ein wenig und übertreibt dabei wohl etwas . Die Baronin ging auf diese Wendung ein , aber die quälende Spannung der Einzelnen lähmte jede Unterhaltung . Alfred war verstimmt , Caroline blieb gereizt und bitter , und die Baronin entfernte sich , sobald es in guter Weise möglich war . Alfred eilte auf sein Zimmer , nachdem er sie zu ihrem Wagen geleitet , und ging in stürmischer Bewegung umher , wie es seine Art war , wenn ein Ereigniß ihn schmerzlich beschäftigte . Mehrmals blieb er stehen , den Kopf gegen die Fensterscheiben gestützt , und sah sinnend in die Gegend hinaus . Dann setzte er die frühere Bewegung wieder fort , ging an die Thüre , um die Glocke zu ziehen , aber plötzlich zögernd ließ er die Schnur aus der Hand entgleiten , trat zurück und warf sich in den Sessel , der vor seinem Schreibtische stand . Hier saß er , in Gedanken verloren , lange Zeit , bis er sich plötzlich aufraffte , die Klingel zog , dem Diener befahl , die gnädige Frau zu ihm zu bitten , und dann , sie erwartend , auf ' s Neue in tiefes Nachdenken versank . Carolinen ' s Erscheinen machte ihn erbleichen . Du hast mich rufen lassen , was willst Du von mir ? fragte sie mit Eiseskälte . Habe die Güte , Dich zu mir zu setzen , bat er sie . Die äußere Ruhe ihres Mannes bei sichtlicher innerer Erregtheit erschreckte sie , und theils , um sich Muth zu machen , theils auch ihr früheres Betragen bereuend , rief sie : Um Gottes willen , lieber Alfred , nur keine Ermahnung , sage einfach , was Du willst , und mach ' es kurz ! Dabei legte sie ihren Arm um seinen Nacken und neigte sich zu ihm , als ob sie ihn küssen wollte , aber er wehrte es ihr leise und sagte sehr ernsthaft : Die Zeiten sind vorüber , in denen eine Liebkosung mich mit Deinen Fehlern versöhnte . Ich bin es herzlich müde , mich und den Knaben von Dir tyrannisiren zu lassen , ich bin es müde , jeden Freudenbecher , den das Leben mir bietet , durch Dich in Wermuth verwandeln zu sehen . Wir werden uns trennen ! Sie sah ihn in sprachloser Erstaunung an . Sein Ernst ließ sie das Schlimmste fürchten , aber sie wünschte von Herzen , sich zu täuschen , und sagte mit erzwungenem Lächeln : Soll das ein Kapitel aus Deinem neuen Roman sein ? Es klingt sehr traurig . Scherze nicht ! entgegnete er ihr , es ist das entscheidende Kapitel unseres Ehestandes . Aber was ist denn geschehen ? rief sie , was bringt Dich gerade heute mit einem Mal so plötzlich auf ? Die Ungerechtigkeit und die Härte , welche Du heute wieder gegen den Knaben und gegen mich begangen hast . Sage selbst , was hatte ich Dir gethan ? Warum hast Du das Kind , und obenein im Beisein einer Fremden , so hart gescholten ? Weil er wieder wie ein Bauernjunge mit zerrissenen Kleidern nach Hause kam , weil er gar nicht mehr zu bändigen ist , gegenredete die Mutter , den ersten Theil der Frage geschickt umgehend . Aber das sind die Folgen Deiner ewigen Lehren von der allgemeinen Gleichheit der Menschen , von der wahren Barmherzigkeit . Nun siehst Du selbst , wohin das führt . So mitten unter allem Gesindel läßt kein Edelmann seine Kinder aufwachsen , so verkennt Niemand als Du , was er seiner Stellung schuldig ist . Und das sagst Du mir ? O ! Du brauchst mich nicht zu erinnern , daß ich Dir eine glänzendere Stellung verdanke , als ich sie zu Hause gehabt ; ich weiß wohl , daß es Dich oft