Geschöpf aufzunehmen . In einer Stimmung , wie die meine damals war , und mit siebenundzwanzig Jahren schlägt man das Leben nicht eben hoch an . Es fiel mir also nicht sonderlich schwer , ein gutes Beispiel zu geben . Trotz aller Bitten und Warnungen meines Vaters half ich die Frau bestatten , fuhr ich selbst das kranke Kind , dem der Arzt das Leben abgesprochen hatte , zu meiner Amme , die damals noch eine rüstige , unverzagte Frau war , und sich mir zu Liebe , seiner Pflege zu unterziehen versprach . Der Baron hielt einen Augenblick inne , dann sagte er , an seinen früheren Ausspruch anknüpfend : Diese That war Freiheit ; was ihr folgte , möchte ich Verhängniß nennen . Denn als ich mit dem kranken Kinde durch den Wald fuhr und es so elend in seinen Kissen auf dem Rücksitze des Wagens vor mir liegen sah , schoß mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf : wenn das Kind wider alles Erwarten genese , wenn es mir die tödtliche Krankheit nicht übertrage , so solle mir das ein Zeichen sein , daß mir noch Freude und Wirksamkeit hienieden bestimmt sei , und wie ein Pfand meines Glückes wolle ich dann die Kleine ansehen und in meiner Nähe behalten . Der Baron hatte das alles in eigenem Rückerinnern gesprochen . Jetzt blickte er dem Caplan fest ins Auge , als wolle er dessen innerste Meinung erforschen , ohne daß er um dieselbe zu fragen oder sie anzuhören brauchte , und sagte : Ich weiß , was Sie über solch ein Würfelspielen mit dem Zufalle denken . Sie nennen es unchristlich ; ich nenne es thöricht , und doch übte es damals , übt es noch in dieser Stunde seinen Einfluß auf mich aus . - Um des Beispiels willen , so sagte ich mir damals , in der That jedoch mehr , um mein Schicksal zu erproben , fuhr ich im Laufe der nächsten Woche häufiger nach Rothenfeld hinüber , um nach dem Kinde zu sehen . Was der Mensch aber zu beobachten anfängt , darauf richtet er seine Neigung , und hatte ich doch ohnehin meine eigene Zukunft in meiner Phantasie an dieses Kind geknüpft ! Ich sorgte mich um dasselbe , sein Ergehen beschäftigte mich lebhafter , als ich es für möglich gehalten hätte , ja ich empfand eine große Freude und Beruhigung , als die Kleine sich zu erholen begann und endlich vollständig genas . Ich glaubte von jenem Zeitpunkte ab wieder an die Zukunft , ich hoffte für mich wieder etwas von der Zukunft . Ihre Theilnahme an dem Kinde hatte , als wir von Venedig heimkehrten , für die verstorbene Frau Baronin und auch für mich allerdings etwas Auffallendes . Wir wußten uns Ihr Verhalten nicht zu enträthseln und fanden Sie überhaupt ganz ungemein verändert . Indeß die Mittheilungen , welche Sie mir eben zu machen belieben , erklären mir jene Theilnahme wie jene Veränderung , bemerkte der Caplan , der immer nur dann sich in die Rede des Freiherrn mischte , wenn er befürchtete , daß sie ins Stocken gerathen , und die Angelegenheit , um welche es sich handelte , dadurch nicht zu ihrem Ende geführt werden möchte . Die Wandlung in meinem Wesen war natürlich genug , meinte der Baron . Der Wechsel der Umgebungen und der Zustände war für mich sehr grell gewesen . In Dresden ein Leben des Genusses , welches mir das Herz zerrissen , hier Noth und Elend , an denen ich mich aufgerichtet hatte . Nun kamen Sie mit meiner Mutter von dem Sterbebette meiner Schwester aus Venedig heim .... Ja , fiel der Caplan ihm mit einer Weise in die