! Geld war mein Verhängniß - es soll mein Verhängniß bleiben , dem ich willig folge ; gegen das ich länger nicht thöricht kämpfe ! Ich gelobe es mir fest in dieser qualvollen Stunde ; und breche mit den frommen Träumen und heiligen Gelübden meiner Jugend . « Das Aeußere der jungen Frau war wie umgewandelt durch den innern Kampf . Mit stolzer , fester Haltung erhob sich die früher so weiche , kindliche Gestalt , und überschritt mit einer Entschiedenheit , welche auffallend gegen den frühern , schwankenden und zögernden Gang abstach , die Schwelle , um von ihren Eltern den letzten Abschied zu nehmen . Der Vater lag , zwar lebend , doch für immer der Sprache beraubt , ermattet auf seinem Bette . Bei dem Eintritt der Tochter erhob er mit großer Anstrengung seine Hände und legte sie auf ihr Haupt , das noch immer mit dem bräutlichen Kranze geschmückt war ; doch die Lippen bewegten sich nicht und konnten den Fluch nicht zurücknehmen . Mutter und Tochter hielten sich darauf , einige Minuten lang , fest umschlungen ; das Haupt der Tochter ruh ' te an dem eingefallenen Busen der Matrone , wie eine geknickte Blume an dem mütterlichen Erdreich ; und ihre Thränen vermischten sich . Ihr Schmerz war stumm - noch ein Kuß auf die heißen Lippen der Mutter , auf die eiskalten des Vaters - und rasch stürzte sie zum Pfarrhaus hinaus . Herr Oburn hob mit geckenhafter Galanterie seine Gattin in den Wagen . Die Thür wurde zugeschlagen ; der Postillon blies das alte Lied : » Welche Lust gewährt das Reisen ! « und schnell entschwand der Zug dem schmerzlich nachblickenden Mutterauge . 4 Die Saison des Jahres 18 * * war glänzender , als alle früheren des an Pracht gewöhnten Karlsbad . Drei gekrönte Häupter waren hier versammelt , nicht , um Genesung zu suchen für irgend ein Leiden , sondern um über das Wohl ganzer Nationen zu entscheiden . Von Karlsbad aus wurde schon einmal das Schicksal der Welt bestimmt , als die mürrische Diplomatie über die jugendlichen Freiheitsbestrebungen der Völker den Stab brach , und alle , der neuen Entwicklung günstigen Paragraphen , mit feinen Wendungen aus der Bundesakte hinaus interpretirte . Damals strömten in Karlsbad alle gewandten Vertheidiger und Anhänger des status quo zusammen , welche aus den nationalen Bewegungen der Jugend das revolutionaire Element herauswitterten , das den bestehenden Mächten und ihrem wohlgeordneten System Gefahr drohte . Die ganze Camarilla des Absolutismus , die Diplomaten mit der eleganten Beweisführung , die aus juristischen , historischen und theologischen Fetzen dem gottesgnädigen Königthum den Mantel zusammenschneiderte , die heilige Legitimität proklamirte , das unwandelbare Gesetz der politischen Welt ; die Aristokraten jeder Art , welche ihre alten Rechte zu wahren hatten , gegenüber den Anforderungen einer neuen Zeit - alle schienen hier ein Schutz- und Trutzbündniß zu schließen , eine heilige Ligue des neunzehnten Jahrhunderts . Doch auch in dem Jahre , in dem unser sociales Drama spielt , hatte die Zusammenkunft des Kaisers von Rußland , des Königs von Preußen und des Königs von Hannover alle treuen Vasallen dieser Potentaten in Karlsbad versammelt . Der ganze Ort wimmelte von Fürsten und Grafen . Wem daher nicht ein sehr großer Reichthum zu Gebote stand , der konnte in diesem Sommer nicht daran denken , in Karlsbad ein Unterkommen zu finden . - An einem drückendheißen Juli-Morgen , an dem die Natur in Glutgedanken zu träumen schien , war die höchste Aristokratie auf der weltbekannten Wiese versammelt . Unter den