Gulden war , welche er dem Hansjörg , seinem Stellvertreter , zu zahlen hatte , wußte wohl jeder , der den Stighans auch nur ein wenig kennen gelernt hatte . Geizig war er nicht , und seine Sparsamkeit im Kleinen mußte man ihm für Ordnungsliebe auslegen , wenn man seine Freigebigkeit im Großen sah . Freilich , er hatte es , denn er war , obwohl es dem in schlechten Kleidern gleichgültig Daherwatschelnden kein Mensch angesehen hätte , bei weitem der reichste Bauer in der ganzen Gegend . Außer dem Stighof , von dem seine Familie den Namen hatte , und vielen Kapitalbriefen gehörte ihm auch das stattliche Anwesen in Argenau , einem der vielen Weiler des Dorfes , die zusammen die Gemeinde Au bilden , und das schlechte Häuschen mit dem Gut am Argenstein , zu dem er jetzt noch immer so scheu hinüberschielte , während er mit seinem ehemaligen Schulfreunde langsam und schweigend auf dem seit lange zum erstenmal wieder trockenen Platze neben der Kirche hart am Fuße des Fluhfelsens dahinschritt . Erschrocken standen beide still , als sie , plötzlich durch das dumpfe Geräusch der Schritte in ihren Gedanken unterbrochen , auf der gedeckten Brücke sich befanden , welche rechts über die Ach zu den an der Arge liegenden Weilern Argenfall , Argenzipfel und Argenau , dem sogenannten Herrendorfe , führt . Hans war ordentlich froh , daß Jos sich auf einen Balken der Seitenwand setzte , indem er sagte : » Da ist ' s recht schön und ein gehöriges Durcheinander in den Wasserwirbeln unten . In dem Lärmen und Tosen ist mir immer am wohlsten . « » Mir ist ' s schon auch recht , daß ich etwas höre « , sagte Hans leise , indem er seinen silberbeschlagenen Tabakkübel aus der Tasche zog . » Da wollen wir eine Weile sitzen und eins plaudern , lauter , als das Wasser tost . « Aber so ein lautes , frohes Gespräch , das alles übertönt und vergessen macht , läßt sich nicht so mir nichts , dir nichts befehlen . Beide wollten unterhalten oder vielmehr unterhalten werden , und doch saßen sie wieder schweigend da , während Hans seinen wohlbeschlagenen Maserkopf aus der mit lieblich duftenden Blättern bis zum Platzen gefüllten Schweinsblase füllte , die Dorothea ihm mit seidenen Bändern hübsch eingefaßt hatte . Jetzt schlug Hans Feuer , und als der von seinem Stein aufzuckende Blitz die mächtigen Balken der sonst vom Dache beschatteten Brücke beleuchtete , dachte er an den armen Hansjörg , der seinetwegen über so manchen Gewehrblitz erschrecken mußte ; Jos aber beneidete den Meister , der durch diese Brücke das Dorf verband und ganzen Geschlechtern ein Wohltäter wurde . Dann schauten beide durch eine in der Brückenwand gelassene Öffnung hinab auf die tosend hinausstürzende Ach . Hans erblickte nun auch wieder die schneeweißen Eierschalen neben sich auf einem Balken und sagte lachend : » Merkwürdig , wie man doch bei allem Ernste noch ein Kind ist und am Kindischen seine größte Freude haben kann ! « » Und warum auch nicht ? « fragte Jos . » Ist einem doch als Kind weitaus am wohlsten ! Ich wollte fast , daß ich mein Lebtag ein Kind hätte bleiben können . « » Ich doch nicht « , versetzte Hans schnell . » Glücklich « , fügte er dann sinnend bei , » recht glücklich sind wir da freilich gewesen . « » O gewiß « , fiel Jos , dem das » wir « noch besonders wohlgetan hatte , herzlich ein und begann dann zu schildern , wie