, in welche ich verwundert sah von der grünen Staude weg , die er hoch in die Luft hielt . Meine Mutter rühmte mir nachher oft , wie sehr sie und die begleitende Magd erbaut gewesen seien von seinen schönen Reden . Aus noch früheren Tagen ist mir seine Erscheinung ebenfalls geblieben durch die befremdliche Überraschung der vollen Waffenrüstung , in welcher er eines Morgens Abschied nahm , um mehrtägigen Übungen beizuwohnen ; da er ein Schütze war , so ist auch dies Bild mit der lieben grünen Farbe und mit heiterm Metallglanze für mich ein und dasselbe geworden . Aus seiner letzten Zeit aber habe ich nur noch einen verworrenen Eindruck behalten , und besonders seine Gesichtszüge sind mir nicht mehr erinnerlich . Wenn ich bedenke , wie heiß treue Eltern auch an ihren ungeratensten Kindern hangen und dieselben nie aus ihrem Herzen verbannen können , so finde ich es höchst unnatürlich , wenn sogenannte brave Leute ihre Erzeuger verlassen und preisgeben , weil dieselben schlecht sind und in der Schande leben , und ich preise die Liebe eines Kindes , welches einen zerlumpten und verachteten Vater nicht verläßt und verleugnet , und begreife das unendliche , aber erhabene Weh einer Tochter , welche ihrer verbrecherischen Mutter noch auf dem Schafotte beisteht . Ich weiß daher nicht , ob es aristokratisch genannt werden kann , wenn ich mich doppelt glücklich fühle , von ehrlichen und geachteten Eltern abzustammen , und wenn ich vor Freude errötete , als ich , herangewachsen , zum ersten Male meine bürgerlichen Rechte ausübte in bewegter Zeit und in Versammlungen mancher bejahrte Mann zu mir herantrat , mir die Hand schüttelte und sagte , er sei ein Freund meines Vaters gewesen und er freue sich , mich auch auf dem Platze erscheinen zu sehen ; als dann noch mehrere kamen und jeder den » Mann « gekannt haben und hoffen wollte , ich werde ihm würdig nachfolgen . Ich kann mich nicht enthalten , sosehr ich die Torheit einsehe , oft Luftschlösser zu bauen und zu berechnen , wie es mit mir gekommen wäre , wenn mein Vater gelebt hätte , und wie mir die Welt in ihrer Kraftfülle von frühester Jugend an zugänglich gewesen wäre ; jeden Tag hätte mich der treffliche Mann weitergeführt und würde seine zweite Jugend in mir verlebt haben . Wie mir das Zusammenleben zwischen Brüdern ebenso fremd als beneidenswert ist und ich nicht begreife , wie solche meistens auseinanderweichen und ihre Freundschaft außerwärts suchen , so erscheint mir auch , ungeachtet ich es täglich sehe , das Verhältnis zwischen einem Vater und einem erwachsenen Sohne um so neuer , unbegreiflicher und glückseliger , als ich Mühe habe , mir dasselbe auszumalen und das nie Erlebte zu vergegenwärtigen . So aber muß ich mich darauf beschränken , je mehr ich zum Manne werde und meinem Schicksal entgegenschreite , mich , zusammenzufassen und in der Tiefe meiner Seele still zu bedenken : Wie würde er nun an deiner Stelle handeln , oder was würde er von deinem Tun urteilen , wenn er lebte . Er ist vor der Mittagshöhe seines Lebens zurückgetreten in das unerforschliche All und hat die überkommene goldene Lebensschnur , deren Anfang niemand kennt , in meinen schwachen Händen zurückgelassen , und es bleibt mir nur übrig , sie mit Ehren an die dunkle Zukunft zu knüpfen oder vielleicht für immer zu zerreißen , wenn auch ich sterben werde . - Nach vielen Jahren hat meine Mutter , nach langen Zwischenräumen , wiederholt geträumt , der Vater sei plötzlich von einer langen Reise aus weiter Ferne , Glück und Freude bringend , zurückgekehrt , und sie erzählte es jedesmal am Morgen , um darauf in tiefes Nachdenken und in Erinnerungen zu versinken , während ich , von