Vater ? « fragte sie hastig . » Je nun , « erwiderte dieser mit ernstem Gesichte , » es wird mir einigermaßen schwer , dir meinen Entschluß mitzuteilen , denn ich sehe deutlich an deinem Gesichte , daß du das schöne , volksbelebte B. nicht um alles in der Welt mit der Waldeinsamkeit vertauschen möchtest . Indes , erfahren mußt du trotzdem , daß dort auf dem Schreibtische meine Bitte um die Stelle an den Fürsten von L. bereits kouvertiert und versiegelt liegt ... Es ist aber nicht mehr als billig , daß wir auch deine Wünsche dabei in Erwägung ziehen und deshalb sind wir durchaus nicht abgeneigt , dich hier zu lassen , falls - « » Ach nein , wenn Elsbeth nicht mitgeht , dann will ich lieber auch hier bleiben ! « unterbrach ihn der kleine Ernst , indem er sich angstvoll an die Schwester schmiegte . » Sei du nur ruhig , mein Herzchen , « sagte Elisabeth lachend , » ich finde schon meinen Platz auf dem Wagen , und wenn nicht , nun , so weißt du , ich bin mutig wie ein Soldat und kann laufen wie ein Hase . Als Kompaß habe ich die Sehnsucht nach dem grünen Walde bei mir , die schon , als ich noch ein ganz , ganz kleines Kind war , einen großen Winkel in meiner Seele eingenommen hat . So geht es tapfer und bescheidentlich vorwärts auf meinen zwei eigenen Füßen , und was will dann Papa machen , wenn eines Abends ein armer , müder Wanderer mit zerrissenen Schuhen und leerer Tasche vor dem alten Schloßthore erscheint und Einlaß begehrt ? « » Freilich müßten wir aufmachen , « rief lächelnd der Vater , » wenn wir nicht die Rache aller guten Geister , die ein mutiges Herz beschützen , auf unser morsches Dach herabbeschwören wollten ! ... Uebrigens wirst du wohl an dem alten Schlosse vorüberziehen und an irgend eine einsame Bauernhütte im Walde anklopfen müssen , wenn du uns finden willst ; denn in dem Trümmerhaufen wird sich schwerlich ein Asyl für uns einrichten lassen . « » Das fürchte ich auch , « meinte die Mutter . » Wir arbeiten uns mühsam durch Hecken und Gestrüpp , wie ehemals Dornröschens unglückliche Befreier , und finden endlich - « » Die Poesie ! « rief Elisabeth . » Ach , dann wäre ja schon der erste Duft von unserem Waldleben abgestreift , wenn wir nicht im alten Schlosse wohnen könnten ! Vier feste Mauern und eine guterhaltene Zimmerdecke werden doch wahrhaftig noch in einem Turme oder dergleichen zu finden sein , und das übrige läßt sich mit Nachdenken und willigen rüstigen Händen leicht beschaffen ... Wir stopfen Moos in etwaige Mauerritzen , nageln Bretter über unbequeme Thürbogen , die keinen Flügel mehr haben , und tapezieren unsere vier Wände selbst . Auf den zerbröckelten Estrichfußboden legen wir eigenhändig geflochtene Strohmatten , erklären den kleinen vierfüßigen Leckermäulern in grauen Samtröckchen , die unsern Speiseschrank attackieren , ernstlich den Krieg und gehen mit dem Kehrbesen tapfer auf die großen Spinnen los , die über unsern Köpfen hängend , in aller Ruhe überlegen , ob sie sich nicht häuslich darauf niederlassen sollen . « Mit verklärten Augen , ganz versunken in ihre Träumereien von dem demnächstigen Leben im frischen , grünen Walde , trat sie dann ans Klavier und schlug den Deckel zurück . Es war ein altes , ausgespieltes Instrument , dessen schwache , heisere Töne vollkommen harmonierten mit dem herabgekommenen Aeußeren ; allein das Mendelssohnsche Lied : » Durch den Wald , den dunkeln , geht u.s.w. « klang trotzdem hinreißend unter Elisabeths Fingern . Die Eltern saßen lauschend auf dem Sofa . Der kleine Ernst war eingeschlafen . Draußen hatte das Toben des Sturmes aufgehört ; aber an unverhüllten Fenstern vorüber sank in wirbelnden Flocken massenhaft und lautlos der Schnee . Die gegenüberliegenden Schornsteine , die nicht mehr dampften , setzten langsam eine dicke , weiße Nachtmütze auf und blickten steif und kalt , wie das verdrießliche Alter , hinüber in die keine Mansardenstube , die mitten im Schneegestöber hellen Frühlingsjubel in sich schloß . 