wie eine Waare untersucht , ihre Gestalt , ihr Wuchs , ihre Augen , ihre Zähne , aber das geschieht nur einige Mal in ihrem Leben ; die Tänzerin dagegen muß sich allabendlich von dem gesammten Publikum untersuchen lassen : jedes Glas richtet sich scharf auf sie und jedes Auge prüft genau die Formen ihres Körpers , um dem Nachbar sagen zu können : » Sie ist schöner geworden , sie blüht auf , « oder : » Sie nimmt ab , es geht zu Ende mit ihr . « - Und das setzt sich auch hinter den Coulissen fort und spielt in ' s gewöhnliche Leben hinüber . Wem es nur irgend möglich ist und wer hiezu ein Recht zu haben glaubt , macht sich ein Vergnügen daraus , zu untersuchen , ob eine Tänzerin fest geschnürt sei , und jeder Geck glaubt eine Verpflichtung zu haben , diesem armen Mädchen nachzulaufen , eben weil es eine Tänzerin ist . - - Und da bei hat sie nicht einmal das Mitleid ihres Geschlechtes für sich . Was ist eine Tänzerin ? - Ein Geschöpf , über welches die Nase zu rümpfen man berechtigt ist , der es ja ein Vergnügen macht , sich so und so vor dem Publikum zu präsentiren . - Nein , ihr Damen vom ersten und zweiten Rang , es macht ihnen in den meisten Fällen kein Vergnügen und es ist nur ein Beweis , daß es auch bei uns Sclaven und freie Menschen gibt , ein Beweis , auf welch ' traurige Weise auch bei uns die Glücksgüter vertheilt sind ; denn wenn immer nach der Reinheit der Gesinnung und den Gefühlen des Anstandes die Stellen des gesellschaftlichen Lebens vertheilt wären , so säße manche Tänzerin in eurer Loge , nachlässig zurückgelehnt mit verächtlich zugedrücktem Auge , und Manche von euch zeigte sich da unten dem lachenden Publikum . Das heißt , wenn an ihr irgend etwas zu zeigen ist . - - - - Im dritten Zimmer ist dasselbe Treiben , dieselbe Geschäftigkeit wie in den beiden anderen . Hieher entlud sich der Inhalt des letzten Wagens , den wir begleitet , und da diese Tänzerinnen später kamen als ihre Colleginnen , so ist man hier auch noch weiter im Anzuge zurück . Doch ist jede Tänzerin eifrig beschäftigt ; die Ankleiderinnen helfen ihnen angelegentlichst und bald schält sich aus dem Chaos von Tricots , Weißzeug , gestickten Kleidern , falschen Blumen und dergleichen mehr etwas Solides und Fertiges heraus , und das stellt sich nun vor die Spiegel , probirt vorläufig die neue Frisur , schminkt sich nach der Lancaster ' schen Methode , oder läßt sich von einer der Schneiderinnen noch hie und da etwas am Anzuge ändern . Vor einen der Spiegel tritt gerade eine als Nymphe des Waldes gekleidete Tänzerin ; fleischfarbene Tricots sind oben mit einem äußerst kurzen Rock bedeckt , der Oberkörper steckt in einem Leibchen von hellgrünem Atlas , das bei jeder Bewegung des Körpers kracht und sich dehnt . Neben ihr auf einem Stuhl sitzt eine andere Tänzerin , die Arme über einander geschlagen , die Füße weit , von sich abgestreckt , so daß der Tanzrock mehr als eine Spanne über dem Knie bleibt . Beide sind sehr schöne Mädchen , die vor dem Spiegel hat dunkle Haare , blitzende Augen und ist tadellos gewachsen . Die Andere , eine Blondine , hat ein sanftes Gesicht und ruhige , weniger leidenschaftliche Bewegungen . » Hast du bemerkt , « sagte Letztere , » daß die Marie dort in der Ecke wieder eine Thräne um die andere fallen läßt ? Warum nimmt das Mädchen auch keine Vernunft an ! « » Wird schon kommen , « erwiderte die vor dem Spiegel , indem sie