. « » Wer es leugnet , der lügt . « In diesem Augenblicke zogen beide . Die Zunächstsitzenden sprangen auf , aber ehe noch ein Dazwischenspringen möglich war , hatte des jüngeren Bruders Degen die Brust des älteren durchdrungen . Anselm war tödlich getroffen . Matthias , außer sich über das Geschehene , wollte sich dem Kurfürsten stellen ; nur widerwillig gab er den Vorstellungen derer nach , die auf Flucht drangen . In seine Garnisonstadt Böhmisch-Grätz zurückgekehrt , machte er nach Wien hin Meldung von dem Vorgefallenen ; dabei hatte es sein Bewenden . Ihm zu zeigen , wie wenig die Kriegskanzelei den Vorfall beanstande , der ja in Verteidigung kaiserlicher Ehre seine erste Veranlassung hatte , ließ man ihn zum General aufsteigen und gab ihm ein Kommando in Ungarn . Aber diese Gnadenbezeugungen , dankbar , wie er sie entgegennahm , gaben ihm doch die Ruhe nicht wieder , nach der er dürstete , und von Peterwardein aus , wo er im Feldlager lag , schrieb er an den Kurfürsten und rief seine Gnade an , » um dessentwillen , der aller Menschen Heil und Gnade sei « . Der Kurfürst schwankte ; als aber durch die eidlichen Aussagen von Peter Ihlow , Beteke Pfuel und Ehrenreich von Burgsdorff erwiesen war , daß beide Brüder zu gleicher Zeit gezogen hätten , kam es zu einem Generalpardon , » gleichweis als ob die Geschichte nie geschehen wäre « , und Matthias kehrte nach Hohen-Vietz zurück , das er seit dem Tage , an dem Maradas das Schloß gestürmt hatte , nur einmal , in jener unheilvollen Festesstunde , wiedergesehen hatte . Er kam und brachte , wie die Hohen-Vietzer noch lange erzählten , » eine Tonne Goldes mit sich « ; denn Dotationen und Landerwerbungen , wie sie damals herkömmlich waren , hatten ihn reich gemacht . Der Kurfürst empfing ihn in ausgezeichneter Weise und setzte ihn , unter Innehaltung herkömmlicher Formen , in den Vollbesitz des verfallenen Gutes ein . Unmittelbar darauf schritt der Neubelehnte zur Aufführung eines schloßartigen , mit breiter Treppe und hohen Stuckzimmern reich ausgestatteten Renaissanceneubaues , der , mit dem ärmlichen Fachwerkhaus parallel laufend , einen hufeisenförmigen Gebäudekomplex herstellte , in dem die » Banketthalle « , der mehrgenannte Saalanbau des alten Rochus , die verbindende Linie war . Diesen Saalanbau selbst aber , eingedenk dessen , was hier geschah , schuf Matthias von Vitzewitz in eine Kapelle um . Über dem Altar stiftete er ein Bild , dessen Inhalt der Erzählung vom verlorenen Sohn entnommen war ; daneben hing er die Klinge auf , mit der er den Bruder erstochen hatte . Er betrat die Kapelle nie anders als in der Dämmerstunde , er liebte nicht , daß man es wußte oder gar davon sprach , aber wer auf dem anstoßenden Fliesenflur des alten Fachwerkhauses zu tun hatte oder müßig lauschte , der hörte seine lauten Gebete . Seine Buße währte sein Leben lang , und sein Leben kam zu hohen Jahren . Noch spät hatte er sich vermählt . Im Herbste desselben Jahres , das seinen Herrn den Kurfürsten hinscheiden sah , schied auch er aus dieser Zeitlichkeit , und die Hohen-Vietzer , an ihrer Spitze der achtzehnjährige Sohn des Hauses , trugen ihn bis zur alten Hügelkirche hinauf und setzten ihn in die Gruft neben den Kupfersarg des Vaters derart , daß Anselm zur Rechten , Matthias aber zur Linken stand . Er war in der Zuversicht gestorben , daß Gott seine Buße angenommen habe ; auch die , die nach ihm kamen , waren dieses Glaubens voll . Aber dieser Glaube , wie festen Lebensgrund er ihnen gab , konnte ihnen doch den