kuglmeier , alle nach dem Mädchen ! - und der eine ein Bein , der andere einen Arm , der dritte den Federhut erwischte . » Hippokrates vor ! « rief der Rheinländer . Inzwischen hatte sich die Blondine in die Höhe gearbeitet und lachend den kleinen Kuglmeier mit aufgezogen . » Hippokrates , walte Deines Amtes ! Biete der Gefallenen Deine hilfreiche Kunst ! « Die Brünette hatte sich mit einem letzten zärtlichen Druck von dem Rheinländer losgemacht , um ihrer Freundin die Kleider und den Hut ordnen zu helfen . » Ach , es ist gar nichts , « versicherte die Blondine mit dem besten Humor von der Welt . Hippokrates ließ sich aber dadurch nicht abhalten , als gewissenhafter Medizinmann seine Pflicht zu erfüllen . Er strich und tastete und drückte mit beiden Händen an dem Mädchen herum , das sich nur zum Schein gegen so sachverständige Sorgfalt wehrte . Die Brücke war menschenleer ; die kleine Gesellschaft stand allein in ihrer abenteuerlichen Intimität da , über sich den schwach besternten Wolken-Himmel , unter sich die rauschende Isar , ringsum die dunkle , laue Nacht , in welche die Gasbeleuchtung diskrete Lichtpünktchen säete . Der emsige Hippokrates ließ sich auf ein Knie nieder , nahm die Fußknöchel der Blondine zwischen Daumen und Zeigefinger , frottierte mit der Hand hurtig bis an die halbe Wade hinauf - und » Eine Röte , eine verdächtige Röte ! Thut ' s weh ? « rief er und erfaßte das Strumpfband . » Was Röte ! Das ist ja die Farbe des Strumpfes ! « rief lachend das Mädchen . » Sie sind mir ein schöner Doktor - « und mit einem Ruck entzog sie ihm das Bein . Allgemeine Heiterkeit . Der Heiterste aber war Hippokrates : er richtete sich hoch auf und schwang triumphierend das Strumpfband . » Nein , ist das lustig ! « und die Brünette hüpfte wieder zu ihrem Ritter , der ihr galant den Arm bot . Der Rheinländer mit den glücklichen Schelmenaugen hob jetzt mit kömischem Pathos an : » Meine Herrschaften , danken wir unserem Freunde Kuglmeier für die ungeheuere Geschicklichkeit , mit welcher er dieses ebenso erschütternde wie angenehme Ereignis inszeniert hat . Er ist der Mann der Überraschungen und stets Herr der Situation . « » Bravo ! Bravo ! « » Da wir nun in anbetracht der vorgerückten Stunde die Damen nicht mehr allein ihrem Schicksale überlassen dürfen ... « » So bleiben wir hübsch beieinander , « fiel Kuglmeier ein und machte sich begehrlich an die lange Blondine , die sich in schwachen Anstrengungen gefiel , von dem glühenden Hippokrates ihr Strumpfband wieder zu erlangen . » Ausreden lassen ! « » So finde ich es schicklich , daß wir uns den Damen zunächst vorstellen . Hier der Medizinmann Herr Stich , Herr Kupfer , genannt der große Schweiger , Herr Schlichting , der Einsame , Herr Kuglmeier und meine Wenigkeit , der große Unbekannte , der in diesem Augenblicke gar nicht weiß , in welcher wildfremden Gegend er sich befindet . « » Wir sind Blumenmädchen , « lachte die Brünette . » Aus der Nacht in Venedig - oder aus Parsifal ? - Zauberhaft ! « » Nein , - aus dem Bellingerschen Atelier . Ich mache Blätter und Blüten und die Nanni die Stiele . « » Noch zauberhafter . « Helles Gelächter . Der als Herr Kupfer , der » große Schweiger « Vorgestellte , wollte nun die Last seiner Gefühle in dieser närrischen Frühlingsnacht auch nicht länger stumm bei sich tragen . Die Dunkelheit machte ihn so kühn , daß er sich mit allerlei phantastischen Griffen an des Rheinländers Schützling heranzuschlängeln mühte . » Ja , sehen Sie , holde Wunschmaid und Blütenfabrikantin , wir sind ganz unschuldige Säuglinge der Wissenschaften und schönen Künste . « Aber die Brünette wehrte ab : » Bitte , Sie scheinen mir im Gegenteil ein ganz verflixtes Schweinchen zu sein . « Die Lebhaftigkeit der Unterhaltung und der Gesten hatte das Auge des Gesetzes angezogen das jetzt in Gestalt zweier Gendarmen