, lieber roh und ohne alle Zutat als mit Essig , Öl , Pfeffer , Salz und Mostert . Graf G. ist womöglich noch einer der kühnsten und ehrlichsten Degen , die der preußische Adel aufzuweisen hat ; ein Mann , der auf seinem Roß die steilste Treppe hinangaloppiert , der seine Pistole so sicher schießt wie der alte Lederstrumpf seine lange Flinte und der den Säbel mit einer solchen Gewissenhaftigkeit zu führen weiß , daß ich ihn , nämlich den Herrn Grafen G. , hierdurch aufs höflichste gebeten haben will , mir doch stets drei Schritte vom Leibe zu bleiben , sintemalen ich nicht die geringste Lust verspüre , ihm zu fernerer Erprobung seines schauerlichen Handwerks an meinem Leibe Gelegenheit zu geben . Graf G. hörte von den Taten Schnapphahnskis , und es versteht sich von selbst , daß ihn sofort die Eifersucht stachelte , um aus der Haut zu fahren , um verrückt zu werden . Überall , wo er ging und stand , immer Schnapphahnski und ewig Schnapphahnski ! Graf G. geriet zuletzt in ein wahres Delirium , in einen St. Veitstanz , wenn man ihn nur im entferntesten an unsern Ritter erinnerte ; seine Hengste spornte er blutig , er prügelte Hunde und Bediente , und alles nur wegen des verfluchten Schnapphahnski . Am allerbegreiflichsten ist es indes , daß Graf G. zuletzt keinen anderen Wunsch mehr auf Erden kannte , als unserm Ritter einmal auf den Zahn zu fühlen . Leider wollte sich hierzu aber nie eine Gelegenheit finden . Schnapphahnski war der liebenswürdigste Mensch von der Welt , betörend bei den Weibern und schlau bei den Männern . Er war allmählich zu der Überzeugung gekommen , daß das Leben kostspielig ist , sehr kostenspielig . Trotz aller äußern Bravour glaubte er in der Tiefe seiner Seele an den 10. Vers des 90. Psalms , wo da geschrieben steht , daß unser Leben siebenzig Jahre währt , und wenn ' s hoch kommt achtzig , und daß es köstlich gewesen ist , wenn es Mühe und Arbeit gewesen , und daß es schnell dahinfährt , als flögen wir davon . Dachte er aber gar an den Grafen G. , so ging es ihm nicht anders wie mir : er hätte sich lieber mit dem Pferdefuß des Satans herumgeschlagen als mit der Klinge jenes fürchterlichsten aller modernen Menschenfresser . Aber was hilft es , wenn die Unsterblichen nun einmal beschlossen haben , daß einem das Schicksal ein Bein stellen soll ? Schnapphahnski hatte eines Abends die Unvorsichtigkeit begangen , seinem treuesten Freunde unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit mitzuteilen , daß die Schwester des Grafen G. - - meine Leser müssen entschuldigen , wenn ich ihnen eine der galantesten Lügen neuerer Zeit nicht zu wiederholen wage - genug , unser Ritter ließ sich durch seine Phantasie zu einer Mitteilung verleiten , die , eben weil sie unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit geschah , auch schon am nächsten Morgen von dem treuesten aller Freunde dem Grafen in ihrer ganzen Frische wieder überbracht wurde . Graf G. fluchte wie ein Christ und wie ein Preuße . Er nahm seinen Säbel von der Wand , und er nahm seine Pistolen - o armer Schnapphahnski ! Doch was soll ich weiter erzählen ? Es versteht sich von selbst , daß Graf G. in der Wohnung unseres Ritters eher den Vater Abraham hätte antreffen können als den Herrn von Schnapphahnski . Ja wahrhaftig , wie der edle Ritter einst dem ehrenwerten schlesischen Menelaos die Landstraße geräumt und die liebenswürdigste Frau überlassen hatte , so ließ er diesmal dem kriegerischen Grafen G. die Überzeugung zurück , daß ein Mann wie Schnapphahnski eine viel zu feine Nase hat , um nicht das Pulver