Darauf schüttelte er mit einem Anflug von Hohn den Kopf und erwiederte : Ich könnte Ihnen den Vorwurf zurückgeben . Aber ich will Sie nur fragen : wie , wenn ich das , was Sie mir erzählen , nun gerade vorausgesehen und gewollt hätte ? - - - Sie mögen Recht haben , Pater . - Indessen kann ich Ihnen die Furcht nicht verhehlen , daß der Einfluß , den Sie auf die Schwärmerin gewinnen , den meinigen mit der Zeit paralysiren möchte ; und das - werden Sie begreifen - kann wenigstens nicht mein Zweck sein . - Jetzt war die Reihe an Alice , einen forschenden Blick auf die kalten Züge des Paters zu werfen . - Jener lächelte - Sie thun sich selber Unrecht , Alice , wenn sie ihren Einfluß so gering anschlagen . - Indessen - fuhr er rasch fort , um das Ausweichende in seiner Antwort zu verstecken - da zu hoffen steht , daß wir stets gemeinsam handeln werden , so sind Ihre wie meine Befürchtungen in dieser Rücksicht wohl nutzlos . Alice hielt es für klug , nicht weiter zu gehen und brach daher ab . Denn so viel ihr daran gelegen sein mußte , einen Blick in die Pläne des Paters zu thun , so war sie einerseits doch ihrer Herrschaft über Lydia gewiß , oder - wenn sie es nicht war - so durfte sie ihre Besorgniß deswegen nicht allzusehr durchblicken lassen . In diesem Augenblicke warf die große Glocke des Stephansthurms ihre volle Töne über die Stadt hin . - Es ist Zeit - sagte Alice , einen flüchtigen Blick auf das Zifferblatt einer prächtigen Alabasteruhr werfend , welche auf der vergoldeten Console über dem Sopha stand . Die Zeiger wiesen auf 20 Minuten nach 2 Uhr . Der Pater , dem keine Bewegung Alicens entging , folgte ihrem Blicke und bemerkte , daß sie aufgezogen werden müsse . - Lassen Sie - sagte Alice - die Kette ist gesprungen . Doch jetzt kommen Sie - fuhr sie fort , indem sie den rothseidenen Vorhang vor dem Alkoven zurückschlug . Er war leer und in seinem Fond eine offene Tapetenthür . Pater Angelikus trat hinein und blickte , als er die Tapetenthür öffnete , eine schmale und sehr steile Treppe hinab . Er zauderte einen Moment und blickte fragend rückwärts . - Sie gelangen , für den Fall , daß man uns überraschte , hier auf dem kürzesten Wege in die Seitenstraße . Haben Sie Mißtrauen gegen mich , so will ich mit dem Lichte Ihnen vorangehen . - Es bedarf dessen nicht - erwiederte Angelikus kurz , indem er seine Hand an die Brusttasche steckte und mit der andern die Tapetenthür von Innen verriegelte . In diesem Augenblicke hörte man das Klirren eines Säbels auf dem Korridor . Alice zog rasch die Vorhänge des Alkovens zu und rief auf ein hastiges Klopfen an die Thür ein unbefangenes und lautes : Herein ! Fürst Felix Lizinsky war wie männiglich bekannt , ein schöner , liebenswürdiger und kluger Mann . Mehr als alle diese Eigenschaften charakterisirte ihn - wie ein ebenfalls liebenswürdiger und kluger Mann sich ausdrücken würde , der überdies mit ihm in manchen andern Dingen viel Aehnlichkeit besitzt - eine » selbst in ihrer Uebertreibung noch anmuthige Ritterlichkeit « oder vielmehr chevalereske Schwärmerei , die , um ihn zum modernen Donquichote zu machen , nur Zweierlei entbehrte , Tiefe und Wahrheit . Lizinsky wird nie eine historische Person werden , nicht weil er für die Geschichte zu früh gestorben , sondern weil er dafür zu leben nie angefangen . Zu leben aber hat er nie angefangen , weil Er nur für sich und seine Eitelkeit gelebt . - Sein Gott war der Schein , der anmuthige Schein , der nach Triumph