Hand müsse gegeben sein . Mit Fleiß und Kunst bestellte Uli Saat und Acker , und Vreneli machte nicht bloß fast alleine seine schwere Haushaltung , sondern half doch noch draußen , daß männiglich sich wunderte , sorgte für den Garten , daß Kraut darin wuchs und Salat nebst allerlei Kräutlein , welche einer vernünftigen Suppe wohl anstehen und sonst in gesunden und kranken Tagen gut zu gebrauchen sind . Vrenelis rührigem Treiben sah die Base mit der größten Freude zu . Alle Tage war sie im Garten oder guckte wenigstens über den Zaun , besah die andern Pflanzungen , und häufig kam sie , setzte sich zu Vreneli , half ihm das Essen rüsten oder sagte : » Gehe nur , wenn du was zu machen hast , ich will dir zum Feuer sehen und sorgen , daß das Essen nicht anbrennt . « Wollte Vreneli sich wehren oder danken , so meinte sie : » Ich habe Ursache zu danken , daß du es annimmst . Was meinst , müßte die Langeweile mich nicht töten , wenn ich auf einmal von allem käme und nichts mehr anrühren dürfte ? « Kam sie dann heim , hatte sie zumeist ein lachend Gesicht ( denn daß es drüben so gut ging , freute sie sehr , und was sie im Herzen hatte , zu verbergen , war ihr nicht gegeben ) und sagte wohl zu Joggeli : » Gottlob , es geht da drüben gut , besser noch , als ich gedacht . Wenn die es nicht zu was bringen , so gelingt es niemanden mehr . Vreneli läuft , als wenn es Räder unter den Füßen hätte , und Uli schafft , als sei er aus lauter Uhrenfedern zusammengesetzt . Es ist mir ein recht schwerer Stein ab dem Herzen , hätte mir ja mein Lebtag ein Gewissen machen müssen , wenn es nicht gut gegangen wäre . « Joggeli , welcher wohl auch herumgetrippelt war an seinem Stocke und hinter Zäunen und Bäumen hervor dem Treiben zugesehen hatte , zog auf solche Reden sein grämliches Gesicht und meinte : » Glaub es , wie sollte es anders sein , wenn ihnen alles hilft , die Fische in das Netz zu jagen , sogar das Kraut in den Hafen . Hätte man für mich halb gearbeitet und gesorget wie für sie , ich wäre noch einmal so reich . Aber mir hat niemand helfen wollen , ja wenn man mich hätte auf die Gasse bringen können , man hatte es getan und dazu noch den Hals voll gelacht und dazu noch die , denen es dabei am übelsten gegangen wäre , und zuletzt hätte ich denn doch an allem schuld sein sollen . Ja , die Welt ist bös . Trau , schau , wem , heißt es nicht umsonst . « » Ja , da hast einmal recht , « antwortete die Base , » die Welt ist wüst und Trauen bös , aber von den Allerwüstesten bist du , und wegen Trauen solltest schweigen . Wenn das Gewissen nicht wäre und deine Frau , weiß Gott , was du für ein Unflat geworden wärest . So alt bist schon und wirst doch noch alle Tage wüster , denkst nicht an deine arme Seele und was Gott mit ihr anfangen soll . « So verschiedene Gedanken wachsen bei gleicher Witterung in den Herzen der Menschen , es ist aber eben der Grund der Herzen verschieden . Giftkräuter wachsen auf dem einen . Heilkräuter treibt der andere . Du mein Gott , wie sollte es dem Menschen , welcher den Gärtner vorstellen sollte , in seines Herzens Garten so himmelangst werden , wenn er in seinen Garten kömmt und es weht ihm entgegen ein giftiger Hauch und gleich Schlangenaugen glitzern ihm lauter Giftkräuter entgegen ! Ach Gott , nein , denen wird gar nicht himmelangst , die bleiben kaltblütig , ja sie haben noch Freude und Spaß an den giftigen Kräutern , lassen sie nicht bloß nach Belieben wuchern , sondern pflegen sie noch sorgsamst , als obs die kostbarsten Pflanzen wären , und je üppiger sie aufschießen , mit desto größerem Behagen weisen sie als große Raritäten dieselben vor allen , welche sie zum Betrachten herbeibringen können . Fröhlich