zu zählen , gezankt . Johannes Jakob Nikolaus Unwirrsch machte seinen Geburtsort nicht berühmter in der Welt . Zehntausend Einwohner hatte das Nest im Jahre 1819 ; heute hat es hundertundfünfzig mehr . Es lag und liegt in einem weiten Tal , umgehen von Hügeln und Bergen , von denen herab Wälder sich bis in die Stadtmarkung ziehen . Trotz seines Namens ist es nicht neu mehr ; mühsam hat es seine Existenz durch wilde Jahrhunderte gerettet und genießt jetzt eines ruhigen , schläfrigen Greisenalters . Die Hoffnung , noch einmal zu etwas Rechtem zu kommen , hat ' s allmählich aufgegeben und fühlt sich darum nicht unbehaglicher . In dem kleinen Staate , welchem es angehört , ist es immer ein Faktor , und die Regierung nimmt Rücksicht auf es . Der Klang seiner Kirchenglocken machte einen angenehmen Eindruck auf den Wanderer , der auf der nächstgelegenen Höhe aus dem Walde trat ; und wenn sich grade die Sonne in den Fenstern der beiden Kirchen und der Häuser spiegelte , so dachte derselbe Wanderer selten daran , daß nicht alles Gold ist , was glänzt , und daß Glockenklang , fruchtbare Felder , grüne Wiesen und eine hübsche kleine Stadt im Tal noch lange nicht genug sind , um ein Idyll herzustellen . Amyntas , Palämon , Daphnis , Doris und Chloe konnten sich das Leben drunten im Tal oft recht unangenehm machen . Da das Lämmerweiden und - scheren ein wenig aus der Mode gekommen ist , so fiel man sich einander gegenseitig in die Wolle , und es mangelte nicht an Scherereien aller Art. Aber man freite und ließ sich freien und kam , alles in allem genommen , doch ziemlich gemächlich durch das Leben ; - daß die Lebensbedürfnisse nicht unerschwinglich teuer waren trug wohl sein Teil dazu bei . Der Teufel hole den ganzen Geßner , wenn Obst und Most mißraten und Milch und Honig rar sind in Arkadien ! Doch wir werden wohl noch Gelegenheit finden , über dies alles hie und da einige Worte zu verlieren , und wenn nicht , so schadet es nichts . Für jetzt müssen wir uns zu dem jungen Arkadier Hans Unwirrsch zurückwenden und sehen , auf welche Weise er sich im Leben zurechtfindet . Eine recht ungebildete Frau war die Witwe des Schusters . Lesen und schreiben konnte sie kaum notdürftig , ihre philosophische Bildung war gänzlich vernachlässigt , sie weinte leicht und gern . In der Dunkelheit geboren , blieb sie in der Dunkelheit , säugte ihr Kind , stellte es auf die Füße , lehrte ihm das Gehen , stellte es für das ganze Leben auf die Füße und lehrte ihm für das ganze Leben das Gehen . Das ist ein großer Ruhm , und die gebildetste Mutter kann nicht mehr für ihr Kind tun . In einem niedern , dunkeln Zimmer , in das wenig frische Luft und noch weniger Sonne drang , erwachte Hans zum Bewußtsein , und dies war in einer Hinsicht gut ; er fürchtete sich später nicht allzusehr vor den Höhlen , in welchen die bei weitem größere Hälfte der an den Segnungen der Zivilisation teilnehmenden Menschheit ihr Dasein hinbringen muß . Sein ganzes Leben hindurch nahm er Licht und Luft für das , was sie sind , Luxusartikel , die das Geschick gibt und verweigert und welche es lieber zu verweigern als zu geben scheint . Die nach der Gasse gelegene Stube , welche zugleich des Meisters Anton Werkstatt gewesen war , wurde unverändert in ihrem vorigen Zustande erhalten . Mit ängstlicher Sorgfalt wachte die Witwe darüber , daß nichts von ihres Seligen Arbeitsgerät verrückt wurde . Der Oheim Grünebaum hatte zwar das ganze überflüssige Handwerkszeug für einen namhaften Preis an sich kaufen wollen ; aber die Frau Christine konnte sich nicht entschließen , irgendein Stück davon herzugeben . In allen ihren Feierstunden saß