wohl ihm damals gewesen , wenn auch ihn , den Jungen der unbeliebten Schnepfauerin , nur höchst selten ein Auge freundlich angeblickt habe . Auch Hans erinnerte sich lachend manches lustigen , tollen Streiches , den sie damals mitsammen machten . Der gutmütige , nur etwas unbeholfene Bursche konnte das lebhafte , zu allem aufgelegte Jösle unter den Kindern der Nachbarschaft weitaus am besten leiden , weil es ihm gewöhnlich auch die lästigen Schulaufgaben machte und überhaupt aus vielen Verlegenheiten half . Hansens Vater fand das ganz in der Ordnung . Dafür ja , meinte er , sei man eben reich , daß man andere gleich einspannen könne , wo man nicht gern selbst ziehe . Die Stigerin war auch nicht gegen das Einspannen , doch sie wehrte Hansen den vertrauten Umgang mit einem Menschen , dessen Dasein nach ihrer Ansicht in den Augen Gottes und aller guten Menschen ein Greuel sein mußte . Die arme Schnepfauerin , die die vom Söhnchen verdienten Kreuzer des reichen Nachbarn recht grausam nötig gebraucht hätte , kam auf den Gedanken , ihr Jösle sei der Stigerin zu arm ; doch daß sie damit nicht das Richtige getroffen hatte , bewies später der Umstand , daß sie ihren Hans auch nie neben des reichen Krämers Angelika sehen wollte , weil ihr Vater manches tat , was sie ihm erst vor drei Jahren verzieh , als er den Hansjörg , seinen Schneider , - sie kümmerte sich in der Angst nicht , wie - für ihren jüngeren Sohn zu den Soldaten geschwätzt hatte . Als Hans vorhin sagte , daß er doch die Jahre der Kindheit sich nicht mehr wünschen würde , dachte er sicher an den Zwang , den die Mutter besonders nach dem Tode des alten Stigers ihm und seinem Bruder selig angetan hatte . Sie durften nur mit wenigen , meistens langweiligen , verzogenen Kindern aus den besten , angesehensten Häusern spielen , und so wenig als bei der Wahl ihres Umgangs war ihnen sonst gestattet , sich ihren Gefühlen und Neigungen zu überlassen . Das war noch jetzt nicht anders , nur daß Hans sich nun eher daran gewöhnt hatte . Als Hans heute den Jos zum Mittrinken einlud , dachte er gewiß nicht im entferntesten mehr an eine Auffrischung des alten freundschaftlichen Verhältnisses . Das wäre ja jetzt etwas ganz Neues gewesen , und etwas Neues wollte Hans ebensowenig als sein seliger Vater , dem er in diesem und noch in vielen anderen Stücken merkwürdig ähnlich war . Nur sein Schrecken über den vom Vorsteher vorgelesenen Brief hatte ihn gedrängt , irgend jemandem etwas Gutes zu tun , um dann mit sich selbst wieder etwas zufriedener zu werden . Wenn es dann dem Jos gelang , seinen ehemaligen Freund wieder lebhaft an gemeinsam verlebte schöne Stunden zu erinnern , so darf man doch nicht glauben , daß er da schon als fortgeschickter Schneider und dienstsuchender Knecht oder Tagwerker geredet habe . Solchen armen Jöslein stehen in der Regel viel zu wenige Figuren zur Verfügung , um gute Schachspieler zu werden . Hier auf der dunkeln Brücke , dem einzigen Platz außer seinem Hause , wo niemand ihn wegschicken durfte , war wunderbar obenauf gekommen , was jetzt in ihm arbeitete . Begeistert redete er von der Zeit , in der sie beide Kopf und Hand , Klugheit und Tatkraft , List und Geld immer traulich zusammenzuhalten pflegten , bis er durch das Kommen eines Dritten unterbrochen wurde . Es war der Krämer , der sich gleich hart neben