des Lieblings die letzte Arbeit der Hände gewesen , die nun im Tode erstarrt waren . Aber gerade der elegante Anzug , der ungezwungene , geniale Fall der Locken auf Stirn und Hals , die graziösen Bewegungen des Kindes empörten die Frau . » Nicht zwei Stunden möchte ich diesen Irrwisch um mich leiden , « sagte sie plötzlich , ohne auf die eklatante Zurechtweisung ihres Mannes auch nur eine Silbe zu erwidern . » Das zudringliche kleine Ding mit den wilden Haaren und der entblößten Brust paßt nicht in unseren ernsthaften , strengen Haushalt - das hieße geradezu der Leichtfertigkeit und Liederlichkeit Thür und Thor öffnen . Hellwig , du wirst diesen Zankapfel nicht zwischen uns werfen , sondern dafür sorgen , daß die Kleine wieder dahin zurückgebracht wird , wohin sie gehört . « Sie öffnete die Thür , die nach der Küche führte , und rief die Köchin herein . » Friederike , ziehe dem Kinde die Sachen wieder an , « befahl sie , auf Kapuze und Mantel der Kleinen deutend , die noch am Boden lagen . » Du gehst augenblicklich in die Küche zurück ! « gebot Hellwig mit lauter , zorniger Stimme und zeigte nach der Thür . Die verblüffte Magd verschwand . » Du treibst mich zum Aeußersten durch deine Härte und Grausamkeit , Brigitte ! « rief der erbitterte Mann . » Schreibe es daher dir und deinen Vorurteilen zu , wenn ich dir jetzt Dinge sage , die sonst nie über meine Lippen gekommen wären ... Wem gehört das Haus , das du , wie du sehr irrigerweise behauptest , zu einem Tempel des Herrn gemacht haben willst ? - Mir ... Brigitte , du bist auch als arme Waise in dies Haus gekommen - im Laufe der Jahre hast du das vergessen , und , Gott sei es geklagt , je eifriger du an diesem sogenannten Tempel gebaut , je mehr du dich befleißigt hast , den Herrn und die christliche Liebe und Demut auf den Lippen zu führen , um so hochmütiger und hartherziger bist du geworden ... Dies Haus ist mein Haus , und das Brot , welches wir essen , bezahle ich , und so erkläre ich dir entschieden , daß das Kind bleibt , wo es ist ... Und ist dein Herz zu eng und liebeleer , um mütterlich für die arme Waise zu fühlen , so verlange ich wenigstens von meiner Frau , daß sie in Rücksicht auf meinen Willen dem Kinde den nötigen weiblichen Schutz zu teil werden läßt ... Wenn du nicht dein Ansehen bei unseren Leuten verlieren willst , so triff jetzt die nötigen Anordnungen zur Aufnahme des Kindes - außerdem werde ich die Befehle geben . « Nicht ein Wort mehr kam über die weißgewordenen Lippen der Frau . Jede andere würde wohl in einem solchen Augenblicke der völligen Ohnmacht zu der letzten Waffe , den Thränen , gegriffen haben ; aber diese kalten Augen schienen den süßen , erleichternden Quell nicht zu kennen . Dieses völlige Verstummen , diese eisige Kälte , mit der sich die ganze Frauengestalt förmlich panzerte , hatte etwas Beängstigendes und mußte jedem anderen die Brust zuschnüren ... Sie griff schweigend nach einem Schlüsselbunde und ging hinaus . Mit einem tiefen Seufzer nahm Hellwig die Kleine bei der Hand und ging mit ihr im Zimmer auf und ab . Er hatte einen furchtbaren Kampf gekämpft , um diesem verlassenen Wesen eine Heimat in seinem Hause zu sichern , er hatte seine Frau tödlich beleidigt ; nie , nie - das wußte er - vergab sie ihm die bitteren Wahrheiten , die er ihr eben gesagt hatte , denn sie war unversöhnlich . 