mit die Anhaltepunkte , an welche ich bei meinem Rückgedenken den stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder anknüpfe . Einem Wässerchen will ich diese Chronik vergleichen , einem Wässerchen , welches sich aus dem Schoß der Erde mühevoll losringt und , anfangs trübe , noch die Spuren seiner dunklen , schmerzenvollen Geburtsstätte an sich trägt . Bald aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln , Blumen werden sich in ihm spiegeln , Vögelchen werden ihre Schnäbel in ihm netzen . An dieser Stelle werdet ihr es fast zu verlieren glauben , an jener wird es fröhlich wieder hervorhüpfen . Es wird seine eigene Sprache reden in wagehalsigen Sprüngen über Felsen , im listigen Suchen und Finden der Auswege - Gott bewahre es nur vor dem Verlaufen im Sande ! ... So fahre ich fort : Es war , wie gesagt , ein trauriger , unheimlicher Tag , aber nicht er war es , der damals so schwer auf meine Seele drückte . An jenem Tage sah ich von dem Fenster dort drüben die Fenster der Kammer meiner jetzigen Wohnung weit geöffnet trotz der Kälte , trotz dem Regen . Die weißen Vorhänge waren herabgelassen und an den Seiten befestigt , damit der Wind , welcher sie heftig hin und her bewegte , sie nicht abreiße . Der Tod hatte seine finstere , kalte Hand trennend auf ein glückliches Zusammenleben gelegt : der kleine Stuhl dort unter dem Efeugitter auf dem Fenstertritt vor dem Nähtischchen war leer geworden . Marie Ralff war tot ! - - Ich sah von meinem Fenster aus hier eine Gestalt im Zimmer auf und ab gehen . Armer Franz ! Armes kleines Kind ! Armer -Johannes ! - Sie war so lieblich , so jungfräulich-frauenhaft mit ihrem Kindchen im Arm ! Da hängt im Museum der Stadt ein kleines Madonnenbild , wo die » Unberührbare « den auf ihrem Schoß stehenden kleinen Jesus gar liebend-verwundert und mütterlich-stolz betrachtet . Dem Bilde glich sie , die ebenso blondlockig , ebenso heilig , ebenso schön war , und oft genug bleibe ich vor diesem Bilde , einem Werk des spanischen Meisters Morales , den seine Zeitgenossen el divino nannten , stehen , alter vergangener schöner Zeit gedenkend . Oh , ich liebte sie so , ich hatte so gelitten , als sie mich nur » Freund « und ihn , meinen Freund Franz Ralff , » Geliebter « nannte . Und jetzt war sie tot ; einsam hatte sie uns zurückgelassen ! Der Abend sank tiefer herab , und die Dämmerung legte sich zwischen mich und das Drüben . Ich hielt es nicht mehr aus , ich mußte hinüber ! Als ich eintrat , schritt Franz immer noch auf und ab ; er schien mich nicht zu bemerken , und still setzte ich mich in den Winkel neben die Wiege , wo Martha , die Wärterin , über dem Kinde wachte , welches ruhig schlief und die kleinen Hände zum Mündchen hinaufgezogen hatte . Ich weiß nicht , wie lange ich da gesessen habe , ich weiß von keinem meiner Gedanken in jener Nacht Rechenschaft zu geben . Die tiefe Stille , die auf der großen Stadt lag , ließ nur das Gefühl mich überkommen , als ob das Leben auch dieses zuckende , bewegte Herz eines ganzen großen Landes verlassen habe , als ob das leise Picken der Wanduhr das letzte verklingende Getön des Weltenrades sei und die ewige Stille nun binnen kurzem alles Leben zurückgeschlürft haben würde . Das leise Weinen des Kindes neben mir erweckte mich endlich ; Franz legte mir die Hand auf die Schulter und fiel dann plötzlich erschöpft auf einen Stuhl neben mir . » Gute Nacht , Johannes « , sagte er , den Kopf an meine Brust legend , » morgen wollen wir sie begraben ! « - Es waren die ersten Worte , die er an dem Tage sprach ! Am 3. Dezember O cara , cara Maria , vale ! Vale , cara Maria ! Cara , cara Maria , vale ! Es war ein berühmter Dichter , der dies auf den Grabstein einer geliebten Abgeschiedenen setzte , er hatte treffliche , herzerschütternde Gesänge gesungen ; hier wußte er nichts weiter als diese drei Worte , herzzerreißend wiederkehrend . Und jenes : Morgen ! dämmerte . Das Leben der großen Stadt begann wieder seinen gewöhnlichen Gang ; der Reichtum gähnte auf seinen Kissen oder hatte auch wohl das Herz ebenso schwer als die Armut , die jetzt aus ihrem dunkeln Winkel huschte , um einen neuen Ring der Kette ihres Leidens , einen neuen Tag ihrem Dasein anzuschmieden . Die Gewerbe faßten ihr Handwerkszeug ; die großen Maschinen begannen wieder zu hämmern und zu rauschen ; die Wagen rollten in den Straßen , und der Taufzug begegnete dem Totenwagen ; denn es war nicht die einzige Leiche drüben in der kleinen Kammer , die in der menschenvollen Stadt im letzten Schlaf ausgestreckt lag . Ich ging hinüber . Der Kesselschmied Marquart - er war damals noch jünger und kräftiger als heute - hatte sein Hämmern eingestellt und lehnte traurig in der niedrigen Tür , die in seine unterirdische Werkstatt hinabführt ; er liebte die tote Marie so gut wie alle , die mit ihr je in Berührung gekommen waren . Hatte sie nicht für jeden fremden Schmerz eine Träne , für jede fremde Freude ein teilnehmendes Lächeln ? War sie nicht in der dunkeln Sperlingsgasse wie jene sonnige , gute , kleine Fee , die überall , wo sie hintrat , eine Blume aus dem Boden hervorrief ? Auf dem Hausflur standen flüsternde Frauen , die mir traurig , als ich vorüberging , zunickten , und auf einer Treppenstufe saß ein kleines schluchzendes Mädchen , eine zerbrochene Puppe im Schoß . Oh , ich weiß das alles noch ! Und jetzt trat ich ein - Da lag sie in ihrem weißen , mit roten Schleifen besetzten Kleide , eine aufgeblühte Rose auf der Brust , in ihrem schwarzen Sarge , die einst so klaren und innigen Augen geschlossen , die ewige , ernste Ruhe des Todes auf der reinen Stirn ! Franz fiel mir weinend um den Hals ; junge Nachbarinnen in weißen Sonntagskleidern befestigten Girlanden von Tannenzweigen und Immergrün , aus denen hier und da eine einsame Blume hervorschaute , um den schwarzen Schrein . Ach , die Armut und der Winter erlaubten nicht , allzuviel » Süßes der Süßen « zu streuen ! Der junge Tischler Rudolf unten aus dem Hause stand , die Augen mit der Linken bedeckend . Hammer und Nägel in der Rechten , zur Seite ; seine junge Braut lehnte schluchzend das Haupt auf seine Schulter . Oh , ich weiß das alles , alles noch ! - Einen letzten , langen , langen Blick warf ich auf die schöne , bleiche , stille Gespielin meiner Kindheit , die Heilige meiner Jünglingsjahre , die Trösterin meines Mannesalters , dann hob ich leise Franz von ihrer Brust , über die er hingesunken war , auf und führte ihn an die Wiege seines Kindes . - Rudolf der Tischler begann sein trauriges Werk . Unter dumpfen Hammerschlägen legte sich der Deckel über dies Reliquiarium eines Menschenlebens . Ein kalter Schauer überlief mich ! Vale , vale , cara Maria ! Die Träger kamen , hoben die leichte Last auf die Schultern und trugen sie die schmale , enge Treppe hinab ; die Frauen schluchzten , Kinderköpfe lugten verwundert-ernst durch die Haustür und wichen scheu zur Seite , als der traurige Zug hinaustrat auf die Straße . Freunde und Bekannte hatten sich eingefunden , das Weib des Malers auf dem letzten Wege zu begleiten ; der Kesselschmied zog das Mützchen ab und strich mit seiner schwarzen , schwieligen Hand über die Augen . Den wie in einem bösen Traum gehenden Franz führend , schritt ich dem Bretterhäuschen nach , welches unser Liebstes barg . Oh , ich weiß das alles noch ganz genau ! So ist das Menschenherz ! Viele Jahre sind vorübergegangen seit jenem traurigen Tage , und heute noch erinnere ich mich an alle die finsteren Gedanken , die damals durch meine Brust zogen , während ich so manche jüngere Freude vergessen habe ! Es lernt und sieht sich so manches auf einem solchen Gange für den , der es versteht , auf den Gesichtern der Begegnenden und Nachschauenden zu lesen . Sieh dort an der Ecke die arme , mit Lumpen bekleidete Frau aus dem Volk , wie sie ihr Kind fester an sich drückt und flüstert : » Was sollte aus dir werden , mein kleines Herz , wenn ich heute so still läge wie die , welche man da fortträgt . « Dort kommt eine elegante Equipage , Kutscher und Bediente in prächtiger Livree mit Blumensträußen im Knopfloch . Bunte Hochzeitsbänder flattern an den Kopfgeschirren der Pferde : der junge vornehme Mann führt seine schöne Braut zur Trauung : ihr Auge trifft den Sarg , der langsam auf den Schultern der Träger daherschwankt , und die junge Verlobte birgt zitternd ihr juwelenblitzendes Haupt an der Brust neben ihr . Sieh den Arbeiter , der dort das Beil sinken läßt und stier dem Zuge des Todes nachsieht . Schaffe weiter , Proletarier , auch drin Weib liegt zu Hause sterbend : schaffe weiter , du hast keine Zeit zu verlieren ; der Tod ist schnell , aber du mußt schneller sein , Mann der Arbeit , wenn du sie in ihren letzten Stunden vor dem Hunger schützen willst . Beugt das Haupt und tretet zur Seite , ihr kettenklirrenden Verbrecher ! Der Tod zieht vorüber ! Er wird auch euch einst von euern Ketten befreien ! Beugt das Haupt , ihr armen Geschöpfe der Nacht , der Tod zieht vorüber , und auch euch hebt er einst , den erborgten Flitterputz , den armen beschmutzten Körper , die Sünde der Gesellschaft euch abstreifend , rein und heilig empor aus der Dunkelheit , dem Schmutz und dem Elend . Von dir , du Spötter mit dem faden Lächeln auf den Lippen , fordere ich nicht , daß du zur Seite tretest ! Der Zug des Todes mag dir ausweichen - du bist würdig , dein Leben doppelt und dreifach zu leben ! Es ist ein langer Weg aus der Mitte der großen Stadt bis zu dem Johanniskirchhofe draußen , und nie ist mir ein Weg so lang und doch zugleich so kurz vorgekommen . Ich dachte an den Verurteilten , der dem Richtplatz näher und näher kommt , dem jede Minute eine Ewigkeit und der stundenlange Weg ein Augenblick ist . Ach , wir armen Menschen , ist nicht das ganze Leben ein solcher Gang zum Richtplatz ? Und doch freuen wir uns und jubeln über die Blumen am Wege und sehen in jedem Tautropfen , der in ihnen hängt , Himmel und Erde ! Armes glückliches Menschenherz ! Die schweren , massigen Regenwolken wälzten sich dicht über der Erde weg , als wir aus dem Tor traten . Grau in grau Himmel und Erde ! Grau in grau Herz und Welt ! Die Bäume streckten ihre leeren Äste wehmütig empor , eine Meise flog von Ast zu Ast vor dem Zuge her . Und jetzt waren wir angelangt vor der Pforte des Friedhofes . Langsam wand der Zug sich den Weg entlang , an frischen und eingesunkenen Hügeln , stolzen Monumenten und dürftig naivem Putz vorüber der Stelle zu , wo die Hülle der toten Marie ruhen sollte . Im folgenden Frühling machten wir einen hübschen , lieblichen Ort daraus , wo die Goldregenbüsche