klein und fein wie ein Kind , von schneeweißem Angesicht und hellgelbem Gelock , gegen die große , schwarze Hardine , die hinter ihr stand , sich abhebend wie am Himmel ein weißes , goldgerändertes Wölkchen , wenn die Nacht schon hereingebrochen ist . Mir schwamm es vor den Augen , als hätte ich einen Schwindel . Da stieß mich der Propst über die Schwelle , die Tür fiel in die Angel und ich hörte von drinnen nur noch einen schrillen Schrei . In der nächsten Minute stand ich vor der Tür neben meiner Alten . Unter freiem Himmel war der Schwindel gleich wie weggeblasen , ich sah und hörte wieder munter wie sonst und kam schier auf den Gedanken , daß die Geschichte - nicht die vom toten Major , aber die von dem Wolkenkinde - nur ein Spuk gewesen sei . Auf der Gasse war es während der Stunde lebendig geworden . Gleich einem aufgescheuchten Bienenschwarm hastete und summte die Menschheit auf und nieder , und mein altes Weib war voll wie ein Schwamm von all den Geschichten , die sie auf der Türbank eingesaugt hatte . Die Geschichten waren wahr , Gott seis geklagt . Die alliierte Armee hatte sich auf zwei Punkten überrumpeln lassen und zwei hundsföttische Schlachten wurden in den nämlichen Stunden geschlagen . Aber sie wurden just erst geschlagen . Die Stadt lag drei Meilen vom nächsten Kampfplatze entfernt : wie konnte das Volk den erbärmlichen Ausgang so dreist behaupten ? Witterung sagten sie , wie die vom lieben Vieh vor dem Sturm . Aber warum hatte ich die Witterung nicht ? Warum hast du , Lisette , niemals gezittert bei einem ersten Kanonenschlag ? Weil du ein Mann warst , Lisette , und jene Männer alte Weiber wie die Beckern , Memmen , die nichts Besseres verdient haben als die Fuchtel des Napoleon so lange , bis am Ende auch bei ihnen die Berserkerwut zum Ausbruch gekommen ist . Auf Schritt und Tritt guckte mein altes Weibsstück sich um , ob ihr der grausame Bohnebart nicht bereits auf den Hacken säß . Bei aller Angst jedoch schwamm die Neugier nach dem , was ich bei den Majors erlebt , obenauf , und wir waren noch nicht aus dem Tore , da hatte sie mich ausgepreßt wie eine Zitrone und zu jedem Tropfen ihren Senf gerührt . Ich wollte nur eines wissen : wer das kleine Mädchen gewesen sei , dessen letzter Schrei mir noch immer in den Ohren gellte . Aber just dieses eine wußte die alte Weisheit nicht . - Eine Bekanntschaft aus der Stadt - so meinte sie , denn Anverwandte hätten die Majors hierzulande keine . - Aber warum seufzte und weinte sie denn so jämmerlich ? forschte ich weiter und brachte damit meine Alte wieder in das richtige Fahrwasser . Wer heult und schreit denn anjetzo nicht , Gustel ? sagte sie . - Wer sieht im Geiste nicht einen von den Seinigen totgeschossen oder zum Krüppel gehauen , oder in Gefangenschaft oder auf der Flucht . Den Bohnebart mit seiner Kopfabschneidemaschine noch gar nicht eingerechnet . Ja , das sind wilde Zeiten wie unter dem Schwedenkönig oder dem alten Fritz . Paß auf , Gustel , wenn wir heimkommen , ob uns der Franzose da nicht schon entgegenrückt , und das Kloster ist ein Aschenhaufen , und Lehrer und Jungen sind über alle Berge wie eine Herde , in die der Wolf geraten ist . Und darum , Gustel , darum will ich dir noch in dieser Stunde offenbaren , was ich in der nächsten vielleicht nicht mehr zu offenbaren imstande bin . Etwas , auf das noch kein Mensch verfallen ist , als die alte Beckern ganz allein . Wenn es aber einstmals vor aller