Glanz die Augen geblendet : viele haben griechische Kleider angetan und römische Gedanken : sie schämen sich , Barbaren zu heißen : sie wollen vergessen und vergessen machen , daß sie Goten sind - wehe über die Toren ! Sie haben das Herz aus ihrer Brust gerissen und wollen leben , sie sind wie Blätter , die sich stolz vom Stamme gelöst und der Wind wird kommen und wird sie verwehen in Schlamm und Pfützen , daß sie verfaulen : aber der Stamm wird stehen mitten im Sturm und wird lebendig erhalten , was treu an ihm haftet . Darum sollt ihr euer Volk wecken und mahnen überall und immer . Den Knaben erzählt die Sagen der Väter , von den Hunnenschlachten , von den Römersiegen : den Männern zeigt die drohende Gefahr und wie nur das Volkstum unser Schild : eure Schwestern ermahnt , daß sie keinen Römer umarmen und keinen Römling : eure Bräute , eure Weiber lehrt , daß sie alles , sich selbst und euch opfern dem Glück der guten Goten , auf daß , wenn die Feinde kommen , sie finden ein starkes Volk , stolz , einig , fest , daran sie zerschellen sollen wie die Wogen am Fels . Wollt ihr mir dazu helfen ? « » Ja , « sprachen sie , » das wollen wir . « » Ich glaube euch , « fuhr der Alte fort , » glaube eurem bloßen Wort . Nicht um euch fester zu binden - denn was bände den Falschen ? - sondern weil ich treu hange an altem Brauch und weil besser gedeiht , was geschieht nach Sitte der Väter - folget mir . « Zweites Kapitel . Mit diesen Worten nahm er die Fackel von der Säule und schritt quer durch den Innenraum , die Cella des Tempels , vorüber an dem zerfallenen Hauptaltar , vorbei an den Postamenten der lang herabgestürzten Götterbilder nach der Hinterseite des Gebäudes , dem Postikum . Schweigend folgten die Geladenen dem Alten , der sie über die Stufen hinunter ins Freie führte . Nach einigen Schritten standen sie unter einer uralten Steineiche , deren mächtiges Geäst wie ein Dach Sturm und Regen abhielt . Unter diesem Baum bot sich ihnen ein seltsamer Anblick , der aber die gotischen Männer sofort an eine alte Sitte aus dem grauen Heidentum , aus der fernen nordischen Heimat gemahnte . Unter der Eiche war ein Streifen des dichten Rasens aufgeschlitzt , nur einen Fuß breit , aber mehrere Ellen lang , die beiden Enden des Streifens hafteten noch locker am Grunde : in der Mitte war der Rasengürtel auf drei ungleich in die Erde gerammte hohe Speere emporgespreizt , in der Mitte von dem längsten Speer gestützt , so daß die Vorrichtung ein Dreieck bildete , unter dessen Dach zwischen den Speersäulen mehrere Männer bequem stehen konnten . In der so gewonnenen Erdritze stand ein eherner Kessel , mit Wasser gefüllt , daneben lag ein spitzes und scharfes Schlachtmesser , uralt : das Heft vom Horn des Auerstiers , die Klinge vom Feuerstein . Der Greis trat nun heran , stieß die Fackel dicht neben dem Kessel in die Erde , stieg dann , mit dem rechten Fuß vorauf , in die Grube , wandte sich gegen Osten und neigte das Haupt : dann winkte er die Freunde zu sich , mit dem Finger am Mund ihnen Schweigen bedeutend . Lautlos traten die Männer in die Rinne und stellten sich , Witichis und Teja zu seiner Linken , die beiden Brüder zu seiner Rechten und alle fünf reichten sich die Hände zu einer feierlichen Kette . Dann ließ der Alte Witichis und Hildebad , die ihm zunächst standen , los und kniete nieder . Zuerst raffte er eine Handvoll der schwarzen Walderde auf und