4 Unterdes stellte Friederike einen kleinen Zinnteller mit einem Kinder-Eßbesteck und einer frischen Serviette auf den Tisch . Zugleich klingelte es draußen , und gleich darauf öffnete Heinrich die Zimmerthür und ließ einen kleinen , ungefähr siebenjährigen Knaben eintreten . » Guten Abend , Papa ! « rief der Kleine und schleuderte die Schneeflocken von seiner Pelzmütze . Hellwig nahm den blonden Kopf seines Kindes zärtlich zwischen seine Hände und küßte es auf die Stirn . » Guten Abend , mein Junge , « sagte er ; » nun , war es hübsch bei deinem kleinen Freunde ? « » Ja ; aber der dumme Heinrich hat mich viel zu früh geholt . « » Das hat die Mama so gewünscht , mein Kind ... Komm her , Nathanael , sieh dir einmal dies kleine Mädchen an - es heißt Fee - « » Dummheit ! ... wie kann sie denn Fee heißen - das ist ja gar kein Name ! « Hellwigs Auge streifte gerührt über das kleine Geschöpfchen , das Elternzärtlichkeit selbst mittels des Rufnamens poetisch zu verklären gesucht hatte . » Ihr Mütterchen hat sie so genannt , Nathanael , « sagte er weich ; » sie heißt eigentlich Felicitas ... Ist sie nicht ein armes , armes Ding ? Ihre Mama ist heute begraben worden ; sie wird nun bei uns wohnen , und du wirst sie lieb haben , wie ein Schwesterchen , gelt ? « » Nein , Papa , ich will kein Schwesterchen haben . « Der Knabe war das treue Abbild seiner Mutter . Er hatte schöne Züge und einen merkwürdig klaren rosigen Teint ; aber er hatte auch die häßliche Gewohnheit , das Kinn auf die Brust zu drücken und mit seinen großen Augen unter der gewölbten Stirn hervor nach oben zu schielen , was ihm einen Ausdruck von Heimtücke und Verschlagenheit gab . In diesem Augenblicke bog er den Kopf noch tiefer als sonst gegen die Brust , hob den rechten Ellbogen wie zu trotziger Abwehr in die Höhe und sah unter demselben mit einem bösartigen Ausdrucke nach dem Kinde hinüber . Die Kleine stand dort und zog und zerrte verlegen an ihrem Röckchen ; der bedeutend größere Junge imponierte ihr offenbar , aber allmählich kam sie näher , und ohne sich durch seine gehässige Stellung abschrecken zu lassen , griff sie mit leuchtenden Augen nach dem Kindersäbel , der an seinem Gürtel hing . Er stieß sie zornig zurück und lief seiner Mutter entgegen , die eben wieder eintrat . » Ich will aber kein Schwesterchen haben ! « wiederholte er weinerlich . » Mama , schicke das ungezogene Mädchen fort ; ich will allein sein bei dir und dem Papa ! « Frau Hellwig zuckte schweigend die Achseln und trat hinter ihren Stuhl am Eßtische . » Bete , Nathanael ! « gebot sie eintönig und faltete die Hände . Sofort fuhren die zehn Finger des Knaben ineinander ; er senkte demütig den Kopf und sprach ein langes Tischgebet ... Unter den obwaltenden Umständen war dies Gebet die abscheulichste Profanation einer schönen christlichen Sitte . Der Hausherr rührte das Essen nicht an . Auf seiner sonst so blassen Stirn lag die Röte innerer Aufregung , und während er mechanisch mit der Gabel spielte , flog sein getrübter Blick unruhig über die mürrischen Gesichter der Seinen . Das kleine Mädchen ließ es sich dagegen vortrefflich schmecken . Sie steckte einige Bonbons , die er neben ihren Teller gelegt hatte , gewissenhaft in ihr Täschchen . » Das ist für Mama , « sagte sie zutraulich ; » die ißt Bonbons zu gern ; Papa bringt ihr immer ganze große Düten voll mit . « » Du hast gar keine Mama ! « rief Nathanael feindselig herüber . » O , das weißt du ja gar nicht ! « entgegnete die Kleine sehr aufgeregt . » Ich habe eine viel schönere Mama , als du ! « Hellwig sah tieferschrocken und scheu nach seiner Frau , und seine Hand hob sich unwillkürlich , als wollte sie sich auf den kleinen rosigen Mund legen , der das eigene Interesse so schlecht zu wahren verstand . » Hast du für ein Bettchen gesorgt , Brigittchen ? « fragte er hastig , aber mit