sich übermäßig stark zurückbog , um zu sehen , ob die Verbindung zwischen Rock und Leibchen nichts zu wünschen übrig ließe . » Wem ist es am Ende nicht so ergangen ? Wer von uns hat ein Verhältniß ganz vollkommen nach seiner Neigung anfangen können ? « » Ich , « versetzte die Blonde ; » und deßhalb dauert mich die Marie . « » Nun , du hast was Rechtes , « entgegnete die Andere lachend und hob mit einem gelinden Ausdruck der Verachtung ihre Oberlippe , während sie mit den Händen ihre Hüfte umspannte und sich selbstzufrieden in dem Spiegel besah . » Aber er wird mich heirathen , « fuhr die Blonde fort . » Und dann bist du fertig ! Nein , nein , Elise , da macht ' s unsereins ganz anders . Und wenn die Marie nun einmal nicht will , wer kann sie zwingen ? « » Du weißt , daß sie keine Eltern mehr hat und bei ihrer Tanze wohnt . « » Bei dem Drachen am Kanal ! Oeffentlich hat sie Aepfel feil und verkauft Singvögel ; was sie aber im Geheimen treibt , wissen wir . - Pfui Teufel ! Nun , zwingen soll sie sich nicht lassen ; man muß mit ihr sprechen . « » Thu ' das , Therese , « sagte die Blondine . » Du weißt , die Marie ist ein gutes Geschöpf , ruhig und sanft , sie ist keines großen Widerstandes fähig und eine intime Freundin hat sie auch nicht . « » Man muß mit ihr sprechen , « wiederholte stolz Therese . » Laß mich nur machen . « Mit diesen Worten trat sie noch einmal fest vor den Spiegel hin , hob den Kopf hochmüthig in die Höhe , besah sich rechts und links , griff nochmals sich lang streckend um ihre Taille und wandte sich dann höchlich zufrieden mit einer halben Pirouette vom Spiegel , worauf sie stolz wie eine Kaiserin nach der vorhin angedeuteten Ecke schritt . Hier war der unvortheilhafteste Platz des ganzen Gemaches ; er war neben einem Fenster , wo wenig Licht hinfiel und sich nur ein kleiner Wandschrank befand . Hier mußten sich die Jüngsten begnügen , bis sie endlich älter und erfahrener wurden und durch den Abgang einer Collegin oder durch irgend eine Protektion an einen bessern Platz vorrückten . Die zwei Mädchen , die sich hier angezogen , waren beide jung , beide schön , sie hatten beide dunkles Haar und dunkle Augen und waren doch unendlich von einander verschieden . Wir kennen Beide bereits ; von der Einen sprachen eben die beiden Tänzerinnen an dem großen Spiegel ; die andere war Mamsell Clara , welche zuletzt in den Wagen gestiegen . Die Erstere war ein Bild der Frische und Ueppigkeit , dabei hatte sie eine gute Taille , starke Arme , ein rundes , blühendes Gesicht , und die Röthe ihrer Wangen drang so stark hervor , daß sie mit keiner anderen Schminke zu bewältigen war ; von Nothauflegen war gar keine Rede , und schon nach den ersten Schritten des Tanzes glühte sie so , daß man ihr vorwarf , sie sei ungeschickt und übermäßig geschminkt . Ihre Augen waren dunkel und glänzend , der Gesichtsausdruck aber nicht sehr geistvoll ; Hände und Füße ließen auch etwas zu wünschen übrig , woher es denn auch wohl kam , daß es ihr schwer wurde , eine graziöse Stellung anzunehmen , und sie , obgleich wie gesagt ein sehr schönes Mädchen , doch nie in die ersten Reihen gestellt wurde . Clara war von einer mittleren Größe und mit einer Zierlichkeit und Eleganz gewachsen , die Jedermann in Erstaunen setzte . Dabei hatte sie den kleinsten Fuß , die kleinste Hand , und ihre Taille , nicht unverhältnißmäßig schmal , stand zu dem langen