genug gereut hat , die arme Registratorstochter geheirathet zu haben . Obgleich mein Vater so gut ein Edelmann war , als Du , hast Du Dich meiner doch von je geschämt . Caroline ! das sagst Du mir ? fragte Alfred nochmals . Dann nahm er sie bei der Hand , führte sie zu dem Sopha , setzte sich neben sie und sagte mit befehlendem Ernst : Jetzt unterbrich mich einmal nicht ! - Ja ! Du hast wahr gesprochen , wahrer als Du weißt . Ja ! ich schäme mich Deiner , ich habe mich Deiner oft geschämt , aber nicht um Deines armen , wackern Vaters willen , den ich hochgeschätzt , wie alles Tüchtige , das weißt Du wohl . Ich habe mich Deiner geschämt , wenn Du in ungezügelter Heftigkeit den Unfrieden unserer traurigen Ehe fremden Blicken preisgegeben hast , wie heute ; wenn Du in blinder Eifersucht Dich und mich dem Spotte unserer Bekannten aussetztest . Weiß es nicht längst alle Welt , daß Du und ich nie gleicher Ansicht sind ? Wo steckt das große Verbrechen , daß ich dies heute halb im Scherze der Baronin sagte , und Felix einen Verweis gab , den er reichlich verdient hat ! unterbrach sie ihn trotz seiner Warnung . Das thut jede Mutter ; das thäten all die geistreichen Damen auch , die mir mit ihrer Anbetung für Dich , als wir in der Residenz waren , Dein Herz entfremdeten . Das hätte auch Deine Freundin , das hätte jene Baronin auch gethan , die Dir vor unserer Verheirathung wie ein Ideal erschien , im Gegensatz zu mir , und deren Bruder Dich zu allen Deinen poetischen Thorheiten verleitete . Alfred fuhr auf und seine Hand ballte sich krampfhaft zusammen , doch sagte er ruhig : Therese Brand , die Du vermuthlich meinst , war eben so wenig Baronin als Du , aber eine sehr edele Natur , die mit lebhaftem Gefühl die Dichtungen begriff , welche ich Dir aus vollem Herzen weihte , und die Du nicht empfandest . Daß ihr Bruder Julian mich zum Drucke jener Gedichte überredete , war keine Thorheit ; aber von dem Allen ist jetzt die Rede nicht . Und hat er Dich nicht mit Gewalt bereden wollen , mit mir zu brechen ? Habe ich nicht selbst den Brief gelesen , als Du einmal Deine Brieftasche bei uns hast liegen lassen ? Er meinte , wir paßten nicht für einander , Du seist zu jung zum Heirathen , Du solltest mich aufgeben , mir eine reiche Mitgift aussetzen , damit ich bald einen andern Mann fände . Daran hätte es mir auch ohne eine Mitgift nicht gefehlt , und vielleicht wäre es besser für mich gewesen . Alfred entgegnete ihr keine Sylbe ; es entstand eine lange Stille , denn Caroline fand nicht den Muth , das Schweigen zu brechen , das drückend auf ihr lastete . Endlich that es Alfred . Nach dieser Aeußerung , Caroline ! sagte er sehr ruhig und bestimmt , obschon in seinem Antlitz seine innere Erregung klar zu lesen war , nach dieser Aeußerung und nach den Vorgängen der letzten Tage und Stunden , hoffe ich bei Dir auf keine Einwendungen zu stoßen , wenn ich Dir mittheile , was ich für uns beschlossen habe . Ich gehe noch heute nach der Stadt , werde dort bleiben und Felix , dessen Erziehung dies ohnehin erheischt , nachkommen lassen . Du magst über Deine Zukunft bestimmen , Dich einrichten , wie es Dir wünschenswerth scheint , nur nach Berlin komme für das Erste nicht . Darum bitte ich Dich , es würde uns die nothwendige Trennung nur erschweren . Alfred ! schrie Caroline im Tone des wahrsten