Brot macht die Wangen roth ! « sagte sie , und - Lucinde aß Salz und Brot . Aber da purren und gurren ja noch die Tauben in dem Waschkorbe ! Den armen Dingern muß drinnen recht bang geworden sein und verschmachtet sind sie gewiß auch . Morgen sollte der Tischler kommen , hatte es auf der Landstraße geheißen , und sollte auf dem Dache eine wundervolle Vorrichtung treffen , einen Taubenschlag , der nie einen Marder zulassen würde . Einstweilen aber wurde jetzt die Höhlung unter dem Feuerherde ausgeräumt und eins nach dem andern von vierzehn der trefflichsten veredelten Feldflüchter in diese unbequeme Wohnung eingelassen . Einen Vorbau machte man aus umgekehrten Schemeln , Besen , ausgebreiteten Scheuerlappen . Die » gnädige Frau « lachte ganz vergnüglich über die lieben Thierchen , nahm den Sack mit Zwetschen und ging erst jetzt in ihre vordern Zimmer . Auch hier die Prüfung der vorgelegten Schlösser . Auch hier ein behutsames Aufschließen und ebenso sorgfältiges Wiederanziehen der geöffneten Thür . Lucinde wurde nicht aufgefordert zu folgen . Da stand sie nun , todmüde , in der linken Hand ihr hartes Brot , in der rechten eine Küchenlampe . Sie durfte nicht näher kommen , weil erst gestern gescheuert worden war , und die Decken lagen noch nicht wieder , die kostbaren , zusammengerollten , über die Lucinde einigemal im Vorsaal schon gestolpert war . Es verging wol eine Viertelstunde , bis die Frau Hauptmännin zurückkehrte und Licht gemacht hatte . Wie sie sah , daß Lucinde so im Vorsaal stand und unnützerweise den leeren Wänden leuchtete , sagte sie : Donnerwetter , das Oel ist theuer ! Du kannst jetzt zur Ruhe gehen ! In der Küche gab es noch einen gemüthlichen Verschlag in die Mauer hinein . Dort öffnete die gnädige Frau und zeigte Lucinden etwas , was wie ein Bett aussah . » Jettchen « allerdings war so müde , daß sie nicht einmal ihre Bewunderung vor diesem Bette , das man wieder unsichtbar machen konnte durch zwei Thürflügel , aussprach . Sie war nur froh , den mitgenommenen Vorrath von Erbsen , den sie vorhin ausgeschüttet hatte , unterm Feuerherde verknuspert zu hören ; ein paar ihr sehr liebe Kropftauben gurgelten ihre Atzung ganz hörbar hinunter . Na , und nun kleide dich aus ! Gute Nacht ! Schlaf nicht zu lange ! Träume gut ! Sage : Ich wünsche Ihnen wohl zu schlafen , meine liebe gnädige Frau ! Na , wird ' s ? Nein , ordentlich ! Ich - wünsche - Ihnen - wohl - zu - schlafen , - meine - liebe - gnädige - Frau ! So ! Das war recht ! O , wir verstehen uns schon ! Wir passen zusammen ! Um fünf Uhr aber Reveille ! Verstanden ? Gute Nacht ! Ahnend , was Reveille sagen wollte , und etwas ungewiß , ob sie wirklich am Ziel der verheißenen Seligkeiten war , ging Lucinde , sich reckend und dehnend , barfuß und im Hemde noch einmal nach vorn und sah durch die Glasthür . Der Vorhang ließ ein Ritzchen offen , durch das sie hindurchschielte . Ei , kaut nicht die gnädige Frau gerade ihre Zwetschen frisch aus dem Sack heraus ? Es muß doch wol sein , wenn ' s auch ein Anblick war , als wenn zwei concentrische Mühlräder sich umeinander drehten , nur jedes nach entgegengesetzter Richtung hin ... Und wie die Zwetschen auch schwierig zu schroten waren , so mundeten sie der gnädigen Frau doch vortrefflich , sodaß sie schon einen Haufen Steine vor sich hin und zwar sehr sauber auf ein Papier gelegt hatte . Sie hielt offenbar ihr » Souper « und blinzelte dabei so listig mit den Augen ringsum wie eine Katze , die sich auf ihre nächtliche Wanderung nach Mäusen freut , und sonderbar - auch mit den Steinen