dem noch etwas unsicher tappenden steirischen Poeten ein freundschaftliches Verhältnis , das bis zu Heckenasts Tode ( 1878 ) währte und , nebst vielfachen moralischen Vorteilen für mich , meine materielle Existenz als Schriftsteller begründet hat . Ich ließ bei Heckenast innerhalb 8 Jahren nicht weniger als 14 Bände erscheinen , außerdem noch 6 Jahrgänge eines Volkskalenders : » Das neue Jahr « , dessen Plan und Redaktion er mir übertragen hatte . Zwei weitere Jahrgänge dieses Kalenders gab ich nach Heckenasts Tod beim Hofbuchhändler Hermann Manz in Wien heraus . Heckenast war es auch , der mir den Rat Dr. Svobodas , alle meine Bücher früher in Zeitschriften zu veröffentlichen , wiederholte . Mir war das häufige Auftauchen meines gedruckten Namens fast peinlich , aber da ich sah , daß es auch bei anderen der Fall war , die vielleicht nicht so sehr auf den Ertrag der Ware angewiesen sein mochten , beruhigte ich mich und gewöhnte mich daran , wie sich das nachsichtsvolle Publikum daran gewöhnt hat . In jenen Jahren kam mir gar nichts leichter an , als literarisches Schaffen , ja es war mir ein Bedürfnis geworden , alles was ich dachte und fühlte , niederzuschreiben . Jedem kleinen Erlebnisse entkeimte ein Gedicht , jeder bedeutendere Vorfall drängte sich mir zu einer Novelle auf und ließ mir keine Ruhe , bis die Novelle geschrieben war . Selbst in nächtlichen Träumen webten sich mir Erzählungsstoffe . Es war wohl auch einmal eine Zeit , da ich auf Jagd nach Gedanken für Gedichte , oder nach Stoffen für Novelletten ausging ; aber das war immer das Unersprießlichste . So auch taugten mir die Stoffe nicht , die ich in Büchern las oder erzählen hörte . Nur unmittelbar Erlebtes , oder was mir plötzlich blitzartig durch den Kopf ging , das zündete und entwickelte sich . Häufig ist mir der Rat erteilt worden , Wald und Dorf zu verlassen , meine Stoffe aus der großen Welt zu holen und durch philosophische Studien zu vertiefen . Ich habe das versucht , habe aus den Studien schöne Vorteile für meine Person gezogen , doch in meinen Bauerngeschichten haben sich die Spuren von Bücherstudien niemals gut ausgenommen . Nur der Geist der Toleranz und Resignation , den man aus der Geschichte der Menschen und ihrer Philosophie ziehen kann , mag meinen Büchern zu statten kommen . Weiteres fand ich nicht anwendbar , ja , es irrte und verwirrte mich und verflachte mich , wo es andere vertieft . Jedem ist es nicht gegeben . Mir ist es auch nicht gelungen , der sogenannten Welt genug Verständnis und Geschmack abzugewinnen ; vieles , worin die » gute Gesellschaft « lebt und webt , kam mir flach , leer , ja geradezu abgeschmackt vor . Und aus den gelehrten Büchern schreckte mich nur allzu oft der Dünkel und die Menschlosigkeit zurück . Aus der Philosophie der modernen Naturgeschichte , so anregend dieselbe auch wirken mag , ist für Poeten nicht viel zu holen , und wo ich mich mit meinen ländlichen Stoffen einmal dem Zeitgeist anbequemen wollte , da kamen jene Produkte zustande , von denen mein literarisches Gewissen behauptet , sie wären besser ungeschrieben geblieben . Andere haben gerade auf diesem Felde Bedeutendes geleistet , aber ich , dessen Weltanschauung wenigstens in Grundstrichen schon gezogen war , als ich aus meinen bäuerlichen Kreisen trat , vermochte in der tausendstimmigen Klaviatur des Weltlebens den rechten Ton nicht mehr zu finden . Es war mir auf solchen Wegen nicht wohl zu Mute , ein tiefes Unbefriedigtsein begann ich zu fühlen , auch hier kam etwas wie Heimweh über mich , und so habe ich zu mir gesagt : Du kehrst zurück in jene große kleine