Rede , als wünsche er bei dieser Erinnerung nicht zu verweilen , der Verlust , welchen die Frau Baronin , welchen das Haus erlitten hatte , machte dieselbe nur geneigter , sich der Unglücklichen auf den Gütern anzunehmen . Das kam Ihrem Schützlinge damals sehr zu Statten . Gewiß ! Auch verlor ich Pauline , so lange meine Mutter lebte , mehr und mehr aus den Augen , sprach der Baron , der sich von dem Caplan schnell wieder zu seiner Erzählung zurückgeführt fand . Mein Sinn hatte sich allmählich erheitert , ich überließ mich wieder den Neigungen meines damaligen Alters . Ich wechselte öfter den Aufenthalt , und wenn ich dazwischen die Kleine einmal wiedersah , so freute ich mich ihres Gedeihens , sah mit Vergnügen , wie hübsch sie sei , und ließ mir von meiner Mutter und von der alten Margarethe erzählen , daß das Kind mich wie seinen Herrgott verehre und liebe , während ich selbst es nicht vergessen konnte , daß ich es einst als Glückspfand betrachtet hatte . - Jahre gingen so hin . Man schickte Pauline in die Schule , in der freilich wenig genug zu lernen war ; aber sie ließ sich gut an , und als man sie dann nach dem Tode meiner Mutter confirmirte - ich lebte eben wieder im Auslande - , fragte man mich , ob man sie jetzt in fremde Dienste thun oder versuchen solle , sie im Schlosse unter die Dienstboten einzureihen . Um der Anfragen ledig zu werden , bestimmte ich , daß sie bei Margarethe bleiben solle ; und vor der Wohnung meiner Amme , unter ihrer Thüre sitzend , sah ich Pauline eines Abends zum ersten Male wieder , als ich nach längerer Abwesenheit von Hause einmal nach Rothenfeld hinüberritt , meine Amme zu besuchen . Mein Vetter Waldern begleitete mich auf diesem Ritte . Mich erblicken , auf mich zustürzen , meine Hände küssen war für Pauline , sobald ich vom Pferde gestiegen , das Werk eines Augenblickes . Es überraschte mich , sie so erwachsen zu sehen , wie meinen Vetter der ganze Vorgang überraschte . Um ihn aufzuklären , sagte ich , daß ich das Mädchen hätte erziehen lassen . Für sich ? fragte er lächelnd , und ich ließ die Frage unbeachtet , weil sie mir zuwider war . Gutsherrliche Liebschaften waren niemals mein Geschmack , und meine Sinne haben mich nie beherrscht ohne die Mitwirkung meines Herzens . Trotzdem aber wurde ich das Bild des schönen Geschöpfes , das in seiner feurigen Dankbarkeit mir nur noch reizender erschien , nicht wieder los , und ich mußte mir bald sagen , daß es so gar leicht für mich sei , es zu besitzen , um mich in dem Vorsatze , das Mädchen zu meiden , aufrecht zu erhalten . Hätte Paulinen ' s Zuneigung sie mir nicht immer wieder in den Weg geführt , ich würde meinem Vorsatze treu geblieben sein . Der Caplan wurde von dieser Aeußerung betroffen . Der Baron mußte sehr erregt , sehr erschüttert sein , daß er sich vor sich selbst in solcher Weise zu rechtfertigen suchte , daß er es nicht fühlte , wie nahe es an das Gebiet des Komischen grenzte , wenn er , der erfahrene , herzenskundige Lebemann , es unternahm , sich halbwegs als durch die Liebe eines Kindes verleitet , darzustellen . Er mochte wohl auch etwas von dieser Verwunderung in den Mienen des Caplans bemerken , denn er brach plötzlich ab und sagte dann : Was soll ich Ihnen erzählen , wie ein unerwartetes Begegnen in einsamer Stunde einmal meine Sinne anfachte , wie des Mädchens Hingebung es mir in die Arme warf ! Er erhob