schönen , blühenden Lindenbäumen hatten sich Coterieen gebildet , die Chocolade schlürften , Blätter lasen , oder durch leichtes Plaudern die Stunden verkürzten , die sich vom Brunnentrinken bis zum Diner träg und langweilig dahinschleppten . Schönheiten aller Art , bleich und blühend , im ersten und letzten Stadium , junge , reiche Wittwen , interessante , geschiedene Frauen , Mütter mit mannbaren Töchtern - alles war wie noch heute , auf diesem Markt der Schönheit anzutreffen . - Auf der Promenade von der Wiese zum Freundschaftssaal lustwandelten zwei junge Männer von höherem Rang , in lautem Gespräch , das für sie ein besonderes Interesse zu haben schien . Plötzlich unterbrach der Eine seine Rede , mit dem Ausruf : » ach , da kommt sie ! « Diese begeisterten Worte galten keiner berühmten Persönlichkeit , keiner Prinzessin oder Schauspielerin , sondern einer jungen Frau in einfacher eleganter Kleidung , die rasch an den Herren vorüberging , als wollte sie ihre frechen Blicke fliehen . » Ich möchte nur wissen , wer sie eigentlich ist , « sprach Graf Reitzenstein zu seinem Gefährten , dem Baron Stein , » sie läßt sich Madame Oburn nennen : aber ich glaube nicht an das Mährchen . Dies Gesicht , diese Tournüre , diese Toilette , Baron - ma foi , das paßt nicht zu einer spießbürgerlichen Madame ! Und lebt sie nicht fürstlich ? Sie hat vor ihrem Wagen die schönsten Pferde , die ich je gesehen , Pferde , in die der Fürst Metternich gänzlich vernarrt ist , die er als diplomatische Flügelrosse gern vor seinen Triumphwagen spannen möchte . Er bot ihr tausend Dukaten ; doch Madame antwortete mit Stolz : Durchlaucht , ich will so gut wie Sie , edle Pferde vor meinem Wagen haben . Ma foi , hier werden nicht alle Trümpfe ausgespielt ! Ich möchte wohl in die Karten sehen können ! Hier muß irgend ein Coeur-König Trumpf sein , Baron ! wer weiß , was hinter dem unscheinbaren Namen steckt ! « Stein erwiederte nichts auf diese Vermuthungen , sah nur der schönen Frau mit glühenden Blicken nach , bis er den Entschluß faßte , ihr mit dem Grafen zu folgen . Die junge Dame hatte von alle dem , was um sie vorging , nichts gemerkt ; theilnahmlos und der Außenwelt unzugänglich , schwebte sie auf kleinen Füßchen mit großer Schnelligkeit weiter . Nur in der Nähe des Freundschaftssaals sah sie sich ängstlich um , ob Niemand ihren Schritten folge , verließ dann plötzlich den gewöhnlichen , breiten Weg , und schlug einen Seitenweg ein , der durch eine Nebenpforte zu dem großen , parkähnlichen Garten führt , welcher zu diesem beliebten Etablissement gehört . Hier saß in einer blühenden Fliederlaube , die fast undurchdringlich von dem grünen Gezweig umschlungen war , ein schöner , ernster Mann von 30 Jahren , in dessen regelmäßigen , römischen Zügen sich deutlich die Ungeduld der Erwartung und ihre ängstliche Spannung malte . Als er die Pforte leise öffnen hörte , sprang er auf , stürzte mit ausgebreiteten Armen aus der Laube , umschloß mit unbeschreiblicher Leidenschaft das junge Weib , das eben eingetreten , und sagte mit dem Ton der glühendsten Liebe : » meine Johanna , Du kommst ! O ich danke Dir ! « Dann zog er sie zärtlich in die Laube , nahm ihr den feinen Strohhut ab , strich die vollen Locken , die sich zu üppig vorgedrängt , von der Stirn , kniete dann zu ihren Füßen nieder , preßte die kleinen Hände fest in die seinen , und drückte lange , brennende Küsse auf ihre Lippen . So saßen sie stumm eine geraume Zeit - alles war still und heimlich ; kein fallendes Blatt unterbrach die Ruhe