nun alles geordnet und bereitet - und er selbst so glücklich war , den » verborgenen Gott « , wie der Prophet Isaias ihn nennt , » dessen Lust es ist , bei den Menschenkindern zu sein « - wieder zu dem verlassenen Altar zurückzuführen und wieder unter dem Dache der Väter zu haben . Er zweifelte nicht , daß diese göttlich wahrhafte , mystische Gegenwart ein Teich Bethesda , ein Born des Heils und der Genesung für seine arme Mutter sein werde . Sein Leben wurde nun ein fortgesetztes Gebet , damit sie den Gnadenquell erkennen möge , der in ihrer nächsten Nähe geöffnet sei ; damit sie wenigstens in ihren letzten Stunden den Gott nicht verschmähe , der mit seinem Blut sie retten wollte ; der zärtlich wartend » vor der Türe stand und anklopfte « - und wieder und immer wieder anklopfte ; und dem das arme Herz sich nicht öffnen wollte . Es gab Zeiten , wo er Unsägliches litt . Seine in die ewige , göttliche Schönheit verliebte Seele erschauerte vor der Kälte eines Gemütes , das gar kein Verlangen trug nach Ewigschönem . Dann seufzte er : » O Herr und Heiland ! es ist meine Schuld ! wenn ich in Deine Liebe einzugehen verstünde , wenn ich in Dir lebte und webte , und mich Dir gleichförmig zu machen wüßte , so weit meine Armseligkeit es vermag : so würdest Du das Werk Deiner Gnade in mir - an meiner armen Mutter vollenden und sie könnte Dir nicht widerstehen . Aber ich Sünder stehe zwischen Dir und ihr , wie eine Mauer , welche der Blume den Sonnenstrahl raubt . « Er hatte anfangs versucht , zuweilen ein Wort von himmlischen Dingen fallen zu lassen ; es war aber für sie , als ob er arabisch rede . Er schwieg ; doch je weniger er von Gott zu ihr sprach , desto mehr sprach er von ihr zu Gott . Er durchwachte und durchweinte halbe Nächte vor dem Altar , namentlich dann , wenn die Heftigkeit ihrer Leiden jeden Augenblick ihren Tod herbeiführen konnte ; - und in der österlichen Zeit , wenn er umsonst vor ihr auf den Knien gelegen und sie beschworen hatte , ihrer Christenpflicht nachzukommen . Die Zeit war wirklich eine Oelbergsnacht für ihn . Dann überwog ein Blick auf das heiligste Leiden jedes Bedenken ; dann flehte er die Mutter an , doch nicht denjenigen zu vergessen , der in bitterer Todesnot ihrer nicht vergessen habe ; doch eingedenk zu sein , daß sie ja gleichsam mit den armen Schächern durch ihre Leiden am Kreuze hinge und sich das Paradies erschließen könne durch einen Akt demütiger Liebe . Dann empfing er immer dieselbe Antwort , die kühle Versicherung , daß sie großes Vertrauen zur Barmherzigkeit Gottes - aber gar keines zu kirchlichen Ceremonien habe . Ja , sie ließ sogar nicht undeutlich merken , der liebe Gott sei eigentlich ihr Schuldner wegen der großen und langen Marter , die sie ertragen müsse ; und Fräulein Leonore ermangelte nicht , in demselben Sinne zu Levin zu sprechen und ihn mit Vorwürfen zu überhäufen , daß er durch seinen unkindlichen Fanatismus die Ruhe der kranken Mutter störe . » Gnädige Cousine , « sagte Levin einmal bei dieser Gelegenheit , » käme ein Arbeiter zu Ihnen und spräche : Gib mir meinen Lohn , denn ich habe den ganzen Tag schwer gearbeitet ; so würden Sie ohne Zweifel , ehe sie ihn bezahlten , fragen : Hast du denn in meinem Auftrag und für mich gearbeitet ? - Und wenn er antworten würde : Nein , ich habe für andere oder auch nur so auf gut Glück gearbeitet ; so würden Sie sagen : Mein Freund , dann kann ich dich auch nicht bezahlen . Nicht wahr ? « » Das versteht sich , « sagte Leonore ; » aber was geht das Ihre arme Mutter an ? « » Nur insofern , gnädige Cousine , als der Dienst der Welt keinen Anspruch machen darf an himmlische , selige Vergeltung . « » Aber doch gewiß an die Barmherzigkeit Gottes , dessen Liebe Sie ja so feurig preisen , « wandte sie ein . » Ja , unter einer Bedingung . « » Nein , unter keiner ! Das lehrt uns ja ganz deutlich der arme Schächer , von dem Sie vorhin redeten . Christus verspricht ihm das Paradies . « » Denn er bekennt seine Sünde , bekennt die Gerechtigkeit der Strafe , die er leidet , bekennt seinen Erlöser , « ergänzte Levin ihre Bemerkung . » Wie Sie das alles deuten ! « rief Leonore . » Sie deuten es ja auch , gnädige Cousine . « » Aber mit Liebe ! und Sie - mit Härte und Strenge . « » Wenn das Härte und Strenge ist , so haben Sie , gnädige Cousine , mehr Liebe als der göttliche Erlöser selbst , der nur dem einen Schächer das Paradies versprach . « » Sie sind freilich ein Schriftgelehrter , « sagte Leonore mit einem Tone , der deutlich verriet , daß sie im Herzen den Zusatz mache : » und Pharisäer . « Levin schwieg . Die Welt versteht die Liebe in ihrem Sinn , nämlich als Schmeichelei . Sie löst die Wahrheit von der Liebe ab , weil die Wahrheit nicht schmeicheln kann und erklärt ohne Umstände Denjenigen für lieblos , der Wahrheit und Liebe vereint in Gott sieht . Eine Seele retten ist mehr als Wunder tun : das war Levins Wahlspruch . Wo er nur konnte , diente er den Seelen . Er hatte sich die Erlaubnis erbeten , in der Seelsorge aushelfen zu dürfen . Das war seine Wonne ! Niemand war eifriger , das Bußsakrament zu spenden ; Niemand bereitwilliger , der Jugend Christenlehre zu halten . Zu diesen Werken geistlicher Barmherzigkeit fügte er auch die leiblichen . Er ging stundenweit umher und suchte Kranke , Arme , Verlassene , Witwen und Waisen , Kinder und Greise auf , um ihnen in ihren vielfachen Nöten beizustehen , um zu helfen , zu trösten , zu retten , um zu sorgen für die Sorglosigkeit des Elendes , um die irdisch Verlassenen in den Himmel zu ziehen . Kein Wintertag , keine Regennacht , kein Herbststurm hielt ihn zurück von den Wegen , auf denen er als ein liebender Nachfolger seines göttlichen Meisters wandelte , unsäglich dankbar , daß ihm diese hohe süße Gunst zu Teil werde . Im Kreise seiner Familie fand man ihn sehr überspannt . Sein Vater fühlte sich geradezu dadurch beleidigt , als ob es die Würde der Grafen von Windeck verletze . Sein Bruder , ein höchst gemütlicher aber beschränkter Mann , staunte diese Liebhaberei für die armen Leute - wie er sich ausdrückte - als eine Kuriosität an . Seine Mutter krittelte und mäkelte krankhaft an all ' seinem Tun und Lassen . Die Hausbedienten und Untergebenen , eines solchen Mitgliedes der gräflichen Familie gänzlich ungewohnt , wußten nicht genau , ob er nicht etwa für ein wenig närrisch zu halten sei . In dem Kreise seiner Pfleg- und Schützlinge fand er zahllose Undankbare , Zudringliche , Boshafte , Verkommene , die ihm Verlegenheit , Kummer und Sorge , zuweilen tiefe Betrübnis verursachten . Wohin er sich wendete , fand er nichts als Kränkungen und Widerspruch ; wohin er die Hand legte und den Fuß setzte , griff er in Dornen , trat er auf Dornen . Das war ihm gerade recht . Er dachte an die Nichtachtung , die der Heiland in Nazareth fand ; an die zehn Aussätzigen , die der Heiland gesund machte und von denen nur Einer ihm