ein Kosmos ist , in welchem Jeder von uns , er sei auch wer er sei , mit Nothwendigkeit seine bescheidene Stelle auszufüllen hat . Dieser Gedanke hat mein Herz mit der freudigen Ruhe erfüllt , ohne welche zuletzt das Leben unerträglich werden muß . Ich sagte mir : diese Welt , von der Du im Grunde so wenig weißt , ist ein so alter , solider , wohlgegründeter Bau , daß Du an dem Plan nicht verzweifeln darfst , auch wenn Du ihn nicht ganz begreifen solltest . Dieses Menschengeschlecht , dessen Geschichte vielleicht auf eben so viel Millionen Jahre berechnet ist , als wir jetzt davon Jahrtausende kennen , ist ein so unergründlich wunderbares Phänomen der schaffenden Kraft , daß Du in Deinem Leben , und wenn es noch so lange währte , nur zu lernen und immer wieder zu lernen hast . Die Kunst , sagt Goethe , hat nie ein einzelner Mensch besessen ; aber , setze ich hinzu , die Philosophie eben so wenig . Von dieser Ueberzeugung ausgehend , faßte ich den Entschluß , in dem Leben Sinn und Verstand finden zu wollen , und ich kann nicht anders sagen , als daß ich meine Bemühungen von einigem Erfolg gekrönt gesehen habe . Schon auf der Schule mißtrauisch gegen die Resultate des rein speculativen Denkens , widmete ich mich einer Wissenschaft , in welcher uns die psychischen Vorgänge gleichsam ad oculos demonstrirt werden - der Medicin , zumal ihre praktische Ausübung noch den Vortheil hat , uns in fortwährende , intimste Berührung mit den übrigen Menschen zu bringen , von denen wir uns - sage man , was man will , von der Poesie der Einsamkeit - stets nur zu unserm eigenen Nachtheil entfernt halten . Wer die Solidarität aller menschlichen Interessen - das oberste Princip aller politischen und moralischen Weisheit - begriffen hat , weiß auch , daß seine individuelle Existenz nur ein Tropfen in dem ungeheuren Strome ist und daß diese Tropfen-Existenz weder das Recht noch die Möglichkeit der absoluten Selbständigkeit hat . Wenn die Menschen wie reife Früchte vom Baume fielen , möchte es schon eher gehen . So aber , wo wir von einer Mutter mit Schmerzen geboren werden , um Jahre lang die hülflosesten aller Geschöpfe und der treuen Pflege der Eltern ganz und gar überlassen zu sein , wo wir , wenn uns das Schicksal hold ist , unter Brüdern und Schwestern aufwachsen , um alle Freuden des Lebens mit ihnen nicht nur zu theilen , sondern erst von ihnen zu erhalten ; wo wir noch später jeden wahren Genuß , jedes Fest der Seele nur mit Anderen genießen und feiern können - da dürfen wir uns denn auch nicht länger sträuben , zu sein , was wir wirklich sind : Menschensöhne , Kinder dieser Erde , mit dem Recht und der Pflicht , uns hier auf diesem unseren Erbe auszuleben nach allen Kräften , mit den anderen Menschensöhnen , unseren Brüdern , die mit uns gleiche Rechte und freilich auch gleiche Pflichten haben . Sehen Sie , Oswald , so wird die Welt ein Kosmos und wir hören auf , Atome zu sein , die , wer weiß woher ? und wohin ? ohne ein vernünftiges Gesetz in dem unendlichen Raum umherwirbeln . Der Fehler Ihres Lebens , in welchen Sie freilich bei einer so wunderlich verlebten Jugend fast mit Nothwendigkeit fallen mußten , ist : daß Sie stets nur für sich , nie wahrhaft für die Andern gelebt haben . So sind Sie in eine ganz schiefe Stellung zur Welt gerathen , in der Sie der Welt und die Welt Ihnen nichts nützen konnte . Das wird jetzt anders werden . Sie haben der Freundschaft zu mir das Opfer gebracht , einen Schritt zu thun , der , ich fühle es wohl - und jetzt besser , als zuvor - Ihrem ganzen Naturell äußerst peinlich sein mußte . Aber ich bin überzeugt , Sie werden später diesen Schritt segnen . Das Probejahr , welches Sie auf dem Grünwalder Gymnasium absolviren wollen , wird auch in anderer Hinsicht für Sie ein Probejahr werden . Es wird sich zeigen , ob Sie den schwersten aller Siege , den Sieg über sich selber , über die eigene souveräne Willkür erkämpfen können . Ich wollte , Sie wären wie ich mit einem guten und klugen Mädchen verlobt , und müßten arbeiten und müßten kämpfen , wenn nicht zu eigenem Nutz und Frommen , so doch für sie , die Ihnen tausendmal theurer ist , als das eigene Leben , und Sie sollten sehen , wie leicht , wie spielend leicht Ihnen dieser Kampf und dieser Sieg sein würde ! Oswald antwortete nicht . Er fühlte sich von der Wahrheit der Worte seines Gefährten überzeugt , aber auch zugleich in einer peinlichen Weise beschämt . Denn das Antlitz der Wahrheit ist streng und flößt dem , welcher ihr nicht mit Hintansetzung aller individuellen Neigungen , mit ganzer Seele anhängt , ein Grauen ein . So gingen sie schweigend neben einander her , bis sie den Gipfel des Berges und zugleich den Wagen erreichten , der dort oben ihrer harrte . Sie stiegen wieder ein , und bergab ging es jetzt in raschem Trabe dem Städtchen zu , das in dem Busen eines von waldumkränzten Bergen ringsum eingeschlossenen Thales , schon in duftiges Abendgrau gehüllt , zu ihren Füßen lag . Es war das Ziel ihrer heutigen Fahrt , und wenigstens für Oswald , der ganzen Reise - der Badeort Fichtenau , weit und breit berühmt durch seine reizende Lage , durch seine stärkenden Fichtennadelbäder und in neuester Zeit durch die große und trefflich geleitete Anstalt für Geisteskranke , welche der intelligente und in der Psychiatrie viel erfahrene Doctor Birkenhain vor einigen Jahren dort gegründet hatte . Es waren wunderliche Empfindungen , die Oswald ' s Herz erfüllten , während er , in seine Ecke gelehnt , Bäume und Felsen an sich vorbeitanzen und sich mit jedem Hufschlag der Pferde auf dem steinigen Boden dem Orte näher geführt sah , mit dem sich in den letzten Monaten seine Gedanken so viel und so peinlich beschäftigt hatten . Wie gleichgültig war der Name desselben an sein Ohr geklungen , da er ihn zuerst in Grenwitz , als des Aufenthaltsortes von Melitta von Berkow ' s krankem Gemahl , erwähnen hörte ! Kannte er doch da Melitta noch nicht , wußte er doch nicht , daß er wenige Tage später in den Fesseln der Liebe dieses liebenswürdigen Weibes schmachten würde ! Dann hatte er , obgleich selten und immer nur mit Widerstreben ausgesprochen , den Namen von ihren Lippen vernommen und der Ort hatte für ihn in seiner damaligen seligen Stimmung die unheimliche Bedeutung gewonnen , welche für den Besitzer eines herrlichen , prachtvollen Hauses ein dunkles Zimmer hat , das er nicht gern öffnet und wovon er nur ungern spricht , weil sich vor Jahren einmal eine ihm nahestehende Person darin entleibte . - Dann war die Zeit gekommen , wo Melitta , Doctor Birkenhain ' s Einladung folgend , ihren sterbenden Gemahl zu besuchen ging - dann die peinlichen , schlimmen Tage , wo er sie in Fichtenau wußte an der Seite des todtkranken Gatten ; wo er von Fichtenau aus ihre Briefe erhielt , in welchen jedes Wort ein sehnsuchtsvoller Kuß war . Da war ihm Fichtenau abwechselnd wie das Grab und die Wiege seines Glückes erschienen , je nachdem er durch Herrn von Berkow ' s Tod die Hindernisse einer Verbindung mit Melitta aus dem Wege geräumt , oder sich von ihr gerade durch dieses Ereigniß für immer getrennt sah . - Dann kam der unselige Tag , wo er erfuhr , daß der Mann , in welchem er von vornherein instinctiv seinen gefährlichsten Nebenbuhler erkannt hatte , sich bei Melitta befand ; als böse Zungen ihm die