dem Tische für ihn ausgeschüttet lagen . Ehe der alte Herr nicht den Löffel zur inzwischen von einem zweiten Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte , rührte der verständige und höfliche Vogel selbst nichts an , wofür ihn die Dame mit freundlichen Worten , deren sanfter Ton bis zu Siegbert herüberdrang , ausnehmend lobte . Der junge Maler , von dem Stillleben dieser Scene wohlthuend angeregt , schob den Entschluß , sich mit der Copie der Kirche begnügen zu lassen , noch eine Weile auf und richtete seinen Standpunkt nun so ein , daß er die Kirche und zugleich den Pavillon beobachten konnte . Die hochgewachsene , edle , in jüngern Jahren gewiß sehr schön gewesene Frau schien den alten Herrn auf ihn aufmerksam zu machen . Ohne sich aber dabei umzuwenden oder ein Zeichen von Antheil an den gesprochenen Worten seiner Tischgenossin zu geben , aß der Greis ruhig die Speisen , die ihm von ihr vorgelegt und sogar geschnitten wurden . Statt aus einem Glase trank der Alte den Wein aus einem großen silbernen Becher ; wie Siegbert bemerkte , wol deshalb , weil er mit beiden Händen ihn zum Munde führen mußte , so zitterten sie . Bis die Mündung eines Glases zum dürstenden Munde gekommen wäre , hätte sie lange gewährt ; der Becher war leichter zu treffen . Die beiden Diener verrichteten ihr Geschäft lautlos - Alles war still - nur der Rabe grammelte und krächzte zwischen den Reden der freundlichen Dame . Sehen Sie , wie die Welt ist ! sagte in diesem Augenblick wieder der Fremde , der hinter Siegbert stand . Er mußte , während Siegbert die Blicke auf den Pavillon gerichtet hatte , von dem Hügel herabgekommen sein . Sehen Sie , wie die Welt ist , sagte er mit schneidendem Spott . Gesetzt , der silberne Becher da , den der Alte da kaum an die Lippen bringen kann , käme plötzlich fort - Was geschähe nun ? Man würde uns Beide für verdächtig halten . Sie würden nur Ihren Namen zu nennen brauchen , um gleich davon zu kommen ; ich aber , weil ich ihnen ein herrenloser Bedienter zu sein scheine , würde sofort arretirt , säße sechs bis acht Wochen , bis ich nur inquirirt bin , dann würde ich in zwei Instanzen höchst wahrscheinlich mindestens zu sechs Monaten Zuchthaus verurtheilt , und erst in der letzten entdeckte der alte Methusalem da selber , daß sein Rabe es gewesen , der den Becher gestohlen hat . Und warum ? Das kommt Alles daher , daß Einer von Albums spricht und selbst nicht in Goldschnitt gebunden ist . Sie kränken mich , antwortete Siegbert , wenn Sie glauben , daß ich Jemanden seines Rockes wegen geringschätzen kann . Übrigens scheint Ihre Phantasie so mit Gerichtsscenen erfüllt , daß ich mich zu fürchten anfange und allerdings nicht zurückbleibe , falls die Herrschaften da fortgehen und den silbernen Becher ohne Obhut zurücklassen . Damit wollte Siegbert , überdrüssig der ihm nun lästigen Gesellschaft , rasch seine Mappe zusammenlegen und sich wirklich entfernen . Der Fremde streckte aber den dünnen knöchernen Finger auf sein Skizzenbuch und sagte : Erlauben Sie erst noch , mein Herr , daß ich Ihnen zum Dank für Ihre Unterhaltung auf Ihrer Zeichnung einen Fehler sage ! Es sind deren viele , antwortete Siegbert kurz . Ich werde sie ein andermal verbessern . Nein , nein , sagte der Fremde - den Fehler bemerken Sie doch nicht . Sie haben da am Kreuz etwas nicht richtig gemacht . An welchem Kreuz ? Dem da über der Kirchthür . Sie haben - sehen Sie - die Enden der vier Kreuzes-Flügel bald mit einem dreiund bald mit einem vierblätterigen Kleeblatt bezeichnet . Sehen Sie aber hin ; es sind immer nur vier Blätter . Nur die Tempelherren der