aus dem Leben gehen kann . « Johannes trat noch ein paar Schritte zurück und lehnte sich an den Ecktisch , auf dem die Nachtlampe stand - durch den kleinen Stoß an den Tisch tauchte das Lämpchen unter das Oel , auf dem es schwamm , und verlöschte . Amalie schrie auf - ihm gab der kleine Umstand die Fassung wieder - er erinnerte ihn daran , daß er ja der Wärter einer Kranken sei , welche Schonung bedürfe . Er nahm das Feuerzeug zur Hand , und gab der Lampe ihre Flamme wieder , sie brannte aber jetzt unruhiger , flackernder als zuvor . Johannes sah , wie Amalie im Fieber glühte - er warf einen besorgten Blick auf sie und setzte sich stumm neben ihr Bett . » Bin ich keines Wortes mehr werth ? « fragte Amalie seufzend . » Du wolltest mir einen Wunsch nennen , den ich Dir erfüllen könnte , « sagte er ruhig und bezwang sogar das Beben seiner Stimme - » Warum nennst Du ihn nicht ? Ich bin zu Allem bereit , was Du verlangst , wenn es in meiner Macht ist . « » Versöhne mich mit ihm ! « rief sie . » Mit wem ? « fragte er tonlos . » Mit Jaromir von Szariny ! « flüsterte sie und drückte ihr erglühendes Antlitz in die Kissen . » Ich kann nicht sterben , wenn er mir nicht vergeben ! - Ach , lass ' Dich beschwören , « fuhr sie fort , » der Tod lös ' t ja alle Bande der Convenienz , macht Alles gleich - im Angesicht seiner dürfen alle Schranken fallen und Seele zur Seele reden , wirf mit mir alle Vorurtheile bei Seite und erfülle meine Bitte , ich muß ihn sehen ! « » Wie wäre das möglich ? « sagte Johannes bestürzt . » Ist der Graf denn hier ? Und dann - und - « er war zu betroffen von dem nun eben Gehörten , in dem er ja noch gar keinen Zusammenhang fand , um darüber ruhig denken und sprechen zu können , und dabei sagte er sich selbst unaufhörlich , daß er die Tod ranke schonen , jede Aufregung vermeiden müsse - und doch war sein Herz so voll von eben darin erweckten Qualen , daß es Tausend verzweiflungsvolle Fragen , welche der Mund nimmer auszusprechen wagte , an die Gattin that . » Ach , Johannes , « begann sie wieder , » ich habe Dir Alles sorgfältig verborgen , was mich gemartert hat bis zu dieser Stunde . Darüber bin ich oft launenhaft und hart gegen Dich gewesen , denn es ist nicht leicht , sein Herz zu einem Gefühl überreden zu wollen , zu dem es ewig nein sagt . « » Aber Amalie , ich beschwöre Dich ! - « sagte er mit gepreßter Stimme . » Still , Johannes , « fiel sie ihm in ' s Wort , » ich weiß , was Du sagen willst , schone mich nicht - doch Du willst dies , und so will ich denn selbst für Dich reden . Du willst mich fragen , warum ich Dein Weib ward , da ich doch einen Andern liebte . - - - Ach , ich war ein thörigtes , eitles Mädchen . Jaromir studirte in meiner Vaterstadt - wir hatten uns gesehen , erst nur aus der Ferne , als wir uns schon liebten - der schöne , stolze Graf , der liebenswürdige Pole , um dessen Zuneigung sich die vornehmsten Frauen und Fräuleins der Stadt vergebens bemühten - er lag zu meinen Füßen , zu den Füßen des armen Mädchens , das Niemand kannte , Niemand beachtete , das um Lohn manche Stickerei für jene reichen Damen liefern mußte , die ihn in ihre Netze ziehen wollten . O , ich war selig ! Meine Mutter machte erst Einwendungen gegen unser Liebesverhältniß , der Abstand der Verhältnisse machte sie mißtrauisch - aber Jaromir besiegte ihre Einwendungen - re wechselte den Ring mit mir , er erklärte uns , daß er selbst ziemlich so arm sei , wie wir , daß er ein Geächteter sei , dessen Güter der Russischen Krone verfallen , daß er keine Familie habe , die seine Wahl misbilligen werde , daß er , wenn er selbst ein andres Mädchen als mich lieben könne , doch zu stolz sei , als Bettler und Geächteter um die Hand einer Reichen