einer des andern Gott sein sollte , und machte nun freilich Forderungen , worüber der andre sich wunderte . Er wollte ja nur Kurzweil , nichts so Ernstes ! Einem jungen Manne , Gorgonda Notara nannt er sich , war ich immer gut geblieben . Ich hatte so oft umsonst gehofft , ein Wesen zu finden , wo ich sagen könnte , nun bin ich zufrieden auf ewig ! hatte so oft mit Schmerzen mich losgerissen , wo mein Herz so schnell und innig sich angehängt hatte , ich hatte mich durch Dornen gewunden , und sie hatten mit jedem Schritte mich festgehalten , um mich ihren Stachel fühlen zu lassen , ich hatte so oft mich hingedrängt , wo es besser gewesen wäre , auszuweichen , ich war nun froh , doch etwas an ihm zu haben , und wenn ich mich entfernen wollte in meiner Ungenügsamkeit , zog er mich immer wieder an sich . Er war etwas vielseitig , und das kam mir zustatten ; gab mir freilich auch oft ein Mißtrauen gegen ihn . Er wußte jedem Dinge einen Wert zu geben ; er war äußerst duldsam gegen mich , das tat mir wohl , aber er war es auch gegen andre , die meine Gegenteile waren , und das war mir unbegreiflich . Er bestritt mich oft gerade in meinen liebsten Überzeugungen , aber mit Freundlichkeit und Bedacht , - ich verglich uns , wenn wir so zusammen stritten , oft mit den jungen Lämmern , die sich scherzend einander an die Stirne stießen , als wollten sie sich so das Gefühl ihres Daseins in sich wecken - und , wie es schien , mehr um das Gespräch zu beleben , mehr zum Versuche , was wohl aus dem Für und Wider sich ergeben möchte , als in strengem Ernste , und indes er wider mich sprach , schien er doch auch seine Freude zu haben an dem sonderbaren Geschöpfe , das so ungelenksam und unersättlich wäre in seinen Forderungen , und doch so leicht und oft gerade dem Kleinsten sich hingäbe ; ich hätte in meinem Leben noch keinen Menschen gesehen , meinte er , ich wandelte von je her unter Geistererscheinungen , und es wäre nur schade , daß diese verschwänden , sobald ich näher käme , aber man müßt ihm doch gut sein , dem wunderlichen Phantasten ! - Einst saßen wir mit andern zusammen ; es war ein alter Bekannter von einer Fahrt zurückgekommen , und wir feierten das fröhliche Wiedersehn . Alle waren inniger , wie sonst ; ich glühte , und sprach ungewöhnlich viel . Ich fühlte wirklich zum ersten Male die Freude jugendlicher Verbrüderung ganz . O man lebt doch nicht umsonst , ihr Lieben ! rief ich in meines Herzens Trunkenheit , und streckte die Hand aus über dem Tische , und jeder bot die seinige dar . - Öffne geschwinde die Fenster , rief ich einem , der gegen mir über saß , nach einer Weile zu . Was hast du , Hyperion ? fragt ' ein andrer . Dort gehn die Dioskuren am Meer herauf , rief ich freudig . Zufällig sah ich einen Augenblick darauf in den Spiegel , und glaubte drin ein zweideutig Lächeln an Notara zu bemerken . Betroffen blickt ich um mich , und es war mir , als fänden sich auch auf andern Gesichtern solche Spuren . Das war mir ein Dolch ins Herz ! Ich glaubte mein Innerstes verunehrt , meine beste Freude verlacht , von meinem letzten Freunde mein Herz verspottet . Ich sprang auf , und eilte fort . - Alle die traurigen Täuschungen , die ich von je her erfahren , jede Miene , jeder Laut , der mein Herz zurückgestoßen hatte , seit ich unter die Menschen gekommen war mit meinen Hoffnungen , jeder unfreundliche Scherz , womit man sich an meinen kleinen Unaufmerksamkeiten gerächt , jede Mißdeutung , womit man meine unbefangenen innigen Äußerungen lächerlich gemacht , jede Falschheit , womit man , wie mir itzt schien , meine Liebe und meinen Glauben nachgeäfft hatte , alles , was ich längst verziehen hatte und vergessen , gesellte sich nun zu den unverhofften Entdeckungen , die ich eben gemacht , - ich dachte