den Träger jenes Namens zu hören . Zudem beruhigte es mich , daß die fremden Herren Heinzens Bemerkung nicht gehört hatten . Mit den » phönizischen Anführern « waren zwei zündende Funken in die Seele des Professors gefallen . Offenbar ein Gegner dieser Hypothese , verfocht er seinen Standpunkt in leidenschaftlich heftiger Rede , welcher der junge Mann mit pflichtschuldiger Aufmerksamkeit folgte . Der Herr im braunen Hut dagegen beteiligte sich weniger an den gelehrten Auseinandersetzungen . Ruhigen Schrittes wandelte er auf und ab . Er sah lange in das aufgebrochene Hünengrab ; später bestieg er den Hügel und übersah die weite Ebene . Inzwischen war die lodernde Abendröte erblaßt und sank am Horizont in tiefvioletten Tinten zusammen ; nur an dem langen dünnen Wolkenstreifen , der sich wie ein dräuender Arm über die entweihte Totenstätte reckte , lief noch ein rötlicher Hauch hin . Der falsche Flitter eines vergänglichen Schauspiels verflog , und droben breitete sich wieder der ernste Himmel in verdunkeltem Blau . Nun trat auch die bleiche Mondsichel , dieser scheinbare Nebelfleck , den das allgemeine Glutmeer völlig verschlungen hatte , wieder hervor und fing an , sich schwach golden zu färben . Der Herr auf dem Hügel zog seine Uhr hervor . » Es ist Zeit zum Aufbruch ! « rief er hinab . » Wir brauchen eine volle Stunde , ehe wir den Wagen erreichen ! « » Ja , Onkel , leider Gottes eine starkgemessene Stunde ! « antwortete der junge Mann . » Ich wollte , wir hätten dies verwünschte Heidegestrüpp bereits hinter uns , « sagte er mit einem Blick auf seine feinbekleideten Füße mißmutig zu dem Professor , der seine Rede unter einem nachdrücklichen » Eh , wir werden ja sehen ! « eiligst geschlossen hatte . » Müssen wir wirklich auf dem heillos schlechten Wege wieder zurück ? « » Ich weiß keinen besseren ! « versetzte achselzuckend der Gelehrte . Der andere ließ seine Augen finster über die weite Fläche hingleiten . » Es ist so still , die Heide liegt Im warmen Mittagssonnenstrahle « - recitierte er mit spöttischem Pathos . » Ich begreife nicht , wie man die Heide besingen kann . Mir würde der poetische Gedanke im Gehirn , das schildernde Wort im Munde erstarren ... Ist es Ihnen wirklich Ernst mit Ihrer Vorliebe für diese furchtbare Einöde , Herr Professor ? Ich bitte Sie , dann zeigen Sie mir etwas anderes , als Heide und abermals Heide , dieses entsetzliche braune Gespenst ! Hören Sie auch nur einen Ton aus einer Vogelkehle ? Und wohin verkriecht sich das menschliche Leben und Treiben , das doch durchaus existieren soll ? Steckt es unter der Erde ? ... Ich kann mir nicht helfen , Ihre Heide ist das ausgestoßene Kind Gottes in brauner Kutte ! « Der Professor sagte kein Wort . Er schob nur den jungen Mann um einige Schritte seitwärts , dahin , wo die Lehne des Hügels rasch abfiel , faßte ihn an den Schultern und ließ ihn über den Hügel hinweg nach Süden sehen . Dort lag der Dierkhof . Sein festes schweres Dach , mit der Heidegarnitur unter jeder Ziegelreihe , hob sich stattlich inmitten vier mächtiger Eichen . Kräftige Rauchwolken , an brodelnde Töpfe auf dem wohlbesetzten Herd erinnernd , wirbelten durch die Aeste und zerflossen in der weichen Sommerluft , hoch über der schwarzweißen Frau Störchin , die , die nackten Beine im Reisernest , nachdenklich den roten Schnabel über die helle Brust hängen ließ . Es war noch hell genug , daß man das tiefe Grün der sorgfältig gepflegten Rieselwiesen und ein schwaches Glimmen hinter