seine Talente die Leute rührt oder erfreut , und dadurch sein Brot erwirbt , wenigstens zuweilen . In der Tat verdankt auch er , wie der » Schnorrer « , die Möglichkeit , sein Dasein zu fristen , jenem dunklen Drang der Menschenbrust , der auch den Rohesten nicht fehlt , dem Drang , zuweilen aus der Tretmühle seines Lebens ins Freie , aus der platten Wirklichkeit in die Welt des schönen Scheins zu flüchten . Aber der » Schnorrer « ist unendlich vielseitiger und dann ist seine soziale Stellung eine ganz andere , eine viel schlimmere , sollte man denken . Denn der wandernde Komödiant bettelt nur , wenn er durch seine » Kunst « nicht genug verdient , während es beim Schnorrer selbstverständlich ist , daß man ihn beherbergt , beköstigt und zum Abschied eine kleine Wegzehrung reicht . In Wahrheit ist diese Stellung eine weit bessere . Der » Schnorrer « blickt nicht bloß in heimlichem Selbstgefühl auf den Seßhaften herab - das tut ja wohl auch der » Schmieren « -Künstler - , sondern läßt ihn auch oft genug seine Überlegenheit fühlen , und eine andere Behandlung , als die eines Ebenbürtigen , nimmt er höchstens von den Reichsten hin , in der Regel aber überhaupt von keinem . In seinen Augen ist eben Broterwerb keine menschenwürdige Beschäftigung , er dünkt sich nicht allein klüger , witziger , gebildeter - das ist er zumeist wirklich - , sondern auch vornehmer als seine Gönner ; vollkommen gleich aber fühlt er sich ihnen schon durch die Satzungen des Glaubens , der nur Brüder kennt und keinen anderen Adel , als den der Gelehrsamkeit . Was gäbe der deutsche Dorfkomödiant darum , wenn er sich so fühlen dürfte , wie der » Schnorrer « ! Aber auch an den Hofnarren des Mittelalters darf man nicht denken , obgleich der Vergleich schon etwas zutreffender wäre : auch er war in allen Bedürfnissen von dem Herrn abhängig und durfte ihm dennoch die Wahrheit sagen . Aber der Hofnarr war deshalb doch ein gemieteter Diener , der » Schnorrer « aber ist ein freier Mann . Ihn drückt keine Sorge um Weib und Kind , um den kommenden Tag ; erlebt er ihn , so werden sich auch Speise und Nachtlager für ihn finden , erlebt er ihn nicht , ein Grab auf dem nächsten Judenfriedhof . Wenn nur seine Feinde nicht wären , die Polizei und die einheimischen Bettler ! Aber dann schiene ihm sein Leben eben gar zu schön , und etwas Trübsal muß jeder Mensch haben , schon der Abwechslung wegen ... Freilich , nicht jeder » Schnorrer « fühlt sich so glücklich . An manchem nagt die Qual ungestillten Ehrgeizes , der Neid auf die begabteren Kollegen . So kann nur ein Dichterling den wahren Poeten hassen , wie der unfähige » Schnorrer « den echten , richtigen . Auch hier nützt der Fleiß allein nichts , und sogar die Streberei nicht auf die Dauer ; das beste ist die » Gabe von oben « . Zum richtigen » Schnorrer « muß man geboren sein , wie zum Dichter . Einer dieser Echten war der Vater des Sender , Mendele Glatteis , den sie nach seiner litauischen Geburtsstadt den » Kowner « nannten , denn von den » christlichen « Familiennamen , die ihnen durch den Willen der Regierung aufgezwungen worden sind , machen die Juden im Osten untereinander noch heute keinen Gebrauch , geschweige denn zu seinen Tagen ; er war am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts geboren . Der Wille der Eltern hatte ihn zum Talmudisten bestimmt , weil er