ich würde die Sachen schon selber zu betreiben suchen . Der Vater ging auf meinen Wunsch ein , und ich war nun sehr freudig , keinen Lehrer mehr zu haben und auf mich allein angewiesen zu sein . Ich fragte Männer um Rat , welche einen großen wissenschaftlichen Namen hatten und gewöhnlich an der einen oder der andern Anstalt der Stadt beschäftigt waren . Ich näherte mich ihnen nur , wenn es ohne Verletzung der Bescheidenheit geschehen konnte . Da es meistens nur eine Anfrage war , die ich in Bezug auf mein Lernen an solche Männer stellte , und da ich mich nicht in ihren Umgang drängte , so nahmen sie meine Annäherung nicht übel , und die Antwort war immer sehr freundlich und liebevoll . Auch waren unter den Männern , die gelegentlich in unser Haus kamen , manche , die in gelehrten Dingen bewandert waren . Auch an diese wandte ich mich . Meistens betrafen die Anfragen Bücher , und die Folge , in welcher sie vorgenommen werden sollten . Ich trieb anfangs jene Zweige fort , in denen ich schon Unterricht erhalten hatte , weil man sie zu jener Zeit eben als Grundlage einer allgemeinen menschlichen Bildung betrachtete , nur suchte ich zum Teile mehr Ordnung in dieselben zu bringen , als bisher befolgt worden war , zum Teile suchte ich mich auch in jenem Fache auszudehnen , das mir mehr zuzusagen begann . Auf diese Weise geschah es , daß in dem Ganzen doch noch eine ziemliche Ordnung herrschte , da bei der Unbestimmtheit des ganzen Unternehmens die Gefahr sehr nahe war , in die verschiedensten Dinge zersplittert und in die kleinsten Kleinlichkeiten verschlagen zu werden . In Bezug auf die Fächer , die ich eben angefangen hatte , besuchte ich auch Anstalten in unserer Stadt , die ihnen förderlich werden konnten : Büchersammlungen , Sammlungen von Werkzeugen und namentlich Orte , wo Versuche gemacht wurden , die ich wegen meiner Unreifheit und wegen Mangel an Gelegenheit und Werkzeugen nie hätte ausführen können . Was ich an Büchern und überhaupt an Lehrmitteln brauchte , schaffte der Vater bereitwillig an . Ich war sehr eifrig und gab mich manchem einmal ergriffenen Gegenstande mit all der entzündeten Lust hin , die der Jugend bei Lieblingsdingen eigen zu sein pflegt . Obwohl ich bei meinen Besuchen der öffentlichen Anstalten zu körperlicher oder geistiger Entwickelung , ferner bei den Besuchen , welche Leute bei uns oder welche wir bei ihnen machten , sehr viele junge Leute kennen gelernt hatte , so war ich doch nie dahin gekommen , so ausschließlich auf bloße Vergnügungen und noch dazu oft unbedeutende erpicht zu sein , wie ich es bei der größten Zahl der jungen Leute gesehen hatte . Die Vergnügungen , die in unserem Hause vorkamen , wenn wir Leute zum Besuche bei uns hatten , waren auch immer ernsterer Art. Ich lernte auch viele ältere Menschen kennen ; aber ich achtete damals weniger darauf , weil es bei der Jugend Sitte ist , sich mit lebhafter Beteiligung mehr an die anzuschließen , die ihnen an Jahren näher stehen , und das , was an älteren Leuten befindlich ist , zu übersehen . Als ich achtzehn Jahre alt war , gab mir der Vater einen Teil meines Eigentumes aus der Erbschaft vom Großoheime zur Verwaltung . Ich hatte bis dahin kein Geld zu regelmäßiger Gebarung gehabt , sondern , wenn ich irgend etwas brauchte , kaufte es der Vater , und zu Dingen von minderem Belange gab mir der Vater das Geld , damit ich sie selber kaufe . Auch zu Vergnügungen bekam ich gelegentlich kleine Beträge . Von nun an aber , sagte der Vater , werde er mir am ersten Tage eines jeden Monats eine bestimmte Summe auszahlen , ich