Schmerzes auf , ist es denn möglich , Du willst mich verlassen ? Habe ich Dir je Anlaß gegeben , an meiner Liebe zu zweifeln ? Bin ich Dir nicht stets ein treues Weib gewesen ? Erniedrige Dich nicht durch solch ein Lob ! versetzte er . Was frommte Treue , was galt Liebe , wo jeder Tag , jede Stunde mir Leid gebracht hat ? Wir sind unglücklich gewesen durch einander , so wollen wir uns trennen , um fern von einander wenn nicht Glück , doch Ruhe und Frieden zu finden ; um Felix dem üblen Einflusse zu entziehen , den unser Unglück auf ihn ausüben muß , je mehr er es begreifen lernt . Alfred ! flehte sie weinend und warf sich an seine Brust , Alfred ! ich bin die Mutter Deines Kindes ! Um unseres Felix willen vergib , vergib nur noch dies eine Mal , und bleibe ! Er aber machte sich sanft von ihr los und antwortete mit Thränen in den Augen : Ist es das erste Mal , daß solche Auftritte zwischen uns vorfallen ? Ich weiß , Du bist an mich gewöhnt , Du liebst den Knaben , Du bist nicht böse , aber wie oft hast Du mir schon gelobt , Dich zu ändern ? Wie oft hast Du mir versprochen , Deine Heftigkeit zu überwinden , Dich von dem Einfluß des Kaplan Ruhberg loszusagen , meinen Ansichten , meinen Wünschen Gehör zu geben , wie ich es stets mit den Deinen that ? Ist es anders geworden trotz aller Deiner Versprechungen ? Sie schwieg , getroffen von der Wahrheit in den Worten ihres Mannes , und dieser fuhr fort : Glaubst Du , daß mir nicht das Herz blutet , jetzt , da ich von Dir scheide ? Mit wie viel gutem Willen , mit wie redlichen Vorsätzen führte ich Dich in mein Haus ! - Vielleicht war es unrecht , daß ich es that , obgleich ich fühlte , daß Manches störend zwischen uns lag . Ich habe vielleicht zu viel von Dir verlangt ; verlangt , was Du nicht leisten konntest , und Du wärst glücklicher mit jedem andern Manne geworden , wie Du vorhin sagtest - das könnte sein und das wäre hart ! Eine neue Pause entstand . Caroline weinte laut , Alfred ging wieder im Zimmer umher , endlich blieb er vor seiner Frau stehen und sagte mit gepreßter Stimme : Der Verwalter hat meine Befehle für die nächste Zeit . Felix werde ich nicht sehen in diesem schweren Moment , sei nicht zu streng gegen ihn . Dann schritt er der Thüre zu , kehrte zurück , bot seiner Frau die Hand und sprach : Vergib mir , wenn Du so viel gelitten hast als ich , und versuche es , glücklicher zu werden . Damit verließ er das Zimmer , sein harrender Kammerdiener warf ihm den Mantel über , er stieg in den Wagen , seine raschen Pferde brachten ihn zu der nächsten Station , von dort wollte er mit Postpferden nach der Residenz fahren . Caroline blieb betäubt zurück ; dann holte sie ihren Sohn , den sie mit Zärtlichkeit überhäufte . Auf seine Fragen , ob der Vater ausgefahren , ob er bald wiederkomme , antwortete sie bejahend , denn sie glaubte zuversichtlich an die Rückkehr ihres Mannes . Sie kannte sein weiches Herz , und sie hatte nicht so schwer durch ihre unglückliche Ehe gelitten , als er . IV Alfred fuhr die ganze Nacht hindurch . Er konnte nicht schlafen , denn sein Gemüth war zu aufgeregt durch das Scheiden von seiner Frau ; all seine Gedanken wendeten sich der Heimat zu . Er sah seine Frau weinen , seinen Sohn nach dem Vater verlangen , das kleine Arbeitscabinet leer . Eine tiefe Wehmuth überfiel ihn , und wieder und immer