liebäugelte sie , als wenn sie der lockendste Speck wären , an den jemand anderes noch anbeißen sollte . Und endlich gar noch sonderbarer ! Wenn die schwarzen Augen der gnädigen Frau einen recht stechenden Glanz bekamen , dann schien sie ganz blind zu werden . Lucinde wußte das schon aus Vorkommnissen der Reise ; auch sie beobachtete scharf . Jetzt bewegte sich der Vorhang . Rasch schlich sie zur Küche zurück , wo sie sich ihren Bettkasten heraustappte und zusammengekrümmt auf einen Strohsack sich niederwarf . Die Lade war zu kurz für ihren aufgeschossenen Wuchs . Doch entschlummerte sie und hatte sogar die angenehme Ahnung - morgen in der Frühe doch noch Wonnen des Paradieses zu entdecken . 3. Von dem Morgen an , wo Lucinde erwachte und im Auffahren fast lebensgefährlich an die spitze Nase der Frau von Buschbeck stieß , die sie ein für allemal bedeutete : So lange dürfe sie niemals schlafen ! ( es schlug eben eine Uhr mit heiserm Tone , nicht unähnlich dem Bellen eines alten asthmatischen Mopses , fünf ! ) - von diesem Morgen an blieb Lucinde ein Jahr , neun Monate , funfzehn Tage und drei Stunden bei der Frau » Hauptmännin « von Buschbeck und in den seltsamsten Verhältnissen . Schon von der Frau , die fünfeinviertel Uhr die Milch brachte , hörte Lucinde ein lautes Lachen : Wieder einmal eine in die Falle gegangen ! Weiter war die Milchfrau nicht gekommen , denn schon schlorrte die Frau Hauptmännin im » Nachtjoppel « und mit einer Haube , deren Spitzen sich in die uns schon bekannte liebende Umarmung von Kinn und Nase als Drittes im Bunde einzumischen suchten , aus der vordern Stube heraus und verwies Lucinden jeden unnützen Aufenthalt mit den Leuten , die » ins Haus kämen « . » Ins Haus « nannte sie ihre Wohnung , bestehend , wie Lucinde sah , aus der Küche , einem dunkeln Entrée mit Guckloch durch die Thür zur Hausflur , einer Schlaf- , einer Wohn- und Putzstube . Ueberladen aber war die Möblirung der kleinen Etage allerdings . Für ein zweistöckiges Haus würde sie ausgereicht haben . Was am ersten Abend Lucinde schon beim Beobachten des Zwetschenmahles befremdet hatte , waren eine Menge ausgestopfter großer Vögel , einige aus Steinen gemeißelte häßliche Köpfe , die Götzen vorstellten , ein Porzellan-Chinese mit einem großen Pfauenwedel , auch eine Lanze , die quer an der Wand hing , mit einem Köcher voll Pfeile , die , wie sie später erfuhr , vergiftet sein sollten . Alle diese Dinge hatte der Herr von Buschbeck aus Indien mitgebracht . Er war Hauptmann in niederländischen Diensten gewesen , und seine Witwe lebte von einer Pension , die sie , wie sie sagte , aus dem Haag bezog ... die Gelder ausgenommen , die sie auf dem Lande » liegen « hatte . Diese vergifteten Pfeile beschäftigten Lucinden so sehr , daß sie gleich in der zweiten Nacht von der gnädigen Frau träumte , die ihr im Schlaf erschien und einen dieser Pfeile gerade aufs Herz setzte . Sie schrie im Schlaf auf , und wie sie aus ihrer Bettlade in die Küche blickte , huschte auch etwas dahin und klappte nach der Entréethür zu . Sie horchte länger , entdeckte aber nichts . Als sie am Morgen erwachte und nach ihren Tauben sah , - der Tischler war noch nicht bestellt worden , weil Lucinde nicht früher ausgehen sollte , als bis ihre » Garderobe « ganz in Ordnung war ; sie hatte daran den ganzen Tag nähen müssen - da lag ja eine von ihnen todt ! Das Opfer war glücklicherweise keiner ihrer Lieblinge . Frau von Buschbeck bedauerte den Unfall , fand es aber angemessen , daß man die Taube nicht ganz » umkommen « ließ . Sie wurde zu