und Hochgestellten zu werben - und Allem fügte er hinzu , daß er mich über Alles liebe und daß dies ja der beste Grund sei , ihn nicht abzuweisen . - Ach , wie beredt er immer sprach , und welch ' selige Stunden wir verlebten , als meine Mutter selbst unsere Liebe beschützte ! - « Und Amalie lächelte , als sie so sprach , und blickte vor sich nieder , in selige Erinnerungen versunken , Erinnerungen , welche eine solche Gewalt über sie hatten , daß sie jetzt ihrer Sprache einen lebhafteren Ausdruck gaben , daß vor ihnen die Schwäche des kranken Körpers zu weichen , seine Schmerzen aufzuhören schienen . Unter entsetzlichen Qualen rang Johannes während dieses Geständnisses , er vermogte nicht mehr , die begeistert Sprechende anzusehen , er blickte vor sich nieder , und blieb stumm . Nach einer Weile begann sie wieder : » Niemand ahnte unser verborgenes Glück - Jaromir galt in der Gesellschaft als ein Sonderling , den nur die Einsamkeit reize - o , es war die Einsamkeit meines kleinen Zimmers , das für uns ein Paradies war . Aber so schön , so geistreich , wie er war , so unbedeutend kam ich mir neben ihm vor , und je leidenschaftlicher ich ihn liebte , desto häufiger quälten mich auch eifersüchtige Befürchtungen ! - Ein halbes Jahr , nachdem wir uns kennen gelernt , ward er auf der Universität in Händel verwickelt , welche ihn zwangen , diese und die Stadt zu verlassen . Wir nahmen traurig Abschied , und gelobten uns ewige Treue . - Mein Leben ward furchtbar öde , da er fort war - wir schrieben uns oft , wenn auch die Mutter darüber schalt , daß ich Tage lang schrieb , ohne zu nähen , und über das viele Postgeld . Aber nun ward die Eifersucht zu meinem Dämon - ich hatte keine ruhige Minute mehr . Schrieb er mir einmal länger nicht , als gewöhnlich , so sprach ich im nächsten Brief meine Unruhe darüber aus , machte ihm Vorwürfe , nannte ihn untreu - « die Kranke unterbrach sich hier , sie fing an zu schluchzen , nach einer Weile sammelte sie sich wieder und fuhr fort : » So war in stiller Pein ein halbes Jahr verstrichen , da wurdest Du der Lebensretter meiner Mutter - sie war auf den vom Eise glatten Stufen gefallen , hatte den Arm gebrochen , Du hobst sie auf , brachtest sie zu dem Chirurgen , dann in unsre Wohnung - Du sahst , wie arm wir waren , wie wir noch ärmer werden mußten , da die Mutter nun nicht mehr arbeiten konnte , Du bezahltest den Arzt , Du halfst überall , und doch warest Du selbst arm . So war ich Dir gleich , als ich Dich kennen lernte , zu Dank und Lohn verpflichtet . « » Verpflichtet ? O , mein Gott ! « rief jetzt Thalheim , sich vergessend , außer sich . » Pflicht - wo ich ein Herz bot für ein Herz , Dank und Lohn , diese Kinder des Hochmuthes und des Egoismus , wo ich nach wahrer Liebe mich sehnte ! O , Amalie , wie jämmerlich klein mußt Du von mir gedacht haben ! « Und er sprang mit diesen Worten auf , ging an ' s Fenster und drückte die brennende Stirn an die kühlen Glasscheiben . » Bleibe hier , Johannes , « bat sie , » ich gestehe Dir jetzt meine Schuld , damit ich versöhnt sterben kann . Warum klagst Du in schmerzlicher Ueberraschung ? Ich habe es Dir zuvor gesagt , daß ich Deiner Vergebung ja so sehr bedarf ! Komm , komm ! « » Vergieb mir , « sagte er , » diese Aufwallung , ich will still anhören . « Und er setzte sich wieder auf seinen vorigen Platz , drückte schmerzlich-lächelnd Amaliens Hand , die sie ihm entgegen streckte , und sah dann aufmerksam lauschend vor sich nieder . Niemand konnte es ihm mehr ansehen , welche widerstreitenden Gefühle in seiner Seele tobten . Die Kranke begann wieder : » Lass ' mich kurz sein . Du gingest oft bei uns aus und ein , meine Mutter hing mit der wärmsten Hochachtung und zugleich