' S ist wahr , Corsika kocht gut , ' s kocht keiner so in Berlin . Das heißt en general - mais - ! Was hilft mir das , wenn die Gäste fortgehen und sagen : es war alles recht fein , aber man weiß von nichts besonderm zu sprechen , nichts hat einen Eindruck hinterlassen . Das ist gleichsam ein verlorener Tag . In der Charlotte , verzeihen Sie mir , ist ein Genie . ' S ist nicht zu leugnen , Manches verdirbt sie , aber plötzlich mit einem Elan hat sie eine Komposition gefunden , parbleu ! Erinnern Sie sich noch des Rebhühnerfricassés mit farcirten Trüffeln ! Da war doch nur eine Stimme . Noch acht Tage drauf , als wir bei Excellenz Schulenburg-Kehnert am Tisch saßen , sprach Lombard davon . Sein Koch hat ' s versucht , der Englische Gesandte auch , es schickten noch mehrere ihre Köche . Warten Sie - ça ne fait rien . Es hat ' s Keiner rausgekriegt . Und wär ' s auch nur um Lombards Willen . Es war ein glücklicher Tag , als er mir beim Abschied die Hand drückte . Ich weiß es , Lombard hat viele Feinde , aber in der Freundschaft und - und in gewissen Ideen hat er eine gewisse constance , persévérance . Man kann wohl sagen , ' s ist ein Mann von einem nobeln Esprit , ein Mann comme il faut . « » Schade , daß Lombard verreist ist , « sagte die Geheimräthin , » ich meine schade für Sie . « Es war wieder ein so eigener Ton , eiskalt und bitter wie der Blick , der den Geheimrath traf - und sie brach so scharf ab , daß die Wärme und Gemüthlichkeit , welche die Erinnerung der Trüffeln und Rebhühner angeregt , plötzlich gedämpft war . » Mein Gott , belle soeur , Sie kommen - « » Von meinem Mann geschickt . Was ist denn das mit den Gefangenen in der Vogtei , und den eingeschmissenen Fensterscheiben ? Mein Mann hofft , daß Sie dabei außer dem Spiele sind . « Wir wissen , daß diese Erinnerung für den Geheimrath zu den unangenehmen gehörte . Die Rosenlinien der Freude verzogen sich auf seinem Gesicht in graue Runzeln . Er schlug auch etwas die Augen nieder . » Ma belle-soeur wissen , daß ich immer ein Herz habe für die Leiden der Menschheit . Was an mir ist , thue ich , um das Schicksal der armen Gefangenen zu erleichtern . « » Sie sollen unerhörte Freiheiten genießen . Neulich bei Präsident Kircheisen ward behauptet , sie kämen Abends frei zusammen und spielten Hazardspiele , ja Einer hielte förmlich Bank . « » Um die Humanität zu fördern drücke ich ein Auge zu . Die inneren Thüren lassen sie sich zuweilen aufschließen . Es ist nicht gut , daß der Mensch allein sei , und unter Gottes Himmel sind wir Alle - « » Und zwischen den Mauern der Vogtei ! « fiel die Geheimräthin ein . » Gestern Abend - « » Sehn Sie , theuerste Schwägerin , da hatte ich eine rechte Freude . Sie schickten eine Deputation an mich mit der Bitte , ihnen eine kleine , gewissermaßen religiöse Celebration zu gestatten . Da morgen , als heute , ein menschliches Mitwesen , eine irrende Schwester , gewaltsam aus dieser Welt gerissen werden sollte , wollten sie den Abend nicht ohne stille , ich möchte sagen sympathetische Betrachtung hingehen lassen . Ich war wirklich gerührt über dieses Zeichen edler Empfindung unter meinen Kindern , wie ich sie gern nenne . « » Sie waren also selbst bei dem - sogenannten Festin ? « » Sie erzeigten mir die Ehre mich einzuladen . Ach , aber so bescheiden . Und ich versichere Sie , ich fand eine Stimmung , die einer Kirche Ehre gemacht . Und die Arrangements so sinnreich und einfach . Der Regimentsquartiermeister , der bei der Lichtenau da im Marmorpalais als Dekorateur und Maschinist gearbeitet hatte - ein unglücklicher Mensch , er mag geirrt haben , wer irrt nicht ! - konnte um lumpige 10,000 Thaler die Quittungen nicht aufweisen ! Lieber Gott , wenn man für Alles Quittungen verlangte , was zur Zeit der Comteß Lichtenau ausgegeben ist ! Ein charmanter Mann sonst , sage ich Ihnen , von so philosophischer Ruhe . - Das