mir einen um den andern aus dem Zirkel , den ich verlassen hatte , wie er mir wohl seine bittern Bemerkungen nachschicken werde ; der rauhe Seemann stand lebendig vor mir mit seinem Ärger und gegenüber Notara mit seinen hämischen Entschuldigungen . Itzt kam ich an dem Hause vorüber , wo der edle Fremdling gewohnt hatte . Du hattest recht , guter Mann ! dacht ich , o du hattest recht ! Ich sollte mich nicht zu viel befassen mit dieser Welt , sagtest du . Ach ! daß ich dir nicht folgte , mein Schutzgeist ! Nun bist du gerächt . Man belächelt oft den Menschen , und findet es ungereimt , wenn oft von einer kleinen Wunde sein Innerstes erkrankt , und nur sehr schwer genest . Man würde besser tun , wenn man teilnehmend das Übel zu ergründen suchte . Man würde dann finden , daß auch dem schwächsten Feinde der Sieg sehr leicht wird , wenn ihm ingeheim ein Stärkerer vorarbeitete , und unsre stärksten Feinde sind wir selbst . Das arme Wesen wollte sich nun zurückflüchten in sich selbst , und hatte doch längst sein Selbst verloren . Ich hatte mich gewöhnt , Ruh und Freude aus fremder Hand zu erwarten , und war nun dürftiger geworden , als zuvor . Ich war , wie ein Bettler , den der Reiche von seiner Türe stieß , und der nun heimkehrt in seine Hütte , sich da zu trösten , und nur um so bittrer sein Elend fühlt zwischen den ärmlichen Wänden . Je mehr ich über mir brütete in meiner Einsamkeit , um so öder ward es in mir . Es ist wirklich ein Schmerz ohne gleichen , ein fortdaurendes Gefühl der Zernichtung , wenn das Dasein so ganz seine Bedeutung verloren hat . Eine unbeschreibliche Mutlosigkeit drückte mich . Ich wagt oft das Auge nicht aufzuschlagen vor den Menschen . Ich hatte Stunden , wo ich das Lachen eines Kindes fürchtete . Dabei war ich sehr still und geduldig ; hatt oft einen wunderbaren Aberglauben an die Heilkraft mancher Dinge ; oft konnt ich ingeheim von einem kleinen erkauften Besitztum , von einer Kahnfahrt , von einem Tale , das mir ein Berg verbarg , Trost erwarten . Mit dem Mute schwanden auch sichtbar meine Kräfte . Ich glaubte wirklich unterzugehn . Ich hatte Mühe , die Trümmer ehmals gedachter Gedanken zusammenzulesen , der rege Geist war entschlummert ; ich fühlte , wie sein himmlisch Licht , das mir kaum erst aufgegangen war , sich allmählich verdunkelte . - Freilich , wenn es einmal , wie mir deuchte , den letzten Rest meiner verlornen Existenz galt , wenn mein Stolz sich regte , dann war ich lauter Wirksamkeit , und die Allmacht eines Verzweifelten war in mir , oder wenn sie von einem Tropfen der Freude getränkt war , die welke dürftige Natur , dann drang ich mit Gewalt unter die Menschen , sprach , wie ein Begeisterter , und fühlte wohl manchmal auch die Träne der Seligen im Auge , oder wenn einmal wieder ein Gedanke oder das Bild eines Helden in die Nacht meiner Seele strahlte , dann staunt ich und freute mich , als kehrte ein Gott ein in dem verarmten Gebiete , dann war mir , als sollte sich eine Welt bilden in mir ; aber je heftiger die schlummernden Kräfte sich aufgerafft hatten , um so müder sanken sie hin ; versuche nur nichts mehr , sagt ich mir dann , es ist doch aus mit dir ! Wohl dem , der das Gefühl seines Mangels versteht ! wer in ihm den Beruf zu unendlichem Fortschritt erkennt , zu unsterblicher Wirksamkeit , wer im Schmerze der Erniedrigung den kleinen Trost verachten kann , unter den Kleinen groß zu sein , ohne an sich zu verzweifeln , und den Glauben an die Götterkraft des Geistes aufzugeben , wer sie überstanden hat , diese Feuerprobe des Herzens , wenn es überall eine Leere findet , und das wenige , was es geben kann , verschmäht fühlt ! - Wohl manches jugendliche Gemüt trauert , wie ich einst trauerte , im Gefühle menschlicher Armut , und je trefflicher die