lüsterne und des Sieges sichere Schein . Den Schein betete er an , weil er sich selbst anbetete , denn er war vor Allem eitel . Die Eitelkeit , die mit sich selbst liebäugelnde Anmuth ist der erste Grundzug seines Charakters . - Diese Eitelkeit des Scheins , der sich selbst und nur sich selbst genießen will , machen ihn frivol . Frivolität ist der zweite Grundzug seines Charakters . Als er hereintrat , fiel ein erster Blick auf die in ruhiger Haltung auf dem Sopha sitzende und scheinbar in die Lektüre einiger Briefe vertiefte Alice , und dieser Blick schien zu sagen : Sieh ' , bin ich nicht schön ? - In der That , er war schön , schön wie ein Adonis würden wir sagen , wäre dieser Vergleich nicht abgenützt , und hielten wir es nicht für lächerlich , einen Adonis in Uniform uns zu denken . Des Fürsten schlank und wohlgebauter Körper war bekleidet mit der einfachen , doch reichen Uniform eines spanischen Generals . Sein volles dunkelblondes Haar streichelnd , das mit seinen weichen elastischen Wellen die eine Seite der edeln , aber vielleicht nur einige Linien zu niedrigen Stirn bedeckte , trat er an das Sopha heran , küßte mit Grazie die Hand der schönen Frau und sagte statt jeder andern Begrüßung mit einem Blicke auf die Briefe : - Wir werden also heute Politik treiben , schöne Frau ? - - Was verstehen Sie unter Politik , ritterlicher Fürst ? - gegenfragte Alice , indem sie auf die letzten Worte einen ironischen Nachdruck legte , der noch durch ein Lächeln ihrerseits unterstützt wurde . - Sonderbare Frage ! - Sagen Sie lieber : » Schwierige Frage ! « Die Wahrheit ist , daß Jeder etwas Anderes darunter versteht . - Auch Sie und ich ? - der Fürst studirte mit seinen schwarzen großen Augen die Züge Alicens , indem er diese , scheinbar leichthin geworfenen Worte sprach . - Doch wohl . Beweis dafür ist , daß wir einander unterstützen . Sie werden bei sich denken : um einander zu benutzen . Das gebe ich zu . Allein beweist das nicht für mich ? - Sie meinen ? sagte der Fürst , indem er seinen schönen Schnurrbart strich - Hätten wir dieselbe Politik , oder mit andern Worten , verfolgten wir dieselben Zwecke , so würden wir einander weder unterstützen noch vertrauen , selbst nicht um einander zu benutzen . Indessen - - Fahren Sie fort , Fürst : Indessen - - Indessen liegt der Unterschied zuweilen nicht sowohl in der Richtung , als in der Länge des Wegs . - Wieder ließ er seinen feurigen und durchdringenden Blick über das bleiche Gesicht Alicens schweifen . Diese aber wußte wohl , was der Fürst sagen wollte , ja sie hatte sogar eine ziemlich richtige Vorstellung von seinen an ' s Abentheuerliche streifenden Plänen , sie hütete sich jedoch , ihm zu zeigen , daß sie ebenso schlau als schön sei . Andrerseits hatte sie dem Gespräch gleich zu Anfang diese Wendung gegeben , um dem lauschenden Pater einen Beweis für das Mißtrauen zu geben , welches in ihrem Verhältniß zum Fürsten ebenfalls eine Rolle spielte . So weit war die Stellung , welche sie augenblicklich zu einander eingenommen , wahr . Freilich aber wußte der gute Angelikus nicht , daß die Rolle , welches dies Mißtrauen bei ihnen spielte , nur eine sehr untergeordnete war , und daß der Grundton ihres Verhältnisses , besonders zu gewissen Stunden , eine schrankenlose Offenherzigkeit - wenn nicht von Alicens so doch von des Fürsten Seite bildete . Mochte es nun der Umstand sein , daß des Fürsten Lieblingspferd gerade heute gestorben , oder hatte ihm Alice eine