kleine Zimmer war griechisch drapirt , et aussi un peu gothique . Hinten ein Opferaltar ; in Spiritus brannten die Flammen empor zu dem Triangel , aus welchem das Auge der Allwissenheit auf uns herabblickte . Der Rendant vom Salzsteueramt - « » Der in Hamburg ergriffen ward , als er sich einschiffen wollte ? « » Ein Opfer der Mißverständnisse . Er hatte die beste Absicht , von London aus den kleinen Irrthum auszugleichen , - sonst ein Mann von Charakter , sublimen Ideen , ist auch Maçon . In einem weißen Talar , eine Binde um die Stirn , hielt er eine Rede ; ich wünschte , Sie hätten sie gehört ; wie ließ er die irrende Schwester beten ! Ach aber , wie das kleine Kind , das der Mutter voraufgegangen , die Arme ausbreitete und im Namen der Allmacht sprach : Mutter , Dir ist vergeben ! die Seligen warten auf Dich ! - da blieb kein Auge trocken . « » Und nachher haben sie getrunken ? « » Die Gesellschaft hatte einige Flaschen besorgt . Das Herz schloß sich unwillkürlich auf . Man durfte sich doch nicht lumpen lassen . Ich ließ ein Dutzend Hochheimer bringen . Ich sage Ihnen , diese Empfindungen , die sich da aufschlossen ! Da war doch kein böser Gedanke , nichts als die reinste , allgemeine Menschenliebe , und wäre nicht der verlorene Mensch , der Sohn des Geheimraths Bovillard , dazwischen gekommen , so wäre auch alles ganz gut abgelaufen . « » Lässt ihn der Vater noch immer einsperren ? « » Nein , er sitzt jetzt wegen des letzten Skandals mit dem Gensdarmerie-Offizier . Dieser Taugenichts verdirbt mir eigentlich die Harmonie in meiner Gesellschaft . Indessen man hat doch Rücksichten wegen des Vaters . « » Gewiß , und sehr ernste . « » Und unser Hofrath Süßring , Sie kennen den exzentrischen Kopf . - Bös ist er nicht , nur wenn er etwas im Kopfe hat . Ich vergaß Ihnen zu sagen , man war so froh geworden , man sah das Opferfeuer brennen . Man wollte sich daran wärmen . Man machte den Vorschlag , an der Flamme das Getränk der Freiheit zu brauen , das aromatische der Engländer , das unser Schiller so herrlich besungen hat - Vier Elemente , innig gesellt ! « » Man kochte eine Bowle Punsch , das weiß ich auch , und sehr starken . « » Süßring , der eigentlich in Glatz sitzen soll , aber er ist kränklich und kann die freie Bergluft nicht vertragen . Belle-soeur wissen ja , durch welche Konnexionen - und er ist auch eigentlich unschuldig . Es war nur der Punsch . Sprang er plötzlich auf den Tisch - « » Und hielt eine seiner bekannten republikanischen Reden . « » Es sollten keine Kerker und Festungen mehr sein , die Eisenstäbe sollte man zerbrechen und die Schwerter auch , und als er das Lied sang und wir einfielen : Allen Sündern soll vergeben Und die Hölle nicht mehr sein ! « » Da schmissen sie mit den Gläsern die Fenster ein . « » Nein , da sprang Bovillard erst auf den Tisch . Den eigentlichen Zusammenhang weiß ich wirklich nicht mehr , aber in seiner Barocksprache rief der tolle junge Mensch : wenn wir die Hölle zerstörten , wo wir denn bleiben wollten ! Nun , ich sage Ihnen , einen Gallimathias plein de romantique , daß uns Hören und Sehen verging . « » Ich glaube Ihnen wirklich , daß Sie beides nicht mehr konnten . « » Durch die Unart dieses einen einzigen Menschen ward uns ein Abend gestört - meine Schwester , das Menschenleben ist nicht reich an solchen Abenden voll Harmonie der Seelen . Und der Mond stand draußen und schien so friedlich durchs Gitterfenster . « » Der Mond wird auch vermuthlich stehen geblieben sein , « sagte die Geheimräthin aufstehend , » wo blieben denn aber der Herr Schwager ? « Sie machte Miene zum Gehen und er beugte sich , um wieder ihre Hand an die Lippen zu führen : » Homo sum , nil humani a me alienum puto , sagt Terenz , theuerste Schwägerin . Fragen Sie meinen Bruder , was das heißt . Im Uebrigen - abgeschüttelt ! « » Meinen Sie , Geheimrath ? In der Stadt ist man anderer