Welt ans Tageslicht gekommen sein wird , dann sollst du denken : die alte Beckern hat mirs prophezeit , und dich hübsch dankbar erweisen an der armen , alten Frau ; nämlich insofern sie vor dem grausamen Bohnebart ihr bißchen elendes Leben davongetragen hat . - Sie guckte sich nach dieser Rede scheu nach allen vier Weltgegenden um , hob sich auf die Zehenspitzen und wisperte , ihren Mund an mein Ohr gelegt : August , hast du dir niemals Gedanken darüber gemacht , was Fräulein Hardine eigentlich mit dir zu schaffen hat ? Ich schüttelte lachend den Kopf . Und dir schwant auch gar nicht , wer der Mann gewesen ist , vor dessen Leichnam man dich heute geführt ? - Ein Major , sagte ich . - Ein Major , nun freilich , versetzte die Alte ärgerlich . - Ein Major für Seine Kurfürstliche Gnaden ; ich meine aber , was er für dich , August , gewesen ist ? - ich schüttelte wiederum den Kopf . Nun , so vernimm es denn , August , - sagte die alte Beckern feierlich wie die Hexe im Alten Testament : - der Mann ist dein Großvater gewesen , denn Fräulein Hardine ist deine Mutter . - Die Wahrheit zu sagen , ich war dazumal in derlei Historien wie ein ungeschorenes Lamm . Das einsame Waisenhaus führte mit Fug seinen Klostertitel ; Angehörige , die wir besuchten , hatte keiner von uns , und alles , was eine Schürze trug , wenn es nicht lahm und grau war wie die Beckern , wurde von der Anstalt ferngehalten wie ein Zunder . Die Lehrer waren unverheiratete Anfänger , warm aus dem Seminar , der Propst ein Witmann . So merkten wir denn nichts von Küchengeträtsch und Klatsch , und ich argwohnte durchaus nicht , welch ein gefährlicher Leumund über Fräulein Hardine mir ins Ohr geträufelt ward . Ich würde mir jedoch jede andere als sie lieber als Mutter ausgebeten haben , hätte ich mich jemals nach Vater oder Mutter gesehnt . Ich sehnte mich aber in die Freiheit , in den Wald , oder in die Welt und weiter nach nichts . Indessen einen Großvater , der auf dem Schlachtfelde geblieben war , hätte ich mir schon gefallen lassen und ihm zuliebe allenfalls auch die gestrenge Hardine als Fräulein Mama in den Kauf genommen . Darum spitzte ich wohl einen Augenblick die Ohren . Aber der Major war ein vornehmer Herr und ich hieß schlechtweg Müller . Der Propst hatte mir kaum vor einer Stunde gesagt , daß ich um meines Standes willen es nur bis zum Gemeinen bringen könne . Das fiel mir zur rechten Zeit wieder ein , und ohne mich viel darum zu grämen , erklärte ich der alten Hexe , welch ein Wind es mit ihrer Prophezeiung sei . Die aber blieb bockssteif bei ihrem Satze und wurde noch obendrein rabiat . - Was für ein blitzdummer Junge du bist , Gustel , eiferte sie , indem sie beide Arme in die Hüften stemmte . Als ob ein Edelreis nicht auch wilde Schößlinge treiben könne ! Als ob man ein Kind , wenn man seinem Ursprunge nicht auf die Spur kommen lassen will , nicht bloß als einen Müller oder meinetwegen als eine Beckern und dergleichen in das Register einzutragen brauchte ! Notabene : insofern der Pastor mit einem unter einer Decke steckt . Was aber , frage ich , was ist unser Herr Propst ? Ein alter guter Freund von Fräulein Hardine . Wer hat dich heimlich bei Nacht und Nebel in das Waisenkloster eingeschmuggelt , wer , frage ich ? Fräulein Hardine . Bist du ein Soldatensohn wie die anderen ? Weiß einer überhaupt , wer dein Vater gewesen ist ? Siehst du aus wie von gemeinem Gezücht ? Wie ein Junker , August , wie ein Prinz