warf sie über die linke Schulter . Dann griff er mit der andern Hand in den Kessel und sprengte das Wasser rechts hinter sich . Darauf blies er in die wehende Nachtluft , die sausend in seinen langen Bart wehte . Endlich schwang er die Fackel von der Rechten zur Linken über sein Haupt . Dann steckte er sie wieder in die Erde und sprach murmelnd vor sich hin : » Höre mich , alte Erde , wallendes Wasser , leichte Luft , flackernde Flamme ! Höret mich wohl und bewahret mein Wort : Hier stehen fünf Männer vom Geschlechte des Gaut , Teja und Totila , Hildebad und Hildebrand und Witichis , Waltaris Sohn . Wir stehen hier in stiller Stunde , Zu binden einen Bund von Blutsbrüdern , Für immer und ewig und alle Tage . Wir sollen uns sein wie Sippegesellen In Frieden und Fehde , in Rache und Recht . Ein Hoffen , Ein Hassen , Ein Lieben , Ein Leiden , Wie wir träufen zu Einem Tropfen Unser Blut als Blutsbrüder . « Bei diesen Worten entblößte er den linken Arm , die andern taten desgleichen , eng aneinander streckten sich die fünf Arme über den Kessel , der Alte hob das scharfe Steinmesser und ritzte mit Einem Schnitt sich und den vier andern die Haut des Vorderarmes , daß das Blut aller in roten Tropfen in den ehernen Kessel floß . Dann nahmen sie wieder die frühere Stellung ein , und murmelnd fuhr der Alte fort : » Und wir schwören den schweren Schwur , Zu opfern all unser Eigen , Haus , Hof und Habe , Roß , Rüstung und Rind , Sohn , Sippe und Gesinde , Weib und Waffen und Leib und Leben Dem Glanz und Glück des Geschlechtes von Gaut , Den guten Goten . Und wer von uns sich wollte weigern , Den Eid zu ehren mit allen Opfern « - Hier traten er , und auf seinen Wink auch die andern , aus der Grube und unter dem Rasenstreifen hervor : » Des rotes Blut soll rinnen ungerächet Wie dies Wasser unterm Waldwasen « - Er erhob den Kessel , goß sein blutiges Wasser in die Grube und nahm ihn wie das andre Gerät heraus : » Auf des Haupt sollen des Himmels Hallen Dumpf niederdonnern und ihn erdrücken , Wuchtig so wie dieser Wasen . « Er schlug mit Einem Streich die drei spannenden Lanzenschäfte nieder und dumpf fiel die schwere Rasendecke nieder in die Rinne . Die fünf Männer stellten sich nun mit verschlungenen Händen auf die wieder von Rasen gedeckte Stelle , und in rascherem Ton fuhr der Alte fort : » Und wer von uns nicht achtet dieses Eides und dieses Bundes und wer nicht die Blutsbrüder als echte Brüder schützt im Leben und rächt im Tode und wer sich weigert , sein Alles zu opfern dem Volk der Goten , wann die Not es begehrt und ein Bruder ihn mahnt , der soll verfallen sein auf immer den untern , den ewigen , den wüsten Gewalten , die da hausen unter dem grünen Gras des Erdgrundes : gute Menschen sollen mit Füßen schreiten über des Neidings Haupt und sein Name soll ehrlos sein soweit Christenleute Glocken läuten und Heidenleute Opfer schlachten , soweit Mutter Kind koset und der Wind weht über die weite Welt . Sagt an , ihr Gesellen , soll ' s ihm also geschehn , dem niedrigen Neiding ? « » So soll ihm geschehen , « sprachen die vier Männer ihm nach . Nach einer ernsten Pause löste Hildebrand die Kette der Hände und sprach : » Und auf daß ihr ' s wißt , welche Weihe diese Stätte hat für mich - jetzt auch für euch - , warum ich euch zu solchem Tun gerade hierher beschieden und zu dieser Nacht - kommt und sehet . « Und also sprechend erhob er die Fackel und