musterte den Anklopfenden mit einem prüfenden Blick , reichte ihm die Hand , nickte befriedigt zu der Art seines Händedruckes , und indem er sein Ohr dem Munde des Fremden näherte , sagte er : » Gebt das Paßwort . « Ulrich flüsterte es ihm leise in ' s Ohr . Darauf nickte der Werkmeister zustimmend , denn das war der Herausgetretene , nahm den Gesellen an der Hand und führte ihn mit sich in die Hütte , in welche jedem Profanen zu treten verboten war , und die nur dem sich öffnete , der das Paßwort der freien Maurer zu geben vermochte . Ulrich trat ein und grüßte nach der Sitte aller Wandergesellen , die eine fremde Bauhütte betraten : » Gott grüße Euch ! Gott weihe Euch ! Gott lohne Euch ! Euch Obermeister Erwiederung , Gruß Euch Pallirer und Euch hübschen Gesellen ! « » Gott grüße Euch ! « antwortete der Werkmeister , » seid uns willkommen im Namen der freien Steinmetzzunft zu Nürnberg ! « und reichte ihm noch einmal die Hand . Dann trat der Pallirer zu ihm , der dem Werkmeister als Vorgesetzter der Gesellen und Lehrlinge zur Seite stand . Hatte der Werkmeister für die Arbeitvertheilung an die Einzelnen und das Material zu sorgen , so war es das Amt des Pallirers , wie auch sein Titel ausdrückte , vorzüglich die Verschönerung der Arbeit zu berücksichtigen . Außerdem hatte Jeder von beiden noch besondere Obliegenheiten , wie der Beruf sie mit sich brachte . Der Pallirer Andreas , welchen Ulrich begrüßte , war dem Werkmeister ähnlich gekleidet , aber an Jahren jünger als dieser , groß und breitschultrig , eine stämmige fast athletische Gestalt . Sein Gesicht war wettergebräunt und rabenschwarzes Haar fiel in glatten Strähnen nach hinten zurück . Er reichte dem Ankömmling die Hand und sagte auch : » Gott grüße Euch , wie wir Euch danken für Euren Gruß . « Die Gesellen und Lehrlinge alle , die ringsum arbeiteten und , seit Ulrich eingetreten war , schon aufgehört hatten durch Meißeln und Feilen Geräusch zu machen , legten nun alle ihr Werkzeug hin , und einer ging nach dem Andern auf Ulrich zu , ihn mit Gruß und Handschlag willkommen zu heißen . Dann hielt dieser dem Werkmeister seinen Hut umgekehrt hin und sagte : » Nun bitte ich um eine Gabe , dann um ein Stück Stein , dann um Werkzeug ! Damit helfet mir auf , daß Euch Gott auch helfe . « Darauf legte der Werkmeister , der den Lohn zu zahlen hatte , Geld in den Hut , nicht als ein Almosen , sondern als einen Vorlohn , und fragte Ulrich nach seinen Zeugnissen . » Gott danke dem Meister und Pallirer und den ehrbaren Gesellen ! « antwortete Ulrich dankend , öffnete seine Ledertasche und holte ein großes gelblich schimmerndes Papier hervor . Darauf stand mit zierlichen Buchstaben geschrieben , daß der Steinmetzgeselle Ulrich Wüll von ehrlicher Geburt sei und als Oblate im Kloster der Benediktiner erzogen ; daß er mit fünfzehn Jahren sich in der Bauhütte zu Straßburg als Lehrling gemeldet und darin aufgenommen worden ; daß er vier Jahre als Lehrling gelernt und sich brav gehalten , darauf die Prüfung als Geselle bestanden in vorzüglicher Weise ; daß er wohl erfahren sei in der geweiheten Lehre des Albertus Magnus , vertraut und geschickt in der Führung des Winkelmaßes und Richtscheites , und daß man allerlei schöne und zierliche Arbeit ihm anvertrauen könne . Und so war seiner Brauchbarkeit und Sittlichkeit das beste Zeugniß gegeben . Versehen war diese Schrift mit dem großen Siegel der Hauptbauhütte zu Straßburg , das diese Umschrift hatte und inmitten eine Mutter Gottes , auf den Feldern zur Seite