sich nach diesen Worten und begann wieder im Zimmer umherzugehen . Dem Genusse folgte die Reue auf dem Fuße , sagte er kurz und schnell , als wolle er bald beenden , was ihm zu erzählen noch übrig blieb . Das Mädchen war mein Schützling gewesen ; ich konnte das nicht vergessen . Unzufrieden mit mir selbst , dachte ich dem Handel keine weitere Folge zu geben . Ich hatte fest beschlossen , Pauline sogleich zu entfernen , und suchte nur nach einem Orte , nach dem ich sie schaffen , oder nach einem Manne ihres Standes , mit dem ich sie verheirathen und von welchem ich eine gute Behandlung des armen Geschöpfes erwarten konnte , denn ich wollte ihr in jedem Falle ein möglichst gutes Loos bereiten . Aber die Leidenschaft des Mädchens hatte etwas Dämonisches . Sie hing sich mit einer Gewalt der Liebe an mich , die ich in ihrem Alter und in ihrem Stande nicht für möglich gehalten hätte . Wie an meine Schritte gebannt , folgte sie mir mit einer Art von Instinkt . Sie schien meine Gedanken , meine Absichten im Voraus zu errathen ; wohin ich kam , fand ich sie ; wo ich sie nicht vermuthen konnte , erschien sie plötzlich . Sie wurde mir eine Art von psychologischem Räthsel . Wir wissen ja so wenig von der verborgenen Macht , welche die Wesen aneinander kettet ! Ich konnte mich der Vorstellung nicht erwehren , daß ein geheimnißvoller Zusammenhang dieses Mädchen mir verbinde ; aus Mitleid , aus einer menschenfreundlichen Grille und , ich mag mich Ihnen nicht besser darstellen , als ich bin , aus Genußsucht endlich behielt ich sie . Ich verbot ihr jedoch , mir zu folgen oder jemals nach Richten zu kommen ; ich versprach , sie aufzusuchen . Ihre Freude war groß , ihr Gehorsam unbedingt , und bald war mir das Idyll , bald war sie selbst mir in das Herz gewachsen . Ich unterhielt mich damit , ihren Verstand zu entwickeln ; ich wollte sehen , was Erziehung aus einem Naturkinde zu machen vermöge . Ich wollte einmal eine ungekünstelte , ungeheuchelte Liebe genießen , mich an der reinen , einfachen Natur erfreuen . Ich wies den neuen und tüchtigen Schullehrer an , ihren früh abgebrochenen Unterricht wieder aufzunehmen . Paulinen ' s Wißbegier , durch das Verlangen , mir näher zu rücken , gesteigert , war so unermüdlich , als ihr Fleiß . Ihre Fortschritte überraschten mich . Neben den geistreichsten Frauen hat mich oftmals das Gefühl einer Ermüdung beschlichen ; neben Pauline habe ich das nie empfunden . Ihre Ursprünglichkeit machte sie mir immer reizend , sie ist durchaus eigenartig . Ich habe viel Freude an ihr gehabt . Der Caplan hatte durch sein Schweigen dem Freiherrn die Genugthuung vollen Aussprechens gewähren wollen , um danach zu berechnen , was geschehen müsse , ein gethanes Unrecht möglichst zu sühnen und neue , weiter fortgeführte Sünde zu verhüten . Nun , da der Baron anfing , sich in die Erinnerungen zu versenken , welche ihn an Pauline fesselten , dünkte es dem Geistlichen an der Zeit , diesen Erinnerungen ein Ziel zu stecken , und er fragte plötzlich nach Paulinen ' s Alter . Sie war siebenzehn Jahre , als ich sie einrichtete , und neunzehn , als sie den Knaben gebar , der nun im sechsten Jahre steht , antwortete er . Die Frage des Caplans hatte den Baron aber unbehaglich aufgeschreckt ; er setzte seinen Weg durch das Zimmer eine Weile lautlos fort . Auch an dem Knaben hänge ich , sagte er dann mit einem Male . Er erschreckt