Blicken an und keuchte endlich , ohne seine Stellung zu verändern : » Es ist ein Sohn - rede ! - es ist ein Sohn ! « » Was - Sohn ! « erwiderte Bozena - » Sie sollen kommen , der Frau geht es schlecht . « Heißenstein richtete sich mit Gewalt empor und ging mit heftigen und doch müden Schritten auf die Magd zu . » Aber das Kind ... « rief er , » das Kind ist da - lebt ? « » Ist da - - lebt « , wiederholte sie . » Ist ein Knabe ! ? « setzte er hinzu , fast schreiend in bangender Qual . » Ist ein Mädchen « , sagte Bozena . Sie sagte es ruhig und beschwichtigend . Er jedoch , außer sich , sinnverwirrt , meinte Hohn und Schadenfreude aus ihrer Stimme klingen zu hören . Mit einer Verwünschung stürzte er auf die Verkünderin der unwillkommenen Botschaft los , stieß sie vor die Brust , daß sie taumelte , und ging - nicht zu seiner schwerkranken Frau , nicht zu dem neugeborenen Kinde , sondern zurück in sein Gemach , dessen Tür er hinter sich zuwarf und verriegelte . Bozena war von dem unerwartet erhaltenen Schlage einen Augenblick wie betäubt ; der Leuchter entsank ihr . Aber schon in der nächsten Minute hatte sie sich aufgerafft . Sie sandte ihrem Herrn ein boshaftes Gelächter nach und streckte ihrer kleinen Rosa , die auf sie zuflog , die Arme entgegen . Sie hob ihren Liebling hoch empor auf ihren mächtigen Händen und rief jauchzend : » Er hat keinen Sohn - er wird keine Tochter haben als dich - du bleibst die einzige ... Die dort - sterben ! « flüsterte sie liebkosend in des Kindes Ohr , » du lebst , du wirst leben - und schön und reich und glücklich sein ! « 3 Den Befürchtungen der Ärzte und den Hoffnungen Bozenas zum Trotze erholte sich Frau Heißenstein ; und auch ihr Sprößling , dem bei seinem Erscheinen die Möglichkeit abgesprochen wurde , die Nacht zu überdauern , blieb am Leben . Ja , er bekundete bei Überwindung der Fährlichkeiten , die jede Säuglingsexistenz bedrohen , eine Zähigkeit und Kraft , die alle Sachverständigen in Erstaunen setzte . Die Neugeborene erhielt in der Taufe den Namen Regula , und während ihre Mutter wochenlang hilflos und ohnmächtig daniederlag und ihr Vater sich grollend von ihrer Wiege abwendete , fand sie ein Herz am Eingang ihres Lebensweges , das sich ihr hingab mit stürmischem Entzücken . Die kleine Rosa begrüßte in dem plötzlich erschienenen Schwesterchen ein Geschenk , das der gute Storch für sie , und ganz allein für sie gebracht hatte . Sie faßte Posto an der Seite des gelben , winzigen Geschöpfes , das jämmerlich kreischend in seinen Kissen lag und so erbärmliche Gesichter schnitt und die mageren Händchen so sonderbar ballte und ausstreckte . » Es stirbt ! es stirbt ! « rief sie , wenn sich die kleinen alten Züge veränderten und verzerrten . Und wenn es die Augen aufschlug , sang sie ihm vor und bewunderte es und wollte ihm beständig etwas zu essen geben . Als Frau Heißenstein wieder auf die Beine kam , war es ihre erste Sorge , ihre Tochter in Schutz zu nehmen vor Rosas aufdringlicher und äußerungsbedürftiger Liebe . » Durch die wird ihr nichts Gutes « , meinte sie , und blieb immer darauf bedacht , die beiden Kinder voneinander fern zu halten . Stets hinweggewiesen und fortgedrängt , kam Rosa dennoch wieder . Das wilde , ungestüme Ding saß oft stundenlang an der Tür des Zimmers , in dem Regula zunahm an Häßlichkeit und Wohlbefinden vor Gott und den Menschen , still wartend , bis ihr endlich gestattet wurde einzutreten . » Aber nur für einen Augenblick ? - du hörst ? - Und nur , um sie zu sehen - du verstehst ? Zum Sehen sind uns die Augen gegeben , nicht die Hände . Keine Umarmung ! « - Derlei ganz unnötige Kundgebungen waren Frau Nannetten besonders verhaßt . Das gelbe Töchterchen hingegen wuchs unter dringenden Warnungen vor der Schwester heran : » Mache es nicht wie die ! Danke Gott , daß du nicht bist wie die ! « Das Entgegengesetzte von allem , was Rosa tat , das war das Rechte . Der Glaube Nannettens an sich selbst konnte von jeher zu den starken Dingen gezählt werden , seitdem sie aber ein Kind geboren , kam sie sich so merkwürdig und wichtig vor , als ob sie die erste gewesen sei , der eine solche Tat überhaupt gelungen war . Früher gehörte zu ihren stehenden Redensarten auch der Satz : » Kinder in die Welt setzen ist leicht , sie erziehen ist schwer . « Jetzt geriet sie in Zweifel , welcher von beiden Wirksamkeiten die Palme zu reichen sei . Abwechselnd beugte sich die Gouvernante vor der Mutter , die ihr ein solches Erziehungsmaterial geliefert wie dieses Wunder : Regula , und die Mutter vor der Gouvernante , die es so glänzend auszunützen verstand . Schon in der Wiege hatte das Kind die ersten dunkeln Begriffe von Schicklichkeit in sich aufgenommen . Mit drei Jahren gab es bereits Beweise von ernstem Wissensdrang . Einer Strafe bedurfte es nie , mit Lob und Bewunderung wurde es geführt ; diese beständig hervorzurufen war sein unablässiges Bemühen . Kein Kind war jemals so bestrebt , seinen eigenen Willen durchzusetzen , wie Regula einen mütterlichen Befehl zu erfüllen ; keines haschte jemals so gierig nach guten Bissen wie sie nach guten Lehren , und die Resultate derselben blühten als ausgesucht feine Manieren , überraschend höfliche Redewendungen aus ihrem wohlgeschulten Benehmen hervor . Im fünften Jahre trug sie schon einen Schnürleib und sagte mit echtem Pariser Akzente » oui monsieur « und » non madame « . Mit dem Widerspiel ihrer eigenen Vollkommenheit , der unartigen Rosa , wollte sie natürlich nichts zu tun haben , und diese gab es endlich auf , sich um ihre Liebe zu bewerben ; sie kehrte wieder zu ihrer schönen Bozena zurück , die sie mit offenen Armen aufnahm . So war das Gleichgewicht von neuem hergestellt , und die beiden Parteien standen einander im offenen und verdeckten Kampfe gegenüber . Einen scheinbaren Mittelpunkt bildete der Hausvater . Nur einen scheinbaren ; in der Tat vereinsamte er immer mehr , die ganze » Weiberwirtschaft « war ihm im Grunde gleichgültig . Empfand er überhaupt eine sympathische Regung für eines seiner Kinder , so war es für die stille Regula . Wenn ihm ein oder das andere Mal das Lob , das ihre Mutter ihrer Musterhaftigkeit spendete , gar zu übertrieben schien , so sagte er nur : » Brav - zu brav ! Was nicht gegoren hat , ist , solange die Welt steht , noch nicht Wein geworden . « Worauf Frau Nannette die Ellbogen fest an die Rippen drückte , sich steif aufrichtete und , dem Blicke des immer noch gefürchteten Mannes ausweichend , erwiderte , sie sei bisher des Glaubens gewesen , » des Rebensaftes Klärung « vollziehe sich nach andern Gesetzen als diejenigen , welche der Erziehung einer jungen Dame vorstünden . Herr Heißenstein war sehr alt geworden seit seiner letzten Enttäuschung , und Regula wurde die Vermittlerin des Einflusses , den Nannette allmählich auf ihren Gatten zu üben begann . Einen gewissen Grad von Bewunderung