und vollen Oberkörper in so richtigem Verhältniß , daß das schärfste Kennerauge in diesem Körper nur die vollkommenste Harmonie entdecken mußte . Auch Hals und Kopf paßten vortrefflich zu dem Ganzen ; ihr Gesicht war lang , doch nicht schmal , die Farbe desselben etwas blaß ; dabei hatte sie große Augen und zwischen frischen Lippen glänzend weiße Zähne . Ihr fast schwarzes Haar war wegen seiner Fülle der Kummer des Friseurs , denn Monsieur Fritz war , wie er sagte , nicht im Stande , irgend eine correcte Frisur damit herzustellen . Wenn wir dabei versichern , daß dieses Mädchen mit einer außerordentlichen natürlichen Grazie begabt war , daß keine ihrer Bewegungen etwas Eckiges hatte , daß ihr Körper und ihre Füße schmiegsam und biegsam wie bei keiner Anderen waren , daß sie den größten Pas mit Leichtigkeit lernte und nach dem ersten Jahr vor allen ihren Colleginnen während des Tanzes auffallend hervortrat , so wird man sich wundern , weßhalb sie bei dem Corps de Ballet blieb und nicht zur Solotänzerin ausgebildet wurde . Doch hatte das seine guten Gründe , und Clara , die , wie wir später sehen werden , fast schutzlos in der Welt stand , dagegen viel Schutz zu verleihen hatte , fand nicht die Zeit , täglich die langwierigen Exercitien zu machen , die nothwendig sind , wenn man es in der Tanzkunst zu Etwas bringen will . Dabei fürchtete sie sich auch vor dem ersten Tänzer , der sich ihr anfänglich auffallend genähert hatte , dem sie aber mit ihrem richtigen Gefühl schaudernd auswich . Ueberhaupt konnte sie sich nie mit dem wilden Treiben vieler der anderen Tänzerinnen befreunden und nahm deßhalb eine isolirte Stellung ein , die häufig Veranlassung war , daß sie Spott und Neckereien aller Art ertragen mußte . Mamsell Marie war die Einzige , welche mit großer Anhänglichkeit an Clara hing , sie wahrhaft verehrte und fast unterthänig gegen sie war , wie gegen eine Gebieterin . Die beiden Mädchen waren stillschweigend übereingekommen , Monsieur Fritz so wenig als möglich in Anspruch zu nehmen , und da sie sich schon seit längerer Zeit so gegenseitig bedienten und , namentlich Clara , eine große Fertigkeit erlangt hatten , so wurde es ihnen nicht schwer , sich gegenseitig die kunstvollsten und schwierigsten Frisuren zu machen . Dadurch waren sie meistens vor allen Uebrigen fertig , so auch heute , und als in allen Zimmern und vor allen Schränken noch große Bewegung herrschte , hatten sie ihre gewöhnlichen Kleider schon aufgeräumt und beschäftigten sich , völlig angezogen , mit etwas Anderem . Diese Beschäftigung war aber sehr verschiedener Art : Clara hatte sich vor ihr Schränkchen gesetzt , das zweite Paketchen ihrer Näherei geöffnet und fing an zu arbeiten , während Marie an dem Fenster lehnte und mit gefalteten Händen in die dunkle Nacht hinaussah . Uebereinstimmend aber waren die Gesichtszüge beider Mädchen ; auf beiden lag ein tiefer Schmerz und die etwas gerötheten Augen zeigten Spuren von häufigem Weinen . Clara hatte stark roth auftragen müssen , um die durchdringende Blässe ihres Gesichts zu bewältigen . Weßhalb die am Fenster geweint , haben wir bereits erfahren , und wenn wir einen Blick auf die Arbeit der Anderen werfen , sind wir auch hier über die Ursache des Schmerzes nicht mehr im Zweifel : Clara nähte an einem Kinderkleidchen und war eben im Begriff , dasselbe mit schwarzen Schleifen zu besetzen . In diesem