ihre duftenden Trauben herabhängen ließen und die Vögel in den Rosensträuchern zwitscherten , heute jedoch war ' s ringsumher gar traurig und unheimlich . Auf dem Grunde der Grube , die unser Liebstes aufnehmen sollte , stand ein kleiner Sumpf Regenwasser , in welchem sich aber plötzlich eine lichte blaue Stelle , die oben am Himmel zwischen den ziehenden Wolken durchlugte , widerspiegelte . - - Ich habe nichts , nichts vergessen ! Und nun , ihr Männer , laßt den Sarg hinabgleiten ; gebt der alten schaffenden Mutter Erde ihr schönes Kind zurück ! Und nun , Franz , wirf drei Hände voll Erde auf die versinkende Welt deiner Freude ! - Ergreift die Schaufeln , ihr Clowns , und vollendet euer Geschäft ! Du alter , rotnäsiger Bursch , bemühe dich nicht , ein wehmütiges Gesicht zu ziehen , winke nur deinem Gefährten , daß er die Flasche bei Yaughan füllen lasse , und brumme leise dein altes Totengräberlied in den Bart ! Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern , und wie jeder Ton das arme Herz erzittern läßt in seinen tiefsten Tiefen ! Wie das Auge sich anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes , der durch die bedeckende Erde schimmert , bis endlich jede Spur verschwindet , die hinabgeworfene Erde nur noch Erde trifft , die Höhle sich allmählich füllt und endlich der Hügel sich erhebt , der von nun an mit dem geliebten begrabenen Wesen in unsern Gedanken identisch ist ! Wunderliches Menschenvolk , so groß und so klein in demselben Augenblick ! Welch eine Tragödie , welch ein Kampf , welch ein - Puppenspiel jedes Leben , von dem des Kindes , das vergeblich nach der glänzenden Mondscheibe verlangt und verwelkt , ehe es das Wort » ich « aussprechen kann , bis zu dem des grübelnden Philosophen , der in dasselbe Wörtchen » ich « das Universum legt und zusammenbricht , ein körper- und geistesschwacher Greis , welcher kaum noch das Gefühl für Wärme und Kälte behalten hat . Sieh um dich , Johannes : Verkehrt auf dem grauen Esel » Zeit « sitzend , reitet die Menschheit ihrem Ziele zu . Horch , wie lustig die Schellen und Glöckchen am Sattelschmuck klingen , den Kronen , Tiaren , phrygische Mützen - Männer- und Weiberkappen bilden . Welchem Ziel schleicht das graue Tier entgegen ? Ist ' s das wiedergewonnene Paradies , ist ' s das Schafott ? Die Reiterin kennt es nicht ; sie - will es nicht kennen ! Das Gesicht dem zurückgelegten Wege , der dunkeln Vergangenheit zugewandt , lauscht sie den Glöckchen , mag das Tier über blumige Friedensauen traben oder durch das Blut der Schlachtfelder waten sie lauscht und träumt ! Ja , sie träumt . Ein Traum ist das Leben der Menschheit , ein Traum ist das Leben des Individuums . Wie und wo wird das Erwachen sein ? Auf einem Berliner Friedhofe liegt über der Asche eines volkstümlichen Tonkünstlers , der auch viel erdulden mußte in seinem Leben , ein Stein , auf welchen eine Freundeshand geschrieben hat : Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid , Sein Leben Kampf mit Not und Neid , Das Leid flieht diesen Friedensort , Der Kampf ist aus - das Lied tönt fort ! - Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen . Ich kann heute nicht weiterschreiben . Am 5. Dezember Meinem Versprechen gemäß hatte ich der Redaktion der Welken Blätter - Wimmerianischen Angedenkens - einige der Federzeichnungen meines Nachbars Strobel vorgelegt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme unter die Zeichner jenes witzigen Journals ankündigen . Da ich seine Nase hinter den Scheiben seiner Fenster