vermochte er seinem wohlerzogenen Kinde nicht zu versagen . Sie verneigte sich so ehrerbietig vor ihm , brachte ihm fortwährend stumme Ovationen dar ; ihre Haare waren immer so glatt gekämmt , ihre Kleider immer so nett ; sie saß und stand immer so gerade , fiel niemals einem andern ins Wort , widersprach nie . Und dann - ihre Kenntnisse ! Ihr Wissen ! Die Gelehrsamkeit seiner Frau hatte Herrn Leopolds Eitelkeit oft verletzt , die Gelehrsamkeit seiner Tochter schmeichelte ihm . Es war doch hübsch , wenn sie sich an seinem Geburtstage vor ihn hinpflanzte , als Esther gekleidet ; eine Verbeugung machte , so tief , daß man im Zweifel sein konnte , ob sie sich auf den Estrich niederlassen oder wieder aufrichten werde , und dann begann : » Peut-être on t ' a conté la fameuse disgrâce De l ' altière Vasthi dont j ' occupe la place ... « Oder wenn sie als Schwester der Pallantiden erschien und , ohne auch nur einen Augenblick zu stocken , die famose Tirade deklamierte : » Que mon coeur , chère Ismène , écoute avidement Un discours qui peut-être a peu de fondement ... « - Und so weiter ! Mußte Herr Heißenstein da nicht sagen : » Bravo , meine Regel , Bravo ! « Und mußte sein Blick sich nicht fragend und mißbilligend auf die große Tochter richten , die von der Sprache , in der die Kleine sich so geläufig ausdrückte , nicht mehr verstand als eine Kuh vom Spanischen , das heißt soviel wie ihr eigener Vater ? Mußte da nicht Frau Nannettens heuchlerisch bekümmertes : » An der erlebst du keine Freude « , Eindruck auf ihn machen ? Freilich bewahrte Rosa ihre Unabhängigkeit , aber dies geschah auf Kosten der Familiengemeinschaft und der Zusammengehörigkeit . Sie war gleichsam außerhalb des Gesetzes erklärt , und man ließ ihr diejenige Nachsicht zuteil werden , welche aus dem Verzweifeln an einem Menschen entspringt . Und Rosa , die bisher lachend getrotzt und die indirekten Ermahnungen der Stiefmutter , die heftigen Rügen des Vaters mit einem Scherzworte erwidert hatte , begann nachdenklich zu werden . Ihre Heiterkeit verschwand , ihr froher Gesang erscholl nicht mehr in den Gängen des düstern alten Hauses , man sah die liebliche Gestalt des Fräuleins Augentrost , wie der Kommis sie nannte , nicht mehr treppauf treppab hüpfen zur Wette mit Hündchen und Kätzlein . Sie saß eingeschlossen in ihrer Stube , pflegte die Blumen und Vögel , die sonst ohne Bozenas Beihilfe verdurstet und verhungert wären , oder las Romane aus der Leihbibliothek des Städtchens , in der sie sich im geheimen abonniert hatte . Und gerade damals , wo sie einer Stütze am bedürftigsten gewesen wäre , wurde ihr von ihrer einzigen Beschützerin keine geboten . Die schöne Bozena war um diese Zeit , in der ihr Herzensliebling in die Mädchenjahre , sie selbst aber in die Jahre der reiferen Weiblichkeit trat , eine lahmgelegte Kraft . Sie verbrauchte all ihre Seelenstärke für sich , konnte an andre nichts davon abgeben . Mit gewohnter Pünklichkeit verrichtete sie zwar ihren Dienst , sie hatte ihn ja im kleinen Finger , aber das Herz war nicht mehr dabei . Ihr Feuereifer brannte hell wie je , aber als eine stille Flamme , nicht mehr funkensprühend nach allen Richtungen . Man sah sie jetzt nach beendeter Arbeit müßig dasitzen , die Hände im Schoß . Plötzlich angerufen , fuhr sie auf wie aus einem Traume . Das seltsamste war , daß sie begann , ihrer äußeren Erscheinung mehr Aufmerksamkeit zu widmen und sogar