Frohsinn des Lebens nicht wiedergeben . Sie blickten ernst um sich her . Und dieser Zug begann sich fortzuerben . Der Familiencharakter , der in alten Zeiten ein joviales Aufbrausen gewesen war , wich einem Grübeln und Brüten , und ihr Hang zu Festen und Gelagen schlug in einen Hang zur Selbstpein und Askese um . Auch sahen sie sich durch manchen Vorgang , durch Spuk und Wirklichkeit , in diesem Hange genährt und gefestigt . In dem zur Kapelle umgeschaffenen Saalanbau , der , verstaubend und verfallend , längst wieder den Kapellencharakter abgestreift hatte und zu einem Vorratsraum für die kleinen Leute des Hauses geworden war , ging der alte Matthias um wie zu Lebzeiten und kniete vor dem Altar , den er gestiftet . Niemand im Hause zweifelte daran . Aber wenn auch ein einzelner den Spuk verneint und , sei es aus Glauben oder Unglauben , die Erscheinung als ein abergläubisch Gebilde verworfen hätte , so hätten doch andere Zeichen zu ihm gesprochen . Seit anderthalbhundert Jahren stand das Geschlecht auf zwei Augen ; es sah darin einen Finger Gottes ; zwei Brüder sollten nicht wieder in Waffen gegeneinander stehen . Die Dorfbewohner , wie kaum versichert zu werden braucht , hegten dies alles wie einen Schatz , und in den Spinnstuben wurde nichts eifriger verhandelt als die Frage , ob der alte Matthias gesehen worden sei oder nicht . Es war eine Art Ehrensache , ihn gesehen zu haben . Man scherzte über ihn und fürchtete sich . Die Bauern selbst waren nicht anders wie ihre Mägde . Auf dem Höhenzuge , dicht neben der Kirche , stand eine alte Buche , die teilte sich halbmannshoch über der Wurzel und wuchs in zwei Stämmen nach rechts und links . Das paßte den Hohen-Vietzern , und die Sage ging , daß beide Brüder , als sie noch Kinder waren , diesen Baum gemeinschaftlich gepflanzt hätten . Als aber Anselm von der Hand des jüngern gefallen sei , da habe sich der Stamm geteilt . Und noch andere wußten , daß Matthias , wenn er unten in der Kapelle gebetet , die große Nußbaumallee bis zur Kirche hinaufsteige und den Buchenstamm da , wo er sich teilt , zu umfassen und zusammenzupressen suche . Aber umsonst . Er sitze dann zu Füßen des Baumes und klage laut . Aber wenn sich das nach dem Spukhaften und Schauerlichen drängende romantische Bedürfnis in diesen trüben Bildern mit Vorliebe aussprach , so drängte doch auch ein anderer Zug in den Herzen der Hohen-Vietzer ebenso entschieden auf endliche Versöhnung hin , und einen Reimspruch kannte jung und alt , der dieser Hoffnung auf Versöhnung Ausdruck gab . Auch im Herrenhause kannten sie ihn sehr wohl , und der Reimspruch lautete : Und eine Prinzessin kommt ins Haus , Da löscht ein Feuer den Blutfleck aus , Der auseinander getane Stamm Wird wieder eins , wächst wieder zusamm ' , Und wieder von seinem alten Sitz Blickt in den Morgen Haus Vitzewitz . Drittes Kapitel Weihnachtsmorgen An Lewins Seele waren inzwischen unruhige Träume vorübergegangen . Die Fahrt im Ostwind hatte ihn fiebrig gemacht , und erst gegen Morgen verfiel er in einen festen Schlaf . Eine Stunde später begann es bereits im Hause lebendig zu werden : auf dem langen Korridor , an dessen Nordostecke Lewins Zimmer gelegen war , hallten Schritte auf und ab , schwere Holzkörbe wurden vor die Feuerstellen gesetzt und große Scheite von außen her in den Ofen geschoben . Bald darauf öffnete sich die Tür , und der alte Diener , der am Abend zuvor seinen jungen Herrn empfangen hatte , trat ein , einen Blaker in der Hand . Hektor blieb liegen , reckte sich auf dem