Engel ! « » So laß uns zu ihnen gehen , « rief ich , und flog mit der Leichtigkeit eines Vogels die Treppe zur Terrasse empor . Vergebens erinnerte mich die Dornefeld an die Unordnung meiner Toilette , ich beachtete es nicht . Ich hatte gehört , daß Graf Mario sich , müde des Reiselebens , in unserer Gegend angekauft hatte , nachdem seine Gemahlin , die geniale Gräfin Faustine in das Kloster der vive sepolte eingetreten war » um anzubeten , immerfort anzubeten « , und so dem Drange ihrer innern Sehnsucht zu genügen . Sie war eine ältere Cousine meiner Mutter gewesen und der junge Graf Bonaventura also mein Cousin à la mode de Bretagne . Ich hatte nie Jemanden von meinen Verwandten gesehen , ich war ohne jugendliche Gespielen aufgewachsen , welch ein Wunder also , daß es mich mit warmer Sehnsucht den ersten Blutsfreunden entgegenzog , die ich erblickte . Mit allem graziösen Elan meines Wesens trat ich ihnen entgegen und bot erst Mario dann Bonaventura die Hand . Graf Mario schien bewegt von meinem Anblick . Er fuhr mit der Hand über Stirn und Augen und schloß mich dann , wie von unwiderstehlichem Impulse dazu getrieben , an seine Brust . » Verzeihen Sie einem Freunde Ihrer Mutter , theure Gräfin ! « sagte er , » wenn die Aehnlichkeit mit dieser und die Aehnlichkeit mit meiner unvergeßlichen Faustine mich übermannten . O ! Sie haben die magischen Augen dieser Frauen , Sie haben das unnachahmliche fascinirende je ne sait quoi , das Jenen eine so zauberische Macht verlieh . « » So lieben Sie mich , Graf Mario ! « entgegnete ich , » wie Sie jene Frauen liebten . Denken Sie , ich wäre Ihre Tochter ! Ich habe meine Aeltern nicht gekannt , ich habe einsam gelebt und ohne Liebe bis auf diesen Tag und ich sehne mich nach Liebe . « Ein tiefer Seufzer der armen Dornefeld unterbrach mich und erinnerte mich daran , daß diese Worte ihr wehe gethan haben konnten . Zerknirscht von Reue warf ich mich an ihr Herz . » Meine Dornefeld , « rief ich aus , » o ! Du hast mich geliebt ; Du hast mich geliebt mit jener reinen , unirdischen Engelsliebe , wie die Seraphim sie für die Kinder haben , die ihrem Schutze anvertraut sind ! Du hast meiner nie bedurft und mir doch Alles gewährt , Dich verehre ich , Dich bete ich an , Du bist zu hoch für meine Liebe . « » Wunderbares Kind ! « sagte Graf Mario , indem er mich befremdet betrachtete . » Und was denken Sie sich unter der Liebe , die Sie bis jetzt vermißt und ersehnt haben ? Was verlangen Sie von ihr ? « » Was ich verlange ? « wiederholte ich träumerisch und versank in ein momentanes Nachdenken . Das hatte ich mir selbst niemals klar gemacht , mich niemals gefragt . Mein ganzes Herz hatte das Wort » Liebe « wie ein Zauber erfüllt ; wie die Gottheit dem Pantheisten das All ist , so war es mir die Liebe gewesen . Jetzt , da die positive Frage an mich gerichtet wurde , da Bonaventura ' s Augen mit sehnsüchtigem Ausdruck auf mir ruhten , da war es mir plötzlich , als erschlössen sich die verborgenen Tiefen meiner Seele , als sähe ich in den aufgethanen Schachten meines Herzens das funkelnde flammende Gold , die strahlenden Brillanten und die blutrothen Rubine der Liebespoesie mir entgegenstrahlen , und das ganze profunde Mysterium der Liebe enthüllte sich mir wie durch eine instantane Revelation . Ich schlug die mächtigen Augenlider empor und sagte , indem ich mit prächtigem Stolze die Grafen abwechselnd anblickte : » Was die Liebe sei , das weiß ich durch den Glauben meines Herzens so sicher , wie der Christ vermöge