Andeutung darüber zukommen lassen , daß sie heute wichtige politische Angelegenheiten abzumachen hätten - für das Letztere schien wenigstens seine erste Frage zu sprechen ; kurz der Fürst befand sich heute zur großen Genugthuung von Alicen in einer Stimmung , wie sie sie für die gegenwärtige Situation nur wünschen konnte . - Ich bin überzeugt , theure Baronin - fuhr der Fürst fort - wir können eine lange Strecke miteinander gehen , bis - - - - - Bis unsere Wege sich trennen ? - Nein , bis der Eine von uns sein Ziel erreicht hat . Der Andere wandert dann allein weiter . - Eitler Narr - murmelte Alice für sich , indem sie lachte . - Gestehen Sie , Felix - sagte sie laut - daß dies Räthselspiel unendlich albern ist . Sprechen wir vernünftig und deutsch . Ich reise morgen nach Berlin . Haben Sie mir einen Auftrag mitzugeben ? Vielleicht an Carolotta , die Göttliche ? Oder an die kleine Tänzerin ? Wie heißt doch die Himmlische ? - Helfen Sie mir , Fürst ! Mein Gott , was sind Sie heute unbehülflich ! Ich kenne Sie gar nicht wieder . - Sie reisen morgen wirklich nach Berlin ? - fragte der Fürst , welcher sich von seinem Erstaunen theils über die unerwartete Nachricht , theils über die plötzlich veränderte Stimmung Alicens noch nicht erholt hatte , indem er vom Stuhle aufsprang . - Oder ist es ein Scherz , Alice ? - - Ein Scherz ? Im Gegentheil : Die Angelegenheit , welche mich dorthin führt , ist sehr ernster Natur . - Alice sagte dies in so bestimmten Tone und mit solchem Accent der Wahrheit , daß das ironische Lächeln , welches dabei um ihre feingeschnittenen Lippen schwebte , offenbar eine andere Beziehung hatte , als die , dem Sinn der eigenen Worte zu widersprechen . Lizinsky ging , mit hastigen Schritten im Zimmer auf und ab und warf , wenn er vor Alicens Platz vorüberkam einen bald forschenden , bald unentschlossenen Blick auf sie . Sie ließ ihn ruhig gewähren und blätterte indeß in den vor ihr liegenden Briefen . Endlich blieb er vor ihr stehen und sagte : - Alice , haben Sie Vertrauen zu mir ? - Wenig . - Warum ? - Weil Sie nicht offen sind . Nicht , ob ich Vertrauen zu Ihnen hätte , sondern ob Sie mir trauen dürften : das wünschten Sie zu wissen . Also woher der Umweg ? Aus Mißtrauen . Können Sie verlangen , daß ich Ihnen mehr vertraue , als Sie zu erwiedern geneigt sein möchten ? Der Fürst biß sich in die Lippen . - Sie sind ein gefährliches Weib , Alice - sagte er seufzend . - Diese Schmeichelei scheint Ihnen schwer geworden zu sein . Vielleicht weil sie diesmal eine Wahrheit enthält . In der That , ich bin ein gefährliches Weib . Fahren Sie fort . Der Fürst setzte sich wieder - Alice - begann er mit gedämpfter Stimme - ich habe eine Bitte an Sie . Doch ehe ich sie ausspreche , hören Sie . Sie wissen , was vor 14 Tagen in Paris vorgegangen . Es mag wenige geben , die sich schon mit dem Gedanken befreunden können , daß die französische Republik Bestand habe . Ich gehöre zu diesen Wenigen , ja ich bin sogar der festen Ueberzeugung , daß die französische Revolution des Jahres 1848 keine französische , sondern eine europäische ist , und daß wir großen und ernsten Stürmen entgegengehen : ich meine Deutschland , und vor Allem Oesterreich und Preußen . Der Fürst schien eine Antwort zu erwarten . Alice aber winkte ihm fortzufahren . - Ich glaube , daß die Wenigen , von denen ich sprach , und zu denen ich auch Sie rechne - Alice lächelte dankend - auf die kommenden Ereignisse gerüstet sein müssen , ja daß