Spatz , der find ' t wohl auf die Länge auch ein hänfenes Ende . Man tät ' s wohlfeiler nehmen , wenn man ' s haben könnte . Ein paar fette Kapitälchen verzinsen , essen und trinken , was gut schmeckt , mit vier Schweißfuchsen fahren oder auch nur mit zweien , - meint Ihr , der Zigeuner habe zu einem solchen gemächlichen Leben nicht so viel Genie als irgend jemand in der Christenheit ? « » Mir zweifelt ' s gar nicht ! « lachte Friedrich . - » Aber jetzt kann ich auch auf einmal begreifen , warum du es für so schandhaft hältst , wenn von euch einer seinem eigenen Vater etwas nehmen würde , und an diesem Beispiel wird mir ' s klar , daß du eigentlich Ehr im Leibe hast . Denn die Moral ist bei euch im Grund die nämliche wie bei uns , nur daß sie natürlicherweise umgekehrt ist . « Mit diesen Worten , die zwar keine klare Anschauung des Standpunkts , aber doch eine gewisse Ahnung desselben verrieten , suchte er die obschwebende Streitfrage zu lösen . » Aber es wird spät « , fuhr er fort , » und wenn wir die Buttel auch auswinden wie ein Leintuch in der Wäsche , so pressen wir doch keinen Tropfen mehr raus . Weißt was ? Komm du mit mir über Ebersbach , ich will dir einen heidenmäßigen Kirschengeist einschenken zur inwendigen Kur . Ob du links am Staufen vorbeigehst oder rechts , das ist gehopft wie gesprungen . « » Ja , es ist am End ein Ding « , entschied sich der Zigeuner , » und auf eine Stunde soll mir ' s nicht ankommen . « Die beiden jungen Burschen erhoben sich und stiegen die gelinden Anhöhen hinab , an deren Fuße das Filstal sich gegen den Neckar öffnet . Wohlgemut schlenderten sie die Straße an dem Flüßchen aufwärts ; der Zigeuner pfiff gellende Weisen , Friedrich aber schwieg still , und unter seiner breiten Stirne schien ein mächtiger Gedanke zu arbeiten . Die Worte des Waisenpfarrers gingen ihm im Sinne herum ; das Vertrauen des ehrwürdigen alten Mannes hatte ihn stolz gemacht , und es war ihm zumute , als ob er gar nichts nötig hätte als ein bißchen guten Willen , um ein großes Werk zustande zu bringen . Sie waren wohl eine gute Stunde so zugeschritten , ohne ein Wort miteinander zu reden , als Friedrich auf einmal stehenblieb und seinen Gefährten kräftig am Arme faßte . » Und ich sag dir « , rief er , » du bleibst bei mir ! Ich will dir zeigen , daß ich auch ein guter Christ bin . Wenn ich dein armes verstoßenes Volk in das Erbe einsetzen könnte , das von Gott und Rechts wegen einem so gut gehört wie dem andern - mit einem Schlag wollt ich das tun . Nun kann ich aber weiter nichts , als an einem einzelnen , der mir unter die Hände kommt , ein christlich Werk verrichten . Du gehst mit mir , da ist keine Widerrede , die Sonne von Ebersbach hat Raum für viele ! Da wird sich schon ein Plätzlein für dich finden im Haus und ein Stuhl am Tisch und ein Brocken in der Schüssel . Zu tun gibt ' s auch immer etwas , du dienst meinem Vater als Knecht , wie ich , und sollst es nicht schlechter haben als ich . An Frost und Schneepatschen , an Last und Hitze wird ' s zwar nicht fehlen , je nachdem die Jahreszeit ist ; aber das Schlafen im kalten Regen und alles andere , was dazu gehört , das soll und muß ein Ende haben . Komm her , schlag ein . « Der andere hatte ihn anfangs mit seinem scheelen Auge verwundert angesehen ; die Zuversichtlichkeit seiner Rede schien aber jedes Bedenken bei dem Zigeuner verwischt zu haben , und er tat , wie ihn sein Gefährte hieß . Friedrich erwiderte seinen Handschlag mit einem noch kräftigeren , und zufrieden , wie wenn sie einen guten Markthandel abgeschlossen hätten , setzten sie ihren Weg miteinander fort . Der Tag begann sich eben zu neigen , da breitete sich das Ziel ihrer Reise , ein beträchtlicher Flecken , in angenehmer Talweite zwischen den Anhöhen wohlgelegen , freundlich und heimatlich vor ihren Augen aus . 