, ein Baron Grenwitz , ist eine Null , die Frau Baronin ein X , das ich noch nicht habe herausrechnen können . Jedenfalls ist sie eine gescheite Frau . Ich weiß , daß dies für Sie keine geringe Empfehlung ist . Sie spricht drei oder vier lebende Sprachen gut , ihre Muttersprache nicht mit gerechnet . Ich habe sie sogar in Verdacht , daß sie mit ihrem jetzigen Hauslehrer , einem gewissen Bauer , der hier studirt hat und ein grundgelehrter - Jüngling war , in aller Stille Latein und Griechisch treibt . Und Sie , der Sie mir selber sagten , daß Sie ein Buch über den Adel und gegen den Adel geschrieben haben , das leider in Deutschland , für das es berechnet ist , nirgends gedruckt werden kann , - Sie rathen mir , der ich über die Braminenkaste dieselben Pariasideen habe , mich in das Lager unserer Erbfeinde zu begeben ? Das ist ja eben der Humor davon , sagte Berger lachend ; Sie sollen hingehen wie ein Mohicaner in das Lager der Irokesen ; und ich freue mich schon im voraus auf die prächtigen Zöpfe , die Sie zurückbringen werden . Die hängen wir dann als Trophäen in unserm Wigwam auf und haben unsere Freude daran . Und wenn man mich selbst dort scalpirt , wie dann ? Dann bin ich der letzte Mohicaner und rauche meine Friedenspfeife einsam und melancholisch auf dem Grabe meines Uncas . Er stützte den Kopf in die Hand und starrte düster vor sich nieder . Ja , ja , ich weiß es , murmelte er , die große Schlange , wenn sie es endlich müde ist , die Menschen anzuzischen , wird in einen Sumpf kriechen und da einsam verrecken . Ich ergriff seine Hand . Das wird nicht geschehen , wenigstens nicht , so lange ich lebe . Er schaute mich wehmüthig an . Aber Du wirst vor mir sterben , sagte er ; die große Schlange hat ein zähes Leben , und Du bist weich , viel zu weich für diese harte Welt . Doch das bei Seite . Was sagen Sie zu meinem Vorschlag ? Daß er mir nur halb und weniger als halb gefällt . So muß ich denn doch den letzten Trumpf ausspielen , rief Berger aufspringend . So hören Sie denn , Sie Ungläubiger , daß jenes Haus , in das ich Sie senden will , einen Engel in sich schließt , in Gestalt eines wunderlieblichen Mägdeleins . Sie ist die Schwester Ihres Alexander , und Gott sei Dank , vorläufig noch in Hamburg in Pension . Ich hasse sie , denn sie hat mir viel Qual bereitet . Alle wahnsinnigen Träume meiner Jugend lebten in mir auf bei ihrem Anblick und ängstigten mich wie schöne Gespenster . Zuletzt lief ich davon , so oft ich sie unter ihrem leichten Strohhute über den glatten Sand des Strandes herankommen sah . Ja , ich will es nur gestehen , ich habe die Sonette , die ich Ihnen neulich vorlas , die Sie freundlich genug waren , liebedurchglüht und Gott weiß , was noch sonst , zu finden , und die ich in der seligen Jugendzeit vor dreißig Jahren auf Helgoland gedichtet zu haben vorgab , im vorigen Jahre in Ostende , vom Anblick der schönen Teufelin berauscht , mit meinem Herzblut geschrieben . Das sagen Sie aber Niemand wieder . Weshalb nicht ? Es würde mir ja doch keine Menschenseele glauben . Da haben Sie freilich Recht und nun ? Nun habe ich noch weniger Lust , als vorhin . Ich wünsche nicht , die alberne Geschichte der Liebschaft eines Hauslehrers mit der Tochter des hochadeligen Hauses , eine Geschichte , die ich mir schon in so und so vielen Romanen zum Ekel gelesen habe , an mir selbst zu wiederholen . Und wenn das Mädchen wirklich so schön und liebenswürdig ist , daß - Daß selbst das dürre Holz frische Blätter treibt , was da am grünen geschehen