Aber dabei muß es auf jede Gefahr hin bleiben , außer Ihrer schönen Kaiserin hat Wien nichts , das mich so sympathisch berührte wie seine Geistlichkeit , Jesuiten und Liguorianer mit eingeschlossen . « Viertes Kapitel Das Erscheinen des alten Grafen , der sich lebhaft und beinahe hastig entschuldigte , die Stunde so schlecht gehalten zu haben , unterbrach das Gespräch . Graf Egon war mit ihm . Eine Vorstellung fand nicht statt ; man kannte sich bereits von der Soiree her . » Oh , nichts von Entschuldigungen ! « sagte die Gräfin , als beide Herren ihre Plätze genommen hatten . » Wir haben dich , um die Wahrheit zu gestehen , nicht vermißt , auch Egon nicht , am wenigsten in dieser letzten Minute , wo wir in der bevorzugten Lage waren , Confessions entgegennehmen zu können . Und du weißt ja , Bruder , wieviel uns Confessions bedeuten ! Unser lieber Gast sprach nämlich mit Vorliebe von Wien und nicht bloß von Wien , sondern auch von Liguorianerpatres , was dich vielleicht am meisten überraschen wird . Ob auch erfreuen ? « » Mich erfreut alles , was unsere liebe Freundin sagt oder tut , und selbst Feßler wird mir in diesem Falle zustimmen . « Dieser nickte . Die junge Schauspielerin aber warf einen Blick auf Egon , dessen Gegenwart sie befangen zu machen schien , und sagte dann , während sie den leichten Ton ihres voraufgegangenen Geplauders wiederzugewinnen trachtete : » Fast muß ich fürchten , mich mit meinen Confessions ins Komische gestellt zu haben . Aber mein Rollenfach , das das Naive wenigstens streift , mag mich entschuldigen . Unser Beruf gibt uns schließlich unsern Ton und unsere Haltung . « » Und wenn nun das Naive vielleicht Ihre Naturanlage wäre ? « scherzte der alte Graf . » Das ist es leider nicht . Ich bilde mir wenigstens ein , überlegend und beinahe berechnend zu sein , eine nüchterne norddeutsche Natur . Und wenn sich mir meine Wünsche erfüllen , so werd ich eine Kaufmannsfrau . « » Das werden Sie nie « , warf Egon kurz und mit großer Bestimmtheit ein . » Angenommen selbst , meine Gnädigste , daß Sie ' s in Ihrer Charakteraufrechnung in jedem Einzelpunkte getroffen hätten , in der Summa : Kaufmannsfrau , sicherlich nicht . « » In der Summa sicherlich nicht « , wiederholte der alte Graf . » Egon spricht , als ob er einen Zahlkellner reprimandieren wollte . Summa , Fazit , Addition . Ich bitte dich , von welcher Welt ziehst du den Vorhang ! O diese moderne Jugend ! Etwas unselig Geschäftliches ist in Sprache , Bilder und Anschauungen eingedrungen . Ein Unglück , daß sich unsere Jugend dem Theater so sehr entfremdet . « Feßler lächelte . » Sie lächeln , Feßler , und wollen andeuten , alles moderne Weltenunglück , das in Ihren Augen natürlich sehr anders aussieht als in den meinigen , komme von etwas ganz anderem her . Aber glauben Sie mir , die Kirche tut es nicht , und unter allen Umständen läßt sich auf dem ihrem Zepter unterstellten Gebiete jede Stunde gründlich und erfolgreich nachexerzieren . Nur bei der Kunst heißt es : Was Hänschen nicht lernte , lernt Hans nimmermehr , während es doch zum Fromm- und Christlichwerden eigentlich nie zu spät ist . « » Und doch empfiehlt es sich , vor Toresschluß damit anzufangen . « Alles lachte , nicht zum wenigsten der alte Graf , der in übermütiger Laune fortfuhr : » Vor Toresschluß sagen Sie , Feßler . Bah , in