der Garteneinhegung erkennen konnte - es sah aus , als sei dort ein Widerschein des farbensprühenden Abendhimmels liegen geblieben - das waren Ilses Lieblinge , die dickköpfigen orangegelben Ringelblumen ... Und da trabte eben auch Mieke , jedenfalls sehr satt und sehr gelangweilt , auf eigene Faust heimwärts . Sie blieb einen Augenblick dumm und faul vor dem gastlich offenen , hochgewölbten Hausthor stehen und besann sich , ob sie hineingehen solle - dies prächtige Tier vervollständigte das Bild ländlicher Wohlhabenheit . » Sieht das aus , als ob schwachsinnige Troglodyten dort hausten ? « fragte lächelnd der Professor . » Und kommen Sie in einem Monat wieder , wenn die Heide blüht , wenn sie purpurn flimmert und schimmert ! Dann ist sie märchenhaft ! Noch später aber trieft sie von flüssigem Gold , von dem Golde des Honigs - und was wollen Sie ? Das ausgestoßene Kind Gottes schmückt sich wie ein Königstöchterlein - viele der kleinen dunklen Heidebäche , wie Sie dort drüben einen sehen , haben Perlen . « » Ja , Milliarden Wasserperlen , die ins Meer fließen ! « lachte der junge Herr . Der Professor schüttelte ungeduldig den Kopf . Ich hatte ihn auf einmal herzlich lieb , den Mann , trotz seines vertrockneten Gesichts , seiner vielen Fremdwörter und der häßlichen , rasselnden Blechbüchse auf dem Rücken . Er verteidigte ja meine Heide , er hatte mit wenigen Worten den ganzen Zauber und Segen , den sie atmete , zur Geltung gebracht . Der junge Spötter mit dem verächtlich lächelnden Munde aber , der mir mit jedem seiner Worte auf das Herz trat , er mußte beschämt werden . Ich weiß noch heute nicht , woher ich den Mut nahm , aber ich stand plötzlich an seiner Seite und hielt ihm schweigend die Hand hin , in der fünf Perlen lagen . Mir war , als sei ich auf glühende Kohlen getreten ; ich fühlte , wie mir die Lippen zitterten vor Scheu und Angst , und meine Augen hingen fest am Boden . Es wurde dunkel um mich her , man umringte mich ; der Herr , der inzwischen vom Hügel niedergestiegen war , die Arbeiter , alle kamen heran , und neben mir sah ich Heinzens riesenhafte Schuhe . » Na , nun sehen Sie mal , Herr Claudius , das Kind da will Sie überführen ! ... Brav , mein Töchterchen ! « rief überrascht und vergnügt lachend der Professor . Der junge Herr sagte kein Wort . Vielleicht war er erstaunt über die Dreistigkeit , mit der sich das Kind der Heide im groben Leinenhemd und kurzen Wollröckchen neben ihn stellte . Langsam , ich meinte , mit Widerwillen griff er herüber - und jetzt erschrak ich erst recht bis ins Herz und schämte mich . Unter diesen elfenbeinweißen schlanken Fingern mit den mattglänzenden Nägeln erschien meine sonnenverbrannte Hand völlig kaffernbraun ; sie zuckte unwillkürlich zurück , und um ein Haar hätte ich die Perlen verschüttet . » Wahrhaftig , sie sind noch nicht durchbohrt ! « rief er und ließ zwei der winzigen Kügelchen über seine Handflächen rollen . » Form und Farbe lassen freilich viel zu wünschen übrig - sie sind sehr grau und unregelmäßig , « entschuldigte der Professor . » Es sind eben kleine Barockperlen ohne sonderlichen Wert ; aber sie bleiben immerhin eine interessante Erscheinung . « » Ich möchte sie gern behalten , « sagte der junge Mann ; das klang wie eine höfliche Bitte . » Nehmen Sie , « antwortete ich kurz , ohne aufzusehen ; ich meinte , man müsse in jedem Wort mein Hasenherz klopfen hören . Er las behutsam die übrigen Perlen von meiner Hand auf , und jetzt sah ich , wie der Herr