sein ! sagte sie . Aber es hatte nicht den Anschein , als ob Anna das Talent des Reichseins oder Reichbleibens vom Himmel erhalten ; kaum bekam sie irgend ein Stück Kuchen , ein Spielzeug , was es auch sein mochte , so trug sie es hinüber zu Leontinen . Nie fiel ihr ein , daß sie irgend etwas besitzen könne , das nicht eigentlich jener angehörte , und mit stillem Entzücken weidete sie sich an der Freude , die sie der kleinen Freundin bereitete . Man sagt den glücklichen Stunden nach , daß sie Flügel haben ; mir scheinen die unglücklichen in noch rascherem Flug zu entschwinden , nur ist eben ihr Vorüberziehen ein unmerklicheres , es gleicht dem lautlosen Schweben des Nachtvogels oder der Fledermaus , deren Bewegung man nicht hört . Jahre des Elends , die im Entstehen unerträglich schienen , liegen plötzlich in langer Reihe hinter uns . - Hast du das wirklich ertragen ? fragt rückschauend das vor der eignen Leidensfähigkeit zusammenschreckende Herz - all das Entsetzliche erduldet - all die Schmach überdauert ? Und vor Allem fragt so der Deutsche , der vor und nach dem Handeln so viel , ach , oft so nutzlos spricht ! - aber im Augenblick des Leidens stille hält und Unermeßliches sich aufbürden läßt , eben weil er die Kraft des Ertragens und Hebens an sich kennt , und so erging es in jener kummervollen Zeit dem Einzelnen wie den Nationen . Es reihten Tage sich an Tage , sie wurden Monde , wurden Jahre der Erniedrigung , bis wir das Joch , das uns zu erdrücken schien , zu dem Ziele hinzutragen gelernt , das uns mit dem Bewußtsein unzerstörbarer Stärke den Vollgewinn der Freiheit wiedergeben sollte . Nach und nach hatte man die Offiziere mit der Anwesenheit eines kranken Gemahls der Frau vom Hause bekannt werden lassen ; als endlich Waldau unter sie trat , waren sie längst an ihn gewöhnt , hatten von ihren Vorgängern ihn erwähnen hören ; Niemand spürte bei seinem Erscheinen seiner Vergangenheit nach , der Feuerbrände des Tartarus ward in jener kaleidoskopartig die Gegenwart stets umgestaltenden Zeit kaum mehr gedacht . Man erzählte , daß der Kaiser bei Waldau ' s Namennennung gefragt : Est-il auteur ? aber die ihn zunächst Umgebenden gehörten insgesammt zu den immer brillanter werdenden Abendzirkeln des Waldauschen Hauses ; ihnen war der Herr desselben so unschuldig , unbedeutend erschienen , daß die Antwort , verneinend oder ausbeugend , den Fall unerörtert ließ . Und wer hätte denn auch in diesem schweigsamen , fast theilnahmlosen Mann den kaum vor wenig Jahren erst einer glänzenden Laufbahn entrückten Staatsmann und Politiker zu erkennen vermocht ? Waldau zeigte sich mit einem Male gänzlich umgewandelt : denn er war zurückgetreten in lautlose Stille und ließ das unselige Geschick seines Vaterlandes an sich vorüberziehen , wie einen verheerenden Lavastrom , ohne irgend ein äußeres Zeichen des Schmerzes . Er hatte sogar Stunden , in denen das ihm eigne große Combinationsvermögen ihn schon damals zu der festen Ueberzeugung trieb , daß nur ein allgemeines , grenzenloses Elend sein Volk allmälig wieder zu einem siegverheißenden Widerstande kräftigen werde . Waldau war ein gelehrter , tiefer Denker ; der Glanz , der damals Preußens Jugend , besonders aber das Militair , bis zum Uebermuth gesteigert hatte , mußte seinen strengen Blick ungeblendet lassen . Jahre lang hatte er die bunten