diesen heiligen Hallen , in denen man die Rache nicht kennt und kaum die Sünde , kann von vor Toresschluß überhaupt nie die Rede sein . Ja , Judith . Ein Gefühl , als ob in deinem Salon tagaus , tagein zelebriert werde , kann ich nie loswerden , und daran ist neben anderem die kleine Ambralampe schuld , der ich mich beständig versucht fühle das Lebenslicht auszublasen . Aber sie steht ja direkt unterm Schutz des Gundolskirchenschen Spezialheiligen , und so bin ich mir nie sicher , ob ich sie nicht allen Ernstes als eine halbe Ewige Lampe anzusehen habe . « Das Eintreten eines Dieners unterbrach ihn ; Couverts wurden gelegt und Gläser gestellt , ohne daß im übrigen die Plätze gewechselt worden wären . Auch eine Zeitung kam , und während Franziska mit dem Pater , Egon aber mit der Tante sprach , tat der alte Graf einen Blick in das Wochenrepertoire . » Seh ich recht , man hat den Zriny wieder hervorgesucht , beiläufig nicht die schlechteste Wahl . Et voilà mes amis , die Helene Zriny . Aber wissen Sie , meine Gnädigste , daß ich Ihnen ernstlich zürne , mir gerade das verschwiegen zu haben , mir , Ihrem Verehrer und Freunde ! « » Vielleicht aus Sorge . « » Wie das ? « » Ich bange mich vor der Rolle . « » Dann freilich sind Sie verloren . Denn Sie werden dann das nicht treffen , was in dieser Rolle das meiste bedeutet : das Nationale . Sich fürchten ist das Unungrischste von der Welt . Aber Sie werden sich nicht fürchten , und wenn Ihnen doch vielleicht ein paar Anwandlungen kommen , so wird der Elan Ihres Talents groß genug sein , Ihr Temperament zu zwingen und siegreich mit fortzureißen . Oh , daß Sie Magyarin wären ! « » Ungefähr das Schmeichelhafteste , mein liebes Fräulein « , unterbrach hier lächelnd die Gräfin , » das Ihnen im Hause Petöfy gesagt werden kann . Denn mein Bruder erklärt Sie damit auf halbem Wege für würdig , eine Magyarin zu sein , er würde sonst die Tatsache , daß Sie ' s nicht sind , nicht so lebhaft beklagen . Und dabei sind Sie mutmaßlich ohne jede Vorstellung von dem Vollgewicht einer solchen Ehrenbezeugung und kennen überhaupt nichts von Ungarn als den Attila unserer Husaren . « » O doch , doch ; das Fräulein kennt und weiß mehr , viel mehr , und sie soll uns selber sagen , was sie von Ungarn weiß . « » Es ist nicht viel und wohl eigentlich zuwenig , wenn ich bedenke , daß ich nun schon ins dritte Jahr eine Wienerin bin , und außerdem hinzurechne , daß Wien , ich möchte sagen , die Vorhalle von Ungarn ist , die Tempelstufe . « Der Liguorianer , ein ausgesprochener Steirer , freute sich des kleinen Spottes und Egon kaum minder . Der alte Graf aber gab sich das Ansehen , als nähme er ' s ernsthaft , und sagte : » Vorhalle , Tempelstufe ; davon dürfen unsere Wiener nichts hören , die sich das Herz der Welt bedünken . Im übrigen schuldet uns das Fräulein immer noch ihren Bericht über Ungarn , und ich kann ihr ein Examen rigorosum auf diesen Punkt hin nicht ersparen , schon weil ich recht behalten möchte . « » Nun , ich gebe gern , was ich weiß « , entgegnete das Fräulein , » und ich unterscheide deutlich zwei Grade der Erkenntnis : einen romantischen und einen lyrischen . Das sind freilich keine rechten Unterscheidungen , denn die Romantik kann lyrisch und die Lyrik kann romantisch sein ; aber ich bitte nichtsdestoweniger , es gelten zu lassen . « » O