diese kleinen Maschinen , was trauten sie sich nicht zu ? Sie begnügten sich keineswegs damit , die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den Schläfer zu wecken , wann immer es ihm beliebte , auch den Wochen-und Monatstag verzeichneten sie , kontrollierten die Aspekte und Phasen des Mondes und behaupteten , den Stand der Sonne nachweisen zu können . Sie wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu , wußten Auskunft zu geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ... Wahrhaftig , die braven Männer , denen sie ihre Entstehung verdankten , hatten sich Schweres vorgesetzt - und mit wie geringen Mitteln gedachten sie es zu erreichen ! Mit Spindelechappements - mit Löffelunruhen , deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste reguliert wurde ! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen , und von einer Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen . Aber - so ärmlich ihre Kunst , so reich war ihr Vertrauen . Sie wußten - das heißt , sie glaubten , und weil sie glaubten , wußten sie - , daß Schwäche zur Stärke erwachsen kann , wenn nur der rechte Segen auf ihr ruht . Kühn und demütig zugleich riefen sie die Hilfe desjenigen herbei , dem nichts unmöglich ist , und stellten die Werke ihres Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz , empfahlen sie auch wohl der Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen . Einer der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses , das die Kraft umschließt , von welcher alle Bewegung ausgeht , die das ganze Getriebe gleichsam beseelt , den Namen Jesu eingegraben . Von einem andern war aus dem feingeschnittenen , prächtig ornamentierten Monogramm der heiligen Jungfrau Maria der Schutzdeckel des Zifferblattes gebildet worden . Auf der Innenseite des Gehäuses standen die Worte eingraviert : Kasper Werner hat mich gemacht Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht Da . man . zelt . 1541 . Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein , als Lotti ein Lädchen nach dem andern öffnete und schloß . Taschenuhren in allen Formen und Gestalten , achteckig , rund , oval , elliptisch , sternförmig , in Gehäusen aus Gold und Silber , aus Smaragd , Rauchtopas , Bergkristall . Unter andern gab es eine Uhr in Kreuzform , mit dem Augsburger » Stadtphyr « , » Wardein- und Wichszeichen « versehen . Das Gehäuse , das Zifferblatt und der innere Deckel waren mit Darstellungen des Leidens Christi bedeckt , die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten . Leider fehlte das Meisterzeichen . Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein müssen , um nicht sogleich zu erkennen , daß die prächtige deutsche Arbeit aus der Zeit Kaiser Rudolfs II. stammte und vermutlich von Hans Schlotheim hergestellt worden war . Über den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin , gleichfalls kreuzförmig , mit Gehäuse aus einem Stück Rauchtopas , konnte kein Zweifel obwalten . Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt , sondern neben dem Stellungsgrade brav und deutlich sein » Conrad Kreizer « eingeschrieben . Eine ganze Schar anmutiger Französinnen folgte . Köstliche Ührchen , geschmückt mit Emailmalereien von den Brüdern Huaut , oder mit erhaben geschnittenen Blumen , mit buntem Blattwerk , mit durchbrochenen Arabesken aus vielfarbigem Golde . Die Sammlung enthielt nicht minder merkwürdige Arbeiten von Tompion in England , Albrecht Erb in Wien , Gerard Mut in Frankfurt , Matthäus Degen , Christoff Strebell . Kurz , es fehlten wenig große Namen , und wer die vorhandenen mit recht scharfen Augen betrachtete , der sah mehr als nur Namen , in eine Metallplatte eingeritzt , der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem Werke spiegeln . Nach all den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen Taschenuhren von Pierre le Roy , Berthoud , Breguet , eine Emmery ... Ach , die weckt traurige Erinnerungen , mahnt an die große Enttäuschung in Lottis Leben . Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst ... Hinweg ! - Schlafe du nur ruhig weiter . Hinweg von dir zu dem unerhörtesten Kuriosum der Sammlung - zu der Seetaschenuhr von Mudge dem Ersten . Die Geschichte will wissen , daß dieser berühmte und unsterbliche Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat , und zwar die erste im Jahre 1774 , und die beiden andern , der blaue und der grüne Zeithalter genannt , im Jahre 1777 . Nun , die Geschichte hat einmal wieder geirrt . Hier war sie auf die gründlichste Art der Welt widerlegt , durch eine Tatsache - hier war eine vierte Mudge . Zwillingsschwester der älteren , der von Maskelyn in Greenwich geprüften , und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden , wie denn auch die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren . Die weltbekannten Beschreibungen , die wir von der ersten Seeuhr Mudges besitzen , paßten genau auf die , welche sich in Lottis Händen befand . Die Uhr war echt , ihr edler Ursprung über jeden Zweifel erhaben , es war eine ganze Mudge - die Leistungsfähigkeit ausgenommen . Die durfte man freilich nicht mehr von ihr verlangen , der über hundert Jahre alten Greisin . Die letzte Lade , die von Lotti geöffnet wurde , enthielt schöne Arbeiten von Arnold , Richard , Recorder , Robert , Courvoisier , Ruderas , von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus Gütenbach . Ein Familienerbe ! - Als Bräutigam hatte sie der Urgroßvater Lottis ihrer Urgroßmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht . Gottfried nannte sie die Majoratsuhr . Sie war nie getragen worden , hatte als Schaustück im Glasschranke der Urgroßmutter geruht . Nur an hohen Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti aufgezogen . Dann setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und vollführte einen so akkuraten und energischen Gang und bimmelte so fleißig fort , als ob sie noch in der Blüte ihrer Jahre stände und als ob sie all die Zeit einholen wollte , die sie in unfreiwilliger Muße versäumt . Wie war sie nett ! Wie waren ihre hölzernen Räder , Platten , Kloben so bewunderungswürdig ausgearbeitet . Wie sauber aus-gestochen der Unruhkloben und die Stellungsflügel , und wie schön verziert die beiden und die Klobenplatte . Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die Liebe an , mit welcher sie ausgeführt , und auch die , mit welcher sie zeitlebens gehegt und gepflegt worden war . Ihr gehörte Lottis letzter und zärtlicher Blick , bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte : Ja , meine Uhren - die machen mir noch das Sterben schwer ! In diesem Augenblick wurde die Zimmertür geöffnet . » Guten Morgen « , sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme . Lotti wandte sich rasch : » Du , Gottfried ? Ist es denn schon acht Uhr ? « » Noch nicht « , war die Antwort , » ich bin heute unpünktlich . « » Zeichen und Wunder « , rief Lotti , » was ist geschehen ? Was gibts ' ? « Gottfried war an den Arbeitstisch getreten . Er hob die kleinen Glasglocken von den Uhren , welche darunterlagen , und nahm diese in den allergenauesten Augenschein . » Du bist ja fertig « , sagte er nach einer Weile . » Beinahe - aber antworte mir doch - was gibt ' s ? « Er richtete sich empor , sah Lotti mit geheimnisvoller Miene , halb freudig , halb zweifelnd , an und sagte : » Eine Überraschung . « 4 » Eine Überraschung ? « wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge , » wenn ich Überraschungen nur zu schätzen wüßte . « » Diese wird dir gefallen « , entgegnete Gottfried . » Ich habe einen Laden gemietet und bereits eingerichtet . « Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte herausbringen : » Aber nein ! ... Aber wo ? « Nun , nirgends