dankte , und mit demütiger Freude sprach er zu sich selbst : Der Knecht ist nicht über den Herrn ! und wer bin ich , o geliebter Herr , daß ich dein Knecht sein darf ? - Wollte einmal Unlust , Ermüdung , Bitterkeit frostig sein Herz anhauchen : so gedachte er der Verschmähung , welche der aus Liebe gekreuzigte Gott tagtäglich erfährt - und wie der nächtliche Reif vor dem Strahl der aufgehenden Sonne von der Frühlingslandschaft verschwindet : wich jede Kälte aus seinem Herzen und tausend Blüten der Hingebung , der Opferfreude , der Geduld , der Barmherzigkeit drängten sich fröhlich und frisch empor . So brachte er sieben Jahre hin , die schönsten der Jugend , entsagend und gottliebend wie der Mönch in der Zelle und der Ascet in der Wüste . Es nahete wieder die heiligschöne österliche Zeit , die so bedeutungsvoll in die letzten Winterstürme und den Vorfrühling fällt , gleichsam als Vorbote des übernatürlichen Frühlings , der mit dem Auferstehungsfest beginnt . Die Gräfin war so krank , daß die Ärzte ihr höchstens noch einige Wochen - vielleicht nur Tage , Lebensfrist gaben . Mehr Weh , als sie körperlich litt , fühlte Levin in der Seele . Die zwiefache Liebe des Sohnes und des Priesters wurde unter den obwaltenden Umständen zu einem zweischneidigen Schwert , das ihm das Herz durchbohrte . O Herr ! seufzte er auf den Knien vor einem Kruzifix , sieben Jahre diente im alten Bunde Jakob um Rahel , und als die Zeit um war , hatte er nur Lea gewonnen und er mußte abermals sieben Jahre dienen : also vierzehn Jahre um ein armseliges Staubesgebilde , an dem nichts schön war , als deine Gnade . Aber er diente mit Freuden , weil seine Liebe zu Rahel so groß war . Ach , wie ist diese Liebe zu einem sterblichen Weibe so beschämend für mich ! kann ich denn nicht vierzehn Jahre Dir dienen aus Liebe zu einer Seele ? sind mir schon diese sieben Jahre zu viel ? Aber Du weißt es , geliebter Herr : nicht sieben Jahre und nicht siebzig Jahre - sondern mein Leben lang ist es eine wonnevolle Gnade , Dir dienen zu dürfen als ein armer Bettler , der ich bin . Vergiß nun aber auch nicht , um welche Seele ich bettele ! - So goß er oft kindlich sein Herz vor Gott aus und bat um Erleuchtung , wie er es anzufangen habe , um mit seiner heißesten Bitte diesmal nicht von der Mutter abgewiesen zu werden . Am Mittwoch in der Charwoche beginnt die Kirche gegen Abend feierlich klagend die Tenebrä zu beten und die Lamentationen zu singen , die der Prophet Jeremias um Jerusalems Fall weint - Vorbild der Klagen des Erlösers um gefallene Seelen . Als Levin am Morgen zu seiner Mutter kam , lag sie geisterhaft bleich und zum Skelett abgezehrt auf ihrem Bett und die Schatten des Todes schlichen schon über ihre Züge . In ihrem eingesunkenen Auge glänzte aber ein ganz fremdes , mildes Licht auf , als sie ihn ansah und sagte : » Mein Sohn , lies mir die Passion nach Johannes vor und laß den Pater Guardian von Engelberg bitten , sich zu mir armen Sünderin zu bemühen . « Stumm vor Uebermaß der Freude sank Levin neben dem Bett auf seine Knie . Die Gräfin fuhr fort : » Vor vielen , vielen Jahren , ehe ich so unglücklich war , mich vom Glauben abzuwenden , hörte ich sie , am Charfreitag mein ' ich , im Dom zu Würzburg lesen . Es war das letzte der Art , was ich gehört habe - und ich will sie noch einmal hören , ehe ich sterbe . « Auf seinen Knien , das Buch auf den Rand des Bettes gelegt , las Levin , in Wehmut zerschmelzend , ihr