alten deutschen Zunge hatten immer das dreiblätterige Kleeblatt . Voll Erstaunen über diese Auskunft sah Siegbert nach der Kirche und fand die Bemerkung ebenso richtig , wie für ihn des fremden Menschen Kenntnisse in der christlichen Ornamentik überraschend waren . Wo haben Sie diese architektonischen Feinheiten studirt ? fragte er . Der Fremde sagte lachend : Freimaurer sollte heut ' Einer sein ! Glauben Sie mir ! - dann macht er sein Glück ! Leider hab ' ich ' s verpaßt , als ich ' s konnte , und jetzt nimmt mich keine Loge mehr auf . Oder bin ich zu jung ? Doch was das Kreuz anlangt , so hab ' ich Das von vielen Häusern her in der Stadt da unten ! Diese Häuser gehörten früher dem Orden der Tempelherren an . Dann kamen sie an die Johanniter , von diesen an die Stadt . Die Stadt hat aber mit dem Staat seit Jahren einen großen Proceß darüber , bei dem Millionen auf dem Spiele stehen , viel alte Häuser und eine Menge anderer Liegenschaften aus alten Zeiten her , die aber an den Kreuzesenden Vierblätter hatten - warum weiß ich nicht - ist auch wenig daran gelegen - drei - oder vierblätterige Kleesaat - das Vieh frißt Alles durcheinander . Damit ging er wieder , eine abscheulich gleichgültige Miene schneidend , auf die schon vorhin von ihm geknickten Kornähren zurück und warf sich , eine Arie trällernd , auf seine alte Lagerstatt , als wäre sie sein gewöhnlicher Aufenthalt . Nun wieder zu sehr erregt und gebannt , um sich entfernen zu können , wollte Siegbert noch eine kurze Weile bleiben . Wie er so wieder zu zeichnen anfing und das Kreuz nach des Fremden Angabe verbessern wollte , kommt aus dem Garten der alte Diener zu ihm herüber und überreicht ihm im Auftrage seiner Herrschaft eine reiche Spende Weines in einem großen krystallenen Wasserglase . Es ist heute heiß ! war Alles , was der alte Mann als Veranlassung dieser Artigkeit dabei sagte . Siegbert , ganz betroffen , blickte zu dem Pavillon hinüber . Die holde , gute Dame grüßte gar artig , winkte lächelnd und drückte Das , was eben der Diener gesagt hatte , in freundlichen , aber ihm nicht hörbaren Worten und mit holden Blicken aus . Während sie sprach , krächzte der Rabe , als fühlte er etwas von Neid . Der greise Neunzigjährige aber zeigte auch jetzt nicht die geringste Theilnahme , und erhob sich nun von seinem kurzen Mahle , ohne von Siegbert ' s Gegenwart oder von dessen Dank für seine Aufmerksamkeit irgend Notiz zu nehmen . Die freundliche Dame folgte . Siegbert , befremdet über all dies Plötzliche , Unerwartete , trank . Die Hitze war allerdings sehr drückend , und fast hätte er ausgetrunken , wenn er nicht für den Fremden die theilnehmende Regung empfunden hätte , ihm Halbpart anzubieten . Er ging auf ihn zu und reichte ihm ins Kornfeld die beiweitem noch größere Hälfte des Pokals . Ein sonderbares Lächeln überlief des Fremden Züge , als er erst zögerte , dann aufstand und das dargebotene Glas mit einem Zuge leerte . In dem : Ich danke ! das er vor sich erröthend hinsprach , als er Siegbert den Pokal zurückgab , lag ein Ausdruck von Gefühl , der dem jungen Maler , gewohnt , scharf zu beobachten , nicht entging . Wie sich Siegbert umwandte und mit dem leeren Becher , den Diener suchend , dastand , war der Fremde plötzlich wirklich verschwunden . Nun kam aber der Bediente heran und that sehr erschrocken . Gott sei Dank ! sagte er , daß man Den da bei Zeiten entdeckte , und man läßt so sein Silberzeug unbewacht auf dem Tische liegen ! Wie so ? Kennen Sie den jungen Mann ? fragte Siegbert . Ei wohl , sagte der Alte in unmodischer Livree ; er hat den Präsidenten tausend mal um