wieder gedachte er prüfend der letzten Jahre , um sich zu überzeugen , daß der Schritt nothwendig , ja daß er unerläßlich gewesen sei , den er am Abende gethan hatte . Diese Ueberzeugung beruhigte ihn allmälig , so daß er mit einer Art von Heiterkeit und mit einem Gefühl von Freiheit in die Natur hinausblickte , als ein frischer Windhauch seine Stirne kühlte und der junge Morgen die Erde beleuchtete . Es war ihm , wie in jenen Tagen erster Jugend , in denen man bei jedem Schritte aus dem gewohnten Kreise besondere Begebenheiten erwartet und Abenteuer träumt ; und wirklich bereitete sich , während er über sich lächelte , ein ganz artiges Ereigniß für ihn vor . Eine halbe Stunde näher zur Residenz fuhr ebenfalls ein eleganter , von Postpferden gezogener Reisewagen auf der Chaussee . Die Fenster desselben waren geschlossen , Postillon und Diener waren eingeschlafen , die Pferde gingen ruhig den oft gemachten Weg . Plötzlich , als die Straße sich senkte , trat das eine Pferd über die Deichsel und fiel nieder . Das erweckte den Postillon , er zerrte an den Zügeln , um das Thier zum Aufstehen zu bewegen , das sich in vergeblichen Bestrebungen hin und her warf . Man hörte ein leises Knacken und der Postillon erklärte fluchend dem indeß erwachten und abgestiegenen Diener , daß die Deichsel zerbrochen sei . Da fielen zu beiden Seiten des Wagens die Fenster nieder und aus jedem sah ein Frauenkopf hervor . Während aber die eine Dame verwirrte Fragen an den Postillon richtete , befahl die andere , ihr den Wagenschlag zu öffnen , und stieg aus . Sie überzeugte sich bald von der Unmöglichkeit , den Wagen zur Weiterreise herzustellen , erfuhr , daß man etwa in der Mitte der Station , also eine Meile von den beiden nächsten Posthäusern entfernt sei , und faßte den Entschluß , in Begleitung des Dieners bis in das nächste Dorf zu gehen und nachzufragen , wie man sich dort helfen könne . Während dessen hatte sich die andere Dame ganz ruhig in die Wagenecke zurückgelehnt und schien wirklich noch zu schlummern , als die Ausgestiegene sie freundlich zu ermuntern strebte . Komm Eva , komm ! sagte sie , wir wollen uns auf den Weg machen ! Wir müssen vorwärts ! Es hilft uns Nichts . Auf den Weg machen ? - Gehen ? - fragte Eva , wir Beide allein , hier in der fremden Gegend , das ist ja unmöglich ! Der Wille ihrer Freundin mußte aber wohl bestimmenden Einfluß auf sie üben , denn trotz ihrer Einwendungen schickte sie sich an , den Wagen zu verlassen , nachdem sie sich fest in den rothen Plaidmantel gehüllt , die seidene Capotte aufgesetzt und sich überzeugt hatte , daß das Spitzenhäubchen nicht vom Schlafe gelitten hätte . Die ältere der Beiden ließ darauf den Wagen schließen , befahl dem Postillon zur Bewachung desselben zurückzubleiben und schritt dann ruhig , Eva ' s Arm in den ihren legend , von dem Diener begleitet , die Poststraße hinan . Sie schien mit rechter Wonne des schönen Morgens zu genießen , während Eva über den Thau , über Ermüdung und über tausend andere Unbequemlichkeiten klagte , und endlich ganz vergnügt ausrief : Ach Gott sei Dank ! da höre ich ein Posthorn , da kommt gewiß die Schnellpost , da können wir mitfahren , hoffe ich ! Es fragt sich , ob Plätze für uns frei sein werden , wendete die Freundin ein . Nun , wenn die Post voll ist , so sind doch gewiß auch Herren darin , die uns ihre Plätze abtreten . So ungalant wird doch kein Mann sein , daß er in dem großen Wagen vorüberfährt und uns auf der staubigen Chaussee zurückläßt . Schnellpostreisende pflegen Eile zu haben , entgegnete Therese , und kein Gewerbe von ritterlicher Galanterie zu machen . Zudem scheint mir das nicht das Signal der Schnellpost , sondern das einer Extrapost zu sein , und damit werden Deine Hoffnungen noch ungewisser . Das wäre aber schrecklich ! Ich bin so müde von dem Fahren in der Nacht . Ich kann so weit nicht gehen , klagte Eva , von der plötzlichen Heiterkeit wieder in ihre frühere Verstimmung zurücksinkend . Therese sprach ihr Muth ein , Eva hörte es schweigend mit an , und sie gingen auf ' s Neue vorwärts , als das Posthorn abermals und ganz in ihrer Nähe ertönte . Alfred ' s Wagen hielt vor ihnen , er stieg aus und begrüßte sie . Ich habe Ihren Wagen auf dem Wege liegen gefunden , sagte er , und von dem Postillon gehört , daß Sie , meine Damen , mit mir dasselbe Ziel verfolgen . Wollen Sie mir die Ehre erzeigen , meinen Wagen zu benutzen ? Sie sind sehr liebenswürdig , sagte Eva . Sie haben aber in Ihrer Kalesche nur für zwei Personen Platz , was wird aus Ihnen ? fragte Therese . Ich werde mich neben den Postillon setzen , mein Diener mag mit dem Ihrigen uns bis in das nächste Dorf zu Fuß nachkommen . Es würde mir eine Freude sein , Ihnen zu dienen . Mein Name ist von Reichenbach . Der Name schien Therese sehr angenehm zu überraschen . Sie sah Alfred mit sichtlichem Vergnügen an und sagte dann : Wie wäre es , wenn wir Alle bis in das nächste Dorf gingen , dessen Thurm wir schon deutlich sehen ? In der großen Stadt wird uns nicht leicht ein so frischer Morgen zu Theil werden . Finden wir im Dorfe nicht die Möglichkeit , weiter zu kommen , ohne Herrn von Reichenbach zur Last zu fallen , so wollen wir dankbar seinen Wagen bis zur nächsten Station benutzen . Plötzlich , sich an Eva ' s Klagen erinnernd , fragte sie diese : Aber Du möchtest wohl lieber gleich einsteigen , Eva ? Du warst ermüdet . Ich ? Nicht im geringsten ! antwortete diese ganz fröhlich und munter , und in Reichenbach ' s Begleitung machte man sich auf den Weg . Neben den Damen einhergehend , hatte er die Gelegenheit , sie näher zu betrachten . Die ältere von Beiden war groß und schlank , aber nichts weniger als schön . Weiches blondes Haar umgab in breiten Flechten eine edle Stirn , die mit großen , dunkeln Augen dem Gesicht einen anziehenden Charakter gab . Ihr Teint war zart doch farblos . Sie mochte fast dreißig Jahre alt sein und sah ruhig und verständig aus . Ihre sehr einfache Kleidung paßte ganz zu ihrer Erscheinung und fiel deshalb nicht als etwas Besonderes an ihr auf . Alfred war gewiß , eine Frau aus den höhern Ständen in ihr zu sehen , denn in ihrem Betragen gegen ihre jüngere Freundin lag das sichere Bewußtsein einer Selbstständigkeit , die dieser zum Schutze diente . Eva war sehr klein und das rosigste Bild der Jugend . Noch heller blond als Therese , hatte sie schöne blaue Augen , die übermüthig froh in die Welt blickten . Ihre kleine Stumpfnase , die üppigen Lippen waren nicht gerade regelmäßig schön , aber das ganze Gesicht so voll blühenden Lebens , daß man es , mit den tiefen Grübchen in Wange und Kinn , höchst reizend finden mußte . Auch war die muntere Eva es , die