Hansen stellte und vertraulich plauderte , bis er auch den neben ihm im Dunkel sitzenden Schneider erkannte . » So , du bist auch da ? « sagte er etwas verlegen . Dann drehte er sich um , indem er auch Hansen recht bald und glücklich heimzukommen wünschte . Bald waren die festen Tritte des für sein Alter noch ungewöhnlich rüstigen , nur etwas nach vorn gebeugten Mannes verhallt . Unsere beiden Freunde aber dachten noch nicht daran , ihm ins Herrendorf hinauf zu folgen , von wo der Schatten seines stattlichen Hauses über den Hügel auf die mondbeglänzte Ach herunterragte . » Ich hätte gedacht « , bemerkte Jos , » der Krämer hätte nun sein Hühnchen für morgen gerupft und müßte nicht auch noch in der Nacht Geschäfte machen , da er ohnehin denen die Haare ausreißt , die sich von ihm kämmen lassen . « » Laß ihn doch einmal gehen ! « bat Hans in beinahe befehlendem Tone . » Ja , wir wollen uns die schöne Stunde nicht verderben « , stimmte der Schneider bei . » Sie ist wirklich schön , und mir tut es so wohl , daß wir wieder einmal vertraulich beisammen sind und , wie früher oft , das gleiche haben und das gleiche wollen . Mir ist das Herz so aufgegangen , daß ich keinem Menschen mehr etwas absein könnte . Mit dir ist mir der Mut und die Weichheit von früher wieder gekommen . O Hans , es ist schade , daß du sonst in jetziger Zeit so weit von mir stehst und so hoch ob mir , daß mir schon fast schwindelt , wenn ich zu dir hinaufsehe . « Hansen schienen diese Worte nicht besonders zu gefallen . Hastig langte er nach seinem Hute mit den Eierschalen und schritt über die Brücke auf die Schattenseite hinüber . Jos ging , seine Rede herzlich bereuend , langsam nach . Es war jedenfalls unklug , den Schwachen schon jetzt wieder an die Abneigung seiner stolzen Mutter zu erinnern . Schweigend bestiegen sie die kleine Anhöhe , von der aus sie nun die ringsum an die Berge gleichsam angelehnten Weiler und die einsam stehende Kirche zu übersehen vermochten . Hans stand aufatmend still und sagte lachend : » Dein Schritt paßt noch gerade so zu meinem wie früher . Hans und Jösle , Hans und Jösle , Hans ! klappt es noch wie früher , wenn wir miteinander über die Gasse gingen . Das Hans ist mein Tritt und das andere Gezappel dein Gang . Mir tut es wohl , das wieder einmal zu hören , wenn ich mich auch freue , daß wir seitdem älter und auch etwas klüger worden sind . « » Du hast gut fröhlich sein « , erwiderte Jos . » Fröhlich kannst du zurückschauen und sorglos in die Zukunft . Wer ins Schwabenland hinausfährt , weiß gar nicht , wie weit es ist . Und auch draußen erlebt er ganz anderes , als wer mit der ganzen Habe im Zwillichsack auf dem Rücken ermüdet ankommt und einen Dienst sucht . Ja , Hans , du bist ein glücklicher Wanderer ! « » Und du ? « » Ich bin müde worden auf meiner bösen Strecke und nun gar noch verirrt . « » Du ermüdet ? Das sollte man in den Kalender drucken lassen . « » Warum nicht gar ! Von mir mag man nicht einmal reden , geschweige denn schreiben und lesen . Nur wenn ich einmal den Kopf auch ein wenig aufrichten will , hat man Zeit , mich zu tadeln und wie ein Donnerwetter über mich herzufahren . « » Um so etwas nur tät ich mich eben gar nicht bekümmern . « » Ich freilich auch nicht , wenn ich festsäße wie du . Aber den armen Leuten geht zuweilen alles aus , sogar die Geduld . Auch