3 Pfingsten ! Ein Wort , das seinen Zauber auf das menschliche Gemüt üben wird , solange noch ein Baum blüht , eine Lerche schmetternd in die Lüfte steigt , und ein klarer Frühlingshimmel über uns lacht . Ein Wort , dessen Klang selbst unter der härtesten Eiskruste des Egoismus , unter dem Schnee des Alters und in dem Herzen , das in Leid und Kummer erstarrt ist , noch ein Echo von Lenzeslust erwecken kann . Pfingsten ist vor der Thür . Ein weiches Lüftchen flattert über die Thüringer Berge und streift von ihrem Scheitel die letzten Schneereste . Sie wirbeln dampfend empor und verlassen als leuchtende Frühlingswölkchen die alte Lagerstätte , die es sich angelegen sein läßt , ihre gefurchte Stirn mit einem Geflechte von jungen Brombeerranken und rötlich blühendem Heidelbeerkraut zu schmücken . Drunten braust jauchzend der kühle Forellenbach aus dem Waldesdunkel quer über die buntgesprenkelten Thalwiesen . Die einsame Schneidemühle klappert wieder lustig , und auf ihr niedriges , graues , geflicktes Schindeldach streuen die Obstbäume ihre Blütenflocken . Vor den Hüttenfenstern der einsamen Holzhacker und der Dorfbewohner , im engen Käfig , singen die gelehrigen Gimpel , die während der Winterszeit in der heißen dunstigen Stube einen Lehrkursus der höheren Gesangskunst durchgemacht haben , ihre künstlerischen Weisen . Und die drüben im Walddickicht jubeln ungeschult , aber unendlich süßer und herzergreifender - sie baden ja die kleine Sängerbrust im goldenen Strome der Freiheit . Wo noch vor wenig Wochen die gewaltigen Schneewasser im selbstgeschaffenen Bette herabschäumten , da weben jetzt die Moose ungestört ihren buntgefleckten Teppich und legen ihn weich und schonend um die narbenvolle Brust des Berges , und hier und da von dem feinen , silbernen Geäder durchbrochen , das eine hervorsprudelnde Quelle hinabschickt . Auf der Chaussee , die durch einen reizenden Thalgrund des Thüringer Waldes führt , rollte in einer bepackten Postchaise die Familie Ferber ihrer neuen Heimat zu . Es war früh am Morgen , eben verkündete das dünne , scharfe Stimmchen einer kleinen Turmglocke in der Nähe die dritte Stunde . Deshalb hatten auch nur der alte verdrießliche Wegweiser an der Chaussee und ein Rudel stattlicher Hirsche , das am Saume des Waldes erschien , den köstlichen Anblick eines jungen , glücklich lächelnden Menschenangesichts . Elisabeth hatte sich weit aus dem dumpfen Wagen gebogen und sog mit tiefen Atemzügen die kräftige Waldluft ein , die , wie sie behauptete , auf der Stelle Lungen und Augen von dem Staube der verlassenen Hauptstadt reingewaschen habe . Ferber saß ihr sinnend gegenüber . Auch er erquickte sich an der Lieblichkeit und Anmut der Gegend ; noch mehr aber bewegten ihn die leuchtenden Augen seines Kindes , das den Zauber einer schönen Natur so tief empfand , und das so unaussprechlich dankbar war für die neue Gestaltung der Verhältnisse ... Wie hatte sie fleißig die kleinen Hände gerührt , als endlich das heißersehnte Ernennungsdekret des Fürsten von L. erschienen war ! Da gab es tüchtig zu schaffen . Alle Umzugssorgen der Eltern hatte sie treulich mit auf ihre Schultern genommen . Der Fürst hatte zwar dem neuen Diener ein anständiges Reisegeld