zärtlichsten Mutterliebe an Dir - ich bewunderte Deine Großmuth , Deine Aufopferungen , Deine stete Milde - aber mir war ewig , als stündest Du auf einer kalten , klaren Höhe , die ich nimmer erklimmen könnte , die mich auch nimmer lockte . Da war es wieder einmal , daß mir Jaromir lange nicht geschrieben , ein Gerücht nannte ihn als den Liebhaber einer schönen verwittweten Gräfin - ich machte ihm eifersüchtige Vorwürfe , die er stolz ignorirte , endlich antwortete er aufgebracht , ich möge ihn nicht so unzart quälen , er thue es ja auch mir nie , denn er vertraue mir - - In diesen edlen Worten sah ich nur die Sprache der Gleichgültigkeit , mein Stolz überredete mich , daß er mich so sehr in seiner Gewalt zu haben glaube , daß neben ihm für mich jeder andere Mann verschwinden müsse - dafür wollt ' ich ihn demüthigen , ich schrieb ihm begeistert von Dir , war auch freundlicher als zuvor gegen Dich , um ihm zu zeigen , daß noch andere edle Männer um meine Gunst sich bewerben könnten . O , er kannte mich nur zu gut ! Er machte einen Scherz aus meinem Bestreben , seine Eifersucht zu erregen , wie er es durchschaute , und schrieb mir , daß er trotz dem meiner unveränderten Liebe gewiß sei - - ich hatte kaum diesen Brief , der meinen Stolz empörte , durchflogen , und ihn zürnend weggeworfen , als Du kamst , mir Deine Liebe gestandest , mir Deine Hand botest - und wenn ich nun Ja ! sagte , rief eine teuflische Stimme in mir , so wäre Jaromir doch gedemüthigt , und ich sagte Ja in derselben Stunde , und meine Mutter kam und segnete uns . « Amalie hielt erschöpft inne , und Johannes flüsterte zwischen den Lippen : » Unüberlegte , kindische Rache eines eitlen Mädchens , und meine wahre , riesenstarke Liebe ! « Sie fuhr nach einer Weile fort : » Du warst so gütig , so edel , ich sah mich so unendlich geliebt , Du übtest einen mächtigen Zauber über mich - meine Mutter dankte Dir ihr Leben und mehr , sie hatte längst gehofft , mit der Zeit werde mein Verhältniß zu diesem Jaromir enden , denn sie sah nicht ab , was daraus werden sollte - sie war glücklich über meine Handlung , ich war wie eine Träumerin - erst nach Wochen , als ein Brief Jaromir ' s anlangte , worde er sein Befremden über mein längeres Schweigen ausdruckte , und ängstlich zärtlich fragte : ob ich krank , oder was sonst geschehen sei ? - da kam ich erst eigentlich zum klaren Bewußtsein dessen , was ich gethan hatte . Ich war in Verzweiflung - meine Mutter schrieb für mich an Jaromir , besinnungslos unterschrieb ich den Brief - ich ward krank , dadurch entging Dir mein tiefes Herzeleid . Ich hoffte immer noch , er würde wieder schreiben , mich beschwören , zu widerrufen - dann wollte ich mein Wort von Dir zurückverlangen , es möchte daraus entstehen , was da wolle . Aber er schickte mir meinen Ring wieder und schrieb kein Wort dazu . Da wollte ich glücklich sein - ihm zum Trotz . In solchen Momenten war ich dann so zärllich gegen Dich , wie ich es nur immer gegen ihn gewesen - und es war doch nur eigentlich er , den ich in Dir liebkoste . Ach , ich habe untreu gegen ihn gehandelt , mein Gefühl konnte ihm nie untreu werden ! « Sie hielt wieder inne , von Erinnerungen überwältigt . - Das Nachtlicht flackerte unruhig , die Uhr im Zimmer schlug helltönend Mitternacht . - Nach einer langen Pause begann Amalie auf ' s Neue : » Meine gute Mutter starb , ich wäre verlassen und hilflos gewesen , wenn Du Dich meiner nicht angenommen . Du führtest mich zum Altar . Ich mußte das Schicksal segnen , das mir in Dir diese Stütze gab - aber doch war ich nicht ruhig , nicht glücklich , ich konnte Jaromir nicht vergessen ! - Ach , Johannes , kannst Du mir das Alles vergeben ? Kannst Du mir es vergeben , damit