sein Roß und das Rind schützt der Bauer und verzeiht ihnen einen tollen Sprung , wenn sie sich sonst gut halten ; so einem armen Teufel gegenüber jedoch kennt man keine Gerechtigkeit und dünkt sich selbst um so höher und besser , wenn man ihm ein rechtes Kohlrabengesicht gemacht hat . « » Ist dir wieder einmal einer auf die Zehen gestanden ? « » Sie treten einem nicht bloß auf seine Zehen , sondern auch auf die Hände , den Kopf und das Herz . « » So geht ' s einem , wenn er zu geduldig ist und sich so wenig zu regen und zu wehren weiß wie du « , spottete Hans . » Wehre dich , wenn du die Katze im Sack bist , mach ' eine Faust , wenn du keine Hand hast ! « » Lachen über alles oder gehen ist immer das gescheiteste . « » Es ist besser , zwanzig gute Lehren geben , als eine einzige befolgen . Das Kätzlein weiß gar nicht , wie der Maus zumute ist . Stell ' dich an meinen Platz in Gedanken , weg von deinem Geld und deinem Anwesen , zu einer Mutter , für die du arbeiten und etwas verdienen möchtest . Kannst du das ? « » Ganz leicht . « » Wir wollen gleich sehen . Sag ' mir nur , ob man da nur lachen und gehen kann , wenn sich auch das Ehrgefühl niemals regen sollte ? « » Aber so als Ladenschneider hast du doch keinem Menschen etwas nachzufragen , wenn du nur deine Sache gehörig machst . « » Als den Bauern , allen Kunden und dem Krämer und der Zusel . Aber schon an der hätte einer genug . Das ist dir eine , viel , viel ärger als drei Wochen Zahnweh . Wenn dich der Alte - denn Vetter mag ich ihn nicht mehr nennen - lange genug gebügelt und geschert hat , fährt auch sie noch daher auf ihrem Hochmut und läßt es mich jeden Augenblick empfinden , daß ich nicht der Hansjörg bin , für den sie ganz ein anderes und ein recht liebliches Paar Augen gehabt hatte . Aber das ist jetzt aus . Ins Haus geh ' ich nicht mehr , aber noch einmal bis vor die Tür , um dem Pfau diese Schalen da zu streuen . Sie wär ' nach dem Brauch noch zu jung für den Jungfrauenstuhl , drum wird das unseren Biggel nicht wenig ärgern . « » Und was willst du dann ? « fragte Hans ernst . » Was ich kann . « » Jetzt gibt ' s Arbeit genug , wenn einer nicht nur schimpfen , sondern auch schaffen will . Du hast dich freilich an die Stube gewöhnt , und nicht jeder , der einen Knecht oder Tagwerker braucht , würde dich gleich anstellen wollen . Komm nach den Feiertagen zu mir . Man kann dich nicht auf der weiten Gasse lassen . « Hans hatte ungewöhnlich entschieden gesprochen , gerade so , als ob jemand das Gegenteil sagte . Es war ihm auch wirklich , als ob er schon das Kopfschütteln seiner Mutter sehe , an die auch seine letzten Worte gerichtet waren . Jos sagte bei weitem nicht so schnell und freudig ja , als Hans wohl erwartet hatte . » Bei mir « , fing der reiche Bauer wieder an , » bei mir wirst du es dann wohl aushalten können , und Zuseln , die dir böse Augen machen und dich quälen , gibt es auch keine . Die Mutter kümmert sich nicht mehr gar so um alles wie früher , Dorothea aber , die Magd , ist so gut und brav , daß du sicher mit ihr zufrieden bist . « » Das glaub ' ich von Herzen gern « , sagte Jos mit einem Seufzer . » Gewiß erleb ' ich in deinem Hause nur Liebes und Gutes , aber es kann einem zuweilen auch das Heilsamste und Kräftigste ungesund sein , wenn es zur unrechten Zeit genommen wird . « » Zu stolz wenigstens « , bemerkte Hans etwas streng , » wird dir des armen Mathisles Dorothea hoffentlich nicht vorkommen ; aber ich weiß gar nicht , wie du da meinst ? « » Honig , zum Beispiel « , sagte Jos , » paßt viel weniger auf den Hemdkragen als auf das Butterbrot « . Jetzt war Hansens Geduld zu Ende . Er meinte es doch so herzlich gut mit dem sonderbaren Trotzkopf . Sogar den lieben Hausfrieden setzte er seinetwegen aufs Spiel , denn es war nicht zu erwarten , daß die Mutter es mit ihm auch habe wie mit dem Krämer , den sie früher gar nicht leiden konnte , der aber jetzt ein Mann ganz nach ihrem Herzen war , so daß Hans ohne seinen Rat kaum eine Ziege kaufen durfte . Hans wenigstens erwartete einen tüchtigen Verweis , daß er so einen ungeübten Knecht ins Haus bringe , einen Menschen überdies , den sie nun einmal nicht leiden könne . Dafür aber hatte er von dem dienstlosen Schneiderlein gerade keinen Dank , doch wenigstens ein freudiges Ja gehofft . Und nun waren solche schlechte Späße der Dank und die Antwort . » Der Teufel « , fuhr er auf , » oder wer sonst Lust hat , mag da dein dummes Gerede deuten und erlesen . Ich will jetzt ganz kurz und gut wissen , ob du am Dienstag kommst oder nicht . « » Ich komme « , sagte Jos , und man konnte ihm dabei leicht anhören , wie wohl ihm wurde , als er endlich mit sich selbst eins geworden war . » Und warum « , fragte Hans , » kommt das denn gar so schwer , daß man fast meinte , man müsse es mit einer Steinschraube heraufwinden ? « Das kam dem guten Burschen in diesem Augenblicke so unerwartet und griff dabei so tief , daß er in der Eile nur eine andere , scheinbar gar nicht hierher gehörige Frage hervorzubringen vermochte : » Sagst du mir auch , für welches Mädchen du die Schalen da bekommen hast , nachdem ich gegen dich so offen gewesen bin ? « » Von Herzen gern « , antwortete Hans fröhlich , » die sind für Dorotheen , die Magd . Die Wirtin hat also ganz umsonst gefürchtet , es könnte Händel geben ... Solche Späße machen wir immer , und du glaubst gar nicht , wie kurzweilig das dann ist . « » Ich kann es mir wohl einbilden « , sagte Jos leise . Hans aber fuhr munter fort : » Ihr Namenstag fällt in eine Zeit , wo es weder Blumen noch frisches Laub gibt . Ich und der alte Knecht aber , ein herzguter Kerl und nicht so ein Kopfhänger wie du heute , wir haben uns gleich zu helfen gewußt . Wir wollten ihr zeigen , daß wir die Bedeutung kennen , die der sechste Hornung für sie hat . Rate nun , damit du doch deinen Ärger über die Zusel einmal aus dem Gesichte bringst , womit wir dem guten Mädchen seinen Namenstag schmückten ? « » Nun , mit was denn ? « » Morgens in aller Frühe , noch bevor sich eine Kuh im Stalle regte , haben wir statt Festbäumchen zwei Besen rechts und links neben der Tür ihrer Kammer auf die Stiele gestellt , um welche statt Blumen duftendes Bergheu gewunden und mit alten Hosenträgern befestigt wurde . Schießen konnte nun freilich keiner von uns , ein gehöriges Namenstagsgerumpel aber hat es denn doch geben müssen ; das hätten wir durchaus nicht anders getan . Wir suchten auf der Rumpelkammer sorgfältig alles Küchengeschirr , welches sie im Laufe des Jahres und seit länger zerschlagen oder unbrauchbar gemacht hatte , und in einem alten , verwetterten Hute befestigten wir es so ob der Türe , daß es laut klirrend niederstürzte , als