einem heiligen Schauer durchweht , mir vorzustellen suchte , mit welchen Blicken mich der teure Mann ansehen und wie es unmittelbar werden würde , wenn er wirklich eines Tages so erschiene . Je dunkler die Ahnung ist , welche ich von seiner äußeren Erscheinung in mir trage , desto heller und klarer hat sich ein Bild seines innern Wesens vor mir aufgebaut , und dies edle Bild ist für mich ein Teil des großen Unendlichen geworden , auf welches mich meine letzten Gedanken zurückführen und unter dessen Obhut ich zu wandeln glaube . Drittes Kapitel Kindheit . Erste Theologie . Schulbänklein Die erste Zeit nach dem Tode meines Vaters war für seine Witwe eine schwere Zeit der Trauer und Sorge . Seine ganze Verlassenschaft befand sich im Zustande des vollen Umschwunges und erforderte weitläufige Verhandlungen , um sie ins reine zu bringen . Eingegangene Verträge waren mitten in ihrer Erfüllung abgebrochen , Unternehmungen gehemmt , große laufende Rechnungen zu bezahlen und solche einzuziehen an allen Ecken und Enden ; Vorräte von Baustoffen mußten mit Verlust verkauft werden , und es war zweifelhaft , ob bei der augenblicklichen Lage der Verhältnisse auch nur ein Pfennig übrig bleiben würde , wovon die bekümmerte Frau leben sollte . Gerichtsmänner kamen , legten Siegel an und lösten sie wieder ; die Freunde des Verstorbenen und zahlreiche Geschäftsleute gingen ab und zu , halfen und ordneten ; es wurde durchgesehen , gerechnet , abgesondert , gesteigert . Käufer und neue Unternehmer meldeten sich , suchten die Summen herunterzudrücken oder mehr in Beschlag zu nehmen , als ihnen gebührte , es war ein Geräusch und eine Spannung , daß meine Mutter , welche immer mit wachsamen Augen dabeistand , zuletzt nicht mehr wußte , wie sie sich helfen sollte . Allmählich klärte sich die Verwirrung auf , ein Geschäft um das andere war abgetan , alle Verbindlichkeiten gelöst und die Forderungen gesichert , und es zeigte sich nun , daß das Haus , in welchem wir zuletzt wohnten , als einziges Vermögen übrigblieb . Es war ein altes hohes Gebäude , mit vielen Räumen und von unten bis oben bewohnt wie ein Bienenkorb . Der Vater hatte es gekauft in der Absicht , ein neues an dessen Stelle zu setzen ; da es aber von altertümlicher Bauart war und an Türen und Fenstern wertvolle Überbleibsel künstlicher Arbeit trug , so konnte er sich schwer entschließen , es einzureißen , und bewohnte es indessen nebst einer Anzahl von Mietsleuten . Auf diesem Hause blieben zwar noch einige fremde Kapitalien haften , jedoch hatte es der rührige Mann in der Schnelligkeit so gut eingerichtet und vermietet , daß ein jährlicher Überschuß an Mietgeldern den Hinterlassenen ein bescheidenes Auskommen sicherte . Das erste , was meine Mutter begann , war eine gänzliche Einschränkung und Abschaffung alles Überflüssigen , wozu voraus jede Art von dienstbaren Händen gehörte . In der Stille dieses Witwentumes fand ich mein erstes deutliches Bewußtsein , welches seinen Inhaber zur Übung treppauf und - ab im Innern des Hauses umherführte . Die untern Stockwerke sind dunkel , sowohl in den Gemächern wegen der Enge der Gassen als auf den Treppenräumen und Fluren , weil alle Fenster für die Zimmer benutzt wurden . Einige Vertiefungen und Seitengänge gaben dem Raume ein düsteres und verworrenes Ansehen und blieben noch zu entdeckende Geheimnisse für mich ; je höher man aber steigt , desto freundlicher und heller wird es , indem der oberste Stock , den wir bewohnten , die Nachbarhäuser überragt . Ein hohes Fenster wirft reichliches Licht auf die mannigfaltig gebrochenen Treppen und wunderlichen Holzgalerien des luftigen Estrichs , welcher einen hellern Gegensatz zu