Erscheinungen seiner Zeit , wie eine rückwärts spiegelnde Fata Morgana betrachtet , die das Untere zu oberst kehrt . Noch vor kurzem hatte er es versucht , seine Stimme warnend zu erheben , jetzt war er verstummt ; in dem ihm aller Wahrscheinlichkeit nach eng zugemessenen Kreis der Tage konnte er nun nichts Großes zu erleben erwarten ! Josephine hatte ihren Gatten sehr lieb ; sie hatte den viel älteren Mann aus Enthusiasmus geheirathet . Wenn man jetzt die anmuthig gelassene Erscheinung in der Färbung sah , die ihr mannichfaches Erfahren , Zeitenwechsel und ganz aristokratische Gewöhnungen gegeben , konnte man sich gerade in ihr keine solche Aufregung möglich denken . Auch war sie deren nur noch im tiefsten Herzen fähig , und diese sehr seltenen inneren Erschütterungen der Seele nahmen immer eine so bestimmte äußere Form des Handelns an , daß man kaum umhin konnte , sie für Früchte einer großen Besonnenheit zu halten . Und eine solche Frucht der ihr ganzes Wesen durchzitternden Angst um Waldau war die Art und Weise , mit der die noch an der Jugendgrenze stehende Frau es möglich machte , sich dem allgemein lastenden Druck zu entziehen und um sich und ihren Gatten eine Gesellschaftsoase zu bilden , die ihm äußere Sicherheit und das geistige Lebenselement bot , von dem die Erhaltung körper- und gemüthskranker Menschen weit öfterer abhängt , als wir es uns eingestehen mögen . Umsonst umgibt uns der weite Wesenkreis der auf unsere Geistesfragen ringsum antwortenden Natur mit analogen äußern , die inneren Erscheinungen unsers Lebens rückspiegelnden Erfahrungen ; wir beachten sie nicht . Die Lösung so mancher quälenden Verworrenheit liegt in Riesenhieroglyphenschrift um uns her gebreitet ; aber wir wenden unser Auge ab . Der Cappflanze geben wir mit stets erneuter Fürsorge die ihr zusagende Erde ; wir stellen sogar die Gewächse zu einander , deren Odem eine verwandte Atmosphäre um sie her bildet , ängstlich entfernen wir die fremdartigen , denen vielleicht gerade diese Ausströmung gefährlich werden könnte - nur den Menschen , die edelste Blüte der Schöpfung , stoßen wir kalt in eine ihn erdrückende , seinen besten Eigenschaften fremde Umgebung ! Wir knicken die zarten Keime seines angebornen Empfindens und dann fodern wir eine Entwickelung von ihm , die kaum das günstigste Verhältniß zu sichern vermocht hätte . Zum Glück gibt es Frauen , die allenthalben instinctmäßig das Amt der Pflegerinnen übernehmen . Wie man zuweilen Kinder eine Blume an die Lippen drücken und gleich darauf ein runzliches , altes Muhmengesicht mit gleicher Inbrunst herzen sieht , als leuchte dem frischen jungen Blick das Göttliche durch jede Hülle zu ; eben so unbewußt verleihen jene edeln weiblichen Naturen der schwankenden Ranke den Stab , dem wankenden Schritt den Arm , dem zagenden wie dem erstarrenden Herzen die Umgebung , deren es zum Genesen bedarf ! Und eine solche geborene Soeur grise alles Lebens war Josephine . Waldau hätte ohne sie das Dasein nicht zu ertragen vermocht . Sie wußte ihn von einem Tage zum andern hinzuhalten und durch stete Theilnahme und stets erneutes Interesse zu hindern , daß ihn diese Mitteltemperatur der Existenz , die so plötzliche Unthätigkeit , nicht vernichte . Was damals Weimar an ungewöhnlich begabten Männern und anmuthigen Frauen in sich schloß , das verstand Josephine