früh treffliche Anlagen zeigte und schon als Zehnjähriger mit den Gelehrten über die schwierigsten Fragen , die sie beschäftigten , zu disputieren wußte . Seltsame Fragen ! - Seit Jahrhunderten werden sie in jeder » Klaus « , wie die jüdischen Studierstuben des Ostens heißen , erwogen , gründlich , mit Aufgebot aller Geistesschärfe , aber noch sind sie nicht ganz gelöst . Kein Wunder , die Fragen sind eben gar zu schwierig ! Zum Beispiel , an welchem Tage Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gepflückt hat . Ein Sabbat war es gewiß nicht , denn da darf man keine Früchte pflücken , aber welcher Wochentag ? ! Oder von welcher Art die Leiter gewesen ist , die Jakob im Traum gesehen hat ? Natürlich keine Hängeleiter , die an den Wolken befestigt war und bis auf die Erde hinabreichte , denn es steht ja geschrieben , daß sie auf der Erde stand und mit der Spitze an den Himmel rührte . Aber war es eine Schiebeleiter , die zusammenzulegen war , oder bestand sie aus einem Stück ? War sie aus Holz , aus Eisen oder aus was sonst ? Und vor allem : wieviel Sprossen hatte sie ? Das aber hängt mit der Frage zusammen , ob die Engel , die daran auf und nieder stiegen , lange oder kurze Beine hatten . Wie also waren die Engel gebaut ? Darauf allein kommt es an , denn wohl wissen wir ja , daß sie Flügel haben , aber in jener Nacht machten sie keinen Gebrauch von ihnen , es steht ausdrücklich geschrieben : » Sie stiegen « . Daraus aber ergibt sich die weitere Frage : Warum stiegen sie , warum flogen sie nicht von Sprosse zu Sprosse ? Und dann : » Der Herr stand oben darauf « heißt es in der Heiligen Schrift . Auf der obersten Sprosse also ? Oder hatte die Leiter oben eine Plattform ? Und wenn diese , wie breit war sie ? Aber das sind im Grunde noch naheliegende Fragen im Vergleich mit jenen anderen , die für scharfe Augen zwischen den Zeilen der Heiligen Schrift stehen . Im Lobgesang Mosis wird der Herr gerühmt , weil seine Rechte die Ägypter ins Rote Meer versenkt . Was aber tat zu selbigen Zeit des Herrn Linke ? Darüber steht nur eines fest , sie hat nicht etwa das Meer geteilt , denn das vollbrachte , wie geschrieben steht , der Atem des Herrn . Was also verrichtete sie , oder ruhte sie etwa ganz ? ... Die Jahre kommen und gehen und werden zu Jahrzehnten , zu Jahrhunderten , immer neue Gebiete des Wissens tauchen auf und unzählige Arbeiter des Geistes mühen sich um sie und häufen sie höher und höher empor , im Osten aber grübeln sie noch heut ' wie im Mittelalter über die Linke des Herrn , den Apfelbiß und die Himmelsleiter . Und das ist noch heute dort der einzige Weg , sich als » feiner Kopf « hervorzutun . Das gelang auch unserem Mendele . Nachdem er den Körperbau der Engel auf den Zoll festgestellt und nachgewiesen , daß Gottes Linke in jenem Augenblick wahrscheinlich nichts getan , beschlossen die Eltern , ihren Einzigen zu einer » Leuchte in Israel « zu machen , und der große Rabbi von Kowno nahm ihn als Schüler in sein Haus auf . Es ging zunächst alles gut . Mendele machte unerhörte Fortschritte , und darum sah der Gelehrte mild darüber hinweg , daß sich der Knabe viel in den Straßen umhertrieb , seine Mitschüler neckte und sogar ihn selbst nicht verschonte . Der Weise hatte nämlich die Gewohnheit , sich oft zu kratzen - vielleicht auch war es keine Gewohnheit , sondern er hatte