auf wenigstens tausend Schritt zu riechen - mit einem Worte : Mensen Ernst hätte nicht schneller davonlaufen können als der berühmte Ritter Schnapphahnski . Die böse Welt erzählt von einer großen unerbittlichen Hetzjagd , die jetzt ihren Anfang nahm . Fabelhaft war die Wut des Grafen G. , aber noch unglaublicher war die Eile des Ritters Schnapphahnski . Wie die brennende Sonne den bleichen Mond verfolgt , so folgte der zornglühende Graf dem angstblassen Ritter . Da war kein Hotel , kein Salon zwischen Dresden , Berlin und Wien , da war kein Ort in dem ganzen östlichen Deutschland , der nicht untersucht wurde , in dem man sich nicht aufs angelegentlichste nach Sr. Hochgeboren , dem Ritter Schnapphahnski , erkundigte . Doch die Distanz wurde immer kleiner ; immer näher rückte der Graf auf des Ritters Pelz - in Troppau in Östreich stehen unsere Helden endlich mit den krummen Säbeln in den Fäusten einander gegenüber . Der edle Ritter kann seinem Schicksal nicht mehr entrinnen . Graf G. versteht keinen Spaß . Der Kampf beginnt . Seit Sir John Falstaff auf der Ebene von Shrewsbury mit dem Schotten Douglas aneinander war , gab es kein so famoses Treffen mehr auf der Welt als das unserer Helden in Troppau . » So fiel ich aus , und so führt ich meine Klinge ! « hatte der edle Ritter manchmal renommiert , wenn er den Damen seine Abenteuer schilderte . Jetzt war die Stunde gekommen , wo er das in der Tat und in der Wahrheit durchmachen sollte , was er früher so oft im Geiste und in der Lüge erlebte . Schnapphahnski empfahl sich dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden , er setzte den einen Fuß vor , er erhob den Säbel , und die Paukerei ging los . Graf G. schlug drein wie der leibhaftige Teufel . So ein Eisenfresser hat kein Mitleid - armer Schnapphahnski ! Der edle Ritter fühlt , daß er es mit dem Bruder einer schönen Schwester zu tun hat , aber er wehrt sich , so gut er kann . Da fehlt er zum ersten Male , und die Klinge seines Gegners fährt ihm über den Leib , so nachdrücklich , so impertinent unhöflich , daß Graf G. nicht anders meint , als daß der Ritter ins Gras beißen und das Zeitliche segnen müßte . Schnapphahnski denkt aber nicht daran ; ein leises Frösteln rieselt ihm über den Nacken , er schüttelt sich , und wiederum steht er da in der alten Parade : » So fiel ich aus , und so führt ich meine Klinge ! « Graf G. macht da den zweiten Ausfall ; abermals klirren die Säbel , und zum zweiten Male besieht unser Schnapphahnski einen Schmiß , der dem besten Korpsburschen Heulen und Zähnklappen verursacht haben würde , vor dem unser Ritter aber nur leise stutzt und momentan zurückweicht , um sich sofort wieder zu sammeln und seine frühere Stellung einzunehmen . Graf G. ist über das zähe Leben seines Feindes nicht wenig erstaunt ; er kennt doch die Force seines Säbels , er weiß , was in frühern Jahren seinen Hieben zu folgen pflegte , und schäumend vor Wut , daß seine besten Schläge ohne Erfolg bleiben , stürzt er zum dritten Male in den Kampf , und wiederum rasseln die Klingen , daß die Lüfte schwirren , daß allen beiden Kämpfern Hören und Sehen vergeht . Da trifft der Säbel des Grafen zum letzten Male , und Schnapphahnski taumelt totenbleich zu Boden - o armer Mann ! Die Klinge hat den Kopf nicht berührt , sie machte eine Reise über Schulter und Brust , die Kleider hängen in Fetzen herunter - o unglückseliger Ritter ! Fallen in der Blüte der Jugend , ein Mann , so schön und so glücklich - es ist hart ! Da kniet der Graf an seinem Opfer nieder und reißt die Kleider seines Gegners auf ; er