einige Male hatte hervorlugen sehen , so machte ich mich auf den Weg hinüber zu meiner alten Wohnung , in der ich , seit ich sie verlassen , so viele ein- und ausziehen gesehen habe . Die dicke Madam Pimpernell hat es aufgegeben , in eigener , gewichtiger Person über den Vorräten des Viktualienladens zu thronen , sie hat sich in einen gewaltigen , ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen zurückgezogen , von wo aus sie oft genug Dorette - auch Rettchen genannt - , ihre hagere Tochter und Nachfolgerin im Reich der Käse , der Butter und der Milch , zur Verzweiflung zu bringen vermag . Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. elf steht augenblicklich leer , indem nach heftigen Kämpfen mit dem Parterre , treppauf und -ab , die letzten Einwohnerinnen : die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretärin Trampel und ihre zwei sehr ältlichen und sehr ansäuerlichen Töchter Heloise und Klara - Öllise und Knarre von der Madam Pimpernell genannt - , abgezogen sind . Klavier , Harfe und Gitarre , die drei Marterinstrumente der Sperlingsgasse , nahmen sie glücklicherweise mit , sowie auch den edlen Kater Eros und den ebenso edlen , schiefbeinigen Teckelhund Anteros - Geschenke eines neuen und doch schon antediluvianischen Abälards und Egmonts . Wie oft bin ich einst diese steilen , engen Treppen hinauf- und hinabgeklettert , jetzt einen Haufen Bücher unter dem Arm , jetzt einen , wie ich glaubte , Furore machen sollenden Leitartikel in der Rocktasche . Wie oft haben Mariens kleine Füße diese schmutzigen Stufen betreten , wenn sie mit Franz zu einem prächtigen Teeabend kam , dem ich immer mit so untadelhafter , hausväterlicher Würde vorzustehen wußte ! Wie ich dann ihr helles Lachen , welches die feuchten , schwarzen Wände so fröhlich wiedergaben , erwartete ; wie sie so reizend über meine verwilderte Stube spötteln konnte und dann trotz aller meiner vorherigen stundenlangen Bemühungen erst durch fünf Minuten ihrer Anwesenheit einen menschlichen Aufenthaltsort daraus machte ! Wie ich dann später von der kleinen Quälerin gezwungen wurde , eine unglückliche Flöte hervorzuholen und steinerweichend eine klägliche Nachahmung von » Guter Mond , du gehst so stille « hervorzujammern , bis Franz Einspruch tat oder mir der Atem ausging oder der kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen ! Es waren selige Abende , und ich nahm das Andenken daran mit hinauf bis zur Tür des Zeichners . Auf mein Anklopfen erschallte drinnen ein unverständliches Gebrumme ; ich trat ein . Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennengelernt und kann viel vertragen in dieser Hinsicht . Den Doktor Wimmer , den Schauspieler Müller , den Musiker Schmidt , den Kandidaten der Theologie Schulze habe ich in ihrer Häuslichkeit gesehen , von meiner eigenen Unordnung nicht zu sprechen , aber eine solche malerische Liederlichkeit war mir doch noch nicht vorgekommen . Eine Phantasie , durch Justinus Kerners kakodämonischen Magnetismus in Verwirrung geraten , könnte - gefroren , versteinert , verkörpert in einem anatomischen Museum ausgestellt - keinen tolleren Anblick gewähren ! Auf einem unaussprechlich lächerlichen Sofa , viel zu kurz für ihn , lag , den Kopf gegen die Tür , die Beine über die Lehne weggestreckt und die Füße gegen die Fensterwand gestemmt , der lange Zeichner , die Zigarre , die große Trostspenderin des neunzehnten Jahrhunderts , im Munde , ein Zeichenbrett auf den Knien und den Stift in der Hand . Ein dreibeiniger Tisch , der