nur flüchtig sah , nur ihre Hand küßte , kein Wort von ihren Lippen vernahm . Sie wechselten mit besseren ab , wo ich neben ihrem Lager sitzen und ihr von meinem Thun und Treiben ein halbes Stündchen lang erzählen durfte , und als Zeichen ihrer Zufriedenheit ein Lob , einen Kuß , eine Ermunterung von ihr empfing . Das machte mich sehr glücklich , allein es genügte mir nicht ! ich ersehnte einen innigeren Verkehr mit geliebten Wesen ; mein Bruder war mir von allen der liebste gewesen - mit seinem Geist oder seinem Schatten trat ich in eine Art von Gemeinschaft , sprach mit ihm , fragte ihn , gab mir selbst in seinem Namen Antwort , und fühlte mich glücklich in diesem Gemisch von Spiel der Imagination und Bedürfniß des Herzens . Im Winter , wenn ich in Mondscheinabenden auf dem Eise Schlittschuh lief - im Frühling , wenn ich bei Sonnenuntergang tief hinten im Park auf einem Hünengrabe im Grase lag - oder im Herbst , wenn die Nebel aus der See herauf kamen , und so geheimnißvoll auf den Wiesen sich lagerten und die Bäume und Gesträuche umspannen und verschleierten : immer glaubte ich Heinrichs Schatten an mir vorübergleiten zu fühlen . Ob die Menschen die mich umgaben das Verständniß meiner kleinen Seele hatten ? - ich glaube kaum . Sie liebten mich sehr , sie beschäftigten sich viel und gern mit mir , aber sie wußten nicht in meine eigentliche Innerlichkeit zu dringen , nicht mir das Vertrauen zu entlocken , das ich für den todten Bruder hegte . Das hatte für mich den Nachtheil , daß ich , obgleich umringt von Freunden und von Liebe , mit Schattengebilden einen innigeren Umgang pflog als mit Menschen , und mich gewöhnte meine glücklichsten Stunden in einsamen Träumereien zu suchen und zu finden . Die Menschen liebte ich eigentlich nur insofern als ich ihnen wol thun konnte ; die Armen liebte ich , die Kranken , denen ich eine kleine Unterstützung oder Labung und Arzenei bringen durfte . Mit unserm Hausarzt , der zweimal wöchentlich meine Mutter besuchte , ging ich zu allen Kranken und sorgte nach seiner Vorschrift für sie . Die armen Kinder liebte ich , denen ich die Weihnachtsbescheerung unten im Billardsaal um drei große funkelnde Tannenbäume aufschmückte . Das war Alles nicht übel - aber so einseitig ! ich gab immer und empfing immer Dank - das reinste was der Mensch empfangen kann ! Allein ich selbst kannte nicht die Dankbarkeit , dies weiche Gefühl welches das Kind in so rührender Abhängigkeit von seinen Eltern zeigt . Wie ein gereiftes , ichloses Wesen stand die arme Kleine zwischen ihren Umgebungen . Daher war ich zwar recht glücklich , nur heiter und fröhlich war ich nicht . Der Respect vor Eltern und Vorgesetzten , der sich zuweilen bei Kindern bis zur Furcht und Angst steigert , zuweilen eine Qual aber stets eine Wolthat für sie ist , weil sie dadurch im Zügel der Ehrfurcht und des Gehorsams gehalten werden - fehlte mir . Ich beherrschte das Haus und gehorchen hatte ich nicht gelernt . Miß Johnson liebte mich abgöttisch ; mit blinder Zärtlichkeit hingen meine beiden Lehrer an mir ; für die Untergebenen war ich die künftige Gebieterin , für meinen Vormund ein ungeheuer kluges wunderhübsches Kind ; wer hätte mir imponiren sollen ? Dergleichen Lücken welche die Verhältnisse - und Mißgriffe welche die Erziehungen mit sich bringen , rächen sich später immer . Das soll nicht heißen als wolle ich den Gang meiner Entwickelung ihnen zuschreiben und mich dadurch entschuldigen ! O nein ! ein andrer Character als der meine hätte sich in dieser Freiheit zu einer wolthätigen