Welt , aus der so Wenige zu berichten wissen , du erzählst nicht , was du studierst , sondern was du erfahren hast , du erzählst es nicht in ängstlicher Anlehnung an ästhetische Regeln , erzähle es einfach , frei und treu . Und diesen Charakter , meine ich , soll nun die Mehrzahl meiner Schriften tragen . Bei vielen habe ich scheinbar meine Person zum Mittelpunkt gemacht , eine Form , von der sich freilich manche Beurteiler täuschen ließen , wonach sie vielleicht die starke Selbstgefälligkeit eines Autors betonten , der immer nur von sich selbst zu sprechen liebt . Ich hatte darauf gebaut , daß die Leser in meinen betreffenden Erzählungen meine Person für den Stab am Weinstock halten würden . Was sich dran und drum rankt , daß ist die Sache . Ich erzähle von Menschen , die ich kannte , von Verhältnissen , die zufällig auch die meinen waren , von Erfahrungen , die vor meinen Augen gemacht worden sind und deren Wert an ihnen selbst liegen muß . Meine Person darin läßt sich , wenn man will , in den meisten Fällen durch eine andere ersetzen . Ich selbst hätte vielleicht eine fremde Figur als Träger hingestellt , wenn ich Raffinement genug besäße , etwas , was ich persönlich erfahren oder was in mir geistig entstanden , einem anderen anzudichten . Die Unmittelbarkeit und Wahrheit hätte dadurch nicht gewonnen . Wer sich nach einer Richtung hin verkernt , der wird stets einer gewissen Einseitigkeit in Stoff und Stil verfallen , und allmählich wird man ihm » Manierirtheit « zum Vorwurfe machen . Die Gefahr , manierirt zu werden , ist gerade bei solchen Autoren , die man Originale nennt , vorhanden ; ich suchte mich vor ihr zu hüten , indem ich sie mir stets vor Augen hielt . Man nebelt wohl lange zwischen Extremen herum , bis man zur Einsicht kommt , daß das Natürlichste das Beste ist . Ich bin von der Kritik belobt worden . Besondere Anerkennung hat aber meine große Fruchtbarkeit gefunden ; wo noch ein Weiteres getan wurde , da stand gerne von » Ursprünglichkeit « und » Waldfrische « zu lesen . Glimpflicher ist wohl kaum einer weggekommen , als ich , so daß mir nach Heckenasts Tode einer meiner Verleger ganz unwirsch schrieb : » Machen Sie doch , daß Sie endlich einmal ein Buch fertig bringen , welches ordentlich verrissen wird , sonst müßte ich für die Zukunft ihre Manuskripte ablehnen . « Und der Mann hat , als das nächste Buch die Rezensenten auch wieder » so waldduftig und taufrisch anmutete « , wirklich abgelehnt . Allerdings haben kirchliche Fachblätter daran Ärgernis genommen , daß ich in meinen Schriften das allgemein Menschliche und Gute befürwortete , daß ich die Gebote Gottes höher stellte als die der Kirche , aber sie haben das genommene Ärgernis auch redlich wieder gegeben , und zwar durch die niedrige Art und Weise ihrer Angriffe . Auch andere Kreise und Stände haben sich zeitweilig von meiner rücksichtslosen Meinungsäußerung hart verletzt gefühlt . So mitunter Advokaten , Ärzte , Jäger , Lehrer , Studenten und Professoren , auch Journalisten , Gewerbsleute und Geldmänner - alle habe ich schon beleidigt , doch viele haben mir der ehrlichen Absicht willen nicht bloß die Irrtümer , sondern auch die Wahrheiten wieder verziehen . Wer aber nicht verträglich sein kann , wer keinen anderen Standpunkt , als den eigenen gelten lassen will , das sind die theoriestarren Parteifanatiker , die deshalb für den Dichter auch gar nicht vorhanden sein sollen . Nach dem Eintritt in die städtischen Kreise , in die Welt , ist eine bemerkenswerte Wandlung in mir vorgegangen . Ich war nämlich enttäuscht . Ich hatte dort eine durchschnittlich