soll ? unterbrach mich lachend Berger . Nun wohl ! verlieben Sie sich ! weßhalb nicht ! Lieber Freund , das Buch des Lebens für Leute unseres Schlages führt denselben Titel , wie einer der Romane Balzac ' s : » Illusions perdues . « Jeder Tag schreibt nur ein neues Capitel hinein , und je kürzer das Buch , desto besser und interessanter ist es . Aber da es nun einmal geschrieben werden muß und nicht anders geschrieben werden kann , so ist es auch im Grunde gleichgültig , ob wir nach Westen gehen , oder nach Osten . Wir machen dieselben Erfahrungen hier wie dort . Darum sage ich noch einmal : gehen Sie nach Grenwitz ! Was sollte ich thun . Es erschien mir als eine Pflicht , den Wunsch meines Freundes , dem ich so viel verdanke , zu erfüllen . Und dann , hatte Berger nicht Recht , daß es gleichgültig sei , ob ich nach Osten gehe oder nach Westen ? Genug , ich packte meine Sachen , sagte meinem Mentor Lebewohl und fuhr hinüber nach diesem Eiland . - - - Drittes Capitel Oswald hatte bis jetzt nur in Städten gelebt . Seine Sitten , seine Anschauungen , seine Neigungen waren die eines Städters . So kam es denn , daß , als er sich jetzt plötzlich wie mit einem Zauberschlage auf das Land versetzt sah , der unsägliche Reiz der ersten leuchtenden Sommertage in einem schönen ländlichen Aufenthalte für ihn mehr als für die meisten Menschen etwas unsäglich Anziehendes , ja Hinreißendes und Berauschendes hatte . Es war ihm Alles so neu und doch wieder so seltsam bekannt , wie wenn Jemand in eine Gegend kommt , die er schon lange vorher in seinen Träumen gesehen . War dieser blaue Dom , der sich immer tiefer und tiefer wölbte , derselbe Himmel , der sich so trostlos bleiern über das Häusermeer der Residenzstadt spannte ? waren diese funkelnden Lichter dieselben öden Sterne , zu denen er , aus dem Theater oder einer Gesellschaft kommend , kaum einmal flüchtig emporgeblickt hatte ? Konnte ein Sommermorgen so reich an Glanz und Pracht , ein Sommerabend so weich und wollüstig sein ? Hatte er denn den Gesang der Vögel nie vernommen , daß er sich jetzt an ihren einfachen Liedern nicht satt hören konnte ? Hatte er denn nie Blumen gesehen , daß er jetzt nicht müde wurde , ihre schönen Farben , und wundersamen Gestalten zu betrachten ? Es war ihm zu Muthe , wie Einem , der aus schwerer Krankheit wieder zum Leben erwacht . Die jüngste Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier , aber weit Entferntes , im Meer der Vergessenheit seit langen Jahren Versunkenes tauchte wie eine glänzende , zauberische Spiegelung wieder über den Horizont der Erinnerung empor . Ei , da ist ja auch Rittersporn , rief er einst in diesen ersten Tagen freudig überrascht , als er , träumend im Garten auf und ab wandelnd , diese Blume häufig auf den Beeten blühen sah . Nun freilich , sagte Bruno , der bei ihm war , haben Sie denn noch nie welchen gesehen ? Es ist lange her , murmelte der junge Mann sich niederbeugend , und die phantastische Blume mit Rührung betrachtend . In seines Geistes Aug ' sah er sich wieder in einem kleinen lauschigen Garten an der Stadtmauer herumspielen und Steinchen , Blumen und andere Seltenheiten , die er auf seinen Entdeckungsreisen fand , auf den Schooß einer schönen , jungen , blassen Frau sammeln , die ihm jedes Mal , wenn er zu ihr kam , das lockige Haupt streichelte und mit jener Geduld , die nur eine Mutter hat , nicht müde wurde , seine unzähligen Fragen zu beantworten . Und da hatte er ihr auch diese Blume gebracht und die schöne Frau hatte gesagt : das ist Rittersporn . Und dann hatte sie die Blume lange sinnend angesehen , bis ihr von dem langen Hinstarren die Thränen in die Augen kamen und hatte ihn auf ihren Schooß genommen und sein Haupt stürmisch an ihre Brust gedrückt , und da mochte er denn wohl , von dem vielen Spielen müde , eingeschlafen sein , denn in diesem Augenblicke zerflatterte das Bild . - Die junge , schöne Frau , das wußte er , war seine Mutter ; sie war gestorben , als er noch nicht fünf Jahre alt war . - Wer hat nicht an sich selbst schon die traurige Erfahrung gemacht , daß wir in dem Gewirre des Lebens , wo eine Erscheinung die andere verdrängt , und wir stets unter der tyrannischen Gewalt des Augenblickes stehen , Alles , selbst das Theuerste , selbst die Eltern , die uns das Leben gaben , vergessen lernen . So hatte auch Oswald fast schon vergessen , daß er je eine liebe Mutter gehabt ; jetzt rief eine einfache Blume die Erinnerung an die früh Verstorbene mächtig in ihm wach . Die erste Zeit , die er in der Einsamkeit des Landlebens verbrachte , verknüpfte sich eng mit der ersten Zeit seines Lebens ; denn er hatte seitdem nicht wieder der Natur so unbefangen und so tief in das holde , bezaubernde Antlitz geschaut . Auch seines Vaters , der nun gerade vor zwei Jahren , einsam , wie er gelebt hatte , gestorben war , gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe , die leider immer erst dann in voller Blüthe steht , wenn diejenigen , denen sie gebührt , sich nicht mehr an ihrem Dufte laben können ; seines Vaters , der wunderlichen Pygmäengestalt , die der Sohn schon als achtzehnjähriger Jüngling um zwei Köpfe überragte ; des menschenscheuen Sonderlings , der in der ganzen Stadt der » alte Candidat « genannt wurde , und dessen schwarzen abgeschabten Frack , in dem er Sommer und Winter einherging , jedes Kind auf der Straße kannte ; des räthselhaften Mannes , der den reichen Schatz seines Wissens und seiner Güte gegen alle Welt verschloß , nur nicht gegen den Sohn , an dem er mit unsäglicher Liebe hing , den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und pflegte , und für den ihm , dem als Geizhals Verschrieenen , nichts zu kostbar gewesen war . Diese lieben und doch auch wieder schmerzlichen Erinnerungen zogen durch Oswald ' s Seele , während er in seinen Freistunden allein , oder mit seinen Zöglingen im Garten , Feld und Wald umherstreifte , sich von Tage zu Tage mehr für das Landleben begeisterte , und wenn er des Morgens , ehe die Unterrichtsstunden begannen , noch schnell einmal in den Schloßgarten geeilt , in die thaufrischen Kelche der Blumen geschaut und sich am Gesang der Vögel entzückt hatte , schlechterdings nicht mehr begreifen konnte , wie es die Menschen in den Städten , wie er selbst es nur jemals in der Stadt habe aushalten können . Und in der That hätte Schloß Grenwitz und seine Umgebung auch wohl einem durch landschaftliche Schönheiten verwöhnteren Auge das lebhafteste Interesse abgewinnen müssen , obgleich es von den Touristen , die alljährlich die Insel durchschwärmten , niemals aufgesucht , höchstens von Einem oder dem Andern zufällig aufgefunden wurde , der sich dann nicht genug wundern konnte , wie ein so lieblicher und in vieler Hinsicht so merkwürdiger Punkt in seinem Reisehandbuche , in welchem doch sonst jeder nichtsnutzige Gasthof verzeichnet stand , übergangen sein konnte , bloß weil er eine Meile von der großen Landstraße entfernt lag . Das Schloß trägt noch bis auf den heutigen Tag die Spuren von dem Reichthum und