Augenblick kam Mamsell Therese von ihrem Spiegel und trat mit erhobenem Kopfe vor die Beiden hin . » So , ihr seid schon fertig ? « sagte sie . » Und Clara ist schon wieder am Arbeiten ? - Was machst du denn da ? « » Mir ist heute Nacht meine kleine Schwester gestorben , « antwortete das Mädchen . Und als sie ihren Kopf aufhob , um die Tänzerin anzuschauen , standen ihre großen Augen voll Thränen . » So , so , « entgegnete Therese mitleidig , » deine arme kleine Schwester ist gestorben ? Ei , ich habe nichts davon gewußt . Und da machst du ihr das letzte Kleidchen ? « Clara nickte stillschweigend mit dem Kopfe . » Wie alt war denn das Kind ? « » Sie war zwei Jahre - aber so lieb - so lieb - « » Nun ihr ist wohl , « versetzte die Andere ; » aber es thut mir leid für dich , du hast das Kind gewiß sehr gern gehabt . « » Wie ihr eigenes , « sagte Marie am Fenster , und unter dem Dunkel des Vorhanges glänzten ihre feuchten Augen hervor . Einige andere Tänzerinnen in der Nähe , namentlich die blonde Elise , welche ihrer Freundin gefolgt war , hatten diese Unterredung theilweise gehört und traten nun mitleidsvoll näher . Bald war Clara von allen Damen umringt , die sich im Zimmer befanden , und es war ein eigener Anblick , wie die vorhin noch so lachenden Gesichter der jungen lustigen Tänzerinnen auf das dürftige Todtenhemdchen niederschauten . Um dasselbe herum stand nun so plötzlich ein lautloser Kreis , glänzend in Spitzen , Atlas , Silberstoffen und falschen Brillanten . Dabei contrastirte die Stille hier im Zimmer auffallend mit dem Lärmen in den andern ; dort wurde geplaudert , gelacht , auch wohl ein lustiges Lied gesungen und zwischen hinein blätterten die Castagnetten und hörte man hin und wieder das taktmäßige Auftreten der Füße , wenn die Eine oder die Andere irgend einen Pas versuchte . » Aber warum nähst du schwarze Schleifen auf das Kleid ? « fragte nach einer längeren Pause Therese , indem sie sich niederbeugte und das Kleidchen mit der Hand berührte . » Man nimmt ja gewöhnlich Rosaband ; auch sind die hier von Baumwollenzeug . « Clara blickte in die Höhe und versuchte zu lächeln , aber es wollte ihr nicht recht gelingen . » Schwarz ist ja die Farbe der Trauer , « sagte sie , » und dann hatte ich diese Bänder schon ; Roth ist so theuer . « » Du hast sie von einem Kleid heruntergetrennt , « fuhr die Andere fort , nachdem sie genauer hingesehen . - - » Ich will das nicht leiden . « Dabei richtete sie sich stolz in die Höhe . » Dein Schwesterchen soll nichts Schlechteres haben , als die anderen Kinder . - Allons ! « wandte sie sich an die Andern , » sucht rothes Atlasband zusammen , aber eilt euch . - Wie viel Schleifen brauchst du ungefähr ? « » Laß nur gut sein , Therese , « bat Clara , » meine Liebe zu dem armen Kind ist nicht geringer , wenn ich auch schwarze Schleifen hinnähe . « » Aber es muß einmal so sein , « entgegnete Therese eigensinnig , » du hast ja kaum mit deinem schwarzen Band angefangen . Macht , daß wir rothe Schleifen bekommen ! « Schon auf den ersten Ruf hin waren mehrere der Tänzerinnen zu ihren Schränken geeilt , und eine brachte das Verlangte herbei . Therese durchschritt alle Zimmer und rief nach rothem Atlasband . » Wozu ? « fragten mehrere Stimmen . » Zu welchem Zweck ? « Und kaum hatte die Tänzerin erklärt , um was es sich handle , so wurden bereitwillig Schränke und Schachteln geöffnet und jede