gewiß « , sagte die Gräfin . » Also das Romantische . « » Ja , damit fing es an . Es war , als ich noch ein Kind war und auf unserem Kirchplatze , gerade vor unserer Tür , alljährlich zweimal die Jahrmarktsbuden standen : Buden mit Naschwerk und Pfefferkuchen und dazwischen allerlei Bänkelsänger und Leiermänner . Und immer wo solch ein Leiermann stand , stand auch eine buntbemalte Leinewand , auf der eine Geschichte , meist in zwölf Bilderfeldern , abgebildet war . Auf dem ersten Bilde lag die Welt allemal in bürgerlichem Frieden , und eine junge Mutter beugte sich über ein Wiegenkind ; auf einem der Mittelbilder trat dann in gebotener dramatischer Steigerung ein schwarzer , bärtiger Mann aus einem Waldesdunkel hervor und an die junge , zufällig des Weges kommende Mutter heran , während auf dem zwölften und letzten Bilde Mal für Mal ein Gerüst aufgeschlagen war mit einem niedrigen Stuhl darauf , und auf eben diesem Stuhle saß der bärtige Mann aus dem Waldesdunkel . Aber jetzt mit verbundenen Augen und einem Rotmantel mit dem Schwerte hinter sich . Und wenn ich dann dem Liede , das dazu gesungen wurde , begierig und angstvoll zuhörte , so vernahm ich jedesmal , das sei geschehen im schönen Ungarlande zwischen Stuhlweißenburg und Debreczin , und ich darf wohl sagen , ich kenne bis diese Stunde keine Stadt und keinen Namen , die mir so mit Schreck und Grusel imprägniert erschienen wie diese beiden . « » Ei , das beklag ich , meine Gnädigste « , sagte der Graf . » Da wird unser altes Schloß Arpa darauf verzichten müssen , Sie je in seinen Mauern zu sehen , denn Stuhlweißenburg ist unsere nächste große Stadt . « » Oh , ich hab es auch überwunden . Und Ungarn selbst hat es mich überwinden gelehrt . « » Mit Hülfe der zweiten Epoche ? « » Ja , die gnädigste Gräfin erraten es ; mit Hülfe der zweiten Epoche . Da war ich in einer Pension . Aber ich war schon fast erwachsen und in Vorbereitung auf das , was aus mir werden sollte . Da hatten wir von Zeit zu Zeit auch Deklamierübungen , und bei solcher Gelegenheit war es , daß eine Mitschülerin von mir ein Lied von Lenau vortrug . « » Ah , von Niembsch ! « » Ich kannte Lenau schon . Er ist überhaupt sehr beliebt in Norddeutschland , und den Teich , den regungslosen , in den der Mond seine bleichen Rosen flicht , kennt jedes dreizehnjährige Mädchen und jubelt in ihrem kleinen Herzen , wenn die berühmte Stelle von dem süßen Deingedenken kommt , am meisten aber , wenn sie zum Schluß erfährt , daß dies süße Deingedenken auch ein stilles Nachtgebet gewesen sei . « Feßler lächelte vor sich hin , und auch die Gräfin , die nach Art aller vornehmen alten Damen eine Vorliebe für kleine Gewagtheiten hatte , war ganz enchantiert und nickte dem Bruder zu . » Wohl , ich kannt ihn also « , nahm Franziska wieder das Wort . » Aber speziell das Gedicht , das an jenem Tage deklamiert wurde , das kannt ich nicht , und als es zu Ende war , war ich so hingerissen , daß ich auf die Mitschülerin zustürzte und sie umarmte und küßte , was mir beiläufig einen nachträglichen Verweis zuzog . « » Und wie hieß es ? « » Ich weiß es nicht mehr sicher , aber ich glaube fast , es hieß Nach Süden . Und vielleicht erkennen Sie ' s , wenn ich Ihnen den Inhalt in aller Kürze skizziere . « » Wir bitten darum . « » Es leitet sich mit einer Gewitterschilderung ein , und