schritt voran hinter den mächtigen Stamm der Eiche , vor der sie geschworen . Schweigend folgten die Freunde , bis sie an der Kehrseite des alten Baumes hielten und hier mit Staunen gerade gegenüber der Rasengrube , in welcher sie gestanden , ein breites offenes Grab gähnen sahen , von welchem die deckende Felsplatte hinweggewälzt war : da ruhten in der Tiefe , im Licht der Fackel geisterhaft erglänzend , drei weiße lange Skelette , einzelne verrostete Waffenstücke , Lanzenspitzen , Schildbuckel lagen daneben . Die Männer blickten überrascht bald in die Grube , bald auf den Greis . Dieser leuchtete lange schweigend in die Tiefe . Endlich sagte er ruhig : » Meine drei Söhne . Sie liegen hier über dreißig Jahre . Sie fielen auf diesem Berg , in dem letzten Kampf um die Stadt Ravenna . Sie fielen in Einer Stunde , heute ist der Tag . Sie sprangen jubelnd in die Speere - - für ihr Volk . « Er hielt inne . Mit Rührung sahen die Männer vor sich hin . Endlich richtete sich der Alte hoch auf und sah gen Himmel . » Es ist genug , « sagte er , » die Sterne bleichen . Mitternacht ist längst vorüber . Geht , ihr andern , in die Stadt zurück . Du , Teja , bleibst wohl bei mir : - dir ist ja vor andern , wie des Liedes , der Trauer Gabe gegeben - und hältst mit mir die Ehrenwacht bei diesen Toten . « Teja nickte und setzte sich , ohne ein Wort , zu Füßen des Grabes , wo er stand , nieder . Der Alte reichte Totila die Fackel und lehnte sich Teja gegenüber auf die Felsplatte . Die andern drei winkten ihm scheidend zu . Und ernst und in schweigende Gedanken versunken stiegen sie hinunter zur Stadt . Drittes Kapitel . Wenige Wochen nach jener nächtlichen Zusammenkunft bei Ravenna fand zu Rom eine Vereinigung statt , ebenfalls heimlich , ebenfalls unter dem Schutze der Nacht , aber von ganz andern Männern zu ganz andern Zwecken . Das geschah an der appischen Straße nahe dem Cömeterium des heiligen Kalixtus in einem halbverschütteten Gang der Katakomben , jener rätselhaften unterirdischen Wege , die unter den Straßen und Plätzen Roms fast eine zweite Stadt bildeten . Es sind diese geheimnisvollen Räume - ursprünglich alte Begräbnisplätze , oft die Zuflucht der jungen Christengemeinde - so vielfach verschlungen und ihre Kreuzungen , Endpunkte , Aus- und Eingänge so schwierig zu finden , daß nur unter ortvertrautester Führung ihre inneren Tiefen betreten werden können . Aber die Männer , deren geheimen Verkehr wir diesmal belauschen , fürchteten keine Gefahr . Sie waren gut geführt . Denn es war Silverius , der katholische Archidiakonus der alten Kirche des heiligen Sebastian , der unmittelbar von der Krypta seiner Basilika aus die Freunde auf steilen Stufen in diesen Zweigarm der Gewölbe geführt hatte : und die römischen Priester standen in dem Rufe , seit den Tagen der ersten Christen Kenntnis jener Labyrinthe fortgepflanzt zu haben . Die Versammelten schienen auch sich hier nicht zum erstenmal einzufinden : die Schauer des Ortes machten wenig Eindruck auf sie . Gleichgültig lehnten sie an den Wänden des unheimlichen Halbrunds , das , von einer bronzenen Hängelampe spärlich beleuchtet , den Schluß des niedrigen Ganges bildete , gleichgültig hörten sie die feuchten Tropfen von der Decke zur Erde fallen und , wenn ihr Fuß hier und da an weiße , halbvermoderte Knochen stieß , schoben sie auch diese gleichgültig auf die Seite . Es waren außer Silverius noch