sanfter , bittender Stimme . » Ja . « » Und wo wird sie schlafen ? « » Bei Friederike . « » Wäre nicht so viel Platz - wenigstens für die erste Zeit - in unserem Schlafzimmer ? « » Wenn du Nathanaels Bett hinausschaffen willst , ja . « Er wandte sich empört ab und rief das Dienstmädchen herein . » Friederike , « sagte er , » du wirst des Nachts dies Kind unter deiner Obhut haben - sei gut und freundlich mit ihm ; es ist eine arme Waise und an die Zärtlichkeit einer guten , sanften Mutter gewöhnt . « » Ich werde dem Mädchen nichts in den Weg legen , Herr Hellwig , « entgegnete die Alte , die offenbar gehorcht hatte ; » aber ich bin ehrlicher Leute Kind und hab ' in meinem ganzen Leben nichts mit Spielersleuten zu schaffen gehabt - wenn man nur wenigstens wüßte , ob die Menschen getraut gewesen sind . « Sie schielte hinüber nach Frau Hellwig und erwartete ohne Zweifel einen belobenden Blick für ihre » herzhafte « Antwort , allein die Madame band eben Nathanael die Serviette ab und sah überhaupt drein , als sehe und höre sie von dem ganzen Handel nichts . » Das ist stark ! « rief Hellwig entrüstet . » Muß ich denn erst heute erfahren , daß in meinem ganzen Hause weder Mitleiden noch Erbarmen zu finden ist ? Und Du meinst , du dürftest unbarmherzig sein , weil du ehrlicher Leute Kind bist , Friederike ? ... Nun , zu deiner Beruhigung sollst du wissen , daß die Leute in rechtlicher Ehe gelebt haben ; aber ich sage dir auch hiermit , daß ich von nun an sehr streng mit dir verfahren werde , sobald ich merke , daß du dem Kinde irgendwie zu nahe trittst . « Es schien , als sei er des Kampfes müde . Er stand auf und trug die Kleine in die Kammer der Köchin . Sie ließ sich gutwillig zu Bett bringen und schlief bald ein , nachdem sie mit süßer Stimme für Papa und Mama , für den guten Onkel , der sie morgen wieder zu Mama tragen werde , und - für » die große Frau mit dem bösen Gesichte « gebetet hatte . Spät in der Nacht ging Friederike zu Bett . Sie war zornig , daß sie so lange hatte aufbleiben müssen , und rumorte rücksichtslos in der Kammer . Die kleine Felicitas fuhr jäh aus dem Schlafe empor ; sie setzte sich im Bette auf , strich die wirren Locken aus der Stirn , und ihre Augen glitten angstvoll suchend über die räucherigen Wände und dürftigen Möbel der engen , schwach beleuchteten Kammer . » Mama , Mama ! « rief sie mit lauter Stimme . » Sei still , Kind , deine Mutter ist nicht da ; schlafe wieder ein , « sagte die Köchin mürrisch , während sie sich entkleidete . Die Kleine sah erschreckt zu ihr hinüber ; dann fing sie an , leise zu weinen - sie fürchtete sich offenbar in der fremden Umgebung . » Na , jetzt heult die Range auch noch , das könnte mir fehlen - gleich bist du still , du Komödiantenbalg ! « Sie hob drohend die Hand . Die Kleine steckte erschrocken das Köpfchen unter die Decke . » Ach , Mama , liebe Mama , « flüsterte sie , » wo bist du nur ? Nimm mich doch in dein Bett - ich fürchte mich so ... ich will auch ganz artig sein und gleich einschlafen ... Ich habe dir auch etwas aufgehoben , ich habe nicht alles gegessen - Fee bringt dir etwas mit , liebe Mama ... Oder gib mir nur deine Hand , dann will ich in meinem Bettchen bleiben und - « » Bist du wohl still ! « rief Friederike und rannte wie wütend nach dem Bette des Kindes ... Es rührte sich nicht mehr - nur dann und wann drang ein unterdrücktes Schluchzen unter der Decke hervor . Die alte Köchin schlief längst den Schlaf des Gerechten , als das arme Kind , die aufgeschreckte Sehnsucht im kleinen Herzen , noch leise nach der toten Mutter jammerte . 