2 » Frau Sonnenwirtin , jetzt ist ' s an mir ! « rief der ältere von zwei Männern in hellblauen Wämsern , die am Wirtstische saßen . » Bringt nur gleich zwei Bouteillen auf einen Streich . Und wenn das Vermögelein draufgehen sollte , der Friede muß stet und fest sein . Man sagt ja , ein Prozeß sei etwas Fettes . Nun gut , auf etwas Fettes muß man brav trinken , damit ' s einem den Magen nicht verdirbt . « » Nach Befehl ! « erwiderte die Wirtin , eine große schlanke Frau , aus deren gelblichem Gesichte starke Knochen hervortraten ; und die Flaschen auftragend fuhr sie fort : » G ' segn ' s Gott , ihr zwei Müller , Ober und Unter ! Das ist das wahre Wasser auf eure Mühlen und wird sie besser treiben als das Haderwasser , dem ihr einige Zeit her den Zugang verstattet habt . Ja ja , ich gratulier ! Ein fetter Vergleich ist besser als ein magerer Prozeß . Das Sprichwort sagt ' s zwar umgekehrt , aber ich hab doch recht . Auch ist ' s gescheiter , das Geld in die Sonne zu tragen , als zum Advokaten , denn bei dem wär ' t ihr doch nicht so ' ring durchgekommen , wie mit so ein paar Bouteillen Zehner . « Die beiden Zunftgenossen , welche einen über ihre Gerechtsame entstandenen Streithandel noch beizeit geschlichtet hatten , ließen ihrer guten Laune vollen Lauf . Sie saßen schon den halben Nachmittag hinter ihrer Friedensflasche und hatten , wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt , die streitigen Punkte sowie die Gründe , die zur Beilegung rieten , mehr als ein dutzendmal umständlich durchgesprochen . Lachend trank der jüngere der Wirtin zu , der ältere aber bedachte sie mit einer derben Liebkosung . - » Was die Sonnenwirtin noch ein fester Kerl ist ! « rief er , » ich glaub , die wär Manns genug , um noch Zwillinge zu bringen . « Die Frau schoß einen scharfen Blick aus ihren grauen Augen auf den Necker , stieß ihn mit einem halb scherzhaft , halb ernstlich gemeinten Scheltwort zurück und verließ , ihren Geschäften nachgehend , das Wirtszimmer . » Ich glaub , Euch juckt ' s schon wieder nach einem Prozeß , Vetter ! « sagte der jüngere Müller lachend . » Paßt nur auf , die da versteht keinen Spaß . Ihr werdet wohl wissen , daß man ihr kein gebrannteres Herzeleid antun kann , als wenn man sie an ihre Kinderlosigkeit erinnert . « » Weiß wohl « , entgegnete der andere , » und ebendarum hab ich ' s getan , weil ich die neidige , gelbe , giftige Kröte noch gelber sehen will , als unser Herrgott sie geschaffen hat . - Komm her , Peter « , unterbrach er sich , einem Eintretenden zurufend , » du hast treulich mit zum Frieden geraten , nun ist ' s billig , daß du auch mit uns trinkst . Ihr werdet nichts dagegen haben , Vetter , wenn ich meinem Knecht einschenke ? Hol dir ein Glas und geh her . « Der Knecht tat , wie ihm geheißen wurde , und setzte sich dann hinter einen andern Tisch auf die Bank , die vorm Ofen längs der Wand hinlief . Von dort aus nahm er seinen wohlberechtigten Anteil am Gespräch , stellte sich auch in seinem Reden und Benehmen völlig auf den Gleichheitsfuß mit seinem Herrn und dessen Gefährten ; nur dadurch , daß er nicht unmittelbar bei ihnen Platz nahm , beobachtete er den Standesunterschied . » Der gelbe Neidteufel ! « fuhr der obere Müller fort . » Man darf nur den Sonnenwirt vergleichen , was er unter seinem ersten Weib für ein Mann war , und was er unter dem dürren Rippenstück für einer geworden ist . Damals