Dete genau und wußten , wem das Kind gehörte , und alles , was mit ihm vorgegangen war . Als es nun aus allen Türen und Fenstern tönte : » Wo ist das Kind ? Dete , wo hast du das Kind gelassen ? « rief sie immer unwilliger zurück : » Droben beim Alm-Öhi ! Nun , beim Alm-Öhi , Ihr hört ' s ja ! « Sie wurde aber so maßleidig , weil die Frauen von allen Seiten ihr zuriefen : » Wie kannst du so etwas tun ! « und : » Das arme Tröpfli ! « und : » So ein kleines Hilfloses da droben lassen ! « und dann wieder und wieder : » Das arme Tröpfli ! « Die Dete lief , so schnell sie konnte , weiter und war froh , als sie nichts mehr hörte , denn es war ihr nicht wohl bei der Sache ; ihre Mutter hatte ihr beim Sterben das Kind noch übergeben . Aber sie sagte sich zur Beruhigung , sie könne dann ja eher wieder etwas für das Kind tun , wenn sie nun viel Geld verdiene , und so war sie sehr froh , daß sie bald weit von allen Leuten , die ihr dreinredeten , weg- und zu einem schönen Verdienst kommen konnte . Beim Großvater Nachdem die Dete verschwunden war , hatte der Öhi sich wieder auf die Bank hingesetzt und blies nun große Wolken aus seiner Pfeife ; dabei starrte er auf den Boden und sagte kein Wort . Derweilen schaute das Heidi vergnüglich um sich , entdeckte den Geißenstall , der an die Hütte angebaut war , und guckte hinein . Es war nichts drin . Das Kind setzte seine Untersuchungen fort und kam hinter die Hütte zu den alten Tannen . Da blies der Wind durch die Äste so stark , daß es sauste und brauste oben in den Wipfeln . Heidi blieb stehen und hörte zu . Als es ein wenig stiller wurde , ging das Kind um die kommende Ecke der Hütte herum und kam vorn wieder zum Großvater zurück . Als es diesen noch in derselben Stellung erblickte , wie es ihn verlassen hatte , stellte es sich vor ihn hin , legte die Hände auf den Rücken und betrachtete ihn . Der Großvater schaute auf . » Was willst du jetzt tun ? « fragte er , als das Kind immer noch unbeweglich vor ihm stand . » Ich will sehen , was du drinnen hast , in der Hütte « , sagte Heidi . » So komm ! « und der Großvater stand auf und ging voran in die Hütte hinein . » Nimm dort dein Bündel Kleider noch mit « , befahl er im Hereintreten . » Das brauch ' ich nicht mehr « , erklärte Heidi . Der Alte kehrte sich um und schaute durchdringend auf das Kind , dessen schwarze Augen glühten in Erwartung der Dinge , die da drinnen sein konnten . » Es kann ihm nicht an Verstand fehlen « , sagte er halblaut . » Warum brauchst du ' s nicht mehr ? « setzte er laut hinzu . » Ich will am liebsten gehen wie die Geißen , die haben ganz leichte Beinchen . « » So , das kannst du , aber hol das Zeug « , befahl der Großvater , » es kommt in den Kasten . « Heidi gehorchte . Jetzt machte der Alte die Tür auf und Heidi trat hinter ihm her in einen ziemlich großen Raum ein , es war der Umfang der ganzen Hütte . Da stand ein Tisch und ein Stuhl daran ; in einer Ecke war des Großvaters Schlaflager , in einer anderen hing der große Kessel über dem Herd ; auf der anderen Seite war eine große Tür in der Wand , die machte der Großvater auf , es war der Schrank . Da hingen seine Kleider drin und auf einem Gestell lagen ein paar Hemden , Strümpfe und Tücher und auf einem anderen einige Teller und Tassen und Gläser und auf dem obersten ein rundes Brot und geräuchertes Fleisch und Käse , denn in dem Kasten war alles enthalten , was der Alm-Öhi besaß und zu seinem Lebensunterhalt gebrauchte . Wie er nun den Schrank aufgemacht hatte , kam das Heidi schnell heran und stieß sein Zeug hinein , so weit hinter des Großvaters Kleider als möglich , damit es nicht so leicht