bewilligt , und auch vom Försteronkel war eine Geldbeisteuer eingelaufen , allein das wollte trotz der ängstlichen Berechnung bei weitem nicht reichen , und deshalb beutete Elisabeth auch noch die wenigen Tagesstunden , die für ihre Erholung bestimmt waren , insofern aus , als sie Arbeiten für ein Weißwarengeschäft übernahm ; ja manche Nacht , während die Eltern arglos schon daneben im Alkoven schliefen , durchwachte sie bei der Nadel . In all dies rege Streben und Schaffen war nur ein einziger bitterer Tropfen gefallen , der dem jungen Mädchen aber auch einige schwere Thränen entlockte : das war , als zwei Männer kamen und ihr liebes Klavier auf die Schultern luden , um es dem neuen Besitzer zu bringen . Es hatte für wenige Thaler verkauft werden müssen , weil es alt und gebrechlich war und voraussichtlich einen so weiten Transport nicht mehr aushalten konnte . Ach , das war ja immer ein so guter , alter Freund der Familie gewesen ! Sein dünnes , zitterndes Stimmchen hatte Elisabeth so traut und lieb geklungen , wie die Stimme der Mutter ! ... Und nun fuhren vielleicht mutwillige Kinderhände gefühllos über die ehrwürdigen Tasten und quälten das alte Instrument , die schwache Stimme zu verstärken , bis es für immer schwieg ... Doch der Schmerz war jetzt auch überwunden und lag hinter ihr , wie so manches , was sie schweigend entbehrt und geleistet hatte , und wie sie so dasaß , mit den fröhlich glänzenden Augen in die Morgendämmerung hineinblickend , als steige vor ihr aus dem grauen Schleier eine Prophezeiung voll künftigen Glückes , wer hätte da an der jugendlichen Gestalt voll Lebensfrische und Elastizität auch nur eine Spur der mühevollen letzten Wochen entdecken können ? Noch ungefähr eine halbe Stunde fuhren die Reisenden die glatte , ebene Chaussee entlang , dann bogen sie seitwärts ab in den dunkeln Wald , durch den ein gutgehaltener Fahrweg lief . Die Sonne zeigte sich bereits in voller Pracht am Himmel und blickte verwundert lächelnd auf die Erde , die ohne Vorwissen ihrer hohen , leuchtenden Protektorin sich über Nacht einen prächtigen Brillantschmuck angeschafft hatte . Nach Mitternacht war ein starkes Gewitter über die Gegend gezogen ; es hatte viel geregnet , noch hingen schwere Tropfen an Bäumen und Gesträuchen und fielen rauschend auf das Wagenverdeck , wenn der Postillon mit der Peitsche einen niederhängenden Ast berührte ... Welch ein prächtiger Wald ! Aus dichtem Unterholze stiegen die mächtigen Baumkolosse himmelan und verschlangen droben brüderlich ihre breiten , vollen Aeste , als gelte es , Licht und Luft wie zwei tödliche Feinde von der stillen , verschwiegenen Heimat abzuwehren . Nur manchmal schmuggelte sich ein feiner , grüngefärbter Sonnenstrahl von Ast zu Ast hinab auf die gefiederten Gräser und die kleinen Erdbeerblüten , die massenhaft , wie hingestreute Schneeflocken , den Boden bedeckten und ihre weißen Köpfchen vorwitzig an die Landstraße legten . Nach kurzer Fahrt lichteten sich die Bäume und bald darauf zeigte sich das mitten auf einer Waldwiese gelegene alte Jagdhaus . Der Postillon stieß in sein Horn ; zugleich erhob sich wütendes Hundegekläff , und eine große Schar Tauben verließ erschrocken und unter lautem Geräusch den gezackten Giebel des Hauses . In der offenen Thür stand ein Mann in Jagduniform , eine wahre Hünengestalt mit einem ungeheuren Barte , der fast bis auf die Brust reichte . Er hielt die Hand über die Augen und blickte angestrengt nach dem näher kommenden Wagen ; dann aber sprang er mit einem lauten Ausrufe die Stufen herab , riß den Wagenschlag auf und zog den