zuerst eine Unterhaltung begann . Es bleibt immer ein mislich Ding , sagte sie , wenn Frauen allein reisen . Wie leicht entsteht ein Unfall und dann steht man hilflos da . Und doch warst Du es gerade , die sich sehr darauf freute , ohne männliche Begleitung zu sein , die sogar mit der Schnellpost und ohne Diener reisen wollte , entgegnete Therese . O ! das war nur ein Einfall , eine Laune , weil mein Mann immer behauptete , Frauen könnten und dürften sich nicht allein auf Reisen begeben . Ihr Mann ? fragte Alfred verwundert , der sie für ein Mädchen gehalten hatte . Mein verstorbener Mann , ich bin Witwe ! erklärte Eva mit so viel Wehmuth und Würde , als sie in sich erzwingen konnte . Sie sah dabei aber so schalkhaft aus , daß Alfred und ihre Freundin wider ihren Willen lächelten . Sie haben , nahm die Letztere das Wort , uns Ihren Beistand angeboten , Herr von Reichenbach , dessen wir , wie ich besorge , nöthig haben werden ; Sie müssen also doch erfahren , wer wir sind . Meine Freundin ist Frau von Barnfeld , die Wittwe des Majors von Barnfeld , und ich - sie hielt inne , sah Alfred freundlich an und fragte : Erinnern Sie sich meiner nicht , habe ich mich denn so sehr verändert ? Therese , Fräulein von Brand ! rief Alfred lebhaft . Es ist mir unerklärlich , daß ich Sie nicht gleich erkannte ; mir war der Ausdruck Ihrer Augen doch so deutlich in der Seele geblieben , und ich hatte Ihrer erst neuerdings sehr oft gedacht . Ich erkannte Sie gleich , sagte Therese , indem sie dem alten Freunde die Hand bot , obgleich wir uns mehr als zehn Jahre nicht gesehen haben ; denn so lange ist es sicher her , seit wir uns in Berlin einst trennten . Gewiß , antwortete er . Als ich drei Jahre später dorthin zurückkehrte , war Ihre verehrte Mutter schon gestorben , Julian an den Rhein versetzt und Sie ihm dorthin gefolgt . Nun hoffe ich ihn in Berlin zu finden . Er ist augenblicklich nicht dort . Er hat diesen Sommer eine große Reise gemacht , von der er erst in diesen Tagen wiederkehren soll . Deshalb habe ich Frau von Barnfeld überredet , mit mir aus dem Seebade auch etwas früher nach Berlin zu gehen , damit Julian mich , wenn er kommt , schon wieder häuslich eingerichtet und in Ordnung findet . Von beiden Seiten freute man sich des unerwarteten Begegnens . Fragen und Antworten folgten einander schnell . Sie waren so lange getrennt gewesen , daß sie viel nachzuholen hatten . Therese fragte , was Alfred nach Berlin führe , ob er lange dort verweilen werde ? Er antwortete , daß sein Sohn in dem Alter sei , in welchem Schulbesuch für ihn zum Bedürfniß werde , und daß die Erziehung seines Knaben es ihm wünschenswerth mache , künftig in Berlin zu leben . Das ist schön , Herr von Reichenbach , das wird Julian sehr glücklich machen , sagte Therese . Hoffentlich kehren uns dadurch die guten Stunden wieder , in denen wir uns zuerst Ihrer Arbeiten erfreuen durften . Ich war freilich damals kein zuverlässiger Richter , bin es wohl auch jetzt noch nicht , doch machte es mir große Freude , wenn Sie mich fragten : Ist es so gut ? habe ich ' s so recht gemacht ? Und Sie haben mir immer den rechten Weg gewiesen , weil Ihr angeborner Schönheitssinn immer das Wahre und Schöne herausfand ! Es war mit die glücklichste Zeit meines Lebens , und ich habe nie mit größerer Lust neue Arbeiten gelesen , als