im braunen Hut , der vor mir stand , ein glänzendes Gewebe , in welchem es leise klirrte , aus der Tasche zog . » Hier , mein Kind , « sagte er und legte mir fünf große , runde , hellglänzende Stücke in die Hand . Zu ihm schlug ich die Augen auf . Ich sah eine breite Hutkrempe , die das halbe Gesicht verdeckte , dann kam eine große blaue Brille , von der ein leichenhafter Schein auf die Wangen fiel . » Was ist das ? « fragte ich , bei aller Befangenheit doch ergötzt durch das Geflimmer und die Form der fremdartigen Dinger . » Was das ist ? « wiederholte der Herr erstaunt . » Wissen Sie denn nicht , was Geld ist , kleines Mädchen ? Haben Sie noch keinen Thaler gesehen ? « » Nein , Herr , das weiß sie nicht , « antwortete Heinz mit väterlicher Autorität für mich . » Die alte Frau leidet kein Geld im Hause ; was sie findet , wirft sie ohne Gnade in den Fluß . « » Wie ? ... Und wer ist denn diese seltsame alte Frau ? « fragten die drei Herren fast zugleich » Nu , dem Prinzeßchen seine Großmutter . « Der junge Mann lachte laut auf . » Diesem Prinzeßchen ? « fragte er und zeigte auf mich . Ich ließ die Silberstücke auf den Boden hinrollen und entfloh ... Böser , böser Heinz ! ... Aber warum hatte ich ihm auch die Geschichte von der überaus zarten und feinen Prinzessin auf dem Erbsen-Prüfstein erzählt , und warum hatte ich ' s gelitten , daß er mich seitdem » Prinzeßchen « titulierte , weil er sich einbildete , es gäbe nichts Kleineres und Feineres , als das leichtfüßige Menschenkind , das an seiner Seite die Heide durchstreifte ! Ich lief wie gehetzt heimwärts . Das Spottgelächter des jungen Mannes jagte mich , und ich hatte das dunkle Gefühl , als würde es mir nicht mehr in den Ohren klingen , wenn ich meinen Kopf unter das Dach des Dierkhofes stecken könnte . Unter dem Hausthor stand Ilse und schaute offenbar nach mir aus ; denn Mieke war ja allein heimgekommen . Meine Blicke klammerten sich schon von ferne förmlich an die Gestalt , die in harten , eckigen Umrissen aus dem Dämmerdunkel der hinter ihr sich lang hinstreckenden Tenne hervortrat ... Wie hatte ich den blonden Kopf dort so lieb ! Er war genau so strohgelb , wie Heinzens ausgedörrte Schläfenhaare , und die Scheitellinie entlang strebte stets eine eigensinnig krause Wolke aufwärts . Ilse hatte auch dieselbe scharfkantige Nase wie ihr Bruder , und das gesunde frische Blut , das ihr die Backenknochen schön rot lackierte ; aber die Augen , die scharfen Augen , die Bruder Heinz so ängstlich respektierte , sie waren anders , und als ich näher herankam , gefielen sie mir nicht . » Bist du toll geworden , Leonore ? « rief sie mir in ihrer gewohnten knappen Kürze zu - sie war böse , so böse , wie sie bei ihrem außerordentlich festen inneren Gleichgewicht überhaupt werden konnte - , denn sie nannte mich beim Namen , und das geschah nur , wenn sie zürnte . Dann schwieg sie und zeigte nur streng auf den Fleck , wo ich stand . Mein Blick glitt hinab , und da sah ich allerdings etwas , das auch mir äußerst fatal war , nämlich meine nackten Füße . » Ach , Ilse , Schuhe und Strümpfe liegen noch am Fluß ! « sagte ich niedergeschlagen . » Unverstand ! ... Gleich holen ! « Sie schwenkte um und schritt nach dem Herd zurück , der , zwar nach moderner Art als Sparherd eingerichtet , doch seine altgewohnte Stelle im echt niedersächsischen Hause , nämlich am hintersten Ende der Dresch- oder Viehdiele , siegreich behauptete . Ilse hatte Speck auf dem Feuer , er prasselte und duftete kräftig herüber , und in dem brodelnden Kartoffeltopf stiegen die großen Wasserblasen auf . Das Abendbrot war nahezu fertig , ich mußte eilen , wenn ich rechtzeitig zurück sein wollte . Allein aus dem Hausthor trat ich nicht um die Welt wieder . Verließ ich das Haus durch eine der rückwärts gelegenen Thüren , dann war ich gedeckt durch den Dierkhos selbst und konnte den Fluß erreichen , ohne daß die drüben am Hügel mich bemerkten . 