ohne Zweifel einst unter die Quadrupeden gehört hatte , war an diese Lagerstatt gezogen ; ein leerer Bierkrug , eine halbgeleerte Zigarrenkiste , Tuschnäpfchen , bekritzelte Papiere und andere heterogene Gegenstände bedeckten ihn im reizendsten Mischmasch . Drei verschieden gestaltete Stühle hatte die » Bude « aufzuweisen ; der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliothek , der andere , ein grünangestrichener Gartenstuhl , verrichtete die Dienste eines Kleiderschranks und der dritte , von dessen früherem Polster nur noch der zerfetzte Überzug herabhing , war , o horror ! - zur - Toilette entwürdigt , und ein Waschnapf , Seife , Kämme und Zahnbürsten machten sich viel breiter auf ihm , als irgend nötig war . In einer Ecke des Zimmers lehnte der Ziegenhainer des wanderlustigen Karikaturenzeichners , und auf ihm hing sein breitrandiger Filz . In einem andern Winkel hing eine umfangreiche Reisetasche , und die Wände entlang war mit Stecknadeln eine tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt . Das Ganze ein wahres Pandämonium von Humor und skurrilem Unsinn . » Ah , mein Nachbar ! « rief Meister Strobel , bei meinem Eintritt von seinem Sofa aufspringend , mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend , mit der andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd . » Das ist sehr edel von Ihnen , daß Sie meinen Besuch so bald erwidern ; seien Sie herzlichst gegrüßt und nehmen Sie Platz ! « Mit diesen Worten ließ er die Last des Bibliothekstuhls zur Erde gleiten und zog ihn an den Tisch , von dem er ebenfalls die meisten Gegenstände an beliebige Plätze schleuderte . » Ich bin gekommen , Ihnen mitzuteilen , Herr Strobel , daß Ihre Blätter großen Anklang bei der Redaktion der Welken Blätter gefunden haben und daß dieselbe stolz sein wird , Sie unter ihre Mitarbeiter zu zählen . « » Sehr verbunden « , sagte der Zeichner , der sich auf mysteriöse Weise eben am Ofen beschäftigte , » bitte , nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie mir , Ihnen eine Tasse Kaffee anzubieten . « Er sah und roch in einen sehr verdächtig aussehenden Topf , den er aus der Ofenröhre nahm . - » O weh « , rief er , während ich alle Heiligen des Kalenders anrief , » die Quelle ist versiegt ! « » Bitte , machen Sie keine Umstände , Ihre Zigarren sind ausgezeichnet ! « » Ja « , sagte Strobel , sich nun wieder auf sein Sofa setzend , » das ist der einzige Luxus , den ich nicht entbehren könnte , und ich preise meinen Stern , der mich in einer Zeit geboren werden ließ , wo man die Redensart Kein Vergnügen ohne die Damen , in die jedenfalls passendere Kein Vergnügen ohne eine Zigarre umgeändert hat . « » Sind Sie ein solcher Weiberfeind ? « » Keineswegs ; im Gegenteil , ich beuge mich ganz und gar dem französischen Wort Ce que femme veut , Dieu le veut und ziehe - deshalb gerade - die nicht so anspruchsvolle Zigarre vor , die für uns glüht , ohne das gleiche zu verlangen , die interessant ist , ohne interessiert sein zu wollen , und so weiter , und so weiter ! « » Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit , die durch zu viele und zu verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das Gehenlassen , die Athaumasie , die Apathie zur Gottheit gemacht hat . « » Puh « , sagte der Zeichner , eine gewaltige Dampfwolke fortblasend , » ich konnt ' s mir denken , da sind wir schon in einem solchen Gespräche , wie sie alles Zusammenleben jetzt verbittern : übrigens ist unsere Zeit durchaus nicht apathisch , aber der einzelne