diese von innen geöffnet wurde . Die Gute hat herzlich gelacht über diese Aufmerksamkeit , die wie eine andere den guten Willen zeigte ; doch du mußt nicht glauben , daß uns der Streich geschenkt geblieben sei . « Jos konnte nicht so herzlich lachen wie Hans , obwohl er sich wenigstens den Schein geben wollte . Er war froh , daß er nun bei dem Gäßchen anlangte , welches zum Hause seiner Mutter hinunterführte . » Also am Dienstag oder vielleicht schon übermorgen will ich kommen « , rief er noch zurück und hätte fast dem Hans eine gute Nacht zu wünschen vergessen . Drittes Kapitel Die Schnepfauerin Jos hatte nun doch wieder einen Dienst . Wenn er seiner Mutter erzählte , wie er dem Krämer und seiner Zusel im Unmute derbe Wahrheiten gesagt habe , so brauchte er auf ihr jammerndes : » Was aber nun ? « nicht mehr verlegen , sprachlos vor ihr zu stehen . Er hatte jetzt eine Antwort , deren er sich nicht zu schämen brauchte . Gewiß hatte die Gute recht , daß sie ihn stets zur Geduld ermahnte . Jetzt gestand er sich das von Herzen gern , denn erst jetzt wagte er , sich ' s recht lebhaft vorzustellen , wie schlimm er nun daran wäre , wenn er keinen Platz hätte . Er dachte dann auch , wie die gute Mutter sich freuen werde , daß nun ihr alter Lieblingswunsch , ihn bei seinem Schulfreund im Dienst zu sehen , noch so schnell und unerwartet erfüllt werden sollte . Das alles malte sich Jos beim Heimgehen aus , um doch auch ein wenig fröhlich zu werden . Doch es war alles beinahe umsonst . Nicht , daß ihm etwa vor der alten Stigerin besonders bange gewesen wäre . Seine Erinnerung freilich hatte nur wenig Erfreuliches von ihr bewahrt , doch damals , als er zuweilen in ihrem Hause spielte , kam ihm manches ganz anders vor , als seit er beim Krämer gewesen war . Wer immer bei der reichen Witwe gelebt und mit ihr verkehrt hatte , wußte nur Gutes von ihr zu erzählen , wenn man sie auch ein wenig stolz oder eher seltsam nannte . Jedenfalls war es neben ihr leicht auszuhalten , Hans war die Gutmütigkeit selbst und Dorothea - gewiß auch . Und doch ! Das liebliche Mädchen hatte er , wie bereits erwähnt , am letzten Faschingsdienstag seit Jahren wieder zum erstenmal gesprochen , und jenes schmerzliche Gefühl , das er von ihr wegnahm , hatte ihn seitdem nie mehr ganz verlassen . Zuweilen nannte er es den Wunsch , beständig neben Dorotheen zu leben und mit ihr zu arbeiten . Vielleicht aber wurde nun jener Abend das Bild seiner nächsten Zukunft . Er sah das Mädchen von keinem der eben Tanzenden beachtet in einem Winkel stehen und suchte sich ihm zu nähern . » Sie ist eine Magd « , dachte er nach der allgemein im Bregenzerwalde geltenden Regel , man solle nur mit gleichen Vögeln zu fliegen versuchen . So scheu , wie wohl fast jedes arme Bürschchen , welches zum erstenmal im Leben auf einem Tanzboden auftreten will , fragte er , ob sie nicht , statt hier beinahe erdrückt zu werden , sich eine Weile mit ihm herumdrehen möchte . » Von Herzen gern « , antwortete ihre klangvolle Stimme so laut und fröhlich , daß viele die Köpfe umdrehten und das errötende Paar entweder neugierig oder freundlich lächelnd anblickten . Es wurde beiden fast angst , doch das währte nicht lange . Das Tanzen ging wie geflogen . Jos dachte nicht mehr an die Umstehenden ; nur noch sie beide waren da und plauderten so viel zusammen , daß