Freude am Putz zu finden . Die haushälterische Bozena verwendete so manchen Gulden für Schmuck und Tand . Ihr lebhaftes Interesse für die Ereignisse in Haus und Stadt war erloschen . Etwas Großes ging vor in ihrem Innern , und auf die ganz erfüllte Seele besaßen von außen kommende Eindrücke keine Macht . Worin die Ursache der merkwürdigen Umwandlung in Bozenas Wesen zu suchen war , das ahnte nur ein Mensch : Mansuet Weberlein , der Kommis . Ein stummes Verständnis , das allezeit tiefer ist als eines , das Worte braucht , um sich zu offenbaren , herrschte zwischen den beiden . Bozena wußte dem Alten Dank für sein einsichtsvolles Begreifen und für sein rücksichtsvolles Schweigen ; die Gesellschaft des einzigen , der sie durchblickte , tat ihr wohl und wurde von ihr aufgesucht . Dem Alten hingegen war Bozena viel lieber , als sie und er selbst es ahnte . Die Woche hindurch war Herr Mansuet außerhalb seines Glasverschlages in den ebenerdigen Geschäftslokalitäten nicht zu erblicken , aber » am Namenstage der Faulenzer « , wie er den Sonntag nannte , gönnte auch er sich eine kleine Erholung . Da kam er gegen Abend staubig wie eine Ofenfigur aus seiner Höhle hervorgekrochen und nahm Platz in einer der Mauernischen des Torweges , die wohl ursprünglich zur Aufnahme einer Statue oder einer Blumenvase bestimmt sein mochten . Er zündete seine Pfeife an und meinte nun , er schmauche im Freien . Regelmäßig stellte sich Bozena bei ihm ein , er nickte ihr zu und sagte : » Muß mir ein bißchen die Bummler ansehen . « - » Muß Ihnen ein bißchen helfen « , erwiderte sie . In Wahrheit aber machten sich beide aus den Bummlern nichts . Gewöhnlich erschien Bozena in ihren Hauskleidern , die Festgewänder legte sie nach dem Kirchenbesuche ab , und sich nach beendetem Tagewerk noch einmal in Staat zu werfen , war ihr nicht der Mühe wert . Auch in ihrer Einfachheit gefiel sie ihren zahlreichen Anbetern nur zu wohl und hatte ohnedies genug zu tun , die Zudringlichsten in respektvoller Entfernung zu halten . Herr Weberlein war nicht wenig erstaunt , als sich Bozena eines Sonntags prächtig angetan zum Nachmittagsgeplauder einfand . Sie kam langsam , in Gedanken versunken , die Treppe herab . Ihre rechte Hand glitt das Geländer entlang , den Rücken der linken hielt sie fest an den Mund gedrückt . Das runde Häubchen mit den flatternden Bändern saß wundergut auf dem reichen Haar mit seinem schwarzblauen Glanze . Eine Korallenschnur umfaßte den kräftigen und geschmeidigen Hals , über die Brust war ein schneeweißes Tuch gekreuzt . Kurze , bauschige Ärmel ließen die wohlgeformten Arme frei . Ein Rock von broschiertem , dunkelgrünem Damast fiel in schweren Falten bis zu den Knöcheln nieder , eine seidene Schürze , bunt gestickte Strümpfe und glänzende Schnallenschuhe vervollständigten den halb städtischen , halb ländlichen nagelneuen Anzug . Der Tausend ! sie war schön und majestätisch anzusehen in dieser Pracht , die mächtige Gestalt . Weberlein betrachtete sie vergnügt , kauerte sich tiefer in seine Nische und murmelte : » Sauber ! Sauber ! « Bozena stand nun vor ihm und grüßte mit einem Anfluge von Verlegenheit . » Sapperlot « , sprach der Alte , » das ist ja schön von Ihnen , daß Sie sich auch einmal mir zu Ehren in Parade versetzt haben . « » Ihnen zu Ehren doch nicht « , antwortete sie . Er schlug ein Schnippchen , als wollt er sagen : Sie haben gut leugnen , ich weiß , was ich weiß . Bozenas