den kühlen Finsternissen der Tiefe bildet . Die Fenster unserer Wohnstube gingen auf eine Menge kleiner Höfe hinaus , wie sie oft von einem Häuserviertel umschlossen werden und ein verborgenes behagliches Gesumme enthalten , welches man auf der Straße nicht ahnt . Den Tag über betrachtete ich stundenlang das innere häusliche Leben in diesen Höfen ; die grünen Gärtchen in denselben schienen mir kleine Paradiese zu sein , wenn die Nachmittagssonne sie beleuchtete und die weiße Wäsche darin sanft flatterte , und wunderfremd und doch bekannt kamen mir die Leute vor , welche ich fern gesehen hatte , wenn sie plötzlich einmal in unsrer Stube standen und mit der Mutter plauderten . Unser eigenes Höfchen enthielt zwischen hohen Mauern ein ganz kleines Stückchen Rasen mit zwei Vogelbeerbäumchen ; ein nimmermüdes Brünnchen ergoß sich in ein ganz grün gewordenes Sandsteinbecken , und der enge Winkel ist kühl und fast schauerlich , ausgenommen im Sommer , wo die Sonne täglich einige Stunden lang darin ruht . Alsdann schimmert das verborgene Grün durch den dunklen Hausflur so kokett auf die Gasse , wenn die Haustür aufgeht , daß den Vorübergehenden immer eine Art Gartenheimweh befällt . Im Herbste werden diese Sonnenblicke kürzer und milder , und wenn dann die Blätter an den zwei Bäumchen gelb und die Beeren brennend rot werden , die alten Mauern so wehmütig vergoldet sind und das Wässerchen einigen Silberglanz dazugibt , so hat dieser kleine abgeschiedene Raum einen so wunderbar melancholischen Reiz , daß er dem Gemüte ein Genüge tut wie die weiteste Landschaft . Gegen Sonnenuntergang jedoch stieg meine Aufmerksamkeit an den Häusern in die Höhe und immer höher , je mehr sich die Welt von Dächern , die ich von unserm Fenster aus übersah , rötete und vom schönsten Farbenglanze belebt wurde . Hinter diesen Dächern war für einmal meine Welt zu Ende ; denn den duftigen Kranz von Schneegebirgen , welcher hinter den letzten Dachfirsten halb sichtbar ist , hielt ich , da ich ihn nicht mit der festen Erde verbunden sah , lange Zeit für eins mit den Wolken . Als ich später zum ersten Male rittlings auf dem obersten Grate unseres hohen , ungeheuerlichen Daches saß und die ganze ausgebreitete Pracht des Sees übersah , aus welchem die Berge in festen Gestalten , mit grünen Füßen aufstiegen , da kannte ich freilich ihre Natur schon von ausgedehnteren Streifzügen im Freien ; für jetzt aber konnte mir die Mutter lange sagen , das seien große Berge und mächtige Zeugen von Gottes Allmacht , ich vermochte sie darum nicht besser von den Wolken zu unterscheiden , deren Ziehen und Wechseln mich am Abend fast ausschließlich beschäftigte , deren Name aber ebenso ein leerer Schall für mich war wie das Wort Berg . Da die fernen Schneekuppen bald verhüllt , bald heller oder dunkler , weiß oder rot sichtbar waren , so hielt ich sie wohl für etwas Lebendiges , Wunderbares und Mächtiges wie die Wolken und pflegte auch andere Dinge mit dem Namen Wolke oder Berg zu belegen , wenn sie mir Achtung und Neugierde einflößten . So nannte ich , ich höre das Wort noch schwach in meinen Ohren klingen , und man hat es mir nachher oft erzählt , die erste weibliche Gestalt , welche mir wohlgefiel und ein Mädchen aus der Nachbarschaft war , die weiße Wolke , von dem ersten Eindrucke , den sie in einem weißen Kleide auf mich gemacht hatte . Mit mehr Richtigkeit nannte ich vorzugsweise ein langes hohes Kirchendach , das mächtig über alle Giebel emporragte , den Berg . Seine gegen Westen gekehrte große Fläche war für meine Augen ein unermeßliches Feld , auf welchem sie mit immer neuer Lust ruhten , wenn die letzten Strahlen der Sonne es beschienen , und