3 Ich schritt nach der Seitenthür , die zwischen der Dreschdiele und den Wohnungsräumen ins Freie , in den sogenannten Baumhof , führte . Allein Ilse vertrat mir den Weg und hob abmahnend den Zeigefinger . » Da hinaus kannst du nicht , da steht die Großmutter ! « sagte sie mit unterdrückter Stimme . Die Thür stand offen , und ich sah , wie meine Großmutter den Arm des Pumpbrunnens in rasender Geschwindigkeit auf und nieder schleuderte - ein Schauspiel , das mich sonst nicht befremdete , ich hatte es täglich vor Augen . Meine Großmutter war eine große , starkbeleibte Frau , mit einem Gesicht , das von den Scheitelhaaren an bis auf den breiten Hals hinab zu allen Zeiten eine gleichmäßig brennende Röte überlief . Diese Färbung der ohnehin starken und auffallend gebildeten Züge über der wuchtigen Gestalt mit den weitausholenden Schritten und den energischen , kraftvollen Armbewegungen machte sie zu einer wilden , furchtbaren Erscheinung , und wenn ich sie mir jetzt noch vergegenwärtige in jenen Augenblicken , wo sie unversehens an mir vorüberschoß , und ich höre wieder das Kreischen und Schüttern der Dielen unter ihren Füßen und fühle ein Wehen , als sei ein Windstoß vorbeigebraust , dann muß ich , trotz ihrer schwarzen Augen und der streng orientalischen Profillinie , doch an jene gewaltigen Cimbernweiber denken , die , das Tierfell um den Leib geschlagen und die Streitaxt in der Hand , sich mitten in den wogenden Kampf der Männer warfen . Sie hielt den Kopf unter den dicken Wasserstrahl ; er schoß ihr über das Gesicht und an den außerordentlich starken , grauen Zöpfen herab , die in den Brunnentrog hingen . Das that sie immer , auch im eisstarrenden Winter ; es schien ihr diese Erfrischung so unentbehrlich wie die Lebensluft zu sein . Heute aber befremdete mich ihre Gesichtsfarbe mehr als je ; selbst unter dem kalt niederströmenden Wasser spielte sie in ein tiefes , beängstigendes Braunrot hinüber , und als die gewaltige Frau , die Arme weit ausgebreitet , den Kopf schüttelnd in den Nacken warf und in dem wohligen Gefühl der Erquickung mit weitgeöffnetem Munde einigemal kräftig ausatmete , da hoben sich die Lippen bläulich dunkel von den großen , weißen Zähnen . Ich sah Ilse an ; sie blickte wie selbstvergessen hinüber , und ihre hartblauen strengen Augen schmolzen in dem Ausdruck tiefster Bekümmernis und Trauer . » Was ist mit der Großmutter ? « fragte ich beklommen . » Nichts - es ist schwül heute , « antwortete sie kurz . Es war ihr sichtlich fatal , auf dem schmerzvollen Blick ertappt worden zu sein . » Gibt ' s denn kein Mittel gegen diesen furchtbaren Blutandrang nach dem Kopfe , Ilse ? « » Sie nimmt nichts , - das weißt du ... Gestern abend hat sie mir das Fußbad vor die Füße geschüttet ... Jetzt geh , Kind , und hole deine Sachen . « Damit schritt sie nach dem Herd , und ich verließ pflichtschuldigst das Haus durch eine zweite Seitenthür . Ich sprang nach dem Flusse , der kaum dreißig Schritte hinter dem Dierkhof hinlief , und versuchte , durch das Ufergebüsch zu schlüpfen . Das