zerriß denselben schnell und sprach dabei einige unverständliche Worte ; dann nahm sie beide Kinder an der Hand und führte sie hinaus nach dem Kirchhof . Wo zwei Erdhaufen nahe an einander waren sagte sie : » Da sind Eure Eltern . « Die Kinder sahen sich staunend an . Die Marann ' machte nun mit einem Stock Furchen in Kreuzesform auf den Gräbern und wies die Kinder an , die Beeren da hinein zu stecken . Dami war behend dabei und triumphirte , da er mit seinem rothen Kreuze früher fertig war als die Schwester . Amrei schaute ihn nur groß an und erwiderte Nichts , und erst als Dami sagte : » Das wird den Vater freuen , « schlug sie ihn hinterrücks und rief : » Sei still . « Dami weinte , vielleicht ärger als es ihm ernst war ; da rief Amrei laut : » Um Gotteswillen verzeih mir , verzeih mir , daß ich dir das gethan hab ' . Hier , da verspreche ich dir , ich will dir mein Lebenlang Alles thun was ich kann , und Alles geben was ich hab ' ; gelt Dami , ich hab ' dir nicht weh gethan ? Kannst dich drauf verlassen , es geschieht nie mehr so lang ich lebe , nie mehr , nie . O Mutter , o Vater , ich will brav sein , ich versprech ' s euch ; o Mutter , o Vater . « - Sie konnte nicht weiter reden , aber sie weinte nicht laut , nur sah man , es gab ihr einen Herzstoß nach dem andern und erst als die schwarze Marann ' laut weinte , weinte Amrei mit ihr . Sie gingen heim und als Dami » gute Nacht « sagte , raunte ihm Amrei leise in ' s Ohr : » Jetzt weiß ich ' s wir sehen unsere Eltern nie mehr auf dieser Welt ; « aber noch in dieser Mittheilung lag eine gewisse kindische Freude , ein Kinderstolz , der sich damit brüstet , Etwas zu wissen ; und doch war in der Seele dieses Kindes Etwas aufgetaucht vom Bewußtsein jenes auf ewig abgeschnittenen Zusammenhanges mit dem Leben , das sich aufthut im Gedanken der Elternlosigkeit . Wenn der Tod die Lippen geschlossen , die dich Kind nennen mußten , ist dir ein Lebensathem verschwunden , der nimmer wiederkehrt . Noch als die schwarze Marann ' bei Amrei am Bette saß , sagte diese : » Ich mein ' ich fall ' und fall ' jetzt immerfort , lasset mir nur Eure Hand ; « und sie hielt die Hand fest und begann zu schlummern , aber so oft die schwarze Marann ' ihre Hand zurückziehen wollte , haschte sie wieder darnach . Die Marann ' verstand , was das Gefühl vom endlosen Fallen bei dem Kinde zu bedeuten hatte : das ist ja beim Innewerden vom Tode der Eltern als schwebte man im Wurfe , man weiß nicht woher und weiß nicht wohin . Erst spät gegen Mitternacht konnte die schwarze Marann ' das Bett des Kindes verlassen , nachdem sie ihre gewohnten zwölf Vaterunser wer weiß zum wievielten mal wiederholt hatte . Ein strenger Trotz lag auf dem Gesicht des schlafenden Kindes . Es hatte die eine Hand auf die Brust gelegt und die schwarze Marann ' hob sie ihm leise weg und sagte halblaut vor sich hin : » Wenn nur immer ein Auge , das über dich wacht , und eine Hand die dir helfen will , dir so wie jetzt im Schlaf , ohne daß du es weißt , die Schwere vom Herzen nehmen könnte ! Das kann aber kein Mensch , das kann nur Er ... Thu ' du meinem Kind in der Fremde was ich diesem da thue . « Die schwarze Marann ' war eine » geschiechene « Frau , d.h. die Leute fürchteten sich fast vor ihr , so herb erschien sie in ihrem Wesen . Sie hatte vor bald achtzehn Jahren ihren Mann verloren , der bei einem räuberischen Anfall den er mit Genossen auf den Eilwagen gemacht hatte , erschossen worden war . Die Marann ' trug ein Kind unter dem Herzen als die Leiche ihres Mannes mit dem schwarzberußten Gesicht ins Dorf gebracht wurde ; aber sie faßte sich und wusch dem Todten das Gesicht rein , als könnte sie damit auch seine schwarze Schuld