sie auf ihrem gewohnten Platz neben dem niedrigen Schustertisch , und am Abend konnte sie , wie wir wissen , nur beim Licht der Glaskugel stricken , nähen oder das große Gesangbuch durchbuchstabieren . Die arme Frau mußte sich jetzt sehr quälen , um sich und ihr Kind ehrlich durchzubringen : in der kleinen Schlafkammer , deren Fenster nach dem Hofe hinaussahen , lag sie manche Nacht wachend in großen Sorgen , während Hans Unwirrsch in seines Vaters großer Bettstatt von den großen Butterbröten und den Semmeln glücklicherer Nachbarskinder träumte . Der weise Meister Grünebaum tat an seinen Verwandten , was er konnte ; aber das Handwerk hatte für ihn nicht den Segen , den man nach jedem » Kinderfreund « davon erwarten möchte ; er hielt allzugern allzulange Reden im Roten Bock , und seine Kunden vertrauten ihm lieber daß sie ein neues Paar bei ihm bestellten . Er hielt selber mit Mühe den Kopf überm Wasser ; - mit seinem Rat aber hielt er nicht zurück , sondern gab ihn willig und in großen Quantitäten ; und leider müssen wir das nicht ungewöhnliche Faktum berichten , daß die Quantität meistenteils durchaus nicht im richtigen Verhältnis zur Qualität stand . Die Base Schlotterbeck , obwohl lange nicht so weise wie der Meister Grünebaum , war praktischer , und auf ihren Rat wurde die Frau Christine eine Wäscherin , die des Morgens zwischen zwei und drei Uhr aufstand und am Abend um acht todmüde und zerschlagen nach Hause kam , um den ersten , den physischen Hunger ihres Kindes stillen und seine Träume in die Wirklichkeit setzen zu können . Hans Unwirrsch behielt aus dieser Zeit seines Lebens dunkle , unbestimmte , wunderliche Erinnerungen und hat davon seinen nächsten Freunden Bericht gegeben . Von frühester Jugend an hatte er einen leisen Schlaf , und so erwachte er auch öfters von dem Lichtschein des Schwefelhölzchens , mit welchem seine Mutter in dunkler , kalter Winternacht ihre Lampe anzündete , um sich zu ihrem frühen Wege zu rüsten . Warm lag er in seinen Kissen und rührte sich nicht , bis die Mutter sich über ihn beugte , um nachzusehen , ob sie den kleinen Schläfer auch nicht durch das Klappern ihrer Pantoffeln erweckt habe . Dann schlang er seine Arme um ihren Hals und lachte , bekam einen Kuß und die Ermahnung , schnell wieder einzuschlafen , da es noch lange nicht Tag sei . Dieser Ermahnung folgte er entweder sogleich oder erst später . Im zweiten Fall beobachtete er durch halbgeschlossene Augenlider die brennende Lampe , die Mutter und die Schatten an der Wand . Merkwürdigerweise stammten diese frühen Erinnerungen fast alle aus der Zeit des Winters . Um die Flamme der Lampe war ein Dunstkreis ; der Atem fuhr in einer Wolke gegen das Licht : die gefrorenen Fensterscheiben flimmerten , es war bitter kalt , und in das Behagen des sichern , warmen Bettes mischte sich für den kleinen Beobachter das Grauen der bittern Kälte , vor welchem er sein Näschen unter die Decke ziehen mußte . Begreifen konnte er nicht , weshalb die Mutter so früh aufstehe , während es so dunkel und kalt war und während so tolle schwarze Schatten an der Wand vorübergingen , nickten , sich aufrichteten und sich beugten . Noch unbestimmtere Begriffe hatte er von den Orten , wohin die Mutter ging ; je nach seinen Gemütsstimmungen stellte er sich diese Orte mehr oder weniger angenehm vor und vermischte damit allerlei Einzelheiten der Märchen und allerlei Bruchstücke aus den Gesprächen der erwachsenen Leute , denen er gelauscht hatte und die sich jetzt in diesen unklaren Augenblicken zwischen Schlaf und Wachen bunt und immer bunter färbten und mischten . Endlich war die Mutter mit ihrem Ankleiden