der glänzenden Nymphen , der strahlenden Göttinnen und edlen Ritterfräuleins beeilte sich , ihre rothe Schleife zu bringen , so daß Clara kaum mit dem Annähen fertig werden konnte . Wie wohl that ihr übrigens diese Theilnahme und wie erfreut war sie , als nun das Kleidchen fertig war und nicht mehr so düster in Schwarz und Weiß aussah , sondern freundlich und rosig , wie es für das liebliche Gesichtchen des verstorbenen Kindes paßte . » Wann wird dein Schwesterchen begraben ? « fragte die blonde Tänzerin , die jetzt in den Kreis trat , in ihrer Hand einen kleinen Kranz haltend von künstlichen Orangenblüthen , fast ihr einziges und bestes Eigenthum , das sie aber gerne hingab , um das Köpfchen der Verstorbenen damit zu zieren . » Wann wird es begraben ? « wiederholte sie . » Denn es versteht sich von selbst , daß wir Alle mitgehen . « » Natürlich , « sagte Therese , » da wird gewiß keine fehlen . Und an Blumen bringen wir mit , was wir auftreiben können ; die jetzt gewachsenen und blühenden sind freilich theuer , aber es thut nichts , sollte es auch ein gemachter Strauß sein . Es hat die gleiche Wirkung , wenn es nur vom Herzen kommt . « » Es soll mich freuen , « erwiderte Clara , » wenn ihr auf den Kirchhof kommen wollt ; das Begräbniß ist übermorgen um zehn Uhr . « » Verlaß ' dich darauf , es fehlt keine , « versetzte Therese bestimmt . Und damit nahm sie das fertig gewordene Kleidchen in die Höhe und Alle betrachteten die wohlgelungene Arbeit . In diesem Augenblicke ertönte eine Klingel dreimal und heftig ; es war das Zeichen für die Tänzerinnen , auf die Bühne zu kommen , weßhalb die Schränke eilfertig zugeschlossen wurden . Jede trat noch einen Augenblick vor den Spiegel , streckte den Oberkörper so weit als möglich in die Höhe , zog den Tanzrock herab , betrachtete prüfend die Schuhe , ob nirgendwo ein Fehler zu entdecken sei , und darauf flatterte die leichte Schaar die Treppen hinab und rauschte auf die Bühne , wie ein anderes wildes Heer . Drittes Kapitel . Sclavinnen . Wie meistens vor einem größeren Ballet ein kleines Lustspiel gegeben wird , so auch am heutigen Abend . Es geschieht das , um den ersten Hunger des Publikums zu stillen , um den Zuspätkommenden genügende Zeit zu lassen , ihre Plätze einzunehmen , und um Alle , oftmals durch einige Langeweile , empfänglicher zu machen für den nun folgenden Spektakel , für Decorationen , Costüme , Tänzer und Tänzerinnen . Hiezu wird meistens ein harmloses Lustspiel gewählt , an dem man nicht viel verliert , wenn man auch erst in der Mitte desselben in ' s Theater kommt ; es hat gewöhnlich eine einfache Decoration , damit man hinten genugsam Platz hat für die Zurüstungen , sowie eine Stelle , wo sich das Corps de Ballet aufhält und wo die Solotänzerinnen die verzweifeltsten Anstrengungen machen , damit ihre Glieder nachher im höchsten Glanze der Gelenkigkeit erscheinen . Es ist heute Abend ein Ballet in vier Aufzügen , zwölf Tableaux , mit viel Tyrannei , viel Liebesschmerz und ungeheurem Gefühl . Eine Scene , wo viel des Letzteren vorkommt , muß als sehr schwierig noch probirt werden . Der Herzog , ein gutmüthiger Kerl , - so scheint er wenigstens im ersten Aufzug , obgleich der emporgewichste Schnurrbart und der lange drohende Knebelbart deutliche Vorzeichen sind , daß später einiges Zähneknirschen und Augenverdrehen stattfinden wird , - der Herzog also kommt , wie es in