Rehfell und wedelte nur , als ob er rapportieren wolle : Alles in Ordnung . Jeetze setzte das Licht , dessen Flamme er bis dahin mit seiner Rechten sorglich gehütet hatte , hinter einen Schirm und begann alles , was an Garderobestücken umherlag , über seinen linken Arm zu packen . Er selbst war noch im Morgenkostüm ; zu den Samthosen und Gamaschen , ohne die er nicht wohl zu denken war , trug er einen Arbeitsrock von doppeltem Zwillich . Als er alles beisammen hatte , trat er , leise wie er gekommen war , seinen Rückzug an , dabei nach Art alter Leute unverständliche Worte vor sich her murmelnd . An dem zustimmenden Nicken seines Kopfes aber ließ sich erkennen , daß er zufrieden und guter Laune war . Die Türe blieb halb offen , und das erwachende Leben des Hauses drang in immer mahnenderen , aber auch in immer anheimelnderen Klängen in das wieder still gewordene Zimmer . Die großen Scheite Fichtenholz sprangen mit lautem Krach auseinander , von Zeit zu Zeit zischte das Wasser , das aus den naß gewordenen Stücken in kleinen Rinnen ins Feuer lief , und von der Korridornische her hörte man den sichern und regelrechten Strich , mit dem Jeetzes Bürste der Hacheln und Härchen , die nicht loslassen wollten , Herr zu werden suchte . Alles das war hörbar genug , nur Lewin hörte es nicht . Endlich beschloß Hektor , der Ungeduld Jeetzes und seiner eigenen ein Ende zu machen , richtete sich auf , legte beide Vorderpfoten aufs Deckbett und fuhr mit seiner Zunge über die Stirn des Schlafenden hin , ohne weitere Sorge , ob seine Liebkosungen willkommen seien oder nicht . Lewin wachte auf ; die erste Verwirrung wich einem heiteren Lachen . » Kusch dich , Hektor « , damit sprang er aus dem Bett . Der Morgenschlaf hatte ihn frisch gemacht ; in wenig Minuten war er angekleidet , ein Vorteil halb soldatischer Erziehung . Er durchschritt ein paarmal das Zimmer , betrachtete lächelnd einen mit vier Nadeln an die Tischdecke festgesteckten Bogen Papier , auf dem in großen Buchstaben stand : » Willkommen in Hohen-Vietz « , ließ seine Augen über ein paar Silhouettenbilder gleiten , die er von Jugend auf kannte und doch immer wieder mit derselben Freudigkeit begrüßte , und trat dann an eines der zugefrorenen Eckfenster . Sein Hauch taute die Eisblumen fort , ein Fleckchen , nicht größer wie eine Glaslinse , wurde frei , und sein erster Blick fiel jetzt auf die eben aufgehende Weihnachtssonne , deren roter Ball hinter dem Turmknopf der Hohen-Vietzer Kirche stand . Zwischen ihm und dieser Kirche erhoben sich die Bäume des hügelansteigenden Parkes , phantastisch bereift , auf einzelnen ein paar Raben , die in die Sonne sahen und mit Gekreisch den Tag begrüßten . Lewin freute sich noch des Bildes , als es an die Türe klopfte . » Nur herein ! « Eine schlanke Mädchengestalt trat ein , und mit herzlichem Kuß schlossen sich die Geschwister in die Arme . Daß es Geschwister waren , zeigte der erste Blick : gleiche Figur und Haltung , dieselben ovalen Köpfe , vor allem dieselben Augen , aus denen Phantasie , Klugheit und Treue sprachen . » Wie freue ich mich , dich wieder hier zu haben . Du bleibst doch über das Fest ? Und wie gut du aussiehst , Lewin ! Sie sagen , wir ähnelten uns ; es wird mich noch eitel machen . « Die Schwester , die bis dahin wie musternd vor dem Bruder gestanden hatte , legte jetzt ihren Arm in den seinen und fuhr dann , während beide auf der breiten Strohmatte des Zimmers auf und ab promenierten , in ihrem Geplauder fort . » Du glaubst nicht , Lewin , wie öde Tage wir