wie im Fluge rannen die Tage dem jungen Ehepaare dahin , wie es zu gehen pflegt , wenn voll Arbeit die Hände sind , voll Sinnen der Kopf , die Arbeit wie ein Uhrwerk läuft und das Erdachte zur Tat wird ohne Säumnis und Hindernis . Es war , als ob der liebe Gott erst nachsehe , was Uli meine und Vreneli sinne , ehe er das Wetter mache , regnen lasse oder die Sonne scheinen . Dachte Uli , jetzt wäre ein warmer Regen gut , so kam ein warmer Regen , man wußte gar nicht woher , und wenn er dachte : Jetzt ists genug , die Sonne wäre wieder gut , so ging der Regen , man wußte nicht wohin , und die Sonne war da . Wer auf Sonne und Regen nur des Spazierens wegen achtet und nicht weiß , welche Bedeutung beide für den Landmann haben , der weiß gar nicht , welch Unterschied , wir wollen nicht sagen im Gedeihen der Pflanzen , sondern im Betrieb der Arbeit ist bei günstigem oder ungünstigem Wetter . Es gibt Jahre , in welchen man bei gedoppelter Anstrengung und Kosten nirgends hinkömmt , immer im Rückstand ist , alles pfuschen muß , wenn man das Dringlichste machen will , ehe der Winter wieder da ist , und wiederum Jahre , wo alles geht wie auf einer Eisenbahn , nirgends ein Rückstand ist , Hasten und Jagen nie nötig sind , man Zeit zu allem hat und keinen Kummer vor dem Kommen des Winters , wo alles wohl gerät und wo es ist , als sei Meister der Mensch , seine Hand ein Zauberstab , sein Mund allmachtsvoll ; er streckt die Hand aus , so springt der Schoß der Erde auf , er gebietet , und es stehet da . Es sind gefährliche Jahre , diese Jahre , sie füllen wohl Spycher und Scheuren , aber sie leeren das Herz von Demut und Gottvertrauen , darum müssen dann wiederum böse Jahre kommen , wo der Mensch mit allem Fleiß und aller Kunst nichts machen kann . Sie leeren wohl Spycher und Scheuren , aber dafür füllen die Herzen sich wieder mit Demut und die Augen gewöhnen sich wieder , nach oben zu sehen und das Gedeihen von Gott zu erwarten . Uli wuchs sein Glück fast über das Haupt , daß er vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sah , das heißt vor lauter Hoffnungen und Erwartungen sein Glück nicht mehr berechnen konnte , weil es seine Rechenkunst zu übersteigen anfing ; wie aber Manchem über dem Essen der Appetit kommt und das Begehren nach immer Mehrerem , so ging es auch Uli . Uli hatte Ställe voll Pferde und Kühe übernommen um eine sehr billige Schatzung . Bei allfälligem Abgeben der Pacht mußte er wieder für die gleiche Summe Ware einliefern oder den Abgang ersetzen oder hatte den Mehrbetrag zu fordern . Er konnte also mit der übernommenen Ware ganz schalten und walten nach seinem Belieben ; was bei seinem Abgang in den Ställen stund , wurde wieder geschätzt , und je nachdem es sich fand , fanden Vergütungen von der einen oder andern Seite statt . Joggeli hatte auf dem Handeln nicht viel gehalten und selten zu rechter Zeit abstoßen können . Uli kalkulierte anders ; er hatte namentlich zwei Pferde und drei Kühe übernommen , welche auf dem höchsten Punkte ihrer Reife stunden ; behielt man sie länger , fielen sie stetig im Preise , verkaufte er sie , kaufte dagegen junge Tiere , so stiegen diese im Preise , bezahlten neben der Nutzung noch ihre Fütterung . Uli entschloß sich alsbald zu diesem Handel , Vreneli wehrte : » Recht hast , « sagte es , » aber merkt es Joggeli , so gibt es böses Blut , das muß man verhüten so lange als möglich ; übrigens sind die Tiere so geschätzt , daß sie nach einem Jahre noch die Schatzung gelten , du also jedenfalls dazumal noch nichts daran verlierst . « Geld hätten sie eben auch noch nicht so nötig , und im Fall es gegen Herbst rarer werden sollte , so konnte man immer noch verkaufen , nur nicht jetzt gleich , wo Joggeli es als eine absichtliche Prellerei ansehen könnte , wenn Uli vielleicht hundert Taler in Sack mache oder doch fünfzig . Uli hatte recht , aber Vreneli noch rechter , und wie es geht in der Welt , das Beste geschieht am seltensten . Uli gewann ein Erkleckliches und meinte , Joggeli vernehme es nicht . Aber die Leute , welche früher Joggeli alles zugetragen hatten , lebten noch , und wären sie gestorben gewesen , so wären aus ihrem Grabe herauf alsbald neue aufgewachsen , von wegen diese Sorte stirbt nie aus . Joggeli wußte richtig alsbald bei Heller und Pfennig , was Uli gelöst , das gab böses Blut . Die Base und Vreneli mußten viel leiden deretwegen . Uli hätte das nicht tun und den Frieden auch für etwas rechnen sollen , da Gott es so gut mit ihm meinte und er es so wenig nötig hatte . Das Frühjahr ist für den Landmann , welcher nicht Vorräte hat , sonst eine Zeit , welche Geld frißt oder zu Schulden nötigt ; das war bei Uli nicht der Fall , seinen Handel nicht gerechnet . Vreneli löste aus Butter und Milch viel Geld , so daß nicht bloß die Hauskosten bestritten wurden , sondern hie und da noch ein großes Silberstück beiseitewanderte , um bei der Hand zu sein , wenn der Pachtzins gezahlt werden mußte . Ferner wurde er mit einigen Prachtkälbern beschenkt . Diese mästete er , bis sie nahe an zwei Zentner wogen , half zuweilen sogar mit Eiern nach , welche er entbehrlich glaubte . Solche Kälber sind rar , gehen in die Bäder , nach Basel usw. und werden schwer bezahlt , so daß Uli wirklich Glück in allen Ecken hatte , das Geld nicht von ihm wollte , sondern immer vermehrt zurückrann , einer guten Taube gleich , welche nie ausfliegt , ohne mit einem neuen verlockten Tauber zurückzukehren . Drittes Kapitel Das Erntefest oder die Sichelten Dennoch setzte sich Uli ein Wurm ans Herz , von wegen was er einnahm , das gehörte ihm , versteht sich , was er ausgeben mußte , das verstand sich nicht von selbst ; er kehrte es sieben mal um , bis er sicher war , daß er es schuldig sei . Es ist eine eigene Geschichte , wenn ein großes Bauernhaus sich umwandelt in ein bloßes Pächterhaus . Ein großes Bauernhaus , welches seit hundert und mehr Jahren im Besitz der gleichen Familie war und absonderlich , wenn gute Bäurinnen darinnen wohnten , ist in einer Gegend fast was das Herz im Leibe ; drein und draus strömt das Blut , trägt Leben und Wärme in alle Glieder , ist , was auf hoher Weide eine vielhundertjährige Schirmtanne den Kühen , unter welche sie sich flüchten , wenn es draußen nicht gut ist , wenn die Sonne zu heiß scheinet , wenn es hageln will oder sonst was im Anzuge ist , was die Kühe nicht lieben ; ist der große , unerschöpfliche Krug , welcher nicht bloß einer Witwe und ihrem Söhnelein das nötige Öl spendet , sondern Hunderten und abermal Hunderten Trost und Rat , Speise und Trank , Herberge und manch warmes Kleid jahraus jahrein . Ein solches Haus ist das Bild der größten Freigebigkeit und der sorglichsten Sparsamkeit . Da liest man die Strohhalme zusammen und zählt die Almosen nicht , da findet man die Hände , welche nie lässig sind im Schaffen und im Geben , denen zur Arbeit nie die Kraft ausgeht und nie die Gabe für den Bedrängten . So ein Haus ist ein wunderbar Haus , aber darum ist es auch eine Art heiliger Wallfahrtsort , wohin wandert , wer bedrängten Herzens ist , Not leidet am Leibe oder an der Seele . Zieht aber nun aus einem solchen Hause die Seele , das heißt die Bäurin oder der Bauer , so bleibt das Haus , und wie Kinder immer wieder zum toten Körper ihrer Eltern zurückkehren , forschen , ob die Seele nicht zurückgekehrt , so kommen die Leute immer und immer noch zum Hause , klopfen an die alte Türe , horchen , ob die alte treue Hand , die nie leer ward , nicht wieder da sei , Gaben spendend , begleitet von einem freundlichen Worte . Sind Bauer und Bäurin auch nur neben dem Hause in den Stock oder das Stöcklein gezogen , so gehen doch nur die Bekanntern oder die Bettler von Profession dahin , denn das Stöcklein ist kein Haus , es ist kein Stall daran und acht Milchkühe drinnen , sind nicht Keller , nicht Kammern , gespickt mit allen möglichen Vorräten . Zum Stöcklein gehört der Hof nicht , gehören die unzähligen Obstbäume nicht , gehören alle die reichen Quellen nicht , welche einer guten Bäurin Hand unerschöpflich machen . Es sind wohl Zuflüsse da , aber in bestimmten Grenzen und nach kleinerem Maßstabe . Zieht nun ein Pächter in das Haus ein , in die Schatzkammer des Hofes , den Wallfahrtsort der Armen und Bedrängten , so er , lischt des Hauses Heiligenschein nicht alsobald ; die Menge wallfahrtet noch immer zu demselben nach alter Gewohnheit , achtet nicht der geänderten Verhältnisse , macht ans Haus die nämlichen Forderungen . Die Menge nimmt an , die Guttätigkeit des Hauses sei Pflichtigkeit , welche jeder Bewohner , sei er wer er wolle , zu übernehmen habe . Geschieht dieses nicht vollständig , so spricht eine bedeutende Anzahl : » Ach Gott , da hat es auch böset ! Gottlob , daß ich so alt bin ! Müßte sonst noch erleben , daß die guten Leute alle aussterben . « Eine andere Anzahl aber wird erbittert im Gemüte als wie über versagte Rechte und sagt : Das werde gehen und gehen , bis es endlich zu dem komme , wovon man immer rede , wie man auch von der Fasnacht rede , bis sie komme , daß man selbst zugreifen müsse , wenn man etwas erhalten wolle . Ähnliches geschah in der Glungge . Vreneli war schon unter der Base Almosnerin gewesen , hatte dabei wohl auch unverschämten Bettlern einen Zuspruch gegeben , der ihnen ins Leben ging . Vreneli war jetzt seine eigene Almosnerin , machte wohl die Stücke Brot etwas kleiner als früher , und Kleider oder Leinenzeug konnte es nicht austeilen ; in einer neuen , jungen Haushaltung findet es sich nicht . Das ging bös an . Eine Bettlerin sagte Vreneli ins Gesicht : » Du warst von je ein Wüstes und gönntest keinem Armen was und wirst eher zehnmal schlimmer als einmal besser , von wegen es wird noch immer sein , wie es im Sprichwort heißt : Es ist keine Schere , die schärfer schiert , als wenn ein Bettler zum Herren wird . « Die Meisten jedoch sagten Vreneli ihre Gedanken nicht an den Kopf heraus , aber sie verlästerten es desto jämmerlicher hinterwärts . Da sie nichts Böses wußten , ersannen sie um so Greulicheres ; namentlich machten sie geltend , wie sie den Hof fast um nichts hätten , den Kindern das Brot von dem Munde wegstöhlen ; da sei es kein Wunder , wenn sie auch gegen die Armen wären wie Türken und Heiden . Schlecht sei schlecht und schlechte Leute habe es immer gegeben , aber Leute wie die , ohne Religion , seien doch noch nie erlebt oder erhört worden . Das alles tat Vreneli sehr weh , denn begreiflich wurden ihm alle diese Reden wieder hinterbracht und wahrscheinlich von denen selbst , welche sie gehalten , nur daß sie dieselben dann Andern in den Mund legten . Doch sagte es davon Uli nichts , es verarbeitete das in seinem eigenen tüchtigen Sinn . Es dachte , Klagen trage nicht viel ab , warum ein zweites Herz betrüben , wenn man imstande sei , es alleine zu verwinden ; Hülfe leisten könne ihm Uli nicht , und alle Armen diese Wehtat entgelten lassen wollte es nicht . Uli war wenig zu Hause und hatte den Kopf so voll von Geschäften und Gedanken , daß er gar keine Augen für diese Dinge hatte . Er war es gewohnt , Leute an den Türen