Meinung . Man spricht davon , daß Sie die Ihnen obliegende surveillance über die Gefangenen schlecht beobachtet . « » Man hat schon viel über mich gesprochen . Qu ' importe ! « » Wenn man aber auch bei Hofe davon spricht . Auch im Palais . Auch wenn der König entrüstet ist . Auch wenn Kabinetsrath Beyme auf der Stelle an den Justizminister schreiben müssen , daß die Sache untersucht wird . Herr Schwager , es ist kein Spaß , warum ich hier bin , es handelt sich um Ihre Existenz . « Der Geheimrath war zusammengefahren wie die Sinnpflanze bei der menschlichen Berührung . Sein Gesicht war blaß , seine Vollmondswangen schienen wie welk herabgesunken . Er öffnete die Lippen und wollte sprechen , aber die Zähne , die in eine unwillkürliche Berührung geriethen , stammelten nur die Formel : » Mein allerdurchlauchtigster König , mein allergnädigster König und Herr ! « » Ist eine Natur , die wir Alle eigentlich noch nicht kennen , aber in gewissen Dingen hat er sich außerordentlich streng gezeigt . « So sagte die Geheimräthin Schwägerin , die ruhig vor dem Zerknickten stand . Der Geheimrath stammelte noch etwas von geheimen Feinden , und nachdem er einige Schritte gethan , fiel er auf seinen Armsessel . » Von Feinden weiß ich nichts , « sagte die Schwägerin , » im Gegentheil , Sie haben sich viele Freunde durch Ihre Diners gemacht , und es trifft sich nur sehr unglücklich , daß Lombard nach Frankreich ist . Aber sich in den Sorgenstuhl zu werfen , ist nicht Zeit , mon beau-frère ! Ihre Freunde können wenig , Sie müssen selbst etwas thun , und auf der Stelle . Ihr Zopf ist noch gut , die Frisur passirt für den Abend . Werfen Sie sich in Ihr Habillement . « » Mein Gott , doch nicht zu Seiner Majestät ! « rief er aufspringend und rang die Hände . » Auch nicht zum Justizminister . Ich rathe Ihnen auch nicht , Haugwitz zu inkommodiren . Aber zu Bovillard müssen Sie . Schnell , schnell , Herr Geheimrath . Er vertritt Lombard beim Minister Mein Mann hat schon etwas vorgearbeitet . « » Zu Bovillard ! ja , zu Bovillard ! Aber , mein Gott , was wird er sagen ! « » Wenn Sie von seinem Sohne sprechen , wenn Sie auf ihn die Schuld schieben wollen , würden Sie alles verderben . Sie müssen ihn ganz ignoriren . Verstehen Sie mich ; diese Schonung kann nur den Vater gewinnen , denn Vater bleibt er . Daß er von ihm erfahren soll , überlassen Sie Andern . Sie exkulpiren sich nur für sich . Das Wie überlaß ich Ihrem Genie , wie Sie jetzt Ihrer Toilette . « Sie war hinausgerauscht und der Geheimrath wankte nach seinem Kleiderschrank . Drittes Kapitel . Eine Heimfahrt . Die Geheimräthin stieg die Hintertreppe hinab , auf der sie gekommen . Sie ging langsam , oft , schien es , in Gedanken versinkend . Auf dem Podest blieb sie stehen , von wo man einen Blick durch ein Wandfenster in die Küche hat . Charlotte spielte mit den Kindern , oder vielmehr die Kinder spielten mit Charlotte . Sie zupften sie vom Herde fort . Malwine wollte ihr etwas ins Ohr sagen , derweil kletterte das Fritzchen heimlich auf den Herd und schüttete die Salzmetze in die Kasserolle . Malwine fing plötzlich an zu lachen und ätschte das Mädchen aus , Fritzchen war mit einem Satz vom Herde auf ihrem Rücken und umschlang ihren Nacken mit den Armen . Sie sträubte sich , schimpfte und suchte den Alp los zu werden , die Kinder tobten , sie schlug . Eine charmante Erziehungsscene , dachte die Geheimräthin und unwillkürlich entschlüpfte es ihren Lippen : » Es wäre eigentlich nicht so übel , wenn der liebe Gott die Kinder zu sich nähme ! « » Warum den inkommodiren ! « sagte eine Stimme dicht hinter ihr . Ein Fremder , in seinen Mantel geschlungen , der vom Regen triefte , stand auf der Stufe neben ihr . Sie hatte ihn nicht bemerkt , als er vom Hofe die Treppe heraufkam . Auch erlaubten ihr die hereinbrechende Dunkelheit und der Mantelkragen nicht , das Gesicht zu