diese schiefe , rotglühende Ebene über der dunklen Stadt war für mich recht eigentlich das , was die Phantasie sonst unter seligen Auen oder Gefilden versteht . Auf diesem Dache stand ein schlankes , nadelspitzes Türmchen , in welchem eine kleine Glocke hing und auf dessen Spitze sich ein glänzender goldener Hahn drehte . Wenn in der Dämmerung das Glöckchen läutete , so sprach meine Mutter von Gott und lehrte mich beten ; ich fragte : » Was ist Gott ? ist es ein Mann ? « und sie antwortete : » Nein , Gott ist ein Geist ! « Das Kirchendach versank nach und nach in grauen Schatten , das Licht klomm an dem Türmchen hinauf , bis es zuletzt nur noch auf dem goldenen Wetterhahne funkelte , und eines Abends fand ich mich plötzlich des bestimmten Glaubens , daß dieser Hahn Gott sei . Er spielte auch eine unbestimmte Rolle der Anwesenheit in den kleinen Kindergebeten , welche ich mit vielem Vergnügen herzusagen wußte . Als ich aber einst ein Bilderbuch bekam , in dem ein prächtig gefärbter Tiger ansehnlich dasitzend abgebildet war , ging meine Vorstellung von Gott allmählich auf diesen über , ohne daß ich jedoch , sowenig wie vom Hahne , je eine Meinung darüber äußerte . Es waren ganz innerliche Anschauungen , und nur wenn der Name Gottes genannt wurde , so schwebte mir erst der glänzende Vogel und nachher der schöne Tiger vor . Allmählich mischte sich zwar nicht ein klareres Bild , aber ein edlerer Begriff in meine Gedanken . Ich betete mein Unservater , dessen Einteilung und Abrundung mir das Einprägen leicht und das Wiederholen zu einer angenehmen Übung gemacht hatte , mit großer Meisterschaft und vielen Variationen , indem ich diesen oder jenen Teil doppelt und dreifach aussprach oder nach raschem und leisem Hersagen eines Satzes den folgenden langsam und laut betonte und dann rückwärts betete und mit den Anfangsworten Vater unser schloß . Aus diesem Gebete hatte sich eine Ahnung in mir niedergeschlagen , daß Gott ein Wesen sein müsse , mit welchem sich allenfalls ein vernünftiges Wort sprechen ließe , eher als mit jenen Tiergestalten . So lebte ich in einem unschuldig vergnüglichen Verhältnisse mit dem höchsten Wesen , ich kannte keine Bedürfnisse und keine Dankbarkeit , kein Recht und kein Unrecht und ließ Gott herzlich einen guten Mann sein , wenn meine Aufmerksamkeit von ihm abgezogen wurde . Ich fand aber bald Veranlassung , in ein bewußteres Verhältnis zu ihm zu treten und zum ersten Mal meine menschlichen Ansprüche zu ihm zu erheben , als ich , sechs Jahre alt , mich eines schönen Morgens in einen melancholischen Saal versetzt sah , in welchem etwa fünfzig bis sechzig kleine Knaben und Mädchen unterrichtet wurden . In einem Halbkreise mit sieben andern Kindern um eine Tafel herum stehend , auf welcher große Buchstaben prangten , lauschte ich sehr still und gespannt auf die Dinge , die da kommen sollten . Da wir sämtlich Neulinge waren , so wollte der Oberschulmeister , ein ältlicher Mann mit einem großen groben Kopfe , die erste Leitung selbst für eine Stunde besorgen und forderte uns auf , abwechselnd die sonderbaren Figuren zu benennen . Ich hatte schon seit geraumer Zeit einmal das Wort Pumpernickel gehört , und es gefiel mir ungemein , nur wußte ich durchaus keine leibliche Form dafür zu finden , und niemand konnte mir eine Auskunft geben , weil die Sache , welche diesen Namen führt , einige hundert Stunden weit zu Hause war . Nun sollte ich plötzlich das große P benennen , welches mir in seinem ganzen Wesen äußerst wunderlich und humoristisch vorkam , und es ward in meiner Seele klar , und ich sprach mit Entschiedenheit : » Dieses ist der Pumpernickel ! « Ich hegte keinen Zweifel , weder