herausspringenden Ferber an seine Brust ... Beide Brüder hielten sich einen Augenblick schweigend in den Armen , bis der Oberförster den Angekommenen leise von sich schob und , ihn an den Schultern haltend , die ganze schmale , blasse Gestalt prüfend musterte . » Armer Adolph ! « sagte er endlich , und die tiefe Stimme klang bewegt . » So hat dich das Schicksal zugerichtet ? Na , warte nur , du sollst mir hier gesund werden , wie ein Fisch im Wasser ... noch ist alles wieder gutzumachen ... Sei mir tausendmal willkommen ! Und nun wollen wir auch zusammenhalten , bis das große Halali geblasen wird , wo wir freilich nicht gefragt werden , ob wir bei einander bleiben wollen oder nicht . « Er suchte seine Rührung zu beherrschen und half seiner Schwägerin und dem kleinen Ernst , den er herzte und küßte , aus dem Wagen . » Nun , « sprach er , » ihr seid früh aufgebrochen , das muß ich sagen - passiert sonst nicht , wenn Weibsleute dabei sind . « » Was denkst du denn von uns , Onkel ? « rief Elisabeth . » Wir sind keine Schlafmützen und wissen recht gut , wie die Sonne aussieht , wenn sie der Erde ihren ersten Morgenbesuch macht . « » Heisa ! « rief überrascht und laut lachend der Oberförster , » was räsoniert denn da hinten in der Wagenecke ? ... Na , komm heraus , kleine Krabbe ! « » Ich klein ? ... Nun , Onkelchen , du wirst dich schön wundern , wenn ich erst aussteige , was für ein großes Mädchen ich bin ! « Mit diesen Worten sprang Elisabeth auf den Boden und stellte sich , alle Glieder möglichst streckend , auf die Zehen neben ihn . Allein , obgleich ihre schlanke , leicht aufgebaute Gestalt die Mittelgröße überschritt , so sah es dennoch in diesem Augenblicke aus , als wolle sich die zierliche Bachstelze mit dem gewaltigen Adler messen . » Siehst du , « sagte sie ein wenig kleinlaut , » ich reiche doch beinahe bis an deine Schulter , und das ist für ein respektables Mädchen mehr als genug . « Der Onkel sah , sich kerzengerade haltend , mit schalkhaftem Blicke und vergnügt in sich hineinlachend , einen Augenblick seitwärts auf sie nieder ; dann aber hob er sie plötzlich wie eine Feder vom Boden auf und trug sie unter dem Gelächter der anderen auf seinem Arme in das Haus , wo er mit wahrer Donnerstimme schrie : » Sabine , Sabine , komm hierher , ich will dir zeigen , wie in B. die Zaunkönige aussehen ! « Im Hausflur setzte er die Erschrockene sacht und vorsichtig wie ein zerbrechliches Spielzeug nieder , nahm ihren Kopf sanft zwischen seine beiden großen Hände , küßte sie wiederholt auf die Stirn und rief : » Solch ein Liliput , solch eine Mondscheinprinzessin meint so groß zu sein wie ihr großer Onkel ... Kleine Waldhexe , du kannst freilich wissen , wie die Sonne aussieht , hast ja den Kopf voll Sonnenstrahlen ! « Dem jungen Mädchen war infolge des Sturmschrittes , den der Onkel bei der Entführung angenommen , der Hut vom Kopfe gefallen , wobei eine außergewöhnliche Fülle blonden Haares sichtbar wurde , dessen klarer Goldglanz um so mehr auffallen mußte , als ihre sehr schön gezeichneten Augenbrauen und die langen Wimpern tiefschwarz waren . Aus einer Seitenthür war indessen eine alte Frau getreten , und oben am Treppengeländer des ersten Stockwerkes zeigten sich einige Männergesichter , die jedoch schnell wieder verschwanden , als der Oberförster hinaufblickte . » Na , lauft nur nicht davon , gesehen hab ich euch nun schon einmal ! « rief er lachend . » Es sind meine Burschen , « wendete er sich zu seinem Bruder , » die Kerls sind neugierig wie die Spatzen ; nun , heute mag ich ' s ihnen nun gerade nicht verdenken ! « meinte