war er aufgeweckt und kameradschaftlich und gar nicht b ' häb in Handel und Wandel und Geldsachen . Jetzt ist er schwach und hat keinen eigenen Willen mehr , dabei aber gegen andere Leute ein wahres Untier an Geiz und Hochmut . Der alte Kerl , er trägt den Kopf wie ein Edelmann und meint wahrhaftig , er sei aus anderem Teig gebacken als wie unsereiner . « » Das macht eben der Reichtum « , sagte der Knecht von seiner Bank herüber . » Ja , er ist grausig reich « , versetzte der untere Müller . » Der Holzschlegel rindert ihm auf der Bühne . Er wird wohl auf zwölftausend Gulden geschätzt . Aber freilich , wie Ihr sagt , Vetter , so verhält sich ' s : er ist b ' häb und faßt das Tuch an fünf Zipfeln . « » Ja , und guckt in neun Häfen zumal « , fiel der andere ein . » Wo der gedroschen hat , darf man kein Korn mehr suchen « , ergänzte der Knecht . » An all dem ist das vorteilhaftige böse Weibsbild schuldig ! Sie will alleweil oben hinaus ; sie möcht ' s gern der Pfarrerin und der Amtmännin gleichtun , schmeichelt sich auch bei ihnen an und verlästert andere Leute , denn das hören solche Frauen immer gern . Oh , die ist falsch wie Galgenholz . Und wie ist sie nur mit ihren Stiefkindern umgegangen ! Die hat sie von Anfang an zurückgesetzt und verkürzt , in der Meinung , sie werde eigene bekommen , und wie das nicht eingetroffen ist , so hat sie ' s ihnen aus Mißgunst noch ärger gemacht . Die älteste Tochter hat den kahlköpfigen , trockenen Krämer da drüben geheiratet , um nur aus der Hölle loszuwerden . Die andere , die Magdalene , tät , schätz ich wohl , mit einem Frosch vorliebnehmen , wie die Prinzessin im Märlein . « » Ihr trefft den Nagel auf den Kopf , Vetter ? « rief der jüngere Müller mit mürrischem Lachen . » Wie ? oder wißt Ihr ' s nicht ? Hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden ? « » Nun , was ist ' s denn ? « » Habt Ihr den Laubfrosch noch nie aus und ein gehen sehen ? Wißt Ihr denn nicht , was man für Werg an der Kunkel hat ? « Der andere schüttelte den Kopf . » Das Ausrufungszeichen in dem froschgrünen Rock ! « fuhr der jüngere hitzig fort . » Er sieht akkurat aus , wie Ihr ihn gestempelt habt . Seid Ihr denn heut ganz auf den Kopf gefallen ? « » Was , der Bartkratzer , der sogenannte Herr Chirurgus , der Heuchler , der Kopfhänger , die magere Kuh Pharaonis ? Jetzt wird mir ' s anders ! Jetzt hab ich eine Stärkung vonnöten ! Kommt , Vetter , ich will ' s an Euch hinlassen . « Damit erhob er sein Glas . » Ich will ' s ausstehen « , erwiderte der andere mit sauersüßer Miene , kam ihm mit dem seinigen entgegen , und sie stießen miteinander an . Nachdem der Knecht durch einen Wink beschieden worden war , den Dreiklang voll zu machen , lehnte sich der ältere Müller in seinen Stuhl zurück und fuhr verwundert fort : » Ei so guck einer ! Der Alte schlägt seine Mädchen doch recht unterm Preis los , denn die paar Fußbreit Grundherrschaft , die der grüne Darmfeger besitzt , werden justement einen Sack Erdbirnen ausgeben , und was er jahraus , jahrein mit seiner Rasiererklinge aus den hiesigen Schweinsborsten und Igelsstacheln heraussticht und schabt , das wird ihn auch nicht gerade fett machen . Die Figur gibt ' s. Aber der Alte trifft zwei Fliegen mit einem Schlag . So ein Schlucker darf kein groß Heiratgut fordern ; da behält der Schwäh ' rvater seine Kronentaler brav in der Truhe und hat noch den Profit , daß ihm der fromme Schwiegersohn , so oft er den Morgen- und Abendsegen liest , um ein baldsanftseliges Ende betet . Seine erste Tochter wird auch nicht viel mitbekommen haben , wie er sie hinausgegeben hat ; denn ich seh