an der Welt noch an mir , noch am Pumpernickel , und war froh in meinem Herzen ; aber je ernsthafter und selbstzufriedener mein Gesicht in diesem Augenblicke war , desto mehr hielt mich der Schulmeister für einen durchtriebenen und frechen Schalk , dessen Bosheit sofort gebrochen werden müßte , und er fiel über mich her und schüttelte mich eine Minute lang so wild an den Haaren , daß mir Hören und Sehen verging . Dieser Überfall kam mir seiner Fremdheit und Neuheit wegen wie ein böser Traum vor , und ich machte augenblicklich nichts daraus , als daß ich , stumm und tränenlos , aber voll innerer Beklemmung den Mann ansah . Die Kinder haben mich von jeher geärgert , welche , wenn sie gefehlt haben oder sonst in Konflikt geraten , bei der leisesten Berührung oder schon bei deren Annäherung in ein abscheuliches Zetergeschrei ausbrechen , das einem die Ohren zerreißt ; und wenn solche Kinder gerade dieses Geschreies wegen oft doppelte Schläge bekommen , so litt ich am entgegengesetzten Extrem und verschlimmerte meine Händel stets dadurch , daß ich nicht imstande war , eine einzige Träne zu vergießen vor meinen Richtern . Als daher der Schulmeister sah , daß ich nur erstaunt nach meinem Kopfe langte , ohne zu weinen , fiel er noch einmal über mich her , um mir den vermeintlichen Trotz und die Verstocktheit gründlich auszutreiben . Ich litt nun wirklich ; anstatt aber in ein Geheul auszubrechen , rief ich flehentlich in meiner Angst : » Sondern erlöse uns von dem Bösen ! « und hatte dabei Gott vor Augen , von dem man mir so oft gesagt hatte , daß er dem Bedrängten ein hilfreicher Vater sei . Für den guten Lehrer aber war dies zu stark ; der Fall war nun zum außerordentlichen Ereignisse gediehen , und er ließ mich daher stracks los , mit aufrichtiger Bekümmernis darüber nachdenkend , welche Behandlungsart hier angemessen sei . Wir wurden für den Vormittag entlassen , der Mann führte mich selbst nach Hause . Erst dort brach ich heimlich in Tränen aus , indem ich abgewandt am Fenster stand und die ausgerissenen Haare aus der Stirn wischte , während ich anhörte , wie der Mann , der mir im Heiligtum unserer Stube doppelt fremd und feindlich erschien , eine ernsthafte Unterredung mit der Mutter führte und versichern wollte , daß ich schon durch irgendein böses Element verdorben sein müßte . Sie war nicht minder erstaunt als wir beiden andern , indem ich , wie sie sagte , ein durchaus stilles Kind wäre , welches bisher noch nie aus ihren Augen gekommen sei und keine groben Unarten gezeigt hätte . Allerlei seltsame Einfälle hätte ich allerdings bisweilen , aber sie schienen nicht aus einem schlimmen Gemüte zu kommen , und ich müßte mich wohl erst ein wenig an die Schule und ihre Bedeutung gewöhnen . Der Lehrer gab sich zufrieden , doch mit Kopfschütteln , und war innerlich überzeugt , wie sich aus wiederholten Fällen ergab , daß ich gefährliche Anlagen zeige . Er sagte auch sehr bedeutsam beim Abschiede , daß stille Wasser gewöhnlich tief wären . Dieses Wort habe ich seither in meinem Leben öfter hören müssen , und es hat mich immer gekränkt , weil es keinen größern Plauderer gibt als mich , wenn ich zutraulich bin . Ich habe aber bemerkt , daß viele Menschen , welche immer das große Wort führen , aus denen nie klug werden , welche ihretwegen nie zu Worte kommen ; sie fassen dann ein ungünstiges Vorurteil , sobald sie mit Schwatzen fertig sind und es still geworden ist . Sprechen jene aber einmal unerwarteterweise , so kommt es ihnen noch verdächtiger vor . Im Umgange mit stillen Kindern aber kann es ein wahres Unglück werden , wenn die großen Schwätzer sich nicht anders zu helfen wissen als mit dem Gemeinplatze