denn , Helen ? « » Nein , Muckerl , ich muß danken , wirklich muß ich dir recht schön danken . Ich sag ' s , wie ' s wahr is . Da dazu ghören Zwickelstrümpf , die hab ich nit , und mit bloßen Füßen tret ich lieber auch auf d ' bloße Erd als auf Leder . Auslachen mag ich mich nit lassen . « » Du Närrisch « , sagte mit triumphierender Miene der Bursche , » meinst du , ich denk nur vom Gründonnerstag auf Karfreitag ? Ah mein , nein . « Er zerrte ein kleines Päckchen hervor , das er in eine Jackentasche gezwängt hatte . » Da schau , was da drein is . « Es waren Zwickelstrümpfe und hochrote Strumpfbänder mit Seidenbandschleifen . » Muckerl « , schrie die Dirne , vor Freude die Hände zusammenschlagend . » Du bist doch ein guter Bub . « » Ja , gut is er , der Muckerl « , sagte die Alte . Helen setzte sich neben den Burschen . » Na , därfst auch zuschaun , wie ich s ' anleg . « Ohne sich im mindesten durch seine Nähe beirrt zu fühlen , probierte sie Strümpfe und Schuhe an . » Wie das paßt « , lachte sie , » du dürftst von mein Füßen ' s Maß gnommen haben . « » Das hab ich auch , mitn Augen ; drauf muß ich mich ja verstehen , von welcher Größ Hand , Fuß und Kopf zu eines Menschen seinm Leib passen . « Die Dirne hielt den Saum des Rockes in der Höhe , wo die Strumpfbänder saßen , um die Beine geschlagen und betrachtete selbstgefällig ihre Füße . » Bis daher « , sagte sie lächelnd , » ist die Prinzessin fertig , von da ab fangt ' s Bettelweib an , und das ist weitaus ' s größere Stück . « Muckerl erhob sich . » Nur nit verzagt . Kommt Zeit , kommt Rat . Noch ist nit aller Tage Abend . Gut Nacht . ' s ist jetzt Zeit , daß ich geh , sonst ängstet sich d ' Mutter oder schilt gar . Gute Nacht miteinander ! « Schon am andern Morgen hatte er Ursache , zu bereuen , daß er an seine Gutmütigkeit so gar keinen Vorbehalt geknüpft . Helen kam vorbeigelaufen , als sie aber ihn und die alte Kleebinderin in der Küche stehen sah , verweilte sie sich ein wenig . » Guten Morgen « , rief sie , und rasch einen Fuß nach dem andern vorstreckend , fuhr sie fort , » eine närrische Freud hab ich mit den Schuhen und Strümpfen . ' s is gleich ein anderes Gehen . Dank dir schön dafür , Muckerl . « Die alte Frau sah ihren Sohn mit einem Blicke an , vor dem er sich verlegen zur Seite krümmte . Die Dirne wies die glänzenden Zähne , warf beiden einen boshaft lachenden Blick zu und lief weiter . Die Kleebinderin faltete die Hände ineinander und ließ sie in den Schoß fallen . » Muckerl ! « Meht war sie außerstande hervorzubringen , die Überraschung verschlug ihr die Rede , über welchen Umstand der gewissenhafte Bursche sich jedes heuchlerischen Bedauerns enthielt , dagegen fand er es sehr unbehaglich , daß sie diesen Tag über , sooft sie seiner ansichtig wurde , mit dem Kopfe schüttelte . Etwa eine Woche darnach kam Muckerl wieder einmal aus der Stadt zurück , aber diesmal umging er das Dorf nicht , er hielt sich auf der geraden Straße und schlenkerte auffällig mit den Armen , als wollte er die Leute , die eben um die Wege waren , sehen lassen , daß er mit leeren Händen käme . Gleichen Weges war eine gute Weile zuvor Helene mit flinken Füßen durch das Dorf gerannt , sie hielt dabei ein schweres Bündel mit beiden Armen gegen die Brust gepreßt . Jetzt kniete sie inmitten ihrer Stube , vor ihr auf dem Boden lagen Wäschstücke , Latzschürzen , Röcke und ein Sammetspenser ausgebreitet , und sie sah unter den langen Wimpern auf all die Herrlichkeiten herab , ein Lächeln innerster Zufriedenheit in den Winkeln der aufeinandergepreßten Lippen . Die alte Zinshoferin schlug