Natur , desto größer die Gefahr , daß es verschmachte im Lande der Dürftigkeit . Mir ist er heilig , dieser Schmerz , so wahr michs freuet , wenn mir ein freundlich Auge begegnet ! Aber sagen möcht ich der Seele , die mir ihn klagte , daß sie nur darum ihr Paradies verloren hätte , damit sie ein Paradies erschaffe , doch werde dies mit nichten am siebenten Tage vollendet sein , denn der Ruhetag der Geister würd ihr Tod sein , sagen würd ich ihr , daß sie , um ihres Adels willen nicht einzig fremder Hülfe vertrauen soll , die treuste Pflege müsse den zu Grunde richten , der müßig von ihr allein sein Heil erwarte ; in brüderlichem Zusammenwirken bestehe das Beste , doch sei es auch herrlich , allein zu stehn , und sich hindurchzuarbeiten durch die Nacht , wenn es an Kampfgenossen gebreche . Mich hatte nun der Frühling überrascht in meiner Finsternis . Ich hatt ihn wohl zuweilen von ferne gefühlt , wenn die toten Zweige sich regten , und ein lindes Wehen meine Wange berührte . Das junge Grün hatte mich oft wunderbar belebt auf Augenblicke , und manchmal , wann das freundliche Morgenlicht mich weckte , hatte die Ahndung , daß es wohl noch besser werden könnte , mein hülflos Herz erfreut . Aber das war vorübergegangen , wie der Schatten einer Geliebten . Ich hatte mich häuslicher Geschäfte wegen einige Wochen in einem andern Teile der Insel aufgehalten , und kehrte nun zurück nach San-Nicolo . Er war itzt da in meinen Hainen , der holde Frühling , in aller Fülle der Jugend . Mir war , als sollt ich doch auch wieder fröhlich werden . Ich öffnete meine Fenster , und kleidete mich , wie zu einem Feste . Auch für mich sollt er wiederkehren , der himmlische Fremdling ! Was hofft dann der Arme ? möchten die Toten auferstehn ? dacht ich bei mir selbst . Aber mein Herz ließ sich nicht abweisen . Es ging mir , wie den Kindern , die so gerne Zutraun fassen zu einem heiter farbigen Kleide . Mit jedem Blicke wuchs in mir der Glaube an bessere Tage vor dem fröhlichen Bilde der Natur . Ich sah , wie alles hinausströmte aufs freundliche Meer von Tina , und sein Gestade . Ich ging auch hinaus . Alles verjüngte und begeisterte der süße zauberische Frühling . Fast jedes Gesicht war herzlicher , lebendiger ; überall wurde gutmütiger gescherzt , und die sonst mit fremdem Gruße vorübergegangen waren , boten sich itzt die Hände . Das fröhliche Volk bestieg die Boote , steuerte hinaus ins Meer und jauchzte von ferne der holden Insel zu , kehrte dann zurück in die Platanenwälder , zu seinen zephyrlichen Tänzen , lagerte sich unter Zelten zum lieblichen Mahle , und pries und freute sich hoch , daß keiner sich verirrt hätte in den Labyrinthen des Ronnecatanzes . Aber mein Herz suchte mehr , als das . Das konnte nicht vom Tode retten . Ich ging fort , und streifte herum auf einsamen Hügeln , sah oft hinunter nach der fröhlichen Welt , und dachte , warum ich dann darben müßte , wo alles so selig wäre . Doch wollt ich keinem seine Freude mißgönnen , und hoffte , auch meiner warte vielleicht noch eine gute Stunde . So kehrt ich zurück . An Notaras Hause , wo ich vorüberkam , saß seine Mutter , deren Liebling ich war , und um sie ein Zirkel edler Mädchen , die Seide spannen , und kindliche Liedchen sangen . Da kömmt der Menschenfeind , rief die Mutter mir zu . Ich trat näher , und dankt ihr für den freundlichen Gruß . Du bist gestraft , daß du so lange wegbliebst , fuhr sie lächelnd fort , etwas Lieberes hat indes in meinem Hause Platz genommen . Man kann dich nun entbehren , du Stolzer ! Ich sah mich um . Da stand sie vor mir , die Herrliche , wie eine Priesterin der Liebe , heilig und hold ! - ach ! über dem Lächeln voll Ruh und himmlischer Duldsamkeit thronte mit eines Gottes Majestät ihr großes begeistertes Auge , und