um sich und Waldau herzuziehen , das Störende suchte sie mehr und mehr zu entfernen , und ihr Haus ward bald mitten im Drang der drückenden Zeitumstände zum Sammelplatz aller wissenschaftlich Gebildeten und Künstler . Fast möchte es unserer objectiven Zeit unmöglich scheinen , die jenen gewaltsamen Kriegsmomenten vorangegangnen stillen Jahre sich zu vergegenwärtigen . Fabelhaft klingt es , wenn die ergrauten Denker und Gelehrten jener Tage uns von der Abgeschlossenheit ihres damaligen geistigen Schaffens erzählen , unglaublich die Versicherung : daß in Jena selbst , am Vorabende der entscheidenden Schlacht , jeder von ihnen nur mit seinem wissenschaftlichen Zwecke beschäftigt , den Riesenschritt des Geschicks erst am Kanonendonner erkannte . Und doch war dem so , und doch wurde eben durch diese Begrenzung so Vollständiges geleistet und sogar die Schöpfung einer Volksbildung durch eine bloße Theaterbühne möglich . Von dieser jetzt untergegangenen Subjectivität , die so ganz verschieden von der unsern , nur in ihrer eignen Thätigkeit sich spiegelte , gab es in Josephinens Umgebung gar manche Beispiele . Was kümmerte diese die Politik ! Freudig kehrten alle die von Außen ungern gestörten Naturen in das durch sie ihnen gebotene Lebenselement zurück . Ihre geselligen Kreise wurden bald land- , ja weltberühmt ; im Grunde dachte sie nur daran , ihren Gatten zu erheitern , unbewußt aber fühlte sie selbst sich hingerissen , gefiel gern , lernte gern im lebendigen Geistesverkehr und ward bald zum Mittelpunkt desselben , denn sie verstand mit unnachahmlicher Grazie zuzuhören . Auch Anna war jetzt viel bei Waldaus . Die kleine Leontine hatte eine Menge Lehrer , es fehlte ihr aber noch an Stätigkeit . Anna ' s Eltern schickten diese in eine öffentliche Mädchenschule , in der sie nichts lernen konnte , weil nichts in derselben gründlich gelehrt ward . Die Eltern kümmerte das wenig , schrieb doch die Mutter selbst nicht orthographisch . Auch waren die Brüder , die früher bei einem Verwandten , einem Landpfarrer , in Pension gewesen , nun heimgekehrt . Der Bürgermeister fand , daß deren Erziehung ihm täglich mehr kostete , und wandte um so weniger an Anna ' s Unterricht . Die Buben aber waren wild und ungezogen ; war der Vater im Rath , konnte die Mutter nicht mit ihnen fertig werden ; und die Amme , die zur Wartung der Kleinen im Hause geblieben , machte ihr viel böse Stunden durch tägliches Anklagen derselben . All diesen Uebelständen gründlich abzuhelfen , nahm endlich der Bürgermeister einen Gymnasiasten in ' s Haus , der den Knaben das nöthige Latein einbläuen sollte . Anna , meinte er , könne beim Repetiren der Weltgeschichte und Geographie gegenwärtig sein und die Krümchen der brüderlichen Gelehrsamkeit auflesen . Es versteht sich , daß der achtzehnjährige Primaner die Buben ebenso wenig in Ordnung zu halten im Stande war als die Bürgermeisterin ; höchstens vergaß er bei ihnen sein eignes Latein . Der armen Anna ging es durch Mark und Bein , wenn Herr Schmied in seiner Verzweiflung die Jungen beim Papa verklagte und dieser sie mit väterlicher Hand fürchterlich durchprügelte ; noch mehr widerte es sie an , wenn der Schüler mit so einer Execution den Knaben drohte und andere Male Versteckens oder Blindekuh mit ihnen spielte , zuweilen sogar zu seltsamen Bestellungen sie benutzte . Anna