die halb schon wieder von Licht durchglühten Wolken ziehen südwärts auf Ungarn zu . Der Dichter selbst aber folgt dem Zuge dieser Wolken und begleitet ihr Südwärtsziehen mit dem sehnsuchtsvollen Ausrufe : Ja , nach Süden steht mein Herz ! « » Und nun ? « » Und nun , auf dem dunklen Hintergrunde der Wolken , erwächst ihm fatamorganaartig ein Heimatsbild : ein Waldtal und ein Mühlbach , und an dem rauschenden Mühlbach erblickt er die Geliebte , die , sein eigenes Sehnsuchtsgefühl erwidernd , in Verlangen nach ihm aussieht und Wind und Wellen um ihn befragt . Aber Wind und Wellen ziehen weiter und weigern ihr die Antwort , und das Lied selbst verklingt in der wunderbaren Strophe : Dunkler wird der Tag und trüber , Lauter wird der Lüfte Streit - Hörbar rauscht die Zeit vorüber An des Mädchens Einsamkeit . « » Ah , das ist schön « , sagte der alte Graf , » und ich klage mich an , es nicht gekannt zu haben . Er war ein Freund unseres Hauses und speziell das enfant gâté meiner Mutter , die sich , wenn das Gespräch auf ihn kam , jedesmal ihres ganzen Albionstolzes entschlug , womit sie sonst stärker , allerdings auch berechtigter als Lady Milford umgürtet war , und nicht müde wurde , zu versichern , daß sie die ganze großbritannische Lyrik um eines einzigen Lenauschen Gedichtes willen hingebe . Ja , Feßler , das war unser altes Wien , an das ich doch oft mit herzlicher Freude zurückdenke . Da wurde noch vieles verziehen , was jetzt unverzeihlich dünkt , und beispielsweise mit dem lieben Gott auf dem Kriegsfuß zu stehen galt noch einfach für interessant . Auch unser guter Lenau verstand sich darauf , aber es war au fond nicht böse gemeint , und aller atheistischen Rodomontaden unerachtet , spukte doch eigentlich das Kirchliche darin vor . Er kam nur nicht voll damit zurecht und starb zu früh . Und zudem der verdammte Poetenehrgeiz ! Unter allen Umständen aber sind wir ihm zu Dank verpflichtet , uns das auf dem Wege zwischen Stuhlweißenburg und Debreczin fast schon verlorengegangene Herz unserer lieben Freundin in einer zweiten ungrischen Epoche zurückerobert zu haben . In einer zweiten ungrischen Epoche , nach der wir hoffentlich sehr bald eine noch schönere dritte zu verzeichnen haben werden . « » Ich glaube , daß sie für mich bereits begonnen hat . « Eine kleine Stutzuhr schlug eben zehn , und die junge Schauspielerin erhob sich . Egon bat , sie begleiten zu dürfen . Sie nahm das Anerbieten an ganz nach Art einer Dame , die solcher Huldigungen und Dienste gewöhnt ist , und verabschiedete sich , wie sie gekommen , mit einem Handkuß bei der Gräfin , während sie sich gegen Feßler verneigte . Der alte Graf aber geleitete sie bis in das Vorzimmer und half ihr hier sich in ein Spitzentuch hüllen , das sie kleidsam um Kopf und Hals trug . Dann in den Salon der Schwester zurückkehrend , ließ er sich in einen Fauteuil in aller Bequemlichkeit nieder und sagte : » Nun , Judith , wie findest du sie ? « » Charmant . « » Und ? « » Und pointiert . « » Und ? « » Ich weiß nicht weiter zu sagen . Aber fragen wir Feßler . « » Und klug « , fügte dieser hinzu , während er wie zerstreut mit einer an der Tischdecke herabhängenden Seidenpuschel spielte . » Wir werden allerhand von ihr lernen können . « » Lernen ! Ein Liguorianerpater und lernen ! Und da spricht man noch von dem Hochmut der Kirche . « Es hatte mittlerweile geschneit , und ein paar Hausdiener fegten eben den Schnee beiseite . Egon reichte Franziska den Arm , war aber ersichtlich in Verlegenheit , wie das Gespräch beginnen , und so hatten sie denn schon den Vorhof und das Gitter passiert , als er endlich das Wort nahm . » Ein trübseliges Wetter « , begann er . » Nun wieder Schnee . Der Wind dreht sich in einem fort . Ich mache mir nichts aus dem Winter . « » Oh , da denk ich doch anders . Ich liebe den Winter , nur muß er wirklich ein Winter sein . Es ist damit wie mit den Menschen : auf Beständigkeit kommt es an . Mit einem launenhaften Winter , der heute so ist und morgen so , mit dem ist nichts anzufangen , aber ein echter und zuverlässiger Winter , der sich einrichtet , als woll er nie wieder gehen der ist schön wie der schönste Sommer . Doch das wissen sie hier nicht . Einen Schneesturm haben sie wohl , aber die stille , feste Kälte , die Brücken baut und trägt und hält , die fehlt ihnen . « Egon antwortete nicht ; es schien nur , daß er überlegte , was sie mit dem allem gemeint haben könne . Denn obwohl sie sich selbst für berechnend ausgegeben hatte , so hielt er sie doch für noch viel berechnender , als sie war . Erst als sie bei dem hell erleuchteten und noch vollbesetzten Café Daum vorüberkamen , wies er darauf hin und sagte : » Das Theater muß eben aus sein . Ich wette , daß in diesem Augenblicke Dutzende von Pfeilen gespitzt und abgeschossen werden . Ein Glück , daß sie vorbeifliegen . « » Ach , solche Pfeile fliegen nie vorbei , wenigstens nie ganz , und die spitzesten am wenigsten . « » Aber sie töten nicht , solange sie nicht vergiftet sind . « » Die ganz spitzen sind immer vergiftet . Das läßt sich an jedem Mückenstiche studieren . « » Aber Gott sei Dank auch die Ungefährlichkeit . « » Nur leider nicht die Schmerzlosigkeit , und wenn ihrer viele kommen , so hat man ein Fieber und eine schlaflose Nacht . « » Und so spricht ein Liebling des Publikums , ein Verzug , ein Glückskind ? « » Viel Feind , viel Ehr . Aber auch viel Ehre , viel Feind . Und ein Glückskind ! Nun ja ; vielleicht . Aber an jedes Glück hängt sich ein Unglück . « » Umgekehrt , ein Glück kommt nie allein . « Unter so zugespitzter Rede waren sie bis an den Kärntnerring und die Schwarzenbergbrücke gekommen und gingen nun auf die Salesinergasse zu , deren vorderstes Eckhaus Franziska bewohnte . Das eine Fenster war hell erleuchtet und schickte sein Licht ihnen entgegen über den Platz hin . » Und was , wenn die Frage nicht zudringlich ist , finden Sie nun daheim , meine Gnädigste ? « nahm Egon das Gespräch wieder auf . » Oh , das Beste , was man finden kann : ein Feuer im Kamin und ein Paar warme Schuhe . « » Einigermaßen genügsam . « » Und dazu Lieb und Treue und ein Geplauder von der Heimat . « » Und wer gewährt Ihnen das ? « » Mein zweites und mein besseres Ich , meine Freundin und Dienerin zugleich . Und wenn sie nicht gleichen Alters mit mir und sehr streng und sehr tugendhaft wäre so würd ich sie Ihnen kurzweg als die Amme der italienischen Komödie vorstellen . Aber eins ist sie gewiß : in jeder Sorge mein Trost und in jeder unklaren Sache mein gutes Gewissen . « » Beneidenswert ! « » Ei , das mein ich auch ... Aber hier sind wir am Ziel , Graf Egon . « Und die Glocke ziehend und ihm dankend , stieg sie rasch