5 Hellwig war Kaufmann . Erbe eines bedeutenden Vermögens , hatte er dasselbe durch verschiedene industrielle Unternehmungen noch vermehrt . Er zog sich jedoch , weil er kränkelte , ziemlich früh aus der Geschäftswelt zurück und privatisierte in seiner kleinen Vaterstadt . Der Name Hellwig hatte da einen gewichtigen Klang . Die Familie war seit undenklichen Zeiten eine der angesehensten , und durch viele Generationen hindurch hatte immer einer der Träger des geachteten Namens irgend ein Ehrenamt der Stadt bekleidet . Der schönste Garten vor den Thoren des Städtchens und das Haus am Markte waren seit Menschengedenken im Besitze der Familie . Das Haus bildete die Ecke des Marktplatzes und einer steil bergaufsteigenden Straße , und an dieser Ecke lief die stattliche Fronte des Gebäudes in einen weit hervorspringenden Erker aus . In den zwei oberen Stockwerken hingen jahraus , jahrein schneeweiße Rouleaus hinter den Scheiben ; nur dreimal im Jahre und dann stets einige Tage vor den hohen Festen verschwanden die Hüllen - es wurde gelüftet und gescheuert . Die mächtigen , erzenen Drachenköpfe hoch oben am Dache , die das Regenwasser aus der Dachrinne hinunter auf das Pflaster spieen , die Vögel , welche vorüberflatterten , sahen dann die aufgespeicherten Schätze des alten Kaufmannshauses , sahen die altmodische Pracht der Zimmer - jene hohen Schränke von kostbarer eingelegter Arbeit mit den blitzenden Schlössern und Handhaben , die reichen seidendamastenen Ueberzüge auf den strotzenden Daunenkissen der Kanapees und den hochgepolsterten Stühlen , die deckenhohen , in die Wand eingefügten , venezianischen Spiegel und in den Kammern die hochaufgestapelten Gastbetten , deren Leinenüberzügen ein starker Lavendelduft entquoll . Diese Räume wurden nicht bewohnt . Es war niemals Sitte in der Familie Hellwig gewesen , einen Teil des geräumigen Hauses zu vermieten . Durch alle Zeiten hatte da droben vornehmes , feierliches Schweigen geherrscht , das nur unterbrochen wurde durch eine glänzende Hochzeit oder Kindtaufe und im Laufe des Jahres dann und wann durch den hallenden Schritt der Hausfrau , die dort ihre Leinenschätze , ihr Silber- und Porzellangeschirr verwahrt hielt . Frau Hellwig war als zwölfjähriges Kind in dies Haus gekommen . Die Hellwigs waren ihr verwandt und nahmen sie auf , als ihre Eltern rasch hintereinander starben und sie und ihre Geschwister mittellos hinterließen . Das junge Mädchen hatte einen schweren Stand der alten Tante gegenüber , die eine strenge und stolze Frau war . Hellwig , der einzige Sohn des Hauses , empfand anfänglich Mitleiden für sie , später aber verwandelte sich die Teilnahme in Liebe . Seine Mutter war entschieden gegen seine Wahl , und es kam deshalb zu schlimmen Auftritten , allein der Liebende setzte schließlich seinen Willen durch und führte das Mädchen heim . Er hatte die mürrische Schweigsamkeit der Geliebten für mädchenhafte Schüchternheit , ihre Herzenskälte für sittliche Strenge , ihren starren Sinn für Charakter gehalten und stürzte mit dem Eintritt in die Ehe aus all seinen Himmeln . Binnen kurzem fühlte der gutmütige Mann die eiserne Faust einer despotischen Seele im Genicke , und da , wo er dankbare Hingebung gehofft hatte , trat ihm plötzlich der krasseste Egoismus entgegen . Seine Frau schenkte ihm zwei Kinder , den kleinen Nathanael und seinen um acht Jahre älteren Bruder Johannes . Den letzteren hatte Hellwig schon als elfjähriges Kind zu einem Verwandten , einem Gelehrten , gebracht , der am Rhein lebte und Vorstand eines großen Knabeninstituts war . Das waren Hellwigs Familienverhältnisse zu