Cirkel und Richtscheit . Der Werkmeister erkannte die Echtheit dieses Documentes . Alsbald wies er Ulrich einen unbehauenen Stein an , reichte ihm das Werkzeug und hieß ihn daran ein Probestück ablegen . Ulrich wälzte sich den schon winkelrecht behauenen Stein zurecht und begann daran mit dem Cirkel , Winkelmaß und Richtscheit zu messen , und ohne sich eines Maßbrettes zu bedienen , das Profil aufzureißen nach dem Grundsatz des Achtortes , der bei dem Kirchenbau im Großen wie im Kleinen galt . Der Pallirer sah ihn dabei aufmerksam zu , und manche von den zehn Gesellen und fünf Lehrlingen , die in der Hütte arbeiteten und ihre vorige Beschäftigung wieder aufgenommen hatten , schielten von der eigenen Arbeit neugierig zu der des neuangekommenen Baubruders hinüber , und bewunderten ihn schon , weil er das Maßbrett verschmähte . Einer der Gesellen schob ihm sogar das seinige zu , weil er meinte , Ulrich habe nur keines erhalten . Dieser aber zeigte auf das , welches zu seiner Seite lag , dankte dem Gesellen und sagte : » Wenn ich hier mitarbeite den Bau zu fördern , werde ich auch das Maßbrett zur Hand nehmen und danach arbeiten , weil dadurch Zeit und Mühe erspart wird ; aber wenn ich ein Probestück ablegen soll , so muß ich zeigen , daß ich mich auf den Grundsatz des Achtortes selbst verstehe und daß ich ein Maßbrett in meinem Kopfe trage . « Der Pallirer nickte beifällig aber schweigend dem lächelnd aufhorchenden Werkmeister zu . Alle Gesellen arbeiteten schweigend weiter , aber der , welcher seinen Platz neben Ulrich hatte , verwendete fast kein Auge von ihm , so weit als die eigene Arbeit es zuließ . Die Steinmetzgesellen nannten Alle den blonden Bruder Hieronymus zum Unterschied von andern dieses Namens , denn er fiel überall auf durch sein üppiges goldglänzendes Haar . Seine Augen waren blau und sanft , aber es lag doch ein Ausdruck von Energie in seinen Zügen , die weder schön noch regelmäßig waren , aber doch das Gepräge geistigen Adels trugen . Er gehörte mit unter die jüngeren Gesellen , obwohl er einige Jahre mehr zählen mochte als Ulrich . Etwa eine Stunde konnte verflossen sein seit dessen Ankunft , als das Mittagsglöckchen läutete . Bei seinem ersten Klange legten Alle in der Hütte die Arbeit weg . und standen mit gefalteten Händen schweigend da , indeß der Werkmeister ein kurzes Gebet sprach . Nach dessen Vollendung , als Alle sich anschickten die Hütte zu verlassen , sagte er zu Ulrich : » Ihr scheint ein guter und geschickter Arbeiter zu sein und Eure Zeugnisse lauten günstig . Heute werdet Ihr müde sein von der Reise , da mögt Ihr der Ruhe pflegen und Euch Quartier suchen ; aber morgen um fünf Uhr , wenn sie Morgen läuten von der St. Lorenzkirche , da seid in der Hütte zum Frühgebet und zur Arbeit , da wird Euch auch der Hüttenmeister empfangen . « Ulrich dankte und trat aus der Hütte . Draußen aber faßte ihn der blonde Hieronymus unter dem Arm und sagte : » Quartier brauchst Du Dir nicht zu suchen , Bruder Ulrich , das findest Du bei mir , wir können die Mahlzeit und das Lager theilen . « » Vergelt ' es Dir Gott , Bruder Hieronymus ! « sagte Ulrich , denn er hatte vorhin den Namen des Steinmetzen schon gehört und gemerkt , weil sein Träger ihm auch gefiel . » Der große Aeneas Sylvius scheint recht zu haben , der Nürnberg eine feine Stadt nennt voll wohlerzogener und gastfreier Leute . « » Das ist wohl nur gut nürnbergisch , « antwortete Hieronymus , » und ich bin selbst ein Nürnberger Kind , aber Baubrüder , mein ' ich , sollen