sie die Leitung derselben womöglich in die Hand nehmen müssen . Denn wenn die beiden Mächte , Absolutismus und Volksbewußtsein , einander gegenübertreten , so kann der Kampf nur ein Kampf auf Leben und Tod sein . Wenn , glauben Sie nun wohl , werden wir gewinnen ? Wenn der Absolutismus oder wenn das Volksbewußtsein siegt ? - Vielleicht weder in dem einen noch in dem andern Falle , sagte Alice mit Indifferenz . - Desto schlimmer für uns . Doch aber nur , wenn wir neutral bleiben wie bisher . - - Oder mit beiden Parteien liebäugeln , wie bisher - persiflirte Alice . Diese Anspielung auf die Thätigkeit bei dem Landtage , - - verletzte den Fürsten . Aber Meister in der Schauspielkunst , lächelte er höchst anmuthig zu diesem Stich und sagte in scherzendem Tone : - Eben darum müssen wir Partei nehmen , schöne Freundin . - Und welche Partei würden Sr. Durchlaucht der Fürst Felix Lizinsky ergreifen - anticipirte sie ihn - vielleicht die , welche die meisten Chancen auf Erfolg hat . - Das zu entscheiden ist eben die große Frage . - - Deren Beantwortung Sie sicherlich nicht von mir erwarten werden . - Und warum nicht ? Denn Sie werden mir gegenüber nicht behaupten wollen , daß Sie weder mit den Mitteln noch mit den Führern der Parteien bekannt genug sind , um den wahrscheinlichen Erfolg voraus bestimmen zu können . - Also warum nicht ? - Vielleicht darum , weil Sie Ihre Ansicht schwerlich nach der meinigen ändern werden . - Das käme auf den Versuch an - der Fürst legte ein gewisses Gewicht auf diese Worte . Alice schüttelte den Kopf . Sie hatten mir eine Bitte mitzutheilen ? Lizinsky runzelte die Stirn und schwieg einige Sekunden . - Dann sagte er - ich sehe , Sie sind unbezwinglich . So will ich den Anfang des Vertrauens machen . - Sie wissen , daß sich hier in Wien in aller Stille ein revolutionairer Verein gebildet hat . Eben jetzt komme ich aus einer Versammlung , fast die ganze Aula hat sich definitiv erklärt . Aber darin liegt auch die Gefahr . Es sind schon zu viele Mitwisser . Es könnte sich leicht ein Verräther unter ihnen finden . - Er hat sich bereits gefunden - sagte kalt Alice . Der Fürst erbleichte . - Woher wissen Sie - ? Alice bat ihn fortzufahren . - - Die Zeit drängt . Die Bewegung beginnt bereits in dem Volke sich durch ein dumpfes Vorgefühl kund zu geben . Der Hof selbst ist noch ruhig , aber die Metternichsche Partei ist schon aufmerksam geworden . - Durch wen ? - fragte Alice mit derselben Kälte , indem sie ihn durchdringend anblickte . Sie mißhandeln mich , Alice , durch ihr maßloses Mißtrauen . Was solls mit diesen Blicken ? Reden Sie ! Wollen Sie mich absichtlich beleidigen ? Das müßte , dächte ich , Ihnen schon Ihre Klugheit verbieten . Alice lachte : Sie haben ein empfindliches Gewissen , theurer Fürst . Ich dachte nur daran , daß die Fürstin Metternich eine schöne Frau ist . - - Lassen Sie das jetzt - so stehen also die Sachen hier in Wien . Höchstens gebe ich noch eine Woche : dann bricht der Sturm los . Vielleicht , ja wahrscheinlich - denn jeder Anlaß muß benutzt werden - schon früher . Wir sind nun aber der Ueberzeugung , daß es hiebei sein Bewenden nicht haben dürfe . Wien allein macht nur eine österreichische , keine deutsche Revolution . Berlin ist das Herz Deutschlands . Hier müßte eigentlich der erste Schlag fallen , allein das wird nach allen Anzeichen und Nachrichten nicht geschehen . Aber Berlin muß rasch folgen ; und - fügte der Fürst leiseren Tones hinzu - es wird folgen . Auch in Berlin sind alle Vorbereitungen getroffen ; das Uebrige aber hängt von der Gestaltung der hiesigen Verhältnisse ab . Heute nun sind diese zum bestimmten Abschluß gekommen . Wollen Sie - dies ist meine Bitte - außer dem , was ich Ihnen eben mündlich mitgetheilt und was ich Ihnen in weiterer Ausführung , besonders in Rücksicht auf den nöthigen Vertheidigungsplan der Stadt , aufgezeichnet , noch einige Briefe an Personen mitnehmen , die theils der einen , theils der andern Partei angehören ? - Gern , doch unter einer Bedingung , nämlich der , daß Sie mir offen sagen , für welche Partei Sie sich schließlich zu erklären die Absicht haben . Denn da ich bereits entschlossen bin , so würde ich mir oder vielmehr meiner Partei möglicherweise durch Uebernahme ihrer Aufträge entgegenarbeiten . - Ich kann diese Bedingung zwar nicht eingehen , doch glaube ich , werden Sie zufrieden sein , wenn ich Ihnen mein Ehrenwort gebe , daß Ihre Befürchtungen in jedem Falle grundlos sind . - Also hatte ich vorher doch Recht mit meinen Vermuthungen . Indeß kommen wir zu Ihren Aufträgen . - Hier ist zunächst der Plan , von dem ich vorhin sprach . Verwahren Sie ihn wohl . Sie übergeben ihn dem Ingenieurofficier Latorp . Sie finden seine vollständige Adresse ebenfalls hier aufgezeichnet . Von ihm werden Sie vielleicht in die nähern Verhältnisse der Berliner Bewegung eingeweiht werden , wenn Sie eine Rolle darin übernehmen wollen . Dann sehen Sie hier ein Packet Briefe , die Sie eigenhändig an die Adresse überreichen müssen . - Als Alice die Briefe ansah , konnte sie ein lautes Lachen nicht unterdrücken . Es fanden sich darunter auch ein Brief an die Herzogin von Nagas und einer an den Probst Bergmann . Sie warf einen raschen Blick auf die Vorhänge des Alkovens , und zog dann die beiden , ihr von Pater Angelikus übergebenen Briefe aus dem Busen , und hielt sie dem Fürsten vor . Dieser sprang erschreckt in die Höhe . - Was ist das ? - rief er fast drohend aus . In diesem Augenblicke gerieth die eine Seite des Vorhangs in eine zitternde Bewegung . Alice legte den Finger auf den Mund . Der Fürst trat einen Schritt zurück und sagte , indem er die Hand an den Säbel legte , mit zitternder Stimme und bleichen Lippen : Wir sind nicht allein ? Zugleich sah er sich in dem Zimmer nach allen Richtungen um und ließ seinen Blick zuletzt auf dem Vorhange ruhen . In dem nächsten Augenblick stürzte er aber auch schon darauf zu und riß ihn mit krampfhafter Hand auseinander . - Er hatte sich getäuscht in seinem Verdacht : der Alkoven war leer . Alice hatte diese Scene durch ihre eigene Unvorsichtigkeit hervorgerufen und schwebte eine Secunde in wirklicher Angst um den Fürsten , denn sie wußte , daß der Pater stets bewaffnet war . Jetzt aber hatte sie ihren Gleichmuth so völlig wiedergefunden , daß sie vortrefflich die Erstaunte zu spielen im Stande war . - Nun - sagte sie mit gekränktem Tone - wahrhaftig , Felix , ich weiß nicht , ob ich Ihre Angst lächerlich oder beleidigend finden soll . Sie erzählen mir mit der geheimnißvollsten Miene von der Welt Dinge , die mir längst bekannt sind und gerathen , als ich anfange , Ihr Vertrauen zu erwiedern , außer sich , glauben sich belauscht , verrathen . - Habe ich mich in Ihr Vertrauen einzudrängen gesucht ? Jämmerliche Schwachheit der Männer , die nur mit Zittern etwas wagen , und wenn sie es gewagt haben , von Angst und bösem Gewissen gefoltert werden . - Verzeihen Sie , Alice . - Was Sie mir