abwaschen . Drei Töchter starben ihr und nur das Kind , das sie damals unter dem Herzen getragen , war noch am Leben . Es war ein schmucker Bursch geworden , wenn auch mit seltsam schwärzlichem Gesicht und er war jetzt als Maurergesell in der Fremde . Denn von der Zeit Brosi ' s her , und namentlich seit dessen Sohn Severin sich mit dem Steinhammer zu so hohen Ehrenstellen hinaufgearbeitet , hatte sich ein großer Theil des Nachwuchses in Haldenbrunn dem Maurerhandwerk gewidmet . Unter den Kindern war allezeit von Severin die Rede , wie von dem Prinzen im Mährchen . So war auch das einzige Kind der schwarzen Marann ' trotz deren Widerrede Maurer geworden und jetzt auf der Wanderschaft , und sie die ihr Lebenlang nicht aus dem Dorfe gekommen war und auch kein Verlangen hatte hinaus zu kommen , sagte manchmal : sie komme sich vor , wie eine Henne , die eine Ente ausgebrütet ; aber sie gluckste fast immer in sich hinein . Man sollte es kaum glauben , daß die schwarze Marann ' eine der heitersten Personen im Dorf war ; man sah sie nie traurig , sie gönnte es den Menschen nicht , daß sie Mitleid mit ihr haben sollten . Und darum war sie ihnen unheimlich . Sie war im Winter die fleißigste Spinnerin im Dorf und im Sommer die emsigste Holzsammlerin , so daß sie noch einen guten Theil davon verkaufen konnte , und » mein Johannes , « ( so hieß ihr noch lebender Sohn ) » mein Johannes , « hörte man in jeder ihrer Reden . Die kleine Amrei hatte sie , wie sie sagte , nicht aus Gutmüthigkeit zu sich genommen , sondern nur weil sie ein lebendiges Wesen um sich haben wollte . Sie that gern recht rauh vor den Leuten und war stolz darauf , vor sich selber besser zu sein , als sie dafür galt . Der gerade Gegensatz zu ihr war der Krappenzacher , bei dem Dami ein Unterkommen gefunden ; der stellte sich draußen vor der Welt gern als der gutmüthigste Allesverschenker , im Geheimen aber knuffte und mißhandelte er seine Angehörigen und besonders den Dami , für den er nur ein geringes Kostgeld erhielt . Er hieß eigentlich Zacharias und hatte seinen Spitznamen davon , weil er einst seiner Frau ein Paar fein hergerichtete Tauben als Braten heimgebracht hatte ; es waren dieß aber ein Paar gerupfte Raben , hier zu Lande Krappen genannt . Der Krappenzacher , der einen Stelzfuß hatte , verbrachte seine meiste Zeit damit , daß er wollene Strümpfe und Jacken strickte , und so saß er mit seinem Strickzeuge überall im Dorfe herum , wo es was zu plaudern gab ; und dieses Geplauder , bei dem er allerlei hörte , diente ihm zu sehr einträglichen Nebengeschäften . Er war der sogenannte Heirathsmacher in der Gegend , denn namentlich da , wo sich noch die großen geschlossenen Güter finden , geschehen die Heirathen in der Regel durch Vermittler , die die entsprechenden Vermögensverhältnisse genau auskundschaften und Alles vorher bestimmen . Und wenn dann eine solche Heirath zu Stande gebracht war , spielte der Krappenzacher noch bei der Hochzeit die Geige auf , denn darin war er ein landeskundiger Meister . Er verstand aber auch die Clarinette und das Horn zu blasen , wenn ihm die Hände vom Geigen müde waren . Er war eben ein Allerweltsmensch . Das weinerliche und empfindliche Wesen Dami ' s war dem Krappenzacher höchlich zuwider und er wollte es ihm damit austreiben , daß er ihn recht viel weinen machte und ihn neckte , wo er nur konnte . So waren die beiden Stämmchen , aus demselben Boden erwachsen , in verschiedenes Erdreich verpflanzt . Standort und Bodensaft und die eigene Natur , die sie in sich trugen , ließen sie verschiedenartig gedeihen . 