jetzt haben . Seit einer Woche flog uns nichts wie Schneeflocken ins Haus . « » Aber du hast doch den Papa ... « » Ja und nein . Ich hab ihn und hab ihn nicht ; jedenfalls ist er nicht mehr , wie er war . Seine kleinen Aufmerksamkeiten bleiben aus ; er hat kein Ohr mehr für mich , und wenn er es hat , so zwingt er sich und lächelt . Und an dem allen sind die Zeitungen schuld , die ich freilich auch nicht missen möchte . Kaum daß Hoppenmarieken in den Flur tritt und das Postpaket aus ihrem Kattuntuch wickelt , so ist es mit seiner Ruhe hin . Er geht an mir vorbei , ohne mich zu sehen . Briefe werden geschrieben ; die Pferde kommen kaum noch aus dem Geschirr ; zu Wagen und zu Schlitten geht es hierhin und dorthin . Oft sind wir tagelang allein . Ein Glück , daß ich Tante Schorlemmer habe , ich ängstigte mich sonst zu Tode . « » Tante Schorlemmer ! So findet alles seine Zeit . « » Oh , sie braucht nicht erst ihre Zeit zu finden , sie hat immer ihre Zeit , das weiß niemand besser als du und ich . Aber freilich , eines ist meiner guten Schorlemmer nicht gegeben , einen öden Tag minder öde zu machen . Möchtest du , eingeschneit , einen Winter lang mit ihr und ihren Sprüchen am Spinnrad sitzen ? « » Nicht um die Welt . Aber wo bleibt der Pastor ? Und wo bleibt Marie ? Ist denn alles zerstoben und verflogen ? « » Nein , nein , sie sind da , und sie kommen auch und sind die alten noch ; lieb und gut wie immer . Aber unsere Hohen-Vietzer Tage sind so lang , und am längsten , wenn im Kalender die kürzesten stehen . Marie kommt übrigens heute abend ; sie hat eben anfragen lassen . « » Und wie geht es unserm Liebling ? « » In den drei Monaten , daß du nicht hier warst , ist sie voll herangewachsen . Sie ist wie ein Märchen . Wenn morgen eine goldene Kutsche bei Kniehases vorgefahren käme , um sie aus dem Schulzenhause mit zwei schleppentragenden Pagen abzuholen , ich würde mich nicht wundern . Und doch ängstigt sie mich . Aber je mehr ich mich um sie sorge , desto mehr liebe ich sie . « So weit waren die Geschwister in ihren Plaudereien gekommen , als Jeetze - nunmehr in voller Livree - in der Türe erschien , um seinen jungen Herrschaften anzukündigen , daß es Zeit sei . » Wo ist Papa ? « » Er baut auf . Krist und ich haben zutragen müssen . « » Und Tante Schorlemmer ? « » Ist im Flur . Die Singekinder sind eben gekommen . « Lewin und Renate nickten einander zu und traten dann heiteren Gesichts und leichten Ganges , ein jeder stolz auf den andern , in den Korridor hinaus . In demselben Augenblick , wo sie an dem Treppenkopf angelangt waren , klang es weihnachtlich von hellen Kinderstimmen zu ihnen herauf . Und doch war es kein eigentliches Weihnachtslied . Es war das alte » Nun danket alle Gott « , das den märkischen Kehlen am geläufigsten ist und am freiesten aus ihrer Seele kommt . » Wie schön « , sagte Lewin und horchte , bis die erste Strophe zu Ende war . Als die Geschwister im Niedersteigen den untersten Treppenabsatz erreicht hatten , hielten sie abermals und überblickten nun das Bild zu ihren Füßen . Die gewölbte Flurhalle , groß und geräumig , trotz der Eichenschränke , die umherstanden , war mit Menschen , jungen und alten , gefüllt ; einige Mütterchen hockten auf der Treppe , deren unterste Stufen bis weit in den Flur hinein vorsprangen . Links , nach der Park- und Gartentür zu , standen die Kinder , einige sonntäglich geputzt , die anderen notdürftig gekleidet , hinter ihnen die Armen des Dorfes , auch Sieche und Krüppel ; nach rechts hin aber hatte