Selbständigkeit entwickeln können ; - noch ein andrer wäre in Trotz , Eigensinn und Härte verfallen . Das Licht lockt die Farbe hervor , die in der Blume aus ihren eigenthümlichen Bestandtheilen quillt ; dieselbe Sonne färbt die Rose roth und das Veilchen blau ; so wirkt auch die Erziehung : sie lockt hervor . Ist sie einseitig , so wirkt sie aber nicht vollständig genug auf den vielseitigen Menschen , dessen Wesen nicht in Rosenroth und Veilchenblau , sondern in alle Farben des Prismas getaucht ist . Alljährlich besuchte uns mein Onkel , und blieb sechs bis acht Wochen in Engelau . Er plauderte und scherzte mit mir , neckte mich nach der Gewohnheit alter Herren kleinen Mädchen gegenüber , lobte mich über alle Gebühr um meiner armen Mutter und der guten Miß Johnson Freude zu machen , und war mir ziemlich gleichgültig . Er wäre es wol ganz gewesen - aber er war Pauls Vater und interessirte mich als solcher . Denn Paul gehörte im Grunde mit zu der Gemeinschaft meiner Abgeschiedenen . Er war noch drei Monat nach Amaliens Tod bei uns geblieben , hatte meine Mutter im Beginn ihrer traurigen Krankheit mit wahrer Sohnesliebe gepflegt , hatte mit mir tausend Thränen an unsern theuern Gräbern geweint , und war endlich auf den Wunsch seines Vaters in die diplomatische Laufbahn getreten und nach England geschickt worden . Kam der Onkel , so war immer meine erste Frage nach Paul , und mein letztes Wort ein Gruß an ihn . Nach drittehalb Jahren kam er zum ersten Mal nach Deutschland und besuchte uns mit seinem Vater in Engelau . Ich wußte nichts von seiner Ankunft . Ich stand in der Hausthür um den Onkel zu empfangen , als ich das Posthorn hörte das alljährlich einmal und nur für ihn im Schloßhof von Engelau ertönte . Ich hatte mich nach besten Kräften geschmückt , hatte mir einen prächtigen Rosenkranz gewunden und einen rosenfarbenen Gürtel über mein weißes Kleidchen gebunden . Mein kleiner zahmer Kanarienvogel saß mir auf der Schulter halb versteckt von meinen dicken Locken an denen er zuweilen ungeduldig pickte . Als ich in der ofnen Kalesche Paul neben seinem Vater erkannte , stieß ich ein helles Freudejauchzen aus und ich erinnere mich daß ich heimlich dachte : Wenn der Postillon doch so vorführe daß Paul zuerst ausstiege ! - - - Richtig ! so fuhr der Postillon vor - - und in Thränen gebadet warf ich mich in seine Arme , und konnte mich nicht fassen vor Wehmuth und Freude . Der Onkel hatte mich nie so gesehen , er wollte mich beruhigen , beschwichtigen ; aber ich rief heftig : » Laß mich doch weinen , guter Onkel ! siehst Du denn nicht daß dies der glücklichste Tag meines Lebens ist ? « » Sehr schmeichelhaft für Dich , Paul ! « sagte der Onkel neckend und streichelte mir die Wangen , indem er hinzufügte : » Wenn man von den glücklichsten Tagen seines Lebens spricht , Schätzchen , so muß man hübsch in die Höhe wachsen damit man die Kinderschuhe ausziehen kann ; - denn das paßt nicht zusammen . « Er hatte wol Recht ! aber ich fand es höchst grausam keine glückselige Tage haben zu sollen , weil ich klein sei . Ich sah Paul mit thränenschweren Blicken an , und seine herzliche Freundlichkeit tröstete mich . Er ging mit mir um wie mit einem Kinde , rücksichtslos vertraulich ; aber daß er mich auf der einen Seite wie Seinesgleichen behandelte , mit mir ausritt , spazieren ging , plauderte , erzählte ; und auf der andern mir die kleinen Schmeichelworte und Liebkosungen sagte mit denen man gegen Kinder so unbedachtsam freigebig ist und die man gegen ein junges Mädchen nicht mehr zu