just nicht , daß ihr Eh ' krüppel sonderlich stark spekuliert , weder in Käs noch in Schwefelhölzlen . Ekonträr , im Gegenteil , seine Firma geht einen sehr bedächtlichen Gang und blüht wie die späten Obstsorten ; ich glaub , er hat ' s aufs langsam reich werden angelegt . Aber es ist doch ein Herr Handelsmann , in Stuttgart heißen sie ' s gar Kommerzienrat , und das ist Numero zwei . Den neuen Schwiegersohn kauft er vielleicht noch wohlfeiler , und das ist noch ein kostbarerer Artikel , das ist gar ein halber Doktor . Die Frau Chirurgussin wird sich natürlicherweise Flügel an die Haube machen lassen müssen , wenn sie mit der langen froschgrünen Stange ranggemäß über die Straße rudern will . Schad ist ' s übrigens um die Magdalene . Sie gäb grad so einen Arm voll für einen wackern Junggesellen , wie Ihr z.B. , Vetter . Aber so weit gibt sich der Hochmut nicht herunter , unsereiner ist ihm nicht gut genug ; so eine Rasierklinge ohne Handhab ' schneid ' t ihm immer noch besser . O blinde Welt ! Die Hand vom Butten , Vetter , ' s sind Weinbeeren drin . « » Meinthalben Rosinen und Zibeben ! « fuhr der jüngere auf . » Habt Ihr mich auf der Muck ? Wollt Ihr mich ins Gered bringen ? Ihr schwätzt mir da recht hinterfür heraus , wie ein Mann ohne Kopf ! Was will ich von dem Mädle ? Habt Ihr wo läuten hören ? Bin ich dem Sonnenwirt auf irgendeine Art oder Weise zu Hof geritten ? Zwar , es fragt sich noch , wenn er einen wohlfeilen Schwiegersohn finden will , ob ihm nicht einer so gut ist wie der andere . Wenn ' s im Abstreicht geht , darf auch ein Bettelmann zur Auktion kommen , und das ist doch just nicht meine Nummer , wie Ihr selber am besten wißt . Übrigens kann mir die ganze Sippschaft gestohlen werden . Macht mir nichts vor ! In dem Punkt versteh ich keinen Spaß . « » Na , wollen den Geist ruhen lassen « , versetzte der ältere . » Aber soviel ist gewiß , wenn die erste Frau , die rechte Mutter , noch am Leben wär , so fiel die Aussteuer ein wenig größer aus und der Hochmut ein wenig kleiner . « » Ja , und mancher böse Auftritt wär unterblieben und mancher Lärm und Spektakel bei Tag und auch bei Nacht , der die Sonne mehr in Finsternis als in Glanz brachte bei der Gemeinde . Und die Hauptsonnenfinsternis wär gewiß auch nicht so schwarz ausgefallen unter dem linden Regiment der rechten Mutter . « » Was meint Ihr damit ? Ja so , jetzt geht mir auf einmal ein Licht auf . Ihr sprecht vom Gutedel , vom jungen Sonnenwirtle . Mag leicht sein , daß der mit Verstand und Güte gradgebogen worden wäre , der knorrige Hagbuchenstock . Zwar ist es schwer zu sagen , ob das Mutterherz den rechten Weg gefunden hätte nachmals , wie es nötig wurde ; denn die selige Sonnenwirtin war eben die gute Stunde selber und den Stab Wehe hat sie nimmermehr zu führen verstanden . Der Sonnenwirt sah dem Früchtlein auch in allweg zuviel durch die Finger , solang sie lebte und solang der Erbprinz die Nüsse noch mit den Milchzähnen knackte . Er hielt ihn zwar fleißig zur Schule an und sah auch sonst zum Rechten ; aber ich weiß nicht , es hat eben doch an etwas gefehlt . « » Ja « , lachte der jüngere Müller , » wohlgezogen , aber übel gewöhnt , das war er von Anfang an . « » Ist denn ein Sohn da ? « fragte der Müllersknecht von seiner Bank herüber . Sein Dienstherr sah ihn verwundert an . » Ja so « , sagte er nach einer Weile , » du hast dich schon so bei mir insinuiert , daß ich schier gar gemeint hätte , du seiest seit Jahr und Tag in meinem Haus , und bist doch erst eine Woche da . Freilich auf die Art hast du den jungen Sonnenwirtle noch nicht zu Gesicht kriegen können . Wundert