zu sehen oder bei Vreneli in der Küche , achtete sich derselben nicht , frug nicht , was sie wollten , dachte gar nicht daran , daß es jetzt über ihn ausging und um seine Sache , ließ Vreneli also ganz gewähren nach seinem Belieben . Der Heuet war vorbeigeflogen wie gewünscht , die Kirschen mit den Sperlingen im Frieden geteilt worden und die Ernte vor der Türe , ehe man sich dessen versah . Die Ernte ist dem Landmann eine wichtige Zeit , eine heilige Zeit , von ihrem Ertrage hängt sein Bestehen ab oder wenigstens sein Wohlergehen . Er erkennt dieses auch an , und als Zeichen dieser Erkenntnis richtet er am Schlusse derselben eine Art von Opfermahlzeit aus , er speiset Arme , speiset und tränket Knechte , Mägde , Tagelöhner , deren Weiber und Kinder und den Fremdling , der da wohnet innerhalb seiner Tore . Solche Mahlzeiten bilden die Glanzpunkte in dem Leben so Vieler ; würden sie aufhören , wäre es über dem Leben gar Vieler , als wenn alle Sterne erlöschen würden am Himmel . Es ist traurig , wenn über einem Leben keine andern Sterne stehen als Mahlzeiten , aber es ist dumm , wenn man ihnen Wert , Bedeutsamkeit absprechen will . Die Ernte war prächtig , das Wetter schön , der Acker reich . Uli war glücklich , Joggeli knurrte . Er schrieb des Ackers Fülle Uli zu , der im Herbste dichter gesäet , besser hätte arbeiten lassen und im Frühjahr stark gewalzt . Einen solchen Acker voll Korn habe er sein Lebtag nie gehabt . Dicht wie die Haare einer Bürste stünden die Halme , und doch sei nicht einer gefallen . Der arme Joggeli bedachte nicht , daß säen und wässern der Mensch kann , aber nicht das Gedeihen geben . Ob dicht oder dünn das Korn auf dem Acker steht , ob aufrecht oder ob es auf dem Boden liegt , das ist Gottes Sache . Wer es zu treffen wüßte allezeit , wüßte , ob viel oder wenig säen gut sei , ein kalter Winter käme oder ein milder , der wäre eben ein Hexenmeister , aber solchen gibt es nicht ; es ist ein Einziger , der dieses weiß , und der ist eben der , der kalte oder milde Winter macht , und der ist Gott . Bei allem Segen hatte Vreneli das Herz voll Angst . Niemand besser als es wußte , was jene Opfermahlzeit , Sichelten genannt , verzehrt hatte unter Joggelis Regiment . Im ersten Teile vom Uli steht auch was darüber zu lesen . Daß sie dieselbe nicht nach dem gleichen Maße auszurichten vermöchten , das wußte Vreneli wohl , aber wieviel Uli abbrechen wolle und wieweit es das Verlästert werden zu fürchten hätte , das wußte es nicht . Vreneli war tapfer , das wissen wir , aber es fürchtete sich doch vor böser Weiber bösen Zungen ; es wußte , daß weiter , als die Blitze fahren , weiter , als die Winde wehen , böser Weiber böse Töne tönen . Einige Wochen vorher hatte Vreneli Uli Milchgeld eingehändigt mit dem Bemerken , es werde eine Zeitlang nicht mehr viel geben ; was es immer erübrigen könne an Milch , müsse zu Butter gemacht werden für die Sichelten . Darauf hatte Uli gesagt : » Allweg wird es was brauchen , aber den Narren wirst nicht machen wollen , ich bin nicht Joggeli und du einstweilen keine Bäuerin . « » Weiß wohl « , sagte Vreneli . » Zu tun wie sie , kömmt mir nicht in Sinn , aber wenn man es nur gering macht , so wird es dir grauen . Du weißt gar nicht , was es braucht an solchen Tagen . « » He « , sagte Uli , » so macht man es noch geringer , bis es einem nicht mehr darüber graut . Gesetz darüber , wieviel einer ausrichten müsse , wird keines sein . « Dieses Gespräch hatte Vreneli nicht vergessen , darum war ihm so bange . Es sah voraus , daß Verdruß kommen müsse . Uli wollte es nicht gerne böse machen , abbrechen ganz und gar brachte es nicht übers Herz , auszuhausen im ersten Jahre begehrte es