fühlte ein dunkles Unrecht , einen Schmerz in dem Allen und nahm mit doppelter Freude die Erlaubniß an , Leontinens Unterricht mit dieser zu theilen . Aber wenn es nun nach langer Woche endlich Sonntag war und die Magd die Stube mit feinem Sand bestreut hatte , wenn die mit rothem Kattun bezogenen eichenen Meubles im Sonnenschein glänzten , Mutter und Kinder geputzt zur Kirche gingen , o dann war Anna weit lieber zu Hause , denn drüben merkte man ja den Sonntag gar nicht ! Sie freute sich an Allem , am Sonntagsbraten , am Tröpfchen Wein , das die Geschwister bekamen , an den frisch gefüllten Blumenvasen und vor Allem an der Mutter ; denn an diesem Tage zog die Bürgermeisterin einen weißen , garnirten Rock an und ein Negligéejäckchen mit rosa Bandschleifen ; und dann kam ihr alter Verehrer und Hausfreund , der Präsident Ballheim und machte ihr eine Morgenvisite . Und das Alles war so feierlich und schlug wie eine Wünschelruthe aus Anna ' s poetischer Seele tausend Quellen des Glücks hervor ! Wer in jenen Tagen Thüringen und Weimar gekannt hat , muß sich erinnern , daß die jetzt so oft an einzeln uns erhaltenen Beispielen bewunderte Einfachheit der häuslichen Einrichtungen damals ganz allgemein war und der Luxus unser Ländchen weit später berührt hat . Dennoch waren die Stände durch Umgang und äußere Lebensbedingungen geschieden , das Waldau ' sche Haus hielt die Mitte zwischen Hof- , Bürger- und Künstlerwelt . Waldaus waren Fremde ; sie hatten großstädtische Sitten , in ihrem Hause geschahen eine Menge Dinge , die » Bürgermeisters « für unpassend erklärt haben würden , wären sie je in diese Zirkel gekommen ; das aber fiel beiden Familien auch nicht im Traume ein . Josephine hatte eine Ahnung von Anna ' s Charakter ; allein die tausend Nadelstiche des so früh gestörten Lebens konnte sie nicht gewahren , weil sie deren Häuslichkeit nicht kannte . Wenn die Bürgermeisterin ohne Vorwissen ihres Mannes Kartoffeln oder Aepfel aus dem Garten verkaufte und sich von deren Erlös ein Tuch , eine Haube anschaffte , ahnete Niemand , daß Anna der Vergleich der Art und Weise , wie Waldau und seine Gattin lebten , so schmerzlich ins Herz schnitt , und doch , wenn ein ander Mal das Kind von seinem Bettchen aus die Mutter in tiefer Nacht , bei einem einzigen Licht , an der Christbescheerung für die Kleinen heimlich arbeiten sah , wenn es die tausend Ersparungen und Berechnungen bemerkte , durch welche die theure Frau den Geschwistern ein Spielzeug mehr auf den Weihnachtstisch legen konnte , dann fühlte es sich wieder tausendmal glücklicher als Leontine , deren Wünsche so leicht und nebenher erfüllt werden konnten . Annen ward dann Alles lieber , instinctmäßig empfand sie einen Vorzug ihres Geschicks und es ward ihr ernst und still beim Fest zu Muthe . Das schwarze Kleid der Mutter , das Kuchenbacken , ja sogar das vorangehende Fasten rührte sie durch einen geheimnißvollen beglückenden Zauber ; aber Anna verstand sich selbst eben so wenig , als Frau von Waldau sie begriff . Drüben zerfiel indessen das äußere Leben auch in zwei Hälften . Madame Sophie hatte eine eigenthümliche Atmosphäre , die eben so sehr von der ihrer Herrschaft , als von dem thüringisch-bürgerlichen Leben abwich . Man spricht so viel über das Festhalten der Engländer an ihren Sitten und Gebräuchen auf dem Continent , sie machen