einige andere rechtgläubige Priester und eine Mehrzahl vornehmer Römer aus den Adelsgeschlechtern des westlichen Kaiserreichs anwesend , die seit Jahrhunderten in fast erblichem Besitz der höheren Würden des Staates und der Stadt geblieben . Schweigend und aufmerksam beobachteten sie die Bewegungen des Archidiakons , der sich , nachdem er die Erschienenen gemustert und in einige der einmündenden Gänge , in deren Dunkel man junge Leute in priesterlichen Kleidern Wache halten sah , prüfende Blicke geworfen hatte , jetzt offenbar anschickte , die Versammlung in aller Form zu eröffnen . Noch einmal trat er auf einen hochgewachsenen Mann zu , der ihm gegenüber regungslos an der Mauer lehnte und mit dem er wiederholt Blicke getauscht hatte : und nachdem dieser auf eine fragende Miene schweigend genickt , wandte er sich gegen die übrigen und sprach : » Geliebte im Namen des dreieinigen Gottes ! Wieder einmal sind wir hier versammelt zu heiligem Werk . Das Schwert von Edom ist gezückt ob unsrem Haupt und König Pharao lechzt nach dem Blut der Kinder Israel . Wir aber fürchten nicht jene , die den Leib töten und der Seele nichts anhaben können , wir fürchten vielmehr jenen , der da Leib und Seele verderben mag mit ewigem Feuer . Wir vertrauen im Schauer der Nacht auf die Hilfe dessen , der sein Volk durch die Wüste geführt hat , bei Tag in der Rauchwolke , bei Nacht in der Feuerwolke . Und daran wollen wir halten und wollen es nie vergessen : was wir leiden , wir leiden es um Gottes willen , was wir tun , wir tun ' s zu seines Namens Ehre . Dank ihm , denn er hat gesegnet unsern Eifer . Klein , wie des Evangeliums , waren unsre Anfänge , aber schon sind wir gewachsen wie ein Baum an frischen Wasserbächen . Mit Furcht und Zagen kamen wir anfangs hier zusammen : groß war die Gefahr , schwach die Hoffnung : edles Blut der Besten war geflossen : - heute , wenn wir fest bleiben im Glauben , dürfen wir es kühnlich sagen : der Thron des Königs Pharao steht auf Füßen von Schilf und die Tage der Ketzer sind gezählt in diesem Lande . « » Zur Sache ! « rief ein junger Römer dazwischen , mit kurzkrausem , schwarzem Haar und blitzenden , schwarzen Augen ; ungeduldig warf er das Sagum von der linken Hüfte über die rechte Schulter zurück , daß das kurze Schwert sichtbar wurde . » Zur Sache , Priester ! was soll heut ' geschehn ? « Silverius warf auf den Jüngling einen Blick , der lebhaften Unwillen über solch kecke Selbständigkeit nicht ganz mit salbungsvoller Ruhe zu verdecken vermochte . Scharfen Tones fuhr er fort : » Auch die an die Heiligkeit unsres Zweckes nicht zu glauben scheinen , sollten doch den Glauben an diese Heiligkeit bei andern nicht stören , um ihrer eignen weltlichen Ziele willen nicht . Heute aber , Licinius , mein rascher Freund , soll ein neues hochwillkommenes Glied unsrem Bunde eingefügt werden : sein Beitritt ist ein sichtbares Zeichen der Gnade Gottes . « » Wen willst du einführen ? Sind die Vorbedingungen erfüllt ? Haftest du für ihn ? unbedingt ? oder stellst du andre Bürgschaft ? « so fragte ein andrer der Versammelten , ein Mann in reifen Jahren , mit gleichmäßigen Zügen , der , einen Stab zwischen den Füßen , ruhig auf einem Vorsprung der Mauer saß . - » Ich hafte , mein Scävola ; übrigens genügt seine Person - « » Nichts dergleichen . Die Satzung unsres Bundes verlangt Verbürgung und ich bestehe darauf « , sagte Scävola ruhig . - » Nun gut , gut , ich bürge , zähster aller Juristen ! « wiederholte der Priester mit Lächeln . Er winkte in einen der Gänge zur Linken . Zwei junge Ostiarii führten von da in die Mitte des Gewölbes einen Mann , auf dessen verhülltes Haupt aller Augen gerichtet waren . Nach einer Pause hob Silverius den Überwurf von Kopf und Schultern des Ankömmlings . » Albinus ! « riefen die andern in Überraschung , Entrüstung , Zorn . Der junge Licinius fuhr ans Schwert , Scävola stand langsam auf , wild durcheinander scholl es : » Wie ? Albinus ? der Verräter ? « Scheuen Blickes sah der Gescholtene um sich , seine schlaffen Züge bekundeten angeborne Feigheit : wie Hilfe stehend haftete sein Auge auf dem Priester . » Ja , Albinus ! « sagte dieser ruhig . » Will einer der Verbündeten wider ihn sprechen ? Er rede . « - » Bei meinem Genius , « rief Licinius rasch vor allen , » braucht es da der Rede ? Wir wissen alle , wer Albinus ist , was er ist . Ein feiger , schändlicher Verräter ! « - der Zorn erstickte seine Stimme . - » Schmähungen sind keine Beweise , « nahm Scävola das Wort . » Aber ich frage ihn selbst , er soll hier vor allen bekennen . Albinus , bist du es , oder bist du es nicht , der , als die Anfänge des Bundes dem Tyrannen verraten waren , als du noch allein von uns allen verklagt warst , es mit ansahst , daß die edeln Männer , Boëthius und Symmachus , unsre Mitverbündeten , weil sie dich mutig vor dem Wüterich verteidigten , verfolgt , gefangen , ihres Vermögens beraubt , hingerichtet wurden , während du , der eigentliche Angeklagte , durch einen schmählichen Eid , dich nie mehr um den Staat kümmern zu wollen und durch urplötzliches Verschwinden dich gerettet hast ? Sprich , bist du es , um dessen Feigheit willen die Zierden des Vaterlandes gefallen ? « Ein Murren des Unwillens ging durch die Versammlung . Der Angeschuldigte blieb stumm und bebte , selbst Silverius verlor einen Augenblick die Haltung . Da richtete sich jener Mann , der ihm gegenüber an der Felswand lehnte , auf und trat einen Schritt herzu ; seine Nähe schien den Priester zu erkräftigen und er begann wieder : » Ihr Freunde , es ist geschehen was ihr sagt , nicht wie ihr ' s sagt . Vor allem wisset : Albinus ist an allem am wenigsten schuldig . Was er getan , er tat ' s auf meinen Rat . « - » Auf deinen Rat ? « - » Das wagst du zu bekennen ? « - » Albinus war verklagt durch den Verrat eines Sklaven , der die Geheimschrift in den Briefen nach Byzanz entziffert hatte . Der ganze Argwohn des Tyrannen war geweckt : jeder Schein von Widerstand , von Zusammenhang mußte die Gefahr vermehren . Der Ungestüm von Boëthius und Symmachus , die ihn mutig verteidigten war edel , aber töricht . Denn er zeigte den Barbaren die Gesinnung des ganzen Adels von Rom , zeigte , daß Albinus nicht allein stehe . Sie handelten gegen meinen Rat , leider haben sie es im Tode gebüßt . Aber ihr Eifer war auch überflüssig : denn den verräterischen Sklaven raffte plötzlich vor weitern Aussagen die Hand des Herrn hinweg und es war gelungen , die Geheimbriefe des Albinus vor dessen Verhaftung zu vernichten . Jedoch glaubt ihr , Albinus würde auf der Folter , würde unter Todesdrohungen geschwiegen haben , geschwiegen , wenn ihm die Nennung der Mitverschworenen retten konnte ? Das glaubt ihr nicht , das glaubte Albinus selbst nicht . Deshalb mußte vor allem Zeit gewonnen , die Folter abgewendet werden . Dies gelang durch jenen Eid . Unterdessen freilich bluteten Boëthius und Symmachus : sie waren nicht zu retten : doch ihres Schweigens , auch unter der Folter , waren wir sicher . Albinus aber ward durch ein Wunder aus seinem Kerker befreit wie Sankt Paulus zu Philippi . Es hieß , er sei nach Athen entflohen und der Tyrann begnügte sich , ihm die Rückkehr zu verbieten . Allein der dreieinige Gott hat ihm hier in seinem Tempel eine Zufluchtsstätte bereitet , bis daß die Stunde der Freiheit naht . In der Einsamkeit seines heiligen Asyles nun hat der Herr das Herz des Mannes wunderbar gerührt und , ungeschreckt von der Todesgefahr , die schon einmal seine Locke gestreift hat , tritt er wieder in unsern Kreis und bietet dem Dienste Gottes und des Vaterlands sein ganzes unermeßliches Vermögen . Vernehmt : er hat all sein Gut der Kirche Sanktä Mariä Majoris zu Bundeszwecken vermacht . Wollt ihr ihn und seine Millionen verschmähen ? « Eine Pause des Staunens trat ein : endlich rief Licinius : » Priester , du bist klug wie - wie ein Priester . Aber mir gefällt solche Klugheit nicht . « - » Silverius , « sprach der Jurist , » du magst die Millionen nehmen . Das steht dir an . Aber ich war der Freund des Boëthius : mir steht nicht an , mit jenem Feigen Gemeinschaft zu halten . Ich kann ihm nicht vergeben . Hinweg mit ihm ! « - » Hinweg mit ihm ! « scholl es von allen Seiten . Scävola hatte der Empfindung aller das Wort geliehen . Albinus erblaßte , selbst Silverius zuckte unter dieser allgemeinen Entrüstung . » Cethegus ! « flüsterte er leise , Beistand heischend . Da trat der Mann in die Mitte , der bisher immer geschwiegen und nur mit kühler Überlegenheit die Sprechenden gemustert hatte . Er war groß und hager , aber kräftig , von breiter Brust und seine Muskeln von eitel Stahl . Ein Purpursaum an der Toga und zierliche Sandalen verrieten Reichtum , Rang , und Geschmack , aber sonst verhüllte ein langer , brauner Soldatenmantel die ganze Unterkleidung der Gestalt . Sein Kopf war von denen , die man , einmal gesehen , nie mehr vergißt . Das dichte , noch glänzend schwarze Haar war nach Römerart kurz und rund um die gewölbte , etwas zu große Stirn und die edel geformten Schläfe geschoren , tief unter den fein geschweiften Brauen waren die schmalen Augen geborgen , in deren unbestimmtem Dunkelgrau ein ganzes Meer versunkener Leidenschaften , aber noch bestimmter der Ausdruck kältester Selbstbeherrschung lag . Um die scharf geschnittenen bartlosen Lippen spielte ein Zug stolzer Verachtung gegen Gott und seine ganze Welt . Wie er vortrat und mit ruhiger Vornehmheit den Blick über die Erregten streifen ließ , wie seine nicht einschmeichelnde , aber beherrschende Redeweise anhob , empfand jeder in der Versammlung den Eindruck bewußter Überlegenheit und wenige Menschen mochten diese Nähe ohne das Gefühl der Unterordnung tragen . » Was hadert ihr , « sagte er kalt , » über Dinge , die geschehen müssen ? Wer den Zweck will , muß das Mittel wollen . Ihr wollt nicht vergeben ? Immerhin ! Daran liegt nichts . Aber vergessen müßt ihr . Und das könnt ihr . Auch ich war ein Freund der Verstorbenen , vielleicht ihr nächster . Und doch - ich will vergessen . Ich tu es , eben weil ich ihr Freund war . Der liebt sie , Scävola , der allein , der sie rächt . Um der Rache willen - Albinus , deine Hand . « - Alle schwiegen , bewältigt mehr von der Persönlichkeit als