er schelmisch lächelnd mit einem heimlichen Seitenblicke auf Elisabeth , die abgewendet , ihre gelösten Flechten wieder um den Kopf schlang . Dann nahm er die alte Frau bei der Hand und führte sie in feierlich-komischer Weise folgendermaßen vor : » Jungfer Sabina Holzin , Minister der inneren Angelegenheiten des Hauses , hohe Polizei für alles , was in Hof und Stall des Forsthauses sich des Lebens freut , und endlich unumschränkte Herrscherin im Küchendepartement ... Bringt sie das Essen auf den Tisch , so folgt getrost ihrem Winke , denn ihr geht einen guten Weg , läßt sie sich aber bedrohlicher Weise an , ihre Sagen und Geistergeschichten auszukramen , so lauft , was ihr laufen könnt , denn da gibt ' s kein Ende ... Und nun , « wandte er sich zu der lachenden Alten , die eigentlich grundhäßlich war , trotzdem aber durch einen Zug von Schelmerei und Humor um Mund und Augen , durch ihren treuherzigen Blick und mittels der fleckenlosen Sauberkeit ihres Anzuges sofort alle für sich einnahm , » bringe schnell , was Küche und Keller vermögen . Hast ja deshalb die Pfingstkuchen früher gebacken , damit die Reisenden gleich was Frisches einzubrocken hätten . « Damit zeigte er nach der Küche und öffnete zugleich die Thür einer geräumigen , hellen Eckstube . Alle traten ein , nur Elisabeth konnte nicht unterlassen , noch einen Blick durch die große Thür zu werfen , die nach dem Hofe führte ; denn durch das weiße Staket , das den weiten , von Geflügel aller Art bevölkerten Raum auf zwei Seiten umschloß , leuchteten farbige Blumenbeete , und einige spätblühende Aepfelbäume streckten ihre rosenfarbenen Zweige weit in den Hof herein . Der Garten war groß , stieg terrassenartig den Berg hinauf und nahm noch einige Vortruppen des Waldes , eine schöne Gruppe alter Buchen , mit in sein Bereich . Während Elisabeth wie angefesselt sinnend im Hausflur lehnte , wurde die Thür eines Seitenflügels geöffnet , und ein junges Mädchen trat heraus . Es war auffallend hübsch , wenn auch fast zu klein von Gestalt , was , wie es schien , die Natur wieder auszugleichen gesucht hatte durch die weitgeöffneten großen Augen , die wie prächtige Sonnen flammten . Das üppige , dunkle Haar war mit unverkennbarer Koketterie aufgenestelt und ließ einige zartgekräuselte Löckchen auf die plastisch geformte , bleiche Stirn fallen . Auch der Anzug , obschon sehr einfach im Stoffe , zeigte eine fast peinliche Sorgfalt im Arrangement , und der aufmerksame Beobachter konnte mit dem besten Willen nicht annehmen , daß man das Oberkleid lediglich aus Schonung des Saumes in so zierlichen Falten aufgesteckt habe ; denn zwei reizend geformte Füßchen hatten eine auffallend feine Toilette gemacht , die sicher nicht bestimmt war , unter dem langen Wollkleide zu verkümmern . Das junge Mädchen hielt eine Mulde mit Getreidekörnern im Arme und warf davon eine Handvoll auf das Pflaster . Alsbald entstand ein großer Lärm , von den Dächern stürzten sich die Tauben , die Hühner verließen unter lautem Gegacker Stangen und Nester , und der Hofhund glaubte bei dem allgemeinen Aufstande sich auch mit einem lauten Gebelle beteiligen zu müssen . Elisabeth war überrascht . Der Onkel war zwar verheiratet gewesen , hatte aber nie Kinder gehabt , das wußte sie genau ; wer also war das junge Mädchen , das er nie in einem seiner Briefe erwähnt hatte ? ... Sie ging die Stufen hinab , die nach dem Hofraume führten , und trat der jungen Fremden einige Schritt näher . » Gehören Sie auch ins Forsthaus ? « fragte sie freundlich . Die schwarzen Augen hefteten sich fast stechend auf die Fragerin