wiederzufinden sei . Nun sah es sich aufmerksam um in dem Raum und sagte dann : » Wo muß ich schlafen , Großvater ? « » Wo du willst « , gab dieser zur Antwort . Das war dem Heidi eben recht . Nun fuhr es in alle Winkel hinein und schaute jedes Plätzchen aus , wo am schönsten zu schlafen wäre . In der Ecke vorüber des Großvaters Lagerstätte war eine kleine Leiter aufgerichtet ; Heidi kletterte hinauf und langte auf dem Heuboden an . Da lag ein frischer , duftender Heuhaufen oben , und durch eine runde Luke sah man weit ins Tal hinab . » Hier will ich schlafen « , rief Heidi hinunter , » hier ist ' s schön ! Komm und sieh einmal , wie schön es hier ist , Großvater ! « » Weiß schon « , tönte es von unten herauf . » Ich mache jetzt das Bett ! « rief das Kind wieder , indem es oben geschäftig hin- und herfuhr ; » aber du mußt heraufkommen und mir ein Leintuch mitbringen , denn auf ein Bett kommt auch ein Leintuch , und darauf liegt man . « » So , so « , sagte unten der Großvater , und nach einer Weile ging er an den Schrank und kramte ein wenig darin herum ; dann zog er unter seinen Hemden ein langes , grobes Tuch hervor , das mußte so etwas sein wie ein Leintuch . Er kam damit die Leiter herauf . Da war auf dem Heuboden ein ganz artiges Bettlein zugerichtet ; oben , wo der Kopf liegen mußte , war das Heu hoch aufgeschichtet , und das Gesicht kam so zu liegen , daß es gerade auf das offene , runde Loch traf . » Das ist recht gemacht « , sagte der Großvater , » jetzt wird das Tuch kommen , aber wart noch « - damit nahm er einen guten Wisch Heu von dem Haufen und machte das Lager doppelt so dick , damit der harte Boden nicht durchgefühlt werden konnte - ; » so , jetzt komm her damit . « Heidi hatte das Leintuch schnell zuhanden genommen , konnte es aber fast nicht tragen , so schwer war ' s ; aber das war sehr gut , denn durch das feste Zeug konnten die spitzen Heuhalme nicht durchstechen . Jetzt breiteten die beiden miteinander das Tuch über das Heu , und wo es zu breit und zu lang war , stopfte Heidi die Enden eilfertig unter das Lager . Nun sah es recht gut und reinlich aus , und Heidi stellte sich davor und betrachtete es nachdenklich . » Wir haben noch etwas vergessen , Großvater « , sagte es dann . » Was denn ? « fragte er . » Eine Decke ; denn wenn man ins Bett geht , kriecht man zwischen das Leintuch und die Decke hinein . « » So , meinst du ? Wenn ich aber keine habe ? « sagte der Alte . » O dann ist ' s gleich , Großvater « , beruhigte Heidi ; » dann nimmt man wieder Heu zur Decke « , und eilfertig wollte es gleich wieder an den Heustock gehen , aber der Großvater wehrte es ihm . » Wart einen Augenblick « , sagte er , stieg die Leiter hinab und ging an sein Lager hin . Dann kam er wieder und legte einen großen , schweren , leinenen Sack auf den Boden . » Ist das nicht besser als Heu ? « fragte er . Heidi zog aus Leibeskräften an dem Sacke hin und her , um ihn auseinanderzulegen , aber die kleinen Hände konnten das schwere Zeug nicht bewältigen . Der Großvater half , und wie es nun ausgebreitet auf dem Bette lag , da sah alles sehr gut und haltbar aus , und Heidi stand staunend vor seinem neuen Lager und sagte : » Das ist eine prächtige Decke und das ganze Bett ! Jetzt wollt ' ich , es wäre schon Nacht , so könnte ich hineinliegen . « » Ich meine , wir könnten erst einmal etwas essen « , sagte der Großvater , » oder was meinst du ? « Heidi hatte über dem Eifer des Bettens alles andere vergessen ; nun ihm aber der Gedanke ans Essen kam , stieg ein großer Hunger in ihm auf , denn es hatte auch heute noch gar nichts bekommen , als früh am Morgen sein Stück Brot und