war nicht so leicht in dem engen Geflecht , das unberührt von Menschenhand wachsen durfte , wie es Lust hatte . Aber ich wand mich unverdrossen weiter , denn die zähen Weiden , wenn sie auch nach mir zurückschlugen und meine nackten Füße schmerzend rieben , schützten mich doch vollkommen vor den fremden Blicken , und nachdem ich bereits eine bedeutende Strecke zurückgelegt hatte , segnete ich diesen Schutz doppelt ; denn schräg üb er die Heide her kamen die Herren , Heinz voran , und schritten direkt auf den Fluß zu . Noch hoffte ich , vor ihnen die kleine Bucht zu erreichen , wo ich meine Fußbekleidung abgelegt hatte , allein ich kam bei aller Anstrengung nicht so rasch vorwärts , als die Fremden , und kauerte mich resigniert , ziemlich nahe am Ziele , im Gebüsch an den Boden nieder . Was sie hierher führte , konnte ich mir denken : Heinz zeigte ihnen den schmalen , neben dem Ufergebüsch hinlaufenden Grasstreifen . Da ging sich ' s freilich anders , als im spröden starren Heidekraut , der Weg war samtweich , wie geschaffen für verwöhnte Füße . Die Herren kamen dicht an mir vorüber , ich hörte das Knistern ihrer Tritte , und leise wurden die Zweige gestreift , die auch meinen Arm berührten . An der Birke blieben sie stehen . » Aha , hier hat das Heideprinzeßchen Toilette gemacht ! « rief der junge Herr . Mir stockte der Atem . Ich bog mich vor und sah , wie er einen der Schuhe vom Boden aufnahm . Nun wußte ich , bei aller Unberührtheit von Welt und Leben , dennoch recht gut , wie ein zarter Frauenschuh aussehen mußte . Ich hatte im Märchen von silbergestickten Pantöffelchen , von kleinen , roten Schuhen gelesen , und das Papier , auf welchem diese reizvollen Zaubergeschichten standen , erschien mir noch viel zu dick und grob als Sohle dieser ätherischen Kunstgebilde aus Samt und Seide . Das Unförmchen aber , das der Fremde dort lachend in die Höhe hielt , war vom stärksten Kalbleder - o Ilse , dir wäre Holz noch nicht » derb und haltbar « genug für meine unruhigen Füße gewesen ! Heute morgen hatten die Schuhe vor meinem Bette gestanden , nagelneu und begleitet von zwei steifen Strümpfen , die Ilse selbst aus Heidschnuckenwolle gesponnen und gestrickt hatte - ihr stolzes Geburtstagsgeschenk für mich . Ich war glücklich , und Ilse hatte sehr zufrieden mit dem Kopfe genickt , denn der Schuhmacher hatte in liebender Fürsorge ein wohlgeordnetes Bataillon blitzblanker Nagelköpfe über die fingerdicken Sohlen hinmarschieren lassen - jetzt funkelten diese gepriesenen Reihen förmlich feindselig zu mir herüber . » Je - über das Kindchen ! Hat richtig die Schuhe stehen lassen ! - Ganz neue Schuhe ! « rief Heinz kopfschüttelnd . » Na , na , ich möchte Ilse hören ! « setzte er ängstlich besorgt hinzu . » Wem gehört denn das Kind , das wir am Hügel gesehen haben ? « fragte der alte Herr im braunen Hute mit seiner weichen Stimme . » Es gehört auf den Dierkhof , Herr . « » Nun ja - aber wie heißt es ? « Heinz schob den Hut auf die linke Seite und kraute sich hinter dem Ohr . Ich sah sie kommen , seine schlaue Antwort - er erinnerte sich offenbar jenes entsetzlichen Augenblicks , wo ich mit dem Fuße gestampft hatte , und - o , Heinz wußte sich zu helfen ! » Je nun , Herr , Ilse ruft sie Kind und ich sage - « » Desgleichen Prinzeßchen , « ergänzte der junge Herr in demselben gravitätischen Ton wie mein pfiffiger Freund . Wie vorhin das Fundstück aus dem Hünenbett , so wog er jetzt das kleine Scheusal von einem Schuh auf der Hand ; diesmal jedoch mit jener schwerfälligen Armbewegung , die etwas Gewichtiges ironisiert . » Ah , die Damen der Heide belieben mit Nachdruck aufzutreten ! « sagte er zu dem Herrn im braunen Hute . » Charlotte müßte dieses feenleichte Prachtstückchen sehen , Onkel ! ... Ich hätte gute Lust , es ihr mitzubringen - « » Keine Possen , Dagobert ! « unterbrach ihn der Angeredete streng ; Heinz aber schrie fast auf . » Ei , beileibe nicht , Herr ... O je - was würde Ilse sagen ! - ganz neue Schuhe ! « » Brr - diese Ilse scheint mir der Drache zu sein , der das barfüßige Prinzeßchen bewacht ! - - Voilà ! « lachte der junge Mann und ließ den Schuh auf den Boden fallen . Darauf schlug er die Hände gegeneinander , um die etwaigen Staubreste von seinen Handschuhen zu entfernen . Sie grüßten Heinz und schritten weiter , während mein alter Freund die Unglücksschuhe eifrig in seine weiten Rocktaschen packte . Er ließ ihnen auch die Strümpfe folgen , die er kopfschüttelnd eben noch auf einem Zweige entdeckte ; dann trabte er eiligst nach dem Dierkhofe . Ich verharrte noch eine kurze Zeit in meinem Versteck und horchte auf die Schritte der Fremden , die sich bald auf dem weichen Rasen verloren . Ich war sehr aufgeregt ; damals wußte ich die Empfindung nicht zu bezeichnen , die mir den Hals zuschnürte und mich mit verhaltenen Thränen ringen ließ , und der ich mich nichtsdestoweniger mit einer Art von leidenschaftlicher Genugthuung erst recht hingab - es war Groll , rachsüchtiger Groll ! ... » Wie einfältig ! « hatte ich bei Heinzens diplomatischer Antwort zwischen den Zähnen gemurmelt - jetzt konnte er getrost sagen , daß Doktor von Sassen mein Vater sei ; aber nein , er hatte gesprochen wie der weise Salomo , und ich war ihm gram , ich war bitterböse auf ihn . Ich verließ das Gebüsch . Von dem Dierkhof stiegen keine Rauchwolken mehr auf ; Ilse hatte längst die Kartoffeln in die Schüssel geschüttet ; auf meinem Teller lagen sicher die schönsten , abgeschält und goldgelb , und daneben stand ein Becher voll süßer Milch - Ilse verzog mich , wenn auch mit dem allerstrengsten Gesicht ... Und jetzt wartete sie jedenfalls auf mich ; aber heim ging ich noch nicht ; ich mußte erst sehen , in welchem Zustande die Fremden den armen zerstörten Hügel zurückgelassen hatten . Der Hügel sah besser aus , als ich erwartet hatte . Der Block war wieder in seine alte Stelle eingefügt worden , auch die zertrümmerte Erdschicht hatte man darüber hingeworfen , und die Scherben der Urne waren verschwunden . Nur das herausgerissene Gesträuch lag verschmachtend umher ; über die schmale Sandblöße am Fuße des Hügels breitete sich noch ein bleicher Hauch der verstreuten Menschenasche , und unter einem Ginsterzweige halb versteckt lag ein feines , schwarzgebranntes Knöchelchen , für immer getrennt von den anderen , die man jedenfalls dem Grabe zurückgegeben hatte . Ich nahm es behutsam auf - der junge Herr hatte recht , es waren keine Riesen gewesen , die der Hügel deckte . Das zarte Gebild in meiner Hand mochte ein Fingerglied sein , einst vielleicht von rosigem Fleisch umhüllt , schlank gebaut , von so weißer atlasglatter Haut bedeckt , wie die Hand , die ich heute gesehen , geliebt und bewundert und von köstlichem Metall schmeichelnd umschlossen , und an einer einzigen seiner Bewegungen hatte vielleicht das Wohl und Wehe vieler anderen Menschenkinder gehangen . Ich stieg auf den Hügel und grub es unter die Föhre ein . Der gute , alte Baum reckte beschirmend seine