solle darüber ein Buch führen , er werde diese Auszahlungen bei der Verwaltung meines Gesamtvermögens , welche Verwaltung ihm noch immer zustehe , in Abrechnung bringen , und sein Buch und das meinige müßten stimmen . Er gab mir einen Zettel , auf welchem der Kreis dessen aufge- zeichnet war , was Ich von nun an mit meinen monatlichen Einkünften zu bestreiten hätte . Er werde mir nie mehr von seinem Gelde einen Gegenstand kaufen , der in den verzeichneten Kreis gehöre . Ich müsse pünktlich verfahren und haushälterisch sein ; denn er werde mir auch nie und nicht einmal unter den dringendsten Bedingungen einen Vorschuß geben . Wenn ich zu seiner Zufriedenheit eine Zeit hindurch gewirtschaftet hätte , dann werde er meinen Kreis wieder erweitern , und er werde nach billigstem Ermessen sehen , in welcher Zeit er mir auch vor der erreichten gesetzlichen Mündigkeit meine Angelegenheiten ganz in die Hände werde geben können . 2. Der Wanderer Ich verfahr mit der Rente , welche mir der Vater ausgesetzt hatte , gut . Daher wurde nach einiger Zeit mein Kreis erweitert , wie es der Vater versprochen hatte . Ich sollte von nun an nicht bloß nur einen Teil meiner Bedürfnisse von dem zugewiesenen Einkommen decken , sondern alle . Deshalb wurde meine Rente vergrößert . Der Vater zahlte sie mir von nun an auch nicht mehr monatlich , sondern vierteljährig aus , um mich an größere Zeitabschnitte zu gewöhnen . Sie mir halbjährig oder gar nach ganzen Jahren einzuhändigen wollte er nicht wagen , damit ich doch nicht etwa in Unordnungen geriete . Er gab mir nicht die ganzen Zinsen von der Erbschaft des Großoheims , sondern nur einen Teil , den andern Teil legte er zu der Hauptsumme , so daß mein Eigentum wuchs , wenn ich auch von meiner Rente nichts erübrigte . Als Beschränkung blieb die Einrichtung , daß ich in dem Hause meiner Eltern wohnen und an ihrem Tische speisen mußte . Es ward dafür ein Preis festgesetzt , den ich alle Vierteljahre zu entrichten hatte . Jedes andere Bedürfnis , Kleider , Bücher , Geräte oder was es immer war , durfte ich nach meinem Ermessen und nach meiner Einsicht befriedigen . Die Schwester erhielt auch Befugnisse in Hinsicht ihres Teiles der Erbschaft des Großoheims , in so weit sie sich für ein Mädchen schickten . Wir waren über diese Einrichtung sehr erfreut , und beschlossen , nach dem Wunsche und dem Willen der Eltern zu verfahren , um ihnen Freude zu machen . Ich ging , nachdem ich in den verschiedenen Zweigen der Kenntnisse , die ich zuletzt mit meinen Lehrern betrieben hatte , und welche als allgemein notwendige Kenntnisse für einen gebildeten Menschen gelten , nach mehreren Richtungen gearbeitet hatte , auf die Mathematik über . Man hatte mir immer gesagt , sie sei die schwerste und herrlichste Wissenschaft , sie sei die Grundlage zu allen übrigen , in ihr sei alles wahr , und was man aus ihr habe , sei ein bleibendes Besitztum für das ganze Leben . Ich kaufte mir die Bücher , die man mir riet , um von den Vorkenntnissen , die ich bereits hatte , ausgehen und zu dem Höheren immer weiter streben zu können . Ich kaufte mir eine sehr große Schiefertafel , um auf ihr meine Arbeiten ausführen zu können . So saß ich nun in manchen Stunden , die zum Erlernen von Kenntnissen bestimmt waren , an meinem Tische und rechnete . Ich ging den Gängen der Männer nach , welche die Gestaltungen dieser Wissenschaft nach und nach erfunden hatten und von diesen Gestaltungen zu immer weiteren geführt worden waren . Ich setzte mir bestimmte Zeiträume fest , in welchen ich vom Weitergehen abließ , um das bis