ein paar Schlucke dünnen Kaffees , und nachher hatte es die lange Reise gemacht . So sagte Heidi ganz zustimmend : » Ja , ich mein ' es auch . « » So geh hinunter , wenn wir denn einig sind « , sagte der Alte und folgte dem Kind auf dem Fuß nach . Dann ging er zum Kessel hin , schob den großen weg und drehte den kleinen heran , der an der Kette hing , setzte sich auf den hölzernen Dreifuß mit dem runden Sitz davor hin und blies ein helles Feuer an . Im Kessel fing es an zu sieden , und unten hielt der Alte an einer langen Eisengabel ein großes Stück Käse über das Feuer und drehte es hin und her , bis es auf allen Seiten goldgelb war . Heidi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugesehen ; jetzt mußte ihm etwas Neues in den Sinn gekommen sein ; auf einmal sprang es weg und an den Schrank und von da hin und her . Jetzt kam der Großvater mit einem Topf und dem Käsebraten an der Gabel zum Tisch heran ; da lag schon das runde Brot darauf und zwei Teller und zwei Messer , alles schön geordnet , denn das Heidi hatte alles im Schrank gut wahrgenommen und wußte , daß man das alles nun gleich zum Essen brauchen werde . » So , das ist recht , daß du selbst etwas ausdenkst « , sagte der Großvater und legte den Braten auf das Brot als Unterlage ; » aber es fehlt noch etwas auf dem Tisch . « Heidi sah , wie einladend es aus dem Topf hervordampfte , und sprang schnell wieder an den Schrank . Da stand aber nur ein einziges Schüsselchen . Heidi war nicht lang in Verlegenheit , dort hinten standen zwei Gläser ; augenblicklich kam das Kind zurück und stellte Schüsselchen und Glas auf den Tisch . » Recht so ; du weißt dir zu helfen ; aber wo willst du sitzen ? « Auf dem einzigen Stuhl saß der Großvater selbst . Heidi schoß pfeilschnell zum Herd hin , brachte den kleinen Dreifuß zurück und setzte sich drauf . » Einen Sitz hast du wenigstens , das ist wahr , nur ein wenig weit unten « , sagte der Großvater ; » aber von meinem Stuhl wärst auch zu kurz , auf den Tisch zu langen ; jetzt mußt aber einmal etwas haben , so komm ! « Damit stand er auf , füllte das Schüsselchen mit Milch , stellte es auf den Stuhl und rückte den ganz nah an den Dreifuß hin , so daß das Heidi nun einen Tisch vor sich hatte . Der Großvater legte ein großes Stück Brot und ein Stück von dem goldenen Käse darauf und sagte : » Jetzt iß ! « Er selbst setzte sich nun auf die Ecke des Tisches und begann sein Mittagsmahl . Heidi ergriff sein Schüsselchen und trank und trank ohne Aufenthalt , denn der ganze Durst seiner langen Reise war ihm wieder aufgestiegen . Jetzt tat es einen langen Atemzug - denn im Eifer des Trinkens hatte es lange den Atem nicht holen können - und stellte sein Schüsselchen hin . » Gefällt dir die Milch ? « fragte der Großvater . » Ich habe noch gar nie so gute Milch getrunken « , antwortete Heidi . » So mußt du mehr haben « , und der Großvater füllte das Schüsselchen noch einmal bis oben hin und stellte es vor das Kind , das vergnüglich in sein Brot biß , nachdem es von dem weichen Käse daraufgestrichen , denn der war , so gebraten , weich wie Butter , und das schmeckte ganz kräftig zusammen , und zwischendurch trank es seine Milch und sah sehr vergnüglich aus . Als nun das Essen zu Ende war , ging der Großvater in den Geißenstall hinaus und hatte da allerhand in Ordnung zu bringen , und Heidi sah ihm aufmerksam zu , wie er erst mit dem Besen säuberte , dann frische Streu legte , daß die Tierchen darauf schlafen konnten ; wie er dann nach dem Schöpfchen ging nebenan und hier runde Stöcke zurechtschnitt und an einem Brett herumhackte und Löcher hineinbohrte und dann die runden