die Passion nach Johannes vor . Dann kam der Pater Guardian und blieb bei ihr lange , lange Zeit , so daß Fräulein Leonore und die Kammerfrauen fürchteten , sie könne wohl schon abgeschieden sein und der Pater in seinem Gebetseifer es nicht bemerken . Als der Pater endlich das Krankenzimmer verließ , fand man die Gräfin aufgelöst in Tränen . Die ganze Dienerschaft , alle Hausgenossen mußten sich auf ihren Wunsch um ihr Sterbelager versammeln . Sie bat alle zusammen und jeden einzeln um Vergebung wegen des bösen Beispiels und des Ärgernisses , das sie durch Verachtung der Kirche und des Glaubens gegeben habe , und forderte Alle auf , nicht bis zur Todesstunde mit der Bekehrung und der Buße zu warten . Zu Levin sagte sie dann : » Um Dir den Gram abzubitten , den ich Dir gemacht habe , mein Sohn - dazu fehlen mir die Worte .... und die Zeit . Bete für mich , bete für unser ganzes Haus ! ein gottentfremdetes Leben ist ein elendes Leben .... und ach ! meistens werden wir das erst dann gewahr , wenn es uns entschwindet . Gott Dank , daß Du es früh begriffen hast ! Also bete , Kind ! Du bist so gut , daß der liebe Gott Dir gewiß nichts abschlägt . Er hat ja auch Dein Gebet für mich erhört ! .... Gelange ich einst zu seiner seligen Anschauung , so dank ' ich es Dir . « Mit großer Sammlung empfing die Gräfin die Sakramente der Sterbenden . Ein Altar war in ihrem Zimmer hergerichtet ; im Vorzimmer lagen die Hausbedienten auf den Knien ; katholische Erinnerungen wurden in ihnen wach ; sie hatten doch noch die Ahnung davon , was es sei , wenn sich der König der Ewigkeit herabläßt , auf den ersten Wink eines armseligen Geschöpfes , das ihn so lange verschmäht hat , beseligend einzugehen . Als die ersten Glockenschläge in Kloster Engelberg den Beginn der Passionszeit mit den Tenebrän anzeigte , trat die Gräfin in die Agonie . Unsägliche Qualen wechselten mit Bewußtlosigkeit ab . Konnte sie aber einmal bei Besinnung aufatmen , so küßte sie zärtlich ein Kruzifix , das Levin an ihre Lippen legte , sah ihn an und breitete ihre Arme in Kreuzform aus . Er verstand sie : am Kreuz wollte sie sterben ; am Kreuz sollte er leben . Er schrak nicht vor diesem Wunsch , vor dieser Erbschaft zurück . Er verließ seine Mutter keinen Augenblick , und in Tränen und Gebeten aufgelöst pries er die Barmherzigkeit Gottes , die ihr solche Gesinnungen schenkte . Am Charfreitag in der Frühe kam sein Vater , der ohnehin höchst gleichgiltig für die Gräfin - und zu lange daran gewöhnt war , sie sterbend zu wissen , um nicht ganz vorbereitet zu sein auf ihren Tod . Aber - auf diesen Tod war er freilich nicht vorbereitet ! Diese entsetzliche Agonie , auf deren Qual das Licht des Glaubens so tröstlich fiel , hatte er nicht erwartet . Der Eindruck war so erschütternd für Jemand , der lebenslang jeden Ernst gemieden hatte und der nun plötzlich an den furchtbaren Ernst eines jeden Lebens gemahnt wurde , welches unwiderruflich so endet , daß der alte Mann am Sterbebett zusammenbrach . Die Gräfin tat ihren letzten Atemzug am Charfreitag zur Stunde der Vesper . Der Graf wohnte ihren Exequien bei ; dann erkrankte er und genas nicht wieder - dem Körper nach . Seine Seele aber fand Genesung durch das Brot des ewigen Lebens , welches der Glaube ihm verhieß und die Kirche ihm vermittelte . Nach wenigen Wochen stand auch sein Sarg in der Familiengruft zu Kloster Engelberg und der Friede des Grabes vereinigte dies Ehepaar , das