bessere Art von Menschen zu finden gehofft als im Bauerntume , stieß aber überall auf dieselben Schwächen , Zerfahrenheiten , Armseligkeiten , aber auf viel mehr Dünkel und falschen Schein . Und diesen geschulten und raffinierten Leuten konnte ich die Niedertracht viel weniger verzeihen als dem Bauer . Es begann in mir eine Art von Mißtrauen gegen die so laut gepriesene Bildung und Hochkultur aufzukommen . Ich wendete mich schon darum mit Vorliebe den Naturmenschen zu . Selbstverständlich bin ich der Roheit auch im Bauerntume ausgewichen so gut es anging , und habe an ihm nur das Menschliche und Seelische in meinen Schriften zu fixieren gesucht . Das Elend , dem nicht zu helfen ist , kann kaum Gegenstand eines poetischen Werkes sein . Meine Schilderungen und meine Novellen aus dem Volksleben mögen sich hier und da scheinbar widersprechen ; der Grund liegt darin , daß ich als Schilderer meine Stoffe aus der Regel , als Novellist meine Stoffe aus den Ausnahmen gezogen habe . Im Ganzen glaube ich die Ausdehnung und Bedeutung meines Gebietes erfaßt zu haben und die enge Beschränkung meines Talentes zu erkennen . Jenen , die mich darum etwa bedauern , sei bemerkt , daß ich mich in dieser Beschränkung niemals beengt , sondern stets frei , reich und zufrieden gefühlt habe . Was ich jedoch fortwährend vermißte , das ist die Schulung , den gründlichen und systematischen Unterricht in der Jugend . Das läßt sich nicht mehr nachholen . In den Lehrbüchern unbewandert , hat man oft das Einfachste und Wichtigste für den Augenblick des Bedarfes nicht zur Stelle . Ein Beispiel aus der Grammatik : Ich kann über keine Deklination und Konjugation , über keine Wortbezeichnung und über keinen Satzbau wissenschaftlich Rechenschaft geben . Ich habe z.B. das Wort Anekdote wohl schon dreihundertmal geschrieben und weiß es heute noch nicht auf den ersten Moment , ob man Anektode oder Anekdote schreibt . So fehlte mir auch jene gewisse , für schriftstellerische Arbeiten so vorteilhafte Gewandtheit , die aus allen Werken und Schriften rasch das Fördernde und Passende herauszufinden und zu verwerten weiß ; das Studium ging , ohne mir seine Form als Handhabe zu überlassen , allerdings sachte in mein Blut über , so daß mitunter manches , was ich aus mir selbst zu schöpfen glaubte , fremden Ursprungs sein mag , während ich nicht leugnen will , daß anderes , was ich aus irgendwelchen Gründen mit fremdem Siegel versah , aus mir selbst gekommen ist . In der ersten Zeit meiner schriftstellerischen Tätigkeit hat mich wohl auch die Eitelkeit ein bißchen geplagt . Die Rezensionen über meine Arbeiten fochten mich nur wenig an . Waren sie schmeichelhaft , so hielt ich ' s für selbstverständlich , daß man mit mir Rücksicht habe , daß man mein Wollen anerkenne und ermuntere . Waren die Rezensionen absprechend , so konnte es mich auch nicht wundern , daß man meine vielleicht schülerhaften , jedenfalls noch unreifen Erzeugnisse bemängelte . Ich hatte über mich keine Meinung , und so sehr mich meine Dichtungen während ihres Entstehens begeisterten , so gleichgültig waren sie mir , nachdem ich sie vom Halse hatte . Als aber später verschiedenerlei Auszeichnungen kamen , Lobpreisungen vom Publikum , schmeichelhafte Zuschriften und Ehren von bedeutenden Persönlichkeiten , Huldigungen von Korporationen , Gemeinden usw. , da drohte mich einmal der Wirbel zu überkommen . Aber nur vorübergehend . Im Hinblick auf die Geschichte wirklich hervorragender Männer , die man nicht gefeiert , sondern gelästert hat , in Anbetracht der verschiedenen Ursachen , Höflichkeitssitten , des Lokalpatriotismus