Mittag von ihr selbst , wie sie ' s nannte , au gratin zubereitet . Daß Lucinde von einem ihrer Täubchen selbst nichts essen mochte , that ihr leid , denn sie sagte , sie hätte darauf gerechnet . Lucinde mußte sich deshalb mit einer einfachen Milchsuppe begnügen . Schwerlich würde Lucinde von der Milchfrau ein ferneres überraschendes Wort , das wir gleich berichten wollen , vernommen haben , wenn sie nicht die Schlauheit gehabt hätte , schon durch das Guckloch zu beobachten , wann diese kam . Denn kaum hatte im glücklich erspähten Moment , als sie ohne zu klingeln geöffnet bekam , die Milchfrau gesagt : Was ? Sie sind noch da ? und dies Noch höchst scharf betont , als auch schon wieder Frau von Buschbeck in Halbnégligé , Joppel und Spitzenhaube erschien und eine weitere » Conversation « unterbrach . Lucinde war eine Gefangene . Die gnädige Frau besorgte die inzwischen nothwendig gewordenen Ausgänge selbst und schloß ihren Pflegling ein . Glücklicherweise glaubte dieser , solche Vorsicht wäre in der Ordnung , da ihr die Stadt als eine Höhle aller Laster und Verbrechen geschildert worden war . Nur daß sie ausschließlich in der Küche und auf dem Entrée verbleiben mußte , wurde ihr zu schwierig . Sie rüttelte wenigstens an dem Eingang zur Wohnthür , aber die vordere Herrlichkeit mit den Erinnerungen an die Wilden fand sie immer verschlossen . Der Taubenschlag , der auf dem Boden hergerichtet werden sollte , kam nicht . Die Tischler wären viel zu theuer , hieß es , und vor Mardern blieben die Thierchen unterm Küchenherde gesicherter . Es war ein trauriger Anblick , die armen Luftbewohner in dem engen Raume sich drängen und einer dem andern auf die ohnehin bei Tauben schon so schwerfälligen Füße treten zu sehen . Lucindens liebste Freude war sonst gewesen , an der Dachluke zu sitzen und die kreisenden Bewegungen ihrer Pflegebefohlenen mit ihren scharfen Augen , die sie bis in die weiteste Ferne verfolgen konnten , zu beobachten . Sie verbrachte eben damit die Zeit , die besser für die Erlernung des Eierkuchenbackens wäre angewendet gewesen . Einzig den paar Kröpfern , die sich Lucinde aufgezogen , that die Ruhe wohl . Die häßlichen Thiere saßen wie die Puterhähne und vergruben die Schnäbel in ihre Kröpfe . Leider aber mußten sie hungern , was diese vornehmen Prälaten am wenigsten vertragen können . Es starben aber - fast konnte man sagen » glücklicherweise « - in nächster Nacht noch zwei von den armen Gefangenen . Es war eine Taube darunter , deren Verlust Lucinden unendlich nahe ging ; eine halb braun und weiße Taube von ganz besonderer Zierlichkeit , mit einem Halse , dessen Federn auf die wunderbarste Art in sämmtlichen Farben des Regenbogens spielten , ohne daß man eigentlich unterscheiden konnte , wo die grünen und die blauen Schattirungen anfingen ; es sind die Farbenspiele der Taubenhälse eben Wunder , die noch kein Chemiker hat erklären können . Lucinde wußte wohl , daß zu ihrer Wirkung das Licht des blauen Himmels gehörte , von dem in die nach einer Brandmauer hinausgehende Küche leider sehr wenig hereinfiel . Auf dem Boden , das entdeckte sie dann allmählich auch , war gar kein Platz , um daselbst einen richtigen Taubenschlag bauen zu können . Sie entdeckte das , wenn sie von dorther Holz holen mußte . Es war das für sie immer eine große Entdeckungsreise , auf der sie vielerlei Neues sah . Es schmerzte sie daher auch nicht zu sehr , als eines Tages die Alte mit einem ganz besonders charakteristischen Tone sagte : Sackerlot ! Die Tauben fressen einem ja das Hemd vom Leibe weg ! Das sind