dahin Errungene wiederholen und meinem Gedächtnisse einprägen zu können , ehe ich zu ferneren Teilen vorwärts schritt . Die Bücher , welche ich nach und nach durchnehmen wollte , hatte ich in der Ordnung auf einem Bücherbrett aufgestellt . Ich war nach einer verhältnismäßigen Zeit in ziemlich schwierige Abteilungen des höheren Gebietes dieser Wissenschaft vorgerückt . Der Vater erlaubte mir endlich , zuweilen im Sommer eine Zeit hindurch entfernt von den Eltern auf irgend einem Punkte des Landes zu wohnen . Zum ersten Aufenthalte dieser Art wurde das Landhaus eines Freundes meines Vaters nicht gar ferne von der Stadt erwählt . Ich erhielt ein Zimmerchen in dem obersten Teile des Hauses , dessen Fenster auf die nahen Weinberge und zwischen ihren Senkungen durch auf die entfernten Gebirge gingen . Die Frau des Hauses gab mir in sehr kurzen Zwischenzeiten immer erneuerte schneeweiße Fenstervorhänge . Sehr oft kamen die Eltern heraus , besuchten mich und brachten den Tag auf dem Lande zu . Sehr oft ging ich auch zu ihnen in die Stadt , und blieb manchmal sogar über Nacht in ihrem Hause . Der zweite Aufenthalt im nächst darauf folgenden Sommer war viel weiter von der Stadt entfernt in dem Hause eines Landmanns . Man hat häufig in den Häusern unserer Landleute , in welchen alle Wohnstuben und andere Räumlichkeiten ebenerdig sind , doch noch ein Geschoß über diesen Räumlichkeiten , in welchem sich ein oder mehrere Gemächer befinden . Unter diesen Gemächern ist auch die sogenannte obere Stube . Häufig ist sie bloß das einzige Gemach des ersten Geschosses . Die obere Stube ist gewissermaßen das Prunkzimmer . In ihr stehen die schöneren Betten des Hauses , gewöhnlich zwei , in ihr stehen die Schreine mit den schönen Kleidern , in ihr hängen die Scheiben-und Jagdgewehre des Mannes , wenn er dergleichen hat , so wie die Preise , die er im Schießen etwa schon gewonnen , in ihr sind die schöneren Geschirre der Frau , besonders wenn sie Krüge aus Zinn oder etwas aus Porzellan hat , und in ihr sind auch die besseren Bilder des Hauses und sonstige Zierden , zum Beispiel ein schönes Jesukindlein aus Wachs , welches in weißem feinem Flaume liegt . In einer solchen oberen Stube des Hauses eines Landmanus wohnte ich . Das Haus war so weit von der Stadt entfernt , daß ich die Eltern nur ein einziges Mal mit Benutzung des Postwagens besuchen konnte , sie aber gar nie zu mir kamen . Dieser Aufenthalt brachte Veränderungen in mir hervor . Weil ich mit den Meinigen nicht zusammen kommen konnte , so lebte die Sehnsucht nach Mitteilung viel stärker in mir , als wenn ich zu Hause gewesen wäre und sie jeden Augenblick hätte befriedigen können . Ich schritt also zu ausführlichen Briefen und Berichten . Ich hatte bisher immer aus Büchern gelernt , deren ich mir bereits eine ziemliche Menge in meine Bücherkästen von meinem Gelde gekauft hatte ; aber ich hatte mich nie geübt , etwas selber in größerem Zusammenhange zusammen zu stellen . Jetzt mußte ich es tun , ich tat es gerne , und freute mich , nach und nach die Gabe der Darstellung und Erzählung in mir wachsen zu fühlen . Ich schritt zu immer zusammengesetzteren und geordneteren Schilderungen . Auch eine andere Veränderung trat ein . Ich war schon als Knabe ein großer Freund der Wirklichkeit der Dinge gewesen , wie sie sich so in der Schöpfung oder in dem geregelten Gange des menschlichen Lebens darstellte . Dies war oft eine große Unannehmlichkeit für meine Umgebung gewesen . Ich fragte unaufhörlich um die Namen der Dinge , um ihr Herkommen und ihren Gebrauch , und konnte