4. Thu ' dich auf . Am Allerseelentag , er war trübe und neblig , waren die Kinder mitten unter den Versammelten auf dem Kirchhof . Der Krappenzacher hatte Dami an der Hand dahin geführt . Amrei aber war allein gekommen ohne die schwarze Marann ' und Viele schimpften über die hartherzige Frau , und einige trafen einen Theil der Wahrheit , indem sie sagten : die Marann ' wolle nichts von dem Besuchen der Gräber , weil sie nicht wisse wo das Grab ihres Mannes sei . Amrei war still und vergoß keine Thräne , während Dami bei den mitleidigen Reden der Menschen jämmerlich weinte , freilich auch , wenn ihn der Krappenzacher mehrmals heimlich geknufft und gezwickt hatte . Amrei starrte eine Zeitlang träumerisch vergessen hinein in die Lichter zu Häupten der Gräber und sah staunend , wie die Flamme das Wachs auffrißt , der Docht immer mehr verkohlt , bis endlich das Licht ganz herabgebrannt ist . Unter den Versammelten bewegte sich auch ein Mann in vornehmer städtischer Kleidung , mit einem Band im Knopfloch ; es war der Oberbaurath Severin , der auf einer Inspectionsreise begriffen , hier das Grab seiner Eltern , Brosi und Moni , besuchte . Seine Geschwister und deren Angehörigen umgaben ihn stets mit einer gewissen Ehrerbietung und die Andacht war fast ganz abgelenkt und auf diesen Vornehmen alle Aufmerksamkeit gerichtet . Auch Amrei betrachtete ihn und fragte den Krappenzacher : » Ist das ein Hochzeiter ? « » Warum ? « » Weil er ein Bändel im Knopfloch hat . « Statt aller Antwort hatte der Krappenzacher nichts Eiligeres zu thun , als auf eine Gruppe loszugehen und zu sagen , welch ' eine dumme Rede da das Kind gethan habe . Und mitten unter den Gräbern erscholl lautes Gelächter über solche Albernheit . Nur die Rodelbäuerin sagte : » Ich finde das gar nicht so hirnlos . Wenn ' s auch ein Ehrenzeichen ist , was der Severin hat , es bleibt doch wunderlich , da auf dem Kirchhof mit einer Auszeichnung herumzulaufen ; da , wo sich zeigt , was aus uns Allen wird , habe man im Leben Kleider von Seide oder von Zwillich angehabt . Es hat mich schon verdrossen , daß er damit in der Kirche war ; so Etwas muß man abthun , ehe man in die Kirche geht , um wie viel mehr auf dem Kirchhof . « Die Kunde von der Frage der kleinen Amrei mußte doch auch bis zu Severin gedrungen sein , denn man sah ihn hastig seinen Oberrock zuknöpfen und dabei nickte er nach dem Kinde hin . Jetzt hörte man ihn fragen , wer das sei und kaum hatte er die Antwort vernommen , als er auf die beiden Kinder an den frischen Gräbern zueilte und zu Amrei sagte : » Komm her , Kind , mach ' deine Hand auf , hier schenke ich dir einen Dukaten ; davon schaffe dir an , was du brauchst . « Das Kind starrte drein und antwortete nicht . Und kaum hatte Severin den Rücken gewendet , als es ihm halblaut nachrief : » Ich nehm ' nichts geschenkt , « und ihm dabei den Dukaten nachschleuderte . Viele , die das gesehen hatten , kamen auf Amrei zu und schimpften auf sie hinein und eben als sie daran waren , sie zu mißhandeln , wurde sie wiederum von der Rodelbäuerin , die sie schon einmal mit Worten beschützt hatte , vor den rohen Händen gerettet . Auch sie verlangte indeß , daß Amrei wenigstens Severin nacheile und ihm danke ; doch Amrei gab auf keinerlei Rede eine Antwort ; sie blieb starr , so daß auch ihre Beschützerin von ihr abließ . Nur mit großer Mühe fand man den Dukaten wieder und ein Gemeinderath , der zugegen war , nahm ihn sogleich in Verwahrung , um ihn dem Pfleger der Kinder zu übergeben . Dieses Ereigniß brachte der kleinen Amrei einen seltsamen Ruf im Dorf . Man sagte , sie sei doch erst wenige Tage bei der schwarzen Marann ' und habe schon ganz deren Art und Weise . Man fand es unerhört , daß ein Kind aus solcher Armuthei einen solchen Stolz haben könne ; und indem man ihr diesen Stolz auf allen Wegen