in allen Stücken auch Brüder sein und miteinander arbeiten und streben in wie außer den Hütten . « » Ich denke auch so , « antwortete Ulrich , » und will ' s Gott , so soll es Dich nicht gereuen , daß Du mir zuerst also freundlich begegnest . « » Meine Wohnung ist nicht weit von hier , « sagte Hieronymus , » in einem Seitengäßlein von St. Katharinen . « Bald war sie erreicht , und die Baubrüder traten in ein kleines Haus , in dem sich unten die Werkstatt eines Formenschneiders und Rädleinmachers des Meister Sebald befand . Oben an der Stiege aber wartete ein altes Mütterlein , bot den Einkehrenden fröhlichen Gruß und eilte das Mittagsessen für sie aufzutragen . » Es langt schon für Zwei ! « rief sie wohlmeinend dem fremden Gast entgegen . Zweites Capitel Nürnbergs Geschlechter Es war ein stattliches aber etwas düsteres Haus , in das Albrecht Dürer mit Farbentopf und Pinsel im Dienst des Meisters Michael Wohlgemuth gesandt worden war . Im Erdgeschoß befand sich ein Comptoir mit kleinen Fenstern hinter vorspringenden , aber künstlich gearbeiteten Eisengittern , welche diesen Räumen ein gefängnißartiges Ansehen gaben . Darin saß und arbeitete mit seinen Gehülfen Herr Gabriel Muffel , der Chef eines großen Handelsgeschäftes und Genannter des großen Rathes , wie denn seine Familie von Alters her zu den edelsten rathsfähigen Geschlechtern von Nürnberg gehörte . Die übrigen Räume des Erdgeschosses dienten zu großen Waarenlagern , die ihre Vorräthe auch in die geräumige Hausflur und den Hofraum erstreckten , der durch ein Hintergebäude geschlossen war . Aufseher und Auflader waren hier gleicherweise mit Verzeichnen , Schnüren und Aufpacken der Waaren viel beschäftigt , und Niemand achtete auf den jungen Burschen , der sich seinen Weg durch die Vorräthe bahnte und mit elastischen Schritten die Stiege hinaufsprang , denn seine Sendung lautete in das erste Stockwerk . Wie lebhaft es unten zugegangen , hier war es sehr still , und Albrecht wußte nicht , sollt ' er diese stille Einsamkeit ehren durch leises Auftreten und lautloses Spähen , oder sollt ' er , um sich bemerkbar zu machen , sie durch irgend einen Laut unterbrechen . Er stand in einem Vorsaal mit dunkel gemalten Wänden und mehreren hohen Flügelthüren von schwerem Eichenholz mit kunstvollem Schnitzwerk und goldenen Leisten geschmückt ; eben so zierte schöngeschnitztes Getäfel die Decke und der Fußboden zeigte nach venetianischer Art ein buntes Mosaik ; er war mit Gyps übergossen und da hinein bunte Steinchen eingedrückt , die oben glatt geschliffen waren und schön geölt glänzten , als wären es köstliche Edelsteine . Außer der Stiege , die er heraufgekommen , zogen sich von hier aus noch andere kleine hölzerne Wendeltreppen mit zierlichen Geländern hinab und hinauf , den häuslichen Verkehr zu erleichtern . Nachdem Albrecht nach allen Seiten vergeblich gespäht und gewartet , ob nicht Jemand kommen möchte , dachte er an Wohlgemuth ' s Knechte , die ihn wieder roh empfangen und anlassen würden , wenn er länger bliebe , als sie die Dauer der Arbeit berechneten , und daß er schon an der Seite des fremden Wandergesellen mehr Zeit zu dem Wege gebraucht , als der Fall gewesen sein würde , wenn er ihn allein mit seinen gewohnten geflügelten Schritten zurückgelegt . Dann faßte er sich ein Herz und pochte an die eine Thür , und da dies ohne Erfolg blieb , an die zweite . Da auch hier Niemand antwortete , ihm aber gleichwohl war , als habe er dahinter seufzen hören , öffnete er dieselbe leise und schaute