Stille Wasser sind tief ! Am Nachmittage wurde ich wieder in die Schule geschickt , und ich trat mit großem Mißtrauen in die gefährlichen Hallen , welche die Verwirklichung seltsamer und beängstigender Träume zu sein schienen . Ich bekam aber den bösen Schulmann nicht zu Gesicht ; er hielt sich in einem Verschlage auf , welcher eine Art Geheimzimmer vorstellte und ihm zur Einnahme von kleinen Kollationen diente . An der Türe dieses Verschlages befand sich ein rundes Fensterchen , durch welches der Tyrann öfters den Kopf zu stecken pflegte , wenn draußen ein Geräusch entstand . Die Glasscheibe dieses Fensterchens fehlte seit geraumer Zeit , so daß er durch den leeren Rahmen sein Haupt weit in die Schulstube hineinstrecken konnte zur sattsamen Umsicht . An diesem verhängnisvollen Tage nun hatte der Hausmeister gerade während der Mittagszeit die fehlende Scheibe ersetzen lassen , und ich schielte eben ängstlich nach derselben , als sie mit hellem Klirren zersprang und der umfangreiche Kopf meines Widersachers hindurchfuhr . Die erste Bewegung in mir war ein Aufjauchzen der herzlichsten Freude , und erst als ich sah , daß er übel zugerichtet war und blutete , da wurde ich betreten , und es ward zum dritten Male klar in meiner Seele , und ich verstand die Worte Und vergib uns unsere Schulden , wie auch wir vergeben unsern Schuldigern ! So hatte ich an diesem ersten Tage schon viel gelernt ; zwar nicht , was der Pumpernickel sei , wohl aber , daß man in der Not einen Gott anrufen müsse , daß derselbe gerecht sei und uns zu gleicher Zeit lehre , keinen Haß und keine Rache in uns zu tragen . Aus dem Gebote , seinen Beleidigern zu vergeben , entsteht , wenn es befolgt wird , von selbst die Kraft , auch seine Feinde zu lieben ; denn für die Mühe welche uns jene Überwindung kostet , fordern wir einen Lohn , und dieser liegt zunächst und am natürlichsten in dem Wohlwollen , welches wir dem Feinde schenken da er uns einmal nicht gleichgültig bleiben kann . Wohlwollen und Liebe können nicht gehegt werden , ohne den Träger selbst zu veredeln , und sie tun dieses am glänzendsten , wenn sie dem gelten , was man einen Feind oder Widersacher nennt . Diese eigentümlichste Hauptlehre des Christentums fand eine große Empfänglichkeit in mir vor , da ich , leicht verletzt und aufgebracht , immer ebenso schnell bereit war zu vergessen und zu vergeben , und es hat mich später , als mein Sinn sich der Offenbarungslehre zu verschließen anfing , lebhaft beschäftigt zu ermitteln , inwiefern jenes Gesetz nur der Ausdruck eines schon in der Menschheit vorhandenen und erkannten Bedürfnisses sei ; denn ich sah , daß es nur von einem bestimmten Teile der Menschen rein und uneigennützig befolgt wurde , von denjenigen nämlich , welche ihre natürlichen Gemütsanlagen dazu trieben . Die andern , welche ihr ursprüngliches Rachegefühl überwanden und auf das Vergeltungsrecht mit Mühe verzichteten , schienen mir oft dadurch mehr Vorteil über ihren Feind zu gewinnen , als sich mit dem Begriffe der reinen Selbstentäußerung vertrug ; weil zufolge der tiefen Vernunft und Klugheit , die zugleich im Verzeihen liegt , der Widersacher allein es ist , welcher sich in seiner unfruchtbaren Wut aufreibt und vernichtet . Dies Verzeihen ist es auch , was in großen geschichtlichen Kämpfen die Überlegenheit des Siegers , nachdem er einen Handel männlich ausgefochten hat , vermehrt und beurkundet , daß dieselbe auch moralisch eine reifgewordene ist . So ist das Schonen und Aufrichten des gebeugten Gegners mehr Sache der allgemeinen Weltweisheit ; das eigentliche Lieben aber des Feindes , in voller Blüte und solange er uns Schaden zufügt , habe ich nirgends