und Stegen vorwarf , ward sie dessen erst recht inne , und in der jungen Kinderseele regte sich ein Trotz , ihn nur desto mehr zu bewahren . Die schwarze Marann ' that auch das Ihre , um solche Stimmung zu befestigen , denn sie sagte : » Es kann einem Armen kein größeres Glück geschehen , als wenn man es für stolz hält ; dadurch ist man davor bewahrt , daß Jedes auf einem herumtrampelt und noch verlangt , daß man sich dafür bedanke . « Im Winter war Amrei sehr viel bei dem Krappenzacher und hörte ihn besonders gern geigen . Ja der Krappenzacher sagte ihr einmal das große Lob : » Du bist nicht dumm , « denn Amrei hatte nach einem langen Geigenspiel bemerkt : » Was doch so eine Geige den Athem so lang anhalten kann ; das kann ich nicht . « Und wenn daheim in stillen Winternächten die schwarze Marann ' funkelnde und schauererregende Zaubergeschichten erzählte , da horchte Amrei mit offenem Munde und mehrmals rief sie die Alte zurückhaltend : » O Marann ' haltet ein , ich muß wieder schnaufen . « Niemand achtete sehr auf Amrei , und diese konnte träumen , wie es ihr in den Sinn kam und nur der Lehrer sagte einmal in der Gemeinderathssitzung : solch ' ein Kind sei ihm noch nicht vorgekommen ; es sei trotzig und nachgiebig , träumerisch und wachsam . In der That bildete sich schon früh bei allem kindischen Selbstvergessen ein Gefühl der Selbstverantwortlichkeit , eine Wehrhaftigkeit im Gegensatze zur Welt , zu ihrer Güte und Bosheit in der kleinen Amrei aus , während Dami bei allen kleinen Anlässen weinend zur Schwester kam und ihr klagte . Er hatte immer Mitleid mit sich selber , und wenn er in Raufhändel von Spielgenossen niedergeworfen wurde , klagte er : » Ja , weil ich ein Waisenkind bin , schlagen sie mich . O wenn das mein Vater , meine Mutter wüßte ! « Und dann weinte er doppelt über die erfahrene Unbill . Dami ließ sich von allen Menschen zu essen schenken und wurde dadurch gefräßig , während Amrei mit Wenigem vorlieb nahm und sich dadurch äußerst mäßig gewöhnte . Selbst die wildesten Buben fürchteten Amrei , ohne daß man wußte , woran sie ihre Kraft bewiesen hatte , während Dami vor ganz kleinen Jungen davon lief . In der Schule war Dami stets spielerisch , er bewegte die Füße und bog mit der Hand die Ecken der Blätter um , während er las . Amrei dagegen war stets zierlich und gewandt , aber sie weinte oft in der Schule , nicht wegen der Strafen , die sie selbst bekam , sondern so oft Dami gestraft wurde . Am meisten konnte Amrei den Dami vergnügen , wenn sie ihm Räthsel schenkte . Noch immer saßen die beiden Kinder viel am Hause ihres reichen Pflegers , bald bei den Wagen , bald beim Backofen hinter dem Haus , an dem sie sich von außen wärmten , besonders im Herbste . Und Amrei fragte : » Was ist das Beste am Backofen ? « » Du weißt ja , ich kann nichts errathen , « erwiderte Dami klagend . » So will ich dir ' s sagen : Das Beste am Backofen ist , daß er das Brod nicht selber frißt . « Und auf den Wagen vor dem Hause deutend fragte Amrei : » Was ist lauter Loch und hält doch ? « Ohne lange auf Antwort zu warten , setzte sie gleich hinzu : » Das ist die Kette . « » Jetzt diese Räthsel schenkst du mir , « sagte Dami und Amrei erwiderte : » Ja , du darfst sie aufgeben . Aber siehst du dort die Schafe kommen ? Jetzt weiß ich noch ein Räthsel . « » Nein , « rief Dami , » nein , ich kann nicht drei behalten , ich hab ' genug an zweien . « » Nein , das mußt noch hören , sonst nehm ' ich die andern wieder . « Und Dami sagte ängstlich in sich hinein , um es ja nicht zu vergessen : » Kette . Selberfressen , « während Amrei fragte : » Auf welcher Seite haben die Schafe die meiste Wolle ? - Mäh ! Mäh ! auf der auswendigen ! « setzte