himmelhohen Stämmen , von Unterholz und Schlingpflanzen in eine grüne , unentwirrbare Wildnis verwandelt und von unzähligen Tieren bevölkert . Affen und Papageien in den Wipfeln , ein brauner Bär mit seiner Familie am Ufer oder ein schwerfälliger Alligator , der , so schnell es ihm seine kurzen , unbehilflichen Beine erlauben , die Flucht ergreift ; dazu alle Arten von kleineren Tieren , alle möglichen Stimmen , alle erdenklichen Geräusche . Jeden Abend entzündeten wir riesige Feuer , um das Gesindel aus unserer Nähe zu vertreiben , und dann mußten die Neger in das Wasser hinein , an einzelnen Stellen sogar bis unter die Arme . Sie jauchzten dabei vor Vergnügen und trugen auf ihren Schultern größere Lasten , als sie ein Weißer auf ebener Erde fortbringen könnte . « Robert legte den Arm über die Augen . Er weinte . » Erzähle mir lieber gar nichts mehr , Georg « , schluchzte er . » Solche Abenteuer möchte ich erleben , die ganze weite Welt sehen , wilde Tiere und wilde Menschen , - aber ich soll ja Schneider werden . Am liebsten möchte ich sterben , Georg . « Der Seiler pfiff spöttisch durch die Zähne . » Du bist ein Narr , dir den Tod herbeizuwünschen . Halte dich doch lieber an das Leben und erobere es mit Gewalt , wenn andere es dir mit Gewalt aus den Händen reißen wollen . In Hamburg gibt es Kapitäne genug , die einen solchen Jungen , wie du bist , an Bord nehmen , ohne viel nach Papieren oder der Erlaubnis des Herrn Vaters zu fragen . Weil sich so ein alter Schneidermeister in den Kopf gesetzt hat , daß sein Sohn unbedingt auch mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch sitzen und allerlei Flicken zusammenstoppeln soll , darum ist die Welt noch nirgends mit Brettern vernagelt . Laß mich nur machen . « Robert fühlte wohl , daß es nicht recht war , Reden mit anzuhören , die seinen Vater beleidigten . Georg hatte ja recht , der Vater mißhandelte sein eigenes Kind . » Es sind schon viele Jungen auf- und davongegangen , weil es ihnen in der Heimat nicht mehr gefiel « , fuhr der Seiler fort . » Ich selbst hab ' s ja so gemacht ! « Robert fuhr auf . » Du ? « fragte er ganz erstaunt . » Natürlich , ich und kein anderer . Meine Mutter war eine Milchhändlerin , die mich an jedem Morgen vor ihren Wagen spannte , bis es mir nicht mehr gefiel . Da ging ich durch die Lappen , - wer wollte mir das verdenken ? Zum Hund fühlte ich mich nicht geschaffen . « Robert saß da mit heißer Stirn und unruhigen Gedanken . Seine Augen gingen sehnsüchtig über das Wasser und den dunklen Wald . » Laß uns umkehren , Georg « , seufzte er , » und am linken Ufer entlangfahren . Da liegen die kleinen Inseln , auf denen wir als Schuljungen oft Krieg spielten und denen wir Namen gaben . Ich war immer der König . « Georg musterte die Umgebung . » Vor allen Dingen müssen sich Eure Majestät die Landratten-Bezeichnungen abgewöhnen « , antwortete er . » Vom Umkehren weiß der Seemann nichts , und mit einem Segelboot so ohne weiteres einen andern Kurs einschlagen , das kann er auch nicht . Die verschiedenen Arten der Fortbewegung nennt man erstens , wie wir es bisher taten , vor dem Wind segeln , wenn er von hinten , zweitens bei dem Wind , wenn er von der Seite weht , mit halbem Wind oder backstags , wenn er halb von hinten , halb von der Seite kommt , und kreuzen oder lavieren , wenn er entgegenweht . Dabei kann man sein Ziel natürlich auf geradem Wege nicht erreichen , sondern segelt in stumpfem oder mindestens doch rechtem Winkel von einem Ufer zum andern . Was du eben in richtiger Fuhrmannssprache umkehren genannt hast , heißt über Stag gehen , das Kommando lautet : Klar zum Wenden ! und dann , wenn alle