gesehen . Viertes Kapitel Lob Gottes und der Mutter . Vom Beten Im Verlaufe der ersten Schuljahre fand ich nun häufige Gelegenheit , meinen Verkehr mit Gott zu erweitern , da die kleinen Erlebnisse sich vermehrten . Ich hatte mich bald in den Weltlauf ergeben und tat , wie die andern Kinder , was ich nicht lassen konnte . Dadurch war ich abwechselnd zufrieden und geriet in Bedrängnis , wie es das Wohlverhalten oder die Vernachlässigung meiner Pflichten nebst allerhand kindischem Unfuge mit sich brachten . In jeder üblen Lage aber rief ich Gott an und betete in meinem Innern in wenigen wohlgesetzten Worten , wenn die Krisis zu reifen begann , um eine günstige Entscheidung und um Rettung aus der Gefahr , und ich muß zu meiner Schande gestehen , daß ich immer entweder das Unmögliche oder das Ungerechte verlangte . Oft war es der Fall , daß meine Sünden übersehen wurden ; und alsdann ließ ich es nicht an herzlichen Dankgebeten aus dem Stegreife fehlen , welche um so vergnüglicher waren , als mir der Sinn für die Verdientheit der Strafe so lange verschlossen blieb , bis ich bewußte Fehler beging . So bestand der Stoff meiner Anrufungen aus der wunderlichsten Mischung das eine Mal bat ich um die gelungene Probe eines schwierigen Rechenexempels oder daß der Vor gesetzte für einen Tintenklecks in meinem Hefte mit Blindheit geschlagen werde ; das andere Mal , ein zweiter Josua , um Still stand der Sonne , wenn ich mich zu verspäten drohte , oder auch um Erlangung eines fremden leckeren Backwerkes . Als die Jungfrau , welche ich die weiße Wolke nannte , einst für lange Zeit verreiste und eines Abends bei uns Abschied nahm , während ich schon in meinem Bettchen lag , jedoch alles hörte , bat ich meinen himmlischen Vater in sehnlichen Ausdrücken , er möchte bewirken , daß sie mich hinter meinen Vorhängen nicht vergesse und noch einmal tüchtig küsse . Ich schlief über der steten Wiederholung des gleichen kurzen Satzes endlich ein und weiß zur Stunde noch nicht , ob meine Bitte in Erfüllung gegangen ist . Eines Tages wurde ich zur Strafe über die Mittagszeit in der Schule zurückbehalten und eingeschlossen , so daß ich erst auf den Abend zu essen bekam . Das war das erste Mal , wo ich den Hunger kennen und zugleich die Ermahnungen meiner Mutter verstehen lernte , welche mir Gott vorzüglich als den Erhalter und Ernährer jeglicher Kreatur anpries und als den Schöpfer unsres schmackhaften Hausbrotes darstellte , der Bitte gemäß Gib uns heut unser tägliches Brot ! Überhaupt gewann ich für die Nahrungsdinge Interesse und manche Einsicht in die Beschaffenheit derselben , indem ich fast ausschließlich den Verkehr von Frauen mit ansah , dessen Hauptinhalt der Erwerb und die Besprechung von Lebensmitteln war . Auf meinen Wanderungen durch das Haus drang ich allmählich tiefer in den Haushalt der Mitbewohner ein und ließ mich oft aus ihren Schüsseln bewirten , und undankbarerweise schmeckten mir die Speisen überall besser als bei meiner Mutter . Jede Hausfrau verleiht , auch wenn die Rezepte ganz die gleichen sind , doch ihren Speisen durch die Zubereitung einen besondern Geschmack , welcher ihrem Charakter entspricht . Durch eine kleine Bevorzugung eines Gewürzes oder eines Krautes , durch größere Fettigkeit oder Trockenheit , Weichheit oder Härte bekommen alle ihre Speisen einen bestimmten Charakter , welcher das genäschige oder nüchterne , weichliche oder spröde , hitzige oder kalte , das verschwenderische oder geizige Wesen der Köchin ausspricht , und man erkennt sicher die Hausfrau aus den wenigen Hauptspeisen des Bürgerstandes ; ich meinerseits , als ein frühzeitiger Kenner , habe aus einer bloßen Fleischbrühe den