Arbeit ersucht und will heute gewiß wieder herein . Wir haben nichts für ihn . Es ist ein gewisser Hackert , früher Schreiber bei einem Notar . Ein verdächtiger Mensch ! Sieh ! Sieh ! Das Silberzeug ! Das Silberzeug ! Damit maß er nun auch Siegbert mit mistrauischem Blick und lehnte das Trinkgeld ab , das ihm dieser anbot . Er eilte , was er konnte , in den Garten zurück , um den mit Silberzeug bedeckten Tisch rasch abzuräumen . Siegbert schüttelte den Kopf . Der hält mich auch für nicht geheuer ! sagte er und wanderte , über die Civilisation der neuen Zeit nachdenkend , sein Portefeuille unterm Arm , den Hügel hinunter , dem Dorfe zu wo er die Allee einschlug , die ihn zur Stadt zurückführen sollte . Noch einmal war es ihm , als säh ' er durch das Kornfeld auftauchend des Fremden Hut . Doch ebenso rasch verschwand die Spur . Zweites Capitel Dankmar Wildungen Die Pappeln der Allee säuselten von einem leichten Winde bewegt , der sich inzwischen lind erhoben hatte . Links und rechts standen noch die Kornfelder in voller Reife oder waren von den Regenschauern in der verflossenen Woche nur in langen Schwaden niedergedrückt . Die Obstbäume , die im Felde standen , versprachen für den Herbst eine gute Ernte . Bald kam das mit einem zierlichen Gärtchen umfriedigte Häuschen des Chausseegeldeinnehmers , dann der Durchschnitt einer Eisenbahn , die sich quer über die Straße hinwegzog , und schon fingen einzelne Landhäuser die unmittelbare Nähe der Stadt zu bezeichnen an . Siegbert ' s träumerisches Gemüth hing noch eine Weile an der verlebten tempelheider Scene , bald aber verwischte sich der Eindruck , und sein Auge schweifte nur noch mit jener fast bewußtlosen Ruhe umher , die reinen Seelen eigen ist . Seine Gedanken konnten von einem Stein am Wege , von einem verdorrenden Baume innigst beschäftigt werden . Was er deutlicher ansah , entlockte ihm eine Betrachtung , und da er Künstler war , hatte er den Vortheil , dem Vielen , was ihm in dieser Weise gerade kein Urtheil abgewann , doch immer , wenn auch mit flüchtiger Anschauung , eine eigenste Form abzugewinnen . Eine von dem niedergeworfenen Korn erdrückte Blume , ein dunkler Schmetterling auf einer noch stolzen , hohen Ähre sich wiegend , eine kleine Wolke wie ein durchsichtiger oder zerrissener Schleier durch den blauen Äther fließend , Alles das waren für ihn Ruhepunkte des Gefühls und des innern Auges , die nur dann mit wirklich nachdenkenden Reflexionen abwechselten , wenn er einem Handwerksburschen begegnete , der ihm zu stolz schien , um sich das Almosen zu betteln , dessen er vielleicht doch bedurfte , oder wenn er steineklopfenden Chausseearbeitern oder der langsamen Arbeit zusah , wie einige wenige Hände ein Wohnhaus aufrichteten . Er glich darin den alten Künstlern , daß er sich nicht ganz auf seine Kunst allein beschränkte , sondern , wie Michel Angelo , Tizian , Benvenuto Cellini , Rubens thaten , sich an den allgemein menschlichen Dingen gern betheiligte . Und wenn man ihm auch sagte , Rubens würde sicher in seiner Färbung voller und üppiger gewesen sein , wenn er statt mit Staatsactionen sich mit seinem , wenn auch genialen , doch in der Ausführung oft flüchtigen Pinsel allein beschäftigt hätte , so erwiderte er , daß Rubens , ohne den Verkehr mit der großen Welt , in einer der Geschmacklosigkeit schon zusinkenden Zeit sich doch nicht die Fülle productiver Anschauungen würde erhalten haben , die wir an diesem reichen Geiste bewundern . Siegbert war schon der Stadt ziemlich nahe , als er aus einem rasch auf der Chaussee herrollenden Wagen sehr freundlich gegrüßt wurde . Die Dame , die ihm nickte , gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten . Siegbert sprang hinzu und erwartete einen Befehl ; denn er wußte , Frau von Trompetta gehörte zu den immer bewegten und bewegenden Naturen . Frau von Trompetta , eine kleine , dicke , kugelrunde Frau mit immer lebhaften Geberden , gesprächig wie ein Mühlrad , saß im ceriserothen leichten Sommershawl neben einer sehr einfach und bescheiden gekleideten gefälligen jugendlichen Blondine . Bester Wildungen , rief Frau von Trompetta , man sieht Sie ja gar nicht mehr ; man hört nichts von Ihnen ! Nur Ihr schrecklicher Molay vertritt Ihre Anwesenheit in der Gesellschaft , und man weiß doch , daß Sie noch andere Flammen entzünden können , als diesen entsetzlichen Scheiterhaufen , in dem Sie sich leider auch als ein Tendenzmaler gezeigt haben . Ich bin im Atelier des Professor Berg allerdings viel öfter zu finden als in der Gesellschaft , gnädige Frau , antwortete Siegbert . Und wenn ich käme , wenn ich Ihre neuesten Arbeiten belauschte , würden Sie wol für uns arme Sterbliche , die nur bewundern können , ein Auge haben ? Man weiß es ja . Ganz erfüllt Sie nur die Eine , die Einzige , Melanie , die Unvergleichliche , oder wie Sie sie in Ihren Briefen nun anreden mögen , seit sie verreist ist . Melanie ? Sie sprechen von Melanie Schlurck ? Allerdings ist sie verreist , antwortete Siegbert , und seine Wangen überflog ein leichtes Roth ; aber von einem Briefwechsel ist keine Rede . Ich weiß nicht einmal den Ort , wo sie sich befindet . O Sie Heuchler ! Warten Sie ! Warten Sie ! Zur Strafe müssen Sie einsteigen ! Öffne den Schlag , Christian ! Ich muß mit Ihnen plaudern . Gnädige Frau - Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz , sagte Frau von Trompetta , auf die junge Blondine zeigend , die neben ihr stumm und ernst im Wagen saß . Und ohne diese ihre Begleiterin weiter zu fragen , nahm sie keinen Anstand , Siegbert aufzufodern , einzusteigen . Wir fahren nach Tempelheide , fuhr sie lebhaft fort , zu Anna von Harder , der Schwiegertochter des alten Präsidenten . Sie lernen dort die edelsten Wesen von der Welt kennen ..... Siegbert war unschlüssig , ob er der Auffoderung folgen sollte . Aber das Gefühl , das ihn schon den ganzen Tag beherrschte und in Spannung gehalten hatte , brach sich ihm in den Worten Bahn : Vergebung , gnädige Frau , ich erwarte heute meinen Bruder Dankmar , ich muß nach der Stadt zurück ..... Ihr Bruder Dankmar ! spottete Frau von Trompetta lächelnd ; immer Kastor und Pollux , David und Jonathan ! Freilich ist bekannt , daß sich die Gebrüder Wildungen in einem Grade lieben , der eigentlich das weibliche Geschlecht eifersüchtig machen sollte , wüßte man nicht , daß es noch eine Melanie Schlurck gibt . Aber ich muß Sie doch sprechen , trotz Ihrer Eile , und so schlage ich vor , machen wir es umgekehrt ; steigen wir aus und eine Viertelstunde begleiten Sie uns . Nicht wahr , Friederike Wilhelmine ? Das junge Mädchen nickte ernst , hob ihre langen herabhängenden blonden Locken , die wie Mähnen schwer sich senkten , in die Höhe , ergriff den Sonnenschirm und war im Begriff , der etwas schwerfälligen , aber doch höchst lebhaften ältern Freundin zu folgen . Siegbert , überrascht von der ihm ganz unerwarteten Zuvorkommenheit dieser ihm nur entfernt bekannten Frauen , öffnete den Schlag und bot ihnen beim Aussteigen die Hand . Frau von Trompetta , eine Vierzigerin , hatte mit ihren runden , genährten Formen bei dieser Operation Vorsicht nöthig . Die Blondine , in weißer Kleidung und sonderbar genug mit schwarzem Gürtelbande , zeigte sich jetzt von