gehässigsten Auslegungen dieses auffallenden Schrittes in ' s Ohr zischelten , und er , der Unglückliche , diesen anstößigen Verleumdungen mit nur zu willigem Ohr lauschte , weil er selbst schon an seiner Liebe zum Verräther geworden war , weil er , wie ein Schiffbrüchiger , der , sich und seinen Raub zu retten , den besten Freund mitleidslos von dem schaukelnden Brette in die Tiefe stößt , Melitta opferte , um seine neue Leidenschaft für die schöne Helene vor sich selbst zu rechtfertigen . - Und endlich , um das Maß voll zu machen , dem Verstörten , von tausend qualvollen Gefühlen Zerrissenen , gleichsam den Beweis zu liefern , daß die ganze Welt aus den Fugen sei und es auf eine Verirrung mehr oder weniger nicht ankomme , mußte dieser Ort , wo , wie er wähnte , das vor kurzem noch so heißgeliebte Weib sich in den Armen eines geistreichen Roué ' s für die Augenblicke , die sie an dem Sterbebette ihres Gemahls zubrachte , entschädigte , derselbe Ort sein , wohin man den von ihm so hochverehrten Freund und Lehrer brachte , als sein Genius die strahlende Fackel in der öden Nacht des Wahnsinns ausgelöscht hatte . Da - und besonders , als nun kurze Zeit darauf der Tod ihm den Knaben raubte , den er mit brüderlichster Liebe umfing und sein Verhältniß mit der hochadeligen Familie auf eine so eigenthümliche Weise gelöst wurde - als er den Nebenbuhler , von seiner Kugel auf den Tod verwundet , zu seinen Füßen liegen und er sich von dem geliebten Mädchen , und wäre es nicht aus tausend anderen Gründen , schon durch diese That für immer getrennt sah - da war ihm zu Sinnen , als ob es für ihn auf Erden keine passendere Zufluchtsstätte gebe , als eine Zelle neben der seines Freundes und Lehrers in Doctor Birkenhain ' s berühmter Heilanstalt für Geisteskranke zu Fichtenau . So hatte er denn auch , als er mit Doctor Braun zu der Reise , die dieser Letztere ursprünglich zur Verfolgung wissenschaftlicher Zwecke projectirt hatte , aufbrach , sogleich nach Fichtenau gewollt ; aber Braun hatte den Besuch dieses Ortes unter diesem und jenem Vorwande immer hinauszuschieben gewußt ; und zwar aus guten Gründen . Er hatte - ohne Oswald ' s Wissen - direct an Doctor Birkenhain geschrieben und denselben um eine detaillirte Schilderung von Berger ' s Zustand gebeten . Doctor Birkenhain antwortete , daß bei Berger von Wahnsinn nur in so weit die Rede sein könne , als er an der fixen Idee der absoluten Nichtigkeit aller Existenz leide , im Uebrigen aber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei , ja daß er denselben jetzt schon aus seiner Anstalt entlassen haben würde , wenn der Kranke nicht ausdrücklich eine Verlängerung seines Aufenthalts gewünscht hätte . Doctor Braun sagte sich nun , daß unter diesen Umständen ein Besuch in Fichtenau für Oswald ' s excentrisches und jetzt mehr als je aufgeregtes Gemüth mit der größten Gefahr verknüpft sei . Der Anblick eines Wahnsinnigen würde ihn zur Besinnung gebracht haben , der Verkehr mit einem selbst noch in seinen Verirrungen genialen Hypochonder konnte ihn möglicherweise in seinen ausschweifenden Ideen noch bestärken . In dieser Besorgniß hatte Franz den Besuch von Fichtenau an das Ende , und nicht , wie Oswald wollte , an den Anfang der Reise gebracht , indem er hoffte , der vielfache Verkehr mit fremden Menschen , die wohlthätigen Eindrücke einer Fahrt durch die schönsten , im festlichsten Schmucke des Herbstes prangenden Gegenden würden Oswald zu einer ruhigeren , vernünftigeren Ansicht des Lebens bringen und ihn so befähigen , Berger mit Ueberlegenheit , wenigstens ohne Gefahr für sich selbst , gegenüberzutreten . Jetzt sah sich Franz in dieser