mich oft durch seine Aehnlichkeit mit meinem Vater und mit mir . Dazu ist er an meinem Geburtstage , wie Pauline an dem Geburtstage meiner Mutter , geboren , deren Namen sie ja auch trägt , fügte er mit unverkennbarer Zärtlichkeit hinzu . Und weiß sie es bereits , daß Sie sie entfernen wollen , entfernen müssen ? fragte der Caplan , um den Baron von der Betrachtung dessen abzulenken , was er als das Dämonische anzusehen liebte . Ja , sie weiß es . Als sie durch mich zuerst von meiner bevorstehenden Verheirathung erfuhr , nahm sie die Nachricht mit anscheinender Fassung auf , und weil ich sie verständig zu finden wünschte , hoffte ich , daß sie es sei und daß sie mir keine Schwierigkeiten bereiten würde . Ich belobte sie , ich sagte ihr , daß sie mir eine Beruhigung gewähre , mir einen Beistand leiste , daß ihre Zukunft mir sehr am Herzen liege , daß ich für den Knaben in jedem Betrachte sorgen würde , und ich verließ sie , sehr zufrieden , sie so fügsam gefunden zu haben . Ja , ich war ihr dankbar , recht eigentlich dankbar dafür , daß sie mir erleichterte , was mir selber so schwer fiel . Ich hatte aber nicht berechnet , daß sie nicht über den Augenblick hinaus zu denken pflegte , wenn ich bei ihr war . Der Baron wollte die ihn drückende Angelegenheit gern wie ein Geschäft behandeln und zum Abschluß bringen . Aber wie sehr er sich auch dazu zwang , der Zwiespalt zwischen seiner Vernunft und seiner Empfindung , zwischen seinen Absichten und seinem Gewissen verrieth sich immerfort , und er hatte Pauline vielleicht nie zärtlicher im Herzen getragen , als in dieser Stunde , in der er sich für immer von ihr loszumachen strebte . Paulinen ' s Knabe ist natürlich protestantisch , wie die Mutter , bemerkte der Caplan , der den Baron bei den Thatsachen festzuhalten wünschte und der es damit verrieth , daß er von den Vorgängen in Rothenfeld wohl unterrichtet sei . Ja , sprach der Baron , aber ich bekenne Ihnen ehrlich , ich wünschte , daß es anders wäre ; denn der Katholicismus kommt mit seinen Lehren dem Bedürfnisse der Schwachen , der Leidenden doch weit mehr , ich möchte sagen , sichtbarer , faßbarer zu Hülfe , als der Protestantismus es thut . Und auch hier trage ich eine Schuld . Es hätte mich nur ein Wort gekostet , den Knaben unserer Kirche zu übergeben ; aber die Mutter würde ohne Zweifel dem Kinde dann nachgefolgt sein . Ich habe dies zu thun versäumt , und jetzt gäbe ich doch viel darum , wenn die arme Pauline unserer Kirche angehörte . Ist sie denn überhaupt eine religiöse Natur ? fragte der Geistliche . Sie war es ganz unstreitig ! Indeß die zelotische Strenge des Neudorfer Pfarrers hatte sie so beängstigt , daß ich sie , um sie zu beruhigen , nur leider von der Kirche entwöhnen mußte . Das ist jetzt in der That ein großes Unglück für sie und für mich . Wenn Pauline Katholikin wäre , wenn sie einer Kirche vertrauensvoll angehörte , wenn sie sich aussprechen , beichten , Rath und Trost finden , ja , selbst büßen könnte , so würde das in diesem Augenblicke eine Wohlthat , es würde die größte Hülfe , es würde eine Rettung für sie sein . - Und ihr zu helfen , mir zu helfen , das ist es , was ich jetzt von Ihnen zu fordern genöthigt bin , mein alter Freund ! schloß der Baron im Tone bittender Herzlichkeit . Der Caplan zögerte zu antworten ; er ging offenbar mit sich zu Rathe . Und was verlangen Sie von mir ? Was