theure Kostgänger ! Wir wollen sie verkaufen ! Was sie einbringen , leg ' ich zu deiner Toilette an für den Winter , Jettchen ! Lucinde hatte aus dem Fenster , wenn sie vorn rein machte und nähte - letzteres mußte sie jeden freien Augenblick - und wenn es in der Küche zu finster wurde , in der Vorderstube , schon manche wunderschöne Frau auf der Straße gesehen und träumte dann , wenigstens einen neuen Hut tragen zu können , wenn auch ohne Federn . Sie gab also ihre Einwilligung zum Verkaufe . Die Alte brachte einen Koch aus einem der vornehmen Gasthäuser mit , der sämmtliche Tauben an sich nahm . Wie viel sie dafür löste und wie viel für ihren Winterstaat verbraucht werden konnte , erfuhr Lucinde nicht ; denn der Koch kam gerade in dem Augenblick , als ihr die gnädige Frau befohlen hatte auf dem Boden zu bleiben und zwei Trachten Kleinholz zu machen . Daß sie nur eine » Magd « bei der gnädigen Frau war , das hörte sie dort oben denn endlich auch . Auf dem Boden trafen sich die Mägde aus dem ganzen Hause zusammen , und da erfuhr sie desgleichen , daß Frau von Buschbeck in der ganzen Stadt den Namen hatte , keinen Dienstboten mehr , aber absolut auch keinen mehr , bekommen zu können . Sie plage und quäle ihre Leute so sehr , daß niemand länger als einige Tage bliebe . Die » Miethweiber « schickten niemand mehr , vor der Polizei bekäme sie gegen keine Anklage mehr recht ; sie wäre verurtheilt gewesen sich selber zu bedienen , wenn sie nicht auf den Einfall gekommen wäre - Bei dieser Eröffnung mußte Lucinde schon wieder hinunter . Frau von Buschbeck rief sie selbst ab und fuhr die Magd an , die in einem Nebenboden Holz spaltete und wol » ihre Dienstboten verführen « wolle ? Vor ihren Augen mußte Lucinde zwei Trachten Holz aufpacken und in die Küche tragen . Jetzt war Platz wieder unterm Feuerherd . Die Tauben waren fort . Die gnädige Frau behauptete , schlecht bezahlt worden zu sein ; sie gab von dem , was sie von dem Koch empfangen , nur die Hälfte an , und Lucinde hörte es kaum ; sie überlegte sich nur , was sie gehört : Frau von Buschbeck hatte in der Stadt keine Magd mehr bekommen können und holte sich deshalb - eine doch wol vom Lande ? Ihr Räthsel war gelöst . Ehe sie dabei mechanisch das Holz verpackte , wollte sie doch erst die vielen kleinen Federchen wegnehmen , die von ihren Tauben zurückgeblieben waren . Sie waren so blau , so weiß , so goldbräunlich , und jede Feder erinnerte sie gerade an die Verschwundene , der sie angehörte ... Das gibt ein schönes Nadelkissen ! sagte die Frau Hauptmännin . Es war eine dieser Frau eigene Kunst , daß sie die Phantasie ihrer Pflegebefohlenen immer anzuregen wußte . Erst der Winterstaat , nun das Nadelkissen ! Was sind dem Kinderherzen nicht alles Eingänge zu den herrlichsten Feenschlössern ! Allmählich aber kam Lucinden das Vollgefühl ihres traurigen Looses . Da hatte sie schon in einer Nacht vor dem letzten Braten , den sie gehabt ( Taubenbraten ) , selbst gesehen , daß die gnädige Frau , die an Schlaflosigkeit zu leiden schien , an ihre Bettlade kam , sie überleuchtete , das Licht auf den Feuerherd stellte und eine der Tauben nahm und ihr mit raschem Griff eigenhändig den Hals umdrehte . Dann legte sie sie wieder ruhig zu den übrigen und stellte , als wäre nichts geschehen , die Zuber vor . Lucinde glaubte zu träumen . Aber es war ganz wirklich so gewesen . Der Augenschein des Morgens bestätigte es . So gingen anfangs die Tauben fort , so gingen die Eier , so die Zwetschen . Auch den Korb schickte sie nicht an den Vater zurück , worüber