sehen , als er im Vorbeigehen den Hut lüftete . Es lag etwas Unheimliches für sie in der Begegnung . Wer lässt sich gern in seinen Gedanken belauschen . » Wenn nur keine schädliche Substanz in dem Gefäß war , « setzte der Fremde hinzu . » Wie meinen Sie das ? « » Der Muthwille der Kinder könnte unschuldige Personen in Verdacht bringen . « » Das einzige Unglück wäre doch nur , daß er heut Abend eine versalzene Suppe auf den Tisch bekommt , « bemerkte die Geheimräthin , die , schnell zu sich gekommen , ihre Unruhe nicht merken ließ . » So treffe ich den Geheimrath zu Hause , was mir sehr angenehm ist , « entgegnete der Fremde , noch einmal den Hut anfassend , um die Treppe hinaufzusteigen . » Dies ist nicht der eigentliche Weg zu ihm , « konnte die Geheimräthin sich nicht enthalten zu bemerken . » Auf der Vordertreppe begegnen Sie der Bedienung , um sich melden zu lassen . « » Meine Botschaft kommt wohl gelegener über die Hintertreppe . « » Auch wenn er zu Hause wäre , zweifle ich , daß ihm überhaupt Besuch gelegen kommt , da er selbst im Begriff ist , einen zu machen . « » Ich weiß es , « entgegnete der Fremde , » und wenn auch nicht mein Besuch , wird ihm doch mein Rath nicht ungelegen kommen . Ich habe die Ehre , mich der Frau Geheimräthin gehorsamst zu empfehlen ! « » Seltsam ! « sprach die Geheimräthin für sich , als der Fremde mit sichern , leichten Schritten die Treppe hinaufgestiegen war . » Er kennt mich . Wer ist er ? Er kommt gewiß in der Angelegenheit - was kann er aber für Rath bringen ! « » An der Hofthür stürzte ihr ein gewaltiger Platzregen entgegen . Ihre Kutsche hielt auf der Straße vor der Hausthür . Sie überlegte , ob sie einen Versuch machen sollte , durch die wahrscheinlich schon verschlossenen Bureaus sich einen trockneren Weg nach dem großen Hausflur zu suchen , als ihr Bedienter mit einem Regenschirm ihr entgegen trat . Auf ihr Befremden darüber , da sie beim Ausfahren keinen mitgenommen , antwortete der Diener , der fremde Herr , welcher eben durchgegangen , habe ihm den seinen zurückgelassen , mit der Bemerkung , ihn für die Frau Geheimräthin zu benutzen , damit sie über den Hof in ihren Wagen könne . « » Kennt Er den Herrn ? « fragte sie beim Einsteigen . » Ich habe ihn nie gesehen . « » Seltsam ! « wiederholte die Geheimräthin nachdenkend . Nicht alle Gedanken drücken sich auf dem Spiegel des Gesichts aus , und in einer dunklen Kutsche , nur erhellt von einem ungewissen Laternenlicht , wenn der Regen gegen die Fenster schlägt , lässt sich auf diesem Spiegel noch weniger lesen . Dem Dichter ist es indeß zuweilen vergönnt , eine andere Sonde in die Brust zu senken , wie er ja auch Geister und Träume citirt , wo er der Vermittler zwischen dem Reich des Unsichtbaren und des Sichtbaren bedarf . Sie sann dem Fremden nach . Seine äußeren Umrisse waren ihr verwischt , nur war es ein blasses Gesicht mit scharfen , tiefliegenden Augen , dessen konnte sie sich entsinnen . Sie hatte ihn noch nie gesehen . Doch es waren damals viele Fremden in Berlin ; auch hatte der Ton seiner Stimme etwas Ausländisches . Aber was wollte er bei ihrem Schwager ? Wirklich einen guten Rath geben ? Wenn auch der Geheimrath nicht eben persönliche Feinde hatte waren doch Viele , die auf sein einträgliches Amt lauerten . Weshalb sollte sich ein Fremder gedrungen fühlen , gerade ihrem Schwager zu helfen ! Aber sie vertiefte sich im Aufzählen , wer wohl ihm auf den Dienst lauern könnte , bis ein leises Gelächter aus ihren feinen Lippen brach . Die Geheimräthin fragte sich , woher denn ihr eigener Antheil an dem Geschick des Geheimrathes kam ? - Achtete sie ihn ? liebte sie ihn ? Oder weil er der Bruder ihres Mannes war ? Was war ihr ihr Mann ? - Ein Mann , der sich in seiner Bücherstube vergrub , wo die Welt umher für ihn lachte ! Man hätte jetzt eine Röthe sehen können über ihr blasses Gesicht steigen . Und um