wünschen Sie , daß ich für Pauline thue ? fragte er danach . Gehen Sie zu ihr , mein Freund ! Zeigen Sie ihr , daß Sie Alles wissen , suchen Sie ihr Vertrauen zu gewinnen . Seit die alte Margarethe todt ist , hat sie Niemand mehr gehabt , der Theil an ihr genommen hat , sagte der Freiherr . Der Vorzug , den ich ihr einräumte - Sie kennen ja die Menschen - machte sie unbeliebt . Man mißgönnte ihr denselben von der einen Seite , und warf von der anderen den Stein auf sie . Man mißtraute ihr und beneidete sie . Sie war also , mehr als gut ist , auf mich allein angewiesen . Stellen Sie ihr die Dinge vor , wie sie liegen . Machen Sie ihr meine und ihre Lage klar . Was Sie ihr sagen , wird uneigennütziger , milder scheinen , als meine Vorstellungen , und wird darum eindringlicher wirken . Sagen Sie ihr , daß sie , schon um ihrem Knaben eine gute Zukunft zu bereiten , sich früh mit ihm von hier entfernen müsse . Mit einem Worte , bester Freund ! er ging auf den Caplan zu , ergriff seine Hände und sagte mit einer Bewegung , die er nicht mehr bemeistern konnte : Ich kenne Ihre Grundsätze , aber ich kenne auch Ihre Anhänglichkeit , Ihre Freundschaft für mich . Ich habe Ihre Gewandtheit und Rechtlichkeit vielfach schätzen zu lernen Ursache gehabt , und hier handelt es sich nicht einzig und allein um mich . Ein armes , unglückliches Weib hat Ihren erbarmungsvollen Beistand nöthig , und Pauline liegt mir mehr am Herzen , als mir lieb ist . Beruhigen Sie sie um meiner Ruhe willen . - Und vor allen Dingen machen Sie , daß sie sich entfernt , denn ich bin das zu thun nicht im Stande - und fort muß sie ! Er wandte sich danach schnell ab , verließ das Zimmer , und der Caplan blieb allein zurück . Er sah dem Freiherrn gedankenvoll nach . Immer der Alte , sagte er endlich , indem er eine Prise nahm , seinem Herzen wie seinen Sinnen und seinen Phantasmen unterthan . Eben so leicht geneigt , sich die Zügel schießen zu lassen , als sich dessen anzuklagen und sich davon freizusprechen . Wann wird die Stunde endlich für ihn schlagen ? Er blieb wie in Gedanken vor den Bildern stehen , welche die Hauptwand des Zimmers schmückten . Sie stellten die Eltern und die verstorbene Schwester des Freiherrn vor . Er betrachtete das Portrait der Letzteren lange und liebevoll . Nur Etwas von ihrem klaren , festen Sinne , und welch ein Anderer wäre auch er geworden ! rief er aus . Dann entfernte er sich ebenfalls , und nur die hellen Sonnenstrahlen belebten das schöne , würdige Gemach . Zweites Capitel Noch an demselben Abende ließ der Caplan sich den kleinen Wagen anspannen , der ihm seit langen Jahren zu seinem Privatgebrauche überwiesen worden war , und fuhr nach dem fast eine Stunde entlegenen Dorfe Rothenfeld hinüber , die Geliebte des Freiherrn aufzusuchen . Vor dem Dorfe stieg er aus . Er wollte den Wagen nicht vor Paulinen ' s Thür stehen lassen . Das kleine Haus lag am Eingange des Dorfes . Es hatte , seit Pauline die Geliebte des Barons geworden war , einige Veränderungen erhalten , die es , so gering dieselben auch waren , doch vortheilhaft von den andern Häusern des Dorfes unterschieden . Es war sauber getüncht , die Fenster höher ausgebrochen , hatte grüne Läden vor denselben , und ein Gärtchen , in welchem noch einzelne Stockrosen farbig über ihre bereits braun gewordenen Blätter emporragten . Auch noch jetzt im Herbste und trotz des vielen