Schooten bedient sind : Wenden ! « Er hatte während dieser Auseinandersetzung die erforderlichen Handgriffe ausgeführt , und Robert verfolgte mit fast zärtlichen Blicken jede Bewegung seines Freundes . » Georg « , rief er , » jetzt fahren wir beim Wind , nicht wahr ? « » All right , Sir « , lachte der Seiler . » Wahrhaftig , du bist zum Seemann geboren . Gib doch noch einmal die Flasche da aus dem Kasten herüber . Der Müller wird ja nicht arm werden , wenn ich mit seinem Kognak auf dein Wohl trinke . « Robert gehorchte widerstrebend , nur um in seines Freundes Augen als ein ganzer Mann dazustehen . Georg machte sich ja aus solchen Kleinigkeiten nichts , also durfte er nicht weniger mutig erscheinen . Der Seiler hielt die Flasche gegen das Licht . » Wird gar nicht bemerkt « , sagte er , » und darauf kommt im Leben alles an . « Robert verbarg aufatmend die Flasche . Obwohl niemand dabei war , so schien es ihm doch , als sähen tausend Augen den Diebstahl . - Jetzt hatte das Boot den eigentlichen Mühlenteich wieder erreicht , und Georg hielt sich links , wo verschiedene kleine Inseln wie grüne Punkte im ruhigen Wasser lagen . Durch alle diese einzelnen Arme des Teiches kreuzte das kleine , wendige Fahrzeug , während der Seiler von seinen Reisen erzählte und den lauschenden Jungen so gut zu fesseln wußte , daß er tief seufzte , als der Garten des Müllers wieder erreicht war . » Du fährst noch manches Mal mit mir , nicht wahr , Georg ? « fragte er . » Sooft du willst , mein Junge . Aber für heute müssen wir es genug sein lassen , glaube ich . Mitternacht ist vorüber , und bald wird es heller Tag werden . « Die beiden brachten nun das Segel wieder in seine vorige Lage , schlossen das Boot an den Eisenring der Treppe und versperrten auch die vordere Tür . Dann schlichen sie durch den Garten auf die Straße hinaus . » Geh du allein « , flüsterte Georg , » und ich auch . Wenn dann einer gesehen wird , so ist doch wenigstens der andere nicht entdeckt . Gute Nacht ! « » Gute Nacht ! « gab Robert zurück . » Und vielen Dank , Georg . « » Hat nichts zu sagen « , lachte der . » Aber du , wenn einmal deine Alte ein bißchen zu essen im Küchenschrank hat , dann denk an mich . Etwas Warmes bekomme ich nie . « Robert stand vor Erstaunen still . » Nie ein Mittagessen ? « wiederholte er . » Aber du verdienst doch wöchentlich dein bestimmtes Geld . « Georg zuckte die Achseln . » Fürs Verhungern zu viel und fürs Sattessen zu wenig « , antwortete er . » Ich bin ja noch ein Anfänger in diesem Handwerk , mußt du wissen . Es kommt alles durch den gebrochenen Fuß , sonst wäre ich längst Steuermann . « » Du Armer ! « rief der Junge gerührt . » Ich will für dich tun , was ich kann und werde dir auch in Zukunft deine Kleider flicken . Der Schneider soll doch zu etwas gut sein . « » Es tranken ihrer neunzig , ja neunmal neunundneunzig aus einem Fingerhut ! « - summte Georg spöttisch , und dann winkte er im Halbdunkel der Linden noch einen lachenden Abschiedsgruß . Robert war jetzt allein . Schnell die Flaschen ergriffen , einen letzten Blick zum Teich hinüber , eine Rundschau , ob auch alles ganz ruhig sei , und dann Fersengeld gegeben . Husch , husch , über den Bahnkörper , vorbei am hohen , alten Gefängnis , durch die Straße , an deren Ende erst der Nachtwächter daherklapperte , und dann in den Garten gekrochen . Nichts regte sich . Jetzt stand er auf dem Hofplatz seines elterlichen Hauses und probierte die Tür , - sie war offen . Pikas , der Spitz , kroch ihm wedelnd entgegen , alles atmete so tiefen Frieden , war so ganz ungestört , ganz wie immer , daß es dem Jungen mit jeder Minute leichter ums Herz wurde . Er warf Stiefel , Mütze und Jacke von sich , dann schlich er an die angelehnte Tür zur Schlafkammer seiner Eltern und sah hinein . Die beiden alten Leute schliefen fest . Robert lächelte , als er jetzt den Riegel der Hoftür vorlegte . Welche unnötigen Sorgen hatte er sich gemacht . Georg verspottete ihn wirklich nicht mit Unrecht , das begriff er erst in diesem Augenblick und beschloß , daß das nicht mehr so bleiben dürfe . » Ich will kein Stubenhocker werden , wie Georg sagt , keiner , der Branntwein und Zigarren nur dem Namen nach kennt . Andere Lehrjungen haben auch ihre freien Stunden ; ich nehme also nur , was mir als mein gutes Recht zusteht . « Er schlüpfte in sein Bett und träumte in verworrenem Durcheinander von Segeln und Booten , von erbrochenen Schlössern und leeren Flaschen . Am Morgen hatte er zwar ein Gefühl , als müßte das Geheimnis der Nacht auf seiner Stirn zu lesen sein , aber das verzog sich auch bald wieder . Gegen Mittag schaute Georg verstohlen durch die Lücke im Zaun . » Hast du etwas zu essen , Kleiner ? « Robert schob hindurch , was er unbemerkt hatte beiseite bringen können , und so ging es auch an den folgenden Tagen . Er bestahl seine Mutter , um sich die Freundschaft des ehemaligen Matrosen zu erhalten und um mit ihm bei jedem günstigen Wetter zu segeln . Der Gedanke , daß das Boot dem Müller gehörte , daß die Benutzung Unrecht sei , war längst vergessen . Die beiden Kameraden sprachen nur noch darüber , wie man es einrichten könnte , hinter dem Rücken des alten Schneiders einen Abstecher nach Hamburg zu machen . Robert brannte vor Begierde , wirkliche Schiffe und Schiffswerften zu sehen . » Wenn ich nur Geld hätte ! « seufzte er . Der Seiler schien diesen Ausruf erwartet zu haben . » Besitzt du keinen Spartopf , Kleiner ? « fragte er . » Alle wohlerzogenen Kinder haben doch einen . « Dieser Ton reizte jedesmal den ganzen Trotz Roberts . Er wollte nicht wie ein kleines Kind behandelt werden . » Ich habe Geld « , antwortete er , » aber den Schlüssel zum Spartopf gibt mir der Vater nicht . Jeden Weihnachten wird der Inhalt auf die Sparkasse getragen und für mich angelegt . « Georg lachte . » Du bist ja ein reicher Mann . Weißt du aber , daß ich es von deinem Alten sonderbar finde , dir das Verfügungsrecht über dein Eigentum zu entziehen ? Ich wenigstens ließe mir das nicht gefallen . « Robert errötete . » Aber was soll ich dabei tun ? « fragte er kleinlaut . » Hm , Notwehr ist erlaubt . Hat er deine Sparbüchse , so halte du dich an seinen Geldkasten . Wo er steckt , das wirst du ja wissen . « Roberts Herz pochte schneller . » Natürlich weiß ich das « , antwortete er , » aber - « » Nun , und das kleine Instrument , das über eigensinnige Schlösser hinweghilft , kennst du ja . Hier ist es . « Robert wehrte mit erhobenen Händen ab . » Du « , stammelte er , » das kann ich doch nicht tun . Es ist Vaters Geld , und nähme ich es , so wäre es gestohlen . « Der Seiler steckte gelassen den Dietrich wieder in die Tasche . » Bleib bei deinen Ansichten , Kleiner « , sagte er , » ich habe nichts dagegen . Aber sag doch einmal , für wen spart und geizt denn eigentlich dein Alter ? Wem wird einmal alles gehören , was er zusammenstichelt ? « Robert machte bei dieser Frage seines Freundes ein sehr vergnügtes Gesicht . » Mir natürlich « , antwortete er . » Ich bin ja das einzige Kind meiner Eltern . « Georg nickte leicht . » Siehst du « , sagte er , » es ist alles dein rechtmäßiges Eigentum , aber du läßt dich willig knechten . « Und nachdem er achselzuckend das gesagt hatte , sprach er von etwas anderem . Er wußte , daß Robert an seiner empfindlichsten Stelle getroffen