fertig , und noch einmal beugte sie sich über das Lager des Kindes . Abermals erhielt es einen Kuß , allerlei gute Ermahnungen und lockende Versprechungen , damit es still liege , nicht heule , schnell wieder einschlafe . Die Versicherung , daß der Morgen und die Base Schlotterbeck bald kommen würden , wurde hinzugefügt ; die Lampe wurde ausgeblasen , die Kammer versank in die tiefste Dunkelheit , die Tür knarrte , die Schritte der Mutter entfernten sich ; - schnell war der Schlaf wieder da , und wenn Hans zum zweitenmal erwachte , saß die Base gewöhnlich schon vor seinem Bett , und in der Stube nebenan prasselte das Feuer im Ofen . Die Base Schlotterbeck war , obgleich sie nicht älter war als die Frau Christine Unwirrsch , immer die Base Schlotterbeck gewesen . Niemand in der Kröppelstraße kannte sie unter einer andern Bezeichnung , und bekannt war sie in der Kröppelstraße wie der Alte Fritz , der Kaiser » Napohlion « und der alte Blücher , wenngleich sie sonst mit diesen drei berühmten Helden weiter keine Ähnlichkeiten hatte , als daß sie schnupfte wie der preußische König und eine gebogene Nase hatte wie der » korsische Wüterich « . Eine Ähnlichkeit mit dem Marschall Vorwärts wäre schwer herauszufinden gewesen . Die Base war früher ebenfalls Wäscherin gewesen , aber sie war nun längst ausrangiert und ernährte sich kümmerlich durch Spinnen , Strumpfstricken und ähnliche Arbeiten . Der Magistrat hatte ihr ein kärgliches Armengeld gewährt , und der Meister Anton , dessen sehr entfernte Verwandte sie war , hatte ihr das Stübchen , welches sie in seinem Hause bewohnte , aus Mildtätigkeit für ein billiges eingeräumt . Eigentlich verdiente sie , ein eigenes Kapitel in diesem Buche auszufüllen , denn sie hatte eine Gabe , welcher sich nicht jedermann rühmen kann : die Gestorbenen waren für sie nicht abgeschieden von der Erde , sie sah sie durch die Gassen schreiten , sie begegneten ihr auf den Märkten , wie man Lebendige sieht und unvermutet an einer Ecke auf sie stößt . Damit war für sie nicht der geringste Hauch von Unheimlichkeit verbunden : sie sprach davon wie von etwas ganz Natürlichem , Gewöhnlichem , und es gab durchaus keinen Unterschied für sie zwischen dem Bürgermeister Eckerlein , der im Jahr 1769 gestorben war und ihr in Beutelperücke und rotem Sammetrock an der Löwenapotheke begegnete , und dem Enkel des Mannes , welcher im Jahr 1820 die Löwenapotheke besaß und der eben aus dem Fenster sah , ohne von seinem Herrn Großvater Notiz nehmen zu können . Selbst den Bekannten und Bekanntinnen der Base Schlotterbeck erregte die » Gabe « derselben zuletzt kein Grauen mehr . Die Ungläubigen hörten auf , darüber zu lächeln , und die Gläubigen - deren es eine gute Zahl gab - segneten sich nicht mehr und schlugen nicht mehr die Hände über dem Kopfe zusammen . Auf den Charakter des guten Weibleins selber hatte die hohe Vergünstigung keinen verschlechternden Einfluß . Die Base überhob sich nicht in ihrer seltsamen Sehergabe , sie nahm diese wie eine unverdiente Gnade Gottes und blieb demütiger als viele andere Leute , die lange nicht soviel sahen wie die ältliche Jungfer in der Kröppelstraße . Was das Äußere anbetrifft , so war die Base Schlotterbeck mittlerer Größe , doch ging sie sehr gebückt und mit weit vorgeneigtem Kopfe . Die Kleider hingen an ihr wie etwas , das nicht recht an seinem Platze ist , und ihre Nase war , wie schon gesagt , sehr scharf und sehr gebogen . Sie hätte einen unangenehmen Eindruck gemacht , diese Nase , wenn die Augen nicht gewesen wären . Die Augen aber machten alles wieder gut , was die Nase sündigte ; es waren merkwürdige Augen und sahen