ringsum . Es war jene Mittagsstille in der Natur - das orientalische Brüten , die Ruhe , die sich selbst genießt , welche die Fühlhörner des Lebens zurückzieht und ihre großen Wünsche , die in fernen Blitzen aufzucken am Horizont , in schwülen Schlummer wiegt . Doch des Menschen Herz hat den rastlosen Pulsschlag des Lebens ; und mächtiger wird sein heißes Begehren , wenn alles ringsum wünschelos und regungslos schlummert . Die Blicke des jungen Weibes zogen den Zauberkreis immer enger um den Geliebten . Er flüsterte : » Sieh ' mich nicht so an , - das ertrag ' ich nicht ! Du willst mir nicht gehören ; du willst nicht mein werden - o so laß ' Deinen Blick sanft sein wie den Blick der Taube , ein stilles , argloses Glück spiegeln , die Idylle der Unschuld , den süßen Wahn der Kindheit ! Laß ' ihn ohne Verlangen sein , wie die stille , abendliche Flut , die keinen Sturm und keine Brandung kennt ! Doch selber glühend , weckst Du meine Glut , die mich verzehrt , die mich ringen macht nach Deinem Besitz ! « » Und Du siehst es nicht , daß ich Dich besitzen will , besitzen muß ! « - Er sprang auf , wie von bachantischer Wuth erfaßt , von dem Taumel des Gottes ergriffen , drückte krampfhaft die Frau an sich - küßte Busen und Schultern in flammender Leidenschaft . » Franz , vernichte mich nicht ! Du weißt es ja , wie ich Dich liebe ! Jede Fiber sehnt sich nach Dir , jeder Nerv zuckt nach Vereinigung . Ach , ich möchte Dir ja alles geben , was Dich glücklich macht ; und doch flehe ich zu Dir : schütze mich vor mir selbst , schütze uns Beide . Du bist der Stärkere ! Deinem Schutz muß ich vertrauen ! O warum bist Du so heftig ? Nun ist ' s das letzte Mal , daß ich Dich hier gesehn ! Unterbrich mich nicht - laß ' mich ganz ausreden ! Ich muß Dir jetzt Alles sagen , was mich schon lange gequält . Seit ich Dich gesehen , liebe ich Dich , mein Leben - bis dahin ohne Gehalt und Bedeutung , hat in Dir seine wahre Erfüllung gefunden . Ich habe mich diesem berauschenden Glück überlassen , ohne zu fragen : wie kann , wie soll das enden ? Jetzt aber sehe ich klar - wie unrecht ich daran gethan , wie gefährlich uns Beiden dieser Dämmerzustand des Herzens geworden . Als ich vor vier Jahren gezwungen wurde , meinen Gatten zu heirathen , wider meine Neigung - da glaubte ich zu lieben , ein süßer Irrthum , in dem jedes junge Mädchen befangen ist . Schon damals unterdrückte ich dies Gefühl ; nicht aus moralischen Grundsätzen ; nicht aus Pflichtbewußtsein ; sondern aus Stolz . Ich war die Frau eines Andern ; ich wollte , den Menschen gegenüber , vorwurfsfrei dastehen . Seit ich Dich kenne - weiß ich wohl , daß ich früher nie geliebt . Und die Seligkeit zu lieben , so mit aller Kraft lieben zu können , hat mir nie Zeit gelassen zur Reue . Und ich werde es nie bereuen , Dir die ganze Stärke meiner Leidenschaft offen gezeigt zu haben . Ich bin keine von den christlichen Hausfrauen , welche die heißen Wünsche ihres Herzens , aus Furcht vor moralischer Abkanzelung oder ewiger Strafe , unterdrücken , und in ihrem Tugendbewußtsein reichlichen Ersatz für alles geopferte Glück finden . Ich bin nichts weiter - als stolz - ich will keine Seligkeit , die ich mir stehlen , über die ich vor der Welt erröthen müßte . Darum und darum allein - gehöre ich Dir nicht ganz in Liebe an . Erschwere mir nun durch kein Wort , keine Bitte , mein Opfer ! Beklage mich auch nicht - ich bin durch die Liebe zu Dir so selig gewesen , als eine Sterbliche sein kann . Was sie auch für Schmerzen in ihrem Gefolge haben mag - ich scheue sie nicht ; ich werde Dir ewig für das höchste Glück meines Lebens dankbar sein . « Eine Pause folgte diesen Worten . Den Kopf fest in die Falten des Kleides gedrückt , saß der Mann unbeweglich da . Als er das Gesicht erhob , war es bleich zum Erschrecken , doch ruhig . Seine Hand zitterte sichtbar , als er die andere , ihm so theure Hand erfaßte . Doch fest stand er auf , und erwiederte : » Ich verstehe Dich , Johanna , wir müssen uns trennen ! Ich habe in Dir gefunden , was mir von Jugend an vorgeschwebt , als das Ideal des Weibes ! Und wenn der Traum eines ganzen Lebens zur Wirklichkeit geworden - so verrauscht er nicht mit den andern flüchtigen Wellen der Zeit ; sondern er prägt sich tief ein in das innerste Wesen mit ewig bleibender Bedeutsamkeit . So standest Du vor mir - so wirst Du immer vor mir stehen , in dem schalen Marionettenspiel aufgeputzter Puppen mit dem Hauch des Lebens und seiner Würde ! Doch daß auch die Weiblichkeit , die sich selbst behauptet , die nimmer herabsteigt zu unedlem Thun und Treiben , und dem Pariathum trotzt , zu dem das Gesetz dieser Gesellschaft die Frau verurtheilt - daß auch diese Weiblichkeit der rohen Gewalt verfällt , und schmachvoller Mißhandlung , daß ein roher Wüstling Macht hat über eine Seele , deren Heiligthum ihm verschlossen ist , deren unendlichen Reichthum er nicht ahnt - das empört mein Innerstes gegen dies unverständige Gesetz der Welt , das solche Frevel zu heiligen Rechten , und solche Tempelschänderei zu einem gottgefälligen Wandel stempelt ! O wie viel wirst Du noch leiden müssen unter den Menschen , die Deines Wesens Bedeutung nicht verstehn ! Und ich , der ich sie verstehe , der ich werth bin sie zu verstehn , der ich , beseligt von jeder neuen Offenbarung , auch aus dem kleinsten Zug seine ganze Tiefe herausfühle ; der ich Dich , wenn die verständnißlose Kälte der Welt Dich eisig anhaucht , mit meinem Odem erwärmen , mit meinen Pulsen beleben möchte - ich - kann nichts thun - als Dich fliehn ! « Der Schmerz des Mannes mußte groß sein : denn eine Flut schwerer Thränen entstürzte seinen Augen ; doch er schämte sich dieser Zeichen seiner Qual , drückte noch einen innigen Kuß auf die Augenlieder seiner Geliebten , und verschwand rasch . Sie selbst saß starr und unbeweglich , so lange sie noch die verhallenden Tritte hören konnte . Dann bedeckte sie noch einige Minuten mit beiden Händen die Augen - und erhob sich plötzlich mit entschiedener Willenskraft . Nur den verstörten Zügen war es anzusehn , daß sie erst nach schwerem Kampf diesen Sieg über ihr Gefühl errungen . Mit fester Haltung , das Haupt kühn und frei erhebend , ging sie dann nach ihrer Wohnung , dem lieblichen Wiesenthale . » Wieder einmal ein Schäferspiel gratis , ohne Entrèe , eine rührende Scene , « ließ sich die kreischende Stimme des Grafen Reitzenstein vernehmen ; » was sagen Sie dazu , Baron ? Irgend eine wohlmeinende Fee führt uns a tempo herbei , wenn von dem Gott der Liebe eine Episode in Scene gesetzt wird . Doch zum Teufel , wer war denn der Glückliche , der diesen Schäfer spielen und im Schatten dieses Paradieses flott d ' rauflos lieben konnte ? Ein beneidenswerthes Loos ! Im Salon dürfen wir armen Weltkinder die Liebe nur mit Glacéhandschuhen anfassen ; hier in Gottes freier Natur wird die Aktion lebhafter ; es arrangirt sich alles ungenirter , wie weiland im seligen Olympos . Doch wer mag der Kavalier gewesen sein , der in diesem romantischen Irrgarten herumtaumelte , bis er seiner Dulcinea an ' s Herz sank ? Ich