war . Wirklich vergingen auch nur wenige Tage , bis der Sohn des alten Schneiders auf allerlei Umwegen wieder zu dem Geldkasten seines Vaters zurückkehrte . » Hör mal , du , wäre es eine große Sünde , wenn ich es täte ? « Der Seiler sah ihn mit dem unschuldigsten Gesicht an . » Was denn ? « Robert wandte sich errötend ab . » Nun , du weißt doch , - mit dem Geld ! « stammelte er . » Ach ! - Das hatte ich längst vergessen . Du meintest ja , es sei ein Diebstahl , also tu ' s um Himmels willen nicht . « » Aber man kann doch davon sprechen « , rief Robert unwillig . » Du sagtest , es sei mein gutes Recht , aus dem Geldkasten des Vaters das herauszunehmen , was er mir vorenthält . Glaubst du das wirklich , Georg , oder hast du es nur so hingeworfen ? « Der Seiler lächelte . » Komische Frage , - ob dein Eigentum dein Eigentum ist . Sechs oder acht Taler wirst du wohl im Spartopf haben , und über die mußt du allezeit frei verfügen können , denke ich . Ob es nun gerade dieselben Münzen sind oder andere , was macht das ? Es handelt sich ja um den Wert , nicht um das Geldstück , und mehr als acht Taler brauchst du ja nicht aus dem Kasten zu nehmen . « Robert warf stolz den Kopf zurück . » Oho , du , - sechsundzwanzig habe ich bestimmt drin « , sagte er . » Ich bekomme immer das neue , blanke Geld , das sich hier und da findet , außerdem etwas zum Geburtstag , und wenn ich den Kunden das Zeug bringe , manchmal ein Trinkgeld . Das wandert alles in die Sparbüchse . « » Hahaha « , lachte der Seiler , » weshalb lieferst du denn die Trinkgelder an den Alten ab , du dummer Junge ? « Robert stutzte . Er hatte immer angenommen , daß das so sein müsse , sich aber über das » Warum « nie Rechenschaft abgelegt . Jetzt , unter dem Einfluß Georgs , hielt er sein früheres kindliches Betragen für albern . » Du hast recht ! « sagte er zögernd . » Ich glaube , daß es kein so großes Verbrechen wäre , aus dem Geldkasten einige Taler herauszunehmen . Aber wir brauchen ja nur wenig . « Der Seiler zog die Stirn in krause Falten . » Hm « , machte er , » wie man ' s nehmen will . Die Groschen fliegen nur so , kann ich dir sagen . « » So laß uns einen ganzen Taler nehmen ! « rief ungestüm der Junge . » Einen ? - Unter fünf ist nicht daran zu denken . « Robert erschrak , aber das Verlangen , die Elbe und wirkliche Schiffe zu sehen , ließ sich nicht mehr unterdrücken . » So nehme ich fünf « , entschied er nach kurzem Bedenken . » Aber wie fangen wir es denn überhaupt an , unbemerkt von hier fortzukommen ? « » Das ist kinderleicht . Dein Vater fährt in ein paar Tagen zum Elmshorner Jahrmarkt , um dort seinen Bruder zu treffen , der mit Schusterwaren aus Oldenburg herüberkommt . Ist er erst einmal fort , so haben wir freie Hand . Deine Mutter verrät nichts . « Roberts Augen leuchteten . » Wie du dir alles ausdenken kannst « , rief er . » Das wäre mir gar nicht eingefallen . « » Weil du dir die strenge Herrschaft deines Alten so gutmütig gefallen läßt , Junge . « Robert wechselte schnell den Gegenstand des Gesprächs . » Du , wollen wir nach Hamburg fahren oder zu Fuß gehen ? « fragte er . » Natürlich fahren . Zum Gehen hätte ich keine Stiefel . Ach , es ist ein jämmerliches Leben so auf dem Trocknen , wo man bald dies und bald das Kleidungsstück anschaffen muß , - mit leeren Händen natürlich . An Bord braucht der Seemann das blaue Wollzeug und etwas Wäsche , damit Schluß . « Robert sah mitleidig auf das blasse , kränkliche Gesicht seines Freundes und auf die zerfetzten Schuhe , die Georg trug . » Ob ich fünf Taler aus dem Kasten nehme oder acht « , dachte er , » das bleibt sich im Grunde ganz gleich . Zurückgeben werde