vor Ihrer Mutter , vor Ihnen und vor Julian . Wir haben recht frohe Stunden miteinander verlebt , sagte Alfred freundlich . Bis dahin hörte Eva ruhig zu , dann aber ertrug sie es nicht länger , untheilnehmend bei einer Unterhaltung sein zu müssen , und rief : O , bitte ! kommen Sie ein wenig aus der alten Vergangenheit in die Gegenwart zurück , zu der ich auch gehöre . Ich möchte Ihnen danken , Herr von Reichenbach , für den Genuß , den mir Ihre Werke gewährt haben . Mir ist , obgleich ich Sie nie vorher sah , als ob ich in Ihnen auch einen alten Bekannten wiederfände . Das ist das Schöne in dem Leben eines Dichters , daß er sich Freunde erwirbt in weitester Ferne , wenn es ihm gelingt , jene Saiten zu berühren , die in jeder Brust wiederklingen . Wir senden die Empfindungen unseres tiefsten Innern als Gruß der Menschheit zu , und sie beantwortet ihn mit offnem Herzen , mit freundlichem Willkommen , wie Sie , meine gnädigste Frau ! Das ist eine große Freude , haben Sie Dank dafür , sagte Alfred . Bald darauf erreichte man das Dorf , fand , wie man es erwartet hatte , kein genügendes Fuhrwerk und fügte sich mit guter Art in Alfred ' s Anerbieten . Die Diener beider Herrschaften blieben zurück ; man legte ein drittes Pferd vor die Kalesche , das der Postillon bestieg , die Damen nahmen die Plätze in der Kalesche , Alfred den Kutschersitz ein . Das Ungewohnte der Lage stimmte die drei Reisenden sehr heiter . Unter Scherzen mancher Art erreichte man die Station und ließ sich von Alfred überreden , in derselben Weise seine Begleitung nach Berlin anzunehmen , das nur noch ein paar Stationen entfernt war . Als die Damen einige Stunden mit Alfred zusammengewesen waren und abwechselnd mit ihm und untereinander geplaudert hatten , sagte Eva zu ihrer Freundin : Mir ist selten ein liebenswürdigerer Mann vorgekommen , als es Reichenbach zu sein scheint ; selbst Dein Bruder ist nicht so angenehm . Bist Du schon wieder wankelmüthig ? fragte Therese neckend . Gestern erklärtest du mir , Julian sei , obschon er nichts weniger als hübsch , ja eigentlich sogar häßlich sei , der liebenswürdigste Mann , den Du noch je gekannt hättest . Das ist auch wahr ! denn daß Dein Bruder häßlich ist , das schadet nichts , sagte Eva lebhaft , ich liebe ihn dennoch . Er ist so geistreich , so liebenswürdig , so herablassend - - Siehst Du , das ist es , das ist das Schlimme ! rief sie , sich plötzlich unterbrechend . Julian ist oft so gut , daß man sich ganz sorglos ihm gegenüber gehen läßt . Er gibt sich jedem Scherz , jeder Persönlichkeit freundlich hin , aber er thut es , wie Jemand , der sich aus Gnade dazu herabläßt . Während er ganz freundlich ist , zucken plötzlich seine Lippen , er kann den innern Spott nicht mehr verbergen , er lacht über die Andern und über seine Herablassung , und dann ist er mir unerträglich . Du solltest ihm das einmal sagen , liebe Eva ! Ich habe ihm das oft gesagt , als ich ihn kennen lernte und er sein Vetterrecht , ich weiß nicht im wievielten Grade , dazu benutzte , mich häufig zu besuchen . Ich mußte mir Muth gegen Euch schaffen , ich hatte kindische Furcht vor Julian ' s Spott und vor Deiner Ruhe . Ich konnte nicht begreifen , warum meine selige Mutter , als auch sie mir starb , durchaus verlangte , daß ich in Deiner Nähe leben und Julian der Verwalter meines Vermögens