muß ihn schon irgendwo gesehen haben - es ist eins von jenen Kupferstich-Gesichtern , die an den Läden zu hängen pflegen - etwas Apartes , was den Weibern gefällt ; etwas in seinem Wesen , was sich nicht nach dem gewöhnlichen Versmaaß unserer Salons skandiren läßt ! Ach , nun fällt mir ein ! Es ist ja der Leibarzt des Prinzen C. , ein sehr liebenswürdiger Doktor , der schon manche recht glückliche Kuren , besonders bei den Frauen gemacht haben soll ! - Aber wahrhaftig , Stein , die Oburn ist süperb ! Wie trefflich sie die kleine Tugendhafte spielte ! Man hätte fast glauben können , es wäre ihr damit Ernst ! Doch ich möchte wohl sehen , wie weit ihr gerühmter Stolz ausreichen würde , wenn unser Prinz selbst einmal mit dem Leibarzt die Rollen vertauschte ! « - » Glauben Sie an die Tugend dieser Frau ? Heuchelei , nichts als Heuchelei ! Die Tugend einer Frau , das perpetuum mobile , die Unsterblichkeit der Seele - das sind so verschiedene Variationen zu dem unerschöpflichen Thema der Chimären ; lauter Erfindungen müßiger Köpfe , patentirter Unsinn ! Wie wär ' es , lieber Stein , wenn wir selbst unser Glück versuchten ? Sollte es uns so schwer werden , ihr Trost zu spenden und ihrem Stolz ein wenig unter die Arme zu greifen ? « Kühn und siegsgewiß strich der Graf nach dieser Philippika seinen Schnurrbart , trällerte eine beliebte Opernmelodie und spielte mit der Reitgerte . Doch Stein entgegnete empfindlich : » Ich muß Sie bitten , ein für allemal über diese Dame in einem andern Ton mit mir zu sprechen . Nach dem Auftritt , dessen Zeugen wir eben waren , achte ich sie sehr hoch , wer sie auch sein mag ; und wenn Sie es wagen sollten , über diese Scene , die wir unritterlich genug waren , zu belauschen , frivole Klatschereien zu verbreiten , so werde ich die Ehre der Dame zu vertreten wissen . « » Aha , steht es so mein Freund ? Nun ich gratulire , und wünsche besseren Erfolg , als Daphins der Erste erlangt , « entgegnete hämisch Graf Reizenstein . 5 Am Abende dieses Tages gab der Großfürst Constantin von Rußland der haute-volée Karlsbads einen glänzenden Ball . Dieser Ball war ein Ereigniß für die Badewelt , die sich in mancherlei spöttischen und geistvollen Bemerkungen über die persönlichen Beziehungen des Fürsten , über sein Familien- und Herzensleben erging . Denn diese Verhältnisse waren keinem der Karlsbader Gäste ein Geheimniß . Sah man doch seine Gemahlin , die edle Fürstinn Helene , täglich bleicher und kränker am Brunnen erscheinen , während das Auge ihrer Hofdame , der üppig schönen Gräfinn Sidonie von Lichtenfels jeden Morgen freudiger strahlte , wenn es den flammenden Blick des Fürsten traf . Daraus schloß denn die natürliche Logik der Karlsbader Gesellschaft , daß dieser Ball von dem Fürsten , weniger zu Ehren der kranken Gemahlin , als zur Unterhaltung der Gräfinn Sidonie gegeben wurde , welche den Tanz leidenschaftlich liebte . Da Schönheit und Reichthum sich überall Geltung verschaffen , so war auch Madame Oburn mit zu diesem Feste geladen . Es war nicht Leichtsinn , daß sie erschien , nach so tiefen schmerzvollen Erlebnissen des Herzens : es war der Stolz , der weder andern , noch sich selbst einräumen wollte , daß sie unendlich litt . Als sie am Morgen ihre Wohnung wieder erreicht , schloß sie ihr Gemach , ließ die Vorhänge nieder , drückte das Gesicht tief in die Kissen des rothseidenen Divans , und preßte die Hände fest an das Herz . Das war die Feierstunde , in der sie alle Bilder der Seele heraufbeschwor , den Schmerz walten ließ mit aller Macht , bis die wilden , zerreißenden Akkorde allmählich übergingen in sanftere Melodien , bis sie schwelgen konnte in diesen phantastisch-süßen Uebergängen , und so den Schmerz besiegte , indem sie sich ganz ihm hingab . Als die Zeit der Toilette kam , erhob sie sich ruhig , klingelte ihrem Kammermädchen , und ließ sich zum Ball schmücken . Gleichgültig betrachtete sie in dem hohen Mahagoni-Spiegel ihr Bild . Und wenn sie auch ohne Eigenliebe sich zugestehen konnte , daß es reizend war - so konnte dieß Geständniß doch kein Lächeln der Befriedigung hervorrufen . Ein echtes Weib ist nur dann eitel , wenn sie den Geliebten durch ihre Reize beseligen will . Was lag ihr Heute an ihrer Schönheit , da ihr Geliebter sie nicht bewundern konnte ? Ihr Anzug war einfach , aber schön . Sie trug ein weißes Blondenkleid , mit Rosa-Atlas gefüttert , einen Kranz von natürlichen Rosen in den langen braunen Locken , und um den marmorweißen Hals eine Schnur echter Perlen . » O Madame , wie engelsschön sind Sie heute , « sprach die treue Lisette , die schon Jahrelang die Dienste einer Kammerjungfer versah ; dabei musterte sie die holde Erscheinung von allen Seiten . » Wie werden die alten , häßlichen , vornehmen Damen noch häßlicher werden vor Neid , und gelber , als sie schon jetzt sind ; und wie glücklich werden all ' die schönen , feinen Fürsten und Grafen sein , wenn sie nur einen Blick von Ihnen erhaschen . « » Schweig doch , Lisette , mit diesen albernen Reden ; Du weißt es ja zu gut , wie traurig mein Herz unter diesem Atlas schlägt . Ich bin wohl kindisch , daß ich solche Angst habe ; doch ich fürchte mich fast , allein in diese Gesellschaft zu gehn . Der heutige Tag steht so bedeutsam vor meiner Seele , als müßte er ein Wendepunkt meines Geschickes sein , der mich unvermeidlich in ein neues Verhängniß hineinreißt . « Sinnend und ernst sah sie sich darauf noch einige Sekunden im Spiegel mit prüfendem Blick an - ließ sich dann die weiße Spitzen-Mantille um den edlen Nacken legen , sprang graziös in den Wagen , und rief mit jugendlich heller Stimme dem Kutscher zu : » Zum Palais des Großfürsten Constantin ! « Hier saß im Empfangzimmer die Fürstinn auf sammetnem Divan , neben ihr die ältesten und vornehmsten Damen , und hatte für jeden der ankommenden Gäste ein freundlich-gewinnendes Lächeln in Bereitschaft . Doch hinter diesem Lächeln , hinter all ' dem Glanz , der sie umgab , lauerte der schadenfrohe Dämon , welcher den Großen dieser Welt auf der Ferse folgt . Noch am Abend waren die Augen der Fürstinn trübe und geschwollen durch anhaltendes Weinen ! Vergebens umstrahlte sie die Pracht der Diamanten ; vergebens borgten ihre eingefallenen Wangen von der Schminke einen lügnerischen Glanz . Ihr unseliges Schicksal sprach allzu beredtsam aus ihrem Blick . Der jüngere Theil der Damen ging indeß gruppenweise , auf die ersten Töne des Orchesters sehnsüchtig harrend , im Saale auf und nieder . Unter den jugendlichen Gestalten zeichnete sich die Gräfinn Lichtenfels auffallend aus . Es war eine Junonische Figur , mit tiefschwarzen Locken , brennenden großen , braunen Augen und strengregelmäßigen Zügen . Ihr Teint war blendendweiß , ätherisch gehoben durch ein feuerrothes Creppkleid , das den üppigen Busen , die Schultern und Arme frei ließ . Aehren von Diamanten waren überreich in die Locken genestelt und zeugten von dem feinen Geschmack und dem Reichthum der Dame . Mit herausforderndem , frechem Blick musterte sie durch die geöffneten Flügelthüren die Herren , die in dem nächsten Salon