mich nicht beruhigen , wenn die Antwort eine hinausschiebende war . Auch konnte ich es nicht leiden , wenn man einen Gegenstand zu etwas anderem machte , als er war . Besonders kränkte es mich , wenn er , wie ich meinte , durch seine Veränderung schlechter wurde . Es machte mir Kummer , als man einmal einen alten Baum des Gartens fällte und ihn in lauter Klötze zerlegte . Die Klötze waren nun kein Baum mehr , und da sie morsch waren , konnte man keinen Schemel , keinen Tisch , kein Kreuz , kein Pferd daraus schnitzen . Als ich einmal das offene Land kennen gelernt und Fichten und Tannen auf den Bergen stehen gesehen hatte , taten mir jederzeit die Bretter leid , aus denen etwas in unserem Hause verfertigt wurde , weil sie einmal solche Fichten und Tannen gewesen waren . Ich fragte den Vater , wenn wir durch die Stadt gingen , wer die große Kirche des heiligen Stephan gebaut habe , warum sie nur einen Turm habe , warum dieser so spitzig sei , warum die Kirche so schwarz sei , wem dieses oder jenes Haus gehöre , warum es so groß sei , weshalb sich an einem andern Hause immer zwei Fenster neben einander befänden , und in einem weiteren Hause zwei steinerne Männer das Sims des Haustores tragen . Der Vater beantwortete solche Fragen je nach seinem Wissen . Bei einigen äußerte er nur Mutmaßungen , bei anderen sagte er , er wisse es nicht . Wenn wir auf das Land kamen , wollte ich alle Gewächse und Steine kennen , und fragte um die Namen der Landleute und der Hunde . Der Vater pflegte zu sagen , ich müßte einmal ein Beschreiber der Dinge werden , oder ein Künstler , welcher aus Stoffen Gegenstände fertigt , an denen er so Anteil nimmt , oder wenigstens ein Gelehrter , der die Merkmale und Beschaffenheiten der Sachen erforscht . Diese Eigenschaft nun führte mich , da ich auf dem Lande wohnte , in eine besondere Richtung . Ich legte die Mathematik weg , und widmete mich der Betrachtung meiner Umgebungen . Ich fing an , bei allen Vorkommnissen des Hauses , in dem ich wohnte , zuzusehen . Ich lernte nach und nach alle Werkzeuge und ihre Bestimmungen kennen . Ich ging mit den Arbeitern auf die Felder , auf die Wiesen und in die Wälder , und arbeitete gelegentlich selber mit . Ich lernte in kurzer Zeit auf diese Weise die Behandlung und Gewinnung aller Bodenerzeugnisse des Landstriches , auf dem ich wohnte , kennen . Auch ihre erste ländliche Verarbeitung zu Kunsterzeugnissen suchte ich in Erfahrung zu bringen . Ich lernte die Bereitung des Weines aus Trauben kennen , des Garnes und der Leinwand aus Flachs , des Butters und des Käses aus der Milch , des Mehles und Brotes aus dem Getreide . Ich merkte mir die Namen , womit die Landleute ihre Dinge benannten , und lernte bald die Merkmale kennen , aus denen man die Güte oder den geringeren Wert der Bodenerzeugnisse oder ihre nächsten Umwandlungen beurteilen konnte . Selbst in Gespräche , wie man dieses oder jenes auf eine vielleicht zweckmäßigere Weise hervorbringen könnte , ließ ich mich ein , fand aber da einen hartnäckigen Widerstand . Als ich diese Hervorbringung der ersten Erzeugnisse in jenem Striche des Landes , in welchem ich mich aufhielt , kennen gelernt hatte , ging ich zu den Gegenständen des Gewerbfleißes über . Nicht weit von meiner Wohnung war ein weites flaches Tal , das von einem Wasser durchströmt war , welches sich durch seine gleichbleibende Reichhaltigkeit und dadurch , daß es im Winter nicht leicht zufror , besonders zum Treiben von Werken eignete . In dem Tale waren daher mehrere Fabriken zerstreut . Sie gehörten meistens zu ansehnlichen