erwartet nicht anders als eine klaffende Wunde von ein bis zwei Zoll , es wundert ihn , daß nicht das Blut schon hervorspritzt . Da ist er mit dem Losknöpfen des Rockes fertig , zu seinem Entsetzen zieht er - ein nasses seidnes Sacktuch aus dem Busen seines Feindes . Er weiß nicht , was dies bedeuten soll ; noch immer kein Blut ; er greift abermals zu - ein zweiter Foulard ! Zum dritten Male untersucht er - ein drittes Sacktuch ! Und so : ein , zwei , drei , sechs , acht , zieht der erstaunte Graf einen nassen Lappen nach dem andern vom Körper des Ritters , bis zuletzt unser guter Schnapphahnski , seiner Hülle bar , als ein vollkommen unverletzter , höchst liebenswürdiger junger Mann am Boden liegt . - O Reineke , Reineke ! O berühmter Ritter Schnapphahnski ! Du hattest dein zweites Abenteuer überstanden . Zuerst die Gräfin S. , und dann der Graf G. O denke an die Lakaien zu O. in Schlesien , o denke an das Duell von Troppau ! Man erzählt , Graf G. sei unwillig aufgesprungen ; er habe ausgespuckt , sich auf sein Pferd geworfen und das Weite gesucht . Schnapphahnski gewann nach einiger Zeit die Besinnung wieder ; er sammelte die umherliegenden Tücher und steckte sie vorsichtig in die Taschen . Sein Bedienter brachte ihn , leiblich sehr erschöpft , aber geistig ungemein heiter , in die nächste Herberge . III Berlin Nach dem Abenteuer in Troppau treffen wir Herrn v. Schnapphahnski zunächst in Berlin . Eine interessante Blässe lagert auf seinem Gesicht , und es versteht sich von selbst , daß der schöne schwarze Bart des Ritters dadurch nur um so vorteilhafter ans Licht tritt . In Schlesien war unser Ritter ein verliebter Husar , in Troppau erscheint er als renommierender Duellant - in Berlin ist er Flaneur . » Salamankas Damen glühen , Wenn er durch die Straßen schreitet , Sporenklirrend , schnurrbartkräuselnd , Und von Hunden stets begleitet . « Gibt es etwas Schöneres als Flanieren ? Der Hauptreiz des süßen Nichtstuns besteht übrigens nicht darin , daß man überhaupt sporenklingend und schnurrbartkräuselnd durch die Straßen schreitet , sondern daß man gerade dann flaniert , wenn alle andern Leute wie die lieben Zugstiere arbeiten müssen . Ich bin fest davon überzeugt , ein westindischer Pflanzer fühlt sich nicht nur deswegen so wohl in seiner Haut , weil er jedes Jahr an seinen Plantagen diese oder jene Summe profitiert , nein , sondern nur aus dem Grunde scheint ihm das Leben um so wonniger , weil er eben dann recht wohlgefällig seine Havanna-Zigarren rauchen kann , wenn um ihn her die schwarzen Afrikaner in der Glut der Sonne und unter der Wucht der Arbeit zu vergehen meinen . Hole der Teufel die Flaneure und die westindischen Pflanzer . Die Proletarier werden einst die erstern und die Sklaven die letzteren totschlagen . Ja , tut es ! Es ist mir ganz recht - aber nur einen verschont mir : den Ritter Schnapphahnski ! Unser Ritter gefiel sich in Berlin ausnehmend . Nichts konnte natürlicher sein . Berlin , die Stadt , wo sich der Tee und das Weißbier den Rang streitig machen , wo die schönsten Gardeoffiziere und die schönsten Frauen in schlanken Taillen wetteifern und wo jeder Eckensteher wenigstens etwas Bildung besitzt , wenn auch nur für einen Silbergroschen - Berlin war der Ort , wo unser Ritter am ersten hoffen durfte , eine vermehrte und verbesserte Auflage seiner Blamagen erscheinen zu sehen . Schnapphahnski war allmählich in der Liebe Gourmand geworden . Die süße , sanfte Unschuld hatte er satt . Er sehnte sich nach weiblichem Kaviar - - ein Blaustrumpf , eine Emanzipierte , eine