versammelt waren . Bei aller Schönheit war diesem Wesen doch der Stempel einer Sinnlichkeit aufgedrückt , die jedes geistige Element ausschloß , und sich , im vollen Bewußtsein ihrer alleinigen Berechtigung breit zu machen suchte . Unangenehm berührt wandte die reine Fürstinn ihr gekränktes Auge von ihr , so oft sie eine unfreiwillige Zeugin von der heißen Glut war , mit der ihr Gemahl an jeder Bewegung dieser Circe hing . - Ein Geräusch im Vorzimmer verkündete den Eintritt eines neuen Gastes . Die Herren hielten ihre Lorgnetten unverschämt vor die blöden Augen , und nahmen die widerlich süßesten Minen an . Auch Gräfinn Sidonie wandte ihr schönes Köpfchen dorthin , und ein unangenehmer , höhnischer Zug um den kirschrothen Mund ließ errathen , daß die neue Erscheinung gerade keinen erfreulichen Eindruck machte . Mit großer Verachtung , die sich besonders im Ton der Stimme aussprach , wandte sich die Gräfinn zu einer neben ihr stehenden Dame mit den Worten : » Nein , das ist empörend ; das ist zu arg ! Sehen Sie nur - da erscheint sogar die Madame Oburn in unserem Kreis . Ich begreife wirklich nicht , wie der Fürst die Rücksichten , die er der Gesellschaft und seinem Range schuldig ist , so sehr vergessen kann , daß er diese Bürgerliche hier einführt . Aber so sind die Männer ! Wo sie ein hübsches Lärvchen entdecken , da übersehen sie die fehlenden Ahnen , und ergehen sich noch in lächerlichen Phrasen , in denen die guten und bösen Geister eine Hauptrolle spielen , der gute Zeitgeist , der den bösen Kastengeist besiegt , und wie die schönen Redensarten alle heißen . Ich werde aber nie vergessen , was ich mir schuldig bin . Auf denn , meine Damen , wir wollen uns gegen diese Toleranz der Herren opponiren , und für den heutigen Abend auf die Freude des Tanzes verzichten , wenn wir sie mit Madame Oburn theilen sollen . Sie muß es fühlen , daß sie in diese Gesellschaft nicht gehört , und uns künftigen Skandal ersparen . « » Sehen Sie nur , sehen Sie nur , « zischelte es von vielen süßen Lippen , » wie unbeholfen und ängstlich sie scheint ; wie haltlos sie nach Rath und Hülfe sucht ! Und welche gewöhnliche Schönheit - ein frisches Landgesicht , wie man ' s bei der Heuernte dutzendweise sieht ; nichts weiter ! Und darüber machen die Kavaliere so viel Geschrei , daß man in allen Gesellschaften von dieser obskuren Person hören muß ! « Die junge Frau , welche den hochadligen Damen so großes Aergerniß verursachte , schien indeß nichts weniger als verlegen . Mit einer Sicherheit , als sei sie von Jugend auf an so prächtige Räume und an so geistlos vornehme , nichtssagende Physiognomien gewöhnt , schritt sie stolz durch das Vorzimmer in den Empfangssalon der Fürstinn Helene , sah die unglückliche Frau mit lieben , unschuldsvollen Augen so bittend , so verständnißinnig an , daß sie bei ihr augenblicklich das regste Mitgefühl erweckte . Die Fürstinn verließ ihren Platz , trat der Oburn einen Schritt entgegen , reichte ihr freundlich , wie zum Schutze die Hand , und zog sie neben sich auf ein leeres Tambourett nieder . Die Hofgesichter wußten nicht , wie sie bei diesem unerwarteten Anblick ihre Mienen zurecht legen sollten . Zum Glück für sie wurden jetzt die Thüren des Ballsaals geöffnet und ein rauschender Walzer des in jenem Sommer so beliebten Componisten Labitzki überhob sie aller Zweifel . Die beatlasten Füßchen der Damen trippelten vor Ungeduld , ob der Vornehmste der Gäste , Prinz C * * , nicht das Signal zum Tanze geben werde ! Alle hatten den großartigen Entschluß , mit einer ahnenlosen Frau nicht in die Reihen zu treten , über der verführerischen Melodie vergessen . Gräfinn Sidonie stand graziös in stummer Erwartung ; denn es handelte sich um die Frage , mit welcher Dame wohl der Prinz den Reigen eröffnen werde . Obgleich sie die erklärte Geliebte des Großfürsten war , hatte sie doch alle ihre Koketterieen angewandt , während der Saison die Aufmerksamkeit des Prinzen auf sich zu ziehen , dessen Empfänglichkeit für weibliche Schönheit keineswegs zu den Mysterien Carlsbads gehörte . Bis jetzt hatte er allen ihren Lockungen ein kalt höfliches Benehmen entgegengesetzt , und ihren Hochmuth dadurch bitter gekränkt . Gerade deßhalb war sie bereit , zu dieser Eroberung alle ihre Kräfte aufzubieten , und hoffte viel von dem heutigen Abend , weil sie die Königinn dieses Festes war , welcher der Prinz , nach allen Regeln der Etikette , sich nähern mußte . Schon eine geraume Zeit hindurch ertönte die Musik , und noch immer stand der Prinz , vornehm nachlässig , in der Salonthüre , den reich und bunt geschmückten Frauenkreis mit gleichgültigem Blick übersehend . Endlich ging er , dem Ceremoniell gemäß , langsam auf die Großfürstinn zu , um mit ihr , als der Dame vom Hause , die Polonaise aufzuführen . Als er ganz nahe vor ihr stand , blieb er plötzlich , wie verzaubert , stehen - ein unbeschreiblicher Ausdruck der Ueberraschung und des Entzückens überflog seine Züge . Starr blickte er einige Sekunden die Madame Oburn , die neben der Fürstin saß , an ; ging , wie bewußtlos , zu ihr , und bat sie fast schüchtern um das Glück mit ihr zu tanzen . Freundlich reichte sie ihm den Arm , und , von den Wellen der Musik getragen , schwebte das schöne Paar durch den Ballsaal . Das Geflüster der Medisance , aufgeregt durch so unerhörten Vorfall , zischelte rechts und links . Nur wenige Herren , namentlich der Großfürst , räumten ein , daß der Prinz ganz vernünftig handle , wenn er , unbekümmert um Rang und Etikette , mit der Dame tanze , die ihm am besten gefalle . Zu jener Zeit war der Prinz C * * ein verführerischer Mann , mit einem schönen Kopf , geistreichen Augen , einer edeln griechischen Nase , einem überaus feinen Mund , der bei dem eigenthümlich-angenehmen Lächeln zwei Reihen auffallend kleiner , weißer Zähne blicken ließ , mit einer eleganten , großen und schlanken Figur . Auch lag in seinem Wesen eine Ritterlichkeit , deren Zauber durch echt modernen esprit erhöht wurde und dem Prinzen da , wo es ihm darauf ankam , all ' die brillanten Pointen seiner Persönlichkeit zusammen zu fassen , unwiderstehlich machte . Zum ersten Male in seinem Leben war dieser feine Weltmann befangen , und um Worte verlegen . Dieser Frau gegenüber wollte ihm eine gewöhnliche Ball-Conversation nicht gelingen . Er fühlte wohl , daß er hier andere Saiten berühren müsse . Mit leidenschaftlichem Blicke versenkte er sich in das reizende Formenspiel dieser Frau , fester , als es die Sitte des Tanzes verlangt , umschlang er ihre zarte Taille ; für alles andere waren seine Sinne verschlossen . Er bemerkte weder die boshaften Blicke der Gräfinn Sidonie , noch die ängstlich-besorgten der Fürstinn Helene ; frei und ohne Zwang überließ er sich seinem Gefühl . Doch seine Tänzerinn verrieth deutlich die Angst , die sie über diese sichtbare Auszeichnung fühlte . Sie entzog sich ihm , wo es nur irgend möglich war , obgleich der Prinz sie fast keinen Augenblick verließ . In höchster Bedrängniß irrte ihr Auge umher , Schutz suchend bei irgend einem befreundeten Wesen . Doch alle