äußern wagt : - dies warf den zündenden Funken in meine bis dahin schlummernde Eitelkeit . Ich war im dreizehnten Jahr und er achtundzwanzig ; das war ein großer Unterschied , dennoch stand er meinem Alter näher als irgend Jemand meiner Umgebung oder Bekanntschaft - Sedlaczech ausgenommen , der mir aber als Lehrer imponirte : ich fühlte mich zugleich geehrt und geschmeichelt , und that was in meinen kleinen Kräften stand um ihm zu gefallen . Er war grenzenlos eingenommen von England ! englische Meubles , englische Parks , englische Küche , englische Dichter , englische Lebensweise - Alles war eben englisch , das hieß unvergleichlich , und ich sann heimlich darauf Engelau in eins jener bezaubernden » .... park « oder » .... lodge « zu verwandeln die er so lieblich beschrieb . Er hatte den eben erschienenen » Waverley « mitgebracht ; er las uns Scenen daraus vor ; Miß Johnson war entzückt - mir ging eine neue Welt auf : die der Bücher . Bis dahin hatte ich einen Abscheu vor Büchern gehabt , welk und todt waren sie mir vorgekommen ; nur Erzählungen , nur das lebendige Wort machten Eindruck auf mich , prägten sich in mein Gedächtniß , lebten in mir fort ; so einst Heinrichs Erzählungen , so später der Unterricht meines Lehrers . Jetzt ergriff mich ein Buch - war es eben der Zauber des Waverley , war es daß Paul ihn vorlas - Gott weiß es ! aber ich war hingerissen , verzaubert . Wo ich ging und stand , wachend und träumend schwebten mir Flora und Fergus Mac-Ivor vor . Ich bat Paul mir dies Buch zu schenken ; Miß Johnson hatte nichts gegen diese Lectüre einzuwenden : ich erhielt es . Ich bat um noch einige dieser wundervollen englischen Bücher . Paul , den meine Begeisterung sehr ergötzte , hatte die größte Lust mir » Childe Harold « zu geben , das er gleichfalls mitgebracht ; allein Miß Johnson schrie Zeter über den Gedanken ein unerfahrnes Kind gleichsam auf dies Weltmeer der Leidenschaft hinaus zu schleudern , und Byron blieb verpönt . Auch andre Vorschläge Pauls nahm sie nicht an , bis sich endlich Beide im Ossian vereinigten . Ossians melancholische Nebelwelt ganz voll der » joys of the grief « , wurde einem Kinde aufgethan , dessen Phantasie ohnehin allen anderen Fähigkeiten mit Riesenschritten voraus geeilt war ! - Im Besitz Waverleys und Ossians verschmerzte ich leichter Pauls Abreise , als es sonst würde der Fall gewesen sein : immer stumpften mich Träume und Beschäftigungen der Imagination gegen die Wirklichkeit mit ihrem Leid und ihrer Lust ab , und ich selbst bemerkte mit Befremden und mit Gewissensunruh , daß mich Fergus Mac-Ivor und Ossians Helden sehr vom Andenken Heinrichs entfernten . Paul hatte ihm ohnehin schon einigen Abbruch gethan . Paul antwortete mir ebenso traulich aber ernster und verständiger als ich mir selbst im Geist Heinrichs antworten konnte ; jezt verschmolz er mir dermaßen mit meinen geliebten Büchern , daß ich ihn in ihren Helden zu finden glaubte , und mein inneres Leben ihm gleichsam widmete , wie ich es sonst dem Bruder gewidmet hatte . Ich kämpfte gegen diese seelische Untreue - doch umsonst ! das Zwiegespräch meiner Gedanken - und wenn ich es auch regelmäßig mit Heinrich anfing - endete ebenso regelmäßig mit Paul . Das machte mich unglücklich , und ich kam so weit in meiner Selbstanklage , daß ich nie an Heinrich dachte ohne verstohlen die Augen zum Himmel aufzuschlagen gleichsam als müsse ich ihn um Verzeihung bitten . Aber es geschah selten und immer seltener , und somit war mir die erste Blüte vom Lebenskranz , der mir um die