sie sogleich mit scherzendem Gesang hinzu , und Dami sprang davon , um seinen Kameraden die Räthsel aufzugeben . Er hielt beide Hände fest zu Fäusten zusammengepreßt als hätte er darin die Räthsel und wolle sie nicht verlieren . Als er aber bei den Kameraden ankam , wußte er doch nur noch das von der Kette , und des Rodelbauern Aeltester , den er gar nicht gefragt hatte und der viel zu groß dazu war , sagte schnell die Auflösung und Dami kam wieder weinend zur Schwester zurück . Die Räthselkunst der kleinen Amrei blieb aber nicht lange verborgen im Dorf und selbst reiche , ernsthafte Bauern , die sonst mit Niemand , am wenigsten mit einem armen Kind viel Worte machen , ließen sich herbei , da und dort der kleinen Amrei ein Räthsel aufzugeben . Daß sie selber viele dergleichen wußte , das konnte sie von der schwarzen Marann ' haben ; aber daß sie neugesetzte so oft zu beantworten verstand , das erregte allgemeine Verwunderung . Amrei hätte nicht mehr unaufgehalten über die Straße oder auf ' s Feld gehen können , wenn sie nicht bald ein Mittel dagegen gefunden hätte . Sie stellte als Gesetz fest , daß sie Niemand ein Räthsel löse , dem sie nicht auch eins aufgeben dürfe . Sie aber wußte solche zu drechseln , daß man wie gebannt war . Noch nie war im Dorf einem armen Kinde so viel Beachtung zugewendet worden , als der kleinen Amrei . Aber je mehr sie heran wuchs , um so weniger Aufmerksamkeit wurde ihr geschenkt ; denn die Menschen betrachten nur die Blüthen und die Früchte mit theilnehmendem Auge , nicht aber jenen langen Uebergang , wo das Eine zum Andern wird . - Amrei ging in ihr vierzehntes Jahr und war aus der Schule entlassen worden . Die Ermahnungen , die dabei an sie gerichtet wurden , machten nur wenig Eindruck . Das Verhalten der Selbstverantwortlichkeit , das sonst das Kinderherz so mächtig und räthselvoll bewegt , war ihr nicht neu ; sie war von früh an darauf hingewiesen . Und jetzt eben in diesen Tagen gab ihr das Schicksal ein Räthsel auf , das schwer zu lösen war . Die Kinder hatten einen Ohm , der sieben Stunden von Haldenbrunn , in Fluorn Holzhauer war ; sie hatten ihn nur Einmal gesehen bei dem Begräbniß der Eltern , er ging hinter dem Schultheiß , der die Kinder an der Hand führte . Seitdem träumten die Kinder viel von dem Ohm in Fluorn . Man sagte ihnen oft , er sähe dem Vater ähnlich und nun waren sie noch begieriger , ihn zu sehen . Denn wenn sie auch noch manchmal glaubten , Vater und Mutter müßten plötzlich kommen , es könne ja gar nicht sein , daß sie nicht mehr da wären , so gewöhnten sie sich doch nach und nach daran , die Hoffnung aufzugeben und das um so mehr , je öfter der Allerseelentag wiedergekehrt war , zu dem sie das Grab der Eltern mit Vogelbeeren besteckten , und nachdem sie schon lange auf ein und demselben schwarzen Kreuze den Namen der Eltern lesen konnten . Aber auch den Ohm in Fluorn vergaßen sie endlich fast ganz , denn sie hörten viele Jahre nichts von ihm . Da wurden die beiden Kinder eines Tages in das Haus ihres Pflegers gerufen . Dort saß ein Mann , groß und lang und mit braunem Gesicht . » Kommet her , Kinder , « rief der Mann den Eintretenden zu . Er hatte eine rauhe , trockene Stimme . » Kennet ihr mich nicht mehr ? « Die Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen an . Erwachte in ihnen eine Erinnerung an den Klang der väterlichen Stimme ? Der Mann fuhr fort : » Ich bin ja eures Vaters Bruder . Komm her , Lisbeth ! Und auch du , Dami ! « » Ich heiße nicht Lisbeth ! Ich heiße Amrei ! « sagte das Mädchen und weinte . Es gab dem Ohm keine Hand . Ein Gefühl der Verfremdung machte es zittern , weil der Ohm es bei falschem Namen genannt . » Wenn Ihr mein Ohm seid , warum