ich ruhig sterben kann ? « » Vergeben ist eine heilige Pflicht , « sagte Johannes aufstehend und feierlich , aber mit gepreßter Stimme . » Ich vergebe Dir Alles ! « » Du vergiebst mir - nur aus kalter strenger Pflicht , nicht aus zärtlichem Herzen , Du vergiebst mir , weil es Deine strenge Tugend Dir so befiehlt - « flüsterte sie vorwurfsvoll , » doch ja , ich verdiene das - Du vergiebst doch - ich danke Dir ! Aber vollende , kröne Dein Werk , wenn ich , mit Dir versöhnt , sterben darf , so versöhne mich auch mit Jaromir , ich habe an ihm unrecht gehandelt , wie an Dir , ich habe ihn unglücklich gemacht , wie Dich - - ! « Johannes sah sie fragend an und schwieg . Nach einer Pause begann Amalie wieder hastig : » Du willst mich nicht verstehen - Jaromir ist hier , ich habe ihn wiedergesehen ! « » Auch noch das ! « sagte Johannes tonlos . » Einige Tage vorher , eh ' ich krank ward , sah ich ihn unter meinen Fenstern vorübergehen - die fünf Jahre unsrer Trennung hatten ihn sehr verändert , er sah blaß und abgezehrt aus , und ein tiefer Gram wohnte in seinen früher so fröhlich glänzenden Augen , Mehrmals des Tages ging er vorüber , immer sah er herauf - aber ich bezwang mich , und verbarg mich immer hinter den Blumen am Fenster - nur ein Mal in der Abenddämmerung warf ich ihm eine geknickte Rose zu , an die ich einen Zettel mit den Worten gebunden hatte : Wir dürfen uns einander nicht nähern , aber mein Herz bewahrte für Jaromir immer dasselbe Gefühl . Er drückte die Rose an seine Brust , bedeckte sie mit Küssen , und obwohl es schon dunkelte , sah ich doch an allen seinen Bewegungen die eines Glücklichen . Am andern Tag ward ich so krank , daß ich das Bett nicht wieder verlassen konnte . - Weiter habe ich ihn nicht gesehen und Nichts von ihm gehört , denn ich wagte nicht , Jemanden nach ihm zu fragen . Nun geht es mit mir zu Ende - ich kann nicht sterben , bis ich ihn nicht noch ein Mal gesehen , bis er mir nicht vergeben . Der Sterbenden darfst Du es nicht verweigern , den letzten Abschied von dem zu nehmen , der dem Herzen , das bald nicht mehr schlägt , Alles war . « » Thue , was Dir Dein Herz gebietet , « sagte er , » Du bist mir für keinen Deiner Wünsche , Deiner Gefühle mehr verantwortlich , seitdem ich weiß , daß ich Deine Liebe nie besessen . - Du betrachtest Dich als eine aus dem Leben Scheidende - aber Du kannst Dich irren ; Du betrachtest den Mann Deiner Liebe als einen durch fünf lange Jahre sich gleich Gebliebenen - und Du kannst Dich auch irren . Bedenke , daß es Dich dann reuen könnte , durch ein Wiedersehen , wie Du es ersehnst , dem Herkömmlichen , dem man Achtung schuldig ist , zuwider gehandelt zu haben . « » Bemühe Dich nicht , mich von meinem Wunsch abzubringen - « fiel sie ihm bitter in ' s Wort , » seiner bin ich gewiß ! Ich habe mich bezwungen , so lang ' ich lebte , dem Tod gegenüber hört dies elende Spiel auf , wie bald das elende Leben . Ich bin eine hilflose Kranke , es steht in Deiner Macht , mir meinen letzten Wunsch nicht zu erfüllen , und mich unversöhnt und qualvoll sterben zu lassen - thu ' es - und mein verzweifelnder , brechender Blick wird ewig vor Deiner Seele stehen - Du wirst - ! « » Spare Deine Worte , « sagte er mild zu der Heftigen , » gönne nun endlich Deinem Körper Ruhe , das viele Sprechen macht Dich matt . Ich will dem Grafen schreiben , daß er zu seiner sterbenden Amalie kommen soll - und er wird kommen . « Aber länger konnte sich Johannes nicht beherrschen , er eilte zur Thüre hinaus in den finstern Vorsaal , riß draußen das Fenster auf und starrte in die Nacht hinaus . Es wäre vergebens , schildern zu wollen , was ihn jetzt so heftig bewegte . Er liebte seine Gattin - und all ' die Stunden , in denen