des Glaubens weiß , daß und was die ewige Seligkeit ist . Die Liebe ist das Einssein von Zweien ; ich höre auf zu sein , um in einem Andern erst wieder zu werden . Es ist eine Regeneration , es ist ein Aufgehen in dem Geliebten , dessen ganzes Wesen dafür mein eigen wird , mein eigen ganz und gar . Ein Mensch allein durchdringt das Geheimniß des Daseins nicht ; aber Zwei vereint zu einer Liebe , die durchdringen es . Die wirbeln sich empor mit der Lerche im Frühlicht der Sonne entgegen , die lauschen dem schweigenden Pulsschlag der Erde in träumerischer Nacht , die beherrschen mit mächtigem Zauberstab die ganze Skala der Gefühle , daß alle Accorde des menschlichen Daseins sich vor ihrem Willen zusammenfügen zu der wahren Sphärenharmonie , deren ewiger Text das eine Wort ist » Liebe ! « - » O ! die Liebe ! « rief ich aus und sank todtenbleich auf den Fauteuil , der mir zunächst stand . Der Graf , die Dornefeld eilten mir beizustehen , aber schneller als sie Beide war Bonaventura zu meinen Füßen niedergesunken , und meine Hände in die seinen pressend , rief er exstatisch : » O , Diogena ! Stirb nicht ! Stirb nicht ! Mein Ideal ! Ehe Du mich mit Dir emporziehst in Deinen Himmel der Liebesseligkeit , wo ich fortan wohnen muß mit Dir , wenn ich nicht versinken soll in den Tartarus der Verzweiflung ! « Ich sprang empor , ich warf meine Arme mit Enthusiasmus zum Himmel empor und sagte : » O ! das ist der Klang der Stimme , auf den mein Ohr gelauscht , seit Töne ihm vernehmlich wurden ! Das ist sie , das ist seine Stimme , die Stimme par excellence ! « - Wir lagen uns in den Armen , wir mischten unsere Thränen miteinander , wir erbebten unter den süßen Schauern des ersten flammenden Kusses . Ein Augenblick hatte zwei Existenzen indissolible verbunden . Graf Mario , die Dornefeld standen wie sprachlos dabei . Eine solche Precipitation überstieg Alles , was sie je erlebt hatten , was man voraussehen konnte . Wir knieten vor dem Grafen nieder , wir baten um seinen Segen , er schloß uns gerührt an sein Herz . » Das ist Naturgewalt ! « sagte er , » möge die Stunde eine gesegnete sein , die Euch zusammenführte . « Er sprach mit der Dornefeld von bienséances , von meinem Vormunde , von der Nothwendigkeit , ihn zu Rathe zu ziehen , wir hörten es kaum , oder hörten es doch nur so , wie die seligen Bewohner des Jenseits das unheilige Geräusch des Erdengetreibes vernehmen mögen . Bonaventura hatte mich hinabgeführt in den Garten zu einer Bank unter dem Schutze einer mächtigen Linde . Hier warf er sich abermals stumm vor mir nieder . Hier betrachtete ich zuerst die ganze magnifique Schönheit seiner Erscheinung . Er zählte damals etwa zweiundzwanzig Jahre . Hoch und schlank aufgeschossen , hatte er die ganze Flexibilität und die wundervolle Eleganz der Jünglinge aus altadeligen Geschlechtern . Dunkle Locken , schwarz wie die Flügel der Rauchschwalbe , legten sich weich um seine geniale Stirn , und wie Sonnenstrahlen aus dem spiegelhellen Blau eines Schweizersees , mit so limpidem Lustre tauchten seine goldbraunen Augen aus dem verschwimmenden Weißblau der Netzhaut hervor . Ich legte meine Händchen auf sein Haupt und wollte den Mund öffnen , um in Worten die ganze heiße Fülle meiner Seele auszuhauchen , da preßte Bonaventura meine Hände urplötzlich fast gewaltsam an sich und sagte leise und mit vor innerer Emotion fibrirender Stimme : » O schweig , schweig ! meine Diogena ! Fühlst Du denn nicht , daß die Seele des Erdgebornen nur gradatim die Wonne des