wisset Ihr denn nicht mehr wie ich heiße ? « fragte Amrei nochmals . » Du bist ein dummes Kind , gleich gehst du hin und giebst ihm die Hand , « herrschte der Rodelbauer und setzte dann zu dem Fremden halblaut hinzu : » Es ist ein unebenes Kind . Die schwarze Marann ' hat ihm allerlei Wunderliches in den Kopf gesetzt und du weißt ja , es ist nicht geheuer bei ihr . « Amrei schaute sich verwundert um , und gab dem Ohm zitternd die Hand . Dami hatte das schon , früher gethan und fragte jetzt : » Ohm , hast du uns auch was mitgebracht ? « » Hab ' nicht viel zum Mitbringen ; ich bring ' euch selber mit , ihr geht mit mir . Weißt du , Amrei , daß das gar nicht brav ist , daß du deinen Ohm nicht gern hast ? Du hast ja sonst Niemand auf der Welt . Wen hast du denn sonst noch ? Komm besser her , da setz ' dich neben mich - noch näher . Siehst du ? dein Dami der ist viel gescheiter . Er sieht auch mehr in unsere Familie , aber du gehörst doch auch zu uns . « Eine Magd kam und brachte viele Mannskleider und legte sie auf den Tisch . » Das sind deines Bruders Kleider , « sagte der Rodelbauer zu dem Fremden und dieser fuhr zu Amrei fort : » Siehst du ? das sind deines Vaters Kleider , die nehmen wir jetzt mit und ihr geht auch mit , zuerst nach Fluorn und dann über den Bach . « Amrei berührte zitternd den Rock des Vaters und dessen blaugestreifte Weste . Der Ohm aber hob die Kleider auf , wies auf die zertragenen Ellenbogen hin und sagte zum Rodelbauer : » Diese sind nicht viel werth , die lasse ich mir nicht hoch anschlagen , und ich weiß nicht einmal , ob ich die drüben in Amerika tragen kann ohne ausgespottet zu werden . « Amrei faßte krampfhaft einen Rockzipfel . Daß man die Kleider ihres Vaters , an die sie wie an ein kostbares und unbezahlbares Kleinod gedacht hatte , wenig werth nannte , das schien sie zu kränken , und daß diese Kleider in Amerika getragen und dort ausgespottet werden sollten , das Alles verwirrte sie fast ; und überhaupt , was sollte denn das mit Amerika ? Sie wurde darüber bald aufgeklärt , denn die Rodelbäuerin kam und mit ihr die schwarze Marann ' , und die Rodelbäuerin sagte : » Hör einmal , Mann , ich meine , das geht nicht so schnell , daß man die Kinder da mit dem Mann nach Amerika schickt . « » Es ist ja ihr einziger leiblicher Verwandter , der Bruder des Josenhans . « » Ja freilich , aber er hat bis jetzt nicht viel davon gezeigt , daß er ein Verwandter ; und ich meine , man kann das nicht ohne den Gemeinderath , und der kann ' s nicht einmal allein . Die Kinder haben hier ein Heimathsrecht , und das kann man ihnen nicht im Schlaf nehmen , denn die Kinder können ja noch nicht selber sagen , was sie wollen . Das heißt Einen im Schlaf forttragen . « » Meine Amrei ist aufgeweckt genug , die ist jetzt dreizehn Jahr alt , aber gescheiter als eine andere von dreißig , die weiß was sie will , « sagte die schwarze Marann ' . » Ihr Beide hättet sollen Gemeinderath werden , « sagte der Rodelbauer , » aber ich bin auch der Meinung , daß man die Kinder nicht wie Kälber am Strick nimmt und fortzieht . Gut , lasset den Mann selber mit ihnen reden , nachher läßt sich schon weiter sehen was zu machen ist ; er ist einmal ihr natürlicher Annehmer und hat das Recht Vaterstelle an ihnen zu vertreten , wenn er will . Hör ' einmal , geh ' du jetzt mit deinen Bruderskindern ein wenig vor ' s Dorf hinaus und ihr Weiber bleibet da , es rede ihnen Keines zu und Keines ab . « Der Holzhauer nahm die beiden Kinder an der Hand und verließ mit ihnen Stube und Haus . » Wohin wollen wir gehen ? « fragte er die Kinder auf der Straße . » Wenn du unser Vater sein willst , geh ' mit uns heim ; da drunten ist unser Haus , « sagte Dami . » Ist