die Stufen hinauf . Auf der dritten Treppe wurde sie von ihrer Dienerin empfangen und trat gleich darnach in den Vorflur , wo sie die Schneestäubchen von ihrem Mantel abschüttelte . » War niemand da , Hannah ? Nein ? Nun , desto besser , und nun bringe mir den Tee . « » Ja , darauf ist heute nicht mehr gerechnet , Schatz . Ich habe keinen Tropfen Rahm im Hause . « » Tut nichts , dann nehmen wir einen Tropfen Kirschwasser . Irgendwas wird doch dasein . Aber eile dich . Ich hab es so kalt . « Und eine Viertelstunde später saß Franziska zurückgelehnt in einem Schaukelstuhl und sah in die Kaminflamme , während Hannah ihr den Tee bot und sich neben sie setzte . » Hier , noch ein Oblatenbrot « , sagte diese ; » glücklich gerettet . Und nun erzähle . « » Ja , das ist leicht gesagt , Hannah . Erzähle ! Aber was ? Eigentlich weiß ich selber nichts , und woher sollt es auch kommen ? Eine Gräfin kann einem doch nicht gleich ihre Lebensgeschichte zum besten geben . « » Ist auch nicht nötig und will ich auch nicht wissen . Nur ein bißchen von allem oder doch von der Hauptsache . Nimm also wenigstens einen Anlauf und sage mir , wer da war und wie sie hießen . « » Nun gut . Also da war zunächst die Gräfin selbst , von der die Karte kam , und dann ihr Bruder , der alte Graf . Nun , den kennst du . Du hast ihn ja neulich selber gesehen und gesprochen und könntest mir eigentlich sagen , ob er dir gefallen hat . Was denkst du von ihm ? Was sagst du ? « » Dreierlei . « » Gut ; nenn es . « » Er ist alt und möchte gern jung sein , er spielt den Weltmann und ist eigentlich bloß ein Wiener , und drittens und letztens : er glaubt , daß sich alle Weiber um ihn reißen , und wird doch eigentlich nur genasführt . « » Er gefällt dir also nicht ? « » O doch . Er gefällt mir schon . « » Ein Geck kann einem nicht gefallen . « » Er ist auch kein Geck . Mitunter streift er daran oder steht auch schon mittendrin . Denn er hat all die Narrheiten eines alten Junggesellen und Theaterenthusiasten . Aber ganz zuletzt ist er doch wieder anders . Ich glaube , daß er ein sehr gutes und braves und sogar ein edles Herz hat . Er ist vornehmer und besser als irgendeiner der jungen und namentlich der alten Herren , die dir einen Besuch gemacht haben . « » Sieh , das freut mich , daß du das sagst . Und in seinem eigenen Hotel oder in dem seiner Schwester ist er noch viel liebenswürdiger als hier . Denn hier fühlt er die Verpflichtung , mir nach Art alter Herren den Hof zu machen , in seinem Hause dagegen fühlt er nur die Verpflichtung , artig zu sein . Und das ist für unsereins schließlich mehr . Du weißt ja , wie man gewöhnlich mit uns spricht . Und nun will ich dir auch sagen , wer die beiden anderen in der Gesellschaft waren . Der eine war ein Liguorianerpater , ein Fünfziger , groß und stattlich , und der andere , nun , der andere , das war ein junger Graf , Graf Egon , ein Neffe des alten , ich glaube , sehr hübsch und Adjutant bei Erzherzog Rainer . « » Und hat dir natürlich am besten gefallen ? « » Nein , nicht das . Er hat mir nur nicht mißfallen ; das ist alles , was ich sagen kann . Er hat etwas von dem mir unerträglichen Von oben herab , und wenn ich mich entscheiden und jedem einzelnen einen Rang in meinem Herzen anweisen sollte , so würd ich die Gräfin obenan stellen und dann den Pater . Oh , sie waren