Lucinde sie zum ersten mal etwas trotzig zur Rede stellte . Aber die Alte wußte zu zähmen ; vorzugsweise durch Hunger . Abends , als auch Lucinde zum ersten mal ihre Krallen gezeigt , brachte die Hauptmännin einen Haufen trockener Zwetschensteine . Lucinde bekam die Anweisung , sie mit einem alten Ziegelsteine , der vom Feuerherd losgegangen war , aufzuschlagen und sich die » kostbare « Mahlzeit der Kerne für den Abend munden zu lassen . Ein Trunk Wasser dazu würde die Kerne besser aufquellen lassen ... Lucinde gehorchte wol , doch in den schwarzen Augen der Schulmeisterstochter brannte mehr als nur Gehorsam . Sie mußten sich nur immer erst orientirt haben , und dann geriethen diese Augen in eine Glut , die von seltsamen Gedanken geschürt werden konnte . List weckt Gegenlist , Tyrannei Widerstand . Und wer weiß , ob Lucinde ein Wesen ist , das sich überhaupt nach sanfter Rede , Güte des Herzens , Liebe und schonender Obhut sehnt ! Schon können wir sagen , daß ihr nie die Zähne weh thaten , daß ihr nie ein Schnupfen Fieber machte , nie eine Zurücksetzung Thränen kostete . Sie half sich immer gerade so weit durchs Leben , als sie das Leben verstand , und ihre Waffen waren in frühester Zeit schon die geballte Faust , dann die spitze Rede , jetzt die Verschlagenheit ... Sie fängt mit der gnädigen Frau , die sie nun » bald weg hat « , wie sie den Mägden des Hauses , die sie aufhetzten , eingesteht , einen Kampf an , nicht etwa auf Leben und Tod , sondern einen Guerrillakrieg innerhalb der von der gnädigen Frau selbst gezogenen Schranken . Sie hat allmählich dabei die schöne Stadt sich » herausgeluchst « , die herrlichen Gärten , die großen denkmalgeschmückten Plätze , die Soldaten , die Offiziere , die schönen Umgebungen und die bezaubernden Fernblicke in sonnenbeschienene Ebenen und nach neuen blauen Hügelrändern hin ; sie erwischt aus dem Bücherschranke des , wie sie gehört hatte , noch gar nicht verstorbenen niederländischen Hauptmanns Bücher ; sie dringt darauf , daß sie , noch immer nicht eingesegnet , wenigstens in die Kirche gehen darf ; sie schreibt seitenlange Briefe nach Langen-Nauenheim , worin sie freilich das Ausbleiben des Korbes entschuldigen und eine Menge Erfindungen mittheilen muß , weil die gnädige Frau die Briefe erst liest , ehe sie sie abgehen läßt . Und nun macht es ihr gerade Spaß , die komischsten Erdichtungen zu schreiben , nur damit die » Alte « sich ärgert oder in jene Blindheit verfällt , die sie überkommt , wenn ihre unruhigen und gespenstischen Gedanken ganz nach innen gehen . Lucinde schreibt von Bällen und Gastereien , und die Alte liest es , als hörte sie die Geigen rauschen und die Schüsseln klappern . Sie läßt den Brief abgehen und ist sogar milder als sonst , weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen Zustande herauskommt . Um so gräßlicher ihr Erwachen ! Dann war ' s doch , als beschuldigte sie Lucinden , der » schwarze Teufel « , wie sie sie nannte , wolle sie erwürgen . Dann hatte die menschenfeindliche , geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre javanischen Pfeilspitzen . Wie der Taubenfalk schoß sie hinter Lucinden her , wenn diese nur einmal gelacht hatte ; sie krallte mit ihren dürren Fingern in sie ein wie jener , wenn er aus Himmelshöhen niederschießt . Die böse Frau hatte keinen Schlaf . Sie fürchtete entweder Gespenster oder sich selbst . Sie leuchtete um Mitternacht in die Winkel . Kam sie an die Bettlade Lucindens , so hielt sie das Licht über die Halbschlummernde und schrie sie an : Das kann schlafen ! Das kann