er früher an ihrer Seite glücklich gewesen , sanken vor ihm in Nacht - er war auch um seine Erinnerungen betrogen - ein Betrug waren diese vier Jahre - sie hatte ihn nie geliebt . III. Jaromir » Zu lieben mit dem reinsten , wärmsten Triebe , Bis Dir das Herz im Rausch der Weihe bricht - Und grüßt Dich dennoch keine Gegenliebe , Das ist der Leiden bitterstes noch nicht . « Karl Beck . In einer geschmackvoll meublirten Stube lag im modischen Schlafrock ein junger Mann auf dem weichen Sopha bequem und schief ausgestreckt . In der einen feinen , weißen Hand hielt er eine glimmende Cigarre , mit der andern , an der ein kostbarer Siegelring blitzte , hielt er die Blätter eines Romanes , der vor ihm aufgeschlagen auf dem Tisch lag und in dem er eifrig las . Der junge Mann hatte eines jener Gesichter , deren ganzer Ausdruck in den Augen ruht ; wenn sie mit diesen vor sich nieder sehen , so ist das ganze Gesicht höchst unbedeutend , sind dieselben aber gerad aus oder aufwärts auf irgend einen Gegenstand gerichtet , so genügen sie allein , den , dem sie gehören , schön und interessant zu machen . Die Augen des Lesenden waren von einem dunklen Braun , aber so glänzend und hell bei dieser tiefen Dunkelheit , daß man oft nicht wußte , ob man sie licht oder dunkel nennen sollte . Lange Wimpern beschatteten sie , und gaben ihnen einen schwärmerischen Ausdruck . Die braunen Haare fielen zu beiden Seiten des blassen Gesichtes in leichten Wellenlinien , ringsum in gleicher Länge die Halsbinde berührend , herunter , ein kleiner Bart umgab den Mund , um welchen ein verächtliches Lächeln spielte . Eine malerische Unordnung herrschte in der Stube . Bücher lagen auf den Stühlen , ja hie und da auch darunter . Leere Cigarrenkistchen standen auf einem Bücherbreie , und mancher gelbe Glacehandschuh steckte seine fünf Finger aus einem Winkel des Schreibtisches , wie bedenklich drohend , hervor . Ein feiner schwarzer Filzhut saß verwegen genug auf einer weißen Büste Göthes , und eine gefüllte Geldbörse lag zu den Füßen einer niedlichen Statuette der Taglioni . Auf einem Seitentisch lagen Briefe , Visitenkarten , Journale u.s.w. wirr genug durcheinander . An den Fenstern hingen mehrere zierliche Diophonieen von Porzellan , an den buntgemalten Wänden hingen einige werthvolle Stahlstiche in goldenen Nahmen und manche niedliche Stickerei , die als irgend ein brauchbares Meubel diente . Luxus und Nachlässigkeit , die doch immer noch geschmackvoll und , wenn man will , ästhetisch blieb , reichten einander in diesem Zimmer die Hand . Sein Bewohner war Graf Jaromir von Szariny . - Die Thüre ward geöffnet , und ein junger Mann trat herein . Er war ziemlich lang und blond , hatte sehr lichte Augen , und sah überhaupt sehr farblos und sehr langweilig aus . Es war Baron von Füßli . Die Herren begrüßten einander heiter und freundschaftlich , und Szariny entschuldigte sich leichthin , daß er noch nicht zum Ausgehen fertig sei , indem er die Zeit unbeachtet habe verstreichen lassen . Er schritt darauf zur Vollendung seiner Toilette , während sich Füßli in den Lehnsessel am Fenster warf und gähnend sagte : » Aber , mein Bester , wissen denn auch Sie gar nichts Neues ? « » O , ich sage Ihnen , diese Residenz ist eines der langweiligsten Nester , die ich kenne , selbst auf dem Gute meines Oheims war es nicht langweiliger , und Berlin würde ich im Leben nicht verlassen haben , wenn nicht Bella auf den wahnsinnigen Einfall gekommen wäre , sich hier engagiren zu lassen - und ganz aufrichtig gestanden , auch sie fängt jetzt an mich zu langweilen . - Wäre sie nur noch einige Monate in Berlin geblieben , so war meine Leidenschaft ruhig abgekühlt , und ich hätte sie ruhig reisen lassen , statt