Gesicht bedeckte sich mit hoher Röte , und sie sprach leise , aber resolut : » Es ist heut Tanz beim Grünen Baum , da geh ich hin . « Der Blick , den Weberlein jetzt auf sie warf , bewies , daß es möglich sei , zugleich Mitleid und Verachtung auszudrücken . Sein unproportioniert großes Kinn bewegte sich ein paarmal hin und her in der hohen , halbmilitärischen Krawatte , in der es endlich zur Hälfte verschwand , und er rief : » Sie sind , scheint mir - närrisch ! « Bozena erwiderte nichts . Sie hatte die Arme gekreuzt , lehnte sich an die Wand und blickte stumm und trotzig vor sich nieder . Auf dem Platze wurde es immer lebendiger . Dem heißen Sommertage war ein erquickender Abend gefolgt ; ihn zu genießen strömte die schöne Welt der Stadt der Promenade zu . Unter denen , die am Hause vorüberkamen , dünkten sich nur wenige zu vornehm , um dem Vertrauensmanne Herrn Heißensteins einen Gruß zuzurufen ; so mancher blieb stehen und wechselte mit ihm einige Worte . Auch Bekannte Bozenas kamen - stille Verehrer , die es nicht auszusprechen wagten , wie begehrenswert ihnen die rüstige Jungfrau mit ihrem Fleiß und Geschick und mit ihren , wie man wußte , ansehnlichen Sparpfennigen erschien ; kühne Bewerber , die sie heimzuführen hofften , wenn nicht gleich , so doch sicherlich dann , wenn einmal Fräulein Rosa wegheiraten würde aus dem väterlichen Hause . Auch einige hübsche Mädchen , bestens geschmückt zum heutigen Tanze , fanden sich ein und vergrößerten den Halbkreis , der sich um Bozena gebildet hatte wie um eine Audienz erteilende Königin . So war schon eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft im Torwege versammelt . Und jetzt trat aus dem gegenüberliegenden , vom Kreishauptmann Grafen Kühnwald bewohnten Hause ein junger Mann , auf den sich sofort die allgemeine Aufmerksamkeit richtete . Die Mädchen stießen einander an und kicherten , die Männer zuckten die Achseln ; ein Schreiberlein in einem schäbigen Rocke , den nur der Umstand zum Sonntagsrocke stempelte , daß er einst schwarz gewesen war , sagte mit einem Ausdruck von schlecht verhehltem Neide : » Da kommt Bernhard der Pfau ! « » Dann wird auch die Gräfin nicht weit sein « , ließ eine Mädchenstimme sich vernehmen . Und wirklich , die sogenannte Gräfin schritt eben über den Platz . Sie war eine stattliche Bauerntochter , die reichste und umworbenste aus dem nahen Dorfe , das gleichsam die Vorstadt Weinbergs bildete . Begleitet von ihrer Sippe begab sie sich zum Tanze . Der junge Mann näherte sich ihr und schien eine Frage an sie zu stellen . Die Dorfgräfin nickte gnädig und setzte ihren Weg fort , indessen er auf das Haus Heißenstein zuschritt . Ein schlanker Bursche war ' s , in der kleidsamen Montur eines herrschaftlichen Büchsenspanners , im dunkelgrünen Rock mit Aufschlägen von Samt , silbernen Wappenknöpfen und Achselschnüren , ein schmuckes Mützchen auf den braunen , dichten , kurz gehaltenen Locken . Seine Haltung war vornehm und frei , das Gesicht fein geschnitten ; Siegesgewißheit in jeder Miene und Bewegung , kam der Bursche heran , und kindische Freude an sich selbst leuchtete ihm aus den Augen . Er grüßte die Gesellschaft mit der herablassenden Freundlichkeit eines gutsituierten Mannes gegen geringe Leute . Dem Kommis gegenüber äußerte er einigen Respekt , die übrigen neckte er , wußte aber auch jedem etwas Angenehmes zu sagen und jeden in das Gespräch zu ziehen . Nur eine Person in