und drückten einen Augenblick unverkennbar große Ueberraschung aus ; dann erschien ein Zug von Hochmut um die feinen Lippen , die sich noch fester aneinander zu schließen schienen als vorher ; die Augenlider fielen bald über die glänzenden Augen , welche sich abwendeten , und ruhig und schweigsam , als wisse sie gar nicht , daß jemand neben ihr stehe , fuhr sie fort , die Körner in den Hof zu werfen . In dem Augenblick ging Sabine , das Kaffeebrett auf dem Arme , an der Hofthür vorüber . Sie winkte der tiefbetroffenen Elisabeth , und als diese näher kam , faßte sie ihre Hand und zog sie in das Haus , indem sie sagte : » Kommen Sie , Kindchen , das ist nichts für Sie . « In dem Wohnzimmer fand Elisabeth alle schon so gemütlich und vertraut zusammen , als hätte man tagtäglich bei einander gesessen . Die Mutter hatte in einem bequemen Lehnstuhle Platz genommen , den ihr der Oberförster an das Fenster gerückt hatte , und von wo aus sie einen lieblichen Fernblick durch den Wald genoß . Eine große getigerte Katze war vertraulich auf ihren Schoß gesprungen und ließ sich mit sichtbarem Behagen das Streicheln der sanften Hand gefallen . Für den kleinen Ernst aber waren die vier Wände des Zimmers eine wahre Fundgrube aller möglichen interessanten Dinge . Er kletterte von Stuhl zu Stuhl und stand eben in wortloser Bewunderung vor einem großen Glaskasten , der eine prächtige Schmetterlingssammlung enthielt . Die zwei Männer saßen auf dem Sofa , eifrig über den künftigen Wohnsitz der Familie beratschlagend , und Elisabeth hörte , wie eben der Onkel sagte : » Nun , wenn sich auf dem Berge kein Quartier für euch einrichten läßt , so bleibt ihr einstweilen droben in meiner Stube . Ich richte meinen Schreibtisch und meine sonstigen Habseligkeiten unten ein , und dann bombardiere ich die in der Stadt so lange , bis sie mir drüben auf den Seitenflügel ein neues Stockwerk setzen lassen . « Elisabeth legte den Reisemantel ab und war der alten Sabine behilflich , den Kaffeetisch herzurichten . Auf die Glückseligkeit , die ihr ganzes Herz erfüllte , war soeben der erste Schatten gefallen . Mit Unfreundlichkeit war man ihr noch nie begegnet . Daß sie dies dem Liebreiz ihrer Gestalt , der Reinheit und Kindlichkeit ihres Wesens verdanke , deren Einflusse sich oft die rohesten Gemüter nicht zu entziehen vermögen , davon hatte sie keine Ahnung . Sie hatte das so hingenommen als eine Sache , die sich ganz von selbst verstehe , da sie es ja mit allen Menschen wohlmeine und nie sich eine Unhöflichkeit gestatte . Ihre Ueberraschung und Freude , ein junges Mädchen von gleichem Alter hier zu finden , waren zu groß gewesen , als daß ihr nun die Zurückweisung nicht doppelt weh thun sollte . Auch hatte das schöne Gesicht der Fremden ihr lebhaftes Interesse geweckt . Das Gemachte in der Erscheinung war ihr als solches durchaus nicht aufgefallen , da sie selbst das Verlangen gar nicht kannte , ihr Aeußeres durch besondere Hilfsmittel der Toilette zu heben . Die Eltern hatten ihr stets gesagt , sie möge ihren Geist bereichern , so viel sie könne , und sich bestreben immer besser zu werden , dann würde auch ihre äußere Erscheinung nie abstoßend sein , gleichviel welche Form die Natur verliehen habe . Das Nachdenkliche in Elisabeths Zügen fiel der Mutter sogleich auf . Sie rief sie zu sich , und Elisabeth wollte ihr die Begegnung erzählen , aber schon nach den ersten Worten drehte sich der Oberförster nach ihr um . Eine tiefe Falte erschien zwischen den buschigen Augenbrauen und machte das Gesicht finster und grimmig . » So , « sagte er , » hast du die schon