Himmels erträgt ? Fühlst Du denn nicht , Diogena , daß mich heute Dein bloßes Anschauen außer mir wirft ? Und willst Du mich vernichten durch Ekstase , indem Du noch den Zauber Deiner Rede gegen mich benutzest ? Sei barmherzig , Himmlische , und schweige ! « Ich bebte vor Wonne , wie er selbst . Die ganze gefährliche Macht solchen Schweigens wuchtete sich über uns und bedrohte mich mit seiner Gewalt . Wie ich nun so dasaß , eingewiegt in die berauschende Wonne seiner Nähe , so fühlte ich dies Gefühl zu einer so excessiven Höhe erwachsen , daß meine junge Natur in ganz oppositionnelle Empfindung übersprang , und von einem Extrem in das andere vaguirte . Ich brach in das inertinguibelste Lachen aus , sodaß Bonaventura mich erschrocken fragte , was mir begegnet sei ? » O mein Bonaventura ! « rief ich aus , » ist es denn nicht zum Lachen , daß zwei Sprossen altadeliger Geschlechter eine Verlobung feiern , wie die unsere ? Wo ist da eine Spur von Etikette , von Convenienz ? Wo sind da alle Präliminarien solcher Verbindungen ? Aber das gerade entzückt mich . Das gerade ist absolut vornehm , denn es ist über alle Berechnung erhaben . So , ohne Frage um alle irdischen Interessen , kann sich nur die Creme der Aristokratie verbinden , die wie die Lilien auf dem Felde leben , ohne zu denken , daß man arbeiten und sich kleiden müsse ; dies ist nur der Elite der Menschheit möglich , bei der diese Rücksichten fortfallen , bei der Reichthum und Adelsgleichheit und Sorgenfreiheit ein cela va sans dire sind . O mein Bonaventura ! Laß uns Gott danken , daß wir zur Creme der Aristokratie gehören und diese Wonnestunde unsers Lebens ohne arrière-pensée feiern und genießen können . « Bonaventura stimmte mir aus voller Seele bei , als der Graf und die Dornefeld uns zu suchen kamen und nun selbst lachen mußten , da sie uns erblickten ; denn ein wunderlicher ajustirtes Paar hat wol nie in den Regionen , in denen wir uns bewegten , seine Verlobung gefeiert . Bonaventura , der nach beendigten Universitätsstudien mehre Jahre auf Reisen gewesen war , kehrte jetzt von diesen zurück . Sein Vater war ihm bis Berlin entgegengefahren , ihn auf seine Güter zu holen . Bonaventura trug den bequemen sandfarbenen Paletot moderner Touristen , die ungebleichte Leinwandweste , den grauen breitkrämpigen Filzhut und die leichten Kamaschen , welche die Engländer , diese Meister des Comforts en vogue gebracht haben . Ich hatte ein dunkelbraunes Reitkleid , das an einer Seite in die Höhe geknöpft war . Da ich alle Kleinlichkeit und alle Gêne in meiner Toilette haßte , so mochte ich von Chemisetts und Cravatten und Manschetten und all den tausend aimables riens , in denen andere Frauen ihre Freude suchen , Nichts wissen . Ein breiter weißer Kragen , der Hals und Brust frei ließ , fiel über meine Schultern herab und war halb verdeckt von den Locken , die , durch das Wasser beim Schwimmen geglättet und durch den Ritt noch nicht ganz getrocknet , in einer prachtvollen Grazie , wie verdichtete Sonnenstrahlen um mich her funkelten . Der Haushofmeister erschien , uns zu melden , daß der Thee servirt sei . Ich hatte in der Wonne meines Herzens nicht gedacht , daß es noch eine Theestunde auf der Welt gäbe und daß jetzt , da ich so glückselig sei , noch Jemand auf Erden essen werde . Wie erschrak ich also , als Bonaventura , mir seinen Arm bietend , um mich in das Haus zu führen , mit großer Zufriedenheit in die Worte ausbrach : » O vortrefflich , meine Diogena ! Du sollst es sehen , wie ich Deine