ja auch merkwürdige Dinge . Klar und leuchtend blieben sie bis in das höchste Alter - blaue , junge Augen in einem alten , alten vertrockneten Gesichte ! Hans Unwirrsch hat sie nie vergessen , obgleich er später in noch viel schönere Augen sah . Den Wissenschaften war die Base Schlotterbeck in naiver Weise ergeben . Sie hatte einen ungeheuren Respekt vor der Gelahrtheit , und vorzüglich vor der Gottesgelahrtheit ; der kleine Hans verdankte ihr die erste Einführung zu allen Wissenschaften , deren er sich in kommender Zeit mehr oder weniger bemächtigte . Den Gebrüdern Grimm hätte sie Märchen erzählen können , und wenn die böse Königin der gehaßten Stieftochter die goldene Nadel in den Scheitel stieß , so fühlte Hans Unwirrsch die Spitze bis in das Zwerchfell hinunter . Hans und die Base waren unzertrennliche Genossen während der ersten Lebensjahre des Knaben . Vom frühen Morgen bis zum späten Abend vertrat die Geisterseherin Mutterstelle bei dem Kinde ; ohne ihren Rat und ihren Beistand geschah nichts , was auf es Bezug hatte : manchen Hunger stillte sie , doch manchen Hunger lernte Johannes Unwirrsch auch durch sie kennen . Der Oheim Grünebaum brummte oft genug bei seinen Besuchen , aus solchem Weiberverkehr könne nichts Gutes kommen , der Teufel nehme die Graden und die Ungraden ; Schrullen , Phantaseien und Gespensterimaginationen könnten einem Menschen nichts helfen und machten ihn nur zu einem Konfuzius und Konfusionsrat : » Dummes Zeug ! Und dabei bleibe ich ! « Die Base zuckte zur Antwort auf solche Anfälle nur die Achseln , und Hans kroch dichter an sie heran . Brummend , wie er gekommen war , zog der Oheim ab ; - er hielt sich für einen ungemein praktischen und klaren Kopf und blies Verachtung durch die Nase , ohne zu bedenken , daß das beste Pfeifenrohr verschlämmen kann . Hans Unwirrsch war ein frühreifes Kind und lernte das Sprechen fast eher als das Gehen ; das Lesen lernte er spielend . Die Base Schlotterbeck verstand die letztere schwere Kunst sehr gut und stolperte nur über allzu lange und allzu ausländische Worte . Sie las gern laut und mit einem näselnden Pathos , das den größten Eindruck auf das Kind machte . Ihre Bibliothek bestand in der Hauptsache aus Bibel , Gesangbuch und einer langen Reihe von Volkskalendern , welche sich seit dem Jahr siebzehnhundertneunzig in ununterbrochener Reihenfolge aneinanderschlossen und deren jeder eine rührende oder komische oder schauerliche Historie nebst einem Schatz guter Haus- und Geheimmittel und einer feinen Auswahl lustiger Anekdoten enthielt . Für eine reizbare Kinderphantasie lag eine unendliche reiche Welt in diesen alten Heften verborgen , und Geister aller Art stiegen daraus empor , lächelten und lachten , grinsten , drohten und führten die junge Seele durch die wechselndsten Schauer und Wonnen . Wenn der Regen an die Scheiben schlug , wenn die Sonne in die Stube schien , wenn das Gewitter mit schwarzen Wolkenarmen über die Dächer griff und seine roten Blitze über die Stadt schleuderte , wenn der Donner rollte und der Hagel auf dem Straßenpflaster prasselte und hüpfte , so geriet alles das auf irgendeine Weise mit Gestalten und Szenen aus jenen Kalendern in Verbindung , und die Helden und Heldinnen der Historien schritten durch gutes und schlechtes Wetter vollständig klar , deutlich und bestimmt vorüber an dem kleinen träumerischen Hans , der seinen Kopf in den Schoß der alten Geisterseherin gelegt hatte . Die » Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl « gab einen Klang , der durch das ganze Leben forttönte ; aber einen noch größern Eindruck machte auf den Knaben das » Buch der Bücher « , die Bibel . Die einfache Großartigkeit der ersten Kapitel der Genesis muß die Kinder wie die Erwachsenen , die geistig Armen wie die Millionäre des Geistes überwältigen . Unendlich glaubwürdig sind diese Historien vom Anfang der Dinge , und glaubwürdig bleiben sie , trotzdem jeden Tag klarer bewiesen wird , daß die Welt nicht in sieben Tagen erschaffen wurde . Mit schauerlichem Behagen vertiefte sich Hans zu den Füßen der Base in den dunkeln Abgrund des Chaos : Und die Erde war wüste und leer ; - bis das Licht sich schied von der Finsternis und das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste . Wenn Sonne , Mond und Sterne ihren Tanz begannen , Zeichen , Zeiten , Tage und Jahre gaben , dann atmete er wieder auf ; und wenn die Erde Gras und Kraut und Fruchtbäume aufgehen ließ , wenn das Wasser , die Luft und die Erde sich , erregten mit wehenden und lebendigen Tieren , dann klatschte er in die kleinen Hände und fühlte sich auf sicherm Boden . Ganz deutlich und von unumstößlicher Wahrheit war ihm die Art , wie Gott dem Adam den Odem einblies , während dagegen der erste kritische Zweifel in dem Kindeskopf entstand , als das Weib aus der Rippe des Mannes erschaffen wurde ; denn » das tat doch weh ! « Auf die einfachen Geschichten vom Paradies , Kain und Abel , von der Sündflut folgten aber die Geschlechtsregister mit den langen , schwierigen Namen . Diese Namen waren wahre Dornbüsche für Vorleserin und Zuhörer ; es waren Fallgruben , in welche sie Hals über Kopf hineinstürzten , es waren Steine , über welche sie stolperten und auf die Nase fielen . Immer wanden sie sich los , rafften sie sich auf und arbeiteten sie sich weiter mit ehrfürchtiger Feierlichkeit : » Aber die Kinder von Gomer sind diese : Ascenas , Riphath und Thorgama . Die Kinder von Javan sind diese : Elisa , Tharsis , Kithim und Dodanim . « Doch die Tage verflossen nicht ganz allein unter Lesen und Geschichtenerzählen . Sobald Hans Unwirrsch seine Hände nicht mehr in halb unwillkürlichen Bewegungen hin und her warf oder in den Mund steckte , wurde er sogleich von der Mutter und der Base mit dem großen Prinzip der Arbeit bekannt gemacht . Die Base Schlotterbeck war ein kunstreiches Weib , welches sich dadurch einen kleinen Nebenverdienst verschaffte , daß es für eine große Spielwarenfabrik Puppen ankleidete , eine Beschäftigung , die dem Interesse eines Kindes nahe genug lag und wobei Hans bald und gern hülfreich Hand leistete . Herren und Damen , Bauern und Bäuerinnen , Schäfer und Schäferinnen und mancherlei andere lustige Männlein und Fräulein aus allen Ständen und Lebensaltern entstanden unter den Händen der Base , welche wacker mit Leim und Nadel , bunten Zeugstückchen , Gold-und Silberschaum hantierte und jedem sein Teil davon gab , je nach dem Preise . Es war eine philosophische Arbeit , bei welcher man mancherlei Gedanken haben konnte , und Hans Unwirrsch stellte sich gut dazu an , wenn ihm auch die Kinderfreude an diesem Spielzeug natürlich bald verlorenging . Wer in einem Laden voll Hampelmänner aufwächst , den kümmert der einzelne Hampelmann wenig , sei er auch noch so bunt und zappele er auch noch so sehr . Nach Martini , welcher berühmte Tag leider nicht durch eine gebratene Gans gefeiert werden konnte , begann eine Fabrikation auf eigene Rechnung . Die Base konnte jetzt den größten Nutzen aus ihrem Talent für die plastische Kunst ziehen : sie baute Rosinenmänner auf Weihnachten und für bescheidenere Gemüter Pflaumenkerle . Der erste Bursche letzterer Art , welchen Hans ohne Beihülfe herstellte , machte ihm ein ebenso großes Vergnügen wie dem hoffnungsvollen Kunstjünger die