ich dem Vater alles , und zwar von meinen Trinkgeldern . Georg hat ganz recht , ich bin früher ein dummer Junge gewesen . « Er sprach nicht weiter von der Sache , aber er beschloß , für seinen Freund ein Paar neue Stiefel zu kaufen , und fühlte sich in diesem Gedanken ganz glücklich . Georg war ja doch , wie er glaubte , der einzige Mensch , der es wirklich gut mit ihm meinte . » Du verrätst aber nichts ! « bat er ihn , » darauf muß ich mich verlassen können . « » Ganz bestimmt ! « nickte Georg , » obwohl die Geschichte gar nichts auf sich hat . Ich sollte nur an deiner Stelle sein , Himmel noch einmal , der Alte würde einiges lernen . Kein Meister darf seinen Lehrjungen schlagen , also auch deiner nicht ! « Robert errötete . » Aber er ist ja mein Vater , Georg , nicht allein mein Meister ! « » Das ist gleich . Du bist konfirmiert und in der Lehre , gerade so gut wie irgendein anderer . Er kann dich ja fortschicken , sich von dir lossagen , mehr verlangst du ja nicht , glaube ich . « Robert seufzte tief . » Ach , wenn er das tun wollte ! « » Siehst du , Kleiner ! Laß dir alle Gewissensbisse vergehen , sie sind wirklich unnötig . Nähe und stopfe mit wahrer Andacht , bis der Alte nach Elmshorn unter Segel geht , sei recht freundlich und gehorsam , damit er keinen Verdacht faßt , und wir werden einen angenehmen Tag verleben , das verspreche ich dir . Du sollst es nicht bereuen , ein paar Taler geopfert zu haben . « » Wann ist Elmshorner Markt ? « fragte der Junge . » Nächsten Mittwoch . Ich weiß , daß dein Alter am Dienstag hinfährt und am Donnerstag zurückkommt , also haben wir den ganzen Mittwoch für uns . « » Noch vier Tage ! « seufzte Robert . » Ach , wäre es erst so weit . « » Das kommt alles eins nach dem anderen « , tröstete Georg . » Bleib du nur recht fleißig , und laß uns lieber während der ganzen Zeit nicht mehr miteinander sprechen , nur wenn du mir mittags ein paar Bissen durch den Zaun schiebst . Dann fährt der Alte ab und hält das heilige Grab für wohl verwahrt , während wir fort sind . Gar zu gestrenge Herren werden betrogen , das ist der Welt Lauf . « Robert sah ein , daß sein Freund einen klugen Rat gegeben hatte , und obgleich es ihm sehr schwer wurde , hielt er sich doch bis zur Abreise ganz von dem Seiler fern und arbeitete auch tapfer drauf los , so daß ihn der Vater sogar lobte , was selten oder nie geschah . » Bist doch richtiges Schneiderblut ! « murmelte er , mit innigem Vergnügen eine Naht betrachtend , die sein Sohn und Lehrjunge gerade vollendet hatte , » kannst es noch weit bringen in der Welt . Vielleicht erlebe ich ja , daß der Herr Branddirektor oder der Herr Bürgermeister bei dir ihre neuen Anzüge bestellen , und das wäre eine Auszeichnung , der die Krolls bis jetzt nicht für würdig befunden wurden . Vor allen Dingen laß dich nie verleiten , irgendeinem Verein beizutreten oder das neuerfundene Ding , die Nähmaschine , im Hause zu dulden . Solch moderner Firlefanz ist mir ein Greuel , hat auch nie zum Segen geführt , das weiß ich gewiß . Wie es mein Großvater und mein Vater gemacht haben , so mache ich es wieder , und damit basta . « Der brave alte Mann sah nicht , wie sein Sohn errötete , als er ihn lobte . Robert fühlte jedes Wort wie eine Beschämung , wie einen bitteren Vorwurf . Er war fast im Begriff , dem Vater um den Hals zu fallen , ihm alles zu gestehen und ihn zu bitten » Vergib mir ! « - aber dann mußte er ja zugleich den Freund verraten und mußte den Ausflug nach Hamburg aufgeben ! - Nein , nein , das konnte er nicht . Die weichere Regung , das letzte Mahnen seines guten Engels wurde gewaltsam erstickt , und der Alte traf alle Vorbereitungen