dem Kreise sah er nicht , bemerkte er nicht - die ansehnlichste und auffallendste von allen : Bozena . Und die war plötzlich verstummt . Sie hatte den Kopf an die Wand zurückgelehnt und die Augen halb geschlossen . Von ihren Schläfen herab , die Wangen entlang zog sich ein weißer Streifen - das Erbleichen sehr rot gefärbter Menschen . Verstohlen warf der Jäger manchmal einen Blick nach ihr hin , und je gequälter ihm der Ausdruck ihres Gesichtes erschien , desto lustiger wurde er , desto übermütiger seine Laune . Mansuet Weberlein kämpfte mit einem nervösen Zucken im Arme , verdrehte die Beine so , daß seine einwärts gebogenen Fußspitzen einander auf dem vorspringenden Mauersockel begegneten , und schoß gegen Bernhard den Pfau eine bissige Bemerkung nach der andern ab . Endlich rief er giftig : » Schad um Sie ! Indessen Sie uns hier Späße vormachen , tanzt Ihnen ein Tölpelpeter oder ein Lümmelhans Ihre Gräfin weg ! « Der Jäger wollte antworten , aber ein stämmiger Bursche kam ihm zuvor : » Seine Gräfin ? « spöttelte er , » dem Büchsenspanner seine ? ... Warum nicht gar ? « Ein hochmütiges Lächeln kräuselte Bernhards Lippen : » Oho , du Gescheiter , nicht mehr lange Büchsenspanner . Im Herbst gibt mir mein Graf ein Revier « , sprach er . » Die Bäuerin schiert sich was um dein Revier « , entgegnete der Bursche ; und zu einem der Mädchen gewendet fügte er rasch hinzu : » Wollen wir sie fragen , Toni ? « - Und Toni antwortete eiligst » Ja « , und dem sich entfernenden Pärchen folgten andere Tanzlustige nach , und bald war die ganze Versammlung auseinandergestoben . Auch der Jäger empfahl sich jetzt auf das höflichste bei Weberlein , nach einigen Schritten aber blieb er , als besänne er sich plötzlich , stehen , wandte sich gegen Bozena und fragte wie jemand , der innerlich widerstrebend eine Pflicht der Artigkeit erfüllt : » Kommen Sie nicht auch ? « Dann eilte er den übrigen nach mit großen Schritten und schlecht verhehlter Besorgnis , daß sie sich ihm vielleicht anschließen könnte . » Prosit ! « zischelte der Kommis zwischen den Zähnen , » sonst haben Sie keine Schmerzen ? « Aber wie ward ihm , als Bozena nun vor ihm stand und mit gepreßtem Tone und niedergeschlagenen Augen sagte : » Alsdann adje , Herr Weberlein . « Nein ! das kann nicht sein ... Das ist ja die bare Unmöglichkeit ! - In Scharen waren sie oft gekommen , die allerbesten Tänzer der Stadt und des Dorfes , und hatten gesagt : » Erweisen Sie mir die Ehre « , und : » Machen Sie mir die Freude ... « Und sie hatte geantwortet : » Ich geh zu keinem Tanz . « Und jetzt warf ihr ein Laffe , ein Geck von oben herab eine Aufforderung hin , so leer , so gnädig , so gar nichts sagend als höchstens : Ein ganzer Bengel will ich doch nicht sein : und sie lachte ihm nicht ins Gesicht , sie schwieg - sie folgte ihm , dem Laffen , dem Gecken , demütig wie ein Hund seinem Herrn ? ! Donner und Wetter ! Wenn der liebe Gott vom Himmel gestiegen wäre und es dem Kommis Weberlein erzählt hätte , dieser würde geantwortet haben : » Verzeih mir ' s - Gott ! aber das kann ich nicht glauben . « ... Und nun sah er ' s , nun mußte er es sehen mit seinen eigenen Augen und konnte seine eigenen Finger legen in die Wunden , die dem Stolze Bozenas geschlagen worden . Er blickte völlig verstört zu ihr empor und brachte nur ein Wort heraus , nur das einzige Wort : » Was ? « Sie schien ein Weilchen zu zögern , dann sprach sie mühsam und