beide charmant und dabei so klug und verbindlich , wie nur vornehme Katholiken sein können . Schon ihre Stimmen ... « » Ja , sie haben eine verführerische Stimme , Fränzl ! Ich weiß davon . Aber das darfst du mir nicht antun und deinem Pastor-Vater im Grabe nicht , so lau und flau er war , daß du zu viel auf diese Stimme hörst ... Nur auf meine mußt du hören , wenigstens jetzt , in diesem Augenblick , und die mahnt dich , daß es auf Mitternacht geht und morgen um zehn Uhr Probe ist . Mach also , du mußt ausschlafen . « » Aber erst noch unsern Spaziergang , sonst schlaf ich überhaupt nicht . Und außerdem bin ich abergläubisch . « Hannah brachte Mantel und Kappe , wickelte Franziska darin ein , und nun stiegen Herrin und Dienerin eine nur wenige Stufen zählende Treppe hinauf , die vom dritten Stock aus direkt auf das Flachdach des Hauses führte . Hier standen den Sommer über allerhand Kübel und Topfgewächse , jetzt aber sah man nichts als ein paar Bretterlagen und einen Berg Schnee , den der Wind nach der einen Seite hin zusammengefegt hatte . Sie gingen ein paarmal auf und ab und sahen auf die Stadt , auf deren verschneite Dächer das Mondlicht fiel . Aus der Ferne her hörte man das Läuten einzelner Schlitten , aller eigentliche Lärm aber schien erstickt unter dem weißen Tuch . Und nun traten sie bis an die Brüstung , wo der zusammengewehte Schnee lag , und sahen in den Winterhimmel hinauf , der in wundervoller Pracht über ihnen glitzerte . » Sieh , das ist der Große Bär . Und da sind wir zu Haus , da liegt unsere Jugend , unsere Kindheit . Ach , Hannah , es war doch unsere schönste Zeit , als wir noch abends in den Turm gingen und die Betglocke läuteten und die Grabsteine der alten Pastoren anstarrten , die mit ihren Ringkragen an den Wänden umherstanden . Und wenn uns dann der Glockenstrick aus der Hand fuhr und mit einem Mal in die Höhe schnellte , sieh , da war mir ' s immer , als hätte sich der Gottseibeiuns über unser Läuten gebost und den Strick uns weggezogen . « » Ach , rede nicht so , Fränzl ; wenn du so sprichst , dann überdenkst du jedesmal etwas Tolles oder Törichtes . « » Aber diesmal nicht . Ich überdenke gar nichts . Ich habe nur mit einem Mal eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Kirchenplatz hin , wo wir spielten und uns auf die Holzstämme setzten und Geschichten erzählten . Und von fernher hörten wir dann das Meer , das draußen rauschte . Mir ist ' s , als hört ich ' s noch . « » Willst du zurück ? « Franziska schüttelte den Kopf . » Nein , nicht zurück . Eine Sehnsucht ist etwas anderes als der Wunsch , es wiederhaben zu wollen . Was sollt ich auch da ? Mit einer Schauspielerin ist es ein eigen Ding . Im Petöfyschen Hause gilt sie viel oder vielleicht viel , aber im Hause von Bäckermeister Utpatel , auf dessen Bank wir immer saßen und Butterblumenstengel zusammensteckten , in dessen Hause gilt sie wenig oder nichts . Nein , Hannah , nicht zurück ! Aber zurück oder nicht , die Liebe bleibt , und einen Gruß wollen wir wenigstens in die Heimat hinüberschicken . « Und sie nahm eine Handvoll Schnee vom Boden und warf ihn nach Norden zu . Der Nachtwind aber , der ging , zerstäubte den Ball wieder und trug die Kristallchen blinkend durch die Luft . Fünftes Kapitel Einige Wochen lang setzte sich der Verkehr Franziskas mit dem Petöfyschen Hause