etwas mehr Umstände dabei , als die Franzosen , die am Ende dasselbe thun . Denn es bleibt höchst bemerkenswerth , daß selbst die Revolution mit ihren Folgen die eigentliche Familiensitte des Petit bourgeois nicht anzugreifen vermocht hat ! Madame Sophie wurde noch mit altväterischer Galanterie von ihrem Manne behandelt , der trotz seiner zahlreichen Infidélités sie entschieden als Hauptperson anerkannte und von seinen Landsleuten sich le mari de la femme de regret nennen ließ ; liebte ihn doch diese Frau aus Herzensgrunde und verdeckte unermüdlich alle seine Schwächen ! In der höhern Gesellschaft war der Muth , mit welchem sie ihre Herrschaft vor der Plünderung bewahrt , zu allgemein bekannt , als daß man sie einer gewöhnlichen Dienerin hätte gleichstellen mögen . Auch war sie eine durchaus angenehme Erscheinung , voller Witz und Verstand , ungezwungen und dennoch bescheiden . In ihrer rein bewahrten Nationalität lag ein so eigenthümlicher Reiz , daß beinahe keiner der berühmten Gäste des Waldau ' schen Hauses an Madame Sophiens Thüre vorüberging , ohne auf ein Viertelstündchen bei ihr einzusprechen . Bei diesen Gelegenheiten entfaltete sie eine Menge durch Erfahrung erworbener Kenntnisse , und belustigte oft ihre Zuhörer durch die wunderlichsten Aufklärungen über Zeitumstände , die ihnen in ganz anderem Lichte erschienen waren . Die Kinder waren viel um sie und hörten solchen Gesprächen gern zu , noch lieber aber ließen sie von ma bonne ' s eigener Vergangenheit sich erzählen . War die Gesellschaft oben beisammen und Duguet beschäftigt , nahm Sophie die beiden kleinen Mädchen auf den Schoos und erzählte ihnen : von Ludwig des Sechszehnten Tode , von der Emigration und wie sie damals als Kammerfrau im Dienst der schönen Gräfin D ' Alvigni gestanden . Und Bild auf Bild drängte sich hervor aus dem tiefen Schacht ihrer Erinnerung . Dann sprach sie weiter von den Clubs , den Jakobinern und der Zeit der Terreur , deren Greueln sie mit der gräflichen Familie entflohen ; sie beschrieb den Kleinen den Stromübergang der Verbündeten über den Rhein bei Mühlheim und die herzzerreißende Trennung des Grafen von seiner Gemahlin , die erst nach Jahren erfuhr , daß auch ihn bald nachher das Beil der Guillotine getroffen . Dazwischen aber webte ihr heiteres Naturell humoristische Skizzen des Emigrantenlebens ; Grafen und Marquis traten als Schneider und Schuster auf , um wiederum an Galatagen , bei ihren Zusammenkünften , mit den alten Abzeichen ihres Ranges zu glänzen . Die bunte Mischung all dieser Bilder führte die Kinder in eine Realität des Lebens ein , die ihnen kein Geschichtslehrer geboten haben würde . Nun malte Sophie die sich steigernde Noth aus ; die Scenen wechselten immer geschwinder ; schon hatte die Gräfin alles verkauft , was sie von Werth gerettet ; ma bonne ward Wäscherin und ernährte sie und ihre beiden Kinder . Anna ward sehr ernsthaft , sah sie freundlich an und fiel ihr endlich schweigend um den Hals . Aber das Elend wuchs . Sophiens Erwerb reichte nur spärlich , Duguet war seinem Herrn gefolgt , mit ihm verkleidet über die französische Grenze zurückgegangen . Nun ward es Winter . Mit fürchterlicher Gewalt schwemmte der Eisgang seine Krystallblöcke daher , als Sophie zum zweiten Male mit ihrer Gebieterin Mühlheim berührte . In wilder Eile setzten eben Truppen über