Instinkt geschöpft , wie ich mich zu der Meisterin derselben zu verhalten habe . Die Speisen meiner Mutter hingegen ermangelten sozusagen aller und jeder Besonderheit . Ihre Suppe war nicht fett und nicht mager , der Kaffee nicht stark und nicht schwach , sie verwendete kein Salzkorn zuviel , und keines hat je gefehlt ; sie kochte schlecht und recht , ohne Manieriertheit , wie die Künstler sagen , in den reinsten Verhältnissen ; man konnte von ihren Speisen eine große Menge genießen , ohne sich den Magen zu verderben . Sie schien mit ihrer weisen und maßvollen Hand , am Herde stehend , täglich das Sprichwort zu verkörpern Der Mensch ißt , um zu leben , und lebt nicht , um zu essen ! Nie und in keiner Weise war ein Überfluß zu bemerken und ebensowenig ein Mangel . Diese nüchterne Mittelstraße langweilte mich , der ich meinen Gaumen dann und wann anderswo bedeutend reizte , und ich begann über ihre Mahlzeiten eine scharfe Kritik zu üben , sobald ich satt und die letzte Gabel voll vertilgt war . Da ich mit meiner Mutter immer allein bei Tische saß und sie lieber auf Gespräch und Unterhaltung dachte als auf ein genaues Erziehungssystem , so wies sie mich nicht kurz und strafend zur Ruhe , sondern widerlegte mich mit Beredsamkeit und stellte mir hauptsächlich vor , auf Menschenschicksale und Lebensläufe übergehend , wie ich vielleicht eines Tages froh sein würde , an ihrem Tische zu sitzen und zu essen ; dann werde sie aber nicht mehr dasein . Obgleich ich dazumal nicht recht einsah , wie das zugehen sollte , so wurde ich doch jedesmal gerührt und von einem geheimen Grauen ergriffen und so für einmal geschlagen . Machte sie alsdann auch noch auf die Undankbarkeit aufmerksam , welche ich gegen Gott beging , indem ich seine guten Gaben tadelte , so hütete ich mich mit einer heiligen Scheu , den allmächtigen Geber ferner zu beleidigen , und versank in Nachdenken über seine trefflichen und wunderbaren Eigenschaften . Nun geschah es aber , daß in dem Maße , als ich ihn deutlicher erfaßte und sein Wesen mir unentbehrlicher und ersprießlicher wurde , mein Umgang mit Gott sich verschämt zu verschleiern begann und , als meine Gebete einen gewissen Sinn erhielten , mich eine wachsende Scheu beschlich , sie laut herzusagen . Meine Mutter war eines einfallen und nüchternen Gemütes und nichts weniger als das , was man eine warm andächtige Frau nennt , sondern schlechthin gottesfürchtig . Ihr Gott war nicht der Befriediger und Erfüller einer Menge dunkler und drangvoller Herzensbedürfnisse , sondern klar und einfach der vorsorgende und erhaltende Vater , die Vorsehung . Ihr gewöhnliches Wort war Wer Gott vergißt , den vergißt er auch ; von der inbrünstigen Gottesliebe dagegen hörte ich sie nie reden . Desto eifriger aber hielt sie darauf ; es wurde ihr in unserer Verlassenheit für die lange und dunkle Zukunft eine Hauptsache , daß Gott , der Ernährer und Beschützer , mir immer vor Augen sei , und sie legte mit andauernder Sorge den Grund zu einem lebendigen Gottvertrauen in mich . Infolge dieses rührenden Bestrebens und auf das Zureden einer nichtsnutzigen Heuchlerin wollte sie eines Sonntags , als wir uns eben zu Tische gesetzt hatten , das Tischgebet einführen , welches bis dahin nicht üblich gewesen in unserm Hause , und sagte mir zu diesem Zwecke ein kleines altes Volksgebet vor , mit der Aufforderung , es jetzt und in Zukunft nachzubeten . Aber wie erstaunte sie , als ich nur die ersten Worte trocken hervorbrachte und dann plötzlich verstummte und nicht weiterkonnte ! Das Essen dampfte auf dem Tische , es war ganz still in der Stube , die Mutter wartete , aber ich brachte keinen Laut hervor . Sie wiederholte