auch nicht , da wars fast noch böser als anderwärts , die rechte Mitte zu treffen . Es suchte mit Sparen abzuhelfen , brach sich die Milch am Munde ab , und doch ward ihm fast schwarz vor den Augen , wenn es seine Vorräte musterte und dann dachte , wie manchen Kübel voll geschmolzener Butter ehedem an diesem Tage die Base verbacken hatte . Eines Tages nun , als Vreneli im Schweiße seines Angesichts haushaltete und eben dachte , kommod wäre es ihm , wenn es vier Hände hätte , mit zweien könne es kaum alles beschicken zu rechter Zeit , kam die Base , setzte sich aufs Bänklein und frug : » Kann dir was helfen , so sags . Die Leut werden hungerig , wollen lieber früher essen als später , und eine alleine kommt fast nicht zurecht , habs oft erfahren . « » Wahrhaftig . Base . « sagte Vreneli . » Ihr kommt mir akkurat wie ein Engel vom Himmel ; wenn ich Euch nicht hätte , ich wüßte wahrhaftig nicht , wie ich es machen sollte . Will die Erdäpfel vom Brunnen holen , Ihr seid dann so gut und beschneidet mir diese . « Flugs war Vreneli wieder da , stellte das Körbchen der Base dar samt einem Kessel mit Wasser , in welchen die zerschnittenen und gerüsteten Kartoffeln zu werfen waren , und half ab- und zugehend der Base . » Habt ihr es abgeredet mit der Sichelten , wie ihr es machen wollt ? « frug diese . » Nein , « sagte Vreneli , » aber sie macht mir großen Kummer . Es ist Gottlob ein gesegnetes Jahr , und wir können Gott nicht genug danken , daß wir einen solchen Anfang haben , aber Uli ist doch ängstlich wegem Zins , und ich kann es ihm nicht verargen . Es ging ihm gar schwer , bis er hatte , was er hat , und daß er nicht gerne plötzlich darum kömmt , ist begreiflich . Ich fürchte daher , er werde nicht Geld brauchen wollen , sagen , es trage nichts ab , und schuldig sei man niemand was ; man solle zufrieden sein , wenn man am Ende des Jahres alles ausgerichtet habe , was man schuldig sei . Aber es käme mir schrecklich vor , wenn wir im Trockenen sitzen , an Käs und Brot kauen müßten und dies noch an einem solchen Orte . « » Selb nicht , daran wird er nicht denken « , sagte die Base . » Ich dachte auch daran , die Sache mache euch Ungelegenheit . Daß ihr es nicht haben könnt wie wir , versteht sich ; es machte mir manchmal fast übel , wenn ich zwei Tage lang küchelte und unter den Händen gingen mir die Küchli an den Türen weg , daß mir für uns keine bleiben wollten . Aber ungerne hätte ich es doch , wenn auf einmal alles aufhörte , alle Leute umsonst kämen und z ' leerem fortgewiesen würden . Du weißt , wie Meiner ist , sonst könnte ich im Stöcklein küchlen und den Armen ausrichten , was üblich und bräuchlich . Darum will ich dir was an die Kosten steuern , viel nicht ; seit uns der Tochtermann , Gott behüte uns davor , ausgeplündert hat , ist das Geld auch rarer geworden bei mir . Rede dann mit Uli , wie ihr es ausrichten wollt , anständig , nicht übertrieben . Lieb wäre es mir , ihr lüdet Meinen auch ein , viel , leicht kommt er , vielleicht nicht , aber er sieht doch den guten Willen . « » Allweg , « sagte Vreneli , » und Ihr fehlt auch nicht , es wäre sonst wie ein Tag ohne Sonne oder eine Nacht ohne Sterne , es freute mich nicht , dabeizusein . « » Bist immer ein Narrli , « sagte die Base . » Und Uli tut sonst gut ? « frug sie ; » wenigstens arbeitsam ist er , daß ich nie einen so gesehen . « » Ja , Base . « sagte Vreneli . » und wenn ich klagen wollte , so wäre es , daß er es zu ängstlich nimmt und daß ich Kummer haben muß , er mache es nicht lang , sondern arbeite sich zu Tode . « » Bist ein Tröpfli , « sagte die Base lachend , » das Mannevolk stirbt nicht so bald , und besser , er tue zu nötlich , als er sei zu