alles , was zum Hause gehörte , seine Aufstellung genommen : der Jäger , der Inspektor , der Meier , Krist und Jeetze , dazu die Mägde , der Mehrzahl nach jung und hübsch , und alle gekleidet in die malerische Tracht dieser Gegenden , den roten Friesrock , das schwarzseidene Kopftuch und den geblümten Manchester-Spenzer . In Front dieser bunten Mädchengruppe gewahrte man eine ältliche Dame über fünfzig , grau gekleidet mit weißem Tuch und kleiner Tüllhaube , die Hände gefaltet , den Kopf vorgebeugt , wie um dem Gesange der Kinder mit mehr Andacht folgen zu können . Es war Tante Schorlemmer . Nur als die Geschwister auf dem Treppenabsatz erschienen , unterbrach sie ihre Haltung und erwiderte Lewins Gruß mit einem freundlichen Nicken . Nun war auch der zweite Vers gesungen , und die Weihnachtsbescherung an die Armen und Kinder des Dorfes , wie sie in diesem Hause seit alten Zeiten Sitte war , nahm ihren Anfang . Niemand drängte vor ; jeder wußte , daß ihm das Seine werden würde . Die Kranken erhielten eine Suppe , die Krüppel ein Almosen , alle einen Festkuchen , an die Kinder aber traten die Mägde heran und schütteten ihnen Äpfel und Nüsse in die mitgebrachten Säcke und Taschen . Das Gabenspenden war kaum zu Ende , als die große , vom Flur aus in die Halle führende Flügeltüre von innen her sich öffnete und ein heller Lichtschein in den bis dahin nur halb erleuchteten Flur drang . Damit war das Zeichen gegeben , daß nun dem Hause selber beschert werden solle . Der alte Vitzewitz trat zwischen Türe und Weihnachtsbaum , und Lewins ansichtig werdend , der am Arm der Schwester dem Festzug voraufschritt , rief er ihm zu : » Willkommen , Lewin , in Hohen-Vietz . « Vater und Sohn begrüßten sich herzlich ; dann setzten die Geschwister ihren Umgang um die Tafel fort , während draußen im Flur die Kinder wieder anstimmten : » Lob , Ehr und Preis sei Gott , Dem Vater und dem Sohne , Und auch dem Heil ' gen Geist Im hohen Himmelsthrone . « Der Zug löste sich nun auf , und jeder trat an seinen Platz und seine Geschenke . Alles gefiel und erfreute , die Shawls , die Westen , die seidenen Tücher . Da lagerte kein Unmut , keine Enttäuschung auf den Stirnen ; jeder wußte , daß schwere Zeiten waren und daß der viel heimgesuchte Herr von Hohen-Vietz sich mancher Entbehrung unterziehen mußte , um die gute Sitte des Hauses auch in bösen Tagen aufrechtzuerhalten . Zu beiden Seiten des Kamins , über dessen breiter Marmorkonsole das überlebensgroße Bild des alten Matthias aufragte , waren auf kleinen Tischen die Gaben ausgebreitet , die der Vater für Lewin und Renaten gewählt hatte . Lieblingswünsche hatten ihre Erfüllung gefunden , sonst waren sie nicht reichlich . An Lewins Platz lag eine gezogene Doppelbüchse , Suhler Arbeit , sauber , leicht , fest , eine Freude für den Kenner . » Das ist für dich , Lewin . Wir leben in wunderbaren Tagen . Und nun komm und laß uns plaudern . « Beide traten in das nebenangelegene Zimmer , während in der Halle die Weihnachtslichter niederbrannten . Viertes Kapitel Berndt von Vitzewitz Der Vater Lewins war Berndt von Vitzewitz , ein hoher Fünfziger . Mit dreizehn Jahren bei den zu Landsberg garnisonierenden Knobelsdorff-Dragonern eingetreten , hatte er , nach beinahe dreißigjährigem Dienst , das Kommando des berühmten Regiments eben übernommen , als ihn , im Frühjahr 1795 , der Abschluß des Basler Friedens veranlaßte , seinen Abschied zu fordern . Voller Abscheu gegen die Pariser Schreckensmänner sah er in dem » Paktieren mit den Regiciden « ebenso