Handelshäusern . Die Eigentümer lebten in der Stadt , und besuchten zuweilen ihre Werke , die von einem Verwalter oder Geschäftsleiter versehen wurden . Ich besuchte nach und nach alle diese Fabriken , und unterrichtete mich über die Erzeugnisse , welche da hervorgebracht wurden . Ich suchte den Hergang kennen zu lernen , durch welchen der Stoff in die Fabrik geliefert wurde , durch welchen er in die erste Umwandlung , von dieser in die zweite , und so durch alle Stufen geführt wurde , bis er als letztes Erzeugnis der Fabrik hervorging . Ich lernte hier die Güte der einlangenden Rohstoffe kennen , und wurde auf die Merkmale aufmerksam gemacht , aus denen auf eine vorzügliche Beschaffenheit der endlich in der Fabrik fertig gewordenen Erzeugnisse geschlossen werden konnte . Ich lernte auch die Mittel und Wege kennen , durch welche die Umwandlungen , die die Stoffe nach und nach zu erleiden hatten , bewirkt wurden . Die Maschinen , welche hiezu größtenteils verwendet wurden , waren mir durch meine bereits erworbenen Vorkenntnisse in ihren allgemeinen Einrichtungen schon bekannt . Es war mir daher nicht schwer , ihre besonderen Wirkungen zu den einzelnen Zwecken , die hier erreicht werden sollten , einsehen zu lernen . Ich ging durch die Gefälligkeit der dabei Angestellten alle Teile durch , bis ich das Ganze so vor mir hatte und zusammen begreifen konnte , als hätte ich es als Zeichnung auf dem Papier liegen , wie ich ja bisher alle Einrichtungen solcher Art nur aus Zeichnungen kennen zu lernen Gelegenheit hatte . In späterer Zeit begann ich , die Naturgeschichte zu betreiben . Ich fing bei der Pflanzenkunde an . Ich suchte zuerst zu ergründen , welche Pflanzen sich in der Gegend befänden , in welcher ich mich aufhielt . Zu diesem Zwecke ging ich nach allen Richtungen aus , und bestrebte mich , die Standorte und die Lebensweise der verschiedenen Gewächse kennen zu lernen und alle Gattungen zu sammeln . Welche ich mit mir tragen konnte , und welche nur einiger Maßen aufzubewahren waren , nahm ich mit in meine Wohnung . Von solchen , die ich nicht von dem Orte bringen konnte , wozu besonders die Bäume gehörten , machte ich mir Beschreibungen , welche ich zu der Sammlung einlegte . Bei diesen Beschreibungen , die ich immer nach allen sich mir darbietenden Eigenschaften der Pflanzen machte , zeigte sich mir die Erfahrung , daß nach meiner Beschreibung andere Pflanzen in eine Gruppe zusammen gehörten , als welche von den Pflanzenkundigen als zusammengehörig aufgeführt wurden . Ich bemerkte , daß von den Pflanzenlehrern die Einteilungen der Pflanzen nur nach einem oder einigen Merkmalen , zum Beispiele nach den Samenblättern oder nach den Blütenteilen gemacht wurden , und daß da Pflanzen in einer Gruppe beisammen stehen , welche in ihrer ganzen Gestalt und in ihren meisten Eigenschaften sehr verschieden sind . Ich behielt die herkömmlichen Einteilungen bei , und hatte aber auch meine Beschreibungen daneben . In diesen Beschreibungen standen die Pflanzen nach sinnfälligen Linien und , wenn ich mich so ausdrücken dürfte , nach ihrer Bauführung beisammen . Bei den Mineralien , welche ich mir sammelte , geriet ich beinahe in dieselbe Lage . Ich hatte mir schon seit meiner Kinderzeit manche Stücke zu erwerben gesucht . Fast immer waren dieselben aus anderen Sammlungen gekauft oder geschenkt worden . Sie waren schon Sammlungsstücke , hatten meistens das Papierstückchen mit ihrem Namen auf sich aufgeklebt . Auch waren sie wo möglich immer im Kristallzustande . Das System von Mohs hatte einmal großes Aufsehen gemacht , ich war durch meine mathematischen Arbeiten darauf geführt worden , hatte es kennen und lieben gelernt . Allein da ich jetzt meine Mineralien in der Gegend meines Aufenthaltes suchte und zusammen trug , fand ich sie weit öfter in unkristallisiertem Zustande als in kristallisiertem , und sie zeigten da allerlei Eigenschaften für die Sinne , die sie dort nicht haben . Das Kristallisieren der Stoffe , welches das System von Mohs voraussetzt , kam mir wieder wie ein Blühen vor , und die Stoffe standen nach diesen Blüten beisammen . Ich konnte nicht lassen , auch hier neben den Einteilungen , die gebräuchlich waren , mir ebenfalls meine Beschreibungen zu machen . Ungefähr eine Meile von unserer Stadt liegt gegen Sonnenuntergang hin eine Reihe von schönen Hügeln . Diese Hügel setzen sich in Stufenfolgen und nur hie und da von etwas größeren Ebenen unterbrochen immer weiter nach Sonnenuntergang fort , bis sie endlich in höher gelegenes , noch hügligeres Land , das sogenannte Oberland , übergehen . In der Nähe der Stadt sind die Hügel mehrfach von Landhäusern besetzt und mit Gärten und Anlagen geschmückt , in weiterer Entfernung werden sie ländlicher . Sie tragen Weinreben oder Felder auf ihren Seiten , auch Wiesen sind zu treffen , und die Gipfel oder auch manche Rückenstrecken sind mit laubigen , mehr busch- als baumartigen Wäldern besetzt . Die Bäche und sonstigen Gewässer sind nicht gar häufig , und oft traf ich im Sommer zwischen den Hügeln , wenn mich Durst oder Zufall hinab führte , das ausgetrocknete , mit weißen Steinen gefüllte Bett eines Baches . In diesem Hügellande war mein Aufenthalt , und in demselben rückte ich immer weiter gegen Sonnenuntergang vor . Ich streifte weit und breit herum , und war oft mehrere Tage von meiner Wohnung abwesend . Ich ging die einsamen Pfade , welche zwischen den Feldern oder Weingeländen hinliefen und sich von Dorf zu Dorf , von Ort zu Ort zogen und manche Meilen , ja Tagereisen in sich begriffen . Ich ging auf den abgelegenen Waldpfaden , die in Stammholz oder Gebüschen verborgen waren und nicht selten im Laubwerk , Gras oder Gestrippe spurlos endeten . Ich durchwanderte oft auch ohne Pfad Wiesen , Wald und sonstige Landflächen , um die Gegenstände zu finden , welche ich suchte . Daß wenige von unseren Stadtbewohnern auf solche Wege kommen , ist begreiflich , da sie nur kurze Zeit zu dem Genusse des Landlebens sich gönnen können , und in derselben auf den breiten , herkömmlichen Straßen des Landvergnügens bleiben und von anderen Pfaden nichts wissen . An der Mittagseite war das ganze Hügelland viele Meilen lang von Hochgebirge gesäumt . Auf einer Stelle der Basteien unserer Stadt kann man zwischen Häusern und Bäumen ein Fleckchen Blau von diesem Gebirge sehen . Ich ging oft auf jener Bastei , sah oft dieses kleine blaue Fleckchen , und dachte nichts weiter als : das ist das Gebirge . Selbst da ich von dem Hause meines ersten Sommeraufenthaltes einen Teil des Hochgebirges erblickte , achtete ich nicht weiter darauf . Jetzt sah ich zuweilen mit Vergnügen von einer Anhöhe oder von dem Gipfel eines Hügels ganze Strecken der blauen Kette , welche in immer undeutlicheren Gliedern ferner und ferner dahin lief . Oft , wenn ich durch wildes Gestrippe plötzlich auf einen freien Abriß kam , und mir die Abendröte entgegen schlug , weithin das Land in Duft und roten Rauch legend , so setzte ich mich nieder , ließ das Feuerwerk vor mir verglimmen , und es kamen allerlei Gefühle in mein Herz . Wenn ich wieder in das Haus der Meinigen zurückkehrte , wurde ich recht freudig