mit trockenen Lippen : » Ich muß wissen , wie es steht mit ihm und der Eva « , und wandte sich , und von weitem , in wohlberechneter Entfernung , folgte sie dem Jäger . Herr Weberlein nahm eine boshafte und wegwerfende Miene an , mit abscheulich menschenfeindlichen Blicken stierte er auf den Platz hinaus und kehrte ihm und dem Treiben da draußen endlich ganz und gar den Rücken . Wie ein Alräunchen hockte er in seiner Nische und zog in kurzen , raschen Zügen den Rauch aus seiner Pfeife . Er schmauchte nicht mehr , er tobakelte und umgab sich mit kleinen dichten Wolken , die ihn dräuend und unheilverkündend , als Zeichen seiner großen inneren Erregtheit , umflogen . 4 Beim » Grünen Baum « hatte die Unterhaltung schon begonnen , aber noch war wenig Wein getrunken worden , noch gab es keine ausgelassene Lustigkeit , noch hatte kein Streit stattgefunden . Die Paare drehten sich langsam und mit bewunderungswürdiger Ausdauer . Von Zeit zu Zeit ertönte ein lauter Jubelruf , ein Bursche klatschte in die Hände , hob seine Tänzerin hoch empor , ließ sie dann sich ein Weilchen allein neben ihm herschwenken , umfaßte sie von neuem , und ruhig tanzten sie weiter mit denselben schläfrigen Gesichtern , mit denen sie ihre Fronarbeit verrichteten . Bernhard trat oft in die Mitte der Stube , sah mit Wohlgefallen , wie viele Mädchenaugen sich erwartungsvoll auf ihn richteten , winkte jedoch keine der Anwesenden nach Bauernsitte zu sich herbei . Eva war für diesen Walzer versagt , und mit einer Geringeren trat er nicht in den Reigen . Bozena stand , alle Frauen und die meisten Männer , die sie umgaben , überragend , finster und grollend in einer Ecke und wies alle Aufforderungen , sich an dem Tanze zu beteiligen , kurz ab . Sie sei nur gekommen , ein wenig zuzusehen , müsse gleich wieder heim . Die Musik schwieg , ein Tanz war zu Ende , nach kurzer Pause wurde wieder aufgespielt , und jetzt hatte Bernhard die » Gräfin « erfaßt und wirbelte mit ihr durch die Stube . Nicht langsam und mattherzig wie ihr früherer Partner , frisch , mit fröhlicher Anmut und Leichtigkeit schwenkte er sie im Takte . Wie zwei Vögel schwebten sie , flogen sie , als ob die Lüfte sie trügen , jetzt im engen Kreise wie die Lerchen , jetzt wie die Schwalben - dahingleitend in weiten Bogen . Er flüsterte ihr etwas zu , und die kokette Dorfschöne blinzelte ihn herausfordernd an ; fester drückte er sie an sich , warf den Kopf zurück und schien zu fragen : Wer widerstände mir ? Sie , nicht minder selbstbewußt , aber weniger naiv , schlug die Augen nieder und schien zu antworten : Ich - vielleicht ! Bozena verwandte von den beiden keinen Blick , ihr Herz klopfte zum Zerspringen , schmerzliche Eifersucht zerschnitt ihr die Brust . Oh , jung sein und begehrenswert wie jene dort ! Im Angesichte aller mit Stolz von ihm umfangen werden wie sie , nur einmal , nur einen einzigen seligen Augenblick ! Tu ein Wunder , Gott , der du alles kannst ! Befriedige diese dürstende Sehnsucht , erlöse diese arme , ringende Seele , lasse sie einmal unschuldig sein ohne Reue und Scham ! ... Zu so unerfüllbaren Wünschen hatte Bozena sich verstiegen , als eine Stimme sie anrief : » Grüß Gott ! « Evas Vater , ein alter schöner Mann , war zu ihr getreten , er deutete mit dem Mundstück seiner Pfeife auf seine Tochter und fuhr fort : » Das tanzt ! das tanzt ! « Wohlgefällig betrachtete er sein Kind und sah dann wieder die Angeredete an , als wollte er sie zur Bewunderung auffordern . Schon drängte sich ein hartes Wort auf Bozenas Lippen , aber sie sprach es nicht aus , vielmehr sprach sie , den Greis forschend ins Auge fassend : » Ein schönes Paar ! « Der Bauer verzog den Mund : » Paar ? « wiederholte er , » Paar ? die zwei ? - je nun , auf dem Tanzboden - ja . « Und Bozena atmete auf . Derselbe Ausdruck des engherzigen Hochmuts , der in den welken Zügen des Alten wie versteinert lag - das blühende Gesicht seiner Eva trug ihn auch . Die wird ihr nicht im Ernste eine Nebenbuhlerin , der ist der Jäger trotz aller seiner Vorzüge zu gering ! - Bozena verließ die Wirtsstube , sie schritt über den Hof einem kleinen Obstgarten zu , von dem aus der Fußsteig , der bis an die Stadtmauer führte , leicht zu erreichen war . Auf eine Bank unter einem Apfelbaume ließ sie sich nieder und versank in ihre düsteren Gedanken . Eine kurze Zeit nur , und lebhafte , eilende Schritte näherten sich . Sie blickte nicht zurück , sie wußte , er ist es , er sucht sie auf . Im nächsten Augenblicke war er bei ihr , setzte sich neben sie auf die Bank und sprach schmeichelnd : » Bozena ! läßt sich die Böse endlich finden ? « Sie antwortete ihm nicht . Er suchte , jedoch vergeblich , ihre Hand zu fassen . » Was hast du wieder ? So sag doch ein Wort ! - Was ist dir ? « sagte Bernhard mit dem leicht erregten Unwillen verwöhnter Menschen . Nun fuhr sie auf : » Er fragt ! er fragt noch ! ... Wie ? jetzt kann er kommen , weil ich allein bin ! Vor den Leuten kennt er mich nicht ! ... Weißt du was ? Wie du mit mir spielst , so spielt die Eva mit dir ! « Das hatte sie nicht sagen wollen , nicht gleich , nicht so , aber der Ingrimm , der in ihr kochte , sprudelte die Worte heraus . Keuchend lehnte sie sich zurück an den Stamm des Baumes , biß die Zähne übereinander und kreuzte die Arme über der gequälten Brust . Bernhard lachte gezwungen . » Mit mir spielt niemand « , entgegnete er . » Die Eva weiß recht gut , daß mir ' s nicht im Ernst zu tun ist um sie . - Und du - solltest wissen , daß ich dich liebhabe ! « rief er mit plötzlich ausbrechender Zärtlichkeit und wollte sie umfassen . Sie stieß ihn zurück und sprach , an allen Gliedern bebend : » Seit einem Jahr vergällt er mir mein Leben . Küßt mich im geheimen und verleugnet mich vor den Leuten ... Fort von mir ! « herrschte sie , als er statt aller Antwort die Zürnende an sein Herz zu ziehen strebte : » Es muß aus sein - hörst du ? - ich verstelle und verstecke mich nicht mehr . Laß mich in Frieden , wenn du dich meiner schämst ! « Bozena stemmte die Hand gegen seine Brust und hielt ihn von sich mit ausgestrecktem Arme . Und mit diesem stählernen Arme , das wußte Bernhard wohl , hätte er vergeblich gerungen . So senkte er den Kopf auf ihn nieder , lehnte seine Wange daran und sprach : » Ich mag das Gerede der Klatschmäuler nicht - es könnte meinem Grafen zugetragen werden . Und der , du weißt ja , meint , am besten wär ' s für mich , wenn ich die Kammerjungfer der Frau Gräfin nähme . Aber ich mag sie nicht ! « rief er , sich aufrichtend . » Sie ist mir zuwider - ich hab nur eine gern ... Laß mich nur einmal Förster sein - und die ganze Welt soll schon sehen - wen ? ! « Es war ein Klang von warmer , überzeugender Empfindung in seinen Worten . Er hatte sie lieb , die Bozena , gewiß ; er war stolz auf den uneingeschränkten Besitz dieses bisher unbesiegten Herzens . Er freute sich der