eine Gefahr wie eine Erniedrigung Preußens . Er zog sich verstimmt nach Hohen-Vietz zurück . Vielleicht war es ein Ausdruck seiner Verstimmung , daß er es , wenigstens im geselligen Verkehr , vorzog , seinen militärischen Rang ignoriert und sich lediglich als Herr von Vitzewitz angesprochen zu sehen . Das Gut selbst war ihm schon sieben Jahre früher zugefallen , unmittelbar fast nach seiner Vermählung mit Madeleine von Dumoulin , ältesten Tochter des Generallieutenants von Dumoulin , der bei Zorndorf , als jüngster Offizier in der Schwadron des Rittmeisters von Wakenitz . Wunder der Tapferkeit verrichtet und nach zweimaligem Durchbrechen der russischen Carrés den Pour le mérite auf dem Schlachtfelde empfangen hatte . Madeleine von Dumoulin , groß , schlank , blond , eine typische deutsche Schönheit , wie so oft die Töchter des altfranzösischen Adels , war der Abgott ihres Gemahls . Und doch sah sie zu ihm hinauf ; ohne Prätensionen , fast ohne Laune , beugte sie sich vor der Überlegenheit seines Charakters . Die Geburt eines Sohnes , noch in der Garnisonstadt des Regiments , schuf ein gesteigertes Glück , das aus beider Augen noch lebhafter sprach , als ihnen , bald nach ihrer Übernahme von Hohen-Vietz , auch eine Tochter geboren wurde . Es war im Mai 1795 , ein Frühlingsregen sprühte , und das Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Menschen , ein Regenbogen , stand verheißungsvoll über dem alten Hause . Aber die Verheißung , wenn sie dem Kinde gelten mochte , galt nicht dem Vater . Ein Allerschmerzlichstes blieb auch ihm , wie so vielen seiner Ahnen , unerspart . Es traf ihn anders , aber nicht minder schwer . Der Tag von Jena hatte über das Schicksal Preußens entschieden ; elf Tage später hielten bereits angemeldete französische Offiziere vor dem Herrenhause in Hohen-Vietz , zu deren Bewillkommnung , um nicht Anstoß zu geben , auch die kaum von einem hitzigen Fieber wiederhergestellte , noch die Blässe der Krankheit zeigende Dame vom Hause erschienen war . In der Halle war gedeckt . Frau von Vitzewitz blieb und schien ihren Zweck , ein leidliches Einvernehmen zwischen Wirt und Gästen herzustellen , erreichen zu sollen , als sich , während schon der Nachtisch aufgetragen wurde , ein ihr gegenüber sitzender Kapitän , von der spanischen Grenze , olivenfarbig , mit dünnem Spitzbart , erhob und in unziemlichster Huldigung Worte lallte , die der schönen Frau das Blut in die Wangen trieben . Berndt von Vitzewitz fahr auf den Elenden ein , andere Offiziere , dazwischenspringend , trennten die miteinander Ringenden , und Partei ergreifend für den beleidigten Gemahl , steckten sie draußen im Park den Platz ab , wo der Handel auf der Stelle ausgemacht werden sollte . Berndt , ein Meister auf den Degen , verwundete seinen Gegner schwer am Kopf , und die Franzosen , in der ihnen eigenen ritterlichen Gesinnung , beglückwünschten ihn , ohne die geringste Verstimmung zu zeigen , zu seinem Triumph . Aber es war ein kurzer Sieg , zum mindesten ein teuer erkaufter . Die heftigen , von solchen Vorgängen unzertrennlichen Erregungen warfen die schöne Frau aufs Krankenbett zurück , am dritten Tag war sie aufgegeben , am neunten trugen sie sie die alte Nußbaumallee hinauf , bis an die Hohen-Vietzer Kirche , und senkten sie unter Innehaltung aller von ihr gegebenen Bestimmungen ein . Nicht in die Gruft , sondern in » Gottes märkische Erde « , wie sie so oft gebeten hatte . Die Glocken klangen den ganzen Tag ins Land , und als der Frühling kam , lag ein Stein