ein über das andere Mal die Hände zusammen . Endlich fragte sie : » Vom Muckerl ? « Das Mädchen nickte . » Wofür hat er dir ' s gegeben ? « fragte die Alte mit scharfem Tone , der jedoch bei ihrem lauernden Blick und gemeinen Lächeln nicht nach mütterlicher Strenge klang , sondern nach rüder Neugierde , die zu wissen verlangt , woran man sei , und Herrischkeit , die bestimmen will , wohin es weiter solle . Die Dirne sah stirnrunzelnd empor . » Wofür ? Dafür , daß ich ihm auf der Straßen nit ' n Weg und daheim nit d ' Tür weis . Für weiter nix ! « Sie lachte höhnisch auf . » Du mußt wohl dein Zeit a dankbars Gemüt ghabt haben , weil d ' so fragen magst ! « Als Muckerl der weit außerm Ort , im Busche , ihn erwartenden Dirne das Bündel einhändigte , ließ er sich von ihr zwei Dinge in die Hand versprechen , daß sie in ihrem neuen Putz seiner Mutter nicht unter die Augen gehe und daß sie sich nächsten Sonntag von ihm ins Wirtshaus führen lasse . Ob er auch nur einen Augenblick daran dachte , wie ungereimt es war , der Mutter verheimlichen zu wollen , was Sonntags jeder als Neuigkeit von der Schenke mit heimtragen wird ? Ach , der Bursche dachte wohl an gar nichts , als wie schön , wie gar aus der Weis schön die Dirne war ! In der Samstagnacht , vor dem Einschlafen , drehte sich Helen im Bette nach der Mutter um . » Hörst ? Ich hab vergessen , dir zu sagen , morgen führt mich der Muckerl ins Wirtshaus . « » Und du gehst ? « » Warum nit ? Wozu hätt ich mein Putz ? Jetzt , wo ich unter d ' Leut gehen kann , hab ich kein Ursach mehr , ihnen fernzbleiben . « » Na , da heißt aber auch schon vom Montag ' s Kleebinder Muckerls sein Schatz . « » Meintwegen , mir schadt ' s nit , und ihm macht ' s ein Freud , und die gönn ich ihm . « » Die gönnst ihm ? « murrte die Alte . » Spiel du dich nit auf die Erkenntliche hinaus ! Wär dir so ums Herz , so ging wohl dein Mutter allen andern vorauf ! Nit ? Aber wann nur du dich zsammstatzen kannst , so mag ich nebenherrennen wie ein Hadernkönigin . Der Muckerl würd mich auch bedenken , wann du ihm nur ein gut Wort gäbest . « » Ich hab um mein Sach keins an ihn verlorn , werd ich doch nit um fremde betteln . « » Ja , das stünd dir nit an , du hochfahrigs Ding ! Haltst dich leicht schon vorm Bettelngehen sicher ? Nimm nur dein Holzschneider . Fahrt ihm einmal unversehens der Schnitzer in d ' Hand und bleiben ihm die Finger verkrümmt , is ' s mit der ganzen Herrlichkeit vorbei . Hättst wohl auch auf was Gescheiters warten können . « In selbstgefälliger Eitelkeit , die Worte dehnend und singend , entgegnete die Dirne : » Zuwarten und aufdringen is nit mein Sach . « Sie befühlte ihre vollen Arme , die sie vor sich über der Bettdecke liegen hatte , den einen mit dem andern . » Mit solche Arm braucht mer nur festzhalten , was einm taugt unter dö , was darnach greifen . « » Freilich wohl , dalkete Gredl ! Aber laß mer sich einmal drauf ein , dann halt mer nit nur , mer wird auch ghalten und mag nit loskommen . « Das Mädchen kehrte sich gegen die Wand und gähnte . » Pah , wär mir drum , riskieret ich halt ein blaues Fleckel . « III Der Sonntag hat seine festliche Stimmung vom ersten Läuten der Kirchenglocken , das in der Morgenluft verklingt , bis nachmittags , wo man , vom Segen heimkehrend , wieder über die heimische Türschwelle tritt ; darnach aber , wenn die Sonne sich neigt und die Vögel zu lärmen aufhören , während » Manner und Buben « im Wirtshause damit anheben , beginnt für jene , die in den Stuben sitzen , für die Bäuerinnen , für die Bursche , die kein Geld haben , für die Bauern , die