gesehen ? ... Nun , dann will ich euch auch erzählen , wer und was sie ist . Ich habe sie vor mehreren Jahren in mein Haus genommen , um eine Stütze für Sabine im Hauswesen zu haben . Sie ist eine Verwandte meiner verstorbenen Frau und hat weder Eltern noch Geschwister . Ich wollte ein gutes Werk thun und habe mir damit eine Rute aufgebunden , die mich züchtigt , ohne daß ich gesündigt hätte ... Schon in den ersten Wochen merkte ich , daß in dem Kopfe auch nicht ein gesunder Gedanke stecke ... nichts als ein Wust von überspannten Ideen und ein unglaublicher Hochmut . Ich hatte nicht übel Lust , sie wieder dahin zu schicken , wo sie hergekommen , aber da lamentierte die Sabine und bat vor , obgleich sie am allerwenigsten Ursache dazu hatte ; denn das junge Ding machte ihr schwer zu schaffen , war naseweis und kehrte bei jeder Gelegenheit die Verwandte des Herrn gegen die alte Dienerin heraus ... Ich drückte ihr den Daumen aufs Auge , soviel ich konnte , und ließ sie tüchtig schaffen und arbeiten , um ihr den Hochmutsteufel auszutreiben , und da ging ' s auch eine Zeitlang erträglich ... Da lebt aber da drüben auf Lindhof - das ist die ehemals Gnadewitzsche Besitzung , die der Universalerbe an einen Herrn von Walde verkauft hat , - seit ungefähr einem Jahre eine Baronin Lessen . Der Besitzer selbst , der weder Frau noch Kinder hat , ist so eine Art Altertumsforscher , reist viel und läßt deshalb seine einzige unverheiratete Schwester durch die genannte Dame beschützen - Gott sei ' s geklagt ! denn seitdem ist alles dort auf den Kopf gestellt ... Wenn mir früher gesagt wurde , das ist ein Frommer , da hatte ich Respekt und nahm meine Kappe ab ; jetzt mache ich eine Faust und möchte am liebsten die Kappe über Augen und Ohren ziehen , denn die Welt hat sich verkehrt ... Die Baronin Lessen gehört auch zu den Frommen , die vor lauter gottseligem Wandeln hart , grausam und engherzig werden , die denjenigen , der nicht immer die Augen heuchlerisch am Boden hat , sondern sie aufschlägt nach oben , wo er seinen Gott sucht , hartnäckiger verfolgen , als meine Meute das Wild ... In dies Gehege ist denn nun meine vortreffliche Nichte auch geraten ; ein besseres Feld für all das Unkraut in ihrem Kopfe konnte es nicht geben , und da haben wir denn nun auch die allerliebste Bescherung . Sie hatte mit einer Kammerjungfer da drüben Bekanntschaft gemacht und brachte ihre ganze freie Zeit dort zu . Anfangs hatte ich kein Arges , bis sie auf einmal mit Bekehrungsversuchen anfing ... Da sollte die Sabine nicht fromm sein , weil sie nicht des Tages wenigstens zehnmal die dringende Arbeit stehen ließ , um zu beten ... die arme Alte , die durch Wind und Wetter , oft schwer von Rheumatismus geplagt , jeden Sonntag nach Lindhof in die Kirche geht und ein arbeitsvolles , pflichtgetreues Leben hinter sich hat , ein Pfund , das eine lebenslängliche Knierutscherei bei Nichtsthun jedenfalls zehnmal aufwiegt ... Auch an mich wagte sich die Moralpredigerin ; aber da kam sie an den Rechten - sie hat es bei einem Versuche bewenden lassen . Ich verbot ihr nun den Umgang mit den Leuten auf Lindhof . Das hat mir freilich wenig geholfen ; denn jeden unbewachten Moment hat sie benützt , um heimlicherweise hinüber zu schlüpfen ... Von einer Dankbarkeit gegen mich , der ich für sie sorge , ist nicht die Rede ; es fehlt jedes innere Band zwischen ihr und mir , und da ist es für mich doppelt schwer , sie zu hüten . Gott mag nun wissen , welche fixe Idee sie in ihrem Kopfe ausgebrütet hat , genug , seit ungefähr zwei Monaten ist sie vollständig stumm , aber nicht