Stöcke hineinsteckte und aufstellte ; da war es auf einmal ein Stuhl , wie der vom Großvater , nur viel höher , und Heidi staunte das Werk an , sprachlos vor Verwunderung . » Was ist das , Heidi ? « fragte der Großvater . » Das ist mein Stuhl , weil er so hoch ist ; auf einmal war er fertig « , sagte das Kind , noch in tiefem Erstaunen und Bewunderung . » Es weiß , was es sieht , es hat die Augen am rechten Ort « , bemerkte der Großvater vor sich hin , als er nun um die Hütte herumging und hier einen Nagel einschlug und dort einen und dann an der Tür etwas zu befestigen hatte und so mit Hammer und Nägeln und Holzstücken von einem Ort zum anderen wanderte und immer etwas ausbesserte oder wegschlug , je nach dem Bedürfnis . Heidi ging Schritt für Schritt hinter ihm her und schaute ihm unverwandt mit der größten Aufmerksamkeit zu , und alles , was da vorging , war ihm sehr kurzweilig anzusehen . So kam der Abend heran . Es fing stärker an zu rauschen in den alten Tannen , ein mächtiger Wind fuhr daher und sauste und brauste durch die dichten Wipfel . Das tönte dem Heidi so schön in die Ohren und ins Herz hinein , daß es ganz fröhlich darüber wurde und hüpfte und sprang unter den Tannen umher , als hätte es eine unerhörte Freude erlebt . Der Großvater stand unter der Schopftür und schaute dem Kind zu . Jetzt ertönte ein schriller Pfiff . Heidi hielt an in seinen Sprüngen , der Großvater trat heraus . Von oben herunter kam es gesprungen , Geiß um Geiß , wie eine Jagd , und mitten drin der Peter . Mit einem Freudenruf schoß Heidi mitten in den Rudel hinein und begrüßte die alten Freunde von heute morgen einen um den anderen . Bei der Hütte angekommen , stand alles still , und aus der Herde heraus kamen zwei schöne , schlanke Geißen , eine weiße und eine braune , auf den Großvater zu und leckten seine Hände , denn er hielt ein wenig Salz darin , wie er jeden Abend zum Empfang seiner zwei Tierlein tat . Der Peter verschwand mit seiner Schar . Heidi streichelte zärtlich die eine und dann die andere von den Geißen und sprang um sie herum , um sie von der anderen Seite auch zu streicheln , und war ganz Glück und Freude über die Tierchen . » Sind sie unser , Großvater ? Sind sie beide unser ? Kommen sie in den Stall ? Bleiben sie immer bei uns ? « so fragte Heidi hintereinander in seinem Vergnügen , und der Großvater konnte kaum sein stetiges » Ja , ja ! « zwischen die eine und die andere Frage hineinbringen . Als die Geißen ihr Salz aufgeleckt hatten , sagte der Alte : » Geh und hol dein Schüsselchen heraus und das Brot . « Heidi gehorchte und kam gleich wieder . Nun melkte der Großvater gleich von der Weißen das Schüsselchen voll und schnitt ein Stück Brot ab und sagte : » Nun iß und dann geh hinauf und schlaf ! Die Base Dete hat noch ein Bündelchen abgelegt für dich , da seien Hemdlein und so etwas darin , das liegt unten im Kasten , wenn du ' s brauchst ; ich muß nun mit den Geißen hinein , so schlaf wohl ! « » Gut ' Nacht , Großvater ! Gut ' Nacht - wie heißen sie , Großvater , wie heißen sie ? « rief das Kind und lief dem verschwindenden Alten und den Geißen nach . » Die weiße heißt Schwänli und die braune Bärli « , gab der Großvater zurück . » Gut ' Nacht , Schwänli , gut ' Nacht , Bärli ! « rief nun Heidi noch mit Macht , denn eben verschwanden beide in den Stall hinein . Nun setzte sich Heidi noch auf die Bank und aß sein Brot und trank seine Milch ; aber der starke Wind wehte es fast von seinem Sitz herunter ; so machte es schnell fertig , ging dann hinein und stieg zu seinem Bett hinauf , in dem es auch gleich nachher so fest und herrlich schlief , als nur einer im