zeigten , überraschte mich , um so mehr als mir die Handschrift nicht bekannt dünkte . Doch lassen wir das , ich will nicht indiskret sein , empfehle Ihnen jedoch die höchste Vorsicht . Diesen Brief - fuhr er fort , indem er auf die vor ihm liegenden Briefe wies - geben Sie nicht eher ab , als bis Sie den Ausbruch der Revolution in Wien durch die Zeitungen erfahren haben . Der Prinz - Alice warf in diesem Augenblicke , unbemerkt vom Fürsten , abermals einen raschen Blick auf die Vorhänge , und lächelte , als eine neue Bewegung derselben ihre Vermuthung bestätigte - der Prinz ist in Berlin und wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Truppen selbst befehligen wollen . Es ist jedoch nothwendig , daß dies nicht geschieht , weil - möge nun der Ausgang sein , welcher er wolle - er nicht eher in den Conflict gezogen werden darf , bis sein Interesse mit dem des Königs selbst in Conflict geräth . Ich kann Ihnen daher offen sagen , daß dieser Brief bezweckt , den Prinzen zur vollständigsten Neutralität aufzufordern . Er ist datirt vom 16. März , und kann demnach schon - wenn es nöthig ist - am 18. in seine Hände gelegt werden . Nicht wahr , ich bin von Ihnen vollkommen verstanden ? - - Vollkommen . - Und Sie werden meine Bitte erfüllen ? Alice besann sich eine kurze Zeit . Darauf sagte sie mit festem Tone , indem sie dem Fürsten die Hand reichte : Ja . - Gut , das wäre abgemacht . Nun kommt der letzte , aber auch der wichtigste und vielleicht für Sie , als Weib , der schwierigste Punkt . Der Fürst machte hier eine Pause , als sei er unschlüssig , in welche Worte er diesen letzten Auftrag kleiden sollte . Endlich sagte er zögernd : Sind Sie im Voigtlande3 bekannt ? - Alice erbleichte und konnte sich einer Bewegung nicht erwehren , die dem Fürsten ein abermaliges Schweigen auferlegte . Alice erhob sich und sagte rasch , indem sie mit der einen Hand nach der Uhr zeigte , während sie mit der andern dem Fürsten einen Schlüssel überreichte . Verzeihen Sie meine Schwäche , Felix . Ich fühle mich unwohl . Auch bin ich der Ruhe bedürftig , da ich früh Morgens mich schon auf die Reise begeben muß . Leben Sie denn wohl , ich werde Ihre übrigen Aufträge getreulichst erfüllen . - Der Fürst war bestürzt und schien nicht übel Lust zu einer abermaligen Untersuchung des Alkovens zu haben . Aber der Blick Alicens dominirte ihn . Er steckte den Schlüssel zu sich , prägte sich die auf der Uhr angezeigte Stunde ein und verließ mit hastigen Schritten das Gemach . IV Lydia war , als sie Alicens Zimmer verlassen , nach dem ihrigen gegangen , um - wie Alice richtig vermuthet hatte - zu beten . Das arme Kind war unmittelbar nach der fürchterlichen Katastrophe , die der Leser aus der mit ihrem Namen betitelten Erzählung kennt , in eine tiefe Apathie gefallen , welche sie gegen Alles , was sie umgab , selbst gegen Alicens aufopfernde Freundlichkeit , fast gänzlich unzugänglich machte . Aber Alice wußte diese Stimmung eines gebrochenen Herzens zu würdigen . Aufopferungsfähig und liebenswürdig , wie sie überall da war , wo ihre Empfindung wirklich angeregt wurde , widmete sie während der ersten Monate ihrer gemeinsamen Reise der unglücklichen Freundin und Leidensschwester ihre ganze Theilnahme , bis sie in Paris die Bekanntschaft Lichninsky ' s machte , und dadurch in kurzer Zeit in das Gewirre des politischen Lebens hineingezogen wurde . Es entging ihr nicht , daß der Fürst ihre unglückliche Freundin » bemerkt « hatte . Sie