feierlich beobachtend im Dunkel auftauchte und den Raum der Brücke durchmaß . Die Gesellschaft war an die Ballustrade getreten , an eine Stelle , wo dichtere Finsternis herrschte . » Orientieren wir uns . Herr Kuglmeier , urmünchenerischer Ansiedler , leihen Sie uns Fremdlingen Ihr Licht ! « Nun wollte sich der kleine Kuglmeier aus Rache für sein Mißgeschick auch einige Witze leisten . Er warf sich in Positur und brachte folgenden Unsinn zustande : » Wir sind in Bajuwariens nächtigsten Gefilden . Dort im Süden dehnt sich der furchtbare Urwald von Harlaching- Thalkirchen- Großhessellohe-Höllrieglskreut , durchströmt von dem wildesten und gefährlichsten aller Alpenflüsse . Rätselhaft ist sein Wesen gleich dem Acheron und unheilvoll ist sein Wasser . Wer unbedacht hineinfällt , ersäuft , wenn ihm nicht der Magistrat einen Rettungsbalken zuwirft ; und sitzt er auf dem Rettungsbalken , so erfriert er , wenn ihm nicht die barmherzige Kathi vom Beisel in der Wasserstraße einen steifen Grog hinüberbringt . Hier , rechts , sehen Sie eine der gewagtesten menschlichen Ansiedlungen , Monachia , die Stadt der Mönche und anderer Klosterbrüder und ungeschundener Raubritter ; links die Au , die sich an einem Nebenflusse der Isar , am duftigen Entenbach , zu einer der größten und elegantesten Villenstädte europäischer Biersümpfler zu entwickeln verspricht ; ferner flußauf und -abwärts zwischen dem Ufer und den menschlichen Wohnstätten dehnen sich Promenaden , Alleeen , Gärten , Haine , Wiesen , Mist- und Schutt- und Eisplätze in lieblichem Wechsel , allwo die große heidnische Göttin im Schutze der Nacht ihren Gläubigen die Opferstellen anweist ... « » Haltet ihm den Mund zu ! « » Was sind das , Opferställe ? « » Opferstellen ! Das werdet Ihr heute Nacht zum hundertundsoundsovielten Male praktisch expliziert bekommen , geliebte , keusche Mädchen . « » Ich verbitte mir solche Randglossen zu meinem Vortrage ! « schrie der kleine Kuglmeier , als der Medizinmann Stich die fragende Blondine in die Arme schloß und leidenschaftlich küßte . » Alle Wetter , Kuglmeier ist eifersüchtig , « spottete der große Schweiger , noch verstimmt über seinen Mißerfolg bei der braunen Blütenmacherin mit der lustigen Stumpfnase . » Ich eifersüchtig ? Das wäre geradezu beleidigend , wenn ... « » Kinder , nehmt Vernunft an , die Gendarmen sind in der Nähe . Deren Zartgefühl erträgt solche Scherze nicht . Da kommt auch eine Droschke mit ehrbaren Spießbürgern , skandalisiert sie nicht ! Seid dezent ! « mahnte der Rheinländer spöttisch , während er mit der Hand seines um die Taille der Brünette gelegten linken Armes den vollen straffen Busen streichelte , daß das Mädchen erregt aufseufzte und in heißem Schmachten sich förmlich in die Feuer und Leben atmende Gestalt des blonden Recken vergrub . » O , seht hin , die Gardinen zugezogen ; ein Ehebett auf Rädern ! « » Ich erkenne den Kutscher ; er nahm am Gärtnerplatztheater ein heimliches Pärchen auf . « » Hetzen wir die Gendarmen darauf ! « » Willst Du gleich stille sein , Kuglmeier ? « » Kutscher , Sie haben wohl etwas Zerbrechliches in dem Fuhrwerk ? Schreiben Sie doch ein anderesmal Vorsicht auf Ihre Kiste ! « » Ich habe Hunger . Was stehen wir länger da herum ? Davon werd ' ich nicht satt , « platzte Nanni heraus , die zarte Stengelfabrikantin . » Komm , Mali ! « » Also gehen wir hinüber in die Wasserstraße , in den Isarhof ? « fragte Kuglmeier . » Ich bin zu allen kulinarischen Schandthaten bereit , obwohl ich keinen Hunger habe ; nur endlich los ! « setzte der Rheinländer kräftig ein . » Nein , nicht in die Wasserstraße , « protestierte Mali ; » da hält man uns für nichts Rechtes , da streunen lauter schlechte Frauenzimmer herum . « » Dann gehen wir auf die andere Seite , durch die Anlagen mit den hübschen Sitzgelegenheiten - oder über das Muffatwehr ,