wie Wölkchen ums Morgenlicht , wallt ' im Frühlingswinde der dunkle Schleier um ihre Stirne . Ich kann es nicht anders nennen , es war Gefühl der Vollendung , was sie mir gab in diesem Augenblicke ; war doch die Nacht und Armut meines Lebens , die ganze dürftige Sterblichkeit , mit allem , was sie gibt und nimmt , so dahin , als wäre sie nie gewesen ! Oft trauert ich , daß wir nur dann erst wissen , von diesen Momenten der Befreiung , wann sie vorüber sind . Sie wägen Aeonen unsers Pflanzenlebens auf , sprach ich oft bei mir selbst , wenn ich ihr Andenken feierte , diese namenlosen Begeisterungen , wo das irdische Leben tot und die Zeit nicht mehr ist , und der entfesselte Geist zum Gotte wird . Jahre gingen vorüber , Meere trennten mich von ihr , tausendfältig verwandelte sich vor mir die Gestalt der Welt , aber ihr Bild verließ mich nie . Oft , wenn ich am heißen Mittag , ermattet von meinen Wanderungen , unter fremdem Himmel ruhte , erschien sie mir , wie in dem trunknen Momente , da ich sie fand , ich preßt es an mein glühendes Herz , das süße Phantom , ich hörte ihre Stimme , das Lispeln ihrer Harfe ; wie ein friedlich Arkadien , wo in ewigstiller Luft die Blüte sich wiegt , wo ohne Zwang die Frucht der Ernte und die süße Traube gedeiht , wo keine Furcht das sichre Land umzäunt , wo man von nichts weiß , als von dem ewigen Frühling der Erde , und dem wolkenlosen Himmel und seiner Sonne , und seinen heiligen Gestirnen , so stand es offen vor mir , das Heiligtum ihres Herzens und Geistes . Und später , unter den Bitterkeiten und Mühen des Lebens , bei stürmischer Fahrt , am Schlachttag , unter namenlosem Unmut , wo er mir auf ewig verschwunden schien , der gute Geist , den ich sonst so gerne ahndete , in allem , was lebt , wo ich kalt und stolz mir sagte : hilf dir selber , es ist kein Gott ! ach ! da trat oft ihr Schatten vor mich , wie ein Engel des Friedens , und besänftigte mein verwildertes Herz mit seiner himmlischen Weisheit . Jetzt ehr ich als Wahrheit , was mir einst dunkel in ihrem Bilde sich offenbarte . Das Ideal meines ewigen Daseins , ich hab es damals geahndet , als sie vor mir stand in ihrer Grazie und Hoheit , und darum kehr ich auch so gerne zurück , zu dieser seligen Stunde , zu dir , Diotima , himmlisches Wesen ! ------------- Fünftes Kapitel Der Abend jenes Tages meiner Tage ist mir mit allem , was ich noch gewahr ward in meiner Trunkenheit , unvergeßlich . Mir war er das schönste , was der Frühling der Erde geben kann , und der Himmel und sein Licht . Wie eine Glorie der Heiligen , umfloß sie das Abendrot , und die zarten goldnen Wölkchen im Aether lächelten herunter , wie himmlische Genien , die sich freuten über ihrer Schwester auf Erden , wie sie unter uns wandelte in aller Herrlichkeit der Geister , und doch so gut und freundlich war gegen alles , was um sie war . Alles drängte an sie . Allen schien sich ein Teil ihres Wesens mitzuteilen . Ein freundlicher Ernst , ein zärteres Aufmerken , eine innigere Traulichkeit war unter alle gekommen , und sie wußten nicht , wie ihnen geschah . Mit Begeisterung erzählte mir die Mutter , indes die andern um Diotima beschäftigt waren , wie ihr das liebe Mädchen Freude mache mit ihrem stillen nachdenklichen Wesen , und ihrer steten Zufriedenheit , wie sie sich scheue vor allem , was einem menschlichen Herzen wehe tun könne , vor allem , was nicht schön und schicklich wäre ; auch sehe man es sogleich , wenn etwas durch ihre Hände gegangen wäre , man könne gewiß nicht sagen , ihr Herz hänge an kleinen Dingen , und doch wär es immer , als wäre sie mit ihrer ganzen Seele an der Sache gewesen ; ein Gartenbeet gewinne ein ganz andres Ansehn , wenn sie es ordne ; es wär ihr auch so leicht nicht abzulernen , das Eigentliche , was einem