Stirn geschlungen war , entfärbt vor die Füße gefallen ; denn ich vergaß Heinrich nicht gedankenlos , wie es in Kinderseelen auf und ab zu wirbeln pflegt , sondern ernst und sinnend wie ich war , sagte ich mir selbst : Also man kann die Todten vergessen . Und mit bitterm Schmerz warf ich mich nieder auf den Kieselwällen , welche die Brandung wie eine natürliche Mauer zwischen dem Park und dem Meer angespült hatte . Da lag ich stundenlang und weinte weil die Rosen verblühen , weil die Bäume kahl werden , weil es nicht ewig Frühling bleibt , weil der Mensch sterben muß und vergessen wird . Die ersten gelben Blätter erfüllten mich mit Entsetzen ! ich riß sie ab so weit ich reichen , so lange ich es möglich machen konnte ; und nahmen sie überhand so grollte ich mit den Gesetzen der Natur . Fiel der erste Schnee so war es noch übler ! ich sehnte mich zu sterben um nur nicht die allgemeine Erstarrung zu überleben . Anfangs hatte ich Gott bitter verklagt über diese Mangelhaftigkeit seiner Schöpfung , war aber von Miß Johnson sowol als von unserm Prediger der mir Religionsunterricht ertheilte , streng zurechtgewiesen worden : die Schöpfung seiner Allmacht und Weisheit wolle angebetet , aber nicht bekrittelt und gerechtfertigt sein . Das erschien mir ungerecht ; wir lebten in dieser Schöpfung und sollten nicht ihre Geheimnisse kennen ? - Ich fragte nie wieder den Prediger oder Miß Johnson , denn ich hatte in diesem Punkt kein Vertrauen zu ihnen . Mit meinem Hofmeister harmonirte ich ebensowenig . Die Naturwissenschaften waren sein Steckenpferd ; er erklärte mir das Leben der Pflanzen , der Thiere , der Erde aus den organischen Gesetzen welchen jedes Ding unterworfen ist , weil sie sich aus ihm selbst und seiner Eigenthümlichkeit entwickeln . Das verstand ich nun zwar sehr gut , allein es tröstete mich nicht . Höchst niedergeschlagen kehrte ich mich von dieser unvollkommenen Welt ab , in welcher Winter auf Sommer , Schnee auf Wiesengrün folgt , und warf mich in die der Poesie . Da war Alles schön , rein und edel ! da liebte man nur Helden und herrliche Jungfrauen ! da wohnte die ewige Treue ! da gab es nur erhabene Schicksale ! da war der Schmerz immer in Wonne getaucht , das Herz in Liebe , der Tod in ich weiß nicht welche Glorie von süßer Auflösung - denn nur für den Geliebten oder auf ruhmvollen Schlachtfeldern oder am gebrochenen Herzen starb man . Das schien mir des Menschen würdig , und ich sehnte mich Menschen kennen zu lernen , welche dies Poëm realisirten . Daß ein Paar Millionen von den Tausend Millionen auf unserm Erdball ihm entsprechen würden , bezweifelte ich natürlich gar nicht , und so stieg eine flammende Sehnsucht in mir auf Menschen kennen zu lernen , d.h. ächte , nämlich erhabene Menschen . Alle die mich umgaben ließ ich kaum dafür gelten , meine Mutter ausgenommen - denn sie litt . Das Leid poëtisirte in meinen Augen den Leidenden . Auch andre Gegenden und Stellen der Erde wünschte ich zu sehen , namentlich Schottland , das vor meinem inneren Blicke lag - - und an Schottland grenzte England , und in England lebte Paul - der mich in das Wunderreich der Poesie eingeführt hatte ! - Eine leidenschaftliche Liebe für Musik erwachte gleichzeitig in mir . Da Ossian und Flora Mac-Ivor die Harfe spielten , so wurde sie mein Lieblingsinstrument , und so gering bis dahin meine Fortschritte auf dem Piano gewesen sein mogten , so glänzend waren sie auf der Harfe , und der gute Sedlaczech jubelte in seiner blinden Liebe für mich : er habe stets geahnt daß ein großes