der Macht des alten ritterlichen Geschlechts derer von Grenwitz , das seit undenklichen Zeiten hier begütert gewesen ist , und die Burg zu seinem Schutz und den benachbarten Baronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts erbaute . Das untere Stockwerk des einen Flügels mit seinen riesigen Quadersteinen stammt noch aus dieser Zeit , ebenso wie der gewaltige runde Thurm , in welchem jetzt das alte und das neue Schloß zusammenstoßen . Das neue Schloß wurde gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts in dem bizarren Styl jener Zeit gebaut und nimmt sich mit seinen verschnörkelten Säulen und wunderlichen Ornamenten neben dem alten schmucklosen Thurm , mit welchem es jetzt in einer Front liegt , aus , wie ein zierlicher Herr aus Louis XIV. Zeit neben einem eisengeharnischten Kämpen aus den Tagen von Crecy und Poitiers . Ein zwanzig Fuß und darüber hoher Wall , der in ein noch weit ehrwürdigeres Alter hinaufragt , als selbst der alte Thurm , umgiebt das Schloß in einem so weiten Kreise , daß es sammt den Nebengebäuden von dem eingeschlossenen Raume nur den kleinsten Theil einnimmt . Der Wall ist jetzt längst schon in eine friedliche Promenade umgewandelt , über der hohe Buchen , Nußbäume und Linden ein dichtes Laubdach bilden . Der breite Graben , der ihn in seiner ganzen Ausdehnung umzieht , ist jetzt zum Theil versumpft , mit dichtem Röhricht angefüllt , und , wo das Wasser sich noch einen Raum frei gehalten , mit einem grünen Teppich von Wasserpflanzen bedeckt , in welchem halbwilde Enten lustig schnattern . Offenbar hatte dieser Wall den Zweck gehabt , im Fall einer Fehde nicht nur die Hörigen der fehdelustigen Barone mit ihren Weibern und Kindern , sondern auch die Heerden und die Vorräthe zu schirmen ; auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die Wirthschaftsgebäude , die jetzt ziemlich entfernt vom Schlosse außerhalb des Walles lagen , innerhalb desselben gelegen . Damals hatte der Wall nur einen Durchgang gehabt , ein festes , mit einem Thurm versehenes Thor , aus dem eine Zugbrücke über den Graben nach einem Brückenkopfe führte . Jetzt war der Thurm abgetragen , die Brücke konnte nicht mehr aufgezogen werden und aus dem Brückenkopfe hatte man längst Backöfen und andere nützliche Dinge gebaut . Von diesem Hauptthor führte eine Allee vielhundertjähriger prachtvoller Linden auf das Portal des Schlosses zu . Rechts von der Allee und vor der Front des Schlosses war ein großer Rasenplatz , in dessen Mitte ein steinernes Becken mit einer Najade als Schutzpatronin stand , die , wahrscheinlich aus Schmerz , daß ihrem Brunnen schon seit einem halben Jahrhundert das Wasser fehlte , den Kopf verloren hatte . Der ganze übrige Raum innerhalb des Walles war mit Gartenanlagen ausgefüllt , die aus der Zeit des Neubaues herrührten und mit ihren graden Gängen , kunstvoll verschnittenen Taxushecken , Buchsbaumpyramiden und ihren Sandsteingöttern , die allen Regeln der Aesthetik und allen Gesetzen der Anatomie so naiv Hohn sprachen , den Charakter dieser Zeit deutlich genug documentirten . Hier und da freilich war ein Geist der Neuerung in die Anlagen gefahren . Der Buchs hatte seine verkrüppelten Glieder , so gut es gehen wollte , in eine naturgemäße Baumgestalt auszurecken versucht ; die beiden Seiten eines Heckenganges hatten gemeinschaftliche Sache gemacht und sich zu einem undurchdringlichen Gestrüpp vereinigt ; ein Gärtner , der für die stumme Sprache von Taxuspyramiden kein Verständniß mehr besaß , und eine praktischere