von den Gründen des Redners . Nur der Jurist bemerkte noch : » Rusticiana , des Boëthius Witwe und des Symmachus Tochter , die einflußreiche Frau , ist unsrem Bunde hold . Wird sie das bleiben , wenn dieser eintritt ? Kann sie je vergeben und vergessen ? Niemals ! « » Sie kann es . Glaubt nicht mir , glaubt euren Augen . « Mit diesen Worten wandte sich rasch Cethegus und schritt in einen der Seitengänge , dessen Mündung bisher sein Rücken verdeckt hatte . - Hart am Eingang stand lauschend eine verschleierte Gestalt : er ergriff ihre Hand : » komm ' , « flüsterte er , » jetzt komm ' . « - » Ich kann nicht ! ich will nicht ! « war die leise Antwort der Widerstrebenden . » Ich verfluche ihn . Ich kann ihn nicht sehen , den Elenden ! « - » Es muß sein . Komm , du kannst und du willst es : - denn ich will es . « Er schlug ihren Schleier zurück : noch ein Blick , und sie folgte wie willenlos . Sie bogen um die Ecke des Eingangs : » Rusticiana ! « riefen alle . - » Ein Weib in unserer Versammlung ! « sprach der Jurist . » Das ist gegen die Satzungen , die Gesetze . « » Ja , Scävola , aber die Gesetze sind um des Bundes willen , nicht der Bund um der Gesetze willen . Und geglaubt hättet ihr mir nie , was ihr hier sehet mit Augen . « Er legte die Hand der Witwe in die zitternde Rechte des Albinus . » Seht , Rusticiana verzeiht : wer will jetzt noch widerstreben ? « - Überwunden und überwältigt verstummten alle . Für Cethegus schien das weitere jedes Interesse verloren zu haben . Er trat mit der Frau an die Wand im Hintergrund zurück . Der Priester aber sprach : » Albinus ist Glied des Bundes . « - » Und sein Eid , den er dem Tyrannen geschworen ? « fragte schüchtern Scävola . - » War erzwungen und ist ihm gelöst von der heiligen Kirche . Aber nun ist es Zeit , zu scheiden . Nur noch die eilendsten Geschäfte , die neuesten Botschaften . Hier , Licinius , der Festungsplan von Neapolis : du mußt ihn bis morgen nachgezeichnet haben , er geht an Belisar . Hier , Scävola , Briefe aus Byzanz , von Theodora , der frommen Gattin Justinians : du mußt sie beantworten . Da , Calpurnius , eine Anweisung auf eine halbe Million Solidi von Albinus : du sendest sie an den fränkischen Majordomus , er wirkt bei seinem König gegen die Goten . Hier , Pomponius , eine Liste der Patrioten in Dalmatien : du kennst die Dinge dort und die Menschen : sieh zu , ob bedeutende Namen fehlen . Euch allen aber sei gesagt , daß , nach heute erhaltenen Briefen von Ravenna , die Hand des Herrn schwer auf dem Tyrannen liegt : tiefe Schwermut , zu späte Reue über all seine Sünden soll seine Seele niederdrücken und der Trost der wahren Kirche bleibt ihm fern . Harret aus noch eine kleine Weile : bald wird ihn die zornige Stimme des Richters abrufen : dann kömmt der Tag der Freiheit . An den nächsten Iden , zur selben Stunde , treffen wir uns wieder . Der Segen des Herrn sei mit euch . « Eine Handbewegung des Diakons verabschiedete die Versammelten : die jungen Priester traten mit den Fackeln aus den Seitengängen und geleiteten die Einzelnen in verschiedenen Richtungen nach den nur ihnen bekannten Ausgängen der Katakomben . Viertes Kapitel . Silverius , Cethegus und Rusticiana stiegen miteinander die Stufen hinauf , welche in die Krypta der Basilika des heiligen Sebastian führten . Von da gingen sie durch die Kirche in das unmittelbar darangebaute Haus des Diakonus . Dort angelangt