Balleten meistens der Fall ist , unglücklicher Weise in dem Augenblick zu seiner Braut , wo deren eigentlicher Liebhaber , der junge Ritter Astolfo , ebenfalls bei ihr ist . Das gibt eine furchtbare Scene ; der Herzog bleibt wie angewurzelt stehen und gleitet dann mit einem fürchterlichen Blick , fast ohne die Füße zu bewegen , bis auf die andere Seite der Bühne . Ritter Astolfo zieht sein Schwert ; einige zwanzig Tänzerinnen , die Begleitung der Braut , schaudern im Chor , die Cavaliere des Herzogs schlagen ein Pantomimisches Hohngelächter auf , und die Braut reißt sich endlich aus ihrer Erstarrung in die Höhe , faßt ihren verzweifelnden Liebhaber an der Hand und tanzt vor den Augen des erstaunten Herzogs ein Pas de deux , worin sie ihm deutlich zu verstehen gibt , hier , Astolfo , sei ihr Jugendfreund und schon seit erster Kindheit von ihr geliebt worden , sie könne und werde ihn nie verlassen , sie scheere sich den Henker um den Herzog und sein ganzes Reich , und werde eher sterben , als ihm angehören . Diese Scene wurde , wie gesagt , nochmals in der Geschwindigkeit durchgemacht , worauf der erste Tänzer in Abwesenheit des Balletmeisters das Corps de Ballet eine kleine Revue passiren ließ . Er schaute nach , ob die Frisuren übereinstimmend mit der Vorschrift waren , ob die Schuhe in gutem Zustande , ob die Tricots fest und sorgfältig angezogen seien . Die meisten der jungen Damen ließen sich diese Untersuchung lachend gefallen , namentlich wenn der Tänzer , ein hagerer junger Mann mit sehr lebhaften Augen , gerade nicht in ' s Detail einging . Andere , um geschwind fertig zu sein , drehten sich vor seinen Augen lachend mit einer Pirouette , um sich von allen Seiten zu präsentiren und machten darauf ein übermäßiges Battiment , um so Tricots und Schuhe im besten Glanz vorzuzeigen und sprangen dann in die Coulisse zurück . Einige der Tänzerinnen beantworteten die Aufforderung ihres Collegen , näher zu treten , mit einem unbeschreiblichen Blick , drehten ihm ganz einfach den Rücken oder ließen sich auch , die Hände auf den Hüften , nicht im Mindesten in ihrer Unterhaltung stören . » Wo ist Mamsell Clara ? « rief der Tänzer , nachdem er das Mädchen vergebens gesucht , obgleich sie nicht weit von ihm hinter einem gemalten Baume stand . - » Wo ist Demoiselle Clara ? « wiederholte er mit lauter Stimme . » Ich muß sie bitten , augenblicklich vorzutreten . « Diesem zweiten Ruf mußte Folge geleistet werden , und das Mädchen trat , obgleich widerstrebend , aus die halbdunkle Bühne , in deren Mitte der lange Tänzer allein stand . » Es ist doch sonderbar , « sagte er mit einem häßlichen Lächeln , » daß man Sie immer zweimal rufen muß . - Es wäre wahrhaftig für Ihr Fortkommen besser , « setzte er leise hinzu , » wenn Sie meinen Aufforderungen gleich auf das erste Mal Gehör gäben . « » Was wollen Sie von mir ? « fragte die Tänzerin mit unsicherer Stimme . » O , für jetzt nicht viel , « entgegnete ihr College . » Sie tanzen in der vordersten Reihe , Sie tanzen zu sechs mit mir , ich möchte nach Ihrem Anzuge sehen ; dann könnten wir auch geschwind die letzte Stellung probiren . « » Mein Anzug ist in Ordnung , « versetzte das Mädchen , indem es einen Schritt zurücktrat . » Ihre Schuhe nicht zu weit ? « » Ein wenig , aber ich habe sie eingenäht . « » Ihre Tricots fest angezogen ? Ich will keine Falten bemerken . - Lassen Sie sehen . « Das