schlanker Gestalt . Sie war nicht mehr in erster Jugendblüte , vielleicht schon in der Mitte der Zwanziger . Sie wüßten also nicht , wo Melanie Schlurck ihre Sommervillegiatur hält ? begann sogleich Frau von Trompetta im neckenden Tone . Sie scherzen ! Ein so zärtliches Verhältniß ! Ich wette , Sie waren in Tempelheide , weil Sie wissen , daß die auf diesem Wege zurückkehren muß . So sind Sie unterrichteter als ich es bin , wiederholte Siegbert . Da ich drei Tage lang nicht im Atelier war , höre ich erst von Ihnen , gnädige Frau , bestätigt , daß Melanie wirklich verreist ist . Sie ist auf dem Schlosse Hohenberg , wohin sie den Vater auf Geschäften begleitete , antwortete Frau von Trompetta . Pinsel und Palette wurden bei Seite geworfen , Mandoline und Harfe an die Wand gestellt , rasch und zauberhaft schnell entschlossen , wie in Allem , was sie thut , war auch dieser Reiseplan gefaßt . Das ist der Weg nach dem Schlosse Hohenberg . Genug , Wildungen ! Thun Sie uns den Gefallen ! Sie müssen noch heute mit uns zu Harders kommen . Da ist ein Park , ein chinesischer Pavillon . Da gehen Sie morgen , täglich , wieder hin , bauen sich eine Laube von Tannenzweigen , ein Weidenhüttchen , wie ich einmal aus Shakspeare bei Tieck in der Vorlesung mich entsinne , ein Weidenhüttchen - Tieck sprach das Wort so zart - und werfen , wenn Melanie auf der Rückreise vorüberfährt , ihr Rosen und Vergißmeinnicht zu . Die gute Anna Harder hilft . O Das ist etwas für Anna ! Romantik ! Romantik ! Ach , Sie sollten diese himmlische Seele nicht schon kennen ? Ohne sich auf die Scherze wegen Melanie Schlurck , einer Schülerin des berühmten Professor Berg , Scherze , die ihn mehr zu verwunden , als zu erheitern schienen , einzulassen , bemerkte Siegbert , daß er Anna von Harder seit heute schon zu kennen glaube , und erzählte Alles , was ihm vor einer Stunde vor der Kirche zu Tempelheide begegnet war . O Das ist ja herrlich ! rief Frau von Trompetta . Das ist ja ganz Mittelalter ! Anna als Burgfrau , der labende Becher , Sie der Troubadour ! O so ist sie nun ! Jeder Zug entspricht ihrem seelenvollen Herzen . Ich habe das Bild ganz vor mir . Sie zeichnen , Präsidents speisen . Anna ' s holder Sinn , gehoben von der Nähe des Friedhofs und der Kirche - nicht wahr , sie trug schwarz ? - zart gedenkend des andächtigen Malers , fromm gedenkend der gastfreundlichen Sprüche aus der Bergpredigt des Heilands , und der alte Johann - gelb und blaue Livrée - etwas verschossen zwar - aber liebevoll - höchst liebevoll - ein Becher Weins ! Da , nehmet hin ! Erquicke dich , Wanderer ! Thu ' es zu meinem Gedächtniß ! Allerliebst ! Um Gotteswillen , rief Siegbert lachend aus . Sie thun ja so feierlich , gnädige Frau , als wenn es sich um die Einsetzung des Abendmahls handelte . Frau von Trompetta blickte auf diese Bemerkung plötzlich sehr ernst . Friederike Wilhelmine von Flottwitz schlug gleichfalls die Augen nieder , und es trat eine Pause ein , die Siegbert gern benutzt hätte , um von der Begleitung dieser ihm wenig zusagenden Damen loszukommen . Er besann sich jetzt erst , daß Frau von Trompetta , trotz ihres leichten Tones und ceriserothen Shawls , zu jener gesellschaftlichen Fraction gehörte , die man in frivolen Kreisen Schwanenjungfrauen oder Diakonissen außer Diensten nannte . Er besann sich , daß bei Gelegenheit der Erörterungen über » innere Mission « Niemand öfter genannt wurde als Anna von Harder auf Tempelheide , Frau von Trompetta , Gräfin Mäuseburg und viele andere Damen , die Siegbert theilweise persönlich kannte , und schon hoffte er , da er dieser Richtung nur sehr