üppigen Zweige darüber hin - wer wußte , ob er heute nicht selbst den Todesstreich empfangen hatte ! Den Arm um seinen Stamm legend , sah ich da hinüber , wo der kleine Fluß sich nach dem Walde zu krümmte ... Wie seltsam war es , daß sich Menschen dort bewegten ! Menschen auf der feierlich stillen , eintönig braunen Fläche , über der höchstens der Raubvogel in schwindelnder Höhe seine Kreise zog , um plötzlich lautlos wieder zu verschwinden - mir war , als müßten die Dahinschreitenden Fußstapfen für immer hinterlassen . Sie eilten in die Welt zurück - in die Welt ! ... Ich war ja auch schon dort gewesen . Für mich hatte sie freilich nur in einer großen dunklen Hinterstube und einem feuchten Gärtchen zwischen vier himmelhohen Häusern bestanden , und aus dem Menschengewimmel , das man auch » die Welt « nennt , waren mir nur wenige Gesichter nahe getreten . In jener Hinterstube hatte ich meine drei ersten Lebensjahre verbracht ... Graublonde , dürftige Löckchen schwebten um das eine Gesicht , das am festesten in meiner Erinnerung haftete - ich hätte den grünlichblassen Schimmer der schmachtenden Augen , das plumpe Stumpfnäschen und den grauen , leblosen Teint noch malen können . Das war Fräulein Streit , meine Erzieherin , gewesen . Ein anderes Gesicht flog nur wie ein bleicher Schein an dem dunklen Hintergrund dieser frühesten Erinnerungen auf - ich hatte es zu selten gesehen , aber wenn ich später Seide knistern hörte , da tauchte es wie ein Schemen ohne eigentliche Umrisse vor mir empor , und ich hörte eine geärgerte Stimme sagen : » Kind , du machst mich nervös ! « Zürnen und nervös sein war dadurch für mich identisch geworden . Diese seidenrauschende Gestalt , die nur durch die Hinterstube huschte und höchstens einmal eine weiche , heiße Hand auf meinen Scheitel legte , nannte Fräulein Streit gnädige Frau , und ich mußte Mama sagen . Dann wachte ich einmal auf - nicht mehr in der dunklen Hinterstube . Ich saß auf dem Arme eines großen Mannes , dem gelbe Haare an den Schläfen standen und der mich mit einem » Hä , hä , hä - ausgeschlafen ? « anlachte . Neben ihm ging Fräulein Streit im schwarzen Hut und Schleier ; die dicken Thränen liefen ihr über das Gesicht , und ich sah , wie sie leise die Hände rang ... Ganz nahe vor uns lag das Haus mit dem Storchennest und den vier Eichen , und als ich in das erhitzte Gesicht des Mannes sah und mich erschrocken zurückbäumte , um aus voller Kehle zu schreien , da rief er : » Kommt , Puttchen ! « und aus dem Hausthor rannte eine Schar bunter Hühner auf ihn zu . Dort stand auch die Frau mit dem roten Gesicht ; sie streckte Fräulein Streit die Hand entgegen und küßte mich weinend , worüber ich heftig erschrak ; aber das war schnell wieder vergessen . Im Hofraum tollte ein Kalb herum , es sprang plump auf alle vier Füße und blieb lächerlich breitspurig und blökend vor dem Manne stehen . Droben auf dem Dache klapperte der Storch , und Ilse - die Ilse mit den scharfen Augen - hielt mir ein kleines Tier hin , auf dessen seidenweiches Fell ich zaghaft meine Hand legte - es war ein miauendes junges Kätzchen ... Und überall lag Sonne , goldener , glänzender Sonnenschein , und die Blätter an den Bäumen plapperten und rieselten ohne Ende im würzigen Heidewind . Ich jubelte und kreischte auf vor Lust , während Fräulein Streit unter herzbrechendem Schluchzen über die Schwelle des Hauses schwankte . So hielt ich auf Heinzens Arm meinen Einzug auf Dierkhof , und von diesem Augenblicke an begann