Preisarbeit , die ihm ein Stipendium zur Reise nach Italien verschafft . Der Beginn des Weihnachtsmarktes war für den kleinen Bildner ein großes Ereignis . Mancherlei Gefühle beschreibt der Epiker , indem er auseinandersetzt , daß er sie nicht beschreiben könne : die Gefühle Hansens bei dieser Gelegenheit waren von solcher Art , und mit Wonne trug er die Laterne voran , während die Base auf einem kleinen Handwagen ihre Bank , ihren Korb , ihr Feuerbecken und einen kleinen Tisch zum Markt zog . Die Eröffnung des Geschäftes in dem vor dem schärfsten Wind geschützten Häuserwinkel war allein ein wundervolles Ereignis . Das Zusammenkauern unter dem großen , alten Regenschirm , das Anblasen der Glut in dem Kohlenbecken , das Aufstellen der Handelsartikel , der erste ruhige und doch erwartungsvolle Blick in das Getümmel des Marktes , alles hatte seine herzerschütternden Reize . Der erste Pflaumenkerl , der behandelt , verkauft und gekauft wurde , erweckte einen wahren Wonnesturm in der Brust von Schlotterbeck und Kompanie . Das Mittagessen , welches ein gutwilliges Kind aus der Kröppelstraße in einem irdenen Henkeltopf brachte , schmeckte ganz anders auf dem freien Markt als in der dunkeln Stube daheim ; aber das Beste von allem war doch der Abend mit seinem Nebel , seinem Lichter- und Lampenglanz und seinem verdoppelten Lärmen , Drängen , Stoßen und Treiben . Nicht immer konnte das Kind ruhig auf der Bank neben der Alten sitzen . Bezaubert - verzaubert trotz Kälte , trotz Regen und Schnee , unternahm es Streifzüge über den ganzen Markt und schob als Teilhaber der Firma Schlotterbeck und Kompanie sein Kinn jeder andern Firma mit Bewußtsein und Kritik auf den Verkaufstisch . Um acht Uhr kam die Mutter und holte den jüngern Kompagnon des Hauses Schlotterbeck nach Haus ; aber nicht ohne Widerstreben , Heulen und Zappeln ging das ab , und nur die Versicherung , daß » morgen wieder ein Tag « sei , konnte den kleinen Großhändler bewegen , der Base das Geschäft bis elf Uhr allein zu überlassen . Ein Faktum aus dieser Lebenszeit unseres Helden ist zu berichten . Für den Erlös eines selbstverfertigten Rosinenmannes kaufte er - einen andern von einem Handelshause , welches sich am entgegengesetzten Ende des Marktes etabliert hatte . Ein Zug , der von großer Bedeutung für die künftige Entwicklung des Knaben war . Hans Unwirrsch , welcher die schwarzen Kerle für andere verfertigte , wollte wissen , was für ein Spaß darin liege , solch einen Gesellen selbst zu kaufen . Er ging dem Vergnügen auf den Grund , und natürlich zog er keine Freude aus diesem allzufrühen Analysieren . Als die Pfennige von dem Verkäufer eingestrichen waren und der Käufer das Geschöpf in der Hand hielt , kam die Rene in vollem Maße über ihn . Heulend stand er in der Mitte der Gasse , die verhutzelten Zwetschen von dem Drahte nagend , und zuletzt schleuderte er den Einkauf weit von sich und lief , die bittersten Tränen hinunterschluckend , so schnell als möglich davon . Weder die Base noch die Mutter erfuhren , was aus dem Groschen , wofür man den ganzen Markt hätte kaufen können , geworden war . - Manche Freuden hat der Winter , doch führt er auch die größten Beschwerden mit sich . Mit sehr armen Leuten haben wir es zu tun , und arme Leute leben gewöhnlich erst mit dem Frühjahr und den Maikäfern wieder auf . Hunderttausende , Millionen könnten jene glücklichen Tiere beneiden , welche die kalten Tage bewußtlos und behaglich durchschlafen . Nach der Heiligen Weihnacht , die so gut als möglich gefeiert wurde , kam der Neujahrstag , und nach ihm zogen die Heiligen Drei Könige heran . Die Schatten vieler Gestorbenen