musikalisches Genie in mir stecke . Ich aber setzte mich an Sommerabenden mit der geliebten Harfe auf einen Hügel am Meer , und improvisirte trotz der durch die feuchte Luft verstimmten Saiten Gesänge à la Ossian - so daß Sedlaczech bald zu der Ueberzeugung kam daß auch der Dichtergenius sich in mir rege . In welcher jungen glühenden Seele regt er sich nicht ? Bei mir aber bewährte er sich nur darin , daß ich auf meine eigene Hand die Kinderspiele fortsetzte , welche ich einst mit Heinrich getrieben - nur , meinem vorgerückteren Alter gemäß , gingen sie jezt mehr in mir vor , waren schweigend , still und innerlich , und gewährten mir einen so intensiven Genuß , daß ich stundenlang unbeweglich auf einem Fleck , gleichviel wo ! sitzen und die Zeit und ihre Anfoderungen gänzlich vergessen konnte . Kam ich durch irgend eine äußere Berührung wieder zu mir selbst , so war mir als stiege ich von der Himmelsleiter auf die Erde herab , und ich eilte meine kleinen Obliegenheiten mit Liebe und Pünktlichkeit zu erfüllen um mich dann wieder mit ruhigem Gewissen in meine heißgeliebten Träume versenken zu können . Ich war sehr aufmerksam in den Lehrstunden , sehr sanft und freundlich für meine Umgebungen , beinah zärtlich und sehr fleißig für die Hülfsbedürftigen - denn während ich für die Wöchnerinnen Weißzeug und für kleine Mädchen Röcke und Schürzen nähte , ließ sich gar herrlich phantasiren , und dann that es meinem Herzchen wol auf irgend welche sichtbare Gegenstände ein kleines Bächlein vom Strom der Empfindungen abzulenken , welcher ohne Ufer , Ziel und Regel mein ganzes Wesen durchflutete . - Ach , ich hätte so glücklich in der Wirklichkeit sein können ! - allein ich versäumte es aus schmachtender Sehnsucht nach einem unbekannten Glück . Es war Ende März , ein bitterkalter aber windstiller Abend , wie wir ihn selten in unserm Norden und noch seltner in jener Jahrszeit haben . In kupferfarbenen fast versteinerten Wolken - so hart sahen sie aus ! - war die Sonne untergegangen . Die Krähen flogen mit schwerem Flügelschlag rauh krächzend über die weißen Schneefelder und sammelten sich zur Nacht auf den kahlen Eichen , die sich wie Riesen im schwarzen Harnisch gegen den glühenden Himmel abzeichneten . Hie und da zwitscherte eine arme kleine Goldammer gleichsam ein Stoßgebet nach dem zögernden Frühling . Auf den Meierhöfen bellten die Kettenhunde . Das schallte Alles so weit durch die klare Luft und über das stille Land . Ich lief Schlittschuh auf dem festgefrorenen Canal . Ich dachte ob in andern Welten vielleicht die Seelen ohne Leiber so ätherisch dahin gleiten könnten , ob der » Geist von Loda « so auf den Wolken gefahren wäre . Ich dachte an Heinrich mit dem ich in dieser Dämmerstunde immer Schlittschuh gelaufen war und ach ! mit welchem Jubel . Ich dachte daß er , wenn er lebte , jezt ein schöner Jüngling sein würde , so schön und vollkommen wie er zu werden versprach - daß ich alsdann nicht einsam zu sein und mit mir selbst zu reden brauchte - daß wir mit einander durch die Welt ziehen und Alles suchen und sehen würden , was es Schönes unter der Sonne giebt - und mit plötzlicher Rückkehr in meine Gegenwart rief ich traurig und halblaut : Ach wenn ich doch nicht so sehr und so ganz allein wäre ! Da hörte ich das Rollen eines Wagens im Schloßhof , und bald darauf erscholl der Ruf Hahoh ! dreimal ; das war ein Signal welches mich zur Heimkehr auffoderte und welches ich in den entferntesten Theilen des Parks bei abendlicher Stille hören konnte . Es war Montag , einer der Tage an denen