siehst du aus . « - » Wahrlich , ja wahrlichen Gott , wie ein Prinz ! « unterbrach Frau Lisette den Erzähler , eine stolze Röte über dem abgezehrten Gesicht . » Der Prinz hießest du , Prinz Gustel in der ganzen Legion ! « - Prinz Gustel schmunzelte nicht unempfindlich bei dieser schmeichelhaften Erinnerung , hielt aber den Faden seiner Mitteilung getreulich fest . » Wer hat dir eine halbe Freistelle ausgewirkt ? fragte die Alte weiter . Eine Mutter etwa , die Witwe ist ? ein Vormund , ein Rat oder Amt ? Gott bewahre , Fräulein Hardine . Wer bringt dem Propst netto alle sechs Monate die Unkosten für deinen Unterhalt ? Wer besucht dich im Kloster ? Wer setzt dir den Kopf zurecht ? Niemand anderes als Fräulein Hardine . Und nun noch zu guter Letzt : Was braucht der tote Major einen Kranz aus dem Waisenkloster , wenns nicht einer von seinem Blute war , der ihm die letzte Ehre antun sollte ? Was brauchte der Propst dir im Leichenhause eine Standpredigt zu halten , wenn du nicht quasi zur Familie gehörtest ? Wer den Zusammenhang nicht mit Händen greift , nun der kann sagen , er hat keinen Grips . Fräulein Hardine ist deine Mutter , das steht so fest , wie das Amen im Evangelium . Die Alte machte eine Pause , weil sie doch einmal verpusten und ausspucken mußte . Ich sagte kein Wort , denn im Grunde war mir die Sache einerlei . Nach einer Weile fing die Beckern mit frischer Lunge wieder an : Ich will mit meinem Satze nichts Unreputierliches von Fräulein Hardine behaupten , August . Aus so einer honetten Familie , und so eine Erbschaft vor Augen , beileibe nicht , beileibe nicht ! Denn zurzeit ist Fräulein Hardine freilich so arm wie eine Kirchenmaus ; aber das alte schwarze Spukeding , ihre Muhme , kann doch nicht ewig in ihrem Goldturme Schätze graben . Und wenn sie sich zehnmal dem Leibhaftigen verschrieben hat , unser Herrgott hält ihm Widerpart , und über hundert Jahre hats der ärgste Geizkragen noch nicht gebracht . Dann aber gibts keine zweite im Kurfürstentum wie unser Fräulein Hardine . Nichts Unreputierliches , Gustelchen , ums Himmels willen nichts dergleichen ! Aber eine Heimlichkeit steckt dahinter ; darauf nehme ich Gift . So eine Prinzenheirat etwa , die der Frau nicht die Mannesehre und den Kindern nicht den Vatersnamen gibt , wie die alte geizige Schloßfrau ihrer Zeit auch eine eingegangen hat ; oder so etwas dergleichen , was unsereiner nicht versteht . Warum schlägt Fräulein Hardine die schönsten Bewerbungen aus ? Wird eine freiwillig eine alte Jungfer , die an jedem Finger einen Freier haben könnte ? Warum , frage ich , als weil sie in der Stille schon einen hat , der mit ihr auf die Grafenerbschaft lauert . Laß sie aber nur erst sicher in ihrem Goldturme sitzen , dann wird der versteckte Prinz schon zum Vorschein kommen . Und dann wirst du ein Junker , August , und ein reicher Millionär , und dann denke an die alte , arme Beckern , die dir zuerst ein Lichtchen angesteckt hat . « Der Erzähler schwieg . - » Weiter , weiter , Mann ! « rief Frau Lisette in atemloser Spannung . » Weiter , weiter ! « - » Weiter - nichts ! « versetzte lachend der Invalid . » Die Geschichte ist aus . « » Aus ? « » Rein aus , sage ich dir . Wir waren unter dem Geklätsch vor der Klosterpforte angelangt . Ich drehte meiner Alten eine Nase , denn das Haus war nicht in einen Aschenhaufen umgewandelt , und die Herde nicht über alle Berge entflohen . Nun aber die Angst , als das Weibsstück sah , wie ich seine Weisheit aufgenommen hatte . Sie zitterte wie ein nasser Pudelhund , und ihre Zähne - nein , die klapperten nicht , denn sie hatte keinen Zahn - aber das Kinn wackelte ihr und : Um Gottes , Jesus willen , Gustelchen , reinen Mund ! jammerte sie , bringe eine alte , arme Witfrau nicht um ihr hartes Stückchen Brot . Ich lachte aus vollem Halse und rannte in das Tor , hinter welchem die Kameraden sich lustig wie alle Tage tummelten . In aller Eile lieferte ich ihnen eine Schlacht von entgegengesetzter Fasson , wie die , welche in den nämlichen Stunden zu Ende ging . Aber Spuk und Schwatz des Morgens waren wie weggeblasen . Im nächsten Frühjahr brachte mich der Propst zu dem Förster , dem ich zwei Jahre später aus dem Garne lief , als der Herzog in unserer Nähe kampierte . Fräulein Hardine aber habe ich mit keinem Auge wieder gesehen , habe auch keine Silbe wieder von ihr gehört , und heute zum erstenmal , glaub ich , wieder an sie gedacht . « Die arme Marketenderin war durch diesen jähen Abschluß bitterlich enttäuscht . Sie nahm schweigend die Arbeit wieder zur Hand , die im Eifer des Zuhörens in ihren Schoß gesunken war , und stichelte eine lange Weile mit fieberhafter Hast , bis sie über einen neuen Plan im klaren und des jovialen Tones wieder Herr geworden war , in dem sie ihren Eheliebsten zu einer ferneren Bereitwilligkeit zu stimmen gedachte . » Ich danke dir , August , « sagte sie endlich , indem sie ihm die Hand reichte . » Du verstehst zu erzählen . Und ein Anhalt bliebe deine Geschichte immer für unseren armen , kleinen Wurm , wenn ich eines Tages nicht mehr für ihn sorgen könnte : ich meine , wenn eines Tages unversehens der Napoleon retourgekommen wäre ! Und darum , Freund , laß uns das Ding gleich heute zu einem Ende bringen . Du bist ein perfekter Schreiber , hast manchen Rapport geführt , und die Feder zu regieren , so gut wie den Säbel , brauchts ja nur eine Hand . Mach also ein Schriftstück aus der Sache , warm , wie sie dir im Gedächtnis aufgewacht ist . Das und der Waisenhausschein werden die Familienpapiere sein , die Prinz Gustel seiner Prinzessin zurückläßt , wenns einmal schnell mit uns von dannen geht . « Sie hatte während dieser Rede ein paar von den Bogen , in welchen sie ihr Handschuhleder eingewickelt erhielt , sorgfältig geglättet , auch das Schreibzeug hervorgekramt , das ihr zum Abfassen ihrer Rechnungen diente . Nachdem sie die Feder gespitzt und die Tinte umgerührt , begann sie die Pfeife des Mannes frisch zu stopfen , vergaß auch nicht , das Glas mit dem Reste der Flasche zu füllen . Freund August brummte und zeterte zwar sein gehörig Teil , fügte sich schließlich aber doch in die wunderliche Laune der Wöchnerin . » Was solch ein Wurm für Schererei macht ! « sagte er , indem er sich an den Arbeitstisch seiner Frau niedersetzte . Bald flog die Feder in freien , kräftigen Zügen über das Papier und schwarz auf weiß bildete sich die Erzählung , die wir mit den nämlichen Worten aus seinem Munde vernommen haben . Mitternacht war vorüber , als er das letzte Blatt seiner Frau ins Bett reichte . Sie hauchte es trocken mit dem heißen Atem ihrer Brust , barg es samt dem Einsegnungsscheine in dem untersten Fache ihres Nähkastens und löschte die Lampe . » August , « sagte sie darauf , während der Mann seine Kleider auszog und sich auf die Strohschütte zu Füßen des Bettes niederwarf , » August , wir wollen unsere Kleine Hardine taufen lassen . « » Lisette wäre mir lieber gewesen , « erwiderte gähnend der Herr Papa . » Aber meinethalben auch Hardine . « Und das kleine Mädchen wurde Hardine getauft . Jahre vergingen , ohne daß Fräulein Hardines zwischen dem Invalidenpaar wieder Erwähnung geschah . Fast sechs Jahre , in welchen die kleine Namensträgerin der unbekannten Dame mühselig auf die Füßchen kam , und aus welchen ihr keine Erinnerung geblieben ist , als daß sie niemals hungerte und oftmals fror . Der Wachtmeister der Legion wartete zwar nicht mehr auf den rückkehrenden Napoleon , denn der schlief beruhigt und beruhigend in seinem Inselgrabe , aber er wartete noch immer auf irgendeinen anderen respektablen Feind , gegen welchen eine brave Soldatenfaust den Säbel wieder zücken dürfe . Freilich erwartete er ihn selten an dem schwachlodernden häuslichen Herdfeuer , das seit dem Einrücken der Wiege nicht an Behagen für ihn gewonnen hatte . Er hielt sich zu den lustigen Plätzen , die ihm das Marketenderzelt in Erinnerung riefen ; da wo Karten und Würfel fallen , wo der Schoppen kreist und ein frischer Soldatenschwank nicht selten die Zeche bezahlt . In der engen , dumpfen Dachkammer daheim aber saß seufzend und stichelnd die alternde Marketenderin , ohne sich Rast zu gönnen zu einem Liebesblick in schwerer Mühe und Sorge für ihr Kind . Von Woche zu Woche wurden ihre Wangen hohler , die Finger zitternder , der Atem kürzer , aber sie seufzte und stichelte noch immer den ganzen Tag und die halbe Nacht . Endlich jedoch kam die Stunde , in welcher alles Sticheln und Seufzen ein Ende hat , und es war eine Sterbekammer , in die der sorglose Zecher aus dem Schenkhause gerufen wurde . August Müller hatte in seinen jungen Tagen Tausende von Männern , aber noch nie eine Frau sterben sehen ; er hatte niemals daran gedacht , daß der Tod ein Geschäft auch für Weiber sei , selber für so tapfere Weiber , wie seine Lisette eines gewesen war . Nun tobte und schrie er vor dem ungeahnten Bilde , zerraufte sein Haar und zerschlug sich die Brust . Die brave Marketenderin aber verstand sich auf den düsteren Gesellen , den sie unter den Männern kennen gelernt . Sie hatte ihn langsam heranschleichen sehen und blickte ihm unerschrocken ins Angesicht , als er jetzt hart an ihrer Seite stand . Ob es ihr wehe tat , von dem Wesen zu scheiden , das die Natur erst so spät an ihr Herz gelegt ? Es schien nicht so . Die Pflicht für seine Erhaltung jedoch erfüllte sie bis zum letzten Atemhauche . » Sei kein Narr , August , « sagte sie zu dem Manne , der sich fassungslos an der Bettseite niedergeworfen hatte . - » Einmal muß doch ein Ende sein . Setz dich hier auf den Rand ; merke auf und tu , was ich dir sagen werde . « Sie legte bei diesen Worten die treulich verwahrten Familienpapiere in des Mannes Hand und fuhr darauf in klarer , eindringlicher Rede also fort : » Hüte diese Blätter als das einzige Erbteil , das du deinem Kinde zu hinterlassen hast . Ich habe diese sechs Jahre Tag und Nacht darüber nachgedacht , und nun sterbe ich in der Gewißheit , daß Fräulein Hardine deine Mutter gewesen ist . Für dich selber tu oder laß , was du willst . Du bist ein Mann . Aber suche sie auf und bring ihr das Kind , das du nicht versorgen kannst . Verkaufe meinen Hausrat ; der Erlös schafft das Reisegeld . Für unser Trauattest und der Kleinen Taufzeugnis habe ich gesorgt . Vergiß aber nicht meinen Totenschein . Laß dann im Kloster dein Einsegnungszeugnis