schönsten Fürstenbett schlafen konnte . Nicht lange nachher , noch eh ' es völlig dunkel war , legte auch der Großvater sich auf sein Lager , denn am Morgen war er immer schon mit der Sonne wieder draußen , und die kam sehr früh über die Berge hereingestiegen in dieser Sommerszeit . In der Nacht kam der Wind so gewaltig , daß bei seinen Stößen die ganze Hütte erzitterte und es in allen Balken krachte ; durch den Schornstein heulte und ächzte es wie Jammerstimmen , und in den alten Tannen draußen tobte es mit solcher Wut , daß hier und da ein Ast niederkrachte . Mitten in der Nacht stand der Großvater auf und sagte halblaut vor sich hin : » Es wird sich wohl fürchten . « Er stieg die Leiter hinauf und trat an Heidis Lager heran . Der Mond draußen stand einmal helleuchtend am Himmel , dann fuhren wieder die jagenden Wolken darüber hin und alles wurde dunkel . Jetzt kam der Mondschein eben leuchtend durch die runde Öffnung herein und fiel gerade auf Heidis Lager . Es hatte sich feuerrote Backen erschlafen unter seiner schweren Decke , und ruhig und friedlich lag es auf seinem runden Ärmchen und träumte von etwas Erfreulichem , denn sein Gesichtchen sah ganz wohlgemut aus . Der Großvater schaute so lange auf das friedlich schlafende Kind , bis der Mond wieder hinter die Wolken trat und es dunkel wurde , dann kehrte er auf sein Lager zurück . Auf der Weide Heidi erwachte am frühen Morgen an einem lauten Pfiff , und als es die Augen aufschlug , kam ein goldener Schein durch das runde Loch hereingeflossen auf sein Lager und auf das Heu daneben , daß alles golden leuchtete ringsherum . Heidi schaute erstaunt um sich und wußte durchaus nicht , wo es war . Aber nun hörte es draußen des Großvaters tiefe Stimme , und jetzt kam ihm alles in den Sinn : woher es gekommen war , und daß es nun auf der Alm beim Großvater sei , nicht mehr bei der alten Ursel , die fast nichts mehr hörte und meistens fror , so daß sie immer am Küchenfenster oder am Stubenofen gesessen hatte , wo dann auch Heidi hatte verweilen müssen oder doch ganz in der Nähe , damit die Alte sehen konnte , wo es war , weil sie es nicht hören konnte . Da war es dem Heidi manchmal zu eng drinnen , und es wäre lieber hinausgelaufen . So war es sehr froh , als es in der neuen Behausung erwachte und sich erinnerte , wie viel Neues es gestern gesehen hatte und was es heute wieder alles sehen könnte , vor allem das Schwänli und das Bärli . Heidi sprang eilig aus seinem Bett und hatte in wenig Minuten alles wieder angelegt , was es gestern getragen hatte , denn es war sehr wenig . Nun stieg es die Leiter hinunter und sprang vor die Hütte hinaus . Da stand schon der Geißenpeter mit seiner Schar , und der Großvater brachte eben Schwänli und Bärli aus dem Stall herbei , daß sie sich der Gesellschaft anschlössen . Heidi lief ihm entgegen , um ihm und den Geißen guten Tag zu sagen . » Willst mit auf die Weide ? « fragte der Großvater . Das war dem Heidi eben recht , es hüpfte hoch auf vor Freuden . » Aber erst waschen und sauber sein , sonst lacht einen die Sonne aus , wenn sie so schön glänzt da droben und sieht , daß du schwarz bist ; sieh , dort ist ' s für dich gerichtet . « Der Großvater zeigte auf einen großen Zuber voll Wasser , der vor der Tür in der Sonne stand . Heidi sprang hin und patschte und rieb , bis es ganz glänzend war . Unterdessen ging der Großvater in die Hütte hinein und rief dem Peter zu : » Komm hierher , Geißengeneral , und bring deinen Habersack mit . « Verwundert folgte Peter dem Ruf und streckte sein Säcklein hin , in dem er sein mageres Mittagessen bei sich trug . » Mach auf « , befahl der Alte