allein hier im Hause , sondern gegen alle Menschen . Seit der Zeit ist auch nicht ein Laut über ihre Lippen gekommen . Weder Strenge noch ruhiges Zureden richten etwas aus . Sie verrichtet ihre Geschäfte nach wie vor , ißt und trinkt wie jeder andere gesunde Mensch , und ist nicht um ein Jota weniger eitel als sonst . Weil sie aber ihre roten Backen verlor und blaß aussah , so befragte ich einen Arzt , der sie schon früher behandelt hatte . Der sagte mir , sie sei körperlich ganz gesund , scheine ihm aber eine höchst exaltierte Person zu sein , und da schon in ihrer Familie Fälle von Geistesstörungen vorgekommen seien , so möchten wir sie ruhig gewähren lassen . Sie würde mit der Zeit des Schweigens selbst überdrüssig werden und eines schönen Tages sprechen wie eine Elster ... Nun meinetwegen , ich will ' s drauf ankommen lassen ; daß ich aber damit ein schweres Opfer bringe , das ist gewiß . Ich habe mein Lebtag keine sauertöpfische Miene um mich leiden mögen und will lieber Salz und Brot essen inmitten fröhlicher Gesichter , als die köstlichsten Leckerbissen bei Duckmäusern ... Na , kleines Goldköpfchen , « wandte er sich an Elisabeth , indem er mit der Hand über die Stirn strich , als wolle er alle ärgerlichen Gedanken wegwischen , » schiebe dein Mütterlein fein säuberlich im Lehnstuhle hierher an den Tisch , binde dem kleinen Kerl da , der sich blind guckt an meinem Gewehrschranke , eine Serviette um den Hals , und nun wollen wir zusammen frühstücken . Dann mögt ihr Rast halten und die Glieder ein wenig ruhen lassen von der langen Reise . Nach Tische aber geht ' s hinauf nach Schloß Gnadeck . Es wird gut thun , wenn ihr die Augen durch etwas Schlaf vorher stärkt , denn sie möchten Schaden leiden unter all dem Glanze , den wir da droben vorfinden werden . « Nach dem Frühstücke , während Vater und Mutter schliefen , und der kleine Ernst in einem großen Bette von den Wunderdingen in der Forsthausstube träumte , packte Elisabeth das Nötigste in der Oberstube aus . Sie hätte um alles in der Welt nicht schlafen können . Immer wieder trat sie an das Fenster und blickte hinüber nach dem waldigen Berge , der hinter dem Forsthause emporstieg . Dort oben aus den Baumwipfeln erhob sich ein feiner schwarzer Strich und zeichnete sich scharf von dem tiefblauen Himmel ab . Das war , wie ihr die alte Sabine gesagt hatte , eine uralte Eisenstange auf dem Dache des Schlosses Gnadeck , von welcher in längst versunkenen Zeiten das stolze Banner der Gnadewitze geflattert hatte ... Fand sich wohl hinter jenen Bäumen das seit Jahren heißersehnte Asyl , wo die Eltern ihre müden Füße ausruhen konnten vom mühsamen Wandern auf nicht heimischer Erde ? Auch in den Hof fielen ihre suchenden Blicke ; aber das stumme Mädchen ließ sich nicht mehr sehen . Sie war auch nicht beim Frühstück erschienen und schien sich vorgenommen zu haben , jede Berührung mit den Gästen zu vermeiden . Das that Elisabeth leid . Die Schilderung des Onkels hatte zwar einen sehr unerquicklichen Eindruck auf sie gemacht , allein ein junges Gemüt gibt seine Illusionen nicht so leicht auf und läßt sich lieber durch das Zerspringen seiner bunten Seifenblasen enttäuschen , als durch die weisen Erfahrungen des Alters ... Das schöne Mädchen , das sein Geheimnis so beharrlich hinter den Lippen verschloß , wurde ihr nun doppelt interessant , und sie erschöpfte sich in Vermutungen über den Grund dieses Schweigens . 4 Nach dem Essen , das in heiterster Weise verflossen war , holte Sabine eine gestopfte Pfeife vom Eckbrette und brachte sie nebst einem brennenden Fidibus dem Oberförster