oder etwa eines versteckten Eigennutzes , wurde mir die Inhaltslosigkeit eines solchen Gefeiertwerdens bald klar . Und wenn ich den Tag erlebe , da jene , die den » steirischen Dichter « einst vergötterten , ihn vergessen oder mißachten werden , so kann mich das nicht mehr treffen . Liegt in meinen Schriften Wert , so werden sie sich durchschlagen ; liegt keiner drin , so ist das rasche Vergessenwerden der natürliche und beste Verlauf . Selbstverständlich freue ich mich offenmütiger Bezeugungen von Wohlwollen und Ehren , solche sind mir stets eine Bestätigung des wohltuenden Eindruckes , den ich durch meine Schriften auf die Mitmenschen gemacht . Ich gestehe allerdings , daß meine schriftstellerische Tätigkeit längst nicht mehr ohne Absicht ist ; ich will mitarbeiten an der sittlichen Klärung unserer Zeit . Habe ich Beifall , so wird er mich der Sache wegen freuen , wird mich der Freunde und Stütze berechtigen , deren ich bedarf . Im Januar 1872 starb meine Mutter . Sie hatte noch Freude gehabt an meiner neuen Lebensbahn , die sie aber nicht begriff . Das Heimatshaus war den Gläubigern verfallen , sie starb nach jahrelangem Siechtum in einem Ausgedinghäuschen , das einsam zwischen Wäldern stand . Mein Vater zog später ins Mürztal , wo ihm nach mancherlei neuerlichen Drangsalen ein freundlicheres Daheim gegeben wurde . Einige Zeit nach dem Tode der Mutter hatte es den Anschein , als wenn ich das Siechtum von ihr geerbt hätte . Ich kränkelte , konnte auf keine hohen Berge steigen und war schwerfällig in meinen Studien und Arbeiten . Heckenast lud mich auf sein Landgut zur Erholung . Aber dort wurde mir trotz der allerbesten Pflege und liebevollsten Behandlung noch übler , und schon nach wenigen Tagen mußte ich meinem Freunde gestehen , daß ich Tag und Nacht keinen Frieden hätte , daß ich heim müsse ins Waldhaus . Da fuhr Heckenast selbst mit in die Steiermark herein und um reiste , um mich zu zerstreuen , mit mir in Kreuz und Quer durch das schöne Land . In demselben Sommer war es , als mir auf dem Waldwege nach meiner Heimat Alpel etwas Außerordentliches begegnete . Nämlich ein zwanzigjähriges Mädchen aus Graz , das mit seiner Freundin eine Bergpartie nach Alpel machte , um das Geburtshaus des Lieblingspoeten zu sehen . Sie glaubte mich auf einer Reise in weiten Landen und hatte mich vorher auch nicht persönlich gekannt . Die Liebe hat mich in meiner Jugend oft geneckt , und ich sie , wie es in meinen Schriften sattsam zu sehen . Aber als sie plötzlich da war , wirklich erschien - da war sie mir unerhört neu und gewaltig . - Die Folge jener Begegnung auf dem Waldwege ist , daß ein Jahr später ( 1873 ) im Waldkirchlein Mariagrün bei Graz Anna Pichler und ich uns fürs Leben die Hände reichen . Nun kam für mich eine glückliche Zeit . Ich war wieder gesund . Wir führten ein ideal schönes häusliches Leben in Graz . Anna war die echte Weiblichkeit und Sanftmut , und ihre weiche heitere Seele regte mich zu den besten poetischen Schöpfungen an , deren mein begrenztes Talent überhaupt fähig war . In jenen zwei Jahren sind auch » Die Schriften des Waldschulmeisters « entstanden . Nach einem Jahre wurde uns ein Söhnchen geboren , in welchem sich unser Glück zur denkbarsten Höhe steigerte . Im zweiten Jahre kam ein Töchterlein , und zwölf Tage später ist mir mein Weib gestorben . Ich begann wieder zu reisen , aber allemal schon nach kurzer Zeit zog ' s mich zu den Kindern zurück . Ich begann wieder zu kränkeln ; zu größeren Arbeiten fehlte mir die Stimmung , und doch mußte ich nach einer strengeren , zerstreuenden Tätigkeit suchen . Nun