jedesmal Grund dazu , und so oft er sich kratzte , tat es auch sein Lieblingsschüler und in ganz derselben Art. Aber Mendele behauptete , es geschähe nur , wenn es eben sein müßte , und erinnerte an den Talmud , wo die Freundschaft zwischen David und Jonathan dadurch veranschaulicht wird , daß es beide stets im selben Augenblicke gehungert und gedürstet habe . Die innige Sympathie , die ihn mit seinem Lehrer verbinde , äußere sich hier eben darin , daß es beide zu gleicher Zeit jucke . Der Rabbi zweifelte ; indes , möglich war es doch , und so ließ er die Sache hingehen , so unangenehm ihm das Lächeln der anderen Schüler war . Er nahm es sogar geduldig hin , als sich die Sympathie in immer deutlicheren äußeren Zeichen entlud . Nun mußte Mendele in derselben Sekunde husten , sich räuspern und schneuzen , wie der Gelehrte , ja , die Sympathie zwang ihn allmählich sogar , in demselben Tonfall , mit derselben heiseren Stimme zu sprechen . Ganz Kowno lachte , aber zu ändern war das nicht . Da machte ein allerdings seltsames Ereignis dem Unterricht ein Ende . Zu den schwierigsten Fragen , die der Talmud abhandelt , gehört auch die des Blutflecks im Ei ; es ist für den Gläubigen genießbar oder nicht , je nach der Form des Flecks . Nun sind aber die Weisen des Talmuds trotz aller Mühe , die sie auf die Sache gewendet haben , zu keiner völligen Eintracht gelangt , und alle Formen haben sie ja auch unmöglich voraussehen können . So muß denn jeder Gelehrte , so oft er befragt wird , sein Hirn gehörig anstrengen und er wird oft befragt , weil eine sparsame Hausfrau lieber den Gang zum Rabbi macht , als das Ei zu opfern . Nun begab es sich also , daß Mendeles Mutter plötzlich von diesem Mißgeschick so oft ereilt wurde , wie keine andere Hausfrau ; fast jeden zweiten Tag brachte Mendele in ihrem Auftrag ein Ei zum Rabbi . Und immer hatte der Blutfleck höchst seltsame Formen , die dem Gelehrten die Entscheidung umso schwerer machten , als er sehr kurzsichtig war . Die Sache wurde immer unheimlicher ; bald hatte der Fleck die Gestalt eines Kreuzes , bald eines Fragezeichens , bald eines Buchstabens . Die Henne der Frau Chane Glatteis schien geradezu verhext ! Eines Tages aber brachte Mendele nach längerer Pause ein Ei zur Schule , dessen Blutfleck wohl unerhört gestaltet sein mußte , denn der Knabe war selbst in sichtlicher Erregung und verfolgte die Bewegungen des Rabbi mit Spannung . Langsam beugte sich der große Gelehrte auf das Ei nieder , blickte es an und fuhr entsetzt zurück , brachte den Fleck noch einmal dicht vor die Augen und schnellte dann bleich und erregt empor . » Das war noch nie da , seit die Welt steht ! « schrie er . » Diese Henne muß ich sehen ! « Der Wunsch war begreiflich . Der Blutfleck hatte diesmal die Form einiger hebräischer Buchstaben , die zusammen das Wort » Esel « bildeten . Ein so merkwürdiges und verruchtes Tier hatte die Welt noch nicht gesehen . » Ich will Euch die Henne bringen , Rabbi « , sagte Mendele dienstfertig . » Nein , da seh ' ich selbst nach ! « rief der Rabbi und eilte zur Mutter seines Schülers . Mendele begleitete ihn dicht vors Haus , dort drückte er sich und ging spazieren . Als er heimkam , empfing ihn unter einem Hagel von Schlägen und Vorwürfen die Kunde , daß ihn der Rabbi aus seiner Schule ausgeschlossen , weil er sein Spiel mit dem Heiligsten