mich übrigens , daß du in deinem Deizisau nichts von ihm gehört hast ; denn er ist ein Gewaltiger vor dem Herrn , und wenn man ihm nicht den Krattel beizeiten vertreibt , so kann er , schätz ich wohl , im ganzen Land bekannt werden . « » Wo ist er denn ? « fragte der Knecht . » Er ist an einem Örtlein , wo du nicht gern hinkämst « , war die Antwort , und die beiden Müller brachen in ein Gelächter aus . » Jetzt rat einmal . « Die Tür ging abermals auf , und ein Mensch in hohen Wasserstiefeln trat herein . Er trug einen Kübel , den er vorsichtig auf einen Stuhl setzte . » Ist die Frau nicht da ? « fragte er . » So , du bist ' s , Fischerhanne ? « rief der obere Müller . » Was hast denn da ? Du gehst ja mit dem Kübel so sachte um , wie wenn du Perlen in der Fils gefunden hättest . « » Guten Abend , ihr Mannen « , sagte der Fischer . » Tut ' s so ? ist ' s schon Feierabend ? Nein , die Perlen geraten nicht hierzuland , außer in der Glasfabrik . Forellen sind ' s , frisch aus dem Bach , ich hab sie nur geschwind im Kübel hergetragen . « » Was meint Ihr , Vetter ? Wie wär ' s , wenn wir so ein paar Silberfischlein in die Küche schicken täten ? Der Wein schmeckt noch so gut dazu . Wie , Fischerhanne , gib her , laß einmal sehen , was hast für War ? « » Ich kann keine davon hergeben « , sagte der Fischer . » Die Alte tät mich mit dem Besen zum Haus hinausjagen . Sie hat morgen ein Pfarrerskränzlein , und da braucht sie die Fusch alle . « » So , so , die hochwürdigen Herren begnügen sich nicht mit dem geistlichen Fischzug und wollen daneben auch leibliche Gräten beißen ? « » Ihr lebet ja auch nicht vom Wasser allein , obgleich Ihr Müller seid « , erwiderte der Fischer , indem er trotz seiner abschlägigen Antwort den Kübel herüberholte und mit seinen zappelnden Insassen auf den Tisch setzte . » Pflanz dich nur her « , sagte der andere . » Du gehörst ja in ein Element mit uns . Ein Glas Wein für den Fisch ! Willst nicht ? Und meinethalb noch einen Freitrunk drüber , daß der Weinkauf richtig ist . « » So macht nur geschwind , daß die Alte nicht dazu kommt « , erwiderte der Fischer . » Aber mehr als einen auf den Mann kann ich nicht hergeben , und hier könnet ihr sie auch nicht essen , denn die Sonnenwirtin darf beileib nichts davon wissen . « » Freilich , ' s ist ein halber Kirchenraub ! « rief der ältere Müller lachend , fuhr in den Kübel , griff mit sicherer Hand eine große schöne Forelle heraus , zu welcher der Fischer gewaltig sauer sah , schlug sie mit dem Kopf gegen die Tischecke und steckte sie eilig in die Tasche . Der jüngere war ebenso schnell seinem Beispiel gefolgt . » So , Fischerhanne « , sagte der ältere , nachdem sie den Handel beendigt hatten , » wir wollen das Element leben lassen , das unsere gemeinschaftliche Nahrung ist . Nahrung , wohlverstanden ! Denn für den Hunger ist ' s zwar gut , aber nicht für den Durst . Der Eulenspiegel hat ' s allezeit den starken Trank geheißen ; es treibe Mühlräder , sagte er , und deshalb sei es ihm zu stark für seine Natur . « Er klingelte am Glase , um noch eine Flasche zu bestellen . » Aber jetzt ist ' s recht « , rief er , als die Türe aufging ; » jetzt kommt auch einmal die Oberkellnerin , die Magdalene . Komm her , du Hübsche und du Feine , da gibt ' s schmachtende Herzen zu laben . « Das Mädchen , das auf den Ruf der durstigen Sturmglocke erschienen war , konnte man nicht ansehen , ohne ihr freundlich gesinnt zu werden . Sie trug auf einem wohlgewachsenen Körper ein rundes , unschuldiges , gutmütiges Gesichtchen , ein weiblich mildes Abbild von den derben Zügen ihres Bruders und zugleich eine