der Arzt kam . Ich wunderte mich daß er mir so dringend etwas zu sagen habe , überflog im Geist die Reihe unsrer Kranken , schnallte geschwind die Schlittschuh ab und lief wie ein Pfeil dem Schloß zu . » Was giebts , Herr Sedlaczech ? was soll ich ? « rief ich athemlos als ich ihn , dessen kräftige Stimme den Wächterruf auszustoßen pflegte , vor der Thür zu erkennen glaubte . Statt mir zu antworten kam er mir zu meinem höchsten Erstaunen schnell entgegen , und als eine andere liebere Stimme rief : » Guten Abend Sibylle ! « - da erkannte ich meinen Irrthum - denn es war Paul . Mir stockte der Athem vor Freude , Ueberraschung und vom schnellen Lauf . Sprachlos umarmte ich ihn , aber ganz flüchtig , denn ich zitterte vom Scheitel bis zur Sohle und wollte es mir nicht merken lassen . Als meine Lippen scheinbar gleichgültig seine Wange streiften und ich mit keiner Sylbe ihn begrüßte , fragte er verwundert : » Meine kleine Sibylle , freust Du Dich denn zum ersten Mal in Deinem Leben nicht wenn der Paul kommt ? « » O ja ja ! « stammelte ich . » Nun so gieb mir doch einen Kuß wie sonst « sagte er herzlich . » Ja ja ! wiederholte ich , komm ' nur herein - es ist so dunkel daß ich Dich nicht erkennen kann . « War es ein Instinkt von Koketterie , der mich wünschen ließ Paul möge sehen wer ihm einen Kuß gab und daß es nicht mehr die » kleine « Sibylle sei - ich weiß es nicht ! ich zog ihn geschwind herein ins hellerleuchtete Theezimmer . Aber als wir eingetreten waren schwieg er vor Ueberraschung , und ich vor Verlegenheit über sein Verstummen , und es trat ein peinlicher Moment ein , bis Paul meine Hand nahm und leise sagte : » Ich sehe schon - Du bist ein großes wunderschönes Mädchen geworden , Du machst Dir nichts mehr aus mir und wirst mir auch wol keinen Kuß geben wollen . « Ich sah ihn an - Gott weiß wie , und ich entsinne mich auch nicht mehr wie es hernach Alles kam und wie ich mich in seinen Armen fand . Nur daß er ganz anders wie sonst vor mir stand , daß sein Blick , seine Stimme , sein Ausdruck , sein Kuß nicht mehr die früheren waren , daß er gleichsam in ein verklärendes Licht hinein gehoben war und daß ich diese Erscheinung in ihm bewirkte - dessen entsinne ich mich , weil kein Weib dergleichen vergißt sobald dies den Mann betrift den man zuerst geliebt - oder zu lieben gewähnt hat . Also liebte ich Paul ? - Ja , was ist die Liebe ? man kann von ihr alles Gute und alles Böse sagen , und es wird ganz wahr und ganz passend sein , und sich nicht blos nach einander oder in verschiedenen Individuen , sondern zu gleicher Zeit und in demselben Menschen nachweisen lassen . Sie ist zugleich der bewußtlose Trieb , der das Individuum zur Vervollständigung seiner animalischen Bestimmung drängt und der erhabene Schwung , welcher den Märtyrerschritt und den Todesgang zwischen allen Verlockungen , Reizen und Bedrohungen der Sünde giebt . Sie ist die schwüle brodelnde Glut welche das Mark aus den Knochen , die Gedanken aus dem Hirn , den Athem von den Lippen , das Herz aus dem Busen aufsaugt , und die leichte zauberische Flamme welche die Gestalt in Schönheit , das Gehirn in Schöpferkraft , das Herz in eine Glorie , das ganze Wesen in ein erneutes geistiges Dasein taucht . Sie ist die Wiedergeburt und die Vernichtung des Menschen . Sie ist eine Bachantin die ihn in mysteriöse Extasen der Wollust schleudert und ein tiefsinniger Genius der ihn auf schneeweißen Flügeln in Regionen erhebt zu denen sich die Sinnenwelt verhält wie das Sandkorn zu den Gestirnen . Sie führt ihn zu Thaten