in ein schmales , aber tiefes Gemach , an dessen Fenster eine weibliche Gestalt an einem eichenen Pulte saß und schrieb . Albrecht stand eine Weile betroffen still . Das Gemach selbst erschien wie ein Museum der Kunst . Der Fußboden war mit kostbaren Teppichen bedeckt , auch die Tapeten an den Wänden waren von gleichen Mustern kunstreich gewirkt , die schön geschnitzten Sessel mit gelbem Sammt überzogen und die meisten Tische hatten marmorne Platten . Darauf standen allerlei zierliche Geräthschaften für den Hausgebrauch , aber alle von funkelndem Silber und Gold . Große Spiegel von venetianischem Glas wetteiferten in Glanz mit ihren goldenen Rahmen und mehrere Heiligenbilder mit bunten Farben auf Goldgrund gemalt hingen dazwischen . Das schönste Bild aber des Zimmers war seine Bewohnerin . So ohngefähr hätte Albrecht die Madonna malen mögen . Sie war von mittelgroßer Gestalt , feinem Wuchs und zart gerundeten Formen . Röthlich blonde Locken umflutheten von der edlen Stirn herab bis zum blendendweißen Nacken das edle Antlitz , hinten hielt sie mit zwei dicken Zöpfen vereinigt ein silberner Pfeil zusammen . Der ganze Schmelz reiner Jungfräulichkeit verschönte das blendende Weiß und das zarte Roth ihres Antlitzes . Aber die blauen Augen schimmerten von Thränen und schwere Seufzer hoben ihren Busen . Sie trug ein Kleid von dunkelrothem wollenen Damast mit Puffenärmeln und einem viereckig ausgeschnittenen Schneppenleibchen . Daran hing eine kleine goldgestickte Tasche und ein Schlüsselbund an stählerner , kunstreich gearbeiteter Kette , zwei Reihen heller Bernsteinperlen umspielten den Hals . Sie hörte nicht , daß Jemand die Thür geöffnet hatte , aber sie fühlte , daß die Strahlen fremder Blicke sie berührten , erschrocken schob sie die Papiere zusammen , unter denen sie geschrieben , und wendete sich nun erst zu dem Eintretenden um . » Verzeiht , edle Jungfrau , wenn ich Euch störe , « sagte Albrecht , » aber ich bin hierher beschieden ein Geländer anzustreichen , und fand Niemanden mir meine Arbeit anzuweisen . « Ursula Muffel - denn die Jungfrau war die einzige Tochter des Hauses - erhob sich und sagte : » Kommt Ihr vom Meister Wohlgemuth , so will ich selbst mit Euch gehen . « Albrecht bejahte , und während Ursula einen Blick in den Spiegel warf , mit dem angehauchten Taschentuch über die verweinten Augen fuhr und ein kleinzusammengefaltetes Papier in ihrem Kleide verbarg , hatte Albrecht ein silbernes Krucifix in die Augen gefaßt , und als Ursula sich zu ihm umkehrte , ward sie gewahr , wie er sich ganz nah auf dasselbe beugte . » Verzeiht meine Unschicklichkeit , « sagte er fast erröthend zurückfahrend ; » ich wollte nur sehen , ob ich mich nicht täusche , daß dies Stück wirklich aus meines Vaters Händen hervorgegangen - und es ist wirklich so , da ist sein Zeichen . « » So seid Ihr ein Sohn des wackern Goldschmieds Albrecht Dürer in der Winklerstraße ? « versetzte Ursula , » denn bei diesem hat es mein Vater mir zum Geschenk machen lassen , da ich gefirmelt ward . « » Ich habe es selbst gezeichnet und gegossen da ich noch in meines Vaters Werkstatt lernte , « antwortete Albrecht , » und es kann mich stolz machen , daß es in solche Hände gekommen ist . « Indeß sie so sprachen , schritt Ursula voran über eine Flur kleiner Treppen und Gänge , bis sie im zweiten Stock an eine offene Galerie und eine noch höher führende Freitreppe kamen , an welcher , weil es die Wetterseite über dem Hofraum war , das Holzgeländer seiner ehemaligen Farbe sich