Richtung verfolgte , hatte , unbekümmert um den ästhetischen Eindruck , Aepfel- , Birnen- , Kirschen- und Pflaumenbäume gepflanzt , wo er gerade Platz fand , und hier und da seinen Gemüsebeeten den Luxus der Blumenrabatten geopfert . Eine Schwester der Najade im Hof war von Himbeer- und Stachelbeersträuchern fast überwuchert , aber sie hatte sich in ihr Schicksal zu finden gewußt , ihren Kopf behalten , und plauderte in stiller Nacht geschwätzig von der guten alten Zeit . So hatte von dem Riesenwalle , der aus der grauen Heidenzeit stammte , bis zu den Spargelbeeten , die gestern angelegt waren , seit einem Jahrtausend jede Generation etwas zur Befestigung , Verschönerung oder Verbesserung dieses Wohnsitzes beigetragen . Vieles war spurlos verschwunden , Vieles hatte sich erhalten ; Altes hatte der Zeit gespottet , Neues war mit der Zeit alt geworden ; aber da selbst das Aelteste die Spuren des Lebens , der fortdauernden Nutzbarkeit trug , so war nirgends ein Sprung , ein Riß bemerkbar , und das Ganze machte den wohlthuenden Eindruck , als ob es eben nicht anders sein könnte . Zwar seinen primitiven Charakter hatte das Schloß Grenwitz gänzlich eingebüßt , und wenn Oswald des Abends , von einem Spaziergang mit seinen Zöglingen zurückkommend , auf einer Stelle des Walles stehen blieb , von der er den schattigen , grasbewachsenen Hof , den blumenreichen Garten und das Schloß überblicken konnte , um dessen graue Mauern das Zwielicht wogte und die schnellen Schwalben zwitschernd kreis ' ten , da glaubte er nicht die alte Stammburg fehdelustiger Barone , sondern das stille Klosterasyl beschaulicher Mönche vor sich zu sehen . Viertes Capitel Und ein stilles , klösterlich stilles Leben war es denn auch - das Leben auf dem Schlosse Grenwitz . Alle Unruhe , aller Lärm waren aus dem Bereich verbannt , den der alte Wall wie eine epheuberankte Kirchhofsmauer umgab . Hier ertönte kein Hundegebell , kein Pferdewiehern ; still glitten die Stunden dahin , wie die Schatten des Zeigers der Sonnenuhr über dem Portale ; still , wie die Blumen im Garten dufteten und blühten . Hier schien selbst der Wind leiser in den Wipfeln zu rauschen , die Vögel leiser in den Zweigen zu singen ; und was die Bewohner selbst betraf , so konnte die Wanduhr auf dem Vorsaal in ihrem Eichenschrank nicht freier von aller Neuerungssucht sein und ihr Tagewerk pünktlicher und systematischer vollbringen . Die Dienstboten thaten ihre Obliegenheiten mit der Regelmäßigkeit von Automaten . Ja in die Möbel selbst schien dieser strenge Geist der Ordnung gefahren , so daß Oswald sich des Gedankens nicht erwehren konnte , sie rückten sich in aller Stille von selber zurecht , falls einmal eines von seiner ihm angewiesenen Stelle abgekommen sein sollte . So wenig nun Oswald in seinem bisherigen Leben an eine so peinliche Ordnung gewöhnt war , und so sehr sich auch im Grunde seine Natur dagegen sträubte , so leicht wurde es ihm doch bei der Geschmeidigkeit seines Wesens und bei der versöhnlichen , milden Stimmung , in die ihn der tiefe Frieden rings umher versetzte , sich in dieselbe zu finden . Er that , was er die Leute um sich her thun sah , und erwiederte die förmlichen Verbeugungen , mit denen man sich hier begegnete , mit demselben Grade von Ernsthaftigkeit , den er auf einer Maskerade in einer Menuet zur Schau getragen haben würde . Er hatte es in den ersten Tagen mit den Lehrstunden nicht allzu genau genommen und sich desto eifriger mit seinen beiden Zöglingen draußen umher getummelt . Sie