durch den Unfrieden des Lebens so traurig getrennt gewesen war . Die Welt , in ihrer oberflächlichen Anschauungsweise , machte einige sentimentale Phrasen : wie rührend es sei , daß so oft alte Eheleute sich schnell im Tode nachfolgten - und wie so sehr rührend , daß sich dies auch bei zwei Menschen ereigne , von deren guter Eintracht man so wenig gewußt habe - und dann wurde dies höchst rührende Ereignis vergessen . Levin ' s Bruder , Graf Matthias , der Erb- und Stammherr , kam nun nach Schloß Windeck . Er war ein Mensch , dessen große natürliche Gutmütigkeit für seinen Mangel an geistigen Fähigkeiten hätte entschädigen können , wenn sie durch eine feste religiöse Grundlage zur Tugend gemacht worden wäre . Daran hatten aber seine Eltern nie gedacht ; und so sank diese schöne Gabe Gottes zu Schwäche , Leichtsinn , verkehrter Nachgiebigkeit - zu einem Spielball eigener und fremder Laune herab . Er fühlte das und war nicht glücklich ; am wenigsten in seiner Ehe mit Juliane , einer reichen und stolzen Erbtochter , die ihm an Verstand weit überlegen war und es bei jeder Gelegenheit zur Schau trug . Niemand war weiter davon entfernt , als sie , sich zum Opfer zu bringen ; und niemand suchte mehr als sie die Rolle eines Opfers der Konvenienz zu spielen , indem sie behauptete , nur zwei Häuser , aber nicht zwei Herzen hätten diese Ehe geschlossen . Mit einer Frau , die ihn nicht durch ihr Übergewicht erdrückt hätte , würde Mathias sich vielleicht gehoben haben . Julianens verkehrte Art bewirkte das Gegenteil : er ließ sich gehen in Leichtsinn und an Nichtigkeit , an armselige Beschäftigungen und freudenlosen Lebensgenuß . Die Richtung auf das Himmlische , die sich so früh und entschieden in Levin aussprach , lag in ihm , dem verwöhnten Liebling der Eltern , der den Sonnenschein irdischen Glückes genoß - abgestorben da . Diese Richtung blüht meistens nur in solchen Seelen auf , die , wie im Winter Hyazinthen - hinter gefrorenen Fensterscheiben des Lebens stehen . Matthias hatte seinen Bruder von Herzen gern , nur aber verstand er dessen in Gott ruhendes Gemüt gar nicht . Doch sagte er ihm : » Levin , Du bist unser Beter ! Du bleibst doch immer hier bei uns auf Windeck - nicht wahr ? Du tust uns gar zu sehr not : den Eltern da drüben , und mir und den Buben hier . « » Und Juliane ? « fragte Levin bedenklich . » Juliane ! « sagte Graf Matthias verlegen . » Ja so ! .... Juliane ! .... ich vergaß sie ! Levin , ich bitte Dich - sprich selbst mit ihr . « Das tat Levin sehr gern . Er fragte seine stolze Schwägerin ganz einfach und freundlich , ob sie damit einverstanden sei , daß er als Hauskaplan auf Windeck bleibe . Er legte Nachdruck auf den Hauskaplan ; denn das war eben die Stellung , die er im Hause seiner Väter zu haben wünschte . Juliane kannte ihn kaum , hatte nie die mindeste Teilnahme für den bescheidenen , schweigsamen Schwager verspürt , der gegen jedermann so gleichmäßig freundlich war . Sie antwortete äußerst gleichgiltig : » Ach ja , recht gern ! Warum sollte ich nicht ! « Levin aber ging in seine geliebte Kapelle und dankte Gott aus der Fülle seines Herzens . Wenn er nicht auf Windeck geblieben wäre , so hätte vermutlich die Feier der heiligsten Geheimnisse dort aufgehört ; denn in Matthias lag das religiöse Bedürfnis brach und Juliane war protestantisch . Er hatte den Gnadentau vergessen , den das heilige Meßopfer im Blute Jesu ausströmt - und sie hatte nie etwas davon