getrieben . Denn wohl hatte Frau Chane eine Henne , aber dies brave Tier legte immer Eier ohne Blutflecken . Die hatte Mendele mit roter Farbe auf den Dotter gemalt und schließlich auch , durch den Eifer und die Kurzsichtigkeit des großen Gelehrten immer kühner gemacht , die sonderbare Huldigung . Noch einen Versuch machten die Eltern des damals zwölfjährigen Knaben , ihn jenem frommen Beruf zuzuführen , zu dem ihn seine seltenen Gaben zu bestimmen schienen . Sie vertrauten ihn dem berühmten Talmudisten Rabbi Meyer in Wilna an , der neben dem Ruf großer Gelehrsamkeit auch den einer besonders festen Hand hatte . In der Tat schien der Rabbi mit Mendele leicht fertig zu werden , und als sich die wachsende Sympathie des Schülers für den Lehrer auch hier in ähnlichen Formen zu äußern begann wie in Kowno , nahm dies bald ein Ende . Denn so oft diese geheimnisvolle Kraft den Knaben trieb , den Rabbi Meyer durch Nachäffung zu verhöhnen , erwachte sie auch in diesem und zwang ihn , dem geliebten Schüler eine ungeheure Maulschelle zu geben . Kein Wunder , daß sich die Sympathie immer seltener äußerte , immer geringer wurde und schließlich in Haß umschlug . Das ging so bis zu Mendeles dreizehntem Geburtstag fort . An diesem Tage , der im Leben eines jeden jüdischen Knaben einen wichtigen Einschnitt bildet - er wird da konfirmiert und fortab beim Gottesdienst als Erwachsener mitgezählt - , schien sich auch in Mendele eine große Veränderung vollzogen zu haben : der Zorn gegen den strengen Lehrer schlug in sanfte Ergebung , der Haß in Liebe um . Es ist Sitte , daß jeder Lehrer seinen Schüler zu diesem Geburtstage so reich , als ihm irgend möglich , beschenke ; auch Rabbi Meyers Geschenk war sehr wertvoll , aber nur in moralischem Sinne . Er hielt dem Knaben nämlich eine sehr lange Mahnpredigt , worin er ihm mit Sicherheit prophezeite , daß er einmal hoch über allen anderen Menschen enden werde , am Galgen . Einen anderen Knaben hätte dies vielleicht erbittert . Mendele aber schien wohl tief zerknirscht , sagte dann aber mit vor Rührung zitternder Stimme : » Ihr habt recht , Rabbi , ich habe kein ander Geschenk verdient . Aber weil ich nun heute dreizehn Jahre alt geworden bin und da Geschenke üblich sind , so schenk ' ich Euch was ! Verschmähet es nicht , obwohl es wenig ist ! « Sprach ' s , wischte sich die Tränen aus den Augen und überreichte dem Rabbi je eine Büchse jener beiden Salben , die auch der ärmste Jude des Ostens nicht entbehren kann . Der strenggläubige Jude darf nämlich sein Haupt nicht dem Schermesser beugen , Bart und Wangenlöckchen wachsen , wie ihnen beliebt , und dürfen sogar nie gekürzt werden ; im Gegenteil , ihre Länge und Dichtigkeit ist der schönste Schmuck des Frommen und er , der sonst wahrlich auf sein Äußeres nicht viel Pflege , ja nicht einmal allzuviel Wasser wendet , gebraucht doch eine Salbe , die den Bartwuchs befördert . Die andere Salbe aber dient dem entgegengesetzten Zweck : das Haupthaar völlig zu entfernen , denn auch dies gebietet die Mode . Durch einen anderen , als einen völlig kahlen Scheitel würde sich der Fromme entstellt fühlen , und da er sich nicht rasieren lassen darf , so reibt er das Haupt von Zeit zu Zeit mit dieser scharfen Mixtur ein , die zwar anfangs keine Beschwerde macht , dann aber gehörig auf der Kopfhaut brennt . Beide Salben sind weiß