anders als gleich nebenan in der breiten belebten Straße , die zum Domplatze führt . Ein allerliebster kleiner Laden , an dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde , der ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück tauklaren Glases und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz . In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten Häusern . Lotti war bewundernd vor ihnen stehengeblieben , aber heute erfüllte deren Kostbarkeit sie mit Schrecken . » Ein solcher Wert ! « meinte sie , » ein so großes Kapital ! « Es schien ihr fast zu kühn , daß Gottfried die Bürgschaft dafür übernommen hatte . Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht . Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen . Der Meister , der ihn beschäftigte , die Freunde , die er sich noch während seiner Lehrzeit erworben , unterstützten und förderten ihn dabei auf das kräftigste . Als ob es sich an ihm erproben sollte , daß nicht bloß diejenigen Vertrauen erringen , die es nicht wert sind , sondern manchmal doch auch einer , der es verdient , fand er allenthalben bereitwilliges Entgegenkommen . Es wurden ihm so billige und günstige Bedingungen gemacht , daß er , um in seinem Geschäfte zu bestehen , keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen , sondern nur auf das Ausbleiben eines raffinierten Unglücks zu hoffen brauchte . Das setzte er Lotti auseinander , die ihm aufmerksam und immer freudiger zuhörte und endlich meinte , in der ganzen Geschichte gäbe es zwei verwunderliche Dinge ; erstens , daß er sich zu dem jetzt gefaßten Entschluß solange nicht gebracht , und zweitens , daß er sich doch dazu gebracht . Was sie von der Sache halte , wisse er ; hatte sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen , sich auf eigene Füße zu stellen ? Gottfried erwiderte , seine Pedanterie sei schuld , daß es nicht früher geschehen . Er hatte sich ' s einmal vorgesetzt , sein Geschäft nicht anzufangen , wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen würde . Um jedoch alles aus Eigenem bestreiten zu können , dazu habe es eben viel Zeit gebraucht . » Und gut angewandte , das weiß Gott « , meinte Lotti . » Heil dir , daß du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und Audemars ' ... « » Die beide schon halb und halb verkauft sind « , fiel er ihr ins Wort . » Gottfried , du machst mich übermütig ! Einen Wunsch hast du mir erfüllt , der schon vor Altersschwäche erloschen war - jetzt wird ein zweiter , dem es ähnlich ergangen , lebendig . Du mußt heiraten , Gottfried . « Er richtete seine kleinen , glänzenden braunen Augen fest auf sie und sprach ganz unternehmend : » Warum nicht ? « » Das sag ich ja « , rief Lotti , » warum nicht ? Warum solltest du die brave Frau nicht finden , die du verdienst ? Nur suchen heißt es , nur sich ein wenig bemühen , nur nicht , wie du es bisher getan hast , jeder Gelegenheit aus dem Wege gehen , mit einem jungen Mädchen zusammenzukommen , das vielleicht denken könnte : Dieser Gottfried Feßler wäre kein übler Mann für mich . « Er lachte . » Ein junges Mädchen denkt das nicht . « » Ich meine auch kein sechzehnjähriges . « Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparierten Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen . Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu . » Wann wird die Bestellung abgeliefert werden ? « fragte er nach einer kleinen Weile . » Kann morgen geschehen . « » Tu es selbst , ich bitte dich , und nimm zugleich Abschied von dem Meister . Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten . « Lotti blickte ein wenig betroffen empor . » Abschied nehmen - das wäre schon gut , aber - so plötzlich , so ohne weiteres ? Ich bin ihm Dank schuldig , er hat immer Rücksicht auf mich genommen , mich nie ohne Arbeit gelassen , immer gut und rasch bezahlt . « » Rasch ja , gut - nein . Mache dir keine Sorgen . Ich habe den Herrn bereits darauf vorbereitet , daß er jetzt seine beste Arbeiterin verliert . Wie leid ihm ist , mag Gott wissen , aber begreiflich muß er ' s finden , daß du dich von nun an für niemanden mehr plagen wirst als für mich , was soviel heißt als für dich selbst , denn - nicht wahr ? ... « Er war plötzlich in heiße Verlegenheit geraten und stockte . » Oh « , nahm er bald wieder das Wort , » da hätte ich beinahe vergessen ! Der Herr bittet dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst . Du möchtest so gut sein , diese Uhr anzusehen . Ist sehr fein , sagte er , hat dein Lieblingsechappement . « » Duplex also . « » Jawohl . Er weiß gerade keinen Arbeiter , dem er sich getraut , sie in die Hand zu geben . Überdies hat ' s Eile . Morgen abend möchte er sie wiederhaben . « Gottfried stellte ein hölzernes , mit Messing eingelegtes Kästchen vor Lotti hin . Die wandte demselben den Blick eines teilnehmenden Arztes für einen Patienten zu und fragte : » Was fehlt denn ? « » Weiß nicht « , erwiderte Gottfried , » aber ich glaube , nicht viel . Der Herr hat mir eine lange Geschichte erzählt , er hat die Uhr von einem , der sie aus Leichtsinn oder aus Not losschlug , um ein Spottgeld . Will sie jetzt sehr teuer verkaufen , deshalb sollst du die Herstellung besorgen . Er schwatzte ein langes und breites , ich habe nicht zugehört . Es wäre auch überflüssig gewesen , nachdem ich wußte , was mich dabei anging . « Lotti , die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen , hatte es geöffnet und dann auch - mit seltsamer Spannung und Hast - die Uhr , welche darin gelegen . Unverwandt starrte sie den Namen F. Alexi & amp ; Sandoz frères auf der Küvette und die Zahl an , die darunterstand . » Verkauft - wie sagtest du ? - aus Leichtsinn oder aus Not « , sprach sie gepreßten Tones . » Freilich , freilich « , versetzte er , lehnte sich tiefer in das Fenster zurück , sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf nachzudenken . » Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen ! « rief er plötzlich aus . Lotti nickte bejahend ; sie hatte bereits begonnen , die Uhr zu zerlegen . » Das Schild ist noch nicht aufgemacht « , fuhr Gottfried langsam und zögernd fort , » aber fertig ist es schon . Es wird nicht aufgemacht , bevor du die Erlaubnis dazu gibst . « Er hielt inne , er wartete , aber vergeblich . Lotti schwieg , und so hub er denn nach abermaliger Pause von neuem an : » Denk nur , welche Freiheit ich mir genommen - denk nur - ich habe auf das Schild schreiben lassen ... wie gesagt , oder nicht gesagt , auf jeden Fall , wie selbstverständlich - es kann geändert werden , wenn du es wünschest ... « Jetzt erst wagte er es wieder , sie anzusehen . Sie war ganz versunken in ihre Arbeit - eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie , die Meisterin ! Ihre sonst so sichere Hand zitterte , ihr Gesicht war hochgerötet , eine mühsam unterdrückte Erregung gab sich in ihrem ganzen Wesen kund . Was ist ihr denn ? dachte Gottfried . - Ahnt sie , was er ihr zu sagen hat , und versetzt sie das in eine Befangenheit , die aussieht wie Bestürzung ? Wär ' s doch so ! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst , und er braucht nicht zu fürchten , mit einem Scherze heimgeschickt zu werden , das Ärgste , was ihm geschehen könnte , dem alten Menschen . Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und zugleich von aller Ängstlichkeit . Er atmet auf und spricht mit einem gewissen unbeholfenen Humor , dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich : » Es wäre schade , wenn an dem Schilde etwas geändert werden müßte ; es ist sehr hübsch ausgefallen ... Macht sich wirklich gut , auf glänzend schwarzem Grund , das G. & amp ; L. Feßler ... G. und L .... Gottfried und Lotti ... « Ihre Stirn glühte , ihre Wangen brannten , sie beugte sich tiefer über ihre Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos : » Gottfried und Lotti ? « Nein ! Ihre Gedanken waren nicht bei ihm . In der Weise hätte sie ebensogut fremde Namen ausgesprochen . Die Worte , die sie vernommen , waren an ihr Ohr gedrungen , die schüchterne , inständig bittende Frage , die in ihnen lag , nicht an ihr Herz ... Jetzt trat von allen Pausen , die während dieses Gespräches gemacht wurden , die längste ein . Still war ' s im Zimmer , nichts hörbar als das Ticken der vielen Uhren und endlich ein tiefer , tiefer Seufzer aus Gottfrieds Brust . Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers , der sich vor ihre Augen gelegt hatte , den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in seinen Zügen . » Was ist dir , Gottfried ? « sprach sie . » Du hörst mich nicht an « , entgegnete er unmutig . Sie nahm sich mit Gewalt zusammen : » Doch , ich habe alles gehört . « » Hast du ? Wirklich ? und - hast nichts einzuwenden ? ... Es ist dir recht - du weißt ... « » Es ist mir recht , gewiß . Aber wenn du , Lieber , auf dein Schild auch nur G. Feßler hättest schreiben lassen , für uns hätte es dennoch und immer Geschwister Feßler bedeutet . « » Geschwister - so ? - - ja , Geschwister « , murmelte er und zögerte , die Hand anzunehmen , die Lotti ihm reichte . Allein er ergriff sie doch und drückte sie fest und treuherzig , als Lotti sagte : » Es versteht sich ja von selbst , daß wir zwei nach wie vor treu zusammenhalten . « » Das Schild wird also aufgemacht « , sprach er , mit einem herzhaften Versuch , vergnügt zu scheinen . » Komm es bewundern , komm bald ! « Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer . Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene Beschäftigung emsig fort . Sie hatte an der Uhr , die Gottfried mitgebracht , alle Brücken abgeschraubt , alle Räder ausgehoben , bis auf das Minutenrad . Das haftete noch , festgehalten vom Viertelrohr . Aber auch dieses muß nun weichen , das letzte Rad liegt bei seinen Kameraden , und Lotti hat gefunden , was sie suchte , was sie zu finden gewiß war . Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai , mit fast unsichtbar kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und verborgen durch die Zähne des Rohres . Am 12. Mai , an dem Tage , der sich heute zum fünfzehnten Male jährte , hatte sie diese Zeichen da hineingeschrieben und diese Uhr ihrem Verlobten geschenkt und dabei gesagt : » Sie kann uns gute , sie kann uns traurige Stunden anzeigen , aber keine , in der unsere Treue gewankt . « So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen , solche Schwüre schwört die kindische Liebe , die , kaum erwacht , auch schon die Kraft in sich fühlt , ewig zu leben . Torheit ohnegleichen ! Ebensogut könnte die Rose schwören , daß sie niemals welken wird , denkt Lotti , und halb erloschene Erinnerungen tauchen in ihrer Seele auf . Bleiche Schatten ringen sich los aus der Nacht der Vergessenheit und gewinnen allmählich Farbe und Gestalt . Sie ziehen langsam vorüber , mächtig genug , um noch eine leise Wehmut , nicht mehr mächtig , einen Schmerz zu erwecken . Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln , peinvollen Traum , aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht . 5 Vor fünfzehn Jahren , an einem Winternachmittage , war ein junger Mann in der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht , mit der Bitte , sie zu schätzen . Während Feßler die Uhr betrachtete , betrachtete der junge Mann ihn so aufmerksam , wie ein Maler tut , der sich das Bild eines Menschen , den er aus dem Gedächtnis malen soll , einzuprägen sucht . » Dies ist « , sprach Feßler , nachdem er seine lange und sorgfältige Untersuchung beendet hatte , » ein kostbares Stück . « Er rief seine Tochter herbei , um auch ihre Meinung zu hören . » Wie ? « sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt , » sind Sie Kennerin , mein Fräulein ? « Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen , mit dem fast alle jungen Männer , denen sie zum ersten Male begegnete , sie ansahen ; den Blick , der deutlich fragt : Was willst du in der Welt ? und an den ein nicht hübsches Mädchen sich gewöhnen muß . Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung . Der Fremde lachte herzlich auf , als sie das sagte . » Ist ' s richtig , Herr Feßler ? « » Ganz richtig « , erwiderte dieser , unangenehm berührt von dem über Gebühr zutraulichen Wesen des jungen Mannes , der , an die Seite Lottis tretend , in seinem früheren Tone fortfuhr : » Sie können mir vielleicht auch sagen , was diese Uhr wert ist ? « Lotti schüttelte den Kopf . » Was sie jetzt wert ist , kann ich nicht sagen ; als sie neu war , sind gewiß nicht weniger als 150 Guineen für sie bezahlt worden . « » Als sie neu war ? Und wann mag das gewesen sein ? « » Vor siebzig Jahren etwa . « » Ich bewundere Sie ! « rief der junge Mann äußerst belustigt ; » das alles erkennen Sie so auf den ersten Blick ? ... Jetzt aber die letzte , wichtigste Frage : Wieviel ist sie heute , wieviel ist sie Ihnen wert ? « fügte er zu Feßler gewendet hinzu . » Sie wäre mir sehr viel wert , wenn ich nicht schon eine ganz ähnliche besäße « , entgegnete dieser . » Ah ! in Ihrer Sammlung ? ... Wenn Sie doch wüßten , Herr Feßler , wieviel Gutes und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von dieser Sammlung , und wie glücklich ich wäre , sie kennenzulernen ... Wenn Sie das wüßten - Sie würden mir den elenden Vorwand verzeihen , den ich gebraucht habe , um mich bei Ihnen einzuschleichen . « Er legte eine gründliche Beichte ab . Er hieß Hermann von Halwig , war ein kleiner Beamter und nebenbei ein ganz kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle , in welcher eine alte Uhr eine große Rolle zu spielen hatte . Die mußte geschildert werden , und um das zu können , brauchte er ein Modell , brauchte er vor allem einige fachmännische Kenntnis . » Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre , bester Meister « , schloß er , » würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung - Ihr Heiligtum , wie ich höre . - Daß ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde , das verspreche ich nicht , aber ein dankbarer bin ich gewiß ! « Feßler sah den hübschen blonden Gesellen ein Weilchen nachdenklich an . Ihm gefielen seine fröhlichen blauen Augen und die sorglose Sicherheit , das muntere Selbstvertrauen , mit denen er sich auf die Reise durchs Leben zu begeben schien . Schweigend holte der alte Mann einige schöne Exemplare aus der Sammlung herbei und begann die Eigentümlichkeiten und Vorzüge derselben mit der Wärme eines Liebhabers auseinanderzusetzen . Halwig unterbrach ihn anfangs sehr oft ; er konnte die Scherze nicht unterdrücken , die ihm alle Augenblicke auf die Lippen traten . Allmählich jedoch wurde er still . Das herablassende und oberflächliche Interesse , das er für einige » Favoritinnen aus dem Uhrenharem « gezeigt , verwandelte sich in ein gespanntes . Den Kopf in die Hand gestützt , sah er bald die Uhren auf dem Tische , bald den Meister , zuletzt nur noch diesen an , und dabei erhellte der Ausdruck einer so innigen Freude und Verehrung seine Züge , daß Feßler dachte : Dem Burschen könnt ich gut sein - trotz des Leichtsinns , mit dem er vorgab , eine Emmery verkaufen zu wollen . Der Bursche aber richtete sich plötzlich auf . » Was für Augen haben Sie ! « rief er , » was Ihnen ein Rädchen , eine Spindel , ein Ornament , ein Stückchen Email nicht alles erzählen ! Was für Augen und was für ein Herz ... Sie sind ein Künstler ! ... « Er deutete nach dem Schranke , dem Feßler die Uhren entnommen . » Das Kästchen dort ist für Sie , was für einen Poeten ein Schrein