Mädchen rührte sich nicht . Doch wenn es auf der Bühne nicht so dunkel gewesen wäre , hätte man deutlich bemerken können , wie selbst unter der Schminke eine glühende Röthe ihr Gesicht überfuhr . » Seien Sie nicht kindisch , « sagte der Tänzer , » und lassen Sie sehen . Sie wissen , Clara , daß ich mit mir nicht spassen lasse und daß Sie auf eine Zulage nächsten Monat durchaus nicht zu rechnen haben , wenn ich Sie immerwährend wegen Ungehorsams und Widersetzlichkeit anzeigen muß . - Nun ! « Das arme Mädchen knitterte mit der rechten Hand ihren seidenen Tanzrock zu tausend Falten zusammen , dann erhob sie ihn ein paar Zoll hoch , so daß ihr Knie sichtbar wurde . Der Tänzer wollte sich genauer überzeugen , doch trat Demoiselle Clara abermals einen Schritt zurück . » Sie sind ein kindisches Mädchen , « sprach der Vorgesetzte : » Sie werden noch viel lernen müssen oder Sie bringen es zu gar nichts . - Sind Sie nicht zu fest geschnürt ? « » Ich schnüre mich nie fest , « entgegnete Clara kurz abgebrochen und wollte sich entfernen . Der erste Tänzer aber faßte ihren Arm und hielt sie fest . » Ich glaube , « sagte er mit leiser Stimme , » die Schneiderinnen behandeln Sie mit gar keiner Aufmerksamkeit ; für Ihre unvergleichliche Taille findet sich gar nichts Passendes in der Garderobe ; man müßte Ihnen eigentlich immer neue Sachen machen . Und wenn Sie wollen , Clara - « Das Mädchen versuchte ihre Hand zwischen den feuchten Fingern des dürren Tänzers hervorzuziehen ; es durchschauerte sie eisig . Doch hielt er sie fest . » Es scheint mir , « fuhr er stockend fort , während er sich auf sie herabbeugte , » die Garderobière will Ihnen nicht wohl ; sie gibt Ihnen immer alte zu stark wattirte Leibchen . - Ah ! ich muß das untersuchen ! - - « Doch wurde dem diensteifrigen Collegen zum Glücke des jungen Mädchens für jetzt keine Zeit zu dieser Untersuchung gelassen , denn als er sie beginnen wollte , kamen aus der Seitencoulisse zwei der Tänzerinnen in einem so rasenden Walzer dahergeflogen , daß sie kein Hinderniß beachten konnten und mit solcher Gewalt gegen den ersten Tänzer anprallten , daß dieser weithin auf die Bühne flog und nur durch eine Säule , die er krampfhaft ergriff , vor einem gänzlichen Falle errettet wurde . Clara , die hocherfreut aber erstaunt war , sich so plötzlich befreit zu sehen , fühlte sich von den beiden Colleginnen ergriffen und mußte den tollen Wirbel mitmachen , der in einem weiten Bogen über die Bühne ging und nicht eher endigte , bis alle Drei wieder hinter den Coulissen angekommen waren . Dort hielt die Eine , die Kräftigste von Allen , - es war Demoiselle Therese , - das Terzett mit einem plötzlichen Rucke fest , löste ihre Arme aus denen der beiden Anderen und ließ sich laut lachend auf eine gepolsterte Rasenbank niederfallen . Clara schöpfte einen Augenblick tief Athem , dann sagte sie : » Wie danke ich dir , Therese ; du hast mir da aus einer sehr unangenehmen und schmerzlichen Scene weggeholfen . « » Die aber morgen wiederkehren wird , mein Schatz , « lachte die Andere . » O mein Gott , ich weiß das ; aber was kann ich dagegen thun ? Ich , ohne Schutz , hülflos und allein dastehend ! « » Dagegen kannst du zweierlei thun , « entgegnete Demoiselle Therese , indem sie ihren rechten Fuß auf das linke Knie hinaufzog , um ihren Schuh anzusehen , ob er bei dem raschen Walzer keinen Schaden genommen . » Wie ich