eine solche Familie Sorge und Anstrengung , darum Intriguen , damit eines ihrer Mitglieder nicht zu Schaden komme ! Sie kam sich selbst in dem Augenblick so ordinair vor . Die Kutsche hielt vor ihrem Hause . Der Diener öffnete den Schlag . Er schien aus ihren Mienen ihre Bestimmung lesen zu wollen . Sie warf einen Blick auf die erleuchteten Fenster : » Herr Geheimrath erwarten Frau Geheimräthin zum Piquet . « - Sie hatte schon einen Fuß auf dem Tritt und blieb einen kurzen Augenblick stehen , als thue der Regen , der in unverminderter Heftigkeit fiel , ihr wohl , dann warf sie sich in den Wagen zurück und befahl : » In die Komödie ! « Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage . Es war seit lange keine Hinrichtung vorgefallen . Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus den Schenken zurück , es gab mancherlei Unruhe , kleine Aufläufe , Verhaftungen . Der Kutscher zog es , der tobenden Menschenschwärme wegen , vor , durch eine der Quergassen zu fahren , welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden . Auch hier stopften sich die Fuhrwerke , und die Dame hatte Gelegenheit , durch die Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten , was Frauen ihres Standes sonst nicht aufsuchen - an den hell erleuchteten und grell drapirten Fenstern der kleinen Häuser die Schönheiten , welche sich den Vorübergehenden zur Schau stellen . Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab . Sie fühlte auch kein Mitleid mit den armen Geschöpfen : Sie schlürfen des Lebens Gluth in vollen Zügen , aus einem Taumel in den andern gestürzt , kaum dazwischen erwachend , bis sie verwelken und man sie fortwirft . Und das ist unser Aller Loos - ob früher , ob später ? Was kommt es darauf an . Wer nur sagen kann : er hat sein Leben genossen ! Das Komödienhaus war nicht gefüllt . Die Geheimräthin saß allein in ihrer Loge . Ihr schien das Haus dunkel . Es war nicht dunkler als gewöhnlich . Die Talglichter , die der Lampenputzer vor den Augen des Publikums ansteckte , duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Theater von heut . Man sah wohl damals schärfer , denn man sah mehr , aber das Licht kam aus der Darstellung , versichern uns Die , welche aus jener Zeit das deutsche Theater kennen . Für die Geheimräthin aber blieb es dunkel , obgleich Fleck als Odoardo seine ganze adlige Kraft entfaltete , die spätere Händel-Schütz als Orsina das Publikum entzückte . Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen , das sie sich nicht erklären konnte ; der jungen Schauspielerin , welche die Emilie zum ersten Male gab , hätte sie nachhelfen mögen . Wenn sie sich Rechenschaft gab , war es aber nicht die Schauspielerin , sondern sie hätte ihrer Rolle , ihrem Charakter eine andere Richtung geben mögen . Ihre Phantasie beschäftigte sich , eine welche andere Rolle Emilie spielen können , selbst glücklich und beglückend , glänzend und Glanz um sich verbreitend , wenn sie den Pulsen folgte , die für den Prinzen schlugen . Eine welche andere Herrschaft über ihn blühte ihr als der stolzen Orsina , vermöge ihres Liebreizes , ihrer geistigen Vorzüge . Sie hatte es in ihrer Macht , auch dieses Prinzen Wankelmuth zu fesseln , und Tausende , ein ganzes Land glucklich zu machen . Und alles das vernichtet ein plumper Dolchstoß , der alle unglücklich macht und - die Thörin bat selbst darum ! Die Geheimräthin war gewohnt , in ihrer Loge Besuche zu empfangen . Entweder zeigte sich heut kein Bekannter , oder sie hielten sich entfernt . In einer Loge gegenüber , wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf saß , hörte das Klappern der Logenthür nicht auf . Ihr war diese Störung unangenehm , das Schauspiel fing an sie zu langweilen . Sie besann sich , daß sie zwar die Einladung zu einer Gesellschaft heut Abend nicht angenommen , aber auch nicht abgelehnt hatte . Sie hatte nur gesagt , sie fürchte einer Migraine wegen nicht erscheinen zu können . Sie hatte , oder wollte jetzt keine Migraine haben und verließ die Loge . Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit . » Er zittert ja . « Sie hätte kaum nöthig gehabt , sich nach dem Grund zu erkundigen , der Bediente war ja noch in denselben ganz durchnässten Kleidern , in welchen er auf dem langen Doppelwege aufgestanden . Der zugigte Korridor hinter den Logen war nicht geeignet , die Naßkälte zu vertreiben . Johann sagte , das Fieber sei noch immer nicht ganz fort . Die Geheimräthin erwiderte nicht unfreundlich , er müsste endlich etwas dazu thun . Der Regen goß noch immer in Strömen , als sie wieder in die Kutsche stieg und Johann hinten auf . Der arme Mensch ! dachte die Geheimräthin . Seltsam , daß es so sein muß ! Es musste so sein ; über diesen Damm kam sie nicht hinweg , ja sie lächelte über den närrischen Gedanken , daß sie Johann auffordern könnte , sich in den Wagen zu setzen . Aber sie dachte über die Zukunft des Menschen nach . Er litt nicht vom Regen , sondern an einer inneren Krankheit , deren gelegentliche Ausbrüche nur in Fieberanfällen sich zeigten . Sie glaubte etwas von der Arzneikunde zu verstehen und den Schluß ziehen zu dürfen , daß er nie vollständig genesen werde . Was wird nun aus solchem Menschen ? Eine Zeitlang hält man es noch mit ihm aus . Wenn er aber immer wieder zurückfällt , muß man ihn entlassen . Dann findet er wohl noch einen Dienst . Aber auf wie lange ? Die neuen Herrschaften werden nicht so lange Geduld mit ihm haben . Er wandert ins Krankenhaus , vielleicht ins Spital , vielleicht auf die Gasse . Und wäre es ihm nicht besser , wenn er durch einen Blutsturz , eine radikale Erkältung ein rasches Ende fände ? Er ist auch eine verfehlte Existenz ! Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen , dem die Ausdrücke fehlten , bis der Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt . Viertes Kapitel . Hier politisch , dort poetisch . Der Eintritt der Geheimräthin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen Aufstand ; es schien ein froher . Man hatte sie nicht mehr erwartet . Die Wirthin und einige Damen embrassirten sie ; die älteren Herren bemühten sich , ihr die Hand zu küssen : » Nein das ist hübsch und liebenswürdig von Ihnen , uns doch noch zu überraschen ! « - » Es wäre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau Geheimräthin , « sagte der Wirth . Ein Dritter : » Je später der Abend , so schöner die Gäste . « Es war eine ansehnliche , aber etwas bunte Gesellschaft , vielleicht eine , wo die Wirthe auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben , welche sonst sagen konnten : » Zu so etwas werden wir nicht eingeladen ! « Die Geheimräthin war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit . Man konnte auf den ersten Blick annehmen , daß sie , wenn nicht an Stand und Vermögen , doch von Natur und Bildung von feinerer Art , ein Wesen war , was man so gewöhnlich ein höheres nennt , wenn es in Kreise tritt , die sich ihrer Gewöhnlichkeit bewusst sind . Der Neid , den es hervorruft , zeigt sich in der Regel erst dann , wenn dies vornehme Wesen seine Eigenschaften geltend machen will . Dies war bei der Geheimräthin nicht der Fall . Sie konnte nicht liebenswürdiger , bescheidener , gewissermaßen harmonischer zur Gesellschaft auftreten ; sie bedauerte so sehr den Aufstand , den sie erregt . » Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen ? Wir sind ihm zwar unendlich verbunden , daß er sich entschlossen , unsere Frau Geheimräthin uns zu gönnen , aber es wäre doch hübsch gewesen , wenn er sich selbst entschlossen . Das hätte erst unsere Freude vollkommen gemacht . « » Sie thun meinem Manne Unrecht , « entgegnete die Angekommene . » Wenn es nach ihm gegangen , wäre ich längst hier . Er kann es nicht sehen , wenn ich ein Vergnügen