Bürgschaft , daß auch hinter dieser rauhen Schale ein guter Kern verborgen sein könnte . » Hab ich ' s nicht gesagt ? « rief der ältere Müller , » und es verlohnt sich der Müh , es zweimal zu sagen ; wiewohl wir nicht in der Mühle sind ! Das Mädle gäb einen staatsmäßigen Arm voll , nicht zu viel und nicht zu wenig , für einen braven Junggesellen . « Er blickte dabei mit einer Spaßvogelsmiene auf den andern . » Wenn Ihr sie zu Eurer Käther hin heiraten wollt , so müßt Ihr eben ein Türk werden « , erwiderte dieser trocken . » Aber jetzt ist ' s wieder an mir ! Eine Buttel für mich ! « rief er barsch , auf die Flasche deutend , dem Mädchen zu und konnte es doch nicht lassen , ihr nachzublicken , bis sie in der Türe verschwand . Sie war feuerrot geworden und hatte die Flasche mit niedergeschlagenen Augen vom Tische genommen . » Und wie sie so leibhaftig geht und steht ! « rief der erste , der nicht müde werden konnte . » O du Milch und Blut ! « Magdalene erschien nicht wieder . Statt ihrer kam die Hausfrau , stellte die gefüllte Flasche auf den Tisch und nahm die Forellen , die der Fischer indessen auf den Stuhl zurückgebracht hatte , mit hinaus . » Da trink , Fischer ! « rief der jüngere Müller einschenkend . » Der treibt die Seelenmühle , vielleicht treibt er dir auch ein wenig Blut in die farblosen Backen . « » Ja , das ist wahr , du siehst aus , wie wenn du ' s mit einer Wasserjungfer hättest « , sagte der ältere . » Und so alt bist du geworden , Kerl ! « fügte der jüngere hinzu . » Wenn man sich tagtäglich im Wasser hetzen und verkälten muß und hat magere Bissen dabei « , entgegnete der Fischer unmutig , » so ist ' s kein Wunder , wenn der Firnis abgeht . « » Wie alt bist denn , Fischerhanne ? Du siehst aus , wie wenn du schon das Schwabenalter erreicht hättest , und bist doch , glaub ich , mit dem Sonnenwirtle aus der Schul gekommen . « » Ja , den hat man aber auch sorgfältiger aufgehoben als mich , da ist ' s kein Wunder « , versetzte der Fischer mit hämischem Tone , und ein Strahl leuchtete flüchtig in seinen toten grauen Augen auf . » Der ist ja so gut verwahrt , daß ihn kein rauhes Lüftle anwehen kann . Wie lang sitzt er denn noch im Zuchthaus ? « » Er wird seine Zeit jetzt so ziemlich abgesessen haben . « » Was , der Sonnenwirt hat einen Sohn im Zuchthaus ? « rief der Müllerknecht aus voller Lunge herüber . Er hatte die frühere Antwort nicht recht begriffen . » Sachte , Peter , sachte mit der Braut ! « sagte sein Herr und hielt ihm die Flasche hin , um einzuschenken . » Mußt nicht so laut schreien . Im Haus des Gehenkten ist nicht gut vom Strick reden . « » Aber wie ist so was möglich ? Guter Leute Kind im Zuchthaus ! « sagte der Knecht leise , auf den äußersten Rand seiner Bank vorrückend , die Hände auf den Knien und den Kopf soweit als möglich vorgestreckt . » Es ist just kein Wunder « , versetzte der Fischer . » Er ist eben ein heißgrätiger , unbändiger Bursch « , sagte der jüngere Müller . » Ei , du kennst ihn ja am besten , Fischerhanne « , rief der ältere . » Gib acht , Peter , der kann ' s dir sagen , der ist mit ihm in die Schul gangen . « » Da wirst du wenig Gut ' s von ihm zu hören bekommen « , lachte der jüngere Müller . » Wenn der Sonnenwirtle am Jüngsten Tag dem Fischerhanne gegenüber gestellt werden tät , und es käm auf sein alleiniges Zeugnis an , wie sein Urteil in der andern Welt lauten sollt , ich glaub , der Frieder müßt in die unterste Hölle fahren . « » Wahr ist ' s « , sagte der Fischer , » ich kann ihn nicht leiden und hab ihn nie leiden können . Wir sind einander von Anfang an spinnenfeind gewesen . Ich weiß