überzeugte sich dieser , daß alle Hausgenossen schliefen bis auf einen alten Sklaven , der im Atrium bei einer halb herabgebrannten Ampel wachte . Auf den Wink seines Herrn zündete er die neben ihm stehende silberfüßige Lampe an und drückte auf eine Fuge im Marmorgetäfel . Die Marmorplatten drehten sich um ihre Achse und ließen den Priester , der die Leuchte ergriffen , mit den beiden andern in ein kleines , niedres Gemach treten , dessen Öffnung sich hinter ihnen rasch und geräuschlos wieder schloß . Keine Ritze verriet nun wieder , daß hier eine Tür . Der kleine Raum , jetzt mit einem hohen Kreuz aus Holz , einem Betschemel und einigen christlichen Symbolen auf Goldgrund einfach ausgestattet , hatte in heidnischen Tagen offenbar , wie die an den Wänden hinlaufenden Polstersimse bezeugten , dem Zweck jener kleinen Gelage von zwei oder drei Gästen gedient , deren zwanglose Gemütlichkeit Horatius feiert . Zurzeit war hier das Asyl für die geheimsten geistlichen - - oder weltlichen - Gedanken des Diakonus . Schweigend setzte sich Cethegus , auf ein gegenüber in die Wand eingelegtes Mosaikgemälde den flüchtigen Blick des verwöhnten Kunstkenners werfend , auf den niederen Lectus . Während der Priester beschäftigt war , aus einem Mischkrug mit hochgeschweiften Henkeln Wein in die bereitstehenden Becher zu gießen und eine eherne Schale mit Früchten auf den dreifüßigen Bronzetisch zu stellen , stand Rusticiana Cethegus gegenüber , ihn mit unwillig staunenden Blicken messend . Kaum vierzig Jahre alt , zeigte das Weib Spuren einer seltenen , etwas männlichen Schönheit , die weniger durch das Alter als durch heftige Leidenschaften gelitten hatte ; schon war hier und da nicht graues , sondern weißes Haar in ihre rabenschwarzen Flechten gemischt , das Auge hatte einen unsteten Blick und starre Falten zogen sich gegen die immer bewegten Mundwinkel . Sie stützte die Linke auf den Erztisch und strich mit der Rechten wie nachsinnend über die Stirn , dabei fortwährend Cethegus anstarrend . Endlich sprach sie : » Mensch , sage , sage , Mann , welche Gewalt du über mich hast ? Ich liebe dich nicht mehr . Ich sollte dich hassen . Ich hasse dich auch . Und doch muß ich dir folgen willenlos . Wie der Vogel dem Auge der Schlange . Und du legst meine Hand , diese Hand , in die Hand jenes Schurken . Sage , du Frevler , welches ist diese Macht ? « Cethegus schwieg unaufmerksam . Endlich sagte er , sich zurücklehnend : » Gewohnheit , Rusticiana , Gewohnheit . « » Jawohl , Gewohnheit ! Gewohnheit einer Sklaverei , die besteht , seit ich denken kann . Daß ich als Mädchen den schönen Nachbarssohn bewunderte , war natürlich ; daß ich glaubte , du liebtest mich , war verzeihlich : du küßtest mich ja . Und wer konnte - damals ! - wissen , daß du nicht lieben kannst . Nichts : kaum dich selbst . Daß die Gattin des Boëthius diese wahnsinnige Liebe nicht erstickte , die du wie spielend wieder anfachtest , war eine Sünde , aber Gott und die Kirche haben sie mir verziehen . Doch , daß ich jetzt noch , nachdem ich jahrzehntelang deine herzlose Tücke kenne , nachdem die Glut der Leidenschaft erloschen in diesen Adern , daß ich jetzt noch blindlings deinem dämonischen Willen folgen muß - das ist eine Torheit zum Lautauflachen . « Und sie lachte hell und fuhr mit der Rechten über die Stirn . Der Priester hielt in seiner wirtlichen Beschäftigung inne und sah verstohlen auf Cethegus