den theilweise freiwerdenden Strom . Das Gedränge war unbeschreiblich beängstigend ; durch lange Gassen verschlossener Häuser irrten Sophie und die gräfliche Familie auf und nieder , ohne ein Unterkommen zu finden ; den Kindern bluteten die zarten Füße und versagten den Dienst . Mühsam schleppte Sophie sie weiter ; endlich ward eine schlechte Schlafstätte mit vielem Gelde erkauft - Mutter und Kinder ruhten . Sophie wagte noch einmal sich hervor , Nachrichten einzuziehen und Lebensmittel einzukaufen ; auf diesem Wege aber ward ihr sehr unwohl . Die Unglückliche blieb in einem fremden Hause auf den Marmorquadern eines Vorplatzes liegen ; als es ihre Kräfte gestatteten , kroch sie mühsam auf Händen und Füßen unter einen dunkeln Treppenvorsprung . - Niemand beachtete , niemand gewahrte sie , und dort gebar die Arme einen Sohn . Wenn Sophie bis dahin erzählt hatte , brach sie in unaufhaltsames Weinen aus und schickte die kleinen Mädchen zu Bette . Aber die Kinder konnten nicht schlafen ; Leontine sah , wie Sophie eine seidne Schnur hervorzog , die sie um den Hals trug , und ein daran hangendes zerbrochenes Geldstück lange betrachtete . Als einmal Anna sie fragte , was denn aus ihrem Kinde geworden , sagte sie , es sei lange todt , man müsse nicht davon sprechen . Längst hatten die Tage der Unterdrückung zu Jahren sich gereiht , Napoleon hatte den Kaiser Alexander zu sich nach Erfurt berufen und der spanische Feldzug bereitete sich daselbst vor . Josephine saß allein in ihrem Zimmer . Waldau war seit einigen Wochen leidender und schwächer geworden . Beklommen sah sie dem Feind aller zehrenden Uebel , dem Herbst , in ' s bunte Blumenauge - ach ! mit den Blättern und Früchten fallen die Menschen der Erde zu und die farbigen Blütensterne legen sich , Auferstehung verheißend , auf deren Gräber ! Josephine hielt eine Menge uneröffneter Briefe in der Hand . Sie erwartete weder Gutes noch Böses aus der Ferne , die nächste Nähe war ' s , die so beengend auf ihr lastete . Es ist etwas Entsetzliches um das unaufhörliche gespenstische Auftauchen der Angst um ein geliebtes Leben , wie man auch den Gedanken an das uns Drohende zu bannen suche : immer umschleichen uns die Schatten der Sorge mit ihren heimlichen Dolchen und überfallen uns in heitrer Gegenwart , wie Diener eines Vehmgerichts , mit plötzlichem Entsetzen . Endlich fiel Frau von Waldau ' s trüber Blick auf die Briefe . Eine französische Handschrift ? Aus Erfurt ? Rasch erbrach sie das Siegel und las : Gnädige Frau ! Wenn das Bild eines jungen Mannes , dem während der Tage der Schlacht bei Jena das Glück Ihrer Bekanntschaft ward , noch nicht ganz Ihrer Erinnerung entschwunden ist , so wird die milde Güte , die noch einem Sterne gleich in der seinen steht , diesem Schreiben gern Verzeihung gewähren . Denn wie ein Posaunenstoß des jüngsten Gerichts rufen meine Worte einen Todten aus dem Grabe und geleiten hoffentlich einen glücklichen Sohn in die Arme seiner gewiß noch glücklichern Mutter . Ohne Zweifel haben Sie , hochverehrte Frau , schon errathen , daß ich meine Erzengelschaft dem Zufall danke , den so lange beweinten Sohn Ihrer Madame Sophie gefunden zu haben , die , wie ich von meinen beneideten Kameraden erfahren , Ihr Hauswesen noch wie ehemals besorgt . Der Kaiser hat mich in diesen zwei heißen Kriegsjahren zum Rang eines Obersten