seinen Augen und Wünschen zu entziehen , beschloß sie aus doppelter Rücksicht , für sich selbst wie für Lydia . Sie reiste deshalb mit ihr nach Straßburg zu einer Freundin , wo nun Lydia unter angenommenen Namen ruhig und harmlos ihren Erinnerungen und - bald auch einer - neuen Liebe lebte . Aber der Fürst hatte seine Absichten auf die schöne Freundin Alicens nicht aufgegeben . Einer seiner Kundschafter wurde in Straßburg durch einen Zufall auf sie aufmerksam . Die Arme schien in der That vom Schicksal dazu ausersehen , die Gewalt der Liebe nur aus der Qual und den Schmerzen , welche sie spendet , kennen zu lernen . In Straßburg blühten die Rosen ihrer Wangen wieder auf - sie begann sich mit dem Leben auszusöhnen , denn es war die Liebe wieder in ihre kindliche Brust gezogen . - Da plötzlich streckte der Verrath seine Hand aus gegen die süße Liebeswelt - und sie stürzte wie ein Kartenhaus zusammen . - Lydia verschwand plötzlich aus Straßburg . - Alice erfuhr es durch ihre Freundin früher , als selbst der Fürst durch seine Spione . Schnell entschlossen reiste sie der Flüchtigen entgegen . In einer kleinen französischen Stadt , wenige Meilen von Paris entfernt , traf sie den Entführer . So war zwar die Unglückliche gerettet , aber zugleich ihr Liebesglück zerstört . Nun reisten die beiden Frauen , da sie sich in Paris nicht sicher glaubten , nach Wien . Denn Alice hatte es über sich genommen , das arme Kind , das sie als ein letztes heiliges Vermächtniß aus einer Zeit betrachtete , wo sie selbst noch wahrer Liebe fähig war , vor dem Pesthauch frivoler Verhältnisse zu bewahren . Von Wien aus schrieb sie an den Fürsten , machte ihm wegen seines Verraths Vorwürfe und kündigte ihren festen Entschluß an , ihre Freundin gegen seine Verfolgungen zu schützen . Er kam darauf selbst nach Wien und versprach Alicen , von nun an keinen Schritt zu thun , der ihr Mißfallen erregen könne . - So kehrte das alte vertraute Verhältniß zwischen ihm und Alice zurück und durch seine Vermittlung war sie in den engeren Kreis des Metternichschen Hauses eingeführt worden , wo sie durch ihre unendliche Anmuth und durch den unwiderstehlichen Reiz , welcher ihr ganzes Wesen durchwehte , sich in kurzer Zeit ein festes Terrain zu erobern , und besonders das Vertrauen der Fürstin zu erwerben gewußt hatte . Der Einfluß , welchen sie durch ihre Zurückhaltung und die Kunst bescheidener und feiner Schmeichelei gewann , wurde in ihrer geschickten Hand zu einem Schlüssel für manches bald diplomatische bald neotische Geheimniß , und nur ihrer großen Vorsicht hatte sie es zu danken , wenn dieser Schlüssel ihr nicht wieder genommen wurde . So hatte sie es bald dahin gebracht , daß sie in dem Hause der Fürstin keinen Feind - ja - was noch mehr sagen will - keine Feindin und nur sehr wenige Beobachter hatte . Unter diesen fürchtete sie jedoch nur einen ; es war der Beichtvater der Fürstin - Pater Angelikus . Vor seinen Blicken - das fühlte sie wohl - konnte die Rolle , welche sie spielte , nicht ganz undurchschaut bleiben : so faßte sie - - nach dem Grundsatz : » nur ganzes Vertrauen schützt gegen den Mißbrauch des halben « - den Plan , nicht etwa , ihn zu ihrem Vertrauten zu machen , sondern sich selbst , durch den Schein ihres Vertrauens , zu seiner Vertrauten zu machen . Und dies gelang ihr endlich , nachdem sie lange vergebens alle ihre Mittel verschwendet . Schon das erste Mal , als sie mit dem Beichtvater und Lichninsky bei der Fürstin Metternich