abgefallenen Laubes verrieth es eine liebevolle Pflege . Die Hausthüre stand offen , der kleine Vorplatz war sauber mit Sand bestreut , das Feuer auf dem Heerde brannte hell . Es beleuchtete die Reihen weiß und blauer Fayence-Teller und blanker Zinngeräthschaften auf dem Simse und in den Borden . Eine ganz junge Magd spann bei seinem Scheine . Als der Schritt des Caplans auf dem knisternden Sande der Schwelle hörbar wurde , öffnete sich die Stubenthüre und Pauline kam heraus . Aber kaum hatte sie den Geistlichen erkannt , so trat sie erschreckend zurück , und mit einer Miene , in der sich ihre Enttäuschung aussprach , sagte sie : Herr Caplan ! Sie sind es , Herr Caplan ? Sie hier ? Sie faßte sich jedoch schnell und nöthigte ihn mit feiner Handbewegung zum Eintritt . Das Zimmer war bescheiden und freundlich wie das Haus . Ein Canapé mit grünem Rasch überzogen , ein Lehnstuhl daneben , Tische , Stühle und Schränke von Nußbaumholz mit weitgeschweiften Füßen , und ein kleiner Spiegel in zinnernem , vielgeschnörkeltem Rahmen gaben ihm eine hübsche Behaglichkeit . Auf dem Tische stand sauberes Kaffeegeräth neben dem Nähkästchen , von welchem die Arbeit niedergeglitten war . Trockene Eicheln und Kastanien , in Häufchen gesondert , bedeckten den andern Theil des Tisches . Sie machten das Spielzeug des Knaben aus , der , auf einem Stuhle knieend , den ungewohnten Gast mit neugierigen Blicken betrachtete . Sie hier , Hochwürden ? wiederholte Pauline . Was ist dem gnädigen Herrn zugestoßen ? Sie erwarteten also den Herrn Baron ? fragte der Geistliche und ließ sich auf den großen Lehnstuhl nieder , den sie ihm trotz ihrer Verwirrung mit guter Manier angeboten hatte . Ich dachte - ich hatte heute Morgen an den gnädigen Herrn geschrieben - und ich hoffte also immer noch - sprach sie , unentschlossen , was sie sagen solle , und sich deßhalb selbst fortwährend unterbrechend . Dann nahm sie sich plötzlich zusammen und sagte sehr bestimmt : Hochwürden , was ich hören soll , das sagen Sie mir gleich und grade heraus . Sie sind zu mir nicht bloß von ungefähr gekommen ! Sie hob dabei den Knaben vom Stuhle herunter und hieß ihn in die Küche zu dem Mädchen gehen . Als er sich entfernt hatte , setzte sie sich vor ihre Arbeit hin , die Hände auf den Tisch gelegt und offenbar auf eine schwere Mittheilung gefaßt . Der Caplan hatte sie nicht in der Nähe gesehen und nicht gesprochen , seit sie nicht mehr nach Richten und in das Schloß gekommen war . Er fand sie daher in jedem Betrachte verändert . Sie hatte die Kleidung der Landleute abgelegt und trug sich wie die städtischen Frauen bürgerlichen Standes . Das enganliegende Leibchen des großblumigen Kattunrockes , das weiße Busentuch , das Nacken und Kehle freiließ , die kleine Dormeusenhaube , die , ihr auf dem Hinterkopfe sitzend , die Fülle ihres braunen Haares nicht zu fassen vermochte , kleideten sie vortrefflich . Sie war wirklich schön zu nennen , ihre Züge waren rein und sehr weiblich , nur die kleine Stirn mit den nahe zusammengewachsenen und scharfgezeichneten Brauen gab dem Kopfe etwas Finsteres und Hartes , und erklärte dem Caplan die Gewalt , welche Pauline über den Baron besaß , und die geheimnißvolle Macht , durch die er sich an das Mädchen gebunden glaubte . Der Caplan hatte es sich auf der Fahrt nach Rothenfeld ruhig zurecht gelegt , was er ihr sagen und wie er sie behandeln