erhoben , und als Adjutant des Marschall Ney bin ich ihm nach Erfurt gefolgt . Eben hier glaube ich in einem jungen Soldaten , der an den Folgen in Portugal empfangener Wunden krankt und von Lazareth zu Lazareth geschleppt wird , den in Mühlheim ausgesetzten Sohn der wackern Frau Duguet erkannt zu haben . Die Klagen des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings , der seiner Existenz fluchte , weil er , der weder Vater noch Mutter gekannt und Niemanden angehöre als nur seinem Kaiser , den Feldzug nicht mitmachen solle , zogen mich an ; der Zorn , den er den ärztlichen Rathschlägen entgegensetzte , rührte mich tief ; ich gewann mir sein Zutrauen . Jetzt , nachdem ich alle Details seiner Lebensgeschichte gehört , das Stück Taschentuch mit dem Zeichen Marc Duguet und die treubewahrte Hälfte des Fünfsous-Stücks gesehen , das er , wie seine Mutter , am Hals trägt , scheint mir unzweifelhaft , daß er wirklich das in Mühlheim ausgesetzte , so lang beweinte Kind sei . Sein Alter trifft auch zu . Wenige Stunden , nachdem Sie , verehrte Frau , diese Zeilen erhalten , hoffe ich selbst meinen Kranken bei Ihnen einzuführen , und als Belohnung das Glück zu genießen , Sie und Herrn von Waldau zu begrüßen und um die Fortdauer Ihres Andenkens und mir unschätzbaren Wohlwollens zu bitten . Mit ausgezeichneter Achtung und Verehrung Ihr tief ergebener St. Luce . Sophie ! rief aufspringend Frau von Waldau , großer Gott ! ich habe die Briefe seit drei vollen Stunden ! Sie können jeden Augenblick hier sein ! Sophie , so komm doch ! Madame ! erwiderte die Gerufene , den mit einem Foulard umwundenen hübschen Kopf zur Thüre hereinsteckend , es ist nur , weil ich das Bett mache - Sophie ! Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden und wird vielleicht schon in einer Stunde hier sein ! Ach , Madame ! welches Glück ! der gute junge Mann ! Aber da muß ich mich beeilen , Madame werden ihn zu Tische bitten , vielleicht logiren wollen . Pardon , Madame ! charmanter junger Mann , und Oberst ! Ja , ja , das sieht dem kleinen Korporal ähnlich , der kennt seine Leute ! Wundert mich nicht , daß sie einen Gott aus ihm machen . Duguet , Duguet ! rief sie im Gehen zur andern Thür hinaus ; Du hilf mir - Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden ! Die Freude kann sie tödten , sagte Josephine leise vor sich hin ; der Schlag kann sie rühren , sie ist so heftig ! Aber , Sophie , fuhr sie fort , sie beim Arm ergreifend , um sie zu halten ; es ist noch eine andere Nachricht mitgekommen ; es ist aber nur eine schwache Hoffnung ! Der Oberst hat von einem jungen kranken Soldaten gehört , in Portugal , der den Namen Marc Duguet führt . Sophie wandte den Kopf , kein Zug des sonst so regen Gesichts bewegte sich , mit starrem Auge blickte sie die Sprechende wie bewußtlos an , sie hatte , das sah man , keinen klaren Gedanken , all ihre Fähigkeiten hatte das eine Wort erschüttert . Bald aber überflog ein leises Zittern die ganze Gestalt , die Brust hob sich langsam und schwer , ohne einen Laut ausströmen zu lassen , die bleichen Lippen bebten convulsivisch ; endlich hauchte sie fragend : Madame ? Ja ! erwiderte Josephine , indem sie nun auch den andern Arm ergriff , um die Schwankende wie zufällig zu stützen , er hat hingeschrieben , um Nachrichten einzuziehen . Nachrichten ! er lebt , er