am nächsten Morgen zeitig wieder aufzubrechen , bestimmten ihn , für diesmal neue Erörterungen zu unterlassen . Er bat daher den Wirth , daß er die Streu für ihn möge bereiten lassen , was dieser bereitwillig selbst unternahm . Der Knecht , der schon geraume Zeit am Ofen gesessen hatte , führte den Juden in den Stall und wies ihm und seinem Sohne auf dem Futterkasten eine warme Lagerstatt an . » Solltet Ihr früher wach sein , als ich oder meine Leute , « sagte der Wirth , nachdem die Streu auf umgestürzten Schemeln bereitet war , so dürft Ihr blos mit dem Deckel des Ofentopfes herzhaft klappern . » Das ist unsere Klingel , für die wir allesammt ein gar feines Ohr haben . Gute Nacht , der Herr behüte Euch ! « Er drückte seinen Gästen nochmals die Hand und ging dann ohne Licht , wie die Uebrigen , in die an die Wohnstube stoßende Schlafkammer . Fußnoten 1 Bruchstücke noch jetzt unter den Wenden gäng und geber Volkslieder . Zweites Kapitel . Eine Eröffnung . Unter halblautem Gebet streckten sich Greis und Jüngling auf die duftige Streu . Wie schläfrig aber auch Paul den ganzen Abend gewesen war , so munter ward er jetzt , als jedes Geräusch um ihn her verstummte . Die bleichen Flämmchen , die noch zuweilen über dem Aschenhäufchen des erlöschenden Kaminfeuers gaukelten , zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und beschäftigten seine Einbildungskraft . Die todte Stille der Haide , von keinem Thierlaut unterbrochen , wirkte gewaltiger auf den Geist des Jünglings ein , als das verworrenste Gelärm . Die Nacht war so still , daß nicht einmal das fast nie feiernde leise Rauschen der Wälder , dies Athmen der Natur , gehört ward . Sanft rieselnd schlug ein feiner Regen an die Fenster , dem sich bald das lautere Plätschern einer ausgießenden Dachrinne auf die Steinplatten vor dem Hause zugesellte . Das wiederholte tiefe Aufseufzen des Großvaters sagte ihm , daß auch diesen der Schlummer fliehe . Jetzt mehr als vorher , wo fremde Gesichter ihn störten , zum Reden aufgelegt , sprach er zu dem Greise : » Ihr schlaft auch nicht , Großvater ? « » Mit den Jahren kommt der Schlaf nur langsam , doch laß Dich dadurch nicht in Deiner Ruhe stören , Paul ! « » Mir ist ' s , als hätt ' ich schon ausgeschlafen . Hört nur , wie es regnet ! « » Haidewetter , nichts weiter ! « » Großvater , ich möcht ' Euch was fragen . « » Wer verwehrt es Dir ? « » Haben wir noch weit bis an den Ort , wo meine selige Mutter geboren ward ? « » Nein , Paul ! Wir kommen aber vor jetzt nicht dahin . « » Aber warum denn nicht ? Ich möchte so gern das Haus sehen , wo sie gewohnt , wo sie Euch gepflegt und geliebt hat . « Der Greis richtete sich auf und wendete sein patriarchalisches Gesicht dem Enkel zu . Die hüpfenden bläulich rothen Flämmchen am Kamin beleuchteten ruckweise seine ausdrucksvollen , von Schmerz durchfurchten , aber in Demuth gefaßten Züge . » Paul , « sprach er , » ich habe , als wir zusammen die weite Reise antraten , versprochen , deren Veranlassung und Zweck Dir an dem Tage zu erklären , wo wir das Land unserer Väter betreten würden . Dieser Tag ist gekommen , und da es scheint , als wolle Gott mein Gebet erhören und mir die letzten Stunden meines Lebens aufheitern , so will ich gleich jetzt mein Wort lösen und Dich , so weit es frommt , in das einweihen , was die Zukunft auch von Dir erheischen wird . « » Du hast mich oftmals gefragt , « fuhr der Greis fort , » weshalb ich , da es doch sonst Niemand zu thun pflegt , mit ledernem Riemen mir Haar und Stirn umwinde ? Es geschieht dies zur Erinnerung an eine schwere und furchtbare Vergangenheit , deren Schauplatz diese endlose Haide und deren Umgegend ist . Oft , lieber Paul , ehe die blutige Revolution in Polen ausbrach , hast Du den Zustand der elenden unwissenden Bauern beklagt , die jeder Laune ihrer hochmüthigen , brutalen Herren demüthig nachkommen müssen und nicht einmal murren dürfen , wenn sie unmenschlich gemißhandelt , gleich dem Vieh mit Füßen getreten werden . Es ist dies das beklagenswerthe , empörende Loos aller Leibeigenen , es war auch das meine , Paul , als ich hier lebte , denn Dein Großvater war ein Leibeigener ! « Hier überwältigte das Gefühl den alten Wenden , die Stimme versagte ihm , in lautem Schluchzen und weinend barg er sein Antlitz in die zitternden Hände . » O Gott , o Gott ! « rief Paul . » Wie kann dies möglich sein ! « » Es war noch weit mehr möglich , « versetzte der Greis , sich wieder beruhigend . » Höre mich an und schweige ! - Wir , die wir einem und demselben Herrn unterthan waren , wir erhielten von ihm am Tage der Confirmation den Stirnriemen als Schmuck und Zierde , wenn Du willst als Abzeichen . Wie man den Schaafen mit glühendem Eisen eine Ziffer in ihre Wolle brennt damit kein Anderer sie als sein Eigenthum ansprechen kann , so legte uns unser Herr und Gebieter diesen schimmernden Sclavenring um die freie Stirn , um uns aus allem Volk heraus zu erkennen und sein Recht auf uns geltend zu machen ! Du wirst sagen , wir hätten ja nur dieses Band der Schmach wegwerfen und fliehen dürfen , um frei , um Menschen zu werden , aber das war nicht so leicht ! Einmal ist der in schimpflicher Abhängigkeit geborene Mensch von Natur feig und nur im Augenblick wilder Aufreizung zu selbstständigen Thaten und Entschlüssen fähig , und sodann gab es tausend Verräther aus Furcht vor Strafe . Nie gelang es einzelner Flüchtlingen , für immer zu entkommen . Man entdeckte ihre Spur , ehe sie noch die Grenzen überschritten hatten , und dienstwillig lieferte sie ein Herr dem andern aus ! « » Aber Ihr entkamt ja doch , Großvater Ihr fandet in Polen Aufnahme und ein freies Leben , warum kehrt Ihr nun dahin zurück , wo es Euch so elend erging , und noch dazu mit der Abzeichen der Knechtschaft um die Stirn ? « » Ja , « sagte der Greis , » ich entkam , aber nicht allein , nicht , weil ich es überdrüßig was zu dienen , sondern in Folge eines Ereignisses wovon Du später hören sollst ! - Warum ich hieher zurückkehre und das Band der Sclaverei trage ? Nun , ich suche am Rande des Grabes mein Vaterland auf , um Gerechtigkeit zu fordern oder Rache zu üben ! Und ich habe diesen Reif der Schmach und Schande bis heut getragen , damit er mir in jeder Minute ein ernster Mahner sein möge nicht blos an mein eigenes vergangenes Elend , sondern an die rechts- und naturwidrige Unterdrückung von tausenden meiner Brüder ! Längst hätte ich zu sterben gewünscht , denn ich habe alle meine Angehörigen begraben , wäre nicht die Bitte stärker gewesen , die ich an Gott richtete , mich noch die Zeit erleben zu lassen , wo das Wort Sclaverei nur noch in der Sprache , nicht mehr in der Welt existirt ! So lebe ich noch , und ich fürchte noch lange leben zu müssen , sollte der Herr der Sterne die Wünsche der Sterblichen dem Wortsinne nach erhören ! « » Gewiß , Gott wird Euer Gebet erhören ! « sagte Paul mit der naiven Zuversicht eines jungen Menschen , der noch geneigt ist , die Lehren der Schule ohne Bekrittelung als untrüglich hinzunehmen . » Ihr werdet dann auch Eure