daß ich den dummen Streich machte , ihr zu folgen . Sechs Wochen bin ich nun schon hier ! Und warum ? Um mich so zu langweilen , daß mir diese sechs Wochen wie eben so viel Monate , - ach , was sage ich , eben so viel Jahre erscheinen . « » Nun , « versetzte Jener , » ich fange seit Kurzem an , mir einiges Amüsement zu versprechen . Neulich im Theater hab ' ich ein bildhübsches , muntres Mädchen gesehen , von dem ich jetzt weiß , daß es eine Pensionärin des Nollin ' schen Instituts ist . Sie war jugendfrisch , wie eine Obstbaumblüthe , hatte blitzende Augen , die sich munter und keck nach allen Seiten drehten , lebendige Beweglichkeit - kurz , ich glaube ein muntres Fischlein , das leicht zu fangen - und wenn es dann an meiner Angel hängt - wer weiß , im Nollin ' schen Institut sind nur reiche Mädchen - - « » Wahrhaftig , Sie amüsiren mich - ein hübsches Kind gefällt Ihnen auf dem ersten Anblick , und Sie knüpfen sofort weitläufige Combinationen daran , welche bis zum Traualtar gehen . - Alle Liebesverhältnisse arten in Langeweile aus - aber bis zur Langeweile des ehelichen Lebens nein , dahin soll es mit mir nicht kommen , daran können auch Sie nicht ernsthaft denken ! « Der Baron sagte achselzuckend : » Je nun , eine reiche Partie ist oft das einzige Mittel , einige finanzielle Lücken auszufüllen - man spielt eine neue Rolle in der Welt , wenn man das eigne Haus zum Mittelpunkt glänzender Feste machen kann . - Und was wollen Sie ? Eine fashionable Ehe lös ' t doch nur ein Liebesverhältniß auf - das , welches wir mit unsrer Gattin hatten , bevor sie solche war - jedes andere wird dann nur um so pikanter . « Jaromir lachte und sagte dann kopfschüttelnd : » Dann wählen Sie nur kein harmloses , unschuldiges Mädchen , sondern eine Kokette , die mit Ihren Grundsätzen übereinstimmt - sonst sollte mir das arme Wesen leid thun . Zu einer solchen Scheinehe bin ich zu stolz , zu stolz , einem Wesen meinen Namen zu geben , dem ich nicht für immer mein Herz zu geben gedenke - und da mich dieser Jugendwahn nicht mehr befallen kann - so bleibt es denn bei meinem Entschlusse . « » Aber es ist göttlich ! « rief der Baron mit lautem Lachen . » Wie wir hier über Sein und Nichtsein der Heirath philosophiren , während wir uns doch anders amüsiren könnten - wir machen eine Runde um die Stadt , und dann begleite ich sie zu Bella , sie war gestern göttlich als Lukrezia . « » Gut , so wollen wir zu ihr gehen - nach einer großen Opernpartie ist sie immer angegriffen , schmachtend , sanft und macht weniger ihre eigenwilligen Launen geltend , als an Tagen , wo sie sich heiser melden läßt , und in ihrem Muthwillen ausgelassen lustig darüber ist , ihren Mitsängern und der Direction einen ärgerlichen Streich gespielt zu haben . « Als sie zur Vorhausthüre heraustraten , kam der Briesträger die Treppe herauf . » Von der Stadtpost , « sagte er , und gab Jaromir einen Brief . » Eine unbekannte Hand und ein T im Siegel - « bemerkte der Empfänger . - » Eine unbekannte Hand - das ist in den meisten Fällen interessant , wenn es nicht von einem unsrer Handwerksleute und Lieferanten kommt - doch die Mahnbriefe sind immer unfrankirt . Es scheint eine niedliche Damenhand zu sein - so öffnen Sie doch nur , ich bin ungeheuer neugierig . « » Nein , das ist eine Theologenhand , « sagte Jaromir , der in Folge eines unerklärlichen Gefühls sich beinahe scheute , den Brief zu öffnen und ihn sinnend in der Hand hielt . Endlich war das Siegel gelös ' t. Er las : » Klingt Ihnen der Name Amalie noch bekannt ? Amalie , die Sie einst liebten , ist eine Sterbende , und hat auf dieser Welt nur noch den einen Wunsch , sich sterbend mit Ihnen zu versöhnen , Ihre Vergebung zu erlangen . Wenn Ihnen je