gesagt habe , zweierlei , entweder du läßt dir die Narrheiten gefallen , du läßt dem lächerlichen Kerl seine Grille - « » Nie ! nie ! « rief Clara entrüstet . » Nun wohl , « sagte gleichmüthig die Andere , so schaffst du dir einen Liebhaber an , der unserm ersten und zweiten Tänzer und allen Denen , die das Recht zu haben glauben , deine Taille untersuchen zu dürfen , an einem schönen Morgen zwei Worte sagt , ungefähr des Inhalts : » Mein lieber Freund ! Wenn Sie sich nochmals unterstehen , der Demoiselle Clara mit der Spitze Ihres Fingers zu nahe zu kommen , so mache ich mir dagegen das Privatvergnügen , Sie dreimal nacheinander auszischen zu lassen . « » Oder , « setzte die blonde Tänzerin , welche die Dritte im Bunde gewesen war , hinzu , » dein Liebhaber macht sich das Vergnügen , Abends in einer dunklen Straße dem ersten Tänzer oder sonst Jemand ein paar freundliche Worte zu sagen . « » Darnach der Liebhaber ist , « antwortete Therese mit etwas verächtlichem Tone , » kann das auch geschehen ; doch ist es nicht sehr nobel . « » Aber ich will keinen Liebhaber , « versetzte schüchtern das junge Mädchen , dem diese Rathschläge gegeben wurden . » O mein Gott , ich bin eine Tänzerin , das ist wahr , aber ich habe mich doch zu sonst nichts verkauft . « » Aber verkauft hast du dich , « entgegnete Demoiselle Therese , und umspannte mit ihren beiden Händen ihre schlanke Taille . » Verkauft haben wir uns Alle mit Leib und Seele . « » Das wäre ja schrecklich ! « meinte die blonde Tänzerin . » Nein , Therese , du übertreibst ; ich habe mich nicht verkauft . « » Du hast dich nicht verkauft ? « fragte Therese hochmüthig , indem sie sich stolz aufrichtete und ihre blitzenden Augen so fest auf die Collegin richtete , daß diese die ihrigen scheu zu Boden niederschlug . » Wir sind hier unter uns , und ich für meine Person will mich wahrhaftig nicht besser machen als ich bin . Erinnerst du dich noch - es sind jetzt drei Jahre , wir Beide waren damals Sechszehn alt - weißt du noch , Schatz , wie man dir eine Zulage versprochen und wie dich der Balletmeister da hinten in ' s blaue Zimmer bestellte , in das blaue Zimmer mit dem gelben Sopha ? - Ja , mein Kind , du bekamst eine Zulage , das heißt , du erhieltest sie später , aber - sprechen wir nicht mehr davon . - Hat man dir noch keine Zulage versprochen , meine schöne Clara ? « » Nein , nein , « entgegnete diese finster , » wenn man mir sie auch verspricht , so gehe ich doch nicht in ' s blaue Zimmer . « » Das wird man dir schon sagen , mein Lieb , « erwiderte finster lachend Therese . » Man bestellt dich und du kommst . Damit ist die Sache abgemacht . « » Ich bin keine Sclavin , « versetzte stolz die junge Tänzerin . Und dabei warf sie ihre Lippen auf und ihr Auge blitzte . Therese lächelte still vor sich hin , dann blickte sie in die Höhe zu einem gemalten Palmbaume , der seine riesige Blätterkrone über die drei Mädchen ausstreckte und sagte : » wir stehen gerade unter dem rechten Symbol ; du meinst , wir seien keine Sclavinnen , das heißt Sclavinnen , was die Leute so darunter verstehen . Sclavinnen , die in jenen Ländern wohnen unter einem freundlich lachenden und sonnigen Himmel , von Blumen umgeben und schönen Früchten , die nicht Kälte und Hunger kennen . Nein , du hast Recht , solche Sclavinnen sind wir nicht . - Aber unsere Sclaverei ist viel härter , viel dauernder , viel grausamer