fiel mir damals ein alter Lieblingsplan ein , eine Monatsschrift für das Volk herauszugeben , mit der Tendenz , den Sinn für Häuslichkeit , die Liebe zur Natur , das Interesse an dem Ursprünglichen und Volkstümlichen wieder zu wecken . Ich begründete 1876 die Monatsschrift » Heimgarten « und fand an der altrenommierten Firma Leykam in Graz einen tüchtigen Verleger . Mir gelang es , die meisten meiner literarischen Bekannten und Freunde , als Robert Hamerling , Ludwig Anzengruber , Eduard Bauernfeld , Alfred Meißner , Rudolf Baumbach , August Silberstein , Friedrich Schlögl , ja die besten Autoren der Zeit überhaupt zu Mitarbeitern des neuen Blattes zu gewinnen , das heute noch besteht , geleitet von meinem Sohne Hans . Zu einer weiteren Tätigkeit veranlaßten mich verschiedene Körperschaften des In- und Auslandes , die mich einluden , in ihren Kreisen Vorlesungen aus meinen Werken in steirischer Mundart zu halten , womit ich schmeichelhafte Erfolge erzielte . Das wirkte ermunternd auf meinen Gemütszustand . ( An dreißig Jahre lang hielt ich nachher solche Vorlesungen , die endlich wegen sich steigernder Kränklichkeit aufgegeben werden mußten . ) Trotz der unterschiedlichen Obliegenheiten und Aufgaben war ich unstet und haltlos . Die Freude an meinen wohlgearteten , gedeihenden Kindern hatte zu viel Schmerz in sich . Den kleinen Haushalt führte mir eine meiner Schwestern . Vielen Dank schulde ich den Eltern meiner verstorbenen Gattin , welche mir in dieser harten Zeit liebevoll beigestanden sind . Auf tatkräftiges Anraten Heckenasts entschloß ich mich 1877 , unweit von dem mehr und mehr in Wald verfinkenden Alpel mir und den Kindern ein neues Heim zu schaffen . Ich baute in Krieglach ein kleines Wohnhaus , wo ich die Sommermonate zuzubringen pflege , während ich die Winter stets in Graz verlebe . Die Sorgen und das Vergnügen , sowie die kleinen körperlichen Arbeiten , welche das neue Häuschen verursachte , taten mir wohl . Im Jahre 1878 erfolgte der Tod meines Freundes Gustav Heckenast , nach welchem ich meine Vereinsamung neuerdings hart empfand . Ich hatte ihn jährlich mehrmals in Preßburg besucht , wohin er übersiedelt war ; er kam zu mir nach Steiermark , oder wir gaben uns in Wien ein Stelldichein . Auch standen wir in lebhaftem Briefwechsel , und seine Briefe enthalten Schätze von Herzlichkeit und Weisheit . In meiner Betrübnis über den neuen Verlust mied ich die Menschen und strebte am liebsten den finsteren Wäldern zu und schaute andererseits doch wieder nach Genossen und Freunden aus . In der Haltlosigkeit eines unsteten Gemütes war mein Tun und Lassen nicht immer zielbewußt , woraus mir manches Leid entstand - mir und anderen . - Da nahm es eine neue Wendung . In Krieglach lebte den Sommer über die Familie Knaur aus Wien , die mir mit großer Freundlichkeit entgegenkam und der ich gerne nahte . Die Anmut , sowie die Vorzüge des Geistes und des Herzens der Tochter Anna veranlaßten in mir neuerdings die Sehnsucht nach einem verlorenen Glücke . Anna wurde ( 1879 ) mein Weib , und so hat sich der Kreis der Familie wieder geschlossen , dessen Wärme und Frieden für meine Existenz , sowie für meine geistige Tätigkeit das erste Bedürfnis ist . Das Bild eines neuen , freundlichen Lebens breitete sich vor meinen Augen aus ; ein zweites Söhnlein und unlang hernach zwei Töchterlein kamen , und sie erfüllten mich mit neuen Zukunftsträumen . Im Jahre 1880 bewarb sich die bekannte Firma Hartleben in Wien um den Verlag meiner Werke , die dann nach meinem Rückkauf der Heckenastschen Rechte ihr übertragen wurden . Die in den ersten Jahren sich