Hoffnung betrogen . Oswald ' s aufgeregtes Wesen gefiel ihm keineswegs , und er wäre am liebsten umgekehrt , wenn dazu jetzt noch eine Möglichkeit gewesen wäre . So nahm er sich wenigstens vor , während er von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf Oswald warf , der , in seine Ecke gedrückt , mit starren Augen auf das Städtchen herab sah , den Besuch so viel als möglich abzukürzen und den Freund während der Dauer desselben so wenig als möglich mit Berger allein zu lassen . Drittes Capitel Die Sonne war bereits seit einer halben Stunde hinter dem breiten Rücken des tannenbewaldeten Hügels , der Fichtenau von der Westseite einschließt , untergegangen , als der Wagen mit den beiden Freunden aus den Bergen heraus in die Thalebene gelangte , in welcher das Städtchen liegt . Die müden Pferde , erfreut über den glatten Boden und das leichtere Rollen des Wagens , griffen wacker aus in der sichern Hoffnung auf baldigen Abendhafer , und angefeuert durch die schrillen Töne einer Clarinette , die nebst obligaten dumpfen Trommelschlägen aus einem dichten Kreis von Menschen herüberschallten , welcher sich auf der Gemeindewiese unmittelbar vor dem Eingang in das Städtchen um eine Seiltänzerbande versammelt hatte . Der Weg führte an diesem Orte vorüber , und da die gaffende Menge die etwas höher liegende Landstraße dicht besetzt hatte , war der Kutscher genöthigt , langsamer zu fahren und zuletzt , da die Leute trotz seines Scheltens und Fluchens sich in der Luft des Schauens nicht stören ließen und wie angenagelt auf ihren Plätzen standen , still zu halten . Allerdings konnte man den guten Leuten ihre Unhöflichkeit nicht so hoch anrechnen , denn in diesem Augenblicke gaben die wandernden Künstler ihr vorzüglichstes Stück , welches sie immer bis zum Schluß der Vorstellung aufsparten , um ihre Zuschauer mit einem möglichst günstigen Eindruck zu entlassen . Aus dem kleinen Circus war bis zu dem Gipfel einer mäßig hohen , aber breitastigen Eiche , welche den Gemeindeanger schmückte , ein Seil gespannt , von dem dünnere Stricke rechts und links nach dem Boden liefen , wo sie von stämmigen Burschen , die sich im Interesse der Kunst freiwillig zu diesem Dienst erboten hatten , festgehalten wurden . Die schriller kreischende Clarinette und die immer lauter donnernde Pauke verkündeten , daß der große Augenblick gekommen sei , in welchem , wie die Zettel an den Straßenecken verkündet hatten , » der berühmte Acrobat , Herr John Cotterby aus Aegypten , genannt » die fliegende Taube , « eine an der Spitze eines vierhundert Fuß hohen Thurmes befestigte Fahne auf einem ausgespannten Seile herabzuholen und dieselbe auf demselben Wege rückwärts schreitend zurückzubringen , vor einem hohen Adel und kunstliebenden Publikum Fichtenau ' s mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auszuführen die Ehre haben werde . « Nun war freilich aus dem vierhundert Fuß hohen Thurm eine vierzig Fuß hohe Eiche geworden ; und die Feinde und Neider behaupteten , daß durch diese Abänderung des Programms das Wagstück an Gefährlichkeit ebenso verliere , wie an Interesse . Aber war es Herrn John Cotterby ' s aus Aegypten Schuld , daß die Kaiserlichen im dreißigjährigen Kriege den Thurm der kleinen Kirche am Markt bei einer Belagerung Fichtenau ' s , das von den Schweden besetzt gehalten wurde , herunterkanonirten ? daß die Väter der Stadt schon seit zwei Säculis alljährlich beschlossen , diesen Thurm wieder aufzubauen , sobald einmal bessere Zeiten für Fichtenau kämen ? und schließlich , daß diese Zeiten noch immer nicht gekommen waren ? Und jetzt erschien unter dem Quinquiliren der Clarinette und