Enkelin , meine Schwester , wiedersehen , von der ich Euch so oft heimlich mit der Mutter sprechen hörte , wenn sie heftig weinte und keinen Trost finden konnte . « Ein letztes Aufflackern des Kaminfeuers warf bei diesen Worten helle Lichter auf den Greis . Paul erschrak , als er die entsetzten Mienen des Großvaters gewahrte , die seine Bemerkung hervorgerufen hatte . » Um Gott , Großvater ! « schrie der Jüngling auf und warf sich an die breite Brust des Greises . » Was ist Euch ? Ihr seht ja bleich , wie die steinernen Männer auf den Kirchhöfen , und Eure Augen glühen wie Kohlen ! « » Fürchte Dich nicht , « erwiederte der Alte , schwer aufathmend . » Ich zürne nicht , ich bin auch nicht krank , ich wußte nur nicht , daß schlafende Kinder zuweilen wachen . « » Ich darf also hoffen , meine Schwester zu sehen ? « fragte Paul nochmals . » Deine Schwester ! Nun ja , ja , Du hast oder hattest eine Schwester , aber ich weiß doch nicht , ob Ihr einander liebhaben würdet ! « » Hat denn die selige Mutter nie etwas von ihr gehört ? « » Sie war verschollen oder verloren gegangen , ehe wir auswanderten , « erwiederte ausweichend der Greis . » Das ist traurig ! « sagte Paul . » Ich war immer der Meinung , jener Brief mit dem zerbrochenen Kreuz , der Euch so heftig erschütterte , sei von dieser unbekannten Schwester und ihr gelte unser Besuch , nachdem wir in Polen keine näheren Freunde mehr hatten . « » Allerdings war es jener Brief , den ich noch auf meinem Herzen trage , welcher mich zum Verkauf meines kleinen Höfchens veranlaßte . Er rührte von dem Manne her , den wir morgen aufsuchen wollen . Der Maulwurffänger war , so lange ich in meiner Heimath lebte , mein treuester , uneigennützigster Freund . Er war der Letzte , dem ich beim Abschiede die Hand drückte und der mir wiederholt die Versicherung gab , daß er nie aufhören würde , meiner zu gedenken und nach Kräften für Freimachung meiner Stammbrüder zu wirken . Wir versprachen uns gegenseitig , einander zu schreiben , aber die Sorgen und Mühen schwerer Jahre ließen mich dies Versprechen scheinbar vergessen . Ein einziges Mal bald nach meinem Anlauf meldete ich dem Freunde , wie es mir in der Ferne gehe , und bald kam ein ausführliches Antwortschreiben zurück , das neben manchem lustig klingenden Schwank viel Trauriges enthielt . Mir fehlte es an Zeit und Stimmung , darauf zu antworten , und so erfuhr ich auch nichts mehr von dem aufopfernden Freunde . Nur die Hälfte des Messingkreuzes , das wir beim Abschiede theilten , damit es uns als Erkennungszeichen dienen möge am Tage der Noth oder des Glücks , bewahrte ich sorgfältig auf . Der Brief des Maulwurffängers enthielt die andere Hälfte und eben dies zeigt mir an , daß er mir Eröffnungen von außerordentlicher Wichtigkeit zu machen hat . « » Habt Ihr ihm denn unsere Ankunft gemeldet ? « » Wie hätte ich dies vermocht ! Auch bedarf es dessen nicht ! Ich kenne den Muth und die Ausdauer Heinrichs , der nicht müde werden würde , täglich nach mir auszuschauen und die Hoffnung erst mit dem letzten Athemzuge aufzugeben . Ist er , wie der Wirth versichert , wirklich noch am Leben , so finden wir uns irgendwo zusammen , um uns fernerweit zu berathen . « » Nun dann , Großvater , laßt uns freudig Vertrauen fassen , « sagte Paul . » Unangefochten haben wir den alten theuren Vaterlandsboden betreten , sind herzlich begrüßt worden von diesem Fremden und wissen sogar die Wege , die wir gehen sollen . Weßhalb da noch zagen und fürchten ! Laß uns gemeinschaftlich den