wolle , aber wie es auch den Gescheutesten manchmal zu begegnen pflegt , daß sie ihr einstiges Wissen und ihre Vorstellungen von den Personen festhalten , wenn diese längst nicht mehr dieselben sind , so hatte er trotz seiner sonstigen Lebensklugheit es außer Acht gelassen , daß er die jetzige Pauline gar nicht kannte , daß der natürliche Verlauf der Zeit , daß der langjährige vertraute Umgang mit dem Freiherrn sie verändert haben mußten . Als er sie denn jetzt plötzlich vor sich sah , fand er , daß Alles , was er ihr vorzuhalten beabsichtigt hatte , für sie und ihren gegenwärtigen Zustand nicht mehr paßte . Es war ihm daher recht erwünscht , daß ihre lebhafte Besorgniß ihm die Mühe ersparte , sie auf seine Mittheilungen vorzubereiten , und daß sie ihn ohne sein Zuthun als den Boten übler Kunde ansah . Ich komme allerdings nicht zufällig hieher , sagte er , aber dem Herrn Baron ist kein Unglück zugestoßen . Er befindet sich wohl und wird morgen in aller Frühe auf einige Tage nach der Stadt reisen , jedoch noch einmal hieher zurückkommen . Das war immer sein Vornehmen , versetzte sie , und weil ich das wußte , schrieb ich eben heute . - Beide sprachen dabei das Wort von der Vermählung des Barons geflissentlich nicht aus . Was machte Sie also eine üble Nachricht vermuthen , als ich kam ? fragte der Caplan . Sie sah ihn mit raschem Blicke forschend an , als wolle sie erspähen , was sie etwa von ihm zu erwarten habe ; dann zuckte sie leise mit den Schultern und meinte seufzend : Sie werden das wohl wissen , Hochwürden , daß mir jetzt vom Schlosse nichts Gutes mehr kommt . Sie sind ja auch niemals hier gewesen , seit ich hier allein im Hause wohne ! Sie wurde roth , als sie diese Worte sprach , und der Caplan hätte die Aeußerung für seine Zwecke nicht besser wünschen können . Das ist leider wahr und sehr erklärlich , sagte er . Als die verstorbene Frau Baronin noch am Leben war und Sie im Schlosse noch aus-und eingingen , war es freilich anders , und die gnädige Frau hat sicherlich nicht erwartet , was hernach geschehen ist . Hochwürden , rief Pauline und hob die Hände unwillkürlich bittend zu ihm empor , sprechen Sie davon nicht , jetzt nicht ! Seit neun Tagen ist der Herr Baron nicht mehr hier gewesen , obschon er auf dem Schlosse war die ganze lange Zeit ; seit neun Tagen ist mein Leben ein einziges Warten gewesen Tag und Nacht ! Ich weiß vor Angst und Qual nicht mehr , wie mir zu Muthe ist ; ich habe genug auf dem Herzen , auch ohne daß ich an die selige Frau Baronin denke ! Und hoffen Sie denn , daß Sie hier in Rothenfeld , so lange Sie in der Nähe des Schlosses leben , jemals zur Ruhe kommen werden ? fragte er nachdrücklich . Sie war bis dahin äußerlich gefaßt und ruhig gewesen , bei dieser Frage aber fuhr sie augenblicklich leidenschaftlich empor . So lange ich in der Nähe des Schlosses bin ? Wo soll ich denn anders sein als hier , als hier , wo ich geboren bin und hingehöre ? Ich gehe auch nicht fort von hier , gewiß und bestimmt nicht ! Ich habe ihm das selbst gesagt seit all den Wochen und Wochen , und wenn Sie nur deßhalb hergekommen sind , Hochwürden , so .... Sie vermochte seinem ruhigen Blicke gegenüber das trotzige Wort nicht zu vollenden , und plötzlich abbrechend rief sie : Alles , alles , was er will - nur nicht fort von hier ! Sie nannte den Namen des Barons auch jetzt wieder nicht , indeß die Art , in