begegneten um diese Zeit der Base Schlotterbeck in den Gassen oder traten mit ihr in die Kirche und umschritten den Altar . Nach Mariä Lichtmeß behaupteten einige Leute , daß die Tage länger würden , aber man merkte noch nicht viel davon . Um Mariä Verkündigung jedoch war die Sache nicht mehr zu leugnen ; die Schneeglöckchen hatten sich hervorgewagt , der Schnee hielt sich nicht mehr in der Welt , die Knospen schwollen und sprangen auf , die Nase der Base Schlotterbeck verlor viel von ihrer Röte . Wenn die Mutter in der Frühe jetzt aufstand , so schien die Lampe nicht mehr durch einen frostigen Nebelkreis . Hans Unwirrsch schrie nicht mehr Zeter am Waschnapf , seine Füße brauchten nicht mehr mit Gewalt in die Schuhe gezwängt zu werden . Das Warmsitzen wurde nicht mehr von groben Holzbauern in die Stadt gefahren und um ein » Sündengeld « verkauft . Es kamen die Tage , wo die Sonne es umsonst gab und nicht einmal ein Schön-Dank dafür forderte . Der Palmsonntag war da , ehe man es sich versah , und das Osterfest knüpfte den Kranz , welchen das Fest der Freude , das grünende , blühende , jauchzende , jubilierende Pfingsten dem jungen Jahr auf die Stirn drückte . Die Base Schlotterbeck strickte ihre Strümpfe auf der Bank vor der Haustür , und Hans Unwirrsch beobachtete ernst und scheu den Trödler Freudenstein gegenüber , welcher seinen kleinen Moses , ein kränkliches , mageres , jämmerliches Stück Menschheit , wohlverpackt in Kissen und Decken , auf einem Rollstuhl in die Sonne schob . Drittes Kapitel Johannes Jakob Nikolaus Unwirrsch war in seinem fünften Jahr ein kleiner , plumper Gesell in einer Hose , die auf Wachstum berechnet und zugeschnitten worden war . Er sah aus blaugrauen Augen fröhlich in die Welt und die Kröppelstraße , seine Nase hatte bis jetzt noch nichts Charakteristisches , sein Mund versprach sehr groß zu werden und hielt sein Versprechen . Das gelbe Haar des Jungen kräuselte sich natürlich und war das Hübscheste an ihm . Er hatte in jeder Beziehung einen ausgezeichneten Magen , wie alle die Leute , welche viel Hunger in ihrem Leben dulden sollen ; er wurde mit dem größten Stück Schwarzbrot und dem vollsten Suppenteller fast noch leichter und schneller fertig als mit dem Abc . Von den beiden Weibern , der Mutter und der Base , wurde er natürlich sehr verzogen und als Kronprinz , Heros und Weltwunder behandelt und verehrt , so daß es ein Glück war , als der Staat sich ins Mittel legte und ihn für schulpflichtig erklärte . Hans setzte den Fuß auf die unterste Stufe der Leiter , die an dem fruchtreichen Baum der Erkenntnis lehnt : die Armenschule tat sich vor ihm auf , und Silberlöffel , der Armenschullehrer , versprach an ihrer Tür der Base , daß das » Herzenskind « weder von ihm selber noch von den hundertsechzig Rangen , die seiner Zucht untergeben waren , totgeschlagen werden sollte . Mit dem Schürzenzipfel vor dem Auge zog die Base ab und tröstete sich erst , als ihr am Brunnen der Pastor Primarius Holzapfel , der im Jahr achtzehnhundertfünfzehn gestorben war , in seinem schwarzen Predigerrock mit Halskrause und Bibel begegnete . Die Base hatte den Pastor und seine Eltern sehr gut gekannt . Der Vater war ein Holzhauer gewesen , und die Mutter war im Spital zum Heiligen Geist gestorben ; der Pastor Primarius aber , von dessen Ruhm und Preis die Stadt noch voll war , hatte auf demselben Platz in der Armenschule gesessen , zu welchem Silberlöffel jetzt den kleinen Hans führte . In einem dunkeln Sackgäßchen , in einem einstöckigen Gebäude , das einst als Spritzenhaus diente , hatte die Kommune die Schule für ihre Armen eingerichtet , nachdem sie sich so