gelassen . Sieht er , daß er auskommen mag , so bessert es ihm von selbst , aber ist einer zu gelassen , da ists nicht zu machen . Brennt das Haus , so ist ein Solcher imstande , er stopft erst die Pfeife und zündet sie an , ehe er Anstalt macht , das Haus zu verlassen . « Vreneli lachte , sagte jedoch mit einem kleinen Seufzer : » Zu wenig und zu viel verderben alle Spiel , « nahm die Erdäpfel und setzte sie übers Feuer . Noch selben Abend eröffnete Vreneli die Verhandlungen mit Uli . Uli sagte , es sei ihm schon lange zuwider gewesen , nur daran zu denken . Schon als ihn die Sache nichts angegangen , sondern alles über den Meister ausgegangen sei , habe er sich darüber geärgert , wie so viel durchaus unnütz und überflüssig draufgehe . Wenn er einmal was dazu zu sagen haben sollte , so müßte es ihm anders gehen , habe er immer gedacht . Viel wohler sei man bei Wenigem , und daß jeder arme Mensch an diesem Tage Küchli essen müsse , bis sie ihm zum Mund heraushingen , selb stehe nirgends geschrieben . Wenn sie Küchli haben wollten , so möchten sie sehen , wo sie welche bekämen , sollten zu Joggeli gehen , der könne den alten Gebrauch fortsetzen . » Rede mir nicht so , Uli , « sagte Vreneli , » das ist ungut . Sieh , der liebe Gott speiste von deinem Acker auch seine Vögel . Wie lustig waren sie nicht dabei , es war ihre gute Zeit im Jahre und du mußtest es geschehen lassen . Und nun , wie viel besser sind doch Menschen als Spatzen , und die sollten nicht einmal einen guten Tag haben , und wenn Gott sie dir vor die Türe schickt , um deinen guten Willen zu sehen , zu erfahren , ob du weißt , wer dir den guten Anfang gibt , denen willst du dann nichts geben ? Selb , Uli , wirst du nicht machen ! « » Bin ich denn Pächter geworden , um Bettlern zu küchlen ? Was brauchen die solche Speise , Brot , wenn was sein muß , tuts . Oder meinst etwa , man solle auch den Vögeln küchlen und Schüsseln voll in den Acker stellen ? « » Lieber Uli , rede dich doch nicht in Zorn hinein , denn das ist dein Ernst nicht . Christenbrauch ists ja , daß man die Armen wie Brüder hält und nicht wie Hunde abspeiset , und gibt man ja selbst den Hunden Brosamen vom Teller , jagt sie nicht mit ungesättigten Gelüsten vom Tische weg . Sollte man dann einem armen Fraueli oder einem armen Kinde , welches das ganze Jahr durch nichts Gutes hat , kaum Salz zu den Kartoffeln hat , nicht eine gebackene Brotschnitte geben oder sonst ein Küchli ? Soll es umsonst den ganzen Tag , wohin es kommen mag , den Duft der in der Pfanne brodelnden Butter in der Nase haben ? Denke doch an die Geschichte vom reichen Manne und vom armen Lazarus . « » Soll ich jetzt etwa noch gar der reiche Mann sein ? « frug Uli nicht sanft . » Aber Uli , « sagte Vreneli , » versündige dich doch nicht , ich kenne dich ja gar nicht wieder . Bist du nicht der reiche Mann , so bist du doch ein gesegneter Mann . Welch gut Jahr haben wir nicht , und das hat Gott gemacht . Leicht hätte er die Hälfte weniger geben können , und damit hätten wir auch müssen zufrieden sein . Willst du nun mutwillig die Armen erbittern , machen , daß ihre Flüche ums Haus fliegen wie die Schwalben , willst nicht lieber , sie wünschen uns alle Gottes Glück und Segen ? Was haben wir ja nötiger als dies ? Dem ohne dies wären wir nichts , ohne dies werden wir nichts . « » Das wäre alles gut , und bös meine ich es ja nicht , das weißt du « sagte Uli . » Aber fangen wir einmal an mit Großtun und Austeilen , so müssen wir so fortfahren ; ist denn jedes Jahr ein gesegnetes , daß es es ertragen mag ? Sollte man nicht gleich anfangs so anfangen , wie man zu jeder und aller Zeit fortfahren kann ? « » Ja sieh , « sagte Vreneli ,