und steckte nun ein großes Stück Brot und ein ebenso großes Stück Käse hinein . Der Peter machte vor Erstaunen seine runden Augen so weit auf als nur möglich , denn die beiden Stücke waren wohl die Hälfte so groß wie die zwei , die er als eignes Mittagsmahl drinnen hatte . » So , nun kommt noch das Schüsselchen hinein « , fuhr der Öhi fort , » denn das Kind kann nicht trinken wie du , nur so von der Geiß weg , es kennt das nicht . Du melkst ihm zwei Schüsselchen voll zu Mittag , denn das Kind geht mit dir und bleibt bei dir , bis du wieder herunterkommst ; gib acht , daß es nicht über die Felsen hinunterrällt , hörst du ? « - Nun kam Heidi hereingelaufen . » Kann mich die Sonne jetzt nicht auslachen , Großvater ? « fragte es angelegentlich . Es hatte sich mit dem groben Tuch , das der Großvater neben dem Wasserzuber aufgehängt hatte , Gesicht , Hals und Arme in seinem Schrecken vor der Sonne so erstaunlich gerieben , daß es krebsrot vor dem Großvater stand . Er lachte ein wenig . » Nein , nun hat sie nichts zu lachen « , bestätigte er . » Aber weißt was ? Am Abend , wenn du heimkommst , da gehst du noch ganz hinein in den Zuber , wie ein Fisch ; denn wenn man geht wie die Geißen , da bekommt man schwarze Füße . Jetzt könnt ihr ausziehen . « Nun ging es lustig die Alm hinan . Der Wind hatte in der Nacht das letzte Wölkchen weggeblasen ; dunkelblau schaute der Himmel von allen Seiten hernieder , und mitten drauf stand die leuchtende Sonne und schimmerte auf die grüne Alp , und alle die blauen und gelben Blümchen darauf machten ihre Kelche auf und schauten ihr fröhlich entgegen . Heidi sprang hierhin und dorthin und jauchzte vor Freude , denn da waren ganze Trüppchen feiner , roter Himmelsschlüsselchen bei einander , und dort schimmerte es ganz blau von den schönen Enzianen , und überall lachten und nickten die zartblätterigen , goldenen Cystusröschen in der Sonne . Vor Entzücken über all die flimmernden winkenden Blümchen vergaß Heidi sogar die Geißen und auch den Peter . Es sprang ganze Strecken voran und dann auf die Seite , denn dort funkelte es rot und da gelb und lockte Heidi auf alle Seiten . Und überall brach Heidi ganze Scharen von den Blumen und packte sie in sein Schürzchen ein , denn es wollte sie alle mit heimnehmen und ins Heu stecken in seiner Schlafkammer , daß es dort werde wie hier draußen . - So hatte der Peter heut ' nach allen Seiten zu gucken , und seine kugelrunden Augen , die nicht besonders schnell hin- und hergingen , hatten mehr Arbeit , als der Peter gut bewältigen konnte , denn die Geißen machten es wie das Heidi : sie liefen auch dahin und dorthin , und er mußte überallhin pfeifen und rufen und seine Rute schwingen , um wieder alle die verlaufenen zusammenzutreiben . » Wo bist du schon wieder , Heidi ? « rief er jetzt mit ziemlich grimmiger Stimme . » Da « , tönte es von irgendwoher zurück . Sehen konnte Peter niemand , denn Heidi saß am Boden hinter einem Hügelchen , das dicht mit duftenden Prünellen besät war ; da war die ganze Luft umher so mit Wohlgeruch erfüllt , daß Heidi noch nie so Liebliches eingeatmet hatte . Es setzte sich in die Blumen hinein und zog den Duft in vollen Zügen ein . » Komm nach ! « rief der Peter wieder . » Du mußt nicht über die Felsen hinunterfallen , der Öhi hat ' s verboten . « » Wo sind die Felsen ? « fragte Heidi zurück , bewegte sich aber nicht von der Stelle , denn der süße Duft strömte mit jedem Windhauch dem Kinde lieblicher entgegen . » Dort oben , ganz oben , wir haben noch weit , drum komm jetzt ! Und oben am höchsten sitzt der alte Raubvogel und krächzt . « Das half . Augenblicklich sprang Heidi