die Augen zuthun ! Oft mußte Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens vorlesen , Reisebeschreibungen , Erzählungen von den Wilden , zuweilen auch Legenden . Frau von Buschbeck ging jährlich einmal zur Kirche ; sie war katholisch . Wenn aber Lucinde um ihre Einsegnung drängte , nahm sie alle Bücher fort und sagte : Unser Herrgott ist der Satan ! Sie war so geizig , daß sie sich eine alte Guitarre , auf der sie in den Abendstunden klimperte , nicht einmal neu mit Saiten beziehen ließ . Auf zwei Saiten spielte sie alte sentimentale Lieder und pfiff dazu . Da sie dies ohne Lippen thun mußte , so klang es wie leiser klagender Nebelwind auf der Heide . Der Anblick dieser grotesken Scene war Lucinden nicht vergönnt , denn Frau von Buschbeck schloß sich ein , wie sie fast immer that , besonders nach jedem Ersten im Monat , wo der Postbote eine ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte . Da mochte sie zählen , was ihr Geiz aufhäufte . Oft lauschte Lucinde und hatte die listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubenthür gedrückt . Sie unterließ aber auch das , als eines Tages auf der entgegengesetzten Fläche der Scheibe das volle Antlitz der plötzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmännin sie angrinste . Sie war von dem Anblick so entsetzt , als hätte ihr eine Fledermaus auf der Nase gesessen . Sie bebte so , daß sie nicht einmal entfliehen konnte , sondern ruhig geschehen ließ , daß die Thür sich öffnete und sie zur Strafe ihre gewöhnliche körperliche Züchtigung erhielt . Dabei liefen Tag und Nacht zusammen . Hatte Lucinde bis drei Uhr nach Mitternacht vorgelesen , so meinte die Hauptmännin , bis vier wäre nur noch eine Stunde und man könnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen , worunter sie Nähen und Stricken verstand . Die Hemden und Strümpfe , die Lucinde lieferte , gingen und kamen : sie behauptete , für eine Anstalt , die gut zahle ; sie spare alles für Lucindens Zukunft . Oft wurde sie , wenn gar zu böse Stunden kamen , so tückisch , daß Lucinde manche Arbeit dreimal thun mußte , nur damit ihre Peinigerin über dies und jenes ihren Willen hatte . Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlaß . Er erklärte rundweg , Frau von Buschbeck sollte auf dem Amte erscheinen und sich wiederum rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten , wie schon öfters . Eine Menge Menschen aus dem Hause und der Nachbarschaft drängte nach . Beinahe wäre ein Act der Volksjustiz ausgeführt worden , denn man fand wirklich Lucinden an Händen und Füßen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Küche , in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Geräth aufbewahrte . Dort lag sie schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Wasser und Brot , weil sie , wie sie beschuldigt wurde , aus » Bosheit « zwei chinesische Tassen zerschlagen hätte mit der Drohung , alles Zerbrechliche auf der Servante zu zertrümmern , wenn sie noch ferner jedes kleine Misgeschick , das sie beim Abstäuben oder Putzen beträfe , mit » künftigem Abzug von ihren Ersparnissen « büßen müsse ... Im Hause hatte man das Jettchen der Frau Hauptmännin zwei Tage lang nicht bemerkt , Anzeige gemacht , und so kam es zum Durchbruch . Lucinde machte auf dem Amte dem Polizeirichter , Stadtamtmann genannt , einen wunderlichen Eindruck . Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art fast vollkommen entwickelt . List und Verschlagenheit waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens , der ihr aber schön stand , wenn ihre dunkelbeschatteten Augen glühten , ihre Lippen trotzig sich aufwarfen und dabei ein ständiges scheues und ironisches Lächeln um den kleinen zierlichen Mund spielte . Das schwarze Haar war in Flechten geordnet , die voll und schwer um die Stirn gingen . Selbst die Hände , die doch soviel schaffen und » schanzen « mußten , waren nicht eben rauh . Sie sagte , da die in einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung derselben berief , daß sie es bei ihrem Vater » nicht nöthig gehabt hätte « . Nur ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse . Sie senkte den Kopf ... so aber , wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt . Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie .... Erst jetzt erfuhr sie ein schreckliches Unglück aus Langen-Nauenheim . Drei ihrer Geschwister , und das liebe Hannchen darunter , waren schon seit Jahresfrist todt ! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber , das in der Gegend wüthete , hinweggerafft ... Die Alte hatte den Brief des Vaters aufgefangen und den Inhalt verschwiegen , weil sie die Wirkung des Kummers auf den Fleiß und die Arbeit fürchtete ! Wie Lucinde diese Nachricht hörte , stürzten ihr seltsamerweise keine Thränen aus den Augen ... Nur schrecklich erblaßte sie ... Der Stadtamtmann ließ das wankende Mädchen sich auf einen Stuhl setzen ; man konnte eine Ohnmacht befürchten ... Der Blick , den Lucinde bei dieser Nachricht auf die böse Frau warf , war furchtbar ... Ihre sonst so dunkeln Augen sahen in diesem Moment weiß aus , und die böse Zunge der stadtberüchtigten Frau , die der Verzweiflung nahe war , kein Mädchen bekommen zu können , und in diesem Fluche fast mit wirklichem Schmerz eine angezettelte Verschwörung sah , war gegen sie völlig verstummt . Als der Stadtamtmann Lucinden erstens einen Lohn und die Auszahlung ihrer Ersparnisse gesichert , dann die Frau Hauptmännin , die er indessen sonderbarerweise immer nur Fräulein von Gülpen nannte , aufs entschiedenste ermahnt hatte , die Langmuth der » überhaupt gegen sie so duldsamen « städtischen Behörden nicht zu erschöpfen , wurde Lucinde von ihm befragt , ob sie nicht zu ihrem Vater und zu ihren Geschwistern zurück wolle ? Sie saß starr und antwortete nicht . Dann erwähnte der Stadtamtmann unter den Unterlassungssünden , die sich » Fräulein von Gülpen « gegen sie hatte zu Schulden kommen lassen , auch die unterbliebene und doch von ihr versprochene anständige Confirmation . Gleichsam aber , als wenn sich Lucinde fürchtete , nun in Langen-Nauenheim noch erst confirmirt und dort unter die ihr wohlbekannten Buben und Mädchen gesetzt zu werden , antwortete sie auf die wiederholte Frage , ob sie mit der immerhin beträchtlichen Summe von nahezu funfzig Thalern , die ihr zuerkannt wurde , nach Langen-Nauenheim zu ihrem Vater und ihren auf drei zusammengeschmolzenen Geschwistern zurückkehren wolle , mit einem ernsten , bedachtsamen und fast kalten Kopfschütteln : Nein ! Das ist ' s ja ! brach die zitternde Tyrannin aus . Das Leben auf der Straße , die Promenaden , die Offiziere , das Schlendern , das Gaffen ... Ruhe , Fräulein ! unterbrach der Stadtamtmann . Frau von Buschbeck oder Fräulein von Gülpen mußte sich entfernen , nachdem sie mit zitternden Händen einen Revers zur Zahlung von funfzig Thalern und Auslieferung aller Sachen Lucindens unterschrieben hatte . Sie ging mit krampfhaftem Zusammenschlagen ihrer Ober- und Unterkiefern , doch nicht ohne eine Art von Würde und Vornehmheit . Man hatte ihr da , wo man ihre Lebensverhältnisse näher zu kennen schien , zwar den Titel einer Frau geraubt , den einer Adeligen aber lassen müssen . Draußen empfing sie das Hohngeschrei zusammengelaufener Menschen . Sie war die Bekannte , Stadtkundige , die Frau : bei der niemand dienen wollte ! Sie stürzte in ihren Fiaker , doppelt schwer aufseufzend ; denn ihr Geiz sagte ihr wieder : Himmel , du hast den Fiaker vorher zu bezahlen vergessen ! Nun rechnet dir der auch noch die halbe Stunde an , die er vor dem Stadthause hat warten müssen ! 