voll der köstlichsten Werke großer Dichter , die vor ihm gelebt . Eine schweigende , tote Welt , die ein Blick zum Dasein erweckt , zu einem mächtigern , schönern Dasein als das sogenannte wirkliche ... Ein Blick - ein sehender , der Blick des Verständnisses muß es sein ... Nicht wahr , lieber Meister ? - Verständnis ist alles - Weisheit , Liebe , Poesie ... Nach dem allein haben wir zu ringen , die wir uns einbilden , Dichter zu sein ... An Stoffen fehlt ' s , höre ich die Leute sagen . - Begreife das Begreifbare , und aus allem , was dich umgibt , dringt die Fülle bildsamen Stoffes auf dich ein , und wenn es dir an etwas fehlt , so ist ' s an Kraft , die wogenden Quellen zu fassen und sie zu leiten an ein gewolltes Ziel ! « Er sprang auf , ergriff die Hand Feßlers , nannte ihn einen edlen , einen seltenen , einen herrlichen Mann und verabschiedete sich mit der Bitte , recht bald wiederkommen zu dürfen . Und er kam wieder , kam täglich , ganze Wochen hindurch , und wenn er ja einmal ausblieb , bedauerte dies niemand mehr als Feßler . Lotti sprach überhaupt nicht von ihm , vermied es sogar , seinen Namen zu nennen , und was Gottfried betraf , der meinte , es sei nicht übel , zwölf Stunden lang Ruhe zu haben in der Werkstatt . Er leugnete nicht , daß Halwig eine große Unterhaltungsgabe besitze , allein für seinen Geschmack machte » der Poet « einen gar zu häufigen Gebrauch davon . » Wenn ich am Sonntag Unterhaltung habe , ist mir ' s genug , täglich Unterhaltung ist mir zuviel « , sagte er und bewies es , indem er begann , das Haus zu den Stunden zu verlassen , in denen Halwig es zu besuchen pflegte . Dieser zeigte sich darüber gekränkt . Er war nicht gewöhnt , gemieden zu werden ; er tat sich etwas zugute auf die Macht , die ihm über die Gemüter der Menschen gegeben war . Keiner , um dessen Neigung er sich beworben , hatte ihm widerstanden , er hatte immer gehört und geglaubt , daß man ihn liebhaben müsse , wenn er es darauf angelegt . Bitter beklagte er sich bei Lotti über die Steifheit und Kälte ihres Vetters , versicherte , trotzig wie ein verwöhntes Kind , er werfe seine Freundschaft niemandem an den Kopf , und wenn Gottfried ihn hasse , so zahle er ihn mit gleicher Münze . Sobald sich jener aber blicken ließ , kam er ihm wieder mit der alten und - darüber konnte kein Zweifel sein - aufrichtigen Wärme entgegen . Er bemühte sich , sein Interesse zu erwecken , ihm Teilnahme einzuflößen , er warb förmlich um ihn . Alle liebenswürdigen Eigenschaften seines beweglichen , frischen , herzgewinnenden Wesens kamen dabei zum Vorschein , rührten aber denjenigen nicht , dem zu Ehren sie sich in ihrem vollsten Glanze zeigten . Eines Tages war Gottfried , mit einer dringenden Arbeit beschäftigt , von früh bis abends daheim geblieben und hatte im Eifer seines Fleißes die Stunde versäumt , zu welcher er jetzt regelmäßig seinen Rückzug vor dem » Luxusartikel « , wie er Halwig nannte , anzutreten pflegte . Zum Bewußtsein der Zeit wurde er durch Lotti gebracht , die eine Lampe auf den Tisch stellte und ihn mahnte , Feierabend zu machen . » Ist es denn so spät ? « fragte er . » Spät und nicht mehr hell , du verdirbst dir die Augen . « » Was liegt daran ? - Was liegt an mir ? « sprach er halblaut vor sich hin , wie einer , der , plötzlich geweckt , aus dem Schlafe redet . Er stöhnte schmerzlich auf und preßte beide Hände gegen die Stirn . Lotti wurde feuerrot ; schweigend , mit einer Gebärde der Mißbilligung wandte sie sich ab . Der Vater hatte seine allabendliche Zimmerpromenade unterbrochen , war vor Gottfried stehengeblieben und fragte , was ihm fehle . » Nichts « , erhielt er zur Antwort , » nur die Augen sind mir ein wenig müde geworden . « » Gönn dir Ruhe « , sagte Feßler , » mach es mir nach , ich spaziere schon lange müßig auf und ab und hätte ganz gut noch eine Weile schaffen können - die Tage