gehört . Levin hoffte , daß dieser Urquell des Heiles den beiden Kindern seines Bruders zu gute kommen werde . Es war die Zeit der französischen Kriege , als Deutschland sich entschloß , die fremde Zwingherrschaft abzuschütteln . Der Schlachtruf fiel belebend in die untätige , marklose Existenz des Grafen Matthias . Als die Männer und Jünglinge sich zum Kampfe scharten , sagte er : » Ich gehe auch mit ! « - und sagte es mit einer solchen Entschiedenheit , daß Juliane , die schon den Mund zum Widerspruch geöfnet hatte , zum erstenmale ihrem Manne gegenüber verstummte . Matthias ordnete seine Geschäfte und Angelegenheiten , bestimmte im Fall seines Todes Levin zum Mitvormund seiner beiden Söhne , nahm Abschied von den Seinen und rüstete sich zur Abreise . Da sagte Levin : » Jetzt bitte ich Dich , lieber Matthias , mache noch einen Abschiedsbesuch mit mir . « » Sehr gern , « sagte Matthias ; » aber bei wem denn ? Ich glaube , bei sämtlicher Verwandtschaft und Freundschaft gewesen zu sein . « Schweigend deutete Levin nach Kloster Engelberg hinüber . » Ja ! « rief Matthias , » komm ' zur Gruft . « Während sie über den Main fuhren , sagte Levin innig : » Matthias ! alles Zeitliche hast Du wohl besorgt für einen möglichen Fall . Wie steht es aber mit dem Ewigen ? « » Mit dem Ewigen ? « wiederholte Matthias langsam . » Schlecht , Levin ! ich fürchte , sehr schlecht . « » Wer das fürchtet , mit dem steht es keinesweges schlecht , « entgegnete Levin liebevoll . Matthias wurde ernst und nachdenkend und sagte nach einiger Zeit : » Ich wäre ein großer Tor , wenn ich das irdische Haus , das ich vielleicht auf immer verlasse , bestellt , und nicht daran gedacht hätte , mir die Anwartschaft auf das himmlische zu eröffnen ! Pater Seraphin soll mir helfen , die Rechnung in Ordnung zu dringen , die ich dem lieben Gott abzulegen habe . Ich danke Dir , Levin , daß Du mich daran erinnert hast . Ich behaupte ja immer , Du seiest unser Beter ! Vater und Mutter hast Du in ein seliges Sterbestündlein hinein gebetet ; ich hoffe , Du tust es auch für mich . « Levin drückte ihm schweigend die Hand und blieb vor dem Gnadenbilde der Mutter Gottes in dem Kirchlein von Kloster Engelberg , betend für die Abgeschiedenen und für die Lebenden , während Matthias mit Pater Seraphin seine Rechnung machte - wie er es nannte . Als sich die Brüder später zur Heimkehr zusammenfanden , hatte Matthias rotgeweinte Augen und er sagte zu Levin : » Versprich mir Eines ! versprich mir dafür zu sorgen , daß die Buben eine katholische Erziehung und katholische Frauen bekommen - für den Fall meines Todes . Als Vormund ist das ja ohnehin Deine Pflicht . « » Ich fürchte , Juliane wird sie mir schwer , vielleicht unausführbar machen . Was in meinen Kräften liegt , werd ' ich tun . Das brauche ich Dir nicht zu versprechen . « » Hätte ich doch Juliane ganz von der Vormundschaft ausgeschlossen ! aber .... das war nicht wohl möglich ; sie ist und bleibt die Mutter ! .... die reiche Mutter . « Levin schwieg . Er kannte diese kleinen nachdruckslosen Emancipationsgelüste vom Weiberregiment bei Matthias . Als sie ins Schloß zurückkamen , empfing Juliane sie mißmutig und sagte : » Wie kann man sich denn aber so lange in der feuchten Gruft aufhalten ! Du wirst gewiß den Schnupfen bekommen , Matthias . Du hast ihn schon ! .... ich sehe es Deinen Augen an . « » Wer sich vor den Kugeln nicht fürchtet , darf sich auch nicht vor dem Schnupfen fürchten , « entgegnete Matthias mit großem Gleichmut . Er hatte geweint - die Tränen geweint , die aus den Tiefen des Gemütes aufquellen ; und Juliane sprach von seinem Schnupfen ; ein solches Verständnis herrschte in dieser Ehe ! Graf Matthias zog aus - und kam nicht wieder . Er blieb in der Schlacht von Waterloo . Juliane weinte anstandshalber ein paar Tränen und sorgte mit großer Aufmerksamkeit dafür , daß die verschiedenen Grade der Trauer in ihrer eigenen Kleidung und der ihrer Söhne und ihrer Dienerschaft während des Trauerjahres pünktlich beobachtet wurden . Sie brachte dies ganze Jahr auf Windeck zu , weil es sich so schickte . Sie beschäftigte sich mit Lektüre und Handarbeit ; hauptsächlich aber mit der Verwaltung des Vermögens . Das verstand sie aus dem Grunde ; hatte auch nie ihrem verstorbenen Mann gestattet , sich darein zu mischen . Beide hatten die Übereinkunft getroffen , daß Damian , der älteste Sohn , das ganze Windeck ' sche Vermögen , und Gratian , der nachgeborene , das mütterliche erhalte , welches sie als eine Stamberg ' sche Erbtochter besaß . Diesen großen Reichtum zu ordnen , zu mehren , den größtmöglichsten Vorteil zu berechnen und zu benutzen , umsichtig wie ein Geschäftsmann und sorglich wie eine Haushälterin dabei zu Werke zu gehen , dies war Julianens liebste Unterhaltung und größte Freude . Sie war nicht geizig , sie hielt ihre Untergebenen gut , bezahlte Beamte und Dienerschaft hinreichend , hatte eine Liste von Almosenempfängern : sie war nur eben ein so trockenes und kaltes Gemüt , daß diejenigen Interessen , welche sich in Ziffern ausdrückten , ihr am meisten zusagten . Jeder idealen Richtung , die etwas anderes begehrt , als die Interessen des Lebens auf ein Rechenexempel zu beschränken , war sie abhold . Sinn für das Übernatürliche , Neigung zu himmlischen Dingen , höhere Auffassung der irdischen Verhältnisse nannte sie Schwärmerei , und sorgsam suchte sie ihre Söhne , die bei des Grafen Matthias Tod zwölf und dreizehn Jahre alt waren , in dieser frostigen Atmosphäre zu erhalten . Bei Damian wurde ihr das sehr leicht ; bei Gratian schwerer , denn des Vaters Güte und ursprüngliche Gemütlichkeit war auf ihn übergegangen . Levin war und blieb für Juliane ein harmloser Schwärmer , der aber doch so nahe an Narrheit streifte , daß sie ihre Söhne auf ' s Kräftigste gegen seinen Einfluß zu schützen suchte und zwar durch ein Mittel , welches bei Kindern und bei Alltagsmenschen selten die beabsichtigte Wirkung verfehlt : durch Geringschätzung Levin ' s. Es gehört Gemütstiefe , oder ein sehr gutes Herz , oder geistiger Scharfblick , oder eine sehr große Liebe dazu , um sich nicht der Geringschätzung anzuschließen , die eine Person , welche als Autorität gilt , oder die mehrere Personen , bei denen die Anzahl die Autorität ersetzt , anhaltend gegen jemand an den Tag legen . Es war eine ganz besondere Fügung , daß Levin wiederum in häuslichen Verkehr mit einer Frau kommen mußte , die Nichtachtung für ihn empfand . Bei seiner armen Mutter entsprang diese Nichtachtung aus einer Art von Rache , welche das befleckte Gewissen an der Tugend zu nehmen suchte ; bei seiner Schwägerin aus Stumpfsinn gegen das , was Tugend überhaupt ist : Selbstverleugnung aus Liebe zu Gott . Für Jene war Levin ein heimlicher Vorwurf ; für Diese - eine Null . Jene fühlte unwillkürlich , daß sein Leben ganz absichtslos ihr Leben verurteile ; Diese hielt sich für dermaßen vollkommen , daß eine Levinsseele neben solcher Vollkommenheit spurlos verschwand . Aber diese Seele ertrug mit derselben milden und gleichmäßigen Liebe jetzt die Schwägerin wie früher die Mutter . Seine ganze Sorgfalt richtete sich darauf , daß ihm die Kinder nicht entfremdet würden . Dabei leitete ihn keine egoistische Absicht , nur das Verlangen , dem letzten Wunsche seines Bruders nachzukommen und die jungen Seelen im Glauben zu schirmen . Juliane war ganz gleichgiltig gegen alle Konfessionen ; da die Windecker nun einmal katholisch waren , so mußten auch ihre Söhne katholisch sein . Lieber wäre es ihr gewesen , wenn sie protestantisch hätten sein können ; keineswegs aus einem religiösen Beweggrund , nur weil sie selbst protestantisch und unaussprechlich zufrieden mit ihrer eigenen Entwickelung und Richtung war . Sie überließ es Levin , für Hofmeister und Lehrer zu sorgen , denn sie erwartete von seiner Gewissenhaftigkeit zweckmäßige und gediegene Wahlen , und sie wünschte , daß ihre Söhne eine vortreffliche Erziehung bekämen . Nur verschmähte sie eine religiöse Grundlage derselben und alle Äußerungen und Einflüsse , die aus der Fülle des Glaubens in das Leben und in andere Gemüter übergehen . Eine Mutter wirkt erwärmender oder erkältender auf das Gemüt ihrer Kinder , als alle übrigen Menschen zusammen genommen . Juliane hielt ihre Söhne in dem Kreise der Selbstsucht und der Eigenliebe fest , worin sie sich selbst bewegte , und machte dann häufig bittere Vorwürfe an Levin , daß der Hofmeister sie zu nichts anderem , als zu kleinen Egoisten erziehe . » Ich mühe mich ab in Geschäften , Sorgen und Arbeiten ; ich gebe ihnen das Beispiel eines opferwilligen Lebens ; ich kenne kaum eine andere Freude , als die Erfüllung meiner Pflichten ; ich strebe dahin , meinen Söhnen die beste Erziehung , alle Bildungsmittel , jeden Unterricht zukommen zu lassen , und sehe doch gar wenig guten Erfolg , « klagte sie mißmutig ihren Freunden . Es war aber niemand unter ihnen , der ihr geantwortet hätte : Ja , das alles tust du ; aber hast du dabei die Ehre Gottes und das ewige Heil deiner Söhne vor Augen ? Erflehest du dir von Gott das Licht der Gnade , um deine Söhne zu tüchtigen Männern zu erziehen ? Schöpfest du deine Opferwilligkeit aus dem Quell jedes wahren Opfers : aus der Liebe zur göttlichen Liebe ? Entnimmst du das Beispiel , das du deinen Söhnen gibst , der Nachfolge deines Heilandes ? - Beantwortest du all ' diese Fragen , getreu der Wahrheit , mit Nein ! so höre auf , dich zu beklagen und zu staunen : du streuest irdische Saat aus und sie trägt die irdische Ernte ein . Wie oft hatte Levin versucht , ihr ganz leise solche Andeutungen zu machen ! wie oft ihr vorgestellt , daß ein warmes , aufrichtiges , religiöses Leben der Boden sei , auf welchem Früchte der Gnade gediehen ! Juliane faßte das mit der höchsten Oberflächlichkeit auf und pflegte zu antworten : » Ja , ich weiß schon , welch Gewicht Sie auf das Gebet legen , auf den Gottesdienst , auf die gemeinschaftliche Andacht ; ich sehe aber nicht , daß meine Söhne dadurch besser werden ! Ich meinesteils begnüge mich ganz einfach , Gott so zu verehren , wie er es haben will : nämlich im Geist und in der Wahrheit . « Die Ablösung vom kindlichen gläubigen Geist des Christentums , die Vereinzelung in nüchterner Verstandesöde nannte Juliane eine Anbetung im Geist und in der Wahrheit , ohne zu beachten , daß bei diesem gänzlichen Mangel an Geist