4. Der Stadtamtmann war in der Lage , gerade ein Mädchen zu bedürfen . Er bot Lucinden an , zu seiner Frau zu ziehen . Für die Confirmation versprach er unverzüglich Sorge zu tragen . Sie nickte einfach : Ja ! saß bis auf weiteres im Nebenzimmer des Amtssaales eine halbe Stunde allein , setzte im Geiste einen Brief auf , den sie an ihren Vater schreiben wollte , und folgte dann dem Stadtamtmann , als er sein Vormittagsgeschäft hinter sich hatte , in einiger Entfernung in seine Wohnung . Die Polizeidiener ersparten ihr die Gefahr , noch einmal zur gnädigen Frau , wie sie lachend titulirt wurde , zurückzukehren , und versprachen ihr alles Ihrige abzuholen und nachzubringen . Lucinde schaute und hörte hinein wie in eine fremde Welt . Daß sie einer schrecklichen , abscheuerregenden , wie es hieß und auch später im Wochenblatt unter der Rubrik Polizeibericht zu lesen war , » zuchthauswürdigen « Behandlung entronnen war , ... das fühlte sie eigentlich selbst nicht so lebendig . Sie ließ sich ' s von den Leuten nur sagen und nahm ' s dann hin , wie die es wollten . Die Frau Stadtamtmann hatte nichts gegen die Anordnungen ihres Gatten einzuwenden . Nur schien ihr die Zumuthung , das neue Mädchen erst confirmiren lassen zu müssen , umständlich . Indessen sagte sie zu . » Henriettens « Anblick - dieser veränderte Name blieb auch hier - that ihr wohl . Die Frau Stadtamtmann war gerade in der Hoffnung und sorgte dafür schönen Formen zu begegnen . Der Anblick des anziehenden , schlanken und gesunden Mädchens that ihr wohl . Es kommt oft vor , junge Confirmandinnen zu sehen , die nur gleich am Altar stehen bleiben sollten , um sich den Ehesegen geben zu lassen . Auch Lucinde war auf besondere Bitte des Amtmanns schon nach vier Wochen ein solcher Spätling unter den lieblichen weißgekleideten Kindern mit ihren Rosaschärpen und Myrtensträußchen . Der Superintendent gestattete die schnelle Beförderung , da er von der Schulmeisterstochter religiöse Bildung voraussetzte . Er wußte wol nicht , daß man sich nirgends mit dem lieben Gott weniger Sorge macht als in Pfarr- und Schulhäusern . Da steht man mit dem Himmel auf dem Fuß des Empfangens im Négligé . Gebetet hatte Lucinde außer vor und nach der Schule nur beim Eierkochen . Pflaumenweich liebte der Vater die Eier und dafür genügten zwei Vaterunser . Der Wildling stand nach vier Wochen unter den Confirmandinnen . An Wuchs ragte sie hier nicht mehr vor allen hervor ; es gab ebenso aufgeschossene Blondinen und Brünetten wie sie , zu denen sich der Herr Superintendent nicht gar zu sehr zu bücken brauchte , wenn er ihnen Sonntags darauf den Kelch reichte ; aber Lucinde war schon voll , kräftig in den Schultern , stark in den Hüften , und wenn auch im allgemeinen ihr scharfgeformter Kopf selbst noch nichtssagend war , so reizte sie das kindliche Wesen ihrer Umgebungen doch zu einem Umblick in der Kirche , der ihr ganz vorwitzig und weltlich stand . Manchem mußte sie auffallen . Sie stand wie ein Heidenkind , zerstreut und ohne Andacht , obgleich ihre schwarzen Bänder auf Trauer deuteten .