der letzte Wunsch einer Sterbenden heilig war , so kommen Sie heut ' Nachmittag zwischen 4 und 6 Uhr in die Klosterstraße Nr. 18 , zwei Treppen , links , wo Sie an der Thüre den Namen finden : Doctor Thalheim . « Eine ganze Vergangenheit wachte plötzlich vor Jaromir auf - er starrte regungslos auf das Papier , und stand wie angewurzelt fest - - » Amalie , Thalheim - ganz recht , das war der Name ihres Gatten - - « » Nun , « fragte der Baron , » wollen Sie ewig hier stehen bleiben ? Worüber sind Sie so außer sich gerathen ? Kommen Sie - Bella wird Sie wieder beruhigen . « » Bella ? Gehen Sie allein zu ihr , ich kann nicht mitgehen . - Aber was ist denn das ? « fuhr er fort , auf das Papier starrend . - » Klosterstraße Nr. 18 - da wohnt ja Bella auch ! - « » Aber was haben Sie denn ? So kommen Sie doch nur ! - Was ist denn das für ein verhängnißvolles Billet , das Sie so gedankenlos , so verdreht macht - so lassen Sie doch sehen ! - Oder ist es ein zu zartes Geheimniß , das einen Vertrauten nicht duldet ? « » Ja , « rief Jaromir , indem er den Brief einsteckte , » es ist ein Geheimniß , das einer frühern Zeit und einem frühern Menschen angehört , als der Szariny ist , der Ihr Freund ward ! « und ruhiger fügte er in seinem gewöhnlichen Ton hinzu : » Rechnen Sie es mir nicht als Unart an , wenn ich Sie heute nicht zu Bella begleiten kann . - « » Was , und Sie versprachen mir noch gestern , mich sobald als möglich bei ihr einzuführen ? « » Sie werden ihr auch ohne Einführung von meiner Seite willkommen sein - oder kommen Sie noch eine Augenblick in mein Zimmer , ich gebe Ihnen ein Billet von mir an sie mit , das ist der sicherste Weg zu ihr . « Jaromir kehrte eilig wieder in sein Zimmer zurück , und schrieb , während der Baron langsam und kopfschüttelnd nachkam , hastig an seinem Schreibtisch : » Leider ist es mir heute unmöglich , selbst nachzufragen , wie meiner schönen Freundin die gestrige Anstrengung bekommen ist . Ich lasse mich durch meinen vertrauten Freund , Baron von Füßli , bei Ihnen vertreten , der schon längst nach dem Glück Ihrer Bekanntschaft strebte . - Sie werden in ihm einen geistreicheren und liebenswürdigeren Gesellschafter finden , als in ihrem ergebenen Szariny . « Er las diese Zeilen hastig vor , siegelte sie dann rasch ein , und trieb damit den Baron zum Fortgehen , indem er ihm nochmals zurief : » Sie werden Bella sehr schön finden , und ich bin es gern zufrieden , wenn sie alle Rechte , die mir ihre Freundschaft gewährt , auch auf Sie überträgt . « Der Baron fand Jaromir heute so sehr in seiner von ihm so genannten Sonderlingslaune , daß er es wirklich für das Beste hielt , nicht neugierig in ihn zu dringen , und so ging er . Als er fort war , warf sich Jaromir in das Sopha , nachdem er die Thüre verriegelt hatte , und sagte : » Endlich bin ich ihn los ! « Er lehnte sein Haupt mit der Stirn auf das Sophakissen , drückte noch beide Hände vor , als wolle er gar Nichts sehen von der Außenwelt , und versank in ein tiefes Sinnen . Polen war gefallen , und Jaromir war in den ersten Jünglingsjahren mit seiner deutschen Mutter nach Deutschland geflüchtet . Der Vater war im Kampf geblieben - ein Bruder der Mutter nahm die armen Flüchtlinge auf seinem Gute auf . Die Gräfin Szariny , die in der letzten Zeit so viel erlebt hatte , alle Schrecknisse des Kriegs , alle Gefahren und blutigen Scenen der Revolution , den blutigen Tod des Gatten , den Verlust ihrer großen Standesherrschaft und all ' ihres Reichthums , so daß sie zuletzt in rascher Flucht Nichts retten konnte , als das Leben des einzigen , theuern Sohnes und ihr eigenes - erlag bald so vielfachen Lebensstürmen und starb . Ihr Bruder , Graf Galzenau , versprach der Sterbenden ,