auf der Grabesstelle , ohne Namen , ohne Datum , nur tief eingegraben : » Hier ruht mein Glück . « Berndts Charakter hatte sich unter diesen Schlägen aus dem Ernsten völlig ins Finstere gewandelt . Die Lage des zerbröckelten , nahezu aus der Reihe der Staaten gestrichenen Vaterlandes war nicht dazu angetan , ihn aufzurichten . Sein eigner Besitz entwertet , die Ernten geraubt , das Gehöft von Räuberhänden halb niedergebrannt - so verfiel er auf Jahr und Tag in brütenden Trübsinn und lebte erst wieder auf , als Sorge und Mißgeschick , die beinahe unausgesetzt auf ihn eindrangen , einen großen Haß in ihm gezeitigt hatten . Er wurde rührig , regsam , er hatte Ziele , er lebte wieder . Der Haß , dem er dieses dankte , richtete sich gegen alles , was von jenseit des Rheines kam , aber doch war ein Unterschied in dem , was er gegen den Machthaber und gegen die französische Nation empfand . Für diese letztere , deren Mut , Begeisterung und Opferfähigkeit er so oft gepriesen , so oft vorbildlich hingestellt hatte , hatte er , wie fast alle Märker , im tiefsten Herzen eine nicht zu ertötende Vorliebe , und aller Haß , den er , dieser Liebe zum Trotz , stark und ehrlich zur Schau trug , war viel mehr Absicht und Kalkül als unmittelbare Empfindung , emporgewachsen aus der unablässigen , mit Geflissentlichkeit gehegten Betrachtung , daß - um ihn selber sprechen zu lassen - » das undankbarste aller Völker einen guten König geschlachtet habe , um sich vor den Triumphwagen eines freiheitsmörderischen Tyrannen zu spannen « . Ganz anders sein Haß gegen den Bonaparte selbst . Ungemacht und ungekünstelt sprang er wie ein heißer Quell aus seinem Herzen . Schon der Name widerte ihn an . Er war kein Franzos , er war Italiener , Korse , aufgewachsen an jener einzigen Stelle in Europa , wo noch die Blutrache Sitte und Gesetz ; und selbst die Größe , die er ihm zugestehen mußte , war ihm staunens- , aber nicht bewundernswert , weil sie alles himmlischen Lichtes entbehrte . Er sah in ihm einen Dämon , nichts weiter ; eine Geißel , einen Würger , einen aus Westen kommenden Dschingis-Khan . Als Mitte November bekannt wurde , daß der Kaiser Küstrin passieren werde , um bis an die Weichsel zu gehen führte Berndt seine beiden halberwachsenen Kinder , Renate zählte elf , Lewin eben sechzehn Jahre , nach der alten Oderfestung und nahm Stand an dem Müncheberger Tore , um ihnen den zu zeigen , » den Gott gezeichnet habe « . Und als dieser nun unter dem gewölbten Portal hin in die stille Stadt einritt und das gelbe Wachsgesicht wie ein unheimlicher Lichtpunkt zwischen dem Bug des Pferdes und dem tief in die Stirn gerückten Hute sichtbar wurde , da schob er die Kinder in die vorderste Reihe und rief ihnen vernehmlich zu : » Seht scharf hin , das ist der Böseste auf Erden . « Aber wer zu hassen versteht , so es nur der rechte Haß ist , der weiß auch zu lieben , und die leidenschaftliche Zuneigung , die Berndt so viele Jahre lang gegen die zu früh Heimgegangene als sein höchstes irdisches Glück im Herzen getragen hatte , er übertrug sie jetzt auf die Kinder , die als die Ebenbilder der Mutter heranwuchsen . Schlank aufgeschossen , blond und durchsichtig , wichen sie in jedem Zuge von der äußeren Erscheinung des Vaters ab , zu dessen gedrungener Gestalt sich dunkelster Teint und ein schwarzes , kurzgeschnittenes , mit nur wenig Grau erst untermischtes Haar gesellte . Und wie verschieden die Erscheinung , so verschieden auch waren die Charaktere . Leichtbeweglich und leichtgläubig , immer