an den Gewändern gefiele , die sie geschnitten , und den Kränzen , die sie gewunden hätte ; - ihr Element seien aber die alten Dichter und Weisen , hierin seie sie ein eignes Wesen , sie sei zwar sehr geheim damit , aber man hätte doch schon bemerkt , daß sie im Herzen das Andenken großer Menschen im alten Griechenlande ungefähr ebenso feire , wie die andern frommen Gemüter das Fest der Panagia , und anderer Seligen ; auch sonst sei etwas - sie müßte nur sagen - Übermenschliches an ihr . Hättest du sie gestern gesehn , setzte sie hinzu , es wäre dir wohl so sonderbar zu Mut gewesen , wie mir . Es hatte kaum getagt , als ich hinunter ging in den Garten . Da sah ich , ohne daß sie mich bemerken konnte , das liebe Mädchen in dem heimlichen Plätzchen unter den Platanen , wie sie dastand mit ausgebreiteten Armen , und emporrief : Dir opfr ' ich mein Herz , ewige Schönheit ! - Ich werde den Anblick im Leben nicht vergessen . Sie komme von den Ufern des Paktols , fuhr die Mutter nach einer Weile fort , aus einem einsamen Tale des Tmolus , wohin ihr Vater , ein Verwandter der Notara , aus Verdruß über sein Volk sich von Smyrna zurückgezogen hätte , und ihre Mutter , ehmals die Krone von Ionien , seie seit einem Jahre tot . Der junge Notara trat itzt auch noch zu uns , grüßte mich freundlich , und fragte , ob ich immer noch zürne , er wisse nicht einmal seine Schuld genau , die Mutter ließ ihn aber nicht weiterreden , zog ihn auf die Seite , und flüsterte ihm , herzlich zu mir herüberlächelnd , einige Worte zu , daß ich fast etwas Freudiges vermuten mußte . - Ich bat Notara , mir zu verzeihen . Staunen . Mein Geist verzehrte sich über der frohen Mühe , den ganzen Reichtum zu fassen , der vor ihm sich auftat . - Es fiel mir lange nicht ein , ein Wort zu sprechen , und , da es mir einfiel , ließ es meine Verwirrung nicht zu . Man sprach endlich auch von so manchen Wundern griechischer Freundschaft , von Achill und Patroklus , von der Kohorte der Thebaner , von der Phalanx der Sparter , von Dion und Plato , von all den Liebenden und Geliebten , die auf- und untergingen in der Welt , unzertrennlich , wie die brüderlichen Gestirne . Da wacht ich auf . Solche Herrlichkeit zernichtet uns Arme ! rief ich ; freilich waren es goldne Tage , wo man die Waffen tauschte und sich liebte bis zum Tode , wo man unsterbliche Kinder zeugte in der Begeisterung der Liebe , Taten und Gesänge und ewige Gedanken , ach ! wo der ägyptische Priester dem Solon noch vorwarf , ihr Griechen seid allzeit Jünglinge ! wir sind nun doch Greise bei all unsrem leichten Sinne ! - Es ist alles so anders geworden . Man lebt bequem , und hat daran genug . Der Mensch bedarf des Menschen nicht mehr ; er braucht nur Hände und Arme , zu seinem Dienste . So spricht mein Vater auch , versetzte Diotima , und ihr Auge verweilte ernster an mir . Nun kann ichs ihm nicht länger vorenthalten ! rief die Mutter ; spricht dein Vater auch so , Diotima ? Ich glaub es wohl . Wißt ihr auch , ihr guten Kinder , daß ihr aus einer Quelle geschöpft habt ? Der fremde Mann , Hyperion , mit dem ich so oft dich lustwandeln sah , und dich an so manches Steinchen stoßen , weil du kein Auge von ihm wandtest , dem du so oft nachweintest am Meere draußen , als er fort war , wie du mir selbst gestandst , der ist Diotimas Vater . Tausend Herzensgrüße von ihm ! rief Diotima freudig - ich hab auch etwas mitgebracht ; die böse Mutter hätt es wohl eher sagen können , setzte sie lächelnd hinzu , und eilte hinein ins Haus . O ihr Lieben ! rief ich außer mir vor Freude , und faßte die Hände Notaras und seiner Mutter . Nun seh ich erst , wie herzlich gut du dem Manne bist , versetzte die Mutter . Ja wohl bin ich ihm herzlich gut , erwidert ich etwas betroffen , denn ich fühlte