des Fluchs und zu Thaten des Segens . Sie drückt ihm den Stempel der Thierähnlichkeit und das Gepräge des göttlichen Ebenbildes auf die Stirn . Sie schlägt ans Kreuz und reißt empor zur Himmelfahrt . Sie befleckt im Lasterpfuhl und reinigt in einem Element gegen welches die klarsten Gebirgswasser und die frischesten Frühlingslüfte unklar und dumpf sind . Sie macht elender als alles andre Leid , und seliger als alles andre Glück . Sie macht stupid und giebt Intuition . Sie ist so reich daß sie die Welt verschmäht und so bettelarm daß ein Blick , ein Kuß sie wie mit Perlen und Demanten überrieselt . Sie ist allgenügsam und unbefriedigbar , seelisch und sinnlich , frohlockend und klagend - und das Alles in einem und demselben Herzen , am Morgen so und am Abend anders . Sie bildet eine festverschlungene Kette von Gegensätzen , die augenblicklich untereinander zu Widersprüchen werden , sobald nicht ein unerhört tapferes und starkes Herz jedes einzelne Glied löst indem es dasselbe mit Geduld und Ausdauer trägt . Nur eines übersprungen oder zerrissen , und die ganze Kette verwirrt sich ! Wo aber wäre ein Herz stark genug um sich stets im Gleichgewicht zwischen diesen Stürmen und Schwankungen zu erhalten ? von all dem Herumzerren und Hinundherwerfen wird es müde , matt , schlaff , marklos - mit einem Wort : schwach ! - und dies Wort bricht den Stab über ihm : Schwäche macht elend . Der Starke ist gut und glücklich , aber nur in einzelnen gnadenvollen Momenten ist der Mensch stark wenn das » Kind Gottes « in ihm die Oberhand gewinnt und der » vom Weibe Geborene « in ihm zurücktritt . So hat die ewige Allmacht es gewollt . So hat sie die Essenz seines Wesens gemischt . - - - - - - - Ja , bei der Liebe fing ich an und bei der Schwäche hör ' ich auf ! das ist ganz richtig . Als Miß Johnson nach einer Viertelstunde eintrat und Paul zu meiner Mutter beschied , waren wir schon ganz einig , gingen Hand in Hand zu ihr und baten um ihren Segen . Sie sprach sehr bewegt : » Ists möglich , Paul ! dies Kind willst Du heirathen ? « » Dies Kind ist ein holdes Mädchen , liebe Tante « - entgegnete Paul schmeichelnd . » Aber sieh sie genau an , Paul ! sieht denn so ein junges Mädchen aus ? « Ich trug allerdings einen etwas befremdlichen Anzug , der mir aber zu meiner Schlittschuhläuferei und überhaupt zu winterlichen Spaziergängen bequem und nothwendig war . Ich trug lange Pantalons und ein kurzes Kleid von weißem Merino , darüber einen Spenzer von dunkelblauem Sammet mit langen Schößen und mit Zobel besetzt , und auf dem Kopf ein kleines Sammetbaret ebenfalls mit einem Pelzstreif umgeben . Letzteres hatte ich nun zwar abgenommen , aber ich trug mein Haar noch immer nach Kinderart in dicken natürlichen Locken , und sie mogten mir wol ziemlich wild um Stirn und Nacken hängen . Die kindische Tracht abgerechnet hatte ich gewiß das Ansehen eines jungen Mädchens , denn meine Gestalt war ganz ausgebildet und war größer als manche Erwachsene . Das fand auch Paul , und meine Mutter willigte gern in unsre Verlobung . Er wünschte mich auf der Stelle zu heirathen ; doch das gab sie durchaus nicht zu ; ich sollte erst confirmirt und fünfzehn Jahr alt werden , woran mir noch sieben Monat fehlten . Paul war auf drei Tage nach Engelau gekommen . Seinen Urlaub auf sieben Monat zu verlängern , war unmöglich . Sein Vater wirkte ihm noch drei Wochen aus ; dann sollte er fort und im Spätherbst wiederkommen . So war ich denn fast noch Kind , kaum Jungfrau und schon Braut . Das Leben stürzte sich mir mit drängender