freundlich gestaltete Verbindung mit Hartleben mußte wegen Differenzen geschäftlicher und autorrechtlicher Natur 1893 gelöst werden . In diesem Jahre schloß ich einen Vertrag mit dem Hause L. Staackmann in Leipzig , das später auch meine Bücher aus dem Hartleben-Verlage erworben hat . So war ich auf ein ruhiges , sorgloses Geleise gekommen , und in dem wahrhaft freundschaftlichen Verhältnisse , das zwischen Staackmann und mir sich herausgebildet hat und das in den zwanzig Jahren durch keinen Hauch getrübt worden ist , habe ich meine Arbeitsfreudigkeit wieder gewonnen und meine reiferen Bücher geschrieben . In meinem äußeren Leben hat sich nicht mehr viel Neues zugetragen . Den Frieden eines behaglichen Heims wahren mir Frau und Kinder , und beleben mir zeitweilig vier muntere Enkel . Also ist aus dem Waldbauernbübel der Guckinsleben , aus diesem der Schneiderbub , aus diesem der Student , aus diesem der Schriftsteller , und aus diesem endlich der Großvater geworden . Innerlich aber ist mir beinahe ganz so wie in den fernen Jugendtagen . - - So weit ist meine Lebensgeschichte vor Jahren aufgeschrieben worden . Seither haben sie viele andere nacherzählt , und wohl mit unbefangenerem Blick und größerem Geschick als ich tun konnte . Ich selbst habe noch das Buch » Mein Weltleben « , ersten und nun auch zweiten Band , geschrieben , in dem an die Jugend anknüpfend tiefer gründende Abschnitte meines seitherigen Lebens dargestellt werden . Immer von neuem drängt mich meine Seele zur Arbeit , und immer von neuem mahnt mich mein erschöpfter Körper zur Rast . Es ist aber schwer zu ruhen , wenn man als Mensch noch so vieles zu tun , als Schriftsteller noch so Manches zu sagen hätte ! Ich ging als Schriftsteller einen Weg , der , wie sich ' s zeigte , nicht viel betreten war ; ich fühlte mich auf demselben oft vereinsamt , aber ich bin nicht umgekehrt . Mir scheint nicht alles was wahr ist wert , vom Poeten aufgeschrieben zu werden ; aber alles , was er aufschreibt , soll wahr und wahrhaftig sein . Und dann soll er noch etwas dazugeben , was versöhnt und erhebt ; denn wenn die Kunst nicht schöner ist als das Leben , so hat sie keinen Zweck . Furchen ziehen durch die Äcker der Herzen , daß Erdgeruch aufsteige , dann aber Samen hineinlegen , daß es wieder grüne und fruchtbar werde - so wollt ich ' s halten . Ich habe es mit meinen Mitmenschen ja gut gemeint . Allerdings , sie haben mich oft verdrossen . Obgleich ich das Glück hatte , zumeist mit vortrefflichen Charakteren umzugehen , so habe ich doch auch die Niederträchtigkeit kennen gelernt und gesehen , mit welcher Wollust die Menschen imstande sind , sich gegenseitig zu peinigen - Schändlichkeiten und Übeltaten stets unter einem schönen , wenn nicht gar geheiligten Deckmantel verhüllend . Ich habe Zeiten durchlebt , da ich es für die größte Narrheit hielt , den Leuten Gutes tun zu wollen . Aber , wenn ich ihr Elend sah und das Übermaß ihrer Leiden , da dauerten sie mich . Ich bin ja einer von ihnen . Ich sehe den Jammer einer jahrtausendelangen Geschichte , den sie sich selbst im blinden Ringen nach glücklicheren Zeiten gemacht haben . Aber ich sehe auch , daß wir heute lange nicht auf dem rechten Fleck stehen . Lieber nach vorwärts und ins Ungewisse hineinstürmen , als hier stehen bleiben ! Aber wenn ich sehe , wie im rasenden Flug , oder sagen wir , in der rasenden Flucht nach » vorwärts « das Gemüt zu Schaden kommt , dieses unser größtes Gut , und ich keinen Ersatz dafür zu ahnen vermag , so blase ich zur Rückkehr in die Wildnisse der Natur , zu jenen kleinen , patriarchalischen Verhältnissen , in welchen die Menschheit noch am natürlichsten gelebt hat . Und wenn das auch nicht geht , weil ' s nicht gehen kann , dann .... ! Nein doch , ich vertraue der Zukunft . Es werden Stürme kommen , wie sie die Welt noch nicht gesehen ; aber wenn wir die großen Anbilder und Tugenden der Besten unserer Vorfahren und der Wenigen von heute , die Schlichtheit , die Opferwilligkeit , den Familiensinn , den Frohsinn , die Liebe , die Treue , die Zuversicht in die Zukunft hinüberzutragen vermögen , um sie neu zu beleben und zu verbreiten , dann wird es gut werden . Ich habe mein schwaches Talent nicht vergraben . Ich habe mich nicht betören lassen von jener Lehre , daß der Poet neben dem Schönheitsprinzipe keine Absicht haben solle , und auch nicht von jener , die im Dichterwerk nur Zweck will , sei es nach dem Moralischen oder dem Materiellen hin . Ich habe die Gestalt genommen , wie sie das Leben gab , aber sie nach eigenem Ermessen beleuchtet . Ich habe die hellsten Lichtpunkte dorthin fallen lassen , wo ich glaube , daß das Schöne und Gute steht , damit entschwindende Güter wieder ins Auge und Herz der Menschen dringen möchten . Des Niedrigen habe ich gespottet , das Verderbliche bekämpft , das Vornehme geehrt , das Heitere geliebt und das Versöhnende gesucht . Mehr kann ich nicht tun . Soll es nun heute sein , oder in noch späteren Tagen , willig mag ich meinen morschen Wanderstab zur Erde legen , willig meinen Namen verhallen lassen , wie des heimkehrenden Älplers Juchschrei verhallt im Herbstwind . Aber ich - ich selbst möchte mich an dich , du liebe , arme , unsterbliche Menschheit klammern und mit dir sein , durch der Jahrhunderte Dämmerung hin - und Weg suchen helfen - den Weg zu jener Glückseligkeit , die das menschliche Gemüt zu allen Zeiten geahnt und gehofft hat . Peter Rosegger . » Weg nach Winkelsteg . « Diese Worte standen am Holzarm . Aber der Regen hatte die altförmigen Buchstaben schier verwaschen und der Balken selbst wackelte im Wind . Ringsum ist struppiger Tannenwald ; über demselben stehen ein paar uralte Lärchen empor , deren kahles Geäste weit hineinragt in den Himmel . In der Tiefe einer felsigen Schlucht braust Gewässer . Unzähligemale hat die alte Bergstraße mittels schiefer , halb eingesunkener Holzbrücken über diesen Alpenbach geführt , bis da herein , wo der Bergwald rechts sich lichtet und zwischen den Wipfeln zum erstenmale die Gletscher niederleuchten auf den Wanderer , der aus bevölkerten Gegenden kommt . Der Wildbach gießt von den Gletschern her . Die Straße aber wendet sich links , milderen Waldgeländen zu , um nach Öden und Wildnissen endlich wieder in belebte Ortschaften einzuziehen . Dem Flußgebiet entlang zieht nur ein verschwemmter steiniger Hohlweg , über welchen der Sturm Fichtenstämme geworfen hatte , die nun seit Jahrzehnten lehnen und dorren . Hier am Scheidewege auf dem Felsen stand ein hohes hölzernes Kreuz mit drei Querbalken und den bildlich dargestellten Marterwerkzeugen , der heiligen Leidensgeschichte , als : Speer , Schwammstab , Zange , Hammer und den drei Nägeln . Das Holz war wettergrau und bemoost . Eng daneben stand der Balken mit dem Arme und der Inschrift : » Weg nach Winkelsteg « . Dieses Zeichen wies den verwahrlosten steinigen Weg mit dem Gefälle - gegen das enge Hochtal , in dessen Hintergrunde die Schneefelder liegen . In fernster Höhe , über den licht sich hinziehenden Schneetüchern ragt ein grauer Kegel auf , an dessen Spitze Nebelflocken hängen . Ich saß auf einem Felsblock neben dem Kreuze und blickte zu jener grauen Spitze empor . Das war der weit und breit berühmte