zur Abreise , ohne zu ahnen , welche Pläne sein Sohn im Kopfe hatte . Er bestellte und ordnete alles , als ob er mindestens ein Jahr lang ausbleiben wollte . » Mutter , vergiß das nicht , Mutter , behalte , was ich sage , und Mutter , hier auf diesen Kasten gib acht , du weißt , was darin steckt ! « so klang es den ganzen Tag . Der Vater verdarb sich selbst die Freude an der kleinen Reise , weil er alles von der schwersten Seite ansah . Robert hätte lachen mögen , als er den dicken Wintermantel und das ungeheure Paket sah , das der Alte für die beiden Tage im schönsten Oktoberwetter mit sich herumschleppte . Er dachte an die Spottlieder seines Freundes und errötete für seinen Vater . Nein , unmöglich konnte er das Leben so auffassen ; er wollte frei sein und genießen , nicht nur immer vorsichtige Schritte gehen und einmal sterben , ohne je gelebt zu haben . Endlich war der Alte nach vielen Ermahnungen und dreimaligem Umkehren glücklich zum Bahnhof gekommen , und Robert sah mit erleichtertem Herzen dem Zug nach , wie er am Mühlenteich vorüber ins weite dampfte . Der Vater hatte daran keine Freude , weil er vielmehr seiner ganzen Natur nach die schwärzesten Bilder entwerfen und die schlimmsten Möglichkeiten als wahrscheinlich ansehen würde . Ob Mutter auch die Schweine gehörig versorgen , ob der Junge keinen Unfug machen , und ob das Haus nicht niederbrennen wird ! Robert ging durch das Gehölz nach Hause . Mochte sich sein Vater mit Grillen plagen so viel er wollte , das konnte ihn selbst nicht hindern , sein Schicksal nach Belieben einzurichten . Er wußte , mit welcher Freude er morgen nach der anderen Seite davonfahren würde . Ach , hätte doch Georg zu Fuß gehen wollen , dann brauchte man nicht bis um halb neun Uhr zu warten , sondern konnte um fünf schon unterwegs sein . Aber das ließ sich nun nicht mehr ändern , und die Hauptsache mußte überhaupt erst getan werden , bevor der ganze Plan einen sichern Boden besaß . Noch steckte das Geld im wohlverschlossenen Kasten . Robert besah pochenden Herzens den kleinen Dietrich , den ihm Georg neulich ohne weitere Bemerkungen überreicht hatte . Ein Ruck , und jeder Widerstand war besiegt . » Mein ist alles « , dachte er , » ich nehme nur , was mir gehört . « Er wartete , bis die Mutter in den Stall hinausging , um die Kuh zu melken . Dann öffnete er mit schnellem Griff den altmodischen Eckschrank , der den Blechkasten mit Geld und Papieren enthielt . Jetzt nur noch der letzte Schritt - dann war die Reise gesichert . Er schlich zum Küchenfenster und blickte vorsichtig hinaus in den offenen Stall . Die Mutter begann erst ihre Arbeit , nachdem sie das Tier mit frischem Futter versorgt hatte ; sie rückte gerade jetzt den kleinen , kreiselförmigen Bock zurecht . Warum sollte sie sich auch beeilen , wie hätte sie denken können , daß ihr einziges Kind im Begriff war , die Kasse des Vaters zu erbrechen ! Da erschien plötzlich am Zaun das blasse Gesicht des Seilers . Georg winkte leicht mit der Rechten . Robert nickte errötend . Schnell entschlossen eilte er in das Wohnzimmer , öffnete den Kasten und griff hinein . Seine Sparbüchse stand auch darin - wie schwer fühlte sie sich an ! - aber das war zu weitläufig , er hatte keine Zeit zu verlieren . » Ob ich diese Taler nehme oder die « , dachte er , » das ist ja gleich . Eins - zwei - drei - « Die Münzen klirrten in seiner zitternden Hand , er gab daher das Zählen auf und griff nur noch einmal hinein , dann schloß er den Kasten . Das Geraubte war schnell in der Tasche verborgen . Robert war nur bei halbem Bewußtsein ; er handelte wie im Traum ohne viel zu überlegen . Pfeifend schlenderte er in