das Schneiderlein es vorher so gar nicht für möglich gehalten hätte . Freilich , einem anderen , dem alles Gesprochene erzählt worden wäre , hätte das sicher nicht eben viel Kurzweil gemacht . Man mußte so etwas von Dorotheen selbst hören , die in jedes Wort so gleichsam etwas von ihrem freundlichen Blick , ihrem seligen Lächeln legte und dann wie das liebliche Echo ihres guten Herzens leise und doch so voll und rein erklingen ließ . Nur dann erst konnte man sich eine schwache Vorstellung davon machen , wie schöne Minuten das Schneiderlein am Faschingsdienstag erlebte . Leider waren es nur Minuten , und den neuen Freuden folgten neue Schmerzen schnell nach . Für das arme , scheue Bürschchen stand der Becher der Freude auf zu unsicherer , wankender Unterlage , als daß nicht sofort die darin enthaltene Hefe aufgerüttelt worden wäre , die nun alles verbitterte . Es fehlte gar bald am nötigen Geld , um noch ein Schöpplein einschenken zu lassen , da beim Fortgehen von Hause auf so etwas nicht gerechnet wurde und auch dort nicht gerade viel mehr Bares mitzunehmen gewesen wäre . Schon schlich das arme Jösle , welches noch heute vormittags eine Wirtshausschuld für das Allerschlimmste gehalten hätte , zitternd und bleich dem hölzernen Aufwärter mit dem unbarmherzigen , starren Geldtaschengesichte nach , um ein vertrautes Wort mit ihm zu reden , als der Hans daherpolterte , Dorotheen johlend bei der Hand faßte und eine Maß Glühwein samt geschliffenen Gläsern zu bringen befahl . Wäre Jos imstande gewesen , noch eine Weile in dem Winkel zu bleiben , in den er sich versteckte , so würde er gesehen haben , wie Dorotheens schöne Augen auch an Hansens vielbeneideter Seite ihn immer noch in allen Ecken suchten . Aber als ob der Boden unter seinen Füßen brenne , war er heimgeeilt zur Mutter , der er nun seine Not zu klagen begann . Ja , die arme Schnepfauerin hätte dem freundlichen Leser sagen können , warum das gerade in ihr Kapitel hinein habe kommen müssen . Alles , was der Jos in seinem Unmute so bitter beklagte , lastete auch auf ihr und ward ihr noch doppelt schwer durch den Gedanken , daß eigentlich sie und nur sie an allem schuld sei . » Die Sünden der Eltern werden noch an den Kindern gestraft « , das hörte die Arme schon früher und hatte nur zu oft Gelegenheit , die Wahrheit dieses Spruches zu erfahren . War es ihr nun auch noch so schmerzlich , ihren Jos ganz unschuldig einzig ihretwegen immer wieder angefeindet und zurückgesetzt zu sehen , so hatte sie dabei doch wieder den Trost , daß der arme Junge sich dadurch doch den Himmel verdienen könnte . Damit vermochte sie sich wieder zu beruhigen , wenn Jos einmal mit kaltem Lachen sagte , solche Leute wie er seien einmal dazu da , daß andere ein Vergnügen hätten und nach Belieben auf ihnen herumtrampeln können . Diese Ruhe der Verzweiflung , die sie Geduld und Ergebung in den Willen Gottes nannte , hielt sie für die größte Gnade , die dem Jos verliehen werden konnte . Sie sah darin einen Beweis , daß er wenigstens von Gott nicht verlassen sei . Aber seit jenem Abende war auch dieser Trost verloren . Jos kam als ein ganz anderer heim , und vergebens betete sie seitdem , daß Gott ihm die frühere Ruhe wieder verleihen , unter der ihn drückenden Last nicht auch seine Seele tiefer und immer tiefer sinken lassen möge . Der alte war Jos