und berüchtigte graue Zahn - das Ziel meiner Gebirgsreise . Als ich so dasaß , hauchte jenes Gefühl durch meine Seele , von dem kein Mensch zu sagen weiß , wie es entsteht , was es bedeutet und warum es so sehr das Herz beklemmt , gleichsam mit einem Panzer der Ergebung umgürtet , auf daß es gerüstet sei gegen Etwas , das kommen muß . Ahnung nennen wir den wundersamen Hauch . Ich hätte vielleicht noch länger geruht auf dem Steine und dem Tosen des Wildwassers gelauscht ; allein mir schien , als strecke sich Holzarm immer länger und länger aus , und zum Mahnrufe wurden mir die Worte : » Weg nach Winkelsteg « . Und wahrhaftig , als ich mich erhob , da sah ich , daß mein Schatten schon ein gut Stück länger war , als ich selbst . Und wer weiß , wie weit ab es noch lag , das letzte und kleinste Dorf Winkelsteg . Ich ging rasch und sah nicht viel um . Ich merkte nur , daß die Wildnis immer größer wurde . Rehe hörte ich röhren im Wald , Geier hörte ich pfeifen in der Luft . Es begann zu dunkeln , und es war noch nicht Zeit zum Nachten . Über dem Gebirge lag ein Gewitter . Ein halb ersticktes Murren war zu hören , und nicht lange , so erhob sich ein Grollen und Rollen , als ob all die Felsen und Eiswuchten des Hochgebirges tausend- und tausendfach aneinander prallten . Die Bäume über mir bogen sich mächtig hin und her und in den breiten Blättern eines Ahorn rauschten schon die großen eiskalten Tropfen . Das Gewitter ging bis auf diese wenigen Tropfen vorüber . Weiter drin aber mußte es ärger gewesen sein , denn bald brauste mir im Hohlweg ein wilder Gießbach mit Erde , Steinen , Eis- und Holzstücken entgegen . Ich rettete mich an die Lehne hinan und kam mit großer Mühe vorwärts . Über der Gegend lag nun Nebel und an den Ästen der Tannen stieg er nieder bis zu dem feuchten Heidekraut des Bodens . Als er gegen die Abenddämmerung ging und als die Waldschlucht sich ein wenig weitete , kam ich in ein schmales Wiesental , dessen Länge ich des Nebel wegen nicht ermessen konnte . Die Matten waren bedeckt mit Eiskörnern ; der Bach hatte sein Bett überschritten und hatte die Brücke fortgerissen , die mich hätte hinübertragen sollen auf das jenseitige Ufer , von wo mir durch das Nebelgrauen ein weißes Kirchlein und die Bretterdächer einiger Häuser zuschimmerten . Es war frostig kalt . Ich rief hinüber zu den Leuten , die am Wasser arbeiteten , Holzblöcke auffingen und den Fluß zu regeln suchten . Sie schrien mir die Antwort zurück , sie könnten mir nicht helfen , ich müsse warten , bis das Wasser abgelaufen sei . Bis so ein Gießwasser abläuft , das kann die ganze Nacht währen . Ich wage es und will durch den Fluß waten . Aber als sie drüben diese meine Absicht bemerken , winken sie mir warnend ab . Und bald stemmt ein großer , hagerer , schwarzbärtiger Mann eine Stange an und schwingt sich mittels derselben zu mir herüber . Dann häuft er hart am Ufer einige Steine übereinander und legt auf dieselben das Brett , welches die anderen über die Fluten herüberschieben . - Dann nahm er mich an der Hand und sagte : » Nur fest anhalten ! « und führte mich über das schaukelnde Brett an das andere Ufer . Während wir über dem Wasser schwebten , hub das Aveglöcklein an zu klingen und die Leute zogen ihre Hüte ab . Der große schwarze Mann geleitete mich über die knisternden Eiskörner zum Dörfchen hinan . » So ist es , « brummte er unterwegs , » läßt der Herrgott was aufwachsen , haut ' s der Teufel wieder in die Erden hinein . Die Kohlpflanzen sind hin bis auf Stammel ; und das letzte Stammel auch . Der Hafer liegt auf dem Hintern und reckt seine Knie gegen den