der Zeit , wo er das Kind des Taschenspielers in sein Haus nahm . Das schreckliche Ereignis , dessen Zeuge er gewesen war , hatte ihn tief erschüttert . Er konnte den flehenden , unsäglich schmerzlichen Blick der Unglücklichen nicht vergessen , als sie gedemütigt in seiner Hausflur gestanden und seinen Thaler in Empfang genommen hatte . Sein weiches Herz litt unter dem Gedanken , daß es vielleicht sein Haus gewesen war , wo das arme Weib den letzten verwundenden Stachel ihrer unglückseligen Lebensstellung hatte empfinden müssen . Als daher der Pole ihm die letzte Bitte der Verstorbenen mitteilte , da erbot er sich rasch , das Kind erziehen zu wollen . Erst als er auf die dunkle Straße hinaustrat , wohin ihm der letzte , herzzerreißende Abschiedsruf des unglücklichen Mannes nachscholl , und wo die Kleine , ihre Aermchen fester um seinen Hals schlingend , nach der Mama frug , erst da dachte er an den Widerspruch , der ihn voraussichtlich daheim erwartete ; allein er rechnete auf den Liebreiz des Kindes und auf den Umstand , daß seiner eigenen Ehe ja ein Töchterchen versagt sei - er hatte trotz aller schlimmen Erfahrungen noch immer keinen vollkommenen Begriff von dem Charakter seines Weibes , sonst hätte er sofort umkehren und das Kind in die Arme des Vaters zurückbringen müssen . War bis dahin das Verhältnis zwischen Hellwig und seiner Frau ein frostiges gewesen , so hatte es jetzt nach der Aufnahme der kleinen Waise den Anschein , als seien granitene Mauern zwischen dem Ehepaar aufgestiegen . Im Hause ging zwar alles seinen Gang unbeirrt fort . Frau Hellwig wanderte täglich mehrere Male durch die Haus- und Wirtschaftsräume - sie hatte durchaus keinen schwebenden Gang , und für ein feines oder gar ein ängstliches Ohr hatten diese harten , festen Schritte etwas Nervenaufregendes . Fortwährend glitt dabei ihre rechte Hand über Möbel , Fenstersimse und Treppengeländer - es war ein unbezwinglicher Hang , eine Manie dieser Frau , die große , weiße Hand mit den kolbigen Fingerspitzen und den breiten Nägeln über alles hinstreifen zu lassen und dann die innere Fläche sorgsam zu prüfen , ob nicht Staubatome oder das verpönte Fädchen eines Spinnewebenversuchs daran hänge ... Es wurde gebetet nach wie vor , und die Stimmen , die Gottes ewige Liebe und Barmherzigkeit priesen , die sein Gebot wiederholten , nach welchem wir selbst unsere Feinde lieben sollen , sie klangen genau so eintönig und unbewegt , wie vorher auch . Man nahm die Mahlzeiten gemeinschaftlich ein , und Sonntags schritt das Ehepaar einträchtig nebeneinander zur Kirche . Aber Frau Hellwig vermied es mit eiserner Konsequenz , ihren Mann anzureden . Sie fertigte seine Annäherungsversuche mit der knappesten Kürze ab und machte es möglich , stets neben oder über der kleinen Gestalt des Hausherrn hinwegzusehen . Ebensowenig existierte der kleine Eindringling für sie . Sie hatte an jenem stürmischen Abende der Köchin ein für allemal befohlen , täglich eine Portion Essen mehr anzurichten , und in die Kammer derselben einige Bettstücke nebst Leinzeug geworfen . Den kleinen Koffer mit Felicitas ' Habseligkeiten , den unterdes der Hausknecht aus dem » Löwen « gebracht , mußte Friederike vor den Augen der Hausfrau öffnen , und die äußerst sauber gehaltene , kleine Garderobe , welcher der Hauch eines sehr feinen Odeurs entquoll , sofort auf einen offenen Gang zum Auslüften hängen ... Hiermit begann und beschloß sie die ihr aufgedrungene Fürsorge für das » Spielerskind « , und als sie danach wieder in das Zimmer trat , war sie mit diesem Kapitel innerlich fertig für alle Zeiten . Nur ein einziges Mal schien es , als ob ein Funke Teilnahme in ihr aufglimme . Eines Tages nämlich saß eine Nähterin im Wohnzimmer und fertigte aus einem dunklen Stoffe zwei Kleider für Felicitas , genau nach dem strengen Schnitte , wie die Frau des Hauses sich trug . Zu gleicher Zeit preßte Frau Hellwig die widerstrebende Kleine zwischen ihre Kniee und bearbeitete deren Kopf so lange mit Bürste , Kamm und Pomade , bis das wundervolle Lockengeringel die erwünschte Glätte und Nachgiebigkeit erhielt und sich in zwei häßliche , steife Zöpfe am Hinterkopfe zwängen ließ ... Die Abneigung dieses Weibes gegen Grazie und Anmut , gegen alles , was wider die Gebote ihrer verknöcherten Ansichten stritt , und was seine Linien und Formen aus dem Gebiete des Idealen entnahm - jener Widerwille war stärker noch als ihr Starrsinn , als der Vorsatz , die Anwesenheit des Kindes im Hause völlig zu ignorieren ... Hellwig hätte weinen mögen , als ihm sein kleiner Liebling so entstellt entgegentrat , während seine Frau nach der Sühne , die ihr schönheitsfeindlicher Sinn gebieterisch verlangt hatte , womöglich noch zurückweisender gegen das Kind war als vorher . Noch war indes die Kleine nicht zu beklagen ; noch konnte sie aus dem Bereiche jener Medusenaugen an ein warmes Herz flüchten - Hellwig liebte sie wie seine eigenen Kinder . Freilich fand er nicht den Mut , dies offen auszusprechen , - seinen Fonds von Energie hatte er an jenem ereignisvollen Abende seiner Frau gegenüber völlig erschöpft - aber sein Auge wachte unablässig über Felicitas . Gleich Nathanael hatte sie ihr Spielwinkelchen in ihres Pflegevaters Zimmer ; dort durfte sie ungestört ihre Puppen herzen und sie einwiegen mit den Melodien , die sie noch gelernt hatte auf den Knieen der Mutter . Nathanael ging nicht in die öffentliche Schule ; er erhielt seinen Unterricht von Privatlehrern unter den Augen des Vaters , und als Felicitas ihr sechstes Jahr erreicht hatte , begann dieser Unterricht auch für sie . Sobald aber der Schnee schmolz und Krokus und Schneeglöckchen die noch leeren , schwarzen Rabatten besäumten , wanderte Hellwig täglich mit den Kindern hinaus in seinen großen Garten ; da draußen wurde gelernt und gespielt , während man nur zur Essenszeit das Haus am Marktplatze aufsuchte . Frau Hellwig betrat sehr selten den Garten ; sie zog es vor , mit dem Strickstrumpfe in ihrer großen , stillen Stube , hinter dem makellos weißen , in regelrechte Fältchen gebrochenen Fenstervorhange zu sitzen , und zu diesem Vorzuge hatte sie einen ganz besonderen Grund . Ein Vorfahr Hellwigs hatte den Garten in altfranzösischem Stile angelegt . Es war sicher eine Meisterhand gewesen , von welcher die rings verteilten , lebensgroßen mythologischen Figuren und Gruppen aus Sandstein herrührten . Freilich hoben sich die hellen Gestalten scharf ab von den düsteren , steifen Taxuswänden . Die reizenden , aber ziemlich unverhüllten Formen einer Flora , die entblößten zarten Schultern und Arme der sich sträubenden Proserpina und die muskulöse Nacktheit ihres gewaltigen Entführers mußten den Blick des Eintretenden sogleich auf sich ziehen - und das waren in der That Steine des Anstoßes für Frau Hellwig . Sie hatte anfänglich die Hinwegschaffung dieser » sündhaften Darstellung des menschlichen Leibes « gebieterisch verlangt , allein Hellwig rettete seine Lieblinge durch Vorzeigung des väterlichen Testaments , in welchem ausdrücklich die Entfernung der Statuen untersagt wurde . Hierauf hatte Frau Hellwig nichts Eiligeres zu thun , als zu Füßen der mythologischen Zankäpfel eine Wildnis von Schlingpflanzen