und haben metallischen Glanz ; um einer Verwechslung vorzubeugen , wird die Ätzsalbe immer in runden , die Bartsalbe in eckigen Büchschen verkauft . Rabbi Meyer war über das Geschenk betroffen , sogar ein wenig beschämt , dann jedoch machte er , ehe er ins Lehrzimmer ging , von beiden Salben Gebrauch . Mendele aber gönnte sich einen Ferialtag und trollte sich seiner Wege . Eine Stunde später merkte der Rabbi ein seltsames Brennen auf den Wangen , und als er in den Bart griff , blieb ihm ein Büschel Haare in den Händen . Entsetzt stürzte er in sein Wohnzimmer , die Ätzsalbe abzuwaschen , aber mit ihr ging auch der schöne lange Bart ab und das Antlitz des Würdigen glich nun der litauischen Heide , auf der nur ein wenig Gestrüpp und hie und da ein einzelner Stamm verraten , welcher herrliche Wald da einst gestanden . Nach einiger Zeit erwiesen sich auch die Haarwurzeln der Kopfhaut , die er bisher immer so schnöde mit Ätzsalbe behandelt , für die unverhoffte Labung dankbar und sproßten kräftig empor . Dies Unglück ließ sich ja gut machen , aber der Bart ! Die vielen Besuche neugieriger und teilnehmender Verehrer , die den Rabbi zu besichtigen und zu trösten kamen , freuten ihn gar nicht , und Monate währte es , bis er wieder auf die Gasse zu treten wagte . Der Bart aber kam in alter Fülle nie wieder , niemals , und bis an sein Lebensende gab es ihm einen Stich durchs Herz , wenn man ihn bat : » Erzählet doch , was Euch Mendele Kowner zum Abschied verehrt hat ! « Denn Mendele hatte sich die Freude versagt , den Erfolg seiner freundlichen Gabe mit eigenen Augen zu sehen , und war auf Nimmerwiedersehen gegangen , aus dem Haus und aus der Stadt . Er wollte heimkehren und schlug den Weg nach Kowno ein , aber je näher er der Heimat kam , desto kürzer wurden die Tagereisen , desto länger der Aufenthalt bei gastlichen Glaubensgenossen , und in einer Schenke dicht vor Kowno besann er sich eines anderen und schlug den Weg nach Westen ein . Denn viel rascher als er war die Kunde jenes Streiches dieselbe Straße gezogen und wohin immer er gelangte , und als er den Ort , aus dem er kam , Wilna nannte , fragten ihn die Leute sofort nach Rabbi Meyers Bart , und obwohl einige dazu lachten , waren doch die meisten über den unerhörten Frevel an der heiligen Zier eines heiligen Mannes so entrüstet , daß er es vorzog , inkognito zu bleiben . In jener Schenke vor Kowno aber traf er einen Fuhrmann aus seiner Heimat , der ihm erzählte , seine Eltern hätten anfangs viel geweint , nun aber seien sie damit beschäftigt , biegsame Haselstauden in Essig zu legen , auch zwei Bambusrohre seien angeschafft und sonstige Vorbereitungen zu seinem würdigen Empfang getroffen . Da dachte Mendele , daß es ja nicht gleich sein müsse , machte kehrt und zog langsam der preußischen Grenze zu . Was aus ihm werden sollte , war damals nach seinem Willen noch nicht entschieden , und hätte jemand dem übermütigen , aber klugen und gutherzigen Knaben auf jener ersten Wanderung gesagt , welches Lebensziel seiner harre , ihm wäre die Warnung nicht nahe gegangen . Er war ja guter Leute Kind , hatte etwas gelernt - warum sollte er ein » Schnorrer « werden ? ! Es fiel ihm gar nicht bei , er war nur eben der Meinung , daß den Haselstauden eine längere Beize nicht schaden würde , und wollte den Zorn seiner Eltern ausrauchen lassen , ehe er