Gastfreiheit benutzen will . Die lange Fahrt und all die heftigen Emotionen meiner Seele machen ihr Recht geltend , und ich bringe Dir einen wahren Homerischen Appetit für unsere erste gemeinsame Mahlzeit mit . « » Das freut mich für Dich ! « sagte ich , aber eine Wolke des Nichtverstehens legte sich um meine Seele . Während wir an der Tafel saßen , während Bonaventura mit großem Eifer der Mahlzeit zusprach , und , alle leichten Confituren vermeidend , sich die festen , nahrhaften , kalten Fleischspeisen aussuchte und dazwischen heiter mit seinem Vater und mit mir von seinem Glücke sprach , weinte mein Herz im stillen Innern die ersten bittern Thränen herben Desappointements . O , er liebte mich nicht ! Wie konnte er hungern und dürsten gleich einem gemeinen Menschen , der Mann , der eben erst von meinen Lippen den Nektar des ersten Kusses getrunken , der begehrt hatte , ich solle schweigen , damit er nicht der Wonne , dem Glücke erliege ! Und jetzt sprach er selbst ganz heiter von den gleichgültigsten Evenements , lobte den Thee und erzählte von seinen Reisen comme si de rien n ' était , und ich , ich , Diogena , saß an seiner Seite ! und ich liebte ihn ! ich glaubte es wenigstens damals . O , was glaubt nicht ein candides Herz mit sechzehn Jahren ; was glaubt nicht eine Diogena , deren Wappen die Laterne ist , und die den Rechten zu suchen prädestinirt ist von dem unerbittlichen Fatum . Thränen traten mir in die Augen , ich vermochte nicht zu sprechen , ich konnte Nichts entgegnen auf Alles , was mir Graf Mario Gütiges und Bonaventura Zärtliches sagten . Was sie von meinem Vormunde , von seiner zu fordernden Einwilligung zu unserer Verbindung , von meinen Gütern , von meinem Besitz und der Verwaltung desselben sprachen , das verstand ich nicht . Das war ja auch Alles ganz unaussprechlich indifferent gegen das große Eine , unsere Liebe . Aber je länger wir beisammen waren , je mehr Graf Mario mit der Dornefeld über den Zustand meiner Unterthanen zu sprechen anfing , je eifriger hörte auch Bonaventura auf diese Unterhaltung . Er sagte , die Leute seien bis jetzt mit beispiellosem Mangel an Philanthropie , mit Hintausetzung all ihrer Interessen behandelt ; er sehe , daß es ihnen an dem Nöthigsten fehlen müsse ; er sprach von Schulenanlegen , von Hospitälern und Gott weiß , wovon noch - und ich saß an seiner Seite , und all dies wüste Gespräch fiel in meinen ersten seligen Liebestraum hinein , um mich furchtbar schmerzlich zu erwecken . Was kümmerten mich meine Unterthanen und ihr Elend oder ihr Glück ? Was hatte mein prächtiger aristokratischer Egoismus zu schaffen mit den Thränen jener uneleganten , rothhändigen Horden ? Wie durften sie es wagen , ihre bleichen Jammergestalten zu drängen bis in die Seele eines jungen Grafen , eines Bonaventura , der eine Diogena liebte , dem eine Diogena sich gelobt seit wenig Stunden . Ich hätte aufschreien müssen , bei dem ersten Versuche zu sprechen , und um dies zu evitiren , fing ich zu essen an mit einer krampfhaften Vehemenz . Bonaventura sollte nicht sehen , wie tödtlich ich litt ; ich wollte ihm meine furchtbare Alteration nicht zeigen ; ich gönnte ihm nicht , die Regrets zu sehen , die es mir erregte , daß er mich nicht liebte . Aber ich stand noch nicht am Ziele meiner Deceptionen . Mit Entsetzen ward ich gewahr , daß das Essen mir deliciös schmeckte . Ich fühlte , daß ich also Bonaventura nicht liebte , daß ich ihn nicht lieben könnte , nie lieben würde ; denn die Liebe , die ich ersehnte , die erhob den Menschen über solch niedriges Bedürfniß , die emancipirte ihn von allem Irdischen , so weit es sich nicht auf das geliebte Object bezog - und wir soupirten Beide , und wir sollten uns heirathen , und ich hatte geglaubt , diesen Menschen zu lieben . Graf Mario und Bonaventura bemerkten das Changement , das sich in mir apparirt hatte , und mit jenen zärtlichen Soins , deren Naturen wie Bonaventura capabel sind , drang er in mich , ihm den Grund meiner Verstimmung zu enthüllen . Ich schwieg standhaft . Da ich nicht glücklich sein konnte durch ihn , wollte ich wenigstens so elend als möglich werden , denn meine immense Seele strebte instinctiv nach dem Immensen und begehrte alle Radien der Seelenzustände zu durchlaufen . So nahm ich meine Resolution , heroisch mit dem Schmerze , statt mit dem Glücke , den Anfang zu machen . Bonaventura war untröstlich über mein Schweigen , was kümmerte mich das in meiner Abgeschlossenheit ? Ich fühlte , er war nicht der Mann , den ich ersehnt , er war nicht der Rechte , nicht mein anderes Ich selbst . Er war ein Wesen , von dem Fatum in meinen Lebensweg lancirt , um mich leiden zu machen . Ich nahm dies fatalistisch auf mit stolzer Resignation , unbekümmert darum , ob auch Bonaventura litt . Er war nur Nebenperson in diesen Schicksalswirren , deren Mittelpunkt immer eine Frau ist , von der Trempe der Frauen unsers Hauses . Sie sind die Axe , um die sich in stupender Willen- und Anspruchslosigkeit die ganze übrige Welt zu drehen hat . Graf Mario von seiner himmlischen Gräfin Faustine und von meiner Mutter , der wunderbaren Sibylle , an diese capricieusen Alluren der Frauen aus unserer Familie gewöhnt , sagte zu Bonaventura : » Laß sie , mein Sohn , und störe sie nicht . Ihr Geist hat nun einmal seine miraculösen Alluren , und wer eine Diogena zum Weibe begehrt , muß sich bei Zeiten daran gewöhnen . Man muß sie lieben , denn dompliren kann man sie nicht . « » Oder man muß liebenswerth sein und von ihnen geliebt zu werden verdienen , « rief ich mit prächtiger Impertinenz , und eilte auf mein Schlafzimmer , wo ich in bittere Thränen ausbrach . Verwundert hatten mir die Grafen nachgeblickt . Am Morgen war ich müde und abgespannt von der durchweinten Nacht , das machte mich anscheinend milder . Ich ging mit Bonaventura spazieren , ich hörte all seinen Liebesworten , seinen philanthropischen Ideen , die sein ganzes Wesen warm durchglühten , mit der Ruhe zu , mit der ein hoffnungslos Kranker , der seinen Zustand kennt und resignirt hat , auf die Trostesworte seiner Freunde hört . Seine Liebesworte fand ich kalt , seine Menschlichkeitsprincipien , seine Ideen von der Gleichheit menschlicher Berechtigung kamen mir wahnsinnig vor . Ich schwieg und lächelte ; der arme Bonaventura glaubte , ich sei glücklich . Man hatte einen Erpressen geschickt , um meinem Vormunde das Evenement zu annonciren und seine Zustimmung zu erhalten . Sie langte am Abende des nächsten Tages an . Unsere Verbindung war so wohl assortirt , daß sie das Entzücken aller Angehörigen machte . Die Hochzeit sollte in der Mitte des Sommers gefeiert werden und dann sollten wir reisen , weil doch ein aristokratisches Ehepaar unmöglich ruhig an Ort und Stelle bleiben konnte . Mein Schwiegervater wollte während unserer Abwesenheit die Verwaltung meiner Güter übernehmen . Ich übergehe die ersten Tage meines Brautstandes , den Abschied von meinem Bräutigam . Ein Gefühl apathischer Stumpfheit war über mich gekommen . Manchmal meinte ich , ich