wohl , daß meine Freude nicht ihm allein galt . Itzt kam Diotima zurück , und brachte mir zwei goldne Münzen . Auf einer stand Minerva mit der Aegide , und warf die Lanze , und eine Palme sproßte zu ihren Füßen ; die andre mit dem Apollonskopfe gab mir Diotima mit dem Zusatze , ich möchte dabei an Delos und den Cynthus denken . Sie erzählte mir noch viel von ihrem Vater , und wie er oft von mir gesprochen habe ; wir sprachen auch noch manches im allgemeinen . Wie ich sie da verstand ! und wie sie das freute ! wie ein zufällig Wörtchen von ihr eine Welt von Gedanken in mir hervorrief ! sie war wirklich ein Triumph des jugendlichen Geistes , die stille Vereinigung unsers Denkens und Dichtens , und ich erfuhr zum ersten Male ganz , wie die Freude begeistern kann . Kinder ! es wird spät ! fiel endlich die Mutter ein , und Hyperion kann uns immer Dank sagen für diesen Abend . Leer ist er nicht ausgegangen . Sie gingen hinein . Ich stürzte fort in rasender Freude , schalt und lachte über den Kleinmut meines Herzens in den vergangnen Tagen , und der stolze Knabe konnte gar nicht begreifen , wie es möglich gewesen wäre , so ein ärmlich Wesen zu sein . Wunderbar war mirs zu Mut , als ich in mein Zimmer trat . Es war mir alles so fremd geworden . Jedes Geräte schien mir etwas Trauriges an sich zu haben , und ich war doch so selig . Auch ihr mußtet es entgelten , ihr Armen ! sagt ich vor mich hin in meines Herzens Trunkenheit , als ich vor die offnen Fenster trat , und meine verwilderten und halbverwelkten Blumen sah , nahm das Wassergefäß und begoß sie lächelnd . Ich brachte die Nacht unter dem Fenster zu . Es waren zauberische Stunden . Aus goldnen Träumen , wo an ein Wörtchen von ihr meine ganze Seele sich hing , um es hundertfach zu deuten , und über ihrem Bilde mir jedes Dasein schwand , weckte mich das Wehen der Nachtluft um meine glühende Wange ; die stille Natur schien mir das Fest meines Herzens mitzufeiern ; die Sterne blickten freundlicher durch die Zweige ; lieblicher duftete der Othem der Blüten . Ich schlummert endlich stehend ein , süßberauscht , wie von holden Melodien eingewiegt . - Bald spielte , wie eines Freundes warme Hand , das kommende Tageslicht um meine Stirne , und ich lächelt empor . Es war ein seliger Morgengruß , den itzt mein Herz dem Himmel und der schönen Erde brachte . Himmel und Erde schienen mir neugeboren , wie ich es war . Ich ging hinaus zu meinen alten Lieblingsplätzen . Die längstvergangnen Stunden , die Stunden des Erwachens , wo der Knabe dasaß in dunklem Sehnen , und nicht wußte , was es war , als die Fittige der jungen Seele sich regten , wo zum ersten Male tiefer atmend die Brust sich hob , und das Auge nun nicht mehr so gerne verweilte an dem , was nahe war , und lieber nach der blauen geheimnisvollen Ferne sich richtete , die ahndungsvollen Stunden des Erwachens dämmerten wieder auf in mir . Damals , dacht ich , weissagtest du dir diesen Frühling ! o damals sahst du hinaus in die beßre Welt , die dich itzt umgibt ! Ich dünkte mir nun so reich und stark . Mein Innerstes war so befriedigt . Es gab für mich in der Welt nichts Feindliches mehr . Meine Insel hatt ich nun auch recht lieb gewonnen . Mit innigem Wohlgefallen sah ich hinab auf ihre grünen Ufer , wo die Wellchen unschädlich um die Myrtengebüsche spielten , und wie das friedliche San-Nicolo mit seinen Blütenwäldern aus dem Morgendufte sein rötlich Haupt erhub , und die Fenster an Notaras Hause glühten , und der Rauch aufstieg von seinem Herde ; bald sah ich , wie die Türe sich öffnete , die in den Garten führte , und Diotima die Marmortreppen hinunterging ; ich erkannte sie an der hohen schlanken Gestalt , und dem purpurnen Oberkleide , das um den weißen Leibrock flog . Wie mein Auge an diesen Farben