werden sollte . Jetzt freilich weiß ich , daß du mein guter Engel bist ! - schloß sie , der Freundin die Hand bietend , die sie herzlich drückte . In dem Augenblick wendete Alfred sich um und machte seine Schützlinge darauf aufmerksam , daß man die Stadt schon sehen könne . Therese , die wie ihr Reisegefährte ein sehr scharfes Auge hatte , entdeckte gleich ihm die Thürme am Horizonte . Die kurzsichtige Eva nahm ihr Glas zu Hilfe und klagte dann : Es ist ein Unglück , daß ich so klein bin , der große Kutschersitz raubt mir die Aussicht . Ich bin der ländlichen Freuden längst satt gewesen , ich denke mit Wonne an Berlin und nun kann ich es nicht einmal sehen . Alfred , um sie zufrieden zu stellen , bot ihr seine Hände , sich daran zu erheben und festzuhalten , falls sie aufstehen wollte . Das nahm sie an und wußte sich vor Freude nicht zu lassen , als auch sie die Stadt erblickte . Ach , rief sie der Freundin zu , mir ist unglaublich froh zu Sinne ! Als ob uns jetzt lauter Liebes und Gutes in Berlin begegnen müßte und ganz Unerhörtes obenein . Ich habe noch nie einen Winter in Berlin verlebt , ich denke mir diese Bälle , Feste und Concerte gar zu prächtig ! Ich wollte nur , die Bäume wären nicht mehr so sommerlich grün und der Winter wäre schon da ! Sie Glückliche ! sagte Alfred , und es war Eva , als ob er ihre Hände leise in den seinen drückte . Wer so wie Sie nur Freude erwartet und Feste träumt , dem muß das Leben seine rosigste Seite gezeigt haben . Möge es immer so bleiben ! Und Sie erwarten nichts ? fragte sie ihn . Ich erwarte das Leben zu finden , wie es ist . Ernst mit gebieterischen Anforderungen , mit viel Leid und Elend , viel Jammer und Schlechtheit , und doch voll Freude und voll Großem und Erhabenem . Eva sah ihn befremdet an . Dann setzte sie sich nieder und versank schweigend in Nachdenken , bis man die Stadtmauer erreichte . Alfred fuhr Therese erst nach ihrer Behausung in der Wilhelmsstraße , dann ging es nach Eva ' s Wohnung unter den Linden . Mit Freude hörte sie , daß ihr Begleiter ganz in ihrer Nähe wohnen werde . Er mußte versprechen , sie gleich am nächsten Morgen zu besuchen , und man trennte sich herzlich , wie alte Bekannte , weil die gemeinsame Reise die Fremden einander näher gebracht und über manche Förmlichkeiten fortgeholfen hatte . V Am nächsten Morgen ließ sich Alfred bei Frau von Barnfeld melden . Er fand sie in einem Zimmer , das nach den Forderungen der Mode auf das glänzendste eingerichtet , voll von gepolsterten Sopha ' s und Sesseln und so mit Bildern , Kleinigkeiten , Blumen und Epheuwänden überfüllt war , daß es dem Spielzeugschränkchen eines verwöhnten Kindes glich . Eva selbst lag in weißem , mit rosa Bändern geziertem Negligée auf einem dunkelgrünen Plüschsopha , das von einer Epheulaube beschattet war . Unwillkürlich mußte Alfred lächeln . Sie sah aus , wie jene Wachspüppchen , die man in Nuß- oder Eierschalen verbirgt , und die uns , wenn wir die Hülle öffnen , aus grünem Blätternetz rosig entgegenlächeln . Bei Alfred ' s Eintritt richtete sie sich ein wenig empor und sagte : Ich weiß wohl , Herr von Reichenbach , daß ich Sie , als einen neuen , werthen Gast , mit mehr Form empfangen müßte ; ich bin aber müde von der Reise und so froh , mich auf einem ordentlichen Sopha von den ländlichen Divans des Seebades zu erholen