bescheinigen ; erforsche in der Stadt Fräulein Hardines Vaternamen und was aus ihr geworden ist . Lebt sie noch - im Reichtum oder arm wie einst - , sie muß eine alte Frau jetzt sein und wird sich der Sünde schämen , ihr Blut zu verstoßen . Ist sie gestorben , finden sich wohl Angehörige . Vielleicht , daß auch der Propst noch bei Wege ist oder der Förster . Kurzum du bist in deiner Heimat und dein Kind muß und wird einen Anhalt finden , insofern du deine Schuldigkeit tust . Laß es aber bald sein , Mann , denn es geht jach mit dir abwärts auf dem Wege , den du eingeschlagen . Das Kind zu Fräulein Hardine ! Gib mir die Hand darauf , August , die Manneshand , die das Schwert geführt . « Er reichte ihr schluchzend die Hand , die sie herzhaft drückte . » Mutter - Hardine ! « lallte sie noch , legte sich dann auf die Seite , zog das Kopftuch über die Augen und verschied . Der Invalid - um unserm früheren Gleichnisse treu zu bleiben - , der Invalid bäumte sich wie ein angeschossener Hirsch . Er fühlte seine alten Wunden heftiger brennen als zu der Zeit , da die schwarze Lisette sie auf dem Schlachtfelde verbunden hatte ; wich keinen Schritt aus der dunklen Kammer , solange dieselbe die Leiche barg . Nun aber deckte sie die Erde . Er hatte ihr nicht gebührendlich mit Sang und Klang die letzte Ehre erweisen können ; aber er war es gewohnt , einen braven Kameraden mit einem Trauermarsche zu Grabe zu geleiten und mit einer lustigen Weise heimzukehren . Am Abend saß er in dem Weinhause , aus welchem man ihn vor drei Tagen in die Sterbekammer abberufen hatte . Der Schoppen kreiste , die Würfel rollten wie sonst . Das Weib , die Mutter Lisette waren verschwunden , und bald nur die lustige Marketenderin noch eine stehende Figur in den Bildern , die sich unter dem Banner des schwarzen wie des eisernen Herzogs vor seinen Augen entrollten . Und wieder gingen Jahre dahin , aus welchen die kleine Hardine keine Erinnerung bewahrte , als daß sie oftmals hungerte und immer fror . Ein blödes , zitterndes , trübseliges Geschöpf , schlich sie am Morgen aus der kalten , immer leerer werdenden Kammer , hockte einsam und stumm vor der Tür , bis eine mitleidige Nachbarin ihr einen Bissen reichte oder sie in ihr durchwärmtes Zimmer führte . Den Vater sah sie fast nie . Wenn er spät in der Nacht heimkehrte , schlief sie schon , und wenn er früh am Morgen wieder aufbrach , schlief sie noch . Es ging jach abwärts mit dem Manne , wie seine sterbende Frau es vorausgesagt : aus dem Weinhause in die Branntweinkneipe , aus dem Kreise kannegießender Bürger unter ein Publikum roher Gesellen . Seine lockigen Haare wurden struppig , blutrote Flecken brannten auf den gedunsenen Wangen ; die Adern schwollen neben den Narben der Stirn und ein wüstes Feuer brannte aus den großen blauen Augen , wenn er nach dem Pferde schrie , daß er tummeln , nach dem Säbel , mit dem er den noch immer erwarteten Feind niederhauen wollte . Das alte Soldatenblut rumorte noch wie einst , aber Prinz Gustel war untergegangen und das Vaterherz hatte noch niemals pulsiert . Der Handschlag , den er seinem sterbenden Weibe gegeben , war so gut wie vergessen . Zu seinem Glück kam der Tag , wo das letzte Stück Hausrat , das letzte Kissen von Frau Lisettes Brautschatz , abgepfändet waren , wo der Hauswirt die Miete , der Schenkwirt die Zeche nicht länger stunden wollten , wo dem unheimischen Manne und seinem Kinde der Schub über die Landesgrenze drohte . Die Not heischte einen Entschluß und die Not gab auch die Kraft , ihn zu vollbringen . Es war wieder einmal eine Zeit , in welcher ein Schrei der Rache gegen einen Erbfeind den Weltteil durchdrang : die Zeit der Griechenerhebung , der schon mancher tapfere Fremdling sich zum Opfer gebracht , wenngleich noch keine christliche Regierung ihr ihren Beistand geliehen hatte . Auch in dem Arme unseres Veteranen zuckte das Schwert von Viktoria und Waterloo . » Komm , Hardine ! « sagte er an einem Frühlingsmorgen 1825 , » ich will dich zu Fräulein Hardine bringen und dann wider den Türken ziehen ! « Und an der Hand sein Kind , in der Tasche dessen » Familienpapiere « , und sonst nicht viel mehr , so schritt er aus dem Tore der kleinen niederländischen Stadt . Freilich der Weg war weit aus dem Maas- in das Elbgebiet ; der Beutel war leer , Atem wie Kraft nur noch gering . Die alten Nachbarn und Zechbrüder schüttelten die Köpfe und meinten , daß dieser Wandersmann weder im Kampfe gegen Ali-Pascha , noch selber in der Heimat , sondern daß er auf der Landstraße enden werde . Auch gingen Monate dahin , bevor er seinem Ziele näher rückte . Aber es war Sommerszeit , die Straße führte durch reiche vaterländische Gaue , und das Ehrenkreuz , der pulvergeschwärzte , kugeldurchlöcherte Mantel , der verstümmelte Arm von Waterloo waren warme Fürsprecher des armen Invaliden und seines blassen Kindes . Es fand sich so mancher Fuhrmann oder Schiffer , der die beiden für einen Gotteslohn eine Strecke beförderte , mancher Wirt , der die Herberge nicht anrechnete , und manche Hand , die ungebeten einen Zehrpfennig oder Wanderbissen reichte . Mußte dann auch wohl einmal unter freiem Himmel genächtigt werden , so war das eine alte Gewohnheit für den Soldaten der Legion ; die Nacht war kurz und er erwachte kräftiger , als seit Jahren in der dumpfen Kammer nach einem wüsten Zechgelag . Alles in allem : die Zeit dieser Wanderung war nicht die böseste in August Müllers Leben . Er hätte länger , ja er hätte sein Lebtag wandern mögen , wenn nicht der Zug gegen die Türken ihn doch noch mächtiger gelockt . Für seine kleine Begleiterin aber , sooft sie in ihren Lumpen unter einem Regenguß zusammenschauerte oder mit wunden Füßchen , stumm , wie immer , am Wege niederhockte , für sie hatte er einen Zaubernamen gefunden , dessen Klang ihr immer wieder frische Kraft verlieh . » Fräulein Hardine ! « lautete der Name . » Vorwärts zu Fräulein Hardine ! « oder » Bald sind wir bei Fräulein Hardine ! « brauchte der Vater nur zu sagen , und die Kleine schleppte sich weiter , bis sich eine Herberge aufgetan . » Fräulein Hardine « war das einzige Wort , das sie während der langen Reise gemerkt oder leise nachgelallt hat . Vielleicht , daß in dem kleinen Herzen ein Echo mütterlicher Seufzer und Tröstungen lebendig geworden war . Man sagt : ein brechendes Auge sieht klar , und gewiß liegt etwas Ergreifendes in der Zuversicht , die , sei ' s für diesseits , sei ' s für jenseits , auf einem Sterbebett verkündet wird . Auch August Müller war einen Augenblick von dem Glauben geblendet worden , in den sich seine Frau jahrelang hineingegrübelt und dessen sie sich in ihrer letzten Sorgenstunde getröstet hatte . Im Grunde des Herzens aber hatte er , wie früherhin , so auch jetzt , Fräulein Hardines niemals als einer Blutsverwandten gedacht und den Weg zur Heimat keineswegs mit dem Anspruch von Sohnesrechten angetreten . Er hoffte für