fort , dann aber brach er etwas auffällig ab , und selbst die Besuche , die der Graf noch eine Zeitlang in dem Eckhause der Salesinergasse gemacht hatte , hörten auf . Es hieß , was auch zutraf , er sei verreist , und erst von Paris aus gab er wieder ein Lebenszeichen und entschuldigte sich in den verbindlichsten Worten seiner plötzlichen Abreise halber . Aber so verbindlich diese Worte waren , so waren sie doch kühler als gewöhnlich oder wenigstens befangener . Franziska fühlte das heraus , war indessen an derartig wechselnde Vorgänge zu sehr gewöhnt , um ein besonderes Gewicht darauf zu legen . Anders in dem engeren Zirkel , der sich nach wie vor an jedem dritten Abend im Salon der Gräfin versammelte . Hier wurde nicht bloß dem Ausbleiben des Fräuleins , sondern weit mehr noch der Abreise des Grafen eine gewisse Bedeutung beigelegt , bei welcher Gelegenheit man nicht unterließ , sich die seltsamsten Dinge zuzuflüstern . Der alte Graf sei regelrecht verliebt oder interessiere sich wenigstens bis zur Torheit für das junge Fräulein , und so sei denn die ganze Pariser Reise nichts weiter als eine Flucht . Die Gräfin habe mit Rücksicht auf den eigensinnigen Charakter des Grafen anfänglich seiner Reise widersprochen , natürlich nur in der Absicht , ihn durch solchen Widerspruch in seinem Plane desto fester zu machen . Andere dagegen wollten von dem allem nichts wissen und hoben ihrerseits hervor , daß die » jours de fête « für den alten Grafen vorüber seien ; sie begegneten aber nur dem Spott aller medisanten Klub- und Kasinohabitués , die nicht müde wurden , auf den siebenzigjährigen Goethe , ja zuletzt sogar auf König Sigurd Ring hinzuweisen , der noch mit neunzig Jahren in Leidenschaft verfallen und auf die Freite gezogen sei . Der Graf aber sei Vollblutungar und könne mehr . Ein Echo dieser Gespräche würde zweifellos auch bis zu Franziska hinauf gedrungen sein , wenn diese nicht durch ein nervöses Fieber , in das sie bald nach der Abreise des Grafen verfiel , vor allem derartigen Gerede bewahrt geblieben wäre . Sie lag wochenlang in jenem apathischen Dämmerzustande , der der Begleiter und fast auch der Freund dieser Krankheit ist , und als endlich dieser Zustand geschwunden und ihr ein wenigstens umschleiertes Interesse für die Dinge des Lebens zurückgekehrt war , da waren viele Wochen vergangen und beinahe heiße Sommertage da , trotzdem erst Frühling im Kalender stand . Am letzten Apriltage saß Franziska an ihrem Fenster und sah zum ersten Male wieder auf das bunte Treiben der Stadt unten , und siehe da , noch ehe die Mitte des Mai heran war , war sie schon in einem jener reizend gelegenen , in weitem Halbkreise die Hauptstadt nach Süden hin umziehenden Villendörfer einquartiert und genoß hier die Wonne der Rekonvaleszenz . Es hatte sich dabei so glücklich getroffen , daß eine befreundete Kollegin - und zwar um so befreundeter , als sie das Fach der hoben Tragödie kultivierte - mit ihr in die Sommerfrische gegangen war , einer Molkenkur halber , die sie sich unter Hinweis auf ihr » total erschöpftes Organ « vom Theaterarzt hatte verordnen lassen . Eine Verordnung , in die dieser lächelnd , aber doch zugleich auch mit der Bemerkung gewilligt hatte : » Wollte Gott , Fräulein Phemi , daß ich mich annähernd Ihres Organs erfreute . « Natürlich war auch Hannah mit draußen