geneigt , zu bewundern und zu verzeihen , hatten die Kinder das heitere Licht der Seele , wo der Vater das düstere Feuer hatte . Demütig und trostreich , angelegt , um zu beglücken und glücklich zu sein , leuchtete ihren Wegen die alles verklärende Phantasie . Der Vater freute sich dessen . Er träumte von einer Wandlung , die mit ihnen über das Haus kommen werde . Berndt von Vitzewitz , wie alle , die ihr Herz an etwas setzen , machte wenig davon ; er hatte das Schamgefühl der Liebe . Aber ebensowenig gefiel er sich darin , eine rauhe Außenseite herauszukehren . Weil er Autorität hatte , durfte er darauf verzichten , sie jeden Augenblick geltend zu machen . Er liebte es , im Gespräch den Unterschied der Jahre zu überspringen , und bespöttelte jene Väter und Mütter , die , aus der Not eine Tugend machend , ihre Gefühls- und Gedankenwelt in zwei Rubriken , in eine für die » Intimen « und in eine andere für die Kinder bestimmte Hälfte , zu teilen pflegen . Er war offen , entgegenkommend gegen Lewin , reich an Aufmerksamkeiten gegen Renate . Nur in den letzten Wochen , wie die Schwester dem Bruder bereits geklagt hatte , war eine Änderung eingetreten ; er mied jede Begegnung , sprach wenig und saß halbe Nächte lang , wenn ihn nicht Besuche in die Umgegend führten , an seinem Schreibtisch oder durchschritt im Selbstgespräch das einfensterige Cabinet , das sein Arbeitszimmer bildete . Dies Arbeitszimmer war ebenso tief wie schmal , so daß die gelben , von Tabak- und Lampenrauch längst grau gewordenen Wände , bei dem wenigen Licht , das einfiel , noch dunkler erschienen , als sie waren . Von Luxus keine Spur . Nur für Bequemlichkeit war gesorgt , für jenes Alles-zur-Hand-Haben geistig beschäftigter Männer , denen nichts unerträglicher ist , als erst holen , suchen oder gar warten zu müssen . Die beiden Türen des Cabinets , von denen die eine nach der Halle , die andere nach dem Damenzimmer führte , lagen dem Fenster zu , wodurch zwei breite Wandflächen zur Aufstellung eines Schreibtisches und eines Ledersofas , beide von beträchtlicher Länge , gewonnen waren . Ein dazwischen stehender gartenstuhlartiger Holzschemel würde die Kommunikation vollständig geschlossen haben , wenn nicht die Tischplatte eine entsprechende Einbuchtung gehabt hätte . Über dem Schreibtisch hing ein schönes Frauenporträt , Brustbild , nachgedunkelt , über dem Sofa ein schmaler , länglicher Spiegel , dessen völlig verblaktes Glas über seine Nutzlosigkeit an dieser Stelle keinen Zweifel ließ . Ein Schlüsselbrett , dazu zwei , drei Hirschgeweihe mit allerhand Mützen und Hüten daran , vollendeten die Einrichtung . In den Ecken standen Stöcke umher , eine Entenflinte und ein Kavalleriedegen , während an den Paneelen der Fensternische mehrere Spezialkarten von Rußland , mit Oblaten und Nägelchen , je nachdem es sich am bequemsten gemacht hatte , befestigt waren . Zahllose rote Punkte und Linien zeigten deutlich , daß mit dem Zeitungsblatt in der Hand zwischen Smolensk und Moskau bereits viel hin und her gereist worden war . Dies war das Zimmer , in das , wie am Schlusse des vorigen Kapitels erzählt , Vater und Sohn eintraten . Beide nahmen auf dem Sofa Platz , gegenüber dem Frauenporträt , das jetzt auf sie niedersah . Berndt , der in seinem gewöhnlichen Hauskostüm war : weite Beinkleider von schottischem Stoff , dunkler Samtrock , dazu ein rotseidenes Tuch leicht um den Hals geschlungen , streckte den rechten Fuß auf ein hohes , tabouretartiges Doppelkissen . Lewin , aus Respekt und Gewöhnung ,