heimkehrte . Auch war es für ihn - wie für manchen vor und nach ihm , der die gleichen Pfade geschritten - eine große Verlockung , daß er nicht um Brot und Obdach zu sorgen brauchte . Wie der Scholar des Mittelalters von einer Universität zur anderen , noch öfter ins Blaue hinein , sorgenlos durch ganz Deutschland ziehen konnte , weil ihm sein Barett und sein bißchen Latein die Türe jedes Pfarr- und Bürgerhauses öffneten , so genügt noch heute in Halbasien das Wort : » Ich bin ein Jeschiwa-Bocher « ( Zögling einer Talmudschule ) , und die spitzfindige Auslegung irgend einer Bibelstelle , um dem Knaben , dem Jüngling jedes jüdische Haus , in das er tritt , zur gastlichen Stätte zu machen . Das Gegenteil wäre eine Sünde , denn wer in der Lehre forscht , dient dem Herrn , und wer ihn unterstützt , erwirbt den Himmel . Nicht einmal mit allzuviel Fragen wurde Mendele behelligt ; sagte er den Leuten , er sei auf der Suche nach einer passenden Schule , so wunderten sie sich auch darüber nicht . Ein begabter » Bocher « wählt sich die » Jeschiwa « sorglich aus und bindet sich nie , ehe er sie persönlich kennen gelernt , ehe er weiß , was ihm dort an weiterer Ausbildung oder an Stipendien geboten wird . Wenn Mendele so sprach , so log er freilich ; er wollte zunächst keine neue Schule beziehen , ehe er nicht den Zorn der Eltern beschwichtigt hätte . Nur kam ihm das Wandern , der Verkehr mit den vielen fremden Menschen so ergötzlich vor , daß er die Heimkehr immer wieder aufschob , und als er gar ins Posensche gelangt war , gefiel es ihm dort so gut , daß er seiner guten Vorsätze ganz vergaß . Hier waren die Städtchen reinlicher , die Gemeinden wohlhabender , aber auch die Gelehrsamkeit vernünftiger ; ohne es selbst recht zu empfinden , standen die dortigen Rabbinen ein wenig unter dem Einfluß des deutschen Geistes und beschäftigten sich lieber mit den wissenschaftlichen Problemen des Talmuds , als mit den Fragen über die Himmelsleiter . Das gefiel dem begabten Knaben , schon weil es ihm neu war , er blieb monatelang da und dort haften und lernte ernsthaft . Aber zu seinem Unglück war auch die preußische Polizei regsamer als die russische und schaffte ihn eines schönen Tages , da er keine Papiere hatte , über die Grenze . Das rüttelte ihn auf ; er schrieb an seine Eltern , ob er heimkehren dürfe . Eine Antwort wurde ihm nicht . Sie zürnten also noch schwerer , als er gedacht , und so traute er sich nicht heim , sondern wanderte ziellos im » Großherzogtum Warschau « umher , das die Laune Napoleons kurz vorher geschaffen hatte . Auch nun hatte er nicht Hunger noch Kälte zu leiden , zugleich stumpfte ihn die Gewohnheit gegen die Mühsal dieses unsteten Lebens ab . Dennoch regte sich ihm die Sehnsucht nach den Eltern immer stärker im Herzen und er beschloß , die Heimkehr zu wagen , auf die Gefahr , daß der Empfang noch so unfreundlich ausfalle . Diesmal aber trat der Zufall dazwischen oder , wenn man will , das Schicksal . Als Mendele im Frühling 1812 langsam aus dem Krakau ' schen , wo er zuletzt verweilt hatte , nach Norden pilgerte , begegnete er den Kolonnen der » großen Armee « , die sich eben langsam nach Rußland wälzten . Es war später das Hauptstücklein des Kowners - und es hat ihn lange überlebt - zu berichten , wie er bei dieser Gelegenheit zufällig die Bekanntschaft des größten Mannes seiner