Giftmischerin ! - es war unserm Ritter einerlei . Nur starker Tabak , nur Furore ! Man begreift solche Gelüste , wenn man bedenkt , daß der edle Ritter nach der letzten Affäre in Troppau wenigstens für ein ganzes Jahr so blasiert war wie eine kranke Ente . Der Zufall wollte es , daß die Augen Schnapphahnskis auf die göttliche Carlotta fielen ... Er hatte gefunden , was er suchte . Nichts konnte erwünschter sein als ein Roman mit einer geistreichen Schauspielerin , und nun vor allen Dingen die Bekanntschaft mit einer Carlotta , die gerade damals in das Nachtgebet jedes Gardelieutenants eingeschlossen wurde , deren Besitz nicht mit einer Million aufzuwiegen war ! Schnapphahnski hatte nicht so unrecht . Der Besitz einer Schauspielerin hat darin sein Pikantes , daß man in ihr das besitzt , was allen Menschen gehört . In einer Schauspielerin umarme ich gewissermaßen die Lust und die Freude einer ganzen Stadt , eines ganzen Landes , eines ganzen Weltteils . Nichts ist begreiflicher , als daß Herr Thiers eine Rachel liebt - - Dieselbe schneeweiße Hand , die nach dem Fallen des Vorhanges noch vor allen Blicken flimmert : ich darf sie zu süßem Kuß an meine Lippen drücken ; derselbe kleine Fuß , der noch durch das Gedächtnis von tausend Rivalen schreitet : ich darf ihn ruhig und siegesgewiß betrachten , wenn er gleich einem seligen Rätsel unter dem Saum des Kleides hervorschaut oder vor der Glut eines Kamines zu einsamen Scherzen seine lieblichen Formen zeigt . Eine Carlotta , eine Rachel , eine Donna Anna oder eine Donna Maria unter vier Augen ist ein Triumph über die Jeunesse dorée von halb Europa . Konnte es anders sein , als daß unser Lion Schnapphahnski sofort den Entschluß faßte , das Herz Carlottens zu erobern , koste es , was es wolle ? Er machte sich auf der Stelle an die Arbeit . Zur Belagerung eines Herzens gehört der gewohnte Kriegsapparat . Ein paar Tausend Seufzer und einige Hundert Wehs und Achs dringen gleich zitternden Truppen zuvörderst auf den Gegenstand der Blockade ein . Als Faschinen , zum Ausfüllen hinderlicher Sümpfe und Gräben , bedient man sich einiger Dutzend Veilchen-und Rosensträuße . Das Trompetensignal des Angriffs besteht aus einem Ständchen von Flöten und Fiedeln , dem man indes noch eine Aufforderung zur Übergabe in möglichst gelungenen Stanzen und Sonetten vorhergehen läßt . Sieht man , daß mit Güte nichts auszurichten ist , so wirft man einige Brandraketen in Gestalt der glühendsten , verzweifeltsten Blicke und läßt , je nachdem es ist , auch das schwere Geschütz der herzinnigsten Flüche und Verwünschungen mitspielen . Hat man den Angriff eine Zeitlang unerbittlich fortgesetzt , so macht man einmal eine Pause und läßt durch einige Boten , die gleich krummen Fragezeichen um die Mauern der Geliebten schleichen , bei irgendeiner alten Tür- oder Torwächterin die Erkundigung einziehen , ob die hartnäckige Schöne nicht bald Miene mache , das Gewehr zu strecken . Wird dies verneint , so beginnt man das Feuer wütender als je zuvor . Man schwört bei allen Göttern , daß man sich eher selbstmorden , ja , daß man lieber wahnsinnig werden wolle , als von seinem Verlangen abstehen , und man gebärdet sich auch sofort wie ein betrunkener Täuberich und ruht nicht eher , als bis man Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und sich ruiniert hat an Witz , Leib und Beutel . Schnapphahnski belagerte seine Carlotta mit einer wahrhaft horntollen Beständigkeit . Aber ach , es war alles umsonst . Der edle Ritter seufzte seine besten Seufzer , er warf seine glühendsten Blicke , er erschöpfte » seine ganze Kriegeskasse « , und doch sah Carlotta noch immer von der Bühne hinab in das Parkett , wo stets an derselben Stelle , rein aus Zufall , ein wahrer Adonis von einem Gardeoffizier stand und mit der lebendigen Künstlerin das Kreuzfeuer der verliebtesten Blicke führte . Da sammelte der edle Ritter seine Gedanken um sich wie einen Kriegsrat und beschloß , die Belagerung aufzuheben . Man glaube indes ja nicht , daß Herr von Schnapphahnski ein solcher Narr gewesen wäre , um rein als Geprellter von dannen zu ziehen . Gott bewahre ! Der Mann , der die Gräfin S. auf der Landstraße aussetzte und die Hiebe seines Gegners mit nassen Sacktüchern parierte , er wußte auch jetzt seine Ehre zu retten . Tiefsinnig schritt er Unter den Linden auf und ab , und nachdem er einen Morgen und einen Nachmittag mit sich zu Rate gegangen war , ließ er plötzlich am Abend anspannen und seinen leeren Wagen vor das Hotel Carlottens fahren . Der Wagen stand dort den Abend , er stand die Nacht hindurch , und er stand bis zum Morgen . Ruhige Bürger , die eben nicht ganz auf den Kopf gefallen waren , stießen einander an , wenn sie die Karosse sahen , und blickten dann schmunzelnd hinauf zu dem Fenster der Künstlerin . Naseweise Literaten und spitzfindige Justizräte schauten sogar auf das Wappen und die Livree des Kutschers , indem sie bedenklich die Köpfe schüttelten und dann mit allerlei kuriosen Gesprächen nach Hause schritten . Einige Offiziere stutzten aber erst vollends . - Zufällig war unter ihnen auch jener Adonis aus dem Parkett des Schauspielhauses ! Er weiß nicht , was er sieht , er reibt sich die Augen , er fühlt an seinen Kopf , um sich davon zu überzeugen , ob ihn das Schicksal wirklich mit einem jugendlichen Hornschmuck geziert hat , und den Säbel in der Faust , dringt er dann in Carlottens Wohnung . - - Er findet die Künstlerin mutterseelenallein in ihrem Zimmer - sie empfängt ihren Adonis , wie es einer Venus zukommt . Erst mit dem Morgenrot ist die Karosse Schnapphahnskis verschwunden . Berlin erwacht zu geschäftigem Treiben . Trödler und Eckensteher murren über das Pflaster ; Karren und Droschken rasseln vorüber ; Handwerker und Kaufleute eilen an ihre Arbeit , und fast der einzige Mensch , der erst sehr spät und äußerst langsam in die Stadt hinunterflaniert , das ist wieder niemand anders als unser berühmter Ritter Schnapphahnski . - - Er sieht etwas leidend und angegriffen aus ; seine Augen glänzen feucht-melancholisch , und der schöne Kopf mit dem feinen Hute hängt sinnend hinab auf die seufzerschwere Brust . Da schleicht der Ritter nachlässig scharwenzelnd in den nächsten Salon und wirft sich gähnend auf den Diwan . » Teurer Ritter , auf Ehre , was fehlt Ihnen ? « fragen einige Bekannte , als sie ihren Freund in so weicher , schmerzlicher Stimmung sehen . Keine Antwort . Die Lippen Schnapphahnskis umspielt ein mildes Lächeln . » Auf Seele , Ritter « , fährt man fort , » es scheint Ihnen etwas Ungewöhnliches passiert zu sein ! « Schnapphahnski reckt einmal alle Glieder . Eine halbe Stunde verstreicht so , da hat der Ritter die Aufmerksamkeit seiner liebenswürdigen Umgebung bis aufs höchste gesteigert ; aufs neue bestürmt man ihn mit Fragen , er kann nicht mehr widerstehen , und gleichgültig wirft er die Worte » die vorige Nacht « - » bei Carlotta « hin , und rings entsteht das freudigste , interessanteste Erstaunen ! Man sieht , die Aventüren unseres Ritters werden immer delikater . Zuerst eine wirkliche Liebschaft , die zwar mit der erbärmlichsten Pointe schließt , deren eine Liebschaft fähig