welcher sie ihn bezeichnete , gab deutlich das Verhältniß kund , in dem sie seit Jahren zu ihm gestanden , und das Gefühl der Berechtigung , daß sie dadurch neben ihm gewonnen hatte . Sie dauerte den Caplan ; er sah sie an , um in ihrem gramerfüllten und doch stolzen Antlitz die Züge des einst so freundlichen und heiteren Kindes wiederzufinden , und unwillkürlich gab er ihr schweigend die Hand . Das machte einen erschütternden Eindruck auf sie . Sie schlug die Augen nieder und schien sich ihrer Heftigkeit zu schämen . Es thut mir leid , sagte er , daß ich Sie so wiederfinde und daß ich mit solchem Auftrage , wie der meine , zu Ihnen kommen muß ; denn allerdings ist es die Nothwendigkeit Ihrer Entfernung , die ich Ihnen begreiflich zu machen wünsche . - Er hielt inne , sein Blick lag fortdauernd mit demselben ruhigen Ernste über ihr . Sie waren solch ein gutes Kind , solch braves Mädchen ! sagte er nach einer Weile . Ein Zug von Schmerz flog über ihre Mienen , sie antwortete und regte sich nicht . Als ich es dem Herrn Baron verhieß , zu Ihnen zu gehen und mit Ihnen zu sprechen , fuhr der Caplan fort , brachte ich ein Opfer damit . Jetzt freut es mich , daß ich gekommen bin , denn ich hoffe , auch Ihnen soll es zu Gute kommen . Mir ? Was können Sie mir helfen , wenn Sie es auch wollten ? unterbrach sie ihn . Der gnädige Herr allein .... Der Caplan ließ sie nicht weiter sprechen . Es ist fern von mir , fuhr er fort , Ihnen Vorstellungen , Vorwürfe zu machen , welche Ihr eigenes Gewissen Ihnen in ruhigen Stunden sicherlich nicht erspart . Es ist eben so fern von mir , Ihnen den Weg nennen zu wollen , auf dem Sie bisher gegangen sind . Sie haben Verstand , Sie haben ein Herz , Sie müssen also den Unsegen Ihrer Lage selbst empfunden haben , und Ihr Kind wird den Makel seiner Geburt durch sein ganzes Leben tragen . Aber Sie waren jung , als Sie den ersten Schritt zur Sünde thaten , und .... Sünde ? wiederholte sie , indem sie sich aufrichtete , was habe ich denn gesündigt ? Pauline ! rief der Geistliche mit Strenge , wen wollen Sie jetzt täuschen , sich oder mich ? Nicht Sie , nicht mich ! entgegnete sie fest und mit einer Sicherheit , welche ihrem Wesen einen großen Adel verlieh . Es ist wahr , ich bin seit Jahren die Geliebte des gnädigen Herrn ! Soll das mein Verbrechen sein ? - Wer sich einen Baum groß zieht , dem gehört der Baum , der kann damit schalten und walten , wie ' s ihm gutdünkt , und wenn der Baum von sich wüßte , wie ein Mensch , so müßt ' s ihm recht und lieb sein , wenn sein Herr sich an ihm freut . Als ich klein war , fuhr sie mit wachsender Lebhaftigkeit und Freiheit fort , kleiner und hülfloser als jetzt sein Kind , da hat er sein Leben daran gesetzt , mir das meine zu erhalten . Obdach und Nahrung , Kleidung und Wartung , Pflege und Lehre habe ich gehabt , und Alles durch ihn , und habe keinen andern Menschen auf der Welt gehabt , als ihn . Was er mich hat thun heißen , das habe ich gethan von Kindesbeinen an . Als ich groß geworden war , hat er mir gesagt , daß er mich liebte und daß er mich nie verlassen würde , und ich habe ihm das geglaubt , denn ich habe an ihm gehangen , seit ich denken kann , und was er mir versprochen hat , das hat er auch immer gehalten . Es hat mir mein Gewissen auch nicht beschwert , als das Kind gekommen ist und hat mich mit seines Vaters Augen angesehen . Gar nicht ! - Ja