dem Tam-tam der Pauke , zu denen sich in diesem feierlichen Augenblicke noch das Geklingel eines Triangels und das Kreischen einer verstimmten Fiedel gesellte , auf dem kleinen , mit schmutzigen Laken behangenen Schaffot , dem irdischen Ausgangspunkt seiner himmlischen Reise , ein hübscher , prächtig gewachsener Bursche mit dunklem , von einem schmalen Messingreif zusammengehaltenen Lockenhaar , in weißen , enganliegenden Tricots und einem blauseidenen Wammse , auf dessen Schulterstücke zwei Flügel genäht waren . Ein ermuthigender Beifallsruf , in welchem das Zischen der Gegner ungehört verhallte , begrüßte den Künstler , der sich nach allen Seiten mit jener Grazie verbeugte , die ein ausschließliches Geheimniß von Kunstreitern , Seiltänzern und sonstigen Angehörigen der luftigen Gilde ist . Aber der Beifallsruf verstummte , als jetzt gegen Aller Erwarten eine unförmlich dicke Gestalt , welche sich durch eine weiße Zipfelmütze , große blaue Schürze , und vor allem durch eine unförmliche purpurrothe Nase als Bierwirth oder dergleichen darstellte , hinter dem sich verbeugenden Künstler auf das Schaffot geklettert kam , ihm derb zwischen die Ikarusflügel auf den Nacken schlug und ihm einen ellenlangen Streifen Papier präsentirte , der unter diesen Umständen kaum etwas Anderes als eine unbezahlte Rechnung sein konnte . Der Künstler schien durch dieses unerwartete Hereinbrechen der derben Realität in die heitern Gefilde der Kunst in die bitterste Verlegenheit gesetzt zu werden . Eine pantomimische Scene folgte , in welcher er durch häufiges Achselzucken und vergebliches Zupfen an den Stellen seiner Tricots , wo bei Beinkleidern , die in größeren Dimensionen angelegt sind , die Taschen zu sitzen pflegen , seine Zahlungsunfähigkeit betheuerte und durch Händeringen und flehentliche Geberden den plumpen Wirth zu christlicher Nachsicht ermahnte , während dieser durch schreckliche Grimassen und wiederholtes Schlagen mit der Faust in die Fläche der Hand seine unerbittliche Hartherzigkeit genugsam an den Tag legte . Das Publikum von Fichtenau und Umgegend , von dem ein nicht kleiner Theil die Sache für baaren Ernst nehmen mochte , sperrte Mund und Nase bei diesem seltsamen Schauspiel auf . Aber die Spannung wurde noch erhöht , als jetzt auf einen Wink des rothnasigen Wirthes zwei schnurrbärtige Gesellen in blauen Fracks und schwarzen dreieckigen Hüten , in welchen Niemand den strafenden Arm der irdischen Gerechtigkeit verkennen konnte , auf die Bühne geklettert kamen , unter fürchterlichem Gesichterschneiden und Gesticulationen den unglücklichen Künstler ergriffen und ihm die zahlungsunfähigen Hände auf den geflügelten Rücken banden . Und jetzt trat aus den Zweigen der Eiche , da wo das Seil um den mächtigen Ast geschlungen war , die Gestalt eines lieblichen Genius hervor , mit einem Kranz im Haar und in der Hand eine bunte Fahne . Bei dem Erscheinen des himmlischen Boten befiel die Diener der irdischen Gerechtigkeit und den hartherzigen Wirth ein jäher Schrecken . Sie ließen ihr Opfer los und stürzten unter allen Zeichen tiefster Zerknirschung in die Kniee , während die » fliegende Taube « die Bande von den Händen streifte und mit einer Geschicklichkeit und Geschwindigkeit , die seinem Namen und Ruf alle Ehre machte , den schwanken Pfad , der zum Himmel führte , hinan zu laufen begann . - In der Mitte angekommen , ließ er sich vor der himmlischen Erscheinung , die ihm ohne Aufhören mit der bunten Fahne Ermuthigung zuwinkte , auf ein Knie nieder , richtete sich sodann wieder auf , drehte sich um und machte , der Erde und aller Erdenfurcht entrückt , den zerknirschten Verfolgern eine Geste , welche unter der Bezeichnung » Jemandem einen Esel bohren « , bekannt ist . Beifallsruf und Gelächter begleiteten den humoristischen Künstler bis hinauf in den Himmel , wo er aus den Händen des Genius , der dann in den Zweigen verschwand , den Kranz auf das Haupt gesetzt und die Fahne in die Hand gedrückt erhielt , und wieder hinab zu dem Schaffot , wo ihn die bekehrten Häscher mit vielen Bücklingen empfingen , während der reuige Wirth in einer edlen Wallung die lange Rechnung von einem Ende bis zum andern durchriß und so den Zuschauern die tröstliche Gewißheit gab , daß die Freiheit der » fliegenden Taube « für heute wenigstens nicht weiter gefährdet sei . Die Vorstellung war zu Ende . Die Ansprache des Wirthes und zugleich Directors der Gesellschaft , welcher jetzt als Epilogus allein auf dem Schaffot geblieben war und dem hohen Adel und kunstsinnigen Publikum von Fichtenau und Umgegend für morgen eine noch viel glänzendere Vorstellung versprach , wurde mit lautem Jubel aufgenommen und die Zuschauer entfernten sich langsam , während seit einigen Minuten ein gelegentliches Klappern von Geldstücken auf Tellern an eine Pflicht erinnerte , der nachzukommen einigen Undankbaren unnöthig schien , und anderen Dankbaren , zu ihrem größten Bedauern , unmöglich war . Indessen waren bei weitem die meisten der Zahlungsfähigen ehrlich genug , den klappernden Teller an sich herankommen zu lassen , und wen die Ehrlichkeit nicht hielt , den bannte die Neugier , wie wohl der Genius aus der Eiche , den man bis jetzt nur aus der Ferne erblickt hatte , in der Nähe aussehen möchte . Denn Niemand Geringeres als der Bote Apollos sammelte für die Bedürfnisse seiner Söhne auf Erden . Und der schlaue Director hätte keine bessere Wahl treffen können . Der Genius ( man wußte kaum , war es ein Mädchen oder ein Knabe ) blickte aus so einzig schönen braunen Augen so bescheiden bittend in die Gesichter , daß sich die Börsen mit den Herzen öffneten . Freundliche Worte begleiteten das Kind überall hin , und einer und der andere behäbige Spießbürger glaubte sich für seinen Groschen auch das Recht erworben zu haben , es in die braunen Wangen zu kneifen - eine Liebkosung , die indessen jedesmal sehr ungnädig von dem Genius aufgenommen wurde . Der Kutscher hatte , sobald sich das Gedränge hinreichend verlaufen , weiter fahren wollen , aber Franz und Oswald , welche dem Schauspiel von Künstlers Erdenwallen und Apotheose mit großem Interesse und hier und da herzlichem Lachen gefolgt waren , befahlen ihm , halten zu bleiben , bis der behend durch die Menge schlüpfende Genius auch zu ihnen gekommen wäre . Der Genius ließ nicht lange auf sich warten - ein Reisewagen , mit zwei Herren darin , wog mindestens ein Dutzend Fichtenauer Spießbürger auf . Franz suchte in seiner Börse nach kleiner Münze , als er durch einen lauten Ausruf Oswalds erschreckt wurde . Was giebt ' s ? fragte er , verwundert zu Oswald aufblickend , der im Wagen in die Höhe gesprungen war . Oswald antwortete nicht , sondern war mit einem Satze aus dem Wagen auf dem Boden und eilte auf den Genius zu , der , sobald er den jungen Mann erblickte , den Teller sammt den Silber- und Kupfermünzen fallen ließ und sich ihm in die Arme stürzte . Czika , bist Du es denn wirklich ? Ja , Mann mit den blauen Augen ! antwortete das Kind , noch an seinem Halse , zärtlich und innig ; dann aber , sich plötzlich gewaltsam losreißend und ängstlich nach dem Wagen blickend : Kommst Du mit dem Andern ? Nein , Czika ! sagte Oswald , wohl wissend , daß Oldenburg mit dem Andern gemeint sei . - Bist Du denn allein ? Nein ; Mutter ist bei mir ; Mutter verläßt die Czika nicht . Komm , Herr , hilf mir das Geld sammeln ; und das Kind bückte sich nieder und suchte nach den im Sande zerstreuten Münzen . Oldenburgs Kind in einer Seiltänzerbande ! murmelte Oswald , in der Verwirrung , die sich seiner Seele bemächtigt hatte , mechanisch Czika ' s Bitte Folge leistend und neben ihr auf den Knieen das umhergestreute Geld zusammenraffend . Das kunstliebende Publikum von Fichtenau fand diese Begrüßung und Umarmung eines scheinbar vornehmen fremden Herrn und eines Seiltänzerkindes merkwürdiger als Alles , was es an diesem Abend gesehen hatte . Jung und Alt drängte sich in dichtem und immer dichter werdendem Kreise heran und schien entschlossen , nicht vom Platz zu weichen , als bis es eine Aufklärung dieser räthselhaften Begebenheit erhalten hätte . Franz , der vom Wagen aus die Scene mit angesehen hatte , war kaum weniger verwundert gewesen , als die Andern . Im nächsten Augenblick indessen fielen ihm die mysteriösen Gerüchte ein , die über ein Zigeunerkind , welches der Baron Oldenburg mehrere Wochen lang auf seiner Solitüde beherbergt habe , bis es ihm eines Tages wieder entlaufen sei , in der Gegend circulirt hatten ; und mit jener Schnelligkeit der Combination , welche guten Köpfen eigenthümlich ist , schloß er , daß Oswald , der jedenfalls bei seiner Intimität mit dem Baron um das Geheimniß wußte , in dem schönen Genius das Zigeunerkind erkannt habe . Sein nächster Gedanke war , in Oswalds eigenem Interesse die wunderliche Scene abzukürzen und die Sensation , welche dieselbe schon erregt hatte , möglichst zu vertuschen . Er sprang also aus dem Wagen , eilte auf Oswald zu und sagte : Um Himmelswillen , Oswald , lassen Sie uns fort . Es ist ja ein Leichtes , zu erfahren , wo die Leute wohnen ; Sie können sie ja zu jeder andern Zeit aufsuchen . Oswald , welcher jetzt , nachdem sich das erste überwältigende Erstaunen , die Czika unter solchen Verhältnissen wieder zu finden , bei ihm gelegt hatte , die Wunderlichkeit der Situation wohl erkannte , fand Franz ' Rath zu vernünftig , als daß er demselben nicht hätte folgen sollen . Die Czika hatte ruhig , als wäre nichts vorgefallen , ihr Sammelgeschäft wieder begonnen ; ja , sie warf nicht einmal einen Blick auf Oswald , der jetzt , von Franz beinahe gezogen , nach dem Wagen zurückschritt . Der Wagen rollte davon . Die Menge verlief sich um so schleuniger , als die Kühle des bereits stark dunkelnden Abends sie an die warme Suppe in der warmen Stube zu Hause mahnte . Viertes Capitel Es war etwa eine Stunde später . Der Abend war vollends herabgesunken . Die Berge von Fichtenau hatten sich in den doppelt dichten Schleier der Nacht und des Nebels gehüllt ; vom dunkeln Himmel blinkten zwischen treibenden Wolken hier und da einzelne Sterne hervor . In den Straßen des Städtchens war es still geworden ; aus den Fenstern der niedrigen Häuser schimmerten Lichter . Die Leute saßen nach dem frugalen Abendessen um das Ofenfeuer und erzählten einander von den Wundern der Stärke , Geschicklichkeit und Gewandtheit , deren Zeuge sie draußen auf der Finkenwiese gewesen waren , und von dem verrückten Herrn , der das hübsche Zigeunerkind , während es mit dem Teller umherging , vor allen Leuten umarmt hatte . - Die alte halbtaube Großmutter , die neben dem Ofen in ihrem Lehnstuhl nickte und die Geschichte nur halb gehört hatte , meinte : Ja , ja , Zigeuner sind Kinder des Satans , das weiß alle Welt . Mein Ur-Großvater selig hat noch ihrer fünf mit verbrennen helfen auf der Finkenwiese . In der » Grünen Mütze « , einer Fuhrmannskneipe am Eingange in das Städtchen , nahe an der Finkenwiese , ging es heute Abend sehr lebhaft zu . Die » grüne Mütze « war das Hauptquartier der wandernden Seiltänzerbande und mithin in diesen Tagen für das Fichtenauer Publikum ein anziehender Punkt . Der lange Tisch in der tabaksraucherfüllten Trinkstube konnte heute die Zahl der Gäste nicht fassen , obgleich sie sich eng genug auf den Bänken zusammendrängten ; besonders nach dem obersten Ende zu , wo die Künstler im vollen Gefühl ihrer Bedeutung und im Hochgenuß einer freien Zeche saßen und tranken . Der Director , Herr Caspar Schmenckel , präsidirte , wie sich ' s gebührte . Er hatte die Zipfelmütze abgesetzt und die große blaue Schürze sammt den hineingestopften Kissen bei Seite gethan , und erschien nun in der ebenso bequemen , wie eleganten Tracht eines Herrn , der Rock und Weste ausgezogen hat und sich über die mangelhafte Reinlichkeit seiner Wäsche im Bewußtsein seines Künstlerruhmes und seiner breiten gestickten Beinkleiderträger hinwegsetzt . - Eine größere Veränderung hatte Herr John Cotterby aus Aegypten , der seinem Herrn und Meister zur Rechten saß , mit seiner Toilette vornehmen müssen . Er trug jetzt einen grauen kurzen Rock mit grünen Aufschlägen und sah , Alles in Allem , einem hübschen Tyroler-Burschen , der er in Wirklichkeit war , ähnlicher als einem Sohne des geheimnißvollen Landes , welches der Nil durchströmt , wenn nicht der schmale Messingreif , der noch immer seine dunkeln Locken zusammenhielt , und das entsetzliche Deutsch , welches er höchst kunstreich radebrechte , seine mystische Abstammung hinreichend documentirt hätten . - Von den beiden andern Künstlern , die weiter unten am Tisch saßen , war der Eine ein bescheidener , stiller , langer Mensch , der es mit seiner Kunst ernst nahm und stets darüber grübelte , wie er in seiner berühmten Production » das tanzende Riesenfaß « noch einen neuen Zug anbringen könnte , der andere , der Clown der Gesellschaft , eine kugelrunde , possirliche Person , die jedesmal , wenn sie mit einem der Gäste anstieß , eine neue Fratze schnitt . Der Vorfall heute Abend auf der Finkenwiese zwischen dem Reisenden und der Czika , über welchen sehr eifrig debattirt wurde , war zu merkwürdig , als daß ihn Herr Schmenckel nicht in seiner Weise hätte ausbeuten sollen . Nun war freilich die Zigeunerin erst vor einigen Tagen , als er mit seiner Truppe durch die Berge von Braunburg nach Fichtenau zog , ganz zufällig mit ihrem Kinde zu ihm gestoßen , und Herr Schmenckel wußte von ihrer Vergangenheit so wenig wie irgend einer der Anwesenden ; aber um so freieres Spiel hatte seine Phantasie bei der Erfindung eines Märchens , das sich den neugierigen Gästen aufheften ließ . Ja , Ihr Herren , sagte Director Schmenckel , das ist eine geheimnißvolle Geschichte , und ich möchte sie wohl erzählen , wenn selbige nicht gar so sehr unglaublich wäre . Erzählen Sie , erzählen Sie , Herr Director , schrie ein halbes Dutzend Stimmen . Ein neues Seidel für den Herrn Director , ein anderes halbes Dutzend . Darf ich erzählen , Cotterby ? fragte Herr Schmenckel . Fiderunkankinsavalilaloramei , antwortete der Aegypter , der keine Ahnung hatte , wozu sein Herr und Meister die erbetene Erlaubniß haben wollte . Danke , Cotterby , sagte Herr Schmenckel ; meine Herren ! Ihr Wohl ! - also wie ich die Bekanntschaft von Madame Xenobi , oder Kussuk Arnem , wie sie eigentlich heißt , gemacht habe . Aber die Geschichte ist fast unglaublich und spielt in gewisse Regionen hinein , die mich zwingen , nur in allgemeinen Andeutungen - O , das thut nichts ! - Erzählen Sie nur ! riefen die Zuhörer , noch näher zusammenrückend . Na , so hören Sie denn ! - Kurze Zeit , nachdem ich Herrn Cotterby in Aegypten für