zusammentraf , gewahrte sie durch die dicke Rinde , mit der der Pater seine Brust und die darin gährenden Leidenschaften umpanzert hatte , den tiefen Haß desselben gegen den Fürsten hindurchscheinen . Ein zweiter Blick auf Lichninsky belehrte sie , daß dieser , dessen Charakter zu studiren sie hinlänglich Gelegenheit gehabt , zwar keine Ahnung von diesem Hasse hatte , dennoch aber die Gesellschaft des Paters gerade nicht aufsuchte . - Die Ursache dieses eigenthümlichen Verhältnisses zu erforschen , wollte ihr lange Zeit nicht gelingen . Endlich griff sie zu dem äußersten Mittel , den Pater als Seelenarzt bei Lydia einzuführen . Der Eindruck , welchen das Schicksal und der wehmüthige Anblick des guten Kindes auf Angelikus hervorbrachte , war ein gewaltiger . Der harte , kalte Priester war bis ins Innerste erschüttert . Jetzt hatte Alice , die während der ganzen Scene keinen Blick von seinen Zügen verwandt , auch den Schlüssel zu diesem Geheimniß gefunden . Es ist wahr , ihre arme Freundin verdiente gewiß das tiefste Mitgefühl , aber solchen Eindruck , wie sie ihn auf den Pater hervorbrachte , konnte nur aus ähnlicher Erfahrung , aus gleichen Leiden hervorgehen . Ein Gedanke an Lichninskys frivolen Charakter führte Alicen schnell auf die richtige Vermuthung , daß ihr eigenes Schicksal vielleicht mit dem des Paters große Aehnlichkeit habe . - Gestehen Sie , Angelikus - sagte sie einige Wochen nach jener Scene , während dessen der Pater seine Besuche bei Lydia eifrig fortgesetzt hatte , im Verfolg eines Gesprächs über den religiösen Trost gegen das Unglück der Liebe - gestehen Sie , daß im Grunde damit nur erreicht wird , daß man eine Schwärmerei gegen die andre austauscht . Oder glauben Sie - Alice legte einen Nachdruck auf das letzte Wort - daß die Religion gegen den Schmerz betrogener Liebe wirklich tröstet ? Bei Lydia würden Sie sich gewiß täuschen . - Ich verstehe Sie nicht , theure Freundin - erwiederte Jener , der sehr gut verstand , indem er seine Bewegung zu verbergen suchte . - Sie verstehen mich sehr wohl . Sind Sie , antworten Sie aufrichtig , durch den Trost der Kirche von allen Leidenschaften , von Liebe und Haß , geheilt ? - O , frommer Vater , Sie täuschen mich nicht . Sie lieben und hassen noch , eben so glühend wie früher , vielleicht noch glühender . - Der Pater schwieg , aber eine flüchtige fieberhafte Röthe bedeckte seine Stirne , als er aufstand und , Alicen die Hand reichend , mit bebender Stimme und düsterer Miene sagte : Wohlan , Sie mögen Recht haben , und weil Sie Recht haben , so will ich von diesem Augenblick Ihr Freund sein , weil ich Ihr Feind zu sein nicht den Muth habe . Sie sehen , daß ich aufrichtig bin . Aber nun dringen Sie nicht in mich . Später werde ich Ihnen den Beweis geben , daß , wo ich liebe und hasse , ich Grund zu Beidem habe . Mit einem Blicke , in dem eine bis zur Wildheit tiefe und verzehrende Leidenschaft blitzte , verließ er sie schwankenden Schrittes . Seit diesem Gespräch hatten sie absichtlich dies Thema vermieden . Alice war nicht neugierig , und sie beruhigte sich über das Schweigen des Paters mit dem Grunde , daß er selber nicht wissen konnte , wie weit sie bereits in sein Geheimniß eingedrungen sei . Selbst als sie seiner Forderung , Zeuge des Gesprächs mit Lichninsky zu sein , nachgab , hatte sie keine derartige Bedingung gestellt , weil sie in dieser Forderung selbst schon eine Concession erblickte . Kehren wir nun nach dieser Abschweifung zu