beraubt zeigte , welche Albrecht wieder erneuern sollte . » Und Ihr seid nicht bei dem Handwerk Eures Vaters geblieben , « fragte Ursula , » da Ihr doch schon ein so künstliches Werk zu Stande gebracht ? « Albrecht schüttelte mit dem Kopf : » So fragen mich wohl die Leute immer , und mein Vater selbst meinte , die Zeit sei mir nun gar verloren , die ich zuvor in seiner Lehre zugebracht ; aber ich hab ' einmal das Zeichnen und Malen nicht lassen können , und scheint es mir leichter jedes andere Opfer , und wär ' s mein Leben selbst , zu bringen , wenn man ' s fordert , denn daß ich der Kunst entsagen möchte . Und was ich zuvor schon gelernt , das will ich Alles für sie nützen , damit mir Niemand nachsagen könne , ich habe je meine Zeit mit unnützen Dingen verloren . « Während er das sagte , knieete er schon an dem bezeichneten Geländer und fing an zu pinseln . Ursula dachte dabei lächelnd zugleich mit vornehmer Geringschätzung und weiblichem Mitleid : Armer Junge ! das ist auch eine rechte Kunst , für die es lohnt sich zu begeistern , hier das Geländer anzustreichen , eine Arbeit , die ich selbst ganz gut verrichten könnte , wenn mir ' s nicht um meine schönen weißen Hände wäre ! - Aber bei diesem Gedankengang warf sie einen Blick auf die Hände , die hier den Pinsel führten , und sah , daß sie an Weiße und Zartheit den ihrigen nichts nachgaben , und wie jetzt von obenherein ein Strahl der mittäglichen Sonne vereinzelt durch die Skulptur des vorspringenden Dachgeländers dringend auf den Scheitel des Jünglings fiel und einen Heiligenschein um seine glänzenden Locken wob , indeß er bescheiden mit freudiger Zuversicht die niedere Arbeit verrichtete , da erschien er ihr plötzlich in einem höhern Lichte , als vorher , und was sie auch von seinem Kunstglauben halten mochte , Eines schien ihr gewiß : daß ein hohes Streben und ein edles Gemüth in diesem zarten Jüngling lebte - und daran knüpfte sich die verzeihliche Selbstsucht eines eben ängstlich gefolterten Herzens , ob nicht gerade in diesem ihr der Himmel den Boten gesandt , dem sie vertrauen könne , wo sie eben vergeblich über einen solchen nachgesonnen und diese Unmöglichkeit nicht die geringste Ursache ihrer Thränen gewesen . Nach einer langen Pause also , in der diese Gedanken und Empfindungen sie bewegt hatten , fuhr sie plötzlich mit der Frage heraus : » Könnt Ihr lesen ? « » Ei freilich kann ich das ! « sagte Albrecht , zugleich stolz auf diese Kunst , deren Erlernung damals Manchem , der in minderer Armuth aufgewachsen als er , versagt war , und auch wieder ärgerlich , daß die Jungfrau bei ihm diese Kenntniß zu bezweifeln schien . » Könnt Ihr verschwiegen sein und wollt Ihr mir einen Dienst erweisen ? « fragte sie weiter mit beklommenem Athem . » Beides , wenn Ihr es fordert und ich das letztere wirklich vermag , « sagte er bescheiden . Ursula ' s Unruhe schien zu steigen , ihre Wangen glühten höher , ihre Pulse gingen schneller , man sah es an allen Bewegungen ihres Körpers , hörte es an der noch mehr beklommenen Stimme , mit der sie sprach : » Wolltet Ihr , statt hier zu malen , wohl einen Gang für mich thun ? Ich habe sonst Niemanden , den ich schicken könnte . « » Herzlich gern , « antwortete Albrecht , » ich werde hier ohnehin nicht vor Mittag fertig . « » Dann kommt in einer Viertelstunde wieder hinunter in dasselbe Zimmer , in dem Ihr mich vorhin fandet , « sagte Ursula und eilte die Stiege wieder hinab . In ihrem Gemach angelangt zog sie das Papier wieder hervor , das sie zu sich gesteckt , weil sie es sonst nirgend sicher hielt . Nun mußte sie es doch von sich geben und fremden Händen vertrauen . Sie durchlas das schön geschriebene Brieflein noch einmal , drückte dann ein Siegel von weißem Wachs darauf und schrieb die Aufschrift : » An den hochedelgeborenen Herrn Stephan von Tucher . « Nun zählte sie die Minuten , bis Albrecht kam , überlegte sich zehnmal , was und wie sie es ihm sagen könnte , ohne vor ihm zu erröthen , und wußte doch keinen Rath , denn zweierlei mußte ja doch immer heraus : daß er schweigen mußte und wem er den Brief übergeben sollte . Endlich kam Albrecht , und Ursula fühlte , daß sie sich vergeblich vorbereitet hatte , denn sie war ganz eben so um Worte verlegen , wie sie es vorhin gewesen war . Die Finger zitterten sichtbar , welche den Brief hielten , und endlich sagte sie zu Albrecht : » Eure guten Augen bürgen mir für Eure Verschwiegenheit - nicht wahr ? « » Was mir anvertraut worden , das plaudere ich niemals aus , « antwortete Albrecht , » und da ich sehe , daß Euch so sehr an meinem Schweigen gelegen , so könnt Ihr Euch doppelt darauf verlassen , daß ich das unerwartete Vertrauen einer edlen Jungfrau nicht durch eitles Ausreden mißbrauchen werde . « » So nehmt diesen Brief und tragt ihn zu dem , an welchen die Aufschrift lautet , « sagte sie - der Name selbst schien nicht über ihre schönen Lippen zu wollen . » Kennt Ihr ihn ? « fragte sie dann hastig , und damit mehr den Zustand ihres Herzens verrathend , als wenn sie den Namen selbst erröthend und zitternd ausgesprochen . » Ei , wie sollt ' ich den feinen Herrn nicht kennen ! « antwortete Albrecht . » Aus meines Vaters Werkstatt ist manch ' ein zierliches Silbergeräth für das schöne Haus in der Hirschelgasse hervorgegangen , und mein Meister hat den Herrn Hans von Tucher selbst conterfeiet in seiner Pilgrimstracht , in der er das heilige Land durchreist hat ; danach hat er auch das Bild seines Herrn Sohnes Stephan zu malen angefangen - aber es ist noch nicht fertig , weil derselbe jetzt gar nicht zum Sitzen zu bewegen . « Ursula horchte hoch auf und sagte dann : » Nun so geht in das schöne türkische Haus in der Hirschelgasse und seht Euch darin um nach dem jungen Herrn . Aber Niemandem als ihm selbst gebt den Brief , und saget auch Niemandem , wer Euch sendet . Seht , ich hätte ja fürwahr keinen bessern Boten als Euch finden können ; wenn man Euch dort kennt , so könnt Ihr ja sagen , daß Euer Meister Wohlgemuth Euch sendet . « Der Jüngling erröthete vor der zugemutheten Lüge , die der jungen Dame sehr geläufig schien , indeß er selbst so ohne Arg und Falsch war , daß auch die kleinste Lüge ihm ein Verbrechen erschien . Er sagte darum halb verweisend : » Will ' s Gott , so geht es ohne Lüge ab . Vertrauen verdienen und schweigen können ist ein Anderes denn lügen , dazu bin ich nichts nütz . « » Ihr sollt es auch nicht , « sagte Ursula beschämt ; » wenn nicht im Auftrag Eures Meisters , so erinnert ihn um meinetwillen daran , daß er sein Bild soll vollenden lassen ! « und wieder erschrak sie , daß sie sich durch unvorsichtige Worte verrathen , und fühlte auch , daß es ihr wie Albrecht ginge : das Lügen und Heucheln war ihr auch nicht geläufig . » Und nun geht , « sagte sie nach einer Pause , » um 12 Uhr wird er wohl nach Hause kommen , und die Antwort bringt mir , wenn Ihr Nachmittag wieder kommt und hier Euere Arbeit vollendet . « Es war immerhin kein kleines Opfer , das Albrecht Dürer der Jungfrau Ursula brachte mit diesem Gange . Da er ihr