es denn offen ? « fragte der Ohm . » Nein , aber der Kohlenmathes hat den Schlüssel , er hat uns aber noch nie hineingelassen . Ich springe voraus und hole den Schlüssel . « Und behend machte sich Dami los und sprang davon . Amrei kam sich wie gefesselt vor an der Hand des Ohms und dieser redete doch jetzt mit zutraulicher Innigkeit in sie hinein ; er erzählte fast wie zu seiner Entschuldigung , daß er selber eine schwere Familie habe , so daß er sich mit Frau und fünf Kindern nur mit Noth fortbringen könnte . Nun aber erhalte er von einem Mann , der große Waldungen in Amerika besitze , freie Ueberfahrt und nach fünf Jahren , wenn er den Wald umgerodet habe , ein großes Ackergut vom besten Boden als freies Eigenthum . Als Dank gegen Gott , der ihm das für sich und seine Kinder bescherte , habe er sich sogleich vorgesetzt , eine Wohlthat zu thun und die Kinder seines Bruders mitzunehmen : er wolle sie aber nicht zwingen , und nehme sie überhaupt nur mit , wenn sie ihn von ganzem Herzen gern hätten und ihn als ihren zweiten Vater betrachteten . Amrei sah ihn nach diesen Worten groß an . Wenn sie es nur hätte machen können , daß sie diesen Mann liebte ! Aber sie fürchtete sich fast vor ihm ; sie wußte Nichts dagegen zu thun . Und daß er so plötzlich wie aus den Wolken fiel und verlangte : hab ' mich lieb ! das machte sie eher widersacherisch gegen ihn . » Wo ist denn deine Frau ? « fragte Amrei . Sie mochte wohl fühlen , daß eine Frau sie milder und allmäliger angefaßt hätte . » Ich will dir nur ehrlich sagen , « erwiderte der Ohm , » meine Frau mengt sich nicht in diese Sache , sie hat gesagt , sie rede mir nicht zu und nicht ab . Sie ist ein bischen herb , aber nur von Anfang , und wenn du gut gegen sie bist , und du bist ja gescheit , so kannst du sie um den Finger wickeln . Und wenn dir auch einmal etwas geschieht , was dir nicht recht ist , denk ' du bist bei deines Vaters Bruder und sag ' mir ' s ganz allein , und ich will dir helfen wo ich kann . Aber du wirst sehen , du fängst jetzt erst zu leben an . « Amrei standen die Thränen in den Augen bei diesen Worten und doch konnte sie nichts sagen ; sie fühlte sich fremd diesem Manne gegenüber . Seine Stimme bewegte sie , aber wenn sie ihn ansah , wäre sie gerne entflohen . Da kam Dami mit dem Schlüssel . Amrei wollte ihm denselben abnehmen , aber er gab ihn nicht her . In der eigenthümlichen pedantischen Gewissenhaftigkeit der Kinder sagte er , daß er des Kohlenmathesen Frau heilig versprochen habe , den Schlüssel nur dem Ohm zu geben . Dieser empfing ihn und Amrei war ' s , als ob sich ein zaubervolles Geheimniß aufthue , da der Schlüssel zum Erstenmal im Schloß rasselte und jetzt sich drehte - die Klinke bog sich nieder und die Thüre ging auf . Eine eigenthümliche Gruftkälte hauchte aus dem schwarzen Hausflur , der zugleich als Küche gedient hatte . Auf dem Herde lag noch ein Häufchen Asche , an der Stubenthüre waren noch die Anfangsbuchstaben vom Caspar , Melchior , Balthes und darunter die Jahrzahl vom Tode der Eltern mit Kreide angeschrieben . Amrei las sie laut ; das hatte noch der Vater angeschrieben . » Schau , « rief Dami , » der Achter ist grade so gezogen , wie du ihn machst , und wie ' s der Lehrer nicht leiden will , so von rechts nach links . « Amrei winkte ihm still zu sein . Sie fand es fürchterlich und sündhaft , daß der Dami hier so leicht sprach , hier , wo es ihr war wie in der Kirche , ja wie mitten in der Ewigkeit , ganz außerhalb der Welt und doch mitten drin . Sie öffnete selber die Stubenthüre . Die Stube war finster wie ein Grab , denn die Laden waren geschlossen und nur durch eine Ritze drang ein zitternder Sonnenstrahl herein und just auf einen