sein mutterloses Kind auf eine Versorgung durch die Frau , die aus irgendeinem Grunde seine eigene verwaiste Kindheit überwacht hatte . War sie im Laufe der Zeit zu Glanz und Fülle gelangt - eine Vorstellung , die sich seiner heiteren Gemütsart gar leicht einschmeichelte - , wollte sie ihn noch außerdem mit einem Pferde und einer blanken Uniform für seinen Türkenzug ausstatten , desto froher sein Habdank . So viel oder so wenig hatte er im Sinn , wenn er seinem ermatteten Kinde zurief : » Wir gehen zu Fräulein Hardine ! « Es war hoher Sommer geworden , als er eines Morgens in einem wohlangebauten Tale vor einem einsamen , alten Gebäude haltmachte und mit dem Freudenrufe : » Das Kloster ! « durch die geöffnete Pforte rannte . Er drang in den Hof , in den Kreuzgang , in den Garten , in das Schulhaus , in die Propstei ; er erkannte jeden Winkel : den Spielplatz , auf welchem die Knaben heute wie damals sich tummelten ; den Brunnen , in welchem sie heute wie damals ihre Becher füllten ; das Zinngeschirr , das heute wie damals die Tafeln des Zönakels bedeckte ; den Holzschuppen , in welchem heute wie damals Unruhstifter seiner Gattung ihre Strafe verbüßten . Nur von den Menschen , welche , alt und jung , den aufgeregten Fremdling neugierig umringten , von den Menschen kannte er keinen . Er fragte nach Ludwig Nordheim , dem Propst und Direktor ; er war tot und vergessen viele Jahre schon . Er fragte nach der alten Beckern . Niemand hatte je von einer alten Beckern gehört . Keiner erinnerte sich eines der ehemaligen Lehrer und Mitschüler , deren Namen er zu nennen wußte . Die preußische Herrschaft , die diesen Landesteil überkommen , hatte fremde , der Gegend unkundige Leute in die alten Räume geführt . Er hätte sich schämen müssen , Fräulein Hardines nur zu erwähnen . Enttäuscht wollte er seinen Stab weitersetzen , als ihm das Attest einfiel , dessen Beglaubigung nachzusuchen er seiner Lisette gelobt hatte . Kluge Lisette ! Namen , Datum , Wahlspruch und Handschrift stimmten mit denen des Schulregisters überein ; der neue Direktor konnte getrost sein Fiat daruntersetzen , und der ärmliche Landstreicher hatte in dem polizeistrengen Staate immerhin eine Legitimation gewonnen , die ihm die Wanderschaft erleichterte . Nun durfte es aber auch an einer gastlichen Bewirtung nicht fehlen , da ja Narben und Ehrenkreuz des vormaligen Zöglings einem Erziehungshause für Soldatenwaisen wohl zum Ruhme gereichten . Die grauen , stillen Klostermauern hallten wider von kühnen Streichen und lustigen Schwänken , von abenteuerlichen Zügen über Land und Meer , von dem schwarzen Herzog und der schwarzen Lisette . Die Frau Direktorin tischte auf , was Küche und Keller vermochten ; der Herr Direktor sammelte unter Beamten und Lehrern zum Besten des invaliden Helden . Erquickt , beschenkt , froh wie ein König schied August Müller aus den Mauern , zwischen denen er zwanzig Jahre früher so widerwillig stillgesessen hatte . Er schlug nun den Weg nach der Stadt ein , und die Sonne senkte sich , als er über den Häusern im Tal das Schloß im Abendgolde leuchten sah . Jetzt bog er aus der langen , schmalen Gasse auf den Markt und sein erster Blick fiel auf das Haus , das unverändert auf niederem Gestell eine turmhohe Dachhaube trägt . Der Mops mit der Zipfelmütze ! » Hier , hier , « schreit er seiner Kleinen zu , » hier wohnt Fräulein Hardine ! « Er stürmt in die Torfahrt und in die Tür zur Rechten . Das Zimmer ist