Verschwiegenheit gelobt , mochte er auch in seiner Werkstatt nicht sagen , daß er ihr Botendienste geleistet , woran die Gesellen gewiß weitere Fragen und vielleicht unsaubere Späße geknüpft hätten ; wenn ihn aber jetzt Einer oder der Andere auf der Straße gewahrte , noch ehe es Mittag geläutet , so traf ihn der gerechte Vorwurf , daß er vor der Zeit von der Arbeit gelaufen und wohl noch Schlimmeres gethan als die Zeit verträumert habe , wie man ihm denn vorhin schon als Warnung mit auf den Weg gegeben . Aber eine Bitte konnte er nimmer abschlagen , und wo er Jemand helfen und einen Dienst leisten konnte , that er es immer ohne an sich selbst dabei zu denken , am wenigsten vermochte sein kindlich weiches Gemüth eine Thräne in einem Frauenauge zu sehen , ohne gerührt zu werden und den Wunsch zu haben sie zu trocknen . Hatte er auf den ersten Blick doch die holde Tochter des reichen Hauses glücklich gepriesen , in dem Alles strahlte von Glanz und Pracht , von Wohlleben und Kunst , und hatte es ihm doch dann so weh gethan , daß sie nicht glücklich schien , trotzdem sie wohl Alles besaß , was das Leben schön und heiter machen konnte . Also gab es doch auch Thränen inmitten des Reichthums , und nicht nur die Sorge um das tägliche Brod oder die Sehnsucht nach höherer Ausbildung , die an den Verhältnissen des materiellen Lebens scheiterten , waren es , welche Thränen erpreßten , wie er bisher gemeint . Unter solchen Gedanken war er , um sich weniger der Gefahr auszusetzen gesehen zu werden , so viel als möglich durch kleine Gäßchen und ihm bekannte Durchhäuser gegangen , welche bei der Nürnberger Bauart üblich waren , als er in die Hirschelgasse kam und das erst vor wenig Jahren vollendete Tucher ' sche Haus betrachtete . Der Besitzer desselben , Hans von Tucher , zu den ältesten und vornehmsten Geschlechtern Nürnbergs gehörig und um seiner dem Reich geleisteten Verdienste willen vom Kaiser in den Adelstand erhoben , hatte , aus dem gelobten Lande von einer Pilgerfahrt dahin zurückgekehrt , dies Haus ganz in türkischem Geschmack erbauen lassen . Von Außen kennzeichneten es die runde Kuppel in der Mitte und die Rundthürme zu beiden Seiten , und gaben ihm fast das Ansehen einer Moschee . Innen war Alles mit orientalischer Pracht eingerichtet , und Albrecht mußte gestehen , daß gegen diesen Luxus von gold- und silbergewirkten Teppichen und Tapeten , marmornen und vergoldeten Möbeln , schwellenden Sammtpolstern , schweren Seidenvorhängen u.s.w. die Einrichtung des Muffel ' schen Hauses , die er vorhin bewundert , ärmlich erschien . Ja hier wetteiferte die Kunst selbst mit der Natur und bemühte sich nicht nur orientalische Pracht , sondern auch orientalische Gewächse zu entfalten . Im Hofraum befand sich unter einer runden Kuppel von buntem Glas ein Gebäude , welches einem Feentempel glich . Hohe Palmen und lauter großblätterige und wunderbar blühende Pflanzen wuchsen darin , in mussivisch ausgelegten Becken mit klarem Wasser spielten goldene Fischlein , und aus zierlichen , von Kupfer getriebenen , aber reich versilberten Figuren sprangen Wasserstrahlen , die Gewächse benetzend oder in silbernen Becken sich sammelnd . Man wies Albrecht dahinein , als er nach dem jungen Herrn Stephan fragte , denn hier befand sich der Gesuchte und betrachtete eine große weiße Blume , die sich eben aus ihrer dichten grünen Hülle entfalten wollte . In seinen Augen schimmerte freilich keine Thräne , aber es sprach finsterer Unmuth daraus , der eben so sehr mit seiner blühenden , zauberischlächelnden Umgebung contrastirte , wie die Thräne Ursulas mit dem Glanz der ihrigen . Stephan Tucher war ziemlich groß und von stolzer Haltung , die auch in dem weiten faltigen Gewand sichtbar war , das er nach Art der Saracenen trug , um auch den Hausanzug zu dem Hause selbst zu passen . Sein dunkles Haar war sorgfältig gepflegt wie der kleine Bart über seinen Lippen und duftete nach köstlichen Oelen . In seinen Augen glühte das Element eines unruhigen Feuers , das sie zu zwingen schien sich immer hin und her zu bewegen und das die hochgeschwungenen Brauen nicht milderten . Seine Nase war stolz gehoben und ein Zug von Eitelkeit spielte um seine an beiden Seiten aufwärts gezogene Oberlippe , unter der große , blendendweiße Zähne hervorblitzten . Er galt für einen schönen Mann , schien das sehr wohl zu wissen und großen Werth darauf zu legen - vielleicht eben deshalb hatte er für den bescheidenen , schwärmerischen Albrecht nichts Anziehendes . Er grüßte höflich , eilte sogleich auf Stephan zu , der den Gruß nicht erwiederte , sondern den Eintretenden allein mit einer Miene ansah , als wolle er fragen : wer so unverschämt sei ihn zu stören ? und die Worte würden wohl auch gefolgt sein , wenn nicht Albrecht sie abgeschnitten , indem er sagte : » Verzeiht , Herr , aber nur wenn ich Euch ganz allein fände , sollt ' ich dies Brieflein in Euere Hände legen . « Ohne ein Wort der Erwiederung nahm es Stephan und lös ' te mit Hast das Siegel , so daß das feine Papier daneben zerriß . Mit flammenden Blicken las er : » Hochedelgeborner , vielgeliebter Herr ! Wenn Euere Minne der meinigen an Größe gleicht , so könnet Ihr harren und aushalten in Geduld , bis daß die Zeit oder die Heiligen uns helfen den stolzen Sinn der Väter versöhnen . Laßt um meinetwillen nicht Feindschaft werden zwischen Euch und Eurem Vater . Nie werde ich einen andern Mann minnen denn Euch , aber fahret Ihr fort in mich zu dringen das Gebot Gottes und der Menschen zu übertreten , so muß ich in ein Kloster flüchten und den Schleier nehmen , denn auch ich bin zu stolz die Schwiegerin eines Mannes zu werden , der in mir nur die Enkelin eines Hingerichteten verachtet . So vermelde ich Euch meinen Gruß und bleibe Euere vielgetreue Ursula . « Getäuschte Erwartung , Leidenschaft und Zorn loderten in Stephan auf , er war in einer furchtbaren Erregung und gab sich keine Mühe dieselbe zu verbergen . Er stampfte mit den Füßen und lief wie ein wüthend gewordenes eingesperrtes Raubthier in seinem Käfig hin und her . Albrecht ' s Gegenwart schien er ganz vergessen zu haben . Endlich fuhr er ihn an : » Du bist ein Betrüger ! wer gab Dir diesen Brief ? « Albrecht schlug die Augen verwundert auf im Bewußtsein seiner Unschuld und sagte : » Den Brief gab mir Jungfrau Ursula Muffel mit eigener Hand und war dabei sehr ängstlich , daß es Niemand erführe . « » Es ist ihre Hand ! « sagte Stephan zu sich selbst , » aber wer bist Du ? Du gehörst nicht zu den Dienern ihres Hauses , aber ich habe Dich schon irgendwo gesehen ; Du wirst meiner Rache nicht entgehen , wenn Du mich belügst ! « » Herr ! « antwortete Albrecht mit edler Glut und entschlossen keinen unwürdigen Verdacht zu dulden : » Ich kann Eurem Gedächtniß gern zu Hülfe kommen ; ich heiße Albrecht Dürer und bin Lehrling beim Meister Wohlgemuth unter der Veste , der Euch begonnen hat zu conterfeien , in seiner Werkstatt habt Ihr mich gesehen . Heut ' habe ich im Hause des hochedlen Rathsherrn Muffel zu malen , da hatte Jungfrau Ursula besseres