Zeit gemacht und verstanden habe , sich ihm durch wichtige strategische Ratschläge unentbehrlich zu machen . » Seid Ihr schon in Warschau gewesen ? « pflegte er mit der Frage an seine Hörer zu beginnen . » Wer dort war , kennt gewiß das große gelbe Wirtshaus gleich rechts neben der Maut ; damals hat es der alte Reb Mosche gehalten , Mosche mit der roten Nas ' ; ein braver Mensch , der sich nie darüber beklagt hat , daß er nicht einmal zum Fenster hinausschauen darf . Nämlich die russische Polizei hat es ihm verboten , weil sonst alle Fremden geglaubt hätten , daß Warschau brennt . Auch sonst ein guter Mensch , er hat mich aufgenommen wie einen Sohn und mir guten Rat gegeben , wenn er nüchtern war , aber freilich war er nie nüchtern . Nun , auf einmal darf der arme alte Mann wieder frische Luft schöpfen - die Russen sind fort , die Franzosen kommen . Zwei Tage und zwei Nächte dauert der Durchzug , Soldaten zu Fuß und Reiter und Kanonen und Wagen , vor den Augen hat es einem geflimmert und in der Luft war ein Gedröhn wie ein Gewitter - - zwei Millionen Menschen , meint Mosche , aber das war nur , weil er alles doppelt gesehen hat - eine Million war es wirklich ! Das war aber nur der Vortrab , jetzt ist erst die Armee gekommen . Zehn Millionen ! Mein Mosche weint vor Freude : Gott , wie viel Franzosen , das gönn ' ich den Russen ! - Da geht die Tür auf , zwei Offiziere kommen herein , ein großer und ein kleiner , und bestellen Likör . Gott über der Welt ! schreit der Große erschreckt , wie er den Mosche erblickt , der Kleine aber verzieht keine Miene . Das kann doch nur Napoleon sein , denk ' ich , das ist der einzige Mensch , den nicht einmal eine solche Nase aufregen kann , und wie ich ihn anschau ' - richtig ist er ' s. Aber ich tu ' nichts dergleichen ; will er nicht erkannt sein , so weiß Mendele Kowner , was sich schickt . Nur wie er sein Gläschen hebt , heb ' ich das meine und sag ' : Ihr Herr Emprör soll bis zu hundert Jahr leben ! - Ich danke ! sagt er freundlich . Ha , denk ' ich , jetzt hab ' ich dich , und frag ' : Warum danken Sie ? Er wird verlegen . Weil ich auch ein Franzose bin , sagt er . Du aber bist wohl ein Jude ? ! - Kunststück , daß Sie es erraten ! sag ' ich . Ein Kaftan und Wangenlöckchen , ein Spanier werd ' ich sein ! Und so kommen wir ins Gespräch , und ich erzähl ' dies und das , und er lacht . Mir scheint , sagt er , du bist ein gescheiter Mensch . Was denkst du denn über den Krieg ? - Fragen Sie Ihren Emprör , sag ' ich , der ist noch gescheiter . - Lacht er : Schmeichler ! Du weißt doch , daß ich ' s bin ! Also wie soll ich den Krieg führen ? - Schnell ! sag ' ich . Besseres kann ich Ihnen nicht raten . So schnell wie möglich . Sonst kommt der Winter , und das sind die Russen gewohnt , aber Sie nicht ! - Mendele , sagt er , du hast recht ! Meine Generale denken anders , aber ich bin deiner Meinung . So schnell wie möglich marschier ' ich nach Petersburg ! - Um Gottes willen ! schrei ' ich , Herr Emprör , das wär ' eine Dummheit ! Erstens ist dort das Meer nahe - ein bißchen zu weit links und alle Ihre Soldaten fallen hinein ! Und dann ist ja dort sehr kalt ! - Also nach Moskau ! - Auch nicht ! Auch zu kalt ! Hinunter nach Kiew , nach Odessa ! Davon will er aber nichts hören , ich rede und rede , er bleibt bei Moskau . Gut , sag ' ich . Bin ich der Emprör ? ! Aber was dabei herauskommt , werden Sie schon sehen ! - Du auch ! sagt er und packt mich an der Hand . - Wieso ? sag ' ich . - Weil du mitgehst , Mendele ! Ohne dich will ich nicht nach Rußland . So einen eisernen Kopf wie du kann ich brauchen ! Komm mit ! Geht es gut aus , schenk ' ich dir einen Zentner Diamanten , geht es schlecht aus , so kann es für Mendele Kowner doch nur eine Ehre sein , mit mir , dem großen Napoleon , kapore ( zu Grunde ) zu gehen . Und bittet und bittet , bis ich nachgeb ' . « So kam Mendele Kowner mit Napoleon nach Rußland . Leider trübte sich die freundschaftliche Beziehung durch den Eigensinn des Kaisers , wohl auch durch seine Eifersucht auf Mendeles militärisches Genie . Nahe vor Moskau nämlich riet Mendele , sofort zehntausend Feuerspritzen zu bauen und in die Stadt mitzunehmen . » Denn « , meinte er sehr scharfsichtig , » sonst zünden die Russen Moskau an und wir können nicht löschen , und was haben wir von Moskau , wenn es verbrannt ist ? ! Gnädiger Herr Kaiser , hören Sie auf den Kowner , Sie wissen , er ist nicht dumm ! - wo werden Sie sonst überwintern ? ! « Aber man weiß ja , daß die zehntausend Feuerspritzen nicht mitgenommen wurden und daß Moskau in Flammen aufging , und daraufhin sah der kluge Mendele auch alles andere voraus und sagte dem Kaiser : » An der Beresina wird es Ihnen schlecht gehen , ich rate Ihnen , marschieren Sie lieber auf einer anderen Straße - aber was nützt mein Reden ! Leider tun Sie ja doch , was Sie wollen ! Ich aber will nicht mehr dabei sein , denn so ein Unglück , wie Sie es an der Beresina erleben werden , hat die Welt noch nie gesehen , und wenn es auch für mich eine Ehre wäre , mit Ihnen kapore zu gehen , ein Vergnügen wäre es nicht ! Also , adjes , Herr Emprör , und nichts für ungut ! « Dabei blieb es auch , obwohl ihn Napoleon durch Geschenke festzuhalten suchte und dann , als alles fruchtlos war , ihm zwar den Rücken zuwandte , aber doch hörbar schluchzte . Mendele ging und gelangte , wenn auch auf Umwegen , mit heilen Gliedern in die Heimat zurück . Die Erzählung entsprach im allgemeinen der Wahrheit , nur waren einige unbedeutende Einzelheiten doch nicht ganz genau wiedergegeben . Die Begegnung in der Schenke vor Warschau hatte wirklich stattgefunden , nur war es nicht Napoleon selbst gewesen , der Gefallen an dem lustigen Burschen gefunden und ihn zum Mitgehen bewogen , sondern ein jüdischer Sergeant aus dem Elsaß , Maurice Ettelmann aus Colmar . Auch hatte Maurice wirklich bitten müssen , bis sich Mendele dazu entschloß , denn so leichtfertig der Junge war , wollte er die Eltern doch nicht länger entbehren . Aber in Kowno erwarteten ihn nur Prügel , vielleicht sogar eine verschlossene Türe , die sich trotz allen Flehens nie wieder öffnete - hier lockte ein fremdes lustiges Leben ; so neben dem Sergeanten in eine Stadt einzuziehen , von allen Juden bewundert und gefürchtet als einer , der mit zur großen Armee gehörte , das war doch etwas anderes , als wenn er als » Bocher « bescheiden an die Tür der Reichen klopfte . Mendele ging mit , als Dolmetsch , Schalksnarr und Marketender zugleich ; er erlebte wirklich den Brand von Moskau , entging auch tatsächlich dem Unglück an der Beresina , aber nur , weil das Regiment , dem er sich angeschlossen , schon früher zurückgesendet worden war . Auch hatte er ' s in