bedingungsweise zugethan war , mit seinem das heilige Abendmahl » profanirenden « Vergleiche loszukommen . Es war aber nur eine vorübergehende Wolke , die sich auf die Stirn der beiden Damen gelagert hatte . Sie nahmen gerade jetzt erst den jungen schlankgewachsenen Maler , dem sein lockiges Haar , der blonde Kinnbart , sein weißer Hut , das schwarze Sammtröckchen , die weißen weiten Pantalons , das lose um den Hals geschlungene rothe Tuch sehr anziehend standen , in die Mitte , und Frau von Trompetta zögerte nicht , den plötzlich zerrissenen Faden des Gesprächs wieder weltklug anzuknüpfen . Sie sind ein Spötter , sagte sie . Man weiß , daß Sie leider nicht zu den Gläubigen gehören . Professor Berg ' s Schüler wachsen alle etwas wild auf . Wissen Sie wol , daß ihm Das sehr schadet ? Freilich schadet ihm Das , sagte Siegbert , der sich nicht verstellen konnte , mit einiger Bitterkeit . Mein braver alter vortrefflicher Berg ! fuhr er begeistert fort , und in der Erinnerung an den genialen , mannichfach zurückgesetzten Lehrer funkelten ihm die Augen . Armer Berg , daß du den feierlichen Empfang des Prinzen Ottokar nicht zu malen bekommen hast ! Welch ein Verlust für dich , diese Uniformen , diese Guirlanden , diese weißgekleideten Mädchen , die die neue Jubelhymne singen werden ! Alles das sollst du nicht malen ! Armer Rubens , der von Don Philipp von Spanien eine Bestellung entzogen bekommt und nichts zum Troste übrig behält , als daß er Rubens ist , ein Genius und ein freier Niederländer ! Bester Freund , sagte Frau von Trompetta , plötzlich den Ton ändernd und mit großer Bestimmtheit , während es Siegbert schien , als wenn sich die Wangen des blonden Fräuleins mit Zornesglut färbten ; bester Freund , Rubens würde weit weniger übermüthig , weit weniger ehrsüchtig gewesen sein , wenn er in einer Zeit gelebt hätte , wo man malen muß , nicht was man selber will , sondern was gefällt . Ihr seid in Euerm schönen Atelier recht wild , recht zügellos ! Große bewundernswerthe Talente ! Aber sehr ungebundene Gesinnung ! Wir suchen das Schöne , gnädige Frau . Und spotten der Welt ! Und unser selbst . Bei diesem Zugeständniß kehrte Frau von Trompetta , die etwas auf dem Herzen zu haben schien , wieder in ihren frühern leichten Ton zurück , hielt , da ihr das Gehen doch sauer wurde , einen Augenblick inne und sagte mit eigen-thümlichem Ausdruck : Ein hübsches kleines Genrebild auf der Ausstellung bewies mir , daß Sie allerdings Ihrer selbst spotten ! Ha , ha ! Allerliebst ! Professor Berg , der einem schönen Mädchen Unterricht im Malen gibt - und die Schüler , die diese Collegin , ohne daß sie es weiß , gleich als Modell benutzen - Melanie Schlurck natürlich - Siegbert Wildungen ..... ha , ha , ha - vortreffliches Bildchen . Nicht wahr , Friederike Wilhelmine ? Siegbert biß sich auf die Lippen . Dieses Bild existirte und galt in der That ihm am meisten . Die Gruppe , die Frau von Trompetta andeutete , war vorhanden und gefiel sehr . Es war ein kleines Ölgemälde von einem talentvollen Freunde , Namens Leidenfrost , das ihn und das ganze Atelier persiflirte . Denn während die im Nebenzimmer unter Blumen malende Melanie Schlurck von den Schülern auf ihren Bildern bald als Gärtnerin , bald als Tänzerin oder von Einem sogar als lockende Lurleynixe wiedergegeben wurde , hatte der portraitähnliche Siegbert , liebeglühend und liebeverblendet , sie als Modell zu einer Madonna benutzt und sie in Andacht wie der Himmlischen Eine verklärt und im Heiligenschein gemalt . Das Bild wurde auf der Ausstellung viel bewundert von Allen und vielbelacht von Denen , die