Allmächtigen anrufen und auf unsern Knien ihn um Erhörung bitten . Er wird dann die milden Schatten des Schlummers über unsere Augen breiten und die trüben Erinnerungen in unsern Seelen auslöschen , bis das Licht des neuen Tages uns weckt . « Die ungeheuchelte natürliche Frömmigkeit des Enkels rührte den Greis und gab ihm wirklich ein Vertrauen , das eigener Wille nicht mehr lebendig machen konnte . » Amen ! Amen ! « versetzte er . » Du sprichst , wie rechtgläubige Christen handeln sollten . Komm denn und laß uns beten ! « Und der Greis kniete auf sein Strohlager , streckte die Arme nach seinem jungen Enkel aus und schloß ihn fest an seine Brust . Paul aber begann mit bewegter , halblauter Stimme eines jener langen , aus einer Menge Bibelsprüche und Liederversen zusammengesetzten Gebete , worauf die Landleute besonders viel halten , herzusagen . Andächtig und gemessen wiederholte der Greis jeden Satz , und wer diese beiden in hoffnungreiches Gebet tief Versunkenen so treuherzig und kindlich gläubig einander umschlingen gesehen hätte , der würde nicht ungerührt vorüber gegangen sein und , wäre er ein Verächter des Glaubens gewesen , vielleicht mit dem Seufzer des Zöllners an seine Brust geschlagen haben . Wohl eine Viertelstunde beteten Großvater und Enkel . Dann küßte Paul die faltige Stirn des Greises und Beide legten sich wieder auf die harte , prunklose Streu . Noch hörten sie eine Zeitlang das raschelnde Brüseln des feinen Regens an den Fensterscheiben , zählten die Tropfen , die in gemessenen Pausen durch eine schadhafte Stelle des Daches über ihnen auf einen metallenen Gegenstand fielen , und versanken dann unmerklich in einen erquickenden traumlosen Schlummer , aus dem sie erst durch das Knarren der Thür wieder erweckt wurden , welche zur Kammer des Wirthes führte . Drittes Kapitel . Der Todtenstein . Ein kühler Nordwestwind hatte über Nacht die Regenwolken zerstreut und die rein und klar aufgehende Sonne verhieß einen schönen Tag . Mit freundlichem » guten Morgen ! « grüßte der Wirth seine Gäste , die schnell aufstanden und die Strohhälmchen , welche an Haaren und Kleidern hängen geblieben waren , abschüttelten . » Ihr habt eine ruhige Nacht gehabt unter meinem Dache , will ich hoffen ? « sprach der Wirth , klappte den Deckel des Ofentopfes auf und fuhr mit beiden Händen in das noch laue Wasser . » Schönes Reisewetter heut und gute Haidewege ! So ein anhaltender Nachtregen ist der beste Wegausbesserer . Ihr findet harten Sand bis an die bergigen Lande hin . « Ohne die Antwort der Reisenden abzuwarten , schlug er den kupfernen Deckel jetzt drei Mal laut schallend zu , worauf die hübsche Magd vom vorigen Abend den Kopf zur Thür hereinsteckte und nach seinem Begehr fragte . » Zünde Feuer an , Lene ! « befahl der Wirth , » Der Morgen ist schaurig , und ehe die Sonne über die Haide geht , fegt uns der Wind die ganze Stube aus . Du kannst auch ein Kienfeuerchen anmachen der Heimlichkeit wegen und hörst Du , sag ' dem Knecht , er solle das faule Judenpack wecken und ihm die Pferde unserer Nachtgäste anschirren helfen ! Ihr wollt doch bei Zeiten aufbrechen , « fuhr er , zu dem Greise gewandt , fort , » oder habt Ihr Euch anders besonnen ? « » Mein Beschluß steht fest . Sobald der Fuhrmann gefüttert hat , brechen wir auf . « » Doch zuvor eßt Ihr noch ein paar Löffel frische Grützsuppe . Die Lene versteht sich auf die Kocherei , wie selten eine Dirne . Euer Lebtage , sag ' ich Euch , habt Ihr in Polen keine solche Grützsuppe gegessen , wie ich sie