müsse Bonaventura schreiben , daß ich ihn nicht liebe . Dann nahm ich die Feder zur Hand ; aber kaum war es geschehen , so blickte von dem Papiere mich sein goldglänzendes Auge an . Mir war , als dränge der Strahl bis tief in meine Seele , ich fühlte seinen flammenden Athem meine Stirn berühren , seine Arme mich an sich ziehen und seine Stimme hörte ich die Worte sprechen : » Und Du willst nicht mein Weib werden ? « Dann schien es mir , als müsse ich zu ihm fliegen , ihn um Verzeihung flehen , daß ich ihn nicht anbete . Ich wollte ihn heirathen , die Seine werden , aber - ich liebte ihn nicht . Ich fühlte mein Herz klopfen in gesunden , kräftigen Schlägen , ich hatte also ein Herz und doch liebte ich den schönsten Mann nicht , den vielleicht die Erde je getragen hatte . Und Bonaventura war geistreich , edel , großmüthig ! Ich war mir selbst ein Räthsel . Je näher mein Hochzeitstag kam , je mehr stieg meine Beängstigung . Da fiel ich in meiner Angoisse darauf , mich an Rosalinde zu adressiren , die mir die ersten Details über die Liebe in den höhern Sphären gegeben hatte . Die gute Dornefeld konnte mir nicht helfen , das fühlte ich klar . Ihre blöde , bornirte Weiblichkeit lag ganz außer den Grenzen einer Diogena ; aber Rosalinden klagte ich meine Noth . Sie hörte mir schweigend zu und sagte : » Meine Comtesse ! Wie Sie ein adorabler , schuldloser Engel sind ! Aber wer denkt denn daran in der vornehmen Welt , seinen Mann zu lieben ? Darauf konnte nur ein so candides Geschöpf kommen , wie meine holde Comtesse ! Man heirathet seinen Mann , man wird die Mutter seiner Kinder , aber man liebt ihn nicht ; im Gegentheil , man findet ihn unerträglich annuyant und er ist es auch ; denn er denkt an materielle Interessen , er will sich ein Sort machen , das Sort seiner Kinder sichern , den Namen seines Hauses erheben und dergleichen . Er will ein Staatsbürger , ein Landstand , oder gar ein Kosmopolit sein - Solch ein Wesen kann man ja nicht lieben . Solch ein Wesen hat einen Schlafrock . « » Auch in der Aristokratie ? « fragte ich mit Entsetzen . » Auch in der Aristokratie ! « bekräftigte Rosalinde unerbittlich , und fügte hinzu : » Einen Schlafrock und oft sogar Pantoffeln , und es raucht Cigarren am Morgen und gähnt bisweilen am Abend , und liest Journale und ist in unserer Zeit , da er gewöhnlich Landbesitzer und Landstand ist , der öffentlichen Meinung des bürgerlichen Pöbels unterworfen . « » Aber das ist ein Horreur ! « rief ich und schlug schaudernd die Händchen zusammen ; » aber ein solches Wesen kann man ja nicht lieben , das hat ja kaum Zeit an die Liebe zu denken . « » Nein ! es denkt auch gar nicht daran . « » Aber was soll ich denn anfangen ! rief ich in Verzweiflung . » Du siehst es , Rosalinde , ich liebe meinen Bräutigam schon jetzt nicht , weil der ganze künftige Ehemann schon aus seinem Wesen hervorblüht . Ich muß ihn ja hassen und verabscheuen , wenn er wirklich ein veritabler Ehemann geworden sein wird . Was soll ich dann beginnen ? Sieh , meine Verzweiflung , Rosalinde , ist so übermächtig , daß sie meine Natur bouleversirt , daß sie mich zwingt , sogar vor dir , die du mir nicht ebenbürtig bist , mein Herz auszuschütten ; fühle die Ehre , die ich dir thue , hilf mir , rathe mir , wen soll ich lieben ? Denn lieben muß ich ! « Ich schwamm in Thränen . Ich hatte mich auf die braune Sammetcouchette meines hellblauen Salons geworfen . In dunkelblaue Shawls gehüllt , die mir von Schultern und Armen herabgeglitten waren , sah ich mit