seit dem Faschingsdienstag allerdings nicht mehr , das hätte nicht nur der Scharfblick der liebenden Mutter wahrnehmen können ; aber man hätte die Veränderung ebensogut einem plötzlichen Aufschnellen seiner lange niedergehaltenen inneren Kraft als einem Abnehmen der Gnade Gottes zuschreiben können . Wenn ihn jetzt der Druck der Fesseln schmerzte , an denen er immer gewaltiger rüttelte , so machte ihn das nicht mehr schwach wie früher , sondern immer wilder und trotziger . Das brachte die Mutter beinahe zur Verzweiflung und machte wahr , was sie schon seit Wochen fürchtete . Der Krämer war mit dem Jos nicht mehr zufrieden und gab ihm endlich , als die vielen Arbeiten auf Ostern fertig waren , mit einem Wochenlöhnchen , das die Mutter nur nährte , weil auch sie mit Sticken noch manchen Batzen dazu verdiente , den Abschied . Es wäre ihm bange gewesen , wenn er so ohne besseren Bericht zur Mutter hätte gehen müssen . Der unbewußt in ihm erwachende Wunsch , von jetzt an neben dem lieben Mädchen zu leben und zu arbeiten , hatte ihn in die Nähe des Glücklichen getrieben , der das ganze liebe , lange Jahr kaum von ihrer Seite kam . Hansens Antrag trieb ihm alles Blut ins Gesicht , und auch noch , nachdem er zugesagt hatte , plagte ihn beständig die Frage , wie oft es ihm wohl gehen werde wie am Faschingsdienstag . Ja , er hatte wirklich nur zu kommen versprochen , weil er wußte , daß das die Mutter freuen werde , wie die Arme lange nichts mehr gefreut . Als dann Hans das schöne , frohe Zusammenleben mit Dorotheen schilderte , ward ihm unaussprechlich weh , und er verließ seinen künftigen Brotherrn in der übelsten Stimmung . Vor der Beige von Bach- oder Bettlerholz , welches er und die Mutter nach einer Überschwemmung neben der Ach zusammengelesen hatten , blieb er stehen und sah das Bild des Mondes , wie es von den kleinen , halbblinden Scheiben der Fenster seines Häuschens trüb und traurig zurückgeworfen wurde . » Alles « , rief er laut , » gar alles , auch der liebe Mond kommt verdorben wieder aus so einer Hütte . Ist ' s da noch zum Verwundern , wenn man auch an mir etwas Ähnliches bemerken will ? « Jetzt öffnete sich das Fenster , und eine sanfte Frauenstimme fragte : » Jos - bist du da ? « Wie aus dem geöffneten Fenster das trübe Bild des Mondes , so war auch des Schneiders Unmut plötzlich verschwunden . Die Mutter war also auch noch wach . Vermutlich hatte sie bis jetzt immer gestickt , um mit ihrer Arbeit noch vor den Feiertagen fertig zu werden und den Lohn dafür zu erhalten . » Ja , Mutter « , antwortete er ganz eigen weich , und im nächsten Augenblicke knarrte die schwere Haustür . » Ich hab ' deinetwegen schon fast Kummer gehabt « , redete die blasse Schnepfauerin den Eintretenden an , indem sie mit der weißen , fast durchsichtigen Hand über die wohl vom vielen Nachtarbeiten so stark geröteten Augen fuhr . » Du kommst sonst immer zur rechten Zeit « , setzte sie lobend bei und versuchte zu lächeln . » Was würdest du aber sagen , Mutter , wenn ich von jetzt an auch abends nicht mehr heimkommen tät ' ? « fragte Jos , indem er sich neben sie auf die Ofenbank setzte und ihre Hand ergriff . » Großer Gott ! Bedeutet es kein Unglück , daß wir so auf den gleichen Gedanken gekommen sind ? Wenn du nicht mehr kommen tätest und mir tragen hülfest und dich freutest mit mir , es wäre so