sich weidete ! Es ist nichts , was sich nicht in der Nähe eines solchen Geschöpfs beseelte , für einen Sinn , wie der meinige war . Nach einer Weile Notara begleitete sie und die Mutter war im Hause beschäftiget . Diotima ging allein umher unter den Blumen . Es schien ihr etwas widerfahren zu sein . Der Schmerz auf ihren Lippen ging mir durch die Seele , so mild er schien . Wir gingen eine Weile schweigend auf und nieder . Mich verfolgt ein bittrer Gedanke , rief sie endlich , ich wag es kaum , ihn zu sagen , und kann doch von ihm nicht ablassen . Schon manchmal hat er sich mir aufgedrungen , auch heute wieder . Ist es dann wahr - je mehr Menschen , je weniger Freude ? - O wie oft ich das fühlen mußte ! rief ich , wie oft - es ist unbegreiflich , wie man des Zusammenlaufens nicht müde wird ! - Als wüßtest du nicht , erwiderte Diotima , daß der bunteste Wechsel diesen Menschen das Beste dünkt , und diesen finden sie doch untereinander - ihr bunter uneiniger Wechsel , fuhr ich fort , der ist gerade die wahre Gestalt des Übels ; ich mag es nicht nachempfinden , wie er mich oft verwirrte , und verzerrte , wie in dem Kriege , den man unter der Larve des Friedens führt , wo man immer das , woran das eigne Herz hängt , vor fremden Pfeilen sichern , wo man so ängstlich jede unschuldige Blöße verhüllen muß , wo der andere bei aller Ruh und Freundlichkeit , die er zeigt , doch mißtrauisch jede Bewegung belauert , ob sie nicht für Feindesanfall gelte , wie in diesem kleinen schlechten Kriege die Kräfte so heillos zu Grunde gehn ; nein ! es ist eine unerhörte Ungereimtheit ! sie bieten allem auf , um zusammenzusein , und dann , wann sie zusammen sind , strengen sie mit aller erdenklichen Mühe sich an , um einsam zu sein im eigentlichen Sinne , sie öffnen die Türe und verschließen ihr Herz - dem Himmel sei Dank , daß ich los bin ! Das betrübt mich eben , daß es rätlicher scheint , für sich zu leben , fuhr Diotima fort ; ich trage ein Bild der Geselligkeit in der Seele ; guter Gott ! wie viel schöner ists nach diesem Bilde , zusammen zu sein , als einsam ! Wenn man nur solcher Dinge sich freute , denk ich oft , nur solcher , die jedem Menschenherzen lieb und teuer sind , wenn das Heilige , das in allen ist , sich mitteilte durch Rede und Bild und Gesang , wenn in Einer Wahrheit sich alle Gemüter vereinigten , in Einer Schönheit sich alle wiedererkennten , ach ! wenn man so Hand in Hand hinaneilte in die Arme des Unendlichen - O Diotima , rief ich , wenn ich wüßte , wo sie wäre , diese göttliche Gemeinde , noch heute wollt ich den Wanderstab ergreifen , mit Adlerseile wollt ich mich flüchten in die Heimat unsers Herzens ! Oft leb ich unter ihr im Geiste , fuhr Diotima fort , und mir ist , als wär ich ferne in einer andern Welt , und ich entbehre der gegenwärtigen so leicht ; - wir singen andre Lieder , wir feiern neue Feste , die Feste der Heiligen in allen Zeiten und Orten , der Heroen des Morgen- und Abendlands ; da wählt jedes einen aus , der seinem Herzen , seinem Leben am nächsten ist , und nennt ihn , und der herrliche Tote tritt mitten unter uns in der Glorie seiner Taten , auch wer , geschäftig am stillen Herde , mit reinem Sinne das seine tat , wird nie von uns vergessen , und Kronen blühn für jede Tugend ; und wenn auf unsern Wiesen die goldne Blume glänzt , in seiner bläulichen Blüte das Ährenfeld uns umrauscht , und am heißen Berge die Traube schwillt , dann freun wir uns der lieben Erde , daß sie noch immer ihr friedlich schönes Leben lebt , und die sie bauen , singen von ihr , wie von einer freundlichen Gespielin ; auch sie lieben wir alle , die Ewigjugendliche , die Mutter des Frühlings , willkommen , herrliche Schwester ! rufen wir aus der Fülle unsers Herzens , wenn sie herauf kömmt zu