meinen goldblonden Locken , wie ich so auf der braunen Couchette dalag , wie Correggio ' s büßende Magdalene aus , die sich in bereuendem Schmerze auf den dunkelbraunen Steinen der Felshöhle niedergeworfen hat . Rosalinde kniete neben mir nieder , halb zu meinen Füßen hingezogen von dem Dankgefühl über die Gnade meiner Confidenz , halb überwältigt von dem Zauber meiner fascinirenden Schönheit . Sie küßte meine fabelhaft kleinen Füßchen und sagte : » O , Comtesse , menagiren Sie ihren gerechten Schmerz . Das Leben hat Compensationen . Es ist wahr , es ist ein Horreur , daß man einen Ehemann nicht lieben kann auf jenen aristokratischen Höhen , aber es gibt Liebhaber , bezaubernde , müßige , magnifique Liebhaber , die Nichts thun , Nichts , absolut Nichts , als lieben und diese Liebhaber liebt man . « Man hat von Leuten erzählt , die plötzlich von einem furchtbaren Schmerze befreit , nach vielen langen , schlaflosen Nächten , mit einer fabelhaften Spontaneität in Schlaf versinken , und miraculös geheilt erwachen . So ging es mir . Jener Revelation Rosalindens folgte seit meinem ganzen Brautstande der erste ruhige Schlaf . Ich sah einen Hoffnungsstern leuchten durch die Nacht meines Ehelebens und mit dem Blick auf diesen Stern kam Friede und Freudigkeit in mein Herz . Ich hatte mit Zuversicht mein Jawort am Altare gesprochen , wir waren in die Reisekalesche gestiegen und in Baden-Baden angelangt , bald der Mittelpunkt der beau monde geworden , um den sich die Elite dieser Saison bewegte . Mein Mann fand viele seiner Reisebekanntschaften in Baden schon anwesend und sehr begierig , mich kennen zu lernen . Schon am ersten Abend präsentirte er mir drei junge Männer , den Fürsten Callenberg , einen Vicomte Servillier und einen Lord Ermanby , mit denen die Ausflüge für die nächsten Tage verabredet wurden . Diese drei Männer waren von sehr divergirenden Charakteren . Fürst Callenberg , der Sohn des Fürsten Gotthard von Callenberg und der edeln Cornelie , Witwe des Grafen Sambach , hatte ganz das wunderbar impassible Temperament seines Vaters geerbt . Jahre lang hatte Fürst Gotthard mit einer instinctiven , nie encouragirten Treue an Gräfin Cornelie gehangen , war ihr instinctiv gefolgt und hatte constant geschwiegen oder im Halbschlummer vor ihr in den Fauteuils gelegen , so lange Eustach Graf Sambach lebte . Da er in seinem Leben Nichts wahrhaft empfunden , Nichts entschieden gewollt hatte , und doch von der magnetischen Attraction der Gräfin jahrelang wie ihr Schatten an sie gebannt blieb , so präsumirte er , das werde wol Liebe sein . Er heirathete die Gräfin nach dem Tode ihres Mannes und nach der Verstoßung ihres Liebhabers , des bürgerlichen Lenor Brand . Ich kannte zufällig diese Geschichten und Verwickelungen , und war durch die superbe Herzenskälte seiner beiden Aeltern zu Gunsten des jungen Fürsten prävenirt . Auch entsprach er vollkommen dem edeln Bilde , das ich mir von ihm gemacht hatte . Stundenlang konnte er mit seiner Gigantentaille mir gegenüberstehen und mich regungslos anstarren , ohne eine Sylbe zu sagen , ohne durch ein Zeichen zu verrathen , daß er mir nur zuhöre , wenn ich sprach . Aber so wie ich mich erhob , stand auch er auf . Er trug meine Echarpe und meine Ombrelle , er machte meinen Stallmeister , wenn ich reiten wollte , holte mir den Mantel aus dem Wagen , sobald es kühl wurde , und that all die Dienste , die bei ordinairen Frauen ein indifferenter Lakei verrichtet , mit einer Devotion , mit einem Eifer , daß man sah , er werde durch den Impuls eines tiefen , sich selbst nicht bewußten Gefühls getrieben . Ich kann nicht sagen , daß diese Art der stummen Huldigung , so sehr sie bon genre war , mich wesentlich interessirt hätte . Ich gewöhnte mich bald daran , den Fürsten mir folgen zu sehen , wie ein Planet seiner Sonne folgt , aber es ließ mich kalt . Nur wenn ich mit andern Männern sprach , wenn ich andern , brillantern Männern einen Vorzug vor ihm gab , und eine Wolke schweren Depits sich über das impassible Gesicht des Fürsten lagerte , dann machte es mir eine Art von Freude , ihn anzublicken und zu denken , daß ich selbst diesem Marmorherzen ein , wenn auch nur momentanes und factices Leben einzuhauchen verstände . Und brillanter war der Vicomte Servillier allerdings . Feurig , phantasiereich , petillant und vacillirend , wie alle Kinder der Provence , glich er auch in seinem Aeußern den sinnigen , glühenden Troubadours der cours d ' amour . Er machte entzückende Verse und sang sie vortrefflich nach selbst erfundenen Melodien . Gleich , als mein Mann mir ihn vorstellte , sagte er mit einem Blicke , in dem sich die ganze heiße Innerlichkeit seiner Natur enthüllte : » Um Gotteswillen , Bonaventura , wie kannst Du in dem Strahlenglanze dieser Göttererscheinung leben , ohne zu fürchten , daß sie dich emporwirbelt von der Erde hinweg in die flammende Sonnenregion , der sie entsprossen ist ! « Es lag allerdings etwas provencalische Jactance in dieser Interjection , aber der Graf war diese von Servillier gewohnt und mich söhnte die Wunderlichkeit der Begrüßung mit dem Auffallenden derselben aus . Lord Ermanby sagte gar Nichts , setzte sich schweigend nieder , den röthlich blonden Lockenkopf gegen einen Baumstamm , die Füße auf einen Stuhl gelegt , den er hin und her balancirte , während er den Knopf seiner Badine im Munde hielt . Er war ein Typus von good breeding . Mein Leben ging nun seinen ruhigen Gang , wie das Leben aller Neuvermählten . Ich hatte Rosalinde mit mir genommen , da sie durch ihre frühere Liaisons mit Männern der beau monde sich eine gewisse elegante Ausdrucksweise angewöhnt hatte , die sie mir erträglicher machte , als andere gewöhnliche Kammerjungfern . Zudem besaß sie aus der Zeit ihrer Seiltänzercarriere eine große Toilettengeschicklichkeit , war klug und mir mit vollkommener Treue attachirt und hatte wirklich alle Qualitäten einer ausgezeichneten Kammerfrau . Am Morgen ging mein Mann und ich an den Brunnen , wo wir unsere Freunde trafen , dann pflegte Bonaventura in das Lesecabinet zu gehen und die Tagespapiere zu durchblättern , auch Lord Ermanby und der Vicomte schlossen sich ihm an . Nur der Fürst besaß den Vorzug eines echten , deutschen Cavalieres , sich nicht im Geringsten um die Vorgänge in der Welt zu bekümmern . Die Welt , die Tagesereignisse , Politik und Literatur interessirten ihn nicht ; seine Güter verwaltete ein Intendant , seine Revenuen wurden ihm zugeschickt , er fragte nicht um Politik , nicht um Literatur , er lebte ein durchaus müßiges und vornehmes Dasein . Diese phänomenal aristokratische Natur fing an , mich allmälig zu beschäftigen . Eines Abends kehrten wir um zwölf Uhr von einem Spaziergange in unsere Wohnung zurück . Unsere Freunde hatten uns verlassen , wir waren seit langer Zeit zum erstenmale allein , mein Mann und ich , und ich ließ den Thee in meinem kleinen Boudoir serviren . Es war ein comfortables , lauschiges Plätzchen . Grüne Weinranken zogen sich zu den geöffneten Fenstern hinein und fielen