die Personen kannten . Übrigens glauben Sie mir , fuhr Frau von Trompetta fort , das Bild des Professor Lüders : » Die Einholung des Prinzen Ottokar nach Unterdrückung der östlichen Unruhen « , wird dennoch seine Schönheiten haben ; hier Fräulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz hat ihm erst heute dazu gesessen . Himmel , nun besann sich Siegbert . Schon mehre mal hatte er den stolzen sichern Gang des neben ihm gleichgültig wandelnden Mädchens bemerken müssen . Sie warf ihr schönes Profil verächtlich in die Höhe und hörte dem Geplauder ihrer ältern Freundin nur mit halber Theilnahme zu . Siegbert erinnerte sich . Diese junge , ihn wol tief verachtende Dame war ja jene patriotische Jungfrau , die sich in den letzten Parteikämpfen den Namen einer Jeanne d ' Arc erworben hatte . Tochter des pensionirten Oberstlieutenants von Flottwitz , Schwester von sieben Brüdern , die in der Armee theils als Lieutenants ersten oder zweiten Grades oder noch als Cadetten vom Staate ehrenvoll versorgt wurden , hatte sie ein hübsches Talent des Reimens zu patriotischen Huldigungen an das angestammte Fürstenhaus benutzt , auch in öffentlichen Gesinnungskundgebungen war sie bereits so oft aus dem Kreise des Gewöhnlichen heldenmüthig herausgetreten , daß man ihr unstreitig einen Anflug höherer inspirirter Schwärmerei zuerkennen und den strengen Aufschlag ihrer großen blauen Augen unter solchen Verhältnissen bedeutend finden mußte . Siegbert betrachtete sie nun nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht . Denn dies feierliche Mädchen war es ja , die neuerdings auch den sogenannten Reubund mit hatte stiften helfen . Eine Anzahl verwandter Seelen war ja aus eigenem freien Triebe vor kurzem zusammengetreten , um durch mancherlei Einwirkungen auf die öffentliche Meinung dem Fürstenhause zu erkennen zu geben , daß das Volk , für dessen wahre Vertreter sie sich erklärten , die Art und Weise , wie es bei den letzten Stürmen den Fürsten gewisse Concessionen abgetrotzt hatte , jetzt bereue . Keine Dame , die mit einem Offizier oder Beamten verheirathet war , unterließ es , sich in diesen Reubund aufnehmen zu lassen , für dessen Seele und eigentliche höhere Schwinge Friederike Wilhelmine von Flottwitz gelten konnte . Wo nur irgend ein tapferes Regiment triumphirend zu empfangen , eine Kaserne mit zweckentsprechenden Blumen zu schmücken war , ordnete sie diese vom Reubunde unterstützten Manifestationen in eigener Person an . Manchen Kuß schon hatten ihre jungfräulichen Lippen auf die Hände eines tapfern alten Generals gedrückt ; zu ihrer seligsten Befriedigung auch schon einen auf die silberne Schärpe des Prinzen Ottokar , als dieser von der Unterdrückung einer anarchischen Bewegung im Osten siegreich zurückkehrte . Während sich Siegbert über diese unerwartete und jedenfalls höchst interessante Bekanntschaft in schweigende Bewunderung verlor , fuhr Frau von Trompetta mit immer festerer Bestimmtheit und ihres hohen Einflusses bewußt fort : Ihr Bild , bester Freund , ist wunderschön , vortrefflich der Ausdruck des Molay und der Tempelherren , die mit ihm verbrannt werden , ich sage ganz hinreißend , aber -der Kunstverein ist schwierig . Wissen Sie ' s schon ? Ich weiß , was Sie sagen wollen , gnädige Frau , fiel Siegbert erröthend ein , Propst Gelbsattel haßt Alles , was an den Lessing ' schen Huß und die Physiognomieen der Cardinäle erinnert , die ihn verbrennen ließen . Propst Gelbsattel bestimmt die Meinung des Kunstvereins ; folglich wird man meinen Molay nicht ankaufen ..... Es wäre nicht unmöglich , sagte Frau von Trompetta ; allein , geben Sie mir den Arm - man hat Connexionen , Gelbsattel protegirt mich , und Fräulein Friederike Wilhelmine interessirt sicher auch den Reubund für den Ankauf Ihres Bildes . Aber dann muß ich mir bedingen , Wildungen , daß Sie mir auch in mein Gethsemane ein Blatt malen , hören Sie , daß ist die Bedingung ! Wann darf ich Ihnen das Format schicken ? Was wollen Sie malen ? Und wann hab ' ich Ihren Beitrag zu erwarten ? Siegbert war schon vollkommen unterrichtet , was das Gethsemane der Frau von Trompetta zu bedeuten hatte . Unter dem Titel jenes Gartens , in welchem der Heiland der Welt unter Thränen betete , ehe er den schweren Gang seiner Leiden antrat , beabsichtigte die rührige und in der systematischen Wohlthätigkeit unübertreffliche Frau ein Album anzulegen , in welches ihr die vorzüglichsten Künstler die einzelnen Blätter , wie sich von selbst versteht unentgeltlich , malen mußten . Durch diese Zumuthung war die gute Frau freilich eine rechte Plage der Kunstwelt geworden , der Schrecken aller Ateliers ; allein die löblichen , von dem Hofe protegirten Zwecke dieser Dame machten eine Weigerung , ihren Ansinnen zu entsprechen , kaum möglich . Das Gethsemane sollte , wenn es vollendet war , entweder vom Hofe angekauft und im Landesmuseum niedergelegt oder auf dem Wege einer Lotterie für irgend einen glücklichen Treffer ausgespielt werden . Welchem barmherzigen Institut , welchem mildthätigen Zwecke der Ertrag dann zuzuwenden , behielt sich Frau von Trompetta noch vor , und man kann sich denken , wie sehr ihr deshalb von vielen Seiten ebenso sehr gehuldigt , wie von den unglücklichen gepreßten Malern heimlich und wol auch offen geflucht wurde . Um heute nur von ihr loszukommen und der durch diese Begegnung angeregten schmerzlichen Gefühle Herr zu werden , sagte Siegbert in Gottes Namen zu und gelobte , auch seinerseits in das Gethsemane irgend ein frommes buntes Blatt zu stiften . Als er ihr feierlich die Zusage gegeben hatte , binnen vier Wochen seinen Beitrag abzuliefern , winkte Frau von Trompetta dem Wagen , der ihnen langsam gefolgt war . Fräulein Wilhelmine , die unterwegs jeden Krieger , der ihnen begegnete , liebevoll und fast vertraulich gegrüßt hatte ( denn es war eine Hauptaufgabe des Reubundes , das durch jene erwähnten Concessionen untergrabene Selbstvertrauen des Kriegerstandes wieder mehr zu heben und zu kräftigen ) , wandte sich rasch dem geöffneten Wagenschlage zu , als belästige sie die Überzeugung , daß Siegbert ' s Gesinnung der ihrigen nicht verwandt war . Frau von Trompetta aber hatte alle strengen Falten ihres Antlitzes nun verscheucht und lobte den jungen Maler überdiemaßen , daß er sie begleitet , vortrefflich unterhalten und vor allen Dingen sich für ihr Gethsemane hatte gewinnen lassen . Beim endlichen Abfahren rief sie ihm noch zu : Zur Belohnung , Wildungen , sage ich Ihnen , daß Ihr Bruder Dankmar angekommen ist . Ich sah ihn unter dem großen Thorweg der Lasally ' schen Reitschule . Damit rollte der Wagen die Chaussee entlang , dem schon ganz nahen Tempelheide zu , dessen kleine Kirchenfenster in den goldener werdenden Strahlen der sich senkenden Sonne feurig herüberblitzten . Mein Bruder schon da ! rief es laut in Siegbert , während er sich eilends in Bewegung setzte , um die verlorene Strecke wieder einzuholen . Diese abscheuliche Frau ! Sie erfuhr von mir , wie sehnsüchtig ich den Bruder erwartete , und statt mir seine Ankunft sogleich herzlich mitzutheilen , schleppt die Falsche , die Heuchlerin mich den Weg zurück nur um ihres Vortheils willen , um dieses zudringlich erbettelte Gethsemane ! Welche Lüge