es sparen wollen , für die Unkräftigen , die vom Siechtum eben erstanden sind oder sich in dasselbe gelegt haben , eine verlassene , nachdenkliche , ja langweilige Zeit . Gegen das Verlassensein hilft freundnachbarlicher Besuch , gegen die Nachdenklichkeit unterhaltsame Ansprach , welche auch der Langweile nicht aufzukommen gestattet . Es war daher recht christlich von der alten Matzner Resl am oberen Ende des Ortes , daß sie sich entschloß , die Kleebinderin am unteren Ende desselben heimzusuchen . Die alte Resl befand sich nicht einmal allein auf ihrem Stübel , sie hatte da jedzeit ihr einzig Kind , die Sepherl , um sich ; mochte sie übrigens auch einen klein wenig selbstsüchtigen Anlaß zu dem Besuche bei der Mutter Muckerls haben , so soll das der Christlichkeit ihres Unternehmens keinen Abbruch tun , wer kann im Verkehre unter Menschen diese Schwäche hoch aufnehmen , die selbst der Frömmste im Verkehr mit Gott nicht los wird , durch den er für sich die ewige Seligkeit zu gewinnen hofft . So gingen denn Mutter und Tochter die schmale Straße zwischen der Häuserzeile und dem Ufer des Baches dahin . Sepherl war eine mannbare Dirne , mittelgroß , mehr sehnig als voll gebaut , was , wie die Rauheit ihrer Hände , von früher , harter Arbeit herrühren mochte ; sie hatte ein rundes , gutmütiges Gesicht , das Schönste in selbem waren große , frische , blaue Augen , die sie oft , wie wundernd , weit aufriß , und daher rührte wohl die dünne , in der Mitte gebrochene Falte , die ober den Brauen von einer Schläfe zur andern lief . Ihr Mund war klein , wie im Wachstum zurückgeblieben , und nahm sich , geschlossen , die blutroten Lippen in tiefe Winkel verlaufend , wie der eines Kindes aus , das dem Weinen nahe ist . Die alte Kleebinder saß bei geschlossener Türe am Fenster , als die beiden in das Vorgärtchen traten . Sie beeilte sich ihnen entgegen . » Bist allein « , sagte die Resl . » Ja , mein Muckerl is ins Wirtshaus . « » Ich weiß . « » Tut euch setzen . Sepherl , nimm dir den Sessel aus dem Eck dort . Is recht schön , daß ihr euch wieder einmal anschaun laßt . « » Freut uns , wann wir dir nit unglegen kommen . Heut is a schöner Tag , und ' n Weg von uns her kann mer wohl für ein klein Spaziergang rechnen . Es wär auch gar nit unlustig zu gehen , tät nur der Bach nit sein , der stinkt so viel . « » Ja , so viel stinken tut er « , sagte Sepherl mit dünner Stimme und wunderte sich hinterher , das heißt , sie machte große Augen , sei es über die üble Eigenschaft des Baches oder weil sie ungefragt dazwischengesprochen . » Dich sieht mer aber fast gar nit außer Haus , Kleebinderin ? « » Ich komm so viel schwer ab . Weißt ja , Matzner Resl , mein Muckerl arbeit heim . Feldarbeit braucht kein Nachräumen , aber Stubenarbeit braucht ' s , man glaubt nit damit fertig z ' werden . Ja , er schafft aber auch fleißig die ganze Woche über . No , wollt er sich heut einmal lustig machen , hab ich mir gedacht , soll er . « » Hast recht , Kleebinderin . Ich kann nit anders sagen , als daß du recht hast . Er is a braver Bub und gönnt dir , als seiner Mutter , ja auch alles Gute . « » Das tut er . Der liebe Gott mag ihm ' s lohnen . « » Amen ! « sagte die alte Resl , dann deutete sie nach der oberen Lade eines breiten Wäschschrankes . » Gelt , jetzt is wohl wieder Geld da drein , wie der alte Kasten schon seit viel Jahr nimmer beisamm gsehn hat ? « » Es is schon eins drein « , sagte die Kleebinderin , vom Ellbogen auf die Hände dazu beteuernd schüttelnd , » ich sag nit , daß keins drein wär , aber so viel , wie du vermeinst , mein liebe Matznerin , wohl nit ! Mußt ja bedenken , daß aus ' n harten Zeiten her noch Schulden zu zahlen waren , und was ' s Arbeitszeug kost und d ' Farben , wie hoch d ' Fracht z ' stehn kommt , und was einm d ' Steuer abbricht , Jesus , du mein ! « Sie beugte sich , beide Hände auf die Knie gestützt , vor und sprach zur Diele hinab . » Kannst mir ' s glauben , wann d ' besten Freund kämen , nit ein Heller hätten wir zu verleihen . « » Mein liebe Kleebinderin , wer so gut als ich weiß , wie einm nach nothafter Zeit jeder zruckglegte Groschen anlacht , dem leidt ' s d ' Freundschaft nit , daß er davon borgen kommt . Mußt also nit meinen , ich hätt an dein Geldtruhen klopfen wolln . « » Glaub ' s eh nit , bist ja von je a Sparmeisterin gwest . « » Mußt auch nit glaubn , ich vermut gar so viel bei dir . Gott sei Dank , Rechnen hab ich noch nit verlernt . Es is wahr , ös habts jetzt ein schön Einkommen , und der Muckerl is rechtschaffen fleißig , aber dafür will er halt auch sein Aufheiterung haben , wie ja billig is ; doch das leucht einm ein , daß du kein Haus sparen kannst , bei dem Aufwand , den er macht . « » Mein Muckerl ? ! « » Na ja , und es wird ihm ' s auch niemand verdenken , daß er sein jung Lebn gnießt und sich wie andere Bursche mitn Schatz ins Wirtshaus setzt . « » Mein Muckerl ? mit ein Schatz ? « » Und sauber is die Zinshofer Helen , da laßt sich nix sagn . « » Die Zinshofer Dirn ? « » Und gegen d ' Armut , die s ' plagt , kommt ja der Muckerl auf . Schand macht s ' ihm keine , sie kann sich sehn lassen neben ihm , wie er s ' jetzt hrausputzt hat von Kopf bis zun Füßen . « » Von Kopf bis zun Füßen , sagst ? Oh , der scheinheilige Lotter ! Und ich wüßt um die ganze Gschicht nit einmal von Füßen an , wenn nit das kecke Mensch , um mich z ' ärgern , die Schuh und Strümpf gwiesen hätt , die er ihr kauft hat . « » Jesses ! - So ein Unbedacht ! - Heilige Mutter Anna ! - Hätt ich nur nix gsagt ! « Die alte Resl legte nach jedem dieser An- und Ausrufe die Hand vor den Mund , aber nur , um sie sofort wieder wegzunehmen , und nach dem letzten faßte sie nach den Händen von Muckerls Mutter . » Mußt mir nit bös sein , Kleebinderin . « » Ich muß dir wohl danken « , entgegnete diese niedergeschlagen , » daß du mir noch heut rechtzeitig damit ins Haus kommen bist und ich nit morgen vor alln Leuten im Ort ein Narren gleich schau . « » Nimm ' s nit übel , Kleebinderin , daß ich ' s frei bered ; mir is gleich die Sach nit recht richtig vorkommen , und ich mocht schwer daran glauben , aber sag selber , mußt ich nit ? Konnt ich mir denn denken , du wüßtest um nix ? Freilich war mir ratselhaft , wie sich ' s hat schicken mögen , daß dir mit einmal d ' Zinshoferschen Leut recht sein , die du nie hast leiden mögen ! « » Nach all dem , heut weniger wie je . Jesses , der gottlos Bub ! « » Aber was wahr is , Kleebinderin , is wahr , d ' Schönste hätt er an ihr . « Die Kleebinderin wies mit der Hand alle Schönheiten entschieden von sich . » Ja , ich an deiner Stell gäb auch nix drauf . Dein Bub is a braver Bub , ein guter Bub , aber d ' Schönheit plagt ' n just nit , und nebn der Zinshofer Dirn kommt er gar nit auf . Heirat ein Mann z ' tief unter sein Vermögen , is er seiner Wirtschaft feind , betrat er z ' hoch über sein Schönheit , is er ' s seiner Ruh . « » Mein liebe Matznerin , das is a dalket Reden ! Für mein Bubn is mer d ' Schönste grad sauber gnug , und wär d ' Zinshofer Dirn nur anderer Leut Kind , so sorget ich nit . « » Verzeihst schon , aber soviel wie du von deinm Muckerl kann auch die Zinshofer von ihrer Helen halten , denn jede