fängt an , das wahre Prinzip herauszufinden , daß nämlich die Sache durch die Sache gehen muß . - Nicht jeder erste und taliter qualiter beste soll sich fähig glauben , den Wegweiser spielen zu können , den Arm ausstrecken und schreien : Holla , da lauft , dort geht der rechte Weg , dorthin liegt das Ziel ! « » Und die seitwärts abführenden Holzwege ? ... « » Laufen alle der großen Straße wieder zu , nachdem sie an irgendeiner schönen , merkwürdigen , lehrreichen Stelle vorübergeführt haben . Ich , der Fußwanderer , habe nie soviel Erfahrungen für den Geist , soviel Skizzen für meine Mappe heimgebracht , als wenn ich mich verirrt hatte . « » Sie müssen ein eigentümliches Leben geführt haben und führen ! « sagte ich , den sonderbaren Menschen vor mir ansehend . Er strich mit der Hand über das sonnverbrannte , verschrumpfte Gesicht und lächelte . » Ein Leben , das gern auf Irrwegen geht , ist stets eigentümlich ! « sagte er . » Übrigens wird jeder Mensch mit irgendeiner Eigentümlichkeit geboren , die , wenn man sie gewähren läßt - was gewöhnlich nicht geschieht - , sich durch das ganze Leben zu ranken vermag , hier Blüten treibend , dort Stacheln ansetzend , dort - von außen gestochen - Galläpfel . Was mich betrifft , so bin ich von frühester Jugend auf mit der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen , mein Leben auf dem Rücken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die Hände in die Hosentaschen zu stecken . Sie lächeln - aber was ich bin , bin ich dadurch geworden . « » Ich lächelte nur über die Richtigkeit Ihrer Bemerkung . Wir alle sind Sonntagskinder , in jedem liegt ein Keim der Fähigkeit , das Geistervolk zu belauschen , aber es ist freilich ein zarter Keim , und das Pflänzchen kommt nicht gut fort unter dem Staub der Heerstraße und dem Lärm des Marktes . « » Holla « , rief der Zeichner , plötzlich aufspringend und nach dem Fenster eilend , » sehen Sie , welch ein Bild ! « In der Dachwohnung über der meinigen drüben hatte sich ein Fenster geöffnet . Die kleine Ballettänzerin , welche dort wohnt , ließ ihr hübsches Kindchen nach dem leise herabsinkenden Schneeflocken greifen . Das Kind streckte die Ärmchen aus und jubelte , wenn sich einer der großen weißen Sterne auf seine Händchen legte oder auf sein Näschen . Die arme , ohne die Schminke der Bühne so bleiche Mutter sah so glücklich aus , daß niemand in diesem Augenblick die traurige Geschichte des jungen Weibes geahnt hätte . » Ich habe auf ihrem Schreibtische Blätter gesehen mit der Überschrift : Chronik der Sperlingsgasse « , sagte Strobel ; » das Bild da drüben gehört hinein , wie es in meine Skizzenmappe gehört . « » In meinen Blättern würde es eine dunkle Seite bilden « , antwortete ich , » und die Chronik hat deren genug . Wie wär ' s aber , wenn Sie Mitarbeiter dieser Chronik der Sperlingsgasse würden ; Sie haben ein gar glückliches Auge ! « » Glauben Sie ? « fragte der Karikaturenzeichner , der den Kleiderschrankstuhl an das Fenster gezogen hatte und emsig auf einem Papier kritzelte . » Sie wollen keine dunkeln Blätter ; - kennen Sie vielleicht die Geschichte jenes englischen Zerrbildzeichners , der vor dem Spiegel an seinem eigenen Gesichte die Fratzen der menschlichen Leidenschaften studierte ? « » Nein , ich kenne die Geschichte nicht . Was ward mit ihm ? « » Er - schnitt sich den Hals ab « , sagte der Zeichner dumpf , seine vollendete Skizze fortlegend . Verwundert schaute ich auf . Das Gesicht Strobels hatte einen Ausdruck von Trübsinn angenommen , der mich