in die Höhe und rannte mit seiner Schürze voller Blumen dem Peter zu . » Jetzt hast genug « , sagte dieser , als sie wieder zusammen weiter kletterten ; » sonst bleibst du immer stecken , und wenn du alle nimmst , hat ' s morgen keine mehr . « Der letzte Grund leuchtete Heidi ein , und dann hatte es die Schürze schon so angefüllt , daß da wenig Platz mehr gewesen wäre , und morgen mußten auch noch da sein . So zog es nun mit dem Peter weiter , und die Geißen gingen nun auch geregelter , denn sie rochen die guten Kräuter von dem hohen Weideplatz schon von fern und strebten nun ohne Aufenthalt dahin . Der Weideplatz , wo Peter gewöhnlich Halt machte mit seinen Geißen und sein Quartier für den Tag aufschlug , lag am Fuße der hohen Felsen , die , erst noch von Gebüsch und Tannen bedeckt , zuletzt ganz kahl und schroff zum Himmel hinaufragen . An der einen Seite der Alp ziehen sich Felsenklüfte weit hinunter und der Großvater hatte recht , davor zu warnen . Als nun dieser Punkt der Höhe erreicht war , nahm Peter seinen Sack ab und legte ihn sorgfältig in eine kleine Vertiefung des Bodens hinein , denn der Wind kam manchmal in starken Stößen dahergefahren , und den kannte Peter und wollte seine kostbare Habe nicht den Berg hinunterrollen sehen ; dann streckte er sich lang und breit auf den sonnigen Weideboden hin , denn er mußte sich nun von der Anstrengung des Steigens erholen . Heidi hatte unterdessen sein Schürzchen losgemacht und schön fest zusammengerollt mit den Blumen darin zum Proviantsack in die Vertiefung hineingelegt , und nun setzte es sich neben den ausgestreckten Peter hin und schaute um sich . Das Tal lag weit unten im vollen Morgenglanz ; vor sich sah Heidi ein großes , weites Schneefeld sich erheben , hoch in den dunkelblauen Himmel hinauf , und links davon stand eine ungeheure Felsenmasse , und zu jeder Seite derselben ragte ein hoher Felsenturm kahl und zackig in die Bläue hinauf und schaute von dort oben ganz ernsthaft auf das Heidi nieder . Das Kind saß mäuschenstill da und schaute ringsum , und weit umher war eine große , tiefe Stille ; nur ganz sanft und leise ging der Wind über die zarten , blauen Glockenblümchen und die goldnen strahlenden Cystusröschen , die überall herumstanden auf ihren dünnen Stengelchen und leise und fröhlich hin- und hernickten . Der Peter war entschlafen nach seiner Anstrengung , und die Geißen kletterten oben an den Büschen umher . Dem Heidi war es so schön zumute , wie in seinem Leben noch nie . Es trank das goldene Sonnenlicht , die frischen Lüfte , den zarten Blumenduft in sich ein und begehrte gar nichts mehr , als so da zu bleiben immerzu . So verging eine gute Zeit und Heidi hatte so oft und so lange zu den hohen Bergstöcken drüben aufgeschaut , daß es nun war , als hätten sie alle auch Gesichter bekommen und schauten ganz bekannt zu ihm hernieder , so wie gute Freunde . Jetzt hörte Heidi über sich ein lautes , scharfes Geschrei und Krächzen ertönen , und wie es aufschaute , kreiste über ihm ein so großer Vogel , wie es nie in seinem Leben gesehen hatte , mit weit ausgebreiteten Schwingen in der Luft umher , und in großen Bogen kehrte er immer wieder zurück und krächzte laut und durchdringend über Heidis Kopf . » Peter ! Peter ! erwache ! « rief Heidi laut . » Sieh , der Raubvogel ist da , sieh ! sieh ! « Peter erhob sich auf den Ruf und schaute mit Heidi dem Vogel nach , der sich nun höher und höher hinaufschwang ins Himmelblau und endlich über grauen Felsen verschwand . » Wo ist er jetzt hin ? « fragte Heidi , das mit gespannter Aufmerksamkeit den Vogel verfolgt hatte . » Heim ins Nest « , war Peters Antwort . »