Mutter hat ' s schönste Kind , und die Alte achtet ' s wohl für kein Gnad , die vom Himmel fallt , wann dein Sohn ihr Dirn zum Weib nähm ! Mein liebe Kleebinderin « ( diese Ansprache überzuckerte jedesmal eine bittere Pille , die eine Alte der andern einzugeben Lust hatte ) , » halt du dein Bubn , so hoch d ' willst , aber afs Kirchdach mußt ' n nit setzen ; wo junge Leut gnug af ebenen Boden ohne Bschwer sich zsammfinden mögen , wird ihm kaum einer andern Mutter Kind dorthin nachsteigen . Freilich , ein arms Hascherl wüßt ich , das sich lang schon einbildt , er säß so hoch über alle andern , und sich ' n gern herunterholet , aber kein Leiter findt , die hinanreicht . « Sie streichelte Sepherls Scheitel und tätschelte deren Wange . Die Dirne ward glührot im Gesichte und blickte wieder wundernd auf . Frau Resl erhob sich . » Nun , denk ich , wär gnug gschwätzt , vielleicht schon alls zviel ; aber wenigstens weißt , woran d ' bist , Kleebinderin , und wann d ' dazuschaust , so ließ sich wohl noch verhüten , was dir etwa nit in Kram taugt . No , nix für ungut . Bhüt Gott ! « » Bhüt Gott ! kommt gut heim . Völlig verwirrt hat mich euer Reden . Gute Nacht ! « » Gute Nacht , Kleebinderin ! « Auf der Straße fragte die Dirne mit leiser , klagender Stimme : » Nun sag mir , mußten grad wir ihm ' n Verdruß ins Haus tragen ? « » Du Tschapperl du ! Hätten wir ihm den ersparen können ? ! Ich wollt mir nur niemand bei der Kleebinderin zuvorkommen lassen ; sie sollt sehn , daß alte Freundschaft die erste am Platz is , und sie sollt hören , was mich schon lang druckt zu sagen , nit meinerwegen , sondern deintwegen . « Das Mädchen schüttelte den Kopf . » Morgen weiß er ' s , daß wir da waren , und schaut mich mit kein guten Aug mehr an . « » Bisher hat er dich mit gar keinm angschaut ! Is dir so um sein Anschaun , kannst ja zfrieden sein , wann er derweil auch nur böse Augen in dir stecken laßt . Kommt Zeit , kommt Rat . « Beide schritten längs des Baches dahin , von dem nun in der Abendkühle eine widerlich riechende Feuchte aufstieg . Allein gelassen , geriet die Kleebinderin , je mehr sich die Zeit dehnte , in immer größere Aufregung und Befürchtungen , der Falschheit ihres Sohnes wegen , so daß zuletzt die arme Alte ebensowenig an einer Stelle zur Ruhe kam wie eine Maus in der Falle . Das Wirtshaus lag am oberen Ende des Dorfes . Da der Garten etwas anstieg , so war eine Kegelbahn in selbem nicht anzubringen , weder der Höhe noch der Quere nach ; bergauf hätte kein Spieler die Kugel bis zu den Kegeln zu treiben vermocht , sie von selbst bergunter laufen zu lassen , dabei wär weder Kunst noch Spaß gewesen , und quer , nach einer Seite überhängig , mußte es ja jeden Schub verreißen und käm der beste Scheiber vor lauter Anwandeln zu keinem Spiel . Aber kegeln wollten die Bauern , und so war denn die Bahn vor dem Hause längs der Straße angebracht , und wer einkehren wollte , mußte unter dem Vordach hindurch , an den lärmenden , meist hemdärmeligen Spielern vorbeigehen . Als der Kleebinder Muckerl mit der Zinshofer Helen herankam , blickten alle verwundert auf . » Je , Muckerl , getraust du dich auch einmal von deine Herrgottln weg ? « rief der Wirt und folgte den beiden durch den Hausflur , an Gaststube und Küche vorbei , in den Garten nach . Der Bursche , der eben zum Schub angetreten war , verzog das Maul , verdrehte die Augen und ließ , als ob er über diese Begegnung auf das nächste vergäße , die schwere Kugel aus der Hand fallen , worauf er einen Schrei tat und auf einem Beine herumhüpfte , als sei das andere geschädigt worden . Es mußte das ein guter Spaß sein , weil ihn alle belachten . Im Garten war es kühl und fast einsam . An einem Tische saßen zwei alte Bauern und an einem zweiten ein Knecht mit einer Dirn . » Was soll ich bringen ? « fragte der Wirt . » Wirst wohl ein Wein wolln , ein bessern , versteht sich , und ein Backwerk ? Wirst dich nit spotten lassen ? « Versteht sich , daß der Muckerl sich nicht spotten ließ . » Sapramost « , rief einer der Bursche draußen , » ist aber die Zinshoferische sauber , die is die Schönst wordn von alln ! « Auf der Bank hinter dem lange Tische , auf dem die Spieler ihre Krüge stehen hatten , saßen etliche Dirnen , die mochten , während der Schatz kegelte , zusehen oder untereinander plaudern , durften auch ab und zu einen Schluck nehmen . Hatte eine ein Glas mit süßem Weine vor sich und etwa gar eine Zuckerbrezel dazu , so war das eine große Aufmerksamkeit , oder sie - bezahlte sich ' s selbst . Bisher hatten sie ziemlich fremd gegeneinander getan und sich nur wenige Worte gegönnt . Oft sah eine die andere mißtrauisch von der Seite an und dann wieder von ihr weg nach der Kegelbahn und verfolgte eifrig den Gang des Spieles oder tat wenigstens so , während sie mit dem Schatz zu liebäugeln versuchte und dabei auch beobachtete , » ob nit die daneben ein schlechts Mensch mache « und ihn ihr abzuwenden verlangt , wobei es allerdings vorkam , daß die Betreffende selbst einen Augenblick darauf vergaß , daß sie seit acht Tagen mit einem » Neuen « gehe und aus alter Gewohnheit dem » Früheren « zulächelte . Jetzt aber , wo mit einmal die Zinshoferische die Schönste sein sollte , rückten sie naserümpfend zusammen , zogen bedauernde und spöttische Gesichter gegeneinander und wußten wohl , wem das Bedauern und der Spott galt . » Merkwürdig « , sagte der Wirtshannsl , nebenbei bemerkt , seines Vaters beste Kundschaft , » merkwürdig , daß bis heut keiner von uns um der ihr Sauberkeit gwußt hat ! « » Kein Wunder « , sagte ein anderer , » wann hat man s ' voreh auch zu Gsicht kriegt ? Nit außer , nit unter der Arbeit . Ihr Hütten liegt am untersten untern End , und müßt mer erst gwußt habn , was mer dort z ' suchen hat , eh man sich nach Feierabend dahin müd läuft , und ins Tagwerken hat s ' ihr Mutter nit gschickt . « Das war richtig , die Helen hatte noch niemand arbeiten gesehen . Als jetzt ein stämmiger Bursche in die Ärmel seiner Jacke schlüpfte und sagte : » Die Schnur is aus , scheibts ohne meiner weiter ! Ich geh , mir die zwei Leuteln anschaun « , da schrien die Dirnen lachend : » Tu dich nur nit in Kleebinder Muckerl verschaun ! « Sie bildeten jetzt eine Kette und hatten gegenseitig die Arme um Nacken und Hüften geschlungen . » Sorgts nur , daß euch keiner von euere Muckerln ausreißt « , sagte der Stämmige mit pfiffigem Augenblinzeln . Nicht lange , so war ein Bursche nach dem andern verschwunden , und bei den Dirnen , die nun aneinanderrückten wie Schafe , wenn ' s donnert , blieb niemand zurück als der Wirtshannsl . Der Schalk wußte , daß er nun als der » einzig Gscheite « bei den armen , vernachlässigten Geschöpfen einen Stein im Brette haben werde , und da verletzte Eitelkeit gar manche veranlaßte , sich so zu benehmen , als wäre ihr darum zu tun , die widerfahrene Kränkung auch zu verdienen , so sah er einem recht unterhaltsamen Abend entgegen . Wirklich schallte es bald unter dem Vordache vor lautem Gelächter und Geschrei , das manchmal in ein grelles Aufkreischen ausartete . - Der Kleebinder Muckerl war im Orte wohlgelitten , in besonderer Achtung stand er nicht , kam ihm ja auch gar nicht zu . Körperkraft , Arbeitstüchtigkeit , erwirtschaftetes , auch überkommenes Geld wertet der Bauer frischweg , darauf versteht er sich , das bewährt sich unter seinen Augen als zu Nutz und wünschenswert ; vor dem Manne , dem man nicht auf den Grund der vollen Tasche zu sehen vermag , rückt er den Hut und gibt ihm , als einem , dem Gott über die andern emporgeholfen hat , wie der hohen Obrigkeit , aus Respekt , kurze Reden . Alle andere Schätzung und Wertung ist ihm überkommen , selbst was unseres lieben Herrgotts und all seiner Heiligen Gnad und Barmherzigkeit anlangt , verläßt er sich auf seines Pfarrers Wort und Lehr . Alles , was in seinem Kreise dem Hergebrachten zuwiderläuft , macht ihn verlegen und mißtrauisch , ' s mag ja von Gott gegeben sein , ' s könnt ' s aber auch der Teufel geschenkt haben , wer weiß sich da schnell aus ? Und gar , was so inmitten zwischen dem Weltlichen und Heiligen liegt , das Gebiet der Kunst , das ist ihm allzeit nebelgrau geblieben und dürfte es ihm wohl bleiben ; vor einem Kunstgegenstande wagt er sich kaum über das reservierte Urteil hinaus : Das schaut schön aus ! Da war denn nun der Kleebinder-Muckerl , klein und knirpsig , sicher außerstand , auf dem Felde seinen Mann zu stellen , freilich war sein Glück , daß er findig und geschickt genug war , sich daheim mit leichterer Arbeit mehr Geld zu verdienen als manche andere mit der harten ; aber feiern durfte er auch nicht , und seinm Sack war wohl noch auf ' n Grund zu sehn , übrigens , war solche Arbeit überhaupt welche zu nennen und Ehr dabei aufzuheben ? Wohl heißt ' s , zu Zwischenbühel , da sitzt einer , der versteht ' s Herrgottlmachen und Heiligenschnitzen , aber ( die guten Zwischenbüheler empfanden instinktiv , daß ihr Dorfkind kein Genie sei ) wenn er ' s gar so ausbündig , so aller Welt ungleich verstünd , säß er nit mehr unter uns . Eben dieses Gefühl der Gewöhnlichkeit Muckerls , das dem unzureichenden Grunde , ihn als etwas Besonderes zu betrachten , entsprang , machte ihn wohlgelitten ; nur wollten ihn die Bursche unter sich nicht als einen Gleichen gelten lassen , und schau eins , nun möcht mit einmal das Halbmännel , der Stubnschaffer gar vor allen was voraushaben und mit der Schönsten vom Ort gehn ? ! Dazu dürft ihm doch wohl der Weg zu verlegen und zu verleiden sein . Wär anders denen unterm Vordache draußen die Lustigkeit vom Herzen gegangen , so hätten sie die Gesellschaft , die da rückwärts im Garten saß , verlachen können , denn die kam zu keinem Behagen . Der Stämmige , der zuerst hinausgeschlichen war , hatte sich ohne viel Umstände an Muckerls Tisch gesetzt ; nachdem er dem Herrgottlmacher ein paar kurze Reden gegönnt , wobei er , über dessen Achsel weg , Helenen zublinzelte , ging er sofort daran , sich dieser gegenüber als den Spaßhaften und Zutätigen zu bezeigen , denn er hielt dafür , daß der Deckel rasch vom Korbe müsse , wenn er Hahn darin sein wollte , denn die andern Bursche würden nicht lang wegbleiben ; aber schon der nächste , der hinzukam , fand ihn verdrossen mit einer hochgeröteten Backe dasitzen . Und alle die Bursche , wie sie sich nun hinzufanden , richteten erst vorab paar Worte an den Muckerl , dann reckten sie die Hälse und sprachen von dem nächsten Tisch herüber zu der Dirne , als säße die allein unter ihnen . » Zinshofer Dirn , anschaun is wohl erlaubt ? « » Wenigstens nit verboten « , sagte sie . » Könntst uns ein Gfallen erweisen - « » Wüßt kein Grund . « » Sag uns , wie d ' so sauber sein magst ? « » Dank fürs Kumplament , is mir leid , daß ich ' s nit zruckgeben kann . « » Macht nix . Auf