fast erschreckte . Er sprach nicht weiter , und es trat eine Pause ein , während welcher drüben das Kind lachte und jubelte und die Tänzerin den Spatzen , die sich zwitschernd auf die Dachrinne setzten , Brotkrumen streute . Ich sah , daß der Zeichner allein sein wollte , und ging ; der sonderbare Mensch begleitete mich bis zur Treppe . Dort sagte er , mir die Hand drückend und lächelnd : » Ich will aber doch Mitarbeiter Ihrer Chronik werden , Signore ! « So endete mein erster Besuch bei dem Karikaturenzeichner Ulrich Strobel . Am 10. Dezember Es ist jetzt vollständig Winter geworden ; der Schnee liegt zu hoch in den Straßen , als daß man den Schritt der verspäteten Fußgänger , das Rollen der Wagen hören könnte . Es ist tiefe Nacht . Was ist das für ein bleiches , verfallenes Gesicht , welches da vor mir auftaucht ? Ist das Franz - der lebensmutige , lebensglühende Franz Ralff , den ich einst kannte ? Drei Monate waren hingegangen , seit man die tote Marie zu ihrer stillen Ruhestätte hinausgestragen hatte . Ich saß neben meinem Freunde , der , auf die graugrundierte Leinwand vor ihm starrend , plötzlich begann : » Höre , Johannes , ich muß dir eine Geschichte erzählen . Es wird gut sein , daß du sie kennst ; auch könnte wohl der Fall eintreten , daß mein Kind sie erfahren müßte . Letzteres will ich dann dir überlassen , Johannes . Ich muß weit dazu ausholen , ich muß in unsere früheste Jugendzeit zurückgehen , wo wir glückliche , ahnungslose Kinder waren . O Johannes , laß mich sie zurückrufen , diese seligen Tage ! Klingt es dir nicht auch bei jeder Erinnerung daran wie das Läuten jener im Wald verlorenen Kirche ? Oh , mein Jugend-Waldleben ! - Wie ich es jetzt vor mir sehe , dieses alte , braune , verfallende Jägerhaus mitten in der grünen , duftenden Einsamkeit ! Vorbeiplätschernd der klare Bach , der dann tiefer im Walde den stillen Teich bildet , den die Sage so wundersam umschlungen hat ! Wie oft bin ich , das Kinderherz voll geheimnisvollen Bebens , an funkelnden Mondscheinabenden , wenn die Bewohner des Jägerhauses vor der Tür saßen und der alte Burchhard das Waldhorn - du weißt wie schön - blies , dem durch das Dunkel glitzernden Bach nachgeschlichen , dem stillen Wasser zu , das Treiben der Nixen und Elfen zu belauschen . Wie fuhr ich zusammen , wenn eine Eidechse im Grase raschelte oder ein Nachtvogel schwerfälligen Flugs über den glänzenden Spiegel des Teichs hinflatterte , indem ich dachte , jetzt müsse das wundersame Geheimnis ans Licht treten und sein Wesen und Wehen beginnen um die volle Scheibe des Mondes , die in der klaren , stillen Flut widergespiegelt lag . Erst später erfuhr ich , woher der tiefe , geheime Zug in mir nach diesem Waldwasser stamme . Wie oft bin ich , wenn der Sturm in den Bäumen rauschte , hinaufgestiegen in eine hohe Tanne , um mich , die Arme fest um den rauhen , harzigen Stamm geschlungen , das Herz gepreßt von Angst und unsäglicher Seligkeit - hin und her schleudern zu lassen vom Winde . Und dann , wenn draußen die heiße Julisonne , die in diese Waldnacht nur vorsichtig neugierig hineinzulugen wagte , auf der Welt lag : welch ein Träumen war das ! Welch eine Wonne war ' s , im Grase zu liegen , während der Rauhbach an meiner Seite rauschte und murmelte und seine Kiesel langsam weiterschob , während die Sonnenlichter an den schlanken Buchenstämmen oder über den Wellchen des Baches spielten und zitterten , die Wasserjungfer über mich hinschoß , ringsumher die Glockenblumen ihre blauen Kelche der Erde zuneigten