Euch vorsetzen werde . « Dankbar nahmen die Reisenden diesen Vorschlag an und gaben gern schon dem freundlichen Wirthe zu Gefallen zu , daß die genannte Morgenspeise untadelig und überaus vortrefflich sei . Nach diesem derben kräftigen Frühstück berichtigte der Greis die billige Zeche und verabschiedete sich von dem Schenkhalter . » Habt Dank , « sprach er , » für Quartier , Kost und gute Auskunft , die Ihr mir gegeben . Der Herr vergelt ' s Euch tausend Mal , und sollten wir uns einmal wieder zusammenfinden , will ' s Gott , so möge unser Wiedersehen ein recht fröhliches sein . Behüt ' Euch Gott ! « » Reis ' t glücklich , alter Vater , und macht gute Verrichtung ! Aber sagt , wollt Ihr mich so fremd wieder verlassen , als Ihr in mein armes Haus getreten seid ? Es ist Sitte bei uns , daß ein Nachtgast seinen Namen zurückläßt . Also , wie nennt Ihr Euch ? « » Jan Sloboda , « versetzte der Greis . » Der Name erlöscht mit meinem Tode , da ich keine männlichen Nachkommen habe . « » Gottes Segen auf Euer Haupt , Jan Sloboda ! « rief der Wirth , schüttelte dem Alten wiederholt die Hand und half ihm in das zerbrechliche Fuhrwerk steigen , das bereits vor der Thür auf die Reisenden wartete . Der schmächtige jüdische Knabe sprang auf den Wagentrim der Kutscher pfiff den Pferden und in munter Trabe ging es fort an dem Wiesenrande hin in die rauschende , harzduftige Haide hinein . Der sandige , vom Nachtregen festgeschlagen Weg führte dicht an den großen Teichen von über , die alle nur durch schmale Dämme getrennt waren und mittelst Schleußen mit einander in Verbindung standen . Zusammen bildete sie eine ansehnliche Wasserfläche , die auf alle Seiten von der dichtesten Haide umschlossen ward . Ein paar Vorwerke , Torfhütten und ein Forsthaus lagen in der Nähe auf ausgerodetem Haideboden . Der Fahrweg streifte fast die Försterwohnung , bog alsdann wieder in die Kieferwaldung ein und verlor sich im Dunkel der hohen , rauschenden Stämme . Die Reisenden brauchten ein paar Stunden , um diese Wälder in querer Richtung zu durchschneiden , und sie würden auf diesem einförmigen Wege lange Weile gehabt haben , wären sie nicht von Zeit zu Zeit an Köhlerwohnungen und Pechsiedereien vorübergekommen , um die es immer ein buntes Gewimmel von Menschen gab . Auf freien , hochgelegenen Plätzen im Walde , über die sich die Straße zog , sahen die Reisenden auch über dem unabsehbaren schwarzen Dickicht die blauen Rauchsäulen der Meiler an hundert Orten zugleich in die kühle Morgenluft steigen . Mit dem Aufhören der Haide nahm die Gegend sogleich einen andern Charakter an . Thäler , Hügel , Berge und Felsgruppen traten zu romantischen Aus-und Ansichten zusammen . Klare , lebendige Bäche hüpften murmelnd über Kies und schimmerndes Gestein . Heitere Dörfer zogen sich in Thälern und an Hügeln hin . Kirchthürme blinkten im Sonnenschein und die hohen Giebel und alten Thurmzinnen manchen Edelhofes sahen aus ehrwürdigem Ulmen- und Eichengebüsch hervor . Das Geläut der Glocken , die zur Kirche riefen , ertönte auf allen Seiten , und berührten die Reisenden ein Dorf , so begegneten sie häufig geschmückten Mädchen und Frauen , die wohl dem ungewohnten Fuhrwerk verwundert nachsahen . Obwohl der Jude seine Pferde tüchtig antrieb , war die Mittagsstunde doch schon vorüber , als das am Fuß seiner romantischen Gebirge prächtig gelegene Königshain den Reisenden sichtbar ward . Paul konnte sich nicht satt sehen an den vielen wechselnden Fernsichten und den sonderbar gestalteten Gipfeln der Berge , die kühn und phantastisch hinter dem im Thale liegenden volkreichen Orte emporstiegen . Hätte Sloboda ihn nicht belehrt , daß er nur uralte Felsgebilde vor sich habe , so würde der schaulustige Jüngling mit Zinnen und Wartthürmen geschmückte ungeheure Burgtrümmer aus dem Mittelalter zu erblicken geglaubt haben . Von einer Menge gaffender Kinder umgeben , erreichte das polnische Fuhrwerk den Gasthof . Hier beschloß der Greis bis auf Weiteres zu rasten , ließ ein Mittagsmahl auftragen und erkundigte sich , gleich einem Fremden , nach den Sehenswürdigkeiten der Gegend und namentlich nach den umliegenden merkwürdigen Felsbergen . Der Wirth war sogleich bereit , jede möglich Auskunft zu geben . Er hielt die Reisenden für Russen schon wegen der ungewohnten Tracht des Greises und pries ihnen die wundervolle Aussicht auf den nahen Bergen , namentlich auf dem Todtensteine , mit beredter Zunge an . » Den Todtenstein , ja , den müssen Sie sehen , meine Herrschaften , « sagte er , auf einem Schemel neben den Reisenden Platz nehmend und behaglich seine Pfeife rauchend . » Das ist ein Felsen , wie es keinen mehr gibt in deutschen Landen ! Die Gelehrten aus Görlitz und Dresden und andern berühmten Städten kommen blos hieher , um die alten Steine zu beschauen , und ich habe von den gelahrten Herren manch wundersames Wort vernommen , wenn sie nachher mit einander bei einem Glase Bier hier an demselbigen Tische über das Gesehene und Gefundene discurirten . Sie müssen nämlich wissen , meine Herrschaften , daß hier herum und weit ins Land hinein , sogar bis hinauf in die Gebirge vor alten Zeiten dumme und blinde Heiden gewohnt haben , von denen die Wenden nach Löbau zu und weiterhin noch ein Ueberrest sind . In meiner Jugend gab ' s auch ganz in der Nähe noch einzelne wendische Bauern , jetzt aber sind sie schon seit Jahren theils ausgestorben , theils weggezogen . Es hieß , sie hätten sich nicht mit den Deutschen vertragen können , was leicht sein kann , denn es ist ein hartköpfiges , abergläubisches Volk , das eine Sprache redet , wie sie kein Hund bellt ! - Aber , was ich sagen wollte , die Herren Gelehrten und Bücherschreiber haben es richtig herausgebracht , daß diese alten Heiden auf dem Todtensteine ihre götzendienerischen Opfer gehalten , ihre Feinde geschlachtet und sie nachher mit Stumpf und Stiel verbrannt haben . Denn grausam , ach grausam war das Volk ganz abscheulich ! Letzthin erst , es sind noch keine vier Wochen her , haben ein paar Gelehrte , die über acht Tage lang in den alten Klüften herumgekrochen sind und alle Spalten visitirt und genau beguckt haben , eiserne Ringe gefunden und Kettenglieder und einen steinernen Schlägel , den sie ein Opferbeil nannten , und Blutkrüge und Schüsseln und mehr solch Zeug , was Alles die wendischen Götzenpriester bei ihren Opferfesten brauchten . Deswegen , meine Herrschaften , weil entsetzlich viel Blut da oben vergossen worden ist , heißt der Fels auch bis auf den heutigen Tag der Todtenstein ! « Nach diesen Bemerkungen , die Sloboda dankend hinnahm , erbot er sich , da es gerade Sonntag sei und er weiter nichts zu thun habe , die Reisenden , wenn sie es wünschen sollten , zu begleiten . Damit war aber dem Greise nicht gedient , weshalb er für diese Gefälligkeit dankte unter dem Vorwande , daß er schwerlich schon heut dazu kommen werde , die umliegenden Berge zu besteigen , indem wichtige Geschäfte seine Zeit in Anspruch nähmen , an einem der nächsten Tage dagegen würde es ihm sehr angenehm sein , wenn