hatten den Buchwald , der sich von Schloß Grenwitz eine halbe Stunde bis hart an das Meer erstreckte , nach allen Richtungen durchstreift , hatten ein Hünengrab und eine Höhle entdeckt , und waren oft schon von den hohen Kreideufern zum Strand hinabgeklettert , hatten dort , auf einem mächtigen Rollsteine stehend , die Fluth heranbrausen sehen und gejubelt , wenn der Donner der Brandung ihre Stimmen übertönte . Auf diesen Streifzügen , die Oswald scherzend Vorstudien zum Homer nannte , hatte er vielfach Gelegenheit , die Naturen seiner beiden Zöglinge zu beobachten . Ein größerer Gegensatz war kaum denkbar . Bruno war groß für seine Jahre , dabei schlank und geschmeidig und schnell wie ein Hirsch . Malte , der junge Majoratsherr , sah neben seinem stolzen Gefährten zurückgeblieben und verkümmert aus . Seine Schultern waren schmal , seine Brust eingesunken , und seine eckigen und unschönen Bewegungen stachen seltsam gegen die hinreißende wilde Anmuth ab , mit der Bruno ging , lief und sprang . Malte scheute vor jeder Gefahr , ja vor jeder Anstrengung , im Gefühl seiner Körperschwäche und aus angeborener oder anerzogener Feigheit zurück ; für Bruno war kein Baum zu hoch , kein Felsen zu steil , kein Graben zu breit , ja es schien , als ob er geflissentlich die Gluth seiner Seele durch körperliche Ermüdung dämpfen wollte . Oswald flocht eine Krone aus Buchenlaub und drückte sie dem Knaben auf die bläulich-schwarzen Locken , um ihn einem jungen Bacchanten noch ähnlicher zu machen . Aber wie in seinem Heimathlande Schweden aus eisiger Winternacht urplötzlich der duftende , lächelnde Frühlingsmorgen hervorblüht , so wechselten Sonnenschein und Sturm in seinem Gemüthe - übermüthige Lust und an Schwermuth grenzende Niedergeschlagenheit , herzliches , fast kindisches Sichhingeben und düsterer , mehr als knabenhafter Trotz - schnell und unvermittelt , wie Lichter und Schatten auf den Hängen eines Gebirges an einem Tage , wo der Wind die Wolken pfeilschnell an der Sonne vorüberjagt . So fand Oswald den Knaben , eine Fremdling im Hause seiner Verwandten , von den Einen gehaßt , von den Andern gefürchtet , ein unergründliches Räthsel für Alle , selbst für den alten guten Baron , der dem Knaben , oft mehr aus angeborener Großmuth , als aus Ueberzeugung , stets das Wort redete . Aber für Oswald hatte ein Blick in das traumumflorte dunkle Auge des Knaben genügt , den verwandten Dämon zu erkennen , und den mystischen Bund , den sie in jenem Augenblick geschlossen , hatte jede Stunde ihres Zusammenlebens nur gefestigt . Bruno hatte ihm an dem ersten Tage den düstern Trotz entgegengebracht , den er gegen Alle zu zeigen gewohnt war . Er hatte ihn mit scheuem , durchdringendem Blick zwei , drei weitere Tage beobachtet , und dann war vor Oswald ' s liebevollem , freundlichem Wesen der Argwohn von ihm gewichen , wie die Nebel vor den Strahlen der Sonne ; sein dunkles Auge war größer und glänzender geworden , als ob das unverhoffte Glück , einen Menschen zu finden , der ihn liebte und den er wieder lieben dürfe , ihn blende und verwirre ; und dann war all die stürmische Zärtlichkeit seiner Seele , die er so lange und so sorgsam hatte verschließen müssen , hervorgebrochen , mächtig - unwiderstehlich , wie ein Bergstrom , der die Felsenschranken gesprengt hat und jauchzend in das Thal hinunterstürmt . Wissen Sie , sagte der Knabe da zu Oswald , daß ich schon im Voraus entschlossen war , Sie zu hassen ? Warum , Bruno ? Ist der Haß für Dich so süß ? Ach nein ! aber ich glaubte , es seien alle Erzieher wie unser erster , und da dachte ich , was dem Einen recht ist , ist dem Andern billig . Und wie war denn Herr Bauer ? Nun , er machte seinem Namen Ehre , sagte der Knabe spöttisch . Ei , ei , mein stolzer Junker , willst Du mir den Bauer verachten ? Gewiß nicht ! rief der Knabe eifrig , mein Vater war selbst ein Bauer , trotzdem , daß er ein Edelmann war ; ich habe ihn oft genug hinter dem Pfluge hergehen sehen - aber dieser Mann war roh und plump wie ein Bauer und feig dazu . Einmal , nach Tische - ich weiß nicht , was ich wieder verbrochen hatte - schlug er mich in ' s Gesicht , weil Tante zugegen war und er glaubte , er thue ihr einen Gefallen . Ja , er schlug mich - und das Auge des Knaben blitzte auf bei der Erinnerung an diese Schmach und die Zornesader auf seiner bleichen Stirn schwoll . Und da , Bruno ? Da nahm ich das Messer , das vor mir auf dem Tische lag und sprang auf ihn ein , und der Elende lief vor mir , um Hülfe schreiend , zur Thür hinaus . Und als ich das sah und die bleichen Gesichter um mich her , mußte ich lachen und ging unbelästigt aus dem Saale . Und ich wäre am liebsten gleich in die weite Welt gerannt , aber Onkel kam hinter mir her und versprach mir , der Mensch solle nun und nimmer wieder Hand an mich legen dürfen . Onkel ist gut ; Sie glauben nicht , wie gut er ist ; aber er fürchtet sich vor der Tante ; Alle fürchten sich vor ihr ; aber ich habe sie doch lieb , denn sie hat Muth wie ein Mann und ich hasse nur die Feigen . Malte ist ein Feigling . Malte ist schwach und kränklich , und Du mußt Nachsicht mit ihm haben ; aber , wenn Du die Tante wirklich lieb hast , warum bist Du so unfreundlich gegen sie ? Bin ich unfreundlich ? Der Knabe schwieg . Eine Wolke zog über seine Stirn , seine Nasenflügel zuckten und sein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitterwolke , als er jetzt , hastig aufblickend , sagte : Ich bin unfreundlich , ich weiß es . Aber wie soll ich anders sein ? Ich esse hier im Hause Gnadenbrod , soll ich noch dafür danken ? Ich kann es nicht , ich will es nicht , und wenn sie mich aus dem Hause jagten . Sehen Sie , Oswald , ich habe oft gewünscht , man jagte mich fort , ja , ich habe es darauf angelegt , daß sie es doch ja thäten ; dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein tägliches Brod , wie tausend und tausend andere Knaben , die nicht so stark und so muthig sind , wie ich . Heute noch , als wir am Strande gingen und der Dreimaster am Horizonte auftauchte und wieder verschwand , da wünschte ich so heiß , so heiß , ich hätte mitsegeln können , als Schiffsjunge , als Matrose - nur fort , fort von hier , gleichviel wohin . Wenn so der Knabe die geheimsten Wünsche seines Herzens rückhaltslos seinem Freunde und Lehrer offenbarte , da geschah es denn wohl , daß diesen ein Zweifel beschlich , ob er , der selbst den Weg , den er zu gehen hatte , so wenig deutlich sah , der rechte Mann sei , den wilden , leidenschaftlichen Knaben zu leiten . Aber je weniger er sich im Stande fühlte , ausschweifende Wünsche , chimärische Hoffnungen zu bekämpfen , die er selbst im Stillen theilte , desto mehr verschwand die Kluft zwischen Lehrer und Schüler , desto brüderlicher wurde nur ihr Verhältniß . Noch hatte kein menschliches Wesen einen so tiefen Eindruck auf Oswald gemacht , wie dieser wundersame Knabe . Er liebte ihn wie ein Künstler das Werk , an dem er schafft , wie ein Vater den Sohn , in welchem er zu verwirklichen hofft , was ihm selbst zu erreichen