seinetwegen entbehre . Aber liebe Frau Geheimräthin , « - die Wirthin nämlich war auch eine Geheimräthin - » Sie glauben nicht , wie er jetzt mit Arbeiten überhäuft ist , und ich sehe mit wahrer Angst , wie er sich dabei anstrengt , daß sein Kopfleiden wieder heraustritt . So machte ich mir ein Gewissen daraus , ihn heut zu verlassen . Aber er hatte keine Ruhe . Wir wollten Piquet spielen ; da legte er mit dem freundlichen Blicke , dem man nicht widerstehen kann , die Karten weg , streichelte mir über die Backe und sagte : Liebe Ulrike , ich werde viel mehr Ruhe haben , wenn ich Dich in heiterer , lieber Gesellschaft weiß . Du musst Dich aufheitern nur um meinetwillen . Da kann man denn nicht widerstehen . « » Man muß gestehen , unsere Frau Geheimräthin Lupinus ist das Muster einer Hausfrau , « sagte der Wirth , » und diese Ehe eine exemplarische . Man wird nicht viele in Berlin so finden . « » Mit Ausnahme jedoch ! « sagte die Geheimräthin Wirthin , und die Geheimräthin Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter : » Ich kenne eine Ausnahme . Was unsere Ehe betrifft , so möchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen , daß wir uns so innig verstehen , ohne es auszusprechen . Wir gehen eigentlich Jeder seinen eigenen Weg , was gewiß zu Mißdeutungen Anlaß giebt , aber Jeder fühlt für den Andern mit , er verfolgt ihn still in den Gedanken , Jeder ist unsichtbar beim Andern . Wir wissen oft nicht , woher diese Sympathie kommt , doch sie ist da . So in diesem Augenblick . Das Vergnügen , in dieser liebenswürdigen Gesellschaft zu sein , ist mir gestört , weil ich weiß , mein Mann hat nicht die Augen geschlossen und ruht nicht , wie er mir versprach , im Lehnstuhl aus , sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen , er vergleicht zwei alte Handschriften , er bückt sich über , er drückt die Feder , während der Angstschweiß ihm von der Stirne träuft , weil er sich die Abweichung einer Lesart nicht erklären kann . Ich sehe das Alles so deutlich vor mir , wie den Pique-As in Ihrer Hand - « Sie fuhr sich leicht über die Stirn und erschrak über den Eindruck , den ihre Rede gemacht . Dabei kam ihr zu Sinn , daß die Gesellschaft ja durch sie vom Spieltisch zurückgehalten werde . Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer unzeitigen Herzenseröffnung . » Was kann eine schöne Seele Schöneres thun , als Andere ihre Empfindungen mitempfinden lassen , « lispelte eine Seele , die sich wohl selbst für schön hielt . » Nennen Sie es lieber eine Schwäche , « schüttelte die Geheimräthin den Kopf . » Die Welt will nicht , daß wir uns geben , wie wir sind , und die Welt hat im Grunde Recht . « Nun aber hatte sie auch keine Ruhe , als bis die Herrschaften sich niedergesetzt . Ein heiteres Vergnügen zu stören , erschien ihr immer wie eine Todsünde . Sie hatte Recht . Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hält , lässt sich ungern stören , am wenigsten durch Hergensergüsse einer schönen Seele . Einige hatten die Geheimräthin schon immer für eine Clairvoyante gehalten ; die Clairvoyance war in der Mode . Andere meinten , sie sei nur von einer außerordentlich reizbaren nervösen Complexion . Man bedauerte sie , es gab wohl auch Andere , die sie darum beneideten . Hier lobte man sie , wie schonend sie das Verhältniß zu ihrem Ehemann darzustellen wisse , da Jedermann bekannt sei , ein wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrath wäre . Sie sei gewissermaßen eine Märtyrerin ihres feinen Sentiments . Er bereite und gönne ihr kein Vergnügen , was sie sich nicht abstehle . Eine Andere rief : » Und wie unrecht von ihm , denn von ihr kommt doch das Geld ! « Es war eine glänzende Gesellschaft aus den höheren Kreisen des mittleren Lebens . Aber man muß an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts ebensowenig den Maßstab des Glanzes von heut legen , als an