lange als möglich geweigert hatte , überhaupt ein Lokal zu so überflüssigem Zweck herzugehen . Es war ein feuchtes Loch : fast zu jeder Jahreszeit lief das Wasser von den Wänden ; Schwämme und Pilze wuchsen in den Ecken und unter dem Pult des Lehrers . Klebrignaß waren die Tische und Bänke , die während der Ferien stets mit einem leichten Schimmelanflug überzogen wurden . Von den Fenstern wollen wir lieber nicht reden ; es war kein Wunder , wenn sich auch in ihrer Nähe die interessantesten Schwammformationen bildeten . Ein Wunder war es auch nicht , wenn sich in den Händen und Füßen des Lehrers die allerschönsten Gichtknoten und in seiner Lunge die prachtvollsten Tuberkeln bildeten . Es war kein Wunder , wenn zeitweise die halbe Schule am Fieber krank lag . Hätte die Kommune auf jedes Kindergrab , welches durch ihre Schuld auf dem Kirchhof geschaufelt wurde , ein Marmordenkmal setzen müssen , so würde sie sehr bald für ein anderes Schullokal gesorgt haben . Karl Silberlöffel unterschrieb sich der Lehrer auf den Quittungen für die stupenden Geldsummen , die ihm der Staat quatemberweise auszahlte . Ach , der Arme führte seinen Namen nur der Ironie wegen ; er war nicht mit einem silbernen Löffel im Munde geboren worden . Er hätte dem Kultusministerium viel Stoff zum Nachdenken geben müssen , wenn nicht diese verehrliche und hochlöbliche Behörde durch Wichtigeres abgezogen gewesen wäre . Wie kann sich die hohe Behörde um den Lehrer Silberlöffel bekümmern , wenn die Frage , welches Minimum von Wissen den untern Schichten der Gesellschaft ohne Schaden und Unbequemlichkeit für die höchsten gestattet werden könne , noch immer nicht gelöst ist ? Noch lange Zeit werden die mit der Lösung dieser Frage beauftragten Herren die Volkslehrer als ihre Feinde betrachten und es als eine höchst abgeschmackte und lächerliche Forderung auffassen , wenn böswillige , revolutionäre Idealisten verlangen , auch ein hohes Ministerium möge seinen Feinden Gutes tun und sie zum wenigsten anständig kleiden und notdürftig füttern . O du gute alte Zeit , wo die Menschheit noch aus der Hand des einen Unteroffiziers in die des andern überging ! O du gute alte Zeit , wo nicht allein die Armee unter dem Korporalstock stand ! Der Hungerpastor hat später noch einmal so gern seinen Schulmeister in Grunzenow zu seinem Sonntagsbraten , seiner Martinsgans und seinem Weihnachtspunsch eingeladen , wenn er sich seiner ersten Schultage und des Armenlehrers Silberlöffel erinnerte . Er hatte auch nichts dagegen , wenn der Schulmeister an der Ostsee einen Teil der guten , nahrhaften Dinge für seine sieben Buben daheim einsäckelte : er brachte ihm selbst die alte Zeitung dazu und half die Tüte in die enge Rocktasche zwängen . In dem Spritzenhause zu Neustadt saßen rechts die Mädchen , links die Knaben . Zwischen diesen beiden Abteilungen lief ein Gang von der Tür zum Pult des Lehrers , und in diesem Gange hustete Silberlöffel auf und ab , ohne daß es irgendeinen in der jugendlichen Schar rührte . Lang , sehr lang war der Arme ; hager , sehr hager war er ; sehr melancholisch sah er aus , und das mit Recht . Ein anderer an seiner Stelle hätte sich in dem feuchten , kalten Raume munter und warm geprügelt ; aber selbst dazu war er nicht mehr imstande . Seine schwachen Versuche in dieser Hinsicht galten nur für gute Späße ; seine Autorität stand unter Null . Ein herzzerreißender Vorwurf für alle Wohlgekleideten war der Anzug dieses verdienstvollen Mannes ; der Hut führte mit seinem Besitzer eine wahre Tragödie auf . Zwischen beiden handelte es sich darum , wer den andern überdauern würde , und der Hut schien zu wissen ,