er ihm einen der Gegend kundigen Führer verschaffen wolle . Der Wirth stand sogleich von seinem Vorhaben ab , da er auf ein längeres Verweilen der Reisenden hoffen durfte , und Sloboda konnte sich nach einiger Zeit in Pauls Begleitung unbemerkt entfernen . Auf Stegen , die ihm noch wohl bekannt waren , führte Sloboda seinen Enkel aus dem Dorfe . Ein vielspuriger Feldweg zog sich den Berg hinan , dessen Gipfel die hohe und breite Steinmasse der granitenen Burg schmückte . Links und rechts war der Berg eine gute Strecke hinauf bebaut , bis Steingeröll , Schlinggewächse und Schwarzholz das fruchttragende Erdreich verdrängten . Etwa einen Büchsenschuß von dem Todtensteine entfernt hörte der eigentliche Weg auf . An dieser Stelle übersah man das reich angebaute Land mit seinen Dörfern , Schlössern und Kirchen bis weit in die Lausitz hinein . Sloboda blieb stehen und kehrte sich um . Eine Thräne rieselte über seine gefurchten Wangen , und indem er Pauls Hand ergriff und auf die sich kreuzenden Pfade deutete , deren eine Menge nach allen Seiten liefen , sprach er : » Das ist der Ort , wo das große Unglück begann ! « » Welches Unglück , Großvater ? « » Das mich vertrieb , mich flüchtig und heimathlos machte und Dich unter einem fremden Volke geboren werden ließ . « » Und das meine arme Mutter nie vergessen konnte ? « » Das sie nie vergessen durfte ! « wiederholte Sloboda mit dumpfem Zornesgrolle . » Ach warum habt Ihr so oft davon gesprochen und mir doch nie gesagt , worin es bestanden hat ! « » Weil es unnütz gewesen wäre ! Doch jetzt Paul , ist vielleicht die Zeit gekommen , wo Du erfahren mußt , was Deine Mutter , Dein Vater , was ich und alle Diejenigen erduldet haben , die vor vierzig und mehr Jahren in diesen gesegneten Fluren lebten ! Darum laß uns eilen ! Dort oben unter den drohenden Granitklippen des Todtensteines wird sich das Räthsel lösen ! « Mit sonderbaren Gefühlen traten die beiden Reisenden in das gelichtete Holz einen schmalen Fußsteig hinanklimmend , der durch niedriges Gestrüpp , durch Wachholderbüsche und Brombeergesträuch grade nach dem Granitfelsen führte , dessen schwarzgraue Breitseite , von Immergrün , Epheu , wildem Wein und Hopfen malerisch umrankt , wie eine ungeheure Burgmauer grade vor ihnen lag . Hie und da wucherte in dürftigem Erdreich eine Kiefer auf dem Gestein und schlang ihre gekrümmten Wurzeln , gleich goldglänzenden Schlangen , um die vorspringenden Felsen . Der Anblick des Todtensteines war imposant und staunend starrte der junge Paul die zerrissenen , wohl achtzig Fuß hohen Wände an , um die jetzt pfeifend der Nordwestwind heulte . Sloboda aber ließ ihm keine Ruhe . Schneller , als man von dem Greise erwarten konnte , schritt er nach einer tiefen Kluft , die den riesigen Granitblock in zwei ungleiche Hälften zerschneidet und den Aufgang zur freien Höhe desselben bildet . Nicht fern von dieser kaum anderthalb Ellen breiten Schlucht sieht man schräg am Gestein eine sitzartige Vertiefung , welche das Volk den » Teufelssitz « nennt . Die Reisenden mochten etwa noch hundert Schritte von dem Felsen entfernt sein , als Sloboda ein Geräusch zu hören glaubte , wie wenn Jemand mit Eisen oder Stahl gegen einen Stein schlüge . » Was war das ? « fragte er mehr sich selbst als seinen neben ihm herschreitenden Enkel . » Ich glaube , es schlug sich Jemand in der Nähe Feuer an , « versetzte Paul und blieb horchend stehen . Indem wiederholte sich das Geräusch deutlich und die Horchenden konnten nicht mehr zweifeln , daß wirklich