eigentlich selbst nicht recht , wie ' s gekommen ist , ' s ist weiter nichts Besonderes zwischen uns vorgefallen . Die Buben hadern und raufen viel miteinander und werden doch nachher oft die besten Freunde . Aber bei uns hat der Haß immer tiefer gefressen ; es ist , als ob ' s uns von Natur eingepflanzt gewesen wäre . Das erstemal , daß wir einander zu Gesicht kriegten , sah er mich mit bösen Augen an , und ich war wider ihn und er wider mich . « » Da ist auch kein Wunder dran « , meinte der untere Müller . » Ob seine Augen , die er an dich hingemacht hat , so bös gewesen sind , das weiß ich nicht , er ist nicht gerade besonders gezeichnet in den Augen . Aber er war ein Muttersöhnchen , hatte immer was zu beißen und zu knacken ; mit den Gröschlein und Sechserlein von den Döten und Dotinnen konnte er allzeit den großen Hansen machen ; und in der Schule saß er beständig obenan , denn das Spruchbuch und den Katechismus lernte er wie ' s Wasser . « » Ich weiß schon , wo du hinauswillst , Georg « , versetzte der Fischer , ohne Gesicht oder Augen zu erheben . » Es ist wahr , ich bin ein armer Teufel , und ein Bub , der im Wachsen ist , hat einen starken Appetit , und es mag sein , daß mir die überflüssigen guten Bissen , die man bei ihm sah , manchmal zu schaffen machten ; aber so gar mißvergünstig bin ich doch nicht , und werd ' s auch damals nicht gewesen sein . Seine Gelehrsamkeit hat mir ' s auch nicht angetan . Der Ehrgeiz hat mich nie gestochen ; meine Vorfahren sind arme Fischer gewesen , soweit man hier in Ebersbach zurückdenken kann , und darum hab ich auch weder Vogt noch Professor werden wollen . « » Aber womit hat er dir ' s denn angetan ? « » Warum stellen sich Hund und Katze wider einander , wenn sie einander ansichtig werden ? Warum gibt ' s Leute , die manche Tiere nicht leiden können ? Gerade so geht ' s auch dem Menschen mit dem Menschen . Ein Gesicht gefällt einem , ein anderes ist einem zuwider . Übrigens hat er ' s nicht an tätlichem Anlaß fehlen lassen . Er war ein stolzer , übermütiger Bub , der keinen was neben sich gelten ließ . Beim Soldätlesspiel war er der General , und wenn man Räuberles spielte , mußte er der Hauptmann sein . Kommandieren und die andern herumpudeln , das war sein Pläsier . Die ihm recht untertänig waren , denen spendierte er , was er nur aufbringen konnte . Mir hat er nie was geschenkt . « » Das muß man ihm lassen « , sagte der ältere Müller , » gutherzig und freigebig ist er allezeit gewesen . « » Ja , aber da hat der Fischerhanne doch recht « , fügte der jüngere hinzu , » am gutherzigsten war er eben gegen solche , die seinem Stolze am besten hofieren konnten . « » Gutherzig ? « rief der Fischer . » Eine eigene Art von Gutherzigkeit hat er von jeher gehabt . Er war noch nicht acht Jahre alt , so jagte er den Nachbarn zum Spaß die Hühner fort , aus purer guter Laune schlug er ihnen die Gänse tot , hetzte die Hunde auf Weiber und Kinder und lachte wie ein kleiner Teufel über ihre Angst . Und wie er dann zu seinem Namenstag eine Flinte bekam , da hieß es erst : Hellauf ! Da schoß er mitten im Ort auf Hühner , Enten , Gänse , was er erwischen konnte , und der Sonnenwirt bezahlte den Schaden und war stolz darauf , daß er ihn zahlen konnte ! « » Und noch mehr darauf , daß die Blitzkröte schon so ein guter Schütz war « , fiel der jüngere Müller ein . » Das war ' s ja eben ! Durch die Nachsicht , die man ihm schenkte , und durch den Beifall der Speichellecker , die bei den Eltern einen Stein im Brett gewinnen wollten , wurde er immer noch mehr verhetzt , und so kam er von einem Schabernack zum andern .