erst mein Leben - ich war über Nacht ein glückliches Kind geworden , während die Menschen mich beweinten ... Hussa ! ging es auf Heinzens Rücken Tag für Tag im lustigen Trabe über die Heide hin ! Und da stand auf dem allereinsamsten Flecke eine kleine Lehmhütte mit einem niedrigen Strohdach ; der große Heinz mußte sich tief bücken , wenn er unter die Thür trat . Aber drinnen war es wohnlich . Tisch und Stuhl blinkten schneeweiß , und hinter den zwei großen Schrankthüren an der tiefen Wand lagen federnstrotzende Betten im sauberen buntgewürfelten Ueberzug . Heinz und Ilse waren Besenbinderkinder gewesen . Der alte Besenbinder hatte mit seinen beiden eigenen Händen die Hütte gebaut , die zwei Kinder waren darin geboren , und an einem anderen Orte wollte Heinz auch nicht sterben . Im Juli fuhr er das Bienenvolk der umliegenden Höfe in die Heide und behielt sie unter Aufsicht , sonst arbeitete er wöchentlich einige Tage als Knecht auf dem Dierkhofe . In der Lehmhütte war ich so schnell heimisch geworden , wie im Hause meiner Großmutter . Ich half Heinz seine Buchweizengrütze essen und war dabei , wenn er Streuheide für den Dierkhof hieb und einfuhr . Er hob mich hoch über den Kopf nach den alten pensionierten Bienenkörben , die an den Balken der Tenne hingen und von dem Hühnervolk als Nester benutzt wurden , und ich reichte unter Jubeln und Jauchzen die schönen glatten , weißen Eier der neben ihm stehenden Ilse herab . Fräulein Streit saß währenddem in der großen Wohnstube und stickte den ganzen Tag und weinte dazu . Damals mag wohl die alte traute Stube recht lächerlich ausgesehen haben ; denn ihre Wände waren nur weiß gestrichen , hinter dem Ofen lief die braune , abgenutzte Holzbank hin , und die Tische standen grob und ungeschlacht umher . Aber Fräulein Streit zu Ehren hatte die Großmutter ein gepolstertes Sofa aus der Stadt kommen lassen , und Ilse hatte blau und weiß gestreifte Vorhänge aufgesteckt . Fräulein Streit zog diese Vorhänge meist zu und klagte , sie fürchte sich vor der endlosen , totenstillen Heide , wenn die Sonne so darüber hinbrenne , und wenn der Mond schien , da fürchtete sie sich auch ... In meinem fünften Jahre begann sie , mich zu unterrichten ; da brachte Ilse ihre Arbeit herein und hörte auch zu . Sie war , fünfzehn Jahre alt , in die Stadt , in den Dienst meiner Großmutter gekommen , und die hatte sie ein wenig im Lesen und Schreiben unterrichten lassen - trotzdem fing die alte Ilse noch einmal mit mir an . Oft , wenn ich abends , müde getollt und gelaufen , mich auf ihrem Schoß zusammenschmiegte und meinen Kopf an ihre Brust lehnte , da kam auch Heinz heran , natürlich mit der kalten Pfeife , und Fräulein Streit wurde lebendig ; ihre schmalen Wangen röteten sich , und die blonden Löckchen flogen und flatterten alteriert um das Gesicht . Dann erzählte sie von dem Leben und Treiben in meinem elterlichen Hause , und dabei wurde es mir allmählich klar in meinem Kopfe . Ich erfuhr , daß mein Vater ein berühmter Mann sei , und meine verstorbene Mutter war eine Gelehrte und Dichterin gewesen . Viele berühmte und vornehme Leute waren in dem Hause aus und ein gegangen , und wenn Fräulein Streit seufzend erzählte : » Ich hatte ein weißes Kleid an und rosa Bänder in den Haaren , es war Leseabend bei der gnädigen Frau « , da dämmerten auch allerlei unliebsame Erinnerungen in meiner Kinderseele auf . Ich hörte wieder das aufregende Trippeln und Hin-und Hergehen vor der Thür meiner Hinterstube - meine