irgend wer mit Stahl und Feuerstein zu schaffen habe . » Paul , « rief Sloboda mit gepreßter , vor Freude und Erwartung zitternder Stimme , » das ist Niemand als Heinrich , mein Jugendfreund , der ehrliche Maulwurffänger vom Todten ! « Mit verdoppelter Eile kletterten sie nun über das von hohem Farrenkraut , Ginster und anderem Gesträuch wild bewachsene Steingeröll , erreichten die erwähnte Schlucht , in welcher hölzerne Stiegen zur Erleichterung des Hinaufklimmens eingekeilt waren , und erblickten jetzt den moosbewachsenen , von Epheu dachartig überwölbten Teufelssitz . Er war nicht leer , ein Mann hatte ihn eingenommen , der eben damit beschäftigt war , ein frisch angezündetes Stückchen Schwamm auf seine kurze Holzpfeife zu legen , die er mit bedächtigen Zügen tüchtig in Brand zu setzen suchte . Er war so ganz mit Seele und Auge dabei , daß er die Annäherung der Fremden nicht bemerkte . Viertes Kapitel . Der Maulwurffänger . Unschlüssig blieb Sloboda stehen und betrachtete den Rauchenden so gierig , als wolle er ihn mit seinen Blicken durchbohren . Der Mann am Teufelssitze war von untersetzter Statur , stämmig und von breitem Schulterbau . Sein Gesicht ähnelte einem Europäer nur wenig , so dunkelbraun hatten es Sonne und Wetter gefärbt . Wie alle Landleute dieser Gegend trug er keinen Bart. Ein schmales , spitz zulaufendes Kinn , ein kleiner Mund und eine keckgebogene stolze Adlernase , über der sich trotzig eine stark gewölbte , etwas vorspringende Stirn erhob , gaben ihm ein unternehmendes , furchtloses und ungemein listiges Ansehn . Ein offenbar viel getragener und nur bei alten Leuten noch üblicher dreieckiger Hut saß ihm etwas schief auf dem linken Ohr . Neben ihm an dem Felsen lehnte ein langer Stock von rothgebeiztem Schlehdorn , der keine andere Zierde , als ein schmales Lederbändchen am obern Ende trug , um es um die Hand zu schlingen . Als dieser Mann seine Pfeife gehörig in Brand gesetzt hatte , schlug er die Beine über einander und sah aufwärts nach dem Himmel , als wolle er das Wetter erproben . Dabei fiel sein Blick auf die Fremden , die kaum zwanzig Schritte von ihm an einem Felsblock lehnten . Dieser Blick war so merkwürdig , so charakteristisch , daß , wer nur ein Mal von ihm getroffen ward , ihn nie wieder vergessen konnte . Wie ein silberner Funken glitt er aus einem krystallklaren , hellgrauen Auge , in dem ein unbeschreibliches Gemisch von Gutmüthigkeit und Schalkheit , von Humor und Ernst , von Stolz und Demuth lag . Starke und struppige eisgraue Augenbrauen verliehen diesem wunderbarem Auge noch mehr Charakter , während das lang gewachsene Haupthaar , das ein schwarzer Hornkamm am Hinterkopf zusammenhielt , zu scheuer Ehrfurcht aufforderte . » Jan Sloboda , « sagte er nach kurzem Zögern , » wenn es nicht Dein Geist ist , der hier umgeht , so tritt näher , denn bei der heiligen Gottesmutter , ich sehe Dich vor mir , wie ehedem in vergangenen Tagen ! « » Du irrst Dich nicht , Heinrich , ich bin Jan Sloboda ! « rief der Wende und warf sich dem Jugendfreunde gerührt an die Brust . Der Maulwurffänger , nicht gewohnt , seine Gefühle rücksichtslos zu offenbaren , erwiederte die Umarmung des alten Freundes herzlich , aber weniger stürmisch , als der heftig ergriffene Greis . Er stand auf und ohne langes Hin- und Herreden Pauls Hand ergreifend , der dieser Begrüßung stumm zugesehen hatte , zog er Beide mit sich fort nach einem Ueberhange , unter dem sich eine breite Moosbank , geschützt gegen den Luftzug , befand . » Hier setzt