den Hof , wo immer noch der Seiler am Zaun stand , und winkte hinüber . » Komm ! « flüsterte er . Georg verschwand und erschien in der nächsten Minute an einer Lücke hinter dem Hühnerstall . » Schnell « , raunte Robert , ihm die gestohlenen Taler zusteckend , » da , bei mir könnte es gefunden werden . « Der Seiler versteckte mit der größten Geschwindigkeit , was ihm sein junger Freund reichte . » Wieviel ist es ? « fragte er . » Das weiß ich nicht , aber genug wird es sein , auch zu einem Paar Stiefel für dich . Kauf dir welche und komm später wieder hierher . « Der Seiler nickte nur , dann verschwand er geräuschlos , während Robert sich am Hühnerstall zu schaffen machte . Als nach einiger Zeit die Mutter zu ihm kam , erschrak sie über sein blasses Gesicht . » Fehlt dir etwas ? « war die bange Frage . Robert wußte kaum , was er antwortete . » Ich habe Kopfschmerzen « , sagte er . » Leg dich ins Bett , Kind « , ermahnte die besorgte Frau . » Der Vater läßt dich zuviel sitzen « , fuhr sie fort , » du hast nicht genug Bewegung . « Robert ergriff die gute Gelegenheit . » Das ist es ja gerade , Mutter « , schmeichelte er , » und darum fühle ich mich auch nicht mehr so wohl wie früher . Ach , wenn du mir einen rechten Gefallen tun wolltest - - - « Er zögerte absichtlich und sah nur mit seinen fieberhaft glänzenden Augen in das Gesicht der Mutter . » Aber du erlaubst es doch nicht « , fügte er hinzu . » Nun « , lächelte die alte Frau , » erst laß einmal hören , was du auf dem Herzen hast . « » Nur ganz wenig « , bat der Junge , » einen einzigen freien Tag , - morgen . Was mir der Vater zu tun hingelegt hat , das mache ich fertig , du kannst es mir glauben . « Die Alte schüttelte den Kopf . » Wieder den ganzen Tag auf dem Wasser liegen , nicht wahr ? Das geht nicht , Junge . Was sollte ich dem Vater sagen , wenn ein Unglück geschieht ? « » Ich denke nicht an den Mühlenteich « , rief Robert hastig . » Nur ein bißchen herumstreifen wollte ich , weiter nichts . « » Auch nicht mit dem Kahn des Holzhändlers fahren ? « forschte die Mutter . » Ganz bestimmt nicht . « » Nun , dann lauf . Mußt aber abends zurück sein , das sage ich dir . « Wer war froher als Robert ? Kaum ließ er sich Zeit , dem Seiler noch durch die Hecke ein paar Worte zuzuflüstern , dann ging es an die Vorbereitungen zur Reise . Die Stiefel blank gebürstet , den Konfirmationsanzug von jedem Stäubchen gesäubert und das weißeste Hemd hervorgesucht , - auch das Taschentuch durfte nicht vergessen werden . Aber einen Stich durchs Herz gab es ihm doch , als er die Mutter an dem wenigen Wirtschaftsgeld zählen und rechnen sah , bis sie ihm endlich vier Groschen in die Hand drückte . » Da , mein Junge « , sagte sie gutmütig lächelnd , » und kauf dir etwas dafür . Ich komme schon zurecht , bis der Vater wieder hier ist . « Robert wurde dunkelrot vor Scham , dennoch aber drängte es ihn unwiderstehlich , gerade jetzt von dem Geldkasten des Vaters zu sprechen . Er wußte nicht weshalb , aber er mußte es tun . » Du hast ja die ganze Kasse « , sagte er in möglichst sorglosem Ton , » wie könntest du also in Verlegenheit kommen , Mutter ? « Die alte Frau nahm ihre Brille ab und sah ihn voll Erstaunen an . » Du meinst das Geld des Vaters , Robert ? - Wie dürfte ich das ohne seine Einwilligung berühren ! « » Oh « , murmelte etwas fassungslos der Junge , » warum denn nicht ? Was dem Vater gehört , das ist ja auch dein Eigentum , Mutter . « » Freilich « , nickte die Alte , » aber Vater ist doch der Herr im Hause , und was er mir anvertraut , das muß ich heilig halten . Berechtigte Wünsche versagt er mir nie . « Robert seufzte . » Mir versagt er alle