empfangen , und die Mutter gewöhnte sich an meine Abwesenheiten , da ich stets gereifter von ihnen zurück kam . Sie und die Schwester halfen mir nicht selten , die Sachen , die ich mitbrachte , aus ihren Behältnissen auspacken , damit ich sie in den Räumen , die hiezu bestimmt waren , ordnen konnte . So war endlich die Zeit gekommen , in welcher es der Vater für geraten fand , mir die ganze Rente der Erbschaft des Großoheims zu freier Verfügung zu übertragen . Er sagte , ich könne mit diesem Einkommen verfahren , wie es mir beliebe , nur müßte ich damit ausreichen . Er werde mir auf keine Weise aus dem Seinigen etwas beitragen , noch mir je Vorschüsse machen , da meine Jahreseinnahme so reichlich sei , daß sie meine jetzigen Bedürfnisse , selbst wenn sie noch um vieles größer würden , nicht nur hinlänglich decke , sondern daß sie selbst auch manche Vergnügungen bestreiten könne , und daß doch noch etwas übrig bleiben dürfte . Es liege somit in meiner Hand , für die Zukunft , die etwa größere Ausgaben bringen könnte , mir auch eine größere Einnahme zu sichern . Meine Wohnung und meinen Tisch dürfe ich nicht mehr , wenn ich nicht wolle , in dem Hause der Eltern nehmen , sondern wo ich immer wollte . Das Stammvermögen selber werde er an dem Orte , an welchem es sich bisher befand , liegen lassen . Er fügte bei , er werde mir dasselbe , sobald ich das vierundzwanzigste Jahr erreicht habe , einhändigen . Dann könne ich es nach meinem eigenen Ermessen verwalten . » Ich rate dir aber , « fahr er fort , » dann nicht nach einer größeren Rente zu geizen , weil eine solche meistens nur mit einer größeren Unsicherheit des Stammvermögens zu erzielen ist . Sei immer deines Grundvermögens sicher , und mache die dadurch entstehende kleinere Rente durch Mäßigkeit größer . Solltest du den Rat deines Vaters einholen wollen , so wird dir derselbe nie entzogen werden . Wenn ich sterbe , oder freiwillig aus den Geschäften zurück trete , so werdet ihr beide auch noch von mir eine Vermehrung eures Eigentums erhalten . Wie groß dieselbe sein wird , kann ich noch nicht sagen , ich bemühe mich , durch Vorsicht und durch gut gegründete Geschäftsführung sie so groß als möglich und auch so sicher als möglich zu machen ; aber alle stehen wir in der Hand des Herrn , und er kann durch Ereignisse , welche kein Menschenauge vorher sehen kann , meine Vermögensumstände bedeutend verändern . Darum sei weise , und gebare mit dem Deinigen , wie du bisher zu meiner und zur Befriedigung deiner Mutter getan hast . « Ich war gerührt über die Handlungsweise meines Vaters , und dankte ihm von ganzem Herzen . Ich sagte , daß ich mich stets bestreben werde , seinem Vertrauen zu ent sprechen , daß ich ihn inständig um seinen Rat bitte , und daß ich in Vermögensangelegenheiten wie in anderen nie gegen ihn handeln , und daß ich auch nicht den kleinsten Schritt tun wolle , ohne nach diesem Rat zu verlangen . Eine Wohnung außer dem Hause zu beziehen , solange ich in unserer Stadt lebe , wäre mir sehr schmerzlich , und ich bitte in dem Hause meiner Eltern und an ihrem Tische bleiben zu dürfen , solange Gott nicht selber durch irgend eine Schickung eine Änderung herbei führe . Der Vater und die Mutter waren über diese Worte erfreut . Die Mutter sagte , daß sie mir zu meiner bisherigen Wohnung , die mir doch als einem nunmehr selbständigen Manne besonders bei meinen jetzigen Verhältnissen zu klein werden dürfte , noch einige Räumlichkeiten zugeben wolle , ohne daß darum der Preis unverhältnismäßig wachse . Ich war natürlicher Weise mit allem einverstanden . Ich mußte gleich mit der Mutter gehen und die mir zugedachte Vergrößerung der Wohnung besehen . Ich dankte ihr für ihre Sorgfalt . Schon in den nächsten Tagen richtete ich mich in der neuen Wohnung ein . Den Winter benutzte ich zum Teile mit Vorbereitungen , um im nächsten Sommer wieder große Wanderungen machen zu können . Ich hatte mir vorgenommen , nun endlich einmal das Hochgebirge zu besuchen und in ihm so weit herum zu gehen , als es mir zusagen würde . Als der Sommer gekommen war , fuhr ich von der Stadt auf dem kürzesten Wege in das Gebirge . Von dem Orte meiner Ankunft aus wollte ich dann in ihm längs seiner Richtung von Sonnenaufgang nach Sonnenuntergang zu Fuße fort wandern . Ich begab mich sofort auf meinen Weg . Ich ging den Tälern entlang , selbst wenn sie von meiner Richtung abwichen und allerlei Windungen verfolgten . Ich suchte nach solchen Abschweifungen immer meinen Hauptweg wieder zu gewinnen . Ich stieg auch auf Bergjoche , und ging auf der entgegengesetzten Seite wieder in das Tal hinab . Ich erklomm manchen Gipfel und suchte von ihm die Gegend zu sehen und auch schon die Richtung zu erspähen , in welcher ich in nächster Zeit vordringen würde . Im ganzen hielt ich mich stets , soweit es anging , nach dem Hauptzuge des Gebirges , und wich von der Wasserscheide so wenig als möglich ab . In einem Tale an einem sehr klaren Wasser sah ich einmal einen toten Hirsch . Er war gejagt worden , eine Kugel hatte seine Seite getroffen , und er mochte das frische Wasser gesucht haben , um seinen Schmerz zu kühlen . Er war aber an dem Wasser gestorben . Jetzt lag er an demselben so , daß sein Haupt in den Sand gebettet war und seine Vorderfüße in die reine Flut ragten . Ringsum war kein lebendiges Wesen zu sehen . Das Tier gefiel mir so , daß ich seine Schönheit bewunderte und mit ihm großes Mitleid empfand . Sein Auge war noch kaum gebrochen , es glänzte noch in einem schmerzlichen Glanze , und dasselbe , so wie das Antlitz , das mir fast sprechend erschien , war gleichsam ein Vorwurf gegen seine Mörder . Ich griff den Hirsch an , er war noch nicht kalt . Als ich eine Weile bei dem toten Tiere gestanden war , hörte ich Laute in den Wäldern des Gebirges , die wie Jauchzen und wie Heulen von Hunden klangen . Diese Laute kamen näher , waren deutlich zu erkennen , und bald sprang ein Paar schöner Hunde über den Bach , denen noch einige folgten . Sie näherten sich mir . Als sie aber den fremden Mann bei dem Wilde sahen , blieben einige in der Entfernung stehen und bellten heftig gegen mich , während andere heulend weite Kreise um mich zogen , in ihnen dahin flogen , und in Eilfertigkeit sich an Steinen überschlugen und überstürzten . Nach geraumer Zeit kamen auch Männer mit Schießgewehren . Als sich diese dem Hirsche genähert hatten und neben mir standen , kamen auch die Hunde herzu , hatten vor mir keine Scheu mehr , beschnupperten mich , und bewegten sich , und zitterten um das Wild herum . Ich entfernte mich , nachdem die Jäger auf dem Schauplatze erschienen waren , sehr bald von ihm . Bisher hatte ich keine Tiere zu meinen Bestrebungen in der Naturgeschichte aufgesucht , obwohl ich die Beschreibungen derselben eifrig gelesen und gelernt hatte . Diese Vernachlässigung der leiblichen wirklichen Gestalt war bei mir so weit gegangen , daß ich , selbst da ich einen Teil des Sommers schon auf dem Lande zubrachte , noch immer die Merkmale von Ziegen , Schafen , Kühen aus meinen Abbildungen nicht nach den Gestalten suchte , die vor mir wandelten . Ich schlug jetzt einen andern Weg ein . Der Hirsch ,