ist , die aber wenigstens bis zum Augenblick der Pointe alle süßen , schauerlichen Phasen durchmacht und den Eindruck bei uns zurückläßt , daß es dem edlen Ritter wenigstens einmal in seinem Leben gelang , eine Frau zu erobern und ein Herz zu besitzen . Schade , daß die Stöcke der Lakaien des Grafen S. sich an dieses erste Abenteuer reihen ! Dann die zweite Aventüre . Sie drehte sich ebenfalls um das schöne Geschlecht . Der Ritter besitzt aber schon nicht mehr , nein , er intrigiert nur . Die Sache läßt sich aber trotzdem noch hören , weil ein Duell daraus entsteht , ein Duell mit einem Grafen G. , einem wahren Eisenfresser , ein Duell mit krummen Säbeln , und wir sind schon auf dem Punkte , uns mit der Geschichte zu versöhnen , als plötzlich jene erbauliche Wendung mit einem halben Dutzend nasser Sacktücher eintritt und wir nur zu sehr fühlen , daß der Ritter eine bedeutende Stufe gesunken ist . Doch ach , jetzt die dritte Affäre mit Carlotta ! Zu dem Ekel , den uns das galante Malheur Sr. Hochgeboren verursacht , gesellt sich der bedauerliche Eindruck der gewöhnlichsten Lügen , der blassesten Renommage . Wir sehen den Ritter auf dem Diwan liegen , umringt von jungen Offizieren , den physischen Katzenjammer der Liebe heucheln - und es wird uns traurig zumute ! Aber so war es . Wer weiß , inwieweit es Herrn von Schnapphahnski gelungen wäre , seine Umgebung zu täuschen und jenes selige Ermatten einer glücklichen Nacht täuschend nachzuahmen , wenn sich nicht plötzlich der süße Adonis Carlottens an der andern Seite des Salons emporgerichtet und den renommierenden Ritter , seiner erbärmlichen Lüge wegen , ohne weiteres auf Pistolen gefordert hätte . Was sollte unser Ritter tun ? Er fühlte , daß er wieder einmal eine Stufe sinken müsse ; er wußte aus eigener Erfahrung , daß er im Duell eben kein Heros war , und die Lust des Lebens und die Hoffnung einer besseren Zukunft in Erwägung ziehend , entschloß er sich daher , eine gute Miene zu dem bösen Spiel zu machen und in Gegenwart sämtlicher Offiziere die schriftliche Erklärung abzugeben , daß er der gröbste Lügner sei und aufrichtig bedauere , die Reize der schönen Carlotta durch das Manöver mit dem leeren Wagen auf so unnötige Weise verdächtigt zu haben . Diese Erklärung des berühmten Ritters Schnapphahnski befindet sich noch heutigen Tages in dem Archiv eines der Berliner Gardeoffizierkorps . IV Die Diamanten Treue Freunde des Ritters Schnapphahnski , bedauern wir mit ihm die harte Prüfung , die das Schicksal infolge jenes bekannten Abenteuers mit der göttlichen Carlotta über ihn verhängte . Die Moral der Geschichte war , daß weder mit einem schönen Frauenzimmer noch mit einem Gardeoffizier zu spaßen ist und daß man nicht den Wüstling und den Bramarbas herausbeißen soll , wenn man wirklich nur ein so unschädlich liebenswürdiger Mann wie der Ritter Schnapphahnski ist . Der Adonis Carlottens , der Gardelieutenant v.W.-M. , dessen tugendhafte Entrüstung wir nicht genug anerkennen können , war schuld daran , daß unser Ritter für einige Zeit die Einsamkeit suchte , um in stillen Betrachtungen jene Ruhe des Gemütes wiederzufinden , die er auf so leichtsinnige Weise verscherzt hatte . Zu der Furcht vor den Lakaien aus O. und zu den unangenehmen Erinnerungen aus Troppau gesellte sich nun noch die Angst vor dem verhängnisvollen Dokumente der Berliner Offiziere , und wir brauchen wohl nicht zu versichern , daß das eine oder das andere manchmal sehr störend auf die Morgenträume unseres Helden einwirkte . Der jugendlich kühne Flug unseres Ritters war gelähmt ; wie mancher andere ehrliche Mann fühlte er allmählich , daß er dem Straßenkote näher war als den Sternen und daß der schöne schwarze Schnurrbart vielleicht das beste an dem ganzen Menschen sei . Diese und ähnliche melancholische Gedanken waren indes nur vorübergehend ; der Ritter war von zu guter Rasse , als daß er das Leben nicht von der heitersten Seite aufgefaßt hätte . Mag es dir noch so schlecht gehen , sagte er oft zu sich selbst , zum allerwenigsten kannst du doch noch immer ein ausgezeichneter Diplomat werden ! Dies tröstete Herrn v. Schnapphahnski . Wir werden später sehen , wie unser Ritter diesen diplomatischen Gelüsten wirklich Luft machte . Ehe wir dazu übergehen , wollen wir ihm noch etwas durch die labyrinthischen Gänge seines Berliner Daseins folgen . Wie gesagt , durchlebte der Ritter nach seiner letzten Prüfung eine Periode der Erniedrigung . Zuerst liebte er eine Gräfin , dann eine Carlotta , jetzt sollte er unter das Corps de Ballet geraten - - zwei leidliche Beine hatten Eindruck auf unsern Ritter gemacht . Wir bitten unsere Leser wegen dieser ungemeinen Wahrheitsliebe aufs demütigste um Verzeihung . Die Beine des Balletts waren damals in Berlin en vogue . Der höchste Geschmack hatte sich dazu herabgelassen , und wir würden ein Verbrechen begehen , wenn wir nachträglich darüber spötteln wollten . Übrigens schwärmen wir selbst für den Tanz . Gibt es etwas Reizenderes als die süße Musik der Schenkel ? Gibt es etwas Berauschenderes , als wenn eine Fanny Elssler ihre Bachschen Fugen , eine Taglioni ihre Beethovenschen Symphonien und eine Grisi ihre weichen , wollüstigen Donizettischen Arien tanzt ? Jedesmal , wenn ich die Grisi sah , da war ich fest davon überzeugt , daß Gott den Menschen nur der Beine wegen geschaffen hat ; gern hätte ich mich köpfen lassen ; es wäre mir einerlei gewesen ; ich hielt den Kopf für wertlos , und ich begriff nicht , weshalb die Beine nicht die Ehre haben , oben zu stehen , und weshalb der Kopf nicht nach unten geht - mit einem Worte : die Beine hatten meinen Verstand auf den Kopf gestellt . Ist es die Kraft des kleinen Fußes , aus dem das Bein so schlank emporsteigt wie ein Lilienstiel aus der Wurzel , der den ganzen Leib so graziös zu tragen weiß wie der Stamm einer Fächerpalme seine prächtig harmonische Krone - oder ist es der Schwung des ganzen Körpers , wenn er in sanften Wellenlinien melodisch dahinschaukelt und all unsere Gedanken mit fortreißt in das wogende Meer der Sinnlichkeit , was uns dem Tanz einer Grisi mit wahrhaft religiöser Andacht zuschauen läßt ? Ich weiß es nicht , aber ich danke dir , Mutter Natur , daß du nicht nur deine Vulkane ihre Flammen gen Himmel schleudern und deine tannenbewachsenen Felsen so herrlich mit blitzendem Schnee prangen läßt , sondern daß du auch Rosen und Lilien geschaffen hast , und ich liebe dich , weil du so graziös und so bezaubernd bist , herab von den ewigen Sternen , dort oben in dem Blau der Unendlichkeit , bis hinunter in die Fußspitze eines schönen Weibes . Ähnliche wohlfeile Betrachtungen durchfuhren auch den Ritter Schnapphahnski , als er nach einigen aufmerksamen Studien , zwar nicht Helenen in jedem Weibe und nicht die Grisi in jeder Korpsspringerin entdeckte , wohl aber die Bemerkung machte , daß auch in der untern Sphäre der menschlichen Gesellschaft für Geld und gute Worte des Süßen viel zu erwarten ist . Es rieselt uns kalt über den Rücken - - zum ersten Male müssen wir von Geld und zugleich von Liebe sprechen . Ja wahrhaftig , wir sehen unsern Ritter abermals eine Stufe hinabrutschen - was ihm früher die Götter aus freien Händen gegeben : er kauft es ! Liebe kaufen ! Gibt es etwas Gemeineres ? Als einst am 1. Mai die Welt begann - ich glaube nämlich , daß die Welt am 1. Mai ihren Anfang nahm und nicht am 1. Januar , wie man fälschlich vermuten möchte , sintemalen die armen nackten Menschen , da sie nicht mit Stiefeln und Sporen auf die Welt kamen , ja im Januar sofort wieder erfroren wären - als , wie gesagt , die Welt am 1. Mai ihren Anfang nahm und die goldne Sonne lachte und die Blumen dufteten und die Quellen rieselten , da sprach der Spatz zu der Spätzin : Spätzin , ich achte dich ! Da sprach der Haifisch zu seinesgleichen : Fräulein Haifisch , ich verehre Sie ! Da brüllte der Löwe zu der Löwin : Löwin , du gefällst mir ! Und der Mann sprach zum Weibe : Frau , ich liebe dich ! Das war eine schöne Hochzeit . Man trank Burgunder und aß Austern nach Herzenslust . Menschen und Tiere saßen in bunter Reihe , und als das Bankett vorüber war , da siedelten sich die Spatzen in den Lüften an , die Haifische im Wasser , die Löwen in der Wüste und die Menschen in Ninive , Babylon , Bagdad , Petersburg , Paris , Wien , Breslau usw. Lange Zeit ging dies gut . Die Männer fanden stets ihre Frauen und die Frauen ihre Männer , was die vielen artigen Buben und Mädchen bezeugen , die heuer in der Welt herumstreifen , und die Männer und die Frauen nahmen sich einander , wie es gerade kam , so und so . Als dann aber mit der Zeit die Zahlen und das Geld erfunden wurden und das Wechselrecht und die politische Ökonomie und als die Menschen immer klüger und gescheiter wurden und folglich immer eitler und wählerischer , da hörten sie auch allmählich auf , sich so ohne weiteres zu lieben , und jeder trachtete nur danach , sich eine solche Frau zu verschaffen , wie sie gerade für seinen Beutel , für seine Wechsel oder für seine Ökonomie paßte . Mit einem Worte : Es stellte sich eine durch Interessen geregelte Nachfrage nach Menschen ein , der durch eine angemessene Zufuhr begegnet wurde . Der Weltmarkt der Heirat begann , die Männer und die Frauen fingen an , sich gegenseitig zu kaufen ! - Von diesem Augenblick an kann man alles Unglück datieren . Die Ökonomie war in die Liebe gefahren , der Mensch wurde ein Artikel , der nun hinfort von der Nachfrage und der Zufuhr abhing und alle Leiden der Überproduktion mit der Wolle , der Baumwolle , dem Flachs usw. teilte . Wer nicht ein verheirateter Gardemajor , ein Landgerichtsrat , ein Bankier , ein Bischof wurde , der sank zu einem Schneider , zu einem Steinklopfer , zu einem Tagelöhner oder dergleichen hinab , und die lieblichen Weiber , die keine Gräfinnen , Hauptmänninnen , Kaufmannsfrauen oder sonst etwas wurden , die endeten als Gemüseweiber , Bajaderen und mitunter auch als Ballettänzerinnen . Eine solche , aus der Überproduktion hervorgegangene Ballettänzerin kaufte sich unser Schnapphahnski . Armes Kind ! Wenn du getanzt hattest , so mußtest du lieben - weder aus Liebe tanzen noch aus Liebe lieben , sondern tanzen und lieben des lieben Brotes wegen - den Brottanz der Liebe ! Doch unser Ritter hatte ein ritterliches Herz . Eines Tages , als er die Reize seiner Schönen genugsam bewundert , als er ihren Fuß geküßt , ihre Taille umfangen und ihre schwarzen Flechten um die weiße patrizische Hand gewickelt hatte , da schwur er bei allem , was ihm heilig war , bei den Lakaien in O. , bei dem Duell in Troppau und bei dem Hohnlächeln Carlottens , daß er ihr , seiner Tänzerin , einen Schmuck kaufen wolle , reich wie ihre Haarwellen , funkelnd wie ihre Augen