anlegen zu lassen , und nicht lange dauerte es , so erschien Herrn Plutos grimmiges Gesicht unter einer ehrwürdigen , grünen Allongeperücke . Eines schönen Morgens aber riß Heinrich auf Befehl seines Herrn mit einem wahren Wonnegefühl die grünen Schmarotzer bis auf das kleinste Wurzelfäserchen aus der Erde , und seit der Zeit vermied es Frau Hellwig im Interesse ihres Seelenheils , noch mehr aber darum , weil die Statuen hohnlächelnde Zeugen ihrer Niederlage waren , den Garten zu betreten . Gerade deshalb wurde er aber auch die eigentliche Heimat der kleinen Felicitas . Hinter den großen Taxuswänden dehnte sich ein großer , prächtiger Rasenfleck . Riesige Nußbäume senkten die Stämme tief ein in das blumengesprenkelte Gras , und ein rauschender Mühlbach durchschnitt zum Teil die grüne Fläche ; seine Borde umsäumte dichtes Haselgesträuch , und der kleine beraste Damm , den man zum Schutze gegen das im Frühling reißende Gewässer aufgeworfen hatte , schimmerte im Mai gelb von Schlüsselblumen , und später lugten die rosenroten Aeuglein der Feldnelken zwischen den wehenden Halmen . Felicitas lernte unermüdlich und saß mit merkwürdig beherrschter Haltung in den Lehrstunden . Wenn aber Hellwig am späten Nachmittage den Unterricht für beendet erklärte , dann erschien sie plötzlich völlig umgewandelt . Noch hochrot vom Lerneifer , war sie doch wie toll , wie berauscht von der Freiheit : sie konnte immer und immer wieder mit hochgehobenen Armen , wie ohne Zweck und Ziel , über den Rasenplatz jagen , ungebändigt , in wilder Grazie , wie das junge Roß der Steppe . Dann glitt sie blitzschnell am Stamme eines Nußbaumes empor , tauchte den Kopf , umwogt von aufgelösten Haarmassen , jauchzend aus der höchsten Spitze des Wipfels und lag dann plötzlich wieder drunten am Mühlbache ; die gefalteten Hände unter den Kopf gelegt und in das grüne Düster der droben leise auf und ab wehenden gefiederten Nußblätter schauend , träumte sie , träumte jene hellen , trügerischen Gebilde von Welt und Zukunft , die sich wohl hinter jeder lebhaft denkenden Kinderstirne aus gehörten goldenen Märchen und der eigenen Einbildungskraft zusammenweben ... Drunten rauschte das Wasser eintönig vorüber ; die Sonnenstrahlen taumelten auf den Wellen und drangen gedämpft durch die dunklen Haselbüsche wie halbverschleierte , geheimnisvolle Glutaugen ; Bienen und Hummeln summten vorüber , und die Schmetterlinge , die , im Vordergarten gelangweilt , die sorgfältig gepflegten exotischen Gewächse umflattert hatten , fanden hier das gelobte Land und hingen sich furchtlos an die Blumenkelche dicht neben der Wange des kleinen Mädchens ... Es zogen wohl auch phantastisch geformte , weiße leuchtende Wölkchen droben über den Baumwipfel - dann stand plötzlich eine rätselhafte Vergangenheit vor den Augen des tief sinnenden Kindes . Weiß und leuchtend war ja auch das Gewand der Mutter gewesen ; das Kerzenlicht hatte sich förmlich in dem milchweißen Glanze des Stoffes gespiegelt , der lang und mit Blumen bestreut über das vermeintliche schmale Bett herabgeflossen war . Felicitas wunderte sich noch immer , daß die Mutter Blumen in den Händen gehabt und ihr keine einzige geschenkt hatte ; sie grübelte und sann , weshalb man ihr damals nicht erlauben wollte , die Mama wach zu küssen , was doch sonst jeden Morgen unter gegenseitiger Schelmerei , zum großen Jubel des Kindes , hatte geschehen dürfen - sie wußte nicht , daß das bezaubernde Mutterantlitz , welches sich stets in leidenschaftlicher Zärtlichkeit über sie herabgeneigt , längst unter der Erde moderte . Hellwig hatte nie gewagt , ihr die Wahrheit zu sagen ; denn wenn sie auch nach einem Zeitraume von fünf Jahren nicht mehr so bitterlich weinend und mit stürmischer Heftigkeit nach den Eltern verlangte , so sprach sie doch stets mit rührender Zärtlichkeit von ihnen und hielt ihres Pflegevaters doppelsinniges Versprechen , daß sie die Ihrigen dereinst wiedersehen werde , mit unzerstörbarer Ueberzeugung fest . Ebensowenig kannte sie den Beruf ihres Vaters ; er selbst hatte es so gewünscht , und deshalb sah Hellwig streng darauf , daß niemand im Hause mit der Kleinen von der Vergangenheit spreche . Es fiel ihm nicht ein , daß der wohlthätige Schleier , den er vor ihren Augen festhielt , vor der Zeit seiner Hand entfallen könne - er dachte nicht an seinen eigenen Tod ; und doch schritt dies furchtbare Gespenst längst unhörbar , aber sicher neben ihm . Er war unheilbar brustleidend , allein , wie alle derartigen Kranken , hatte er die unerschütterlichsten Lebenshoffnungen . Er mußte bereits auf dem Rollstuhle in seinen geliebten Garten gefahren werden - das nannte er vorübergehende Schwäche , die ihn durchaus nicht hinderte , großartige Bau- und Reisepläne zu entwerfen . Eines Nachmittags trat Doktor Böhm in Hellwigs Zimmer . Der Kranke saß an seinem Schreibtische und schrieb emsig ; verschiedene Kissen , die man hinter seinem Rücken und zu beiden Seiten in den Lehnstuhl gesteckt hatte , hielten die abgezehrte gebrochene Gestalt aufrecht . » Heda ! « rief der Doktor , indem er mit dem Stocke drohte . » Was sind denn das für Extravaganzen ? .. Wer , ins Henkers Namen , hat dir denn das Schreiben erlaubt ? Willst du wohl gleich die Feder hinlegen ! « Hellwig drehte sich um - ein heiteres Lächeln spielte um seine Lippen . » Da hast du wieder einmal das Exempel ! « erwiderte er sarkastisch . » Doktor und Tod gehören zusammen ... Ich schreibe da an den Jungen , den Johannes , über die kleine Fee , und da fällt mir , der ich in meinem ganzen Leben nie weniger ans Sterben gedacht hatte , als gerade jetzt , in dem Augenblicke , wo du ins Haus trittst , der Satz da aus der Feder . « Der Doktor bog sich nieder und las laut : » Ich halte viel von Deinem Charakter , Johannes , und würde deshalb auch unbedingt die Sorge um das mir anvertraute Kind in Deine Hände legen , falls ich früher aus der Welt gehen sollte , als - « » Basta , und nun für heute kein Wort weiter ! « sagte der Lesende , während er einen Kasten aufzog und den halbvollendeten Brief hineinlegte . Dann griff er rasch nach dem Pulse des Kranken , und sein Blick glitt verstohlen über die zwei zirkelrunden roten Flecken , die auf den scharf hervortretenden Backenknochen glühten . » Du bist wie ein Kind , Hellwig ! « schalt er . » Ich darf nur den Rücken wenden , so machst du sicher dumme Streiche . « » Und du tyrannisierst mich himmelschreiend . Aber warte nur , mit nächstem Mai brenne ich dir durch , und dann magst du mir meinetwegen bis in die Schweiz nachlaufen . « Tags darauf standen die Fenster des Krankenzimmers im Hellwig ' schen Hause weit offen . Ein durchdringender Moschusduft quoll hinaus in die Straße , und ein Mann in Trauerkleidung schritt durch die Stadt , um den Honoratioren im Auftrage der trauernden Witwe anzuzeigen , daß Herr Hellwig vor einer Stunde das Zeitliche gesegnet habe . 6 Unter dem grünverhangenen , nach der Hausflur mündenden Fenster , da , wo vor fünf Jahren die schöne unglückliche Frau des Taschenspielers die Pein tiefer Demütigung erlitten hatte , stand der Sarg mit Hellwigs sterblichen Ueberresten . Man hatte die Hülle des ehemaligen Kauf- und Handelsherrn noch einmal mit