stürmischer Hast entgegen als habe es Eil mir seine berauschenden Tränke darzubringen damit sie nicht unterwegs verschäumten . Natürlich fand mich Paul geistig ganz unreif , aber die Gefühlswelt war im Treibhaus der Phantasie gezeitigt , und die Lebendigkeit und Bereitwilligkeit meiner Auffassung verhieß große Bildungsfähigkeit . Ueberdas kam mir mein heißer Drang zu wissen , zu verstehen , zu erkennen , zu Hülfe . Ich war unermüdlich Fragen über Welt , Menschen , Bücher , Gesellschaft - über all diese Dinge welche ich nur dem Namen nach kannte , an ihn zu richten , und unersättlich seine Antworten , seine Beschreibungen und Erzählungen zu hören . » Erzähle mir vom Palais-royal ! « hatte ich vor Jahren gebeten , als Paul noch der Verlobte meiner Schwester war ; auch jezt war kein Ende mit ähnlichen Bitten und immer fanden sie Gehör . Paul liebte mich mit einem Gemisch von leidenschaftlicher Zärtlichkeit und von beschützender Ueberlegenheit das ihm sehr gut stand . Bald machte ihn der Liebesrausch zum Kinde , das auf mein Wesen und mein Treiben einging - bald war er ein ernster und belehrender Freund der mich im ruhigen Gespräch zu sich heraufzog - bald ging die Ruhe sowol als die Kinderei in dem Liebenden unter , der ein junges reizendes Geschöpf als das Eigenthum und die Freude seines Herzens und seiner Sinne betrachtete . Ich hing an ihm mit einer quälenden Anhänglichkeit . Ganz einsam war ich ohne Gefährten und Altersgenossen , ganz abgeschieden vom Umgang mit jungen Männern und Mädchen , sogar ohne eine Freundin , welche für ein fünfzehnjähriges Herzchen gleichsam der Blitzableiter dunkler Liebesgefühle ist . Auf einmal stand mir ein Mann liebend und liebeverlangend gegenüber , bereit mich in seinen Armen durch das Leben zu tragen , mich glücklich zu machen , sein Glück von mir zu fodern und in mir zu finden . Leben und Glück war für mich gleichbedeutend ; glücklichwerden und lieben ebenfalls ; so sank ich an sein Herz weil ich eben ein Herz zu lieben begehrte , wie die Knospe aufblüht wenn Frühlingssonne und Frühlingsregen über ihren noch verschlossenen Kelch geheimnißvoll lockend stralen und rieseln . Aber ich glaube daß ich mit derselben Wonne eine Freundin oder jeden andern liebenswürdigen Mann geliebt haben würde . Ich mögte sagen es sei der allgemeine aber nicht mein individueller Gefühlsdrang gewesen , der mich zu Paul und ausschließlich zu ihm geführt . Ich war zu sehr Kind , zu ungeübt , zu unerfahren um eine Wahl treffen zu können ; zu jung um das Süße , Ahnungsvolle einer stillkeimenden , verschwiegenen , wachsenden , jungfräulichen Neigung empfunden zu haben . Es waren keine Uebergänge in mir , kein Erwachen zum Bewußtsein , keine Schwankungen . Die leisen schüchternen Nüancen durch die man zur Vertraulichkeit mit einem Verlobten übergeht , der noch vor Kurzem als Fremder uns fern stand , konnten bei mir nicht statt finden , indem Paul mein Vetter war , indem ich ihn seit der Wiege kannte , indem ich mich von je her an ihn geschlossen hatte Aus der Dämmerung der Existenz , ohne Aurora , ohne Sonnenaufgang , ohne Morgensonne - trat ich plötzlich unter die Mittagsglut , und die Leidenschaftlichkeit erwachte bevor die Liebeskraft gereift war , so wie es Pflanzen giebt die Blüten tragen bevor sie Blätter haben . Aber in der vegetabilischen Natur compensiren bestimmte Zwecke und Eigenthümlichkeiten derartige Anomalien , während der Mensch eine so wunderzarte reizbare Pflanze ist , daß eine überreizte Entwickelung in späteren Momenten keine Compensation