versagt war , wie eine Mutter das Kind , für das sie wachen , sorgen und schaffen muß . Allnächtlich , wenn er sich müde gelesen und gearbeitet , ging er , ehe er selbst sein Lager suchte , in das Gemach der Knaben - er hätte nicht schlafen können , ohne seinen Liebling noch einmal gesehen zu haben . Jenes Schamgefühl , das edleren Naturen verbietet , die ganze Fülle ihrer Zärtlichkeit zu zeigen , machte ihn den Tag über karg mit Liebkosungen ; aber jetzt nahm er des Schlafenden Hände und streichelte sie und küßte den Knaben zärtlich auf die Stirn . Dich nennen sie lieblos , Dich , meinen Liebling , dessen Herz nur nach Liebe und abermals nach Liebe hungert . Und wenn sie Alle Dich verkennen und hassen , ich verstehe Dich und will Dich lieben . Fünftes Capitel Die Wirthschaftsgebäude und Häuslerwohnungen , die zu dem Gute Grenwitz gehörten , lagen außerhalb des Walles , den man , um die Verbindung mit dem Schlosse und dem Hofe zu erleichtern , nach dieser Seite durchbrochen hatte . Ein hölzernes Gitterthor , das nicht einmal verschlossen , und eine Brücke , die nicht aufgezogen werden konnte , sprachen für den friedlichen Sinn der Nachkommen jener kriegerischen Barone , welche das massive Thor auf der andern Seite mit seiner in schweren Eisenketten hängenden Zugbrücke erbaut hatten . Der Verkehr zwischen dem Schlosse und dem Hofe beschränkte sich so ziemlich auf den Austausch oft höchst energischer diplomatischer Noten zwischen der Wirthschafterin und dem Verwalter , die über das Quantum und die Qualität der Naturalien , welche dieser oder jener zu liefern hatte , stets wesentlich verschiedener Meinung waren . Das Gut war , wie die übrigen Besitzungen der Familie , verpachtet ; der Pächter , ein Herr Bader , wohnte auf einem der Nebengüter , das er ebenfalls in Pacht hatte , und kam selten nach Grenwitz , dessen Bewirthschaftung er seinem Inspector überließ . Oswald , für den die Landwirthschaft eben so neu war , wie das Leben auf dem Lande , lenkte seine Schritte bald häufig nach dem Hofe , um sich von dem Inspector durch die Ställe und Scheunen führen und sich von demselben etwas in die Mysterien des Ackerbaues und der Viehzucht einweihen zu lassen . Der Inspector , Namens Wrampe , war ein riesiger Mann , der stets in gewaltigen Stulpenstiefeln einherging und dem Aberglauben zu huldigen schien , er werde seine ungeheure Körperkraft verlieren , wenn er seinen struppigen schwarzen Bart schöre , oder dem Regenwasser das ausschließliche Privilegium , sein sonnverbranntes Gesicht zu waschen , entzöge . Das breite Platt jener Gegend war seine Mutter- und Vatersprache , das Hochdeutsche haßte er und hielt Alle , die es sprachen , in seinem Herzen für Schelme ; seine Stimme glich , aus der Ferne gehört , wesentlich dem Gebrüll eines etwas heiseren Löwen . Seine Feinde sagten ihm nach , daß er die üble Gewohnheit habe , sich von Zeit zu Zeit zu betrinken ; da er dies aber jeden Monat höchstens einmal und dann immer gleich auf mehrere Tage that , um die übrige Zeit desto energischer zu sein , so drückten seine Freunde und zumal sein Brodherr über diese kleine Schwäche freundlich die Augen zu . Oswald unterhielt sich gern mit dem Manne , der in seiner täppischen Gutmüthigkeit , seinem derben , oftmals freilich auch rohen Wesen , seiner mit Sprüchwörtern reichlich untermischten Rede ein nicht schlechter Repräsentant der Landleute jener Gegend war . So hatte er denn auch eines Nachmittags mit den Knaben einen Spaziergang nach dem Hofe gemacht . Sie fanden ihn