ist nicht in Portugal umgekommen , er lebt noch ? Wenn er es nur ist , sagte Frau von Waldau , um den Eindruck zu schwächen . Es wäre möglich , schrie Sophie mit plötzlich freiwerdendem Jubel auf - möglich ! mein Sohn ! mein Sohn könnte leben , - ich wäre nicht seine Mörderin ! O , setzte sie wieder ermattet hinzu , ihre Arme sanken und große Thränen perlten über ihr wieder erwärmtes Gesicht , ich könnte mir verzeihen , und Gott auch ! Sie legte die Hände auf ihr Herz und wurde still . Aber der junge Mensch soll verwundet sein , meint St. Luce . Verwundet ? Wollen sie sagen , todt ? - Duguet , Duguet ! rief sie , mit einem Mal wieder auf ihren Mann sich besinnend . Waldau öffnete eben die Thüre , hinter ihm trat Duguet ein . Josephine hielt ihrem Gemahl den Brief entgegen ; sie wußte , daß er keiner Unbesonnenheit fähig sei . Sophie sprang auf Duguet zu , sie wollte ihm um den Hals fallen , aber ihre Knie brachen zusammen , sie fiel ihm zu Füßen und brachte nur die Worte hervor : O jetzt , jetzt wirst du mir verzeihen ! Bis zu diesem Augenblicke hatte der wüthende hoffnungslose Schmerz zu harpyenartig an ihr Herz sich angekrallt , sie hatte nie begreifen können , daß sie auch an Duguet ein großes Unrecht gethan , indem sie ihn und sein Kind verlassen . Ja , sagte Josephine zu Waldau , Schiller hat recht : ein glücklicher Mensch ist ein Heiliger ! Unterdessen hatte Waldau gelesen . Der junge Mann scheint mir sehr flüchtig , sagte er halblaut ; ich fürchte , Josephine , du hast dich übereilt . Es ist so vieles unklar in dem Briefe . Duguet hatte seine Frau aufgehoben und auf einen der Thüre nahen Stuhl niedergesetzt . Nun überschüttete er sie mit tausend Fragen , dazwischen bat er seine Herrschaft einmal um das andere um Verzeihung , Sophiens , nach seiner Ansicht , ganz unerklärlichen Betragens wegen , indem er , bald zu Waldau , bald zu Josephinen gewendet , sein unaufhörliches : Aber was ist ihr ? wiederholte . Sophie schluchzte nur : Mein Sohn , mein Sohn ! und war durchaus keines andern Gedankens fähig . Es war ein Glück , daß in eben diesem Augenblick St. Luce ' s Wagen vorfuhr . Die menschliche Natur erträgt solche Spannung nicht lange . Mit Blitzeseile war der kranke Waldau , hinter den mit einander beschäftigten Gatten weg , an der Hausthüre , vor welcher eine Extrapost hielt . Oberst St. Luce hatte einen schönen schwarzäugigen , todtblassen Soldaten neben sich , die Bedienten halfen denselben herausheben und führten ihn langsam ins Haus . Der junge Mann ging sehr gekrümmt ; es schien , als habe eine Kugel die inneren , edleren Theile verletzt , vielleicht die Lunge berührt . St. Luce begrüßte die nun auch herbeigeeilte Josephine und sagte , indem er ihre Hand an seine Lippen zog : Ich habe gewollt , daß Sie selbst es ihm aussprechen , denn das Glück wird am besten durch einen Schutzengel den Menschen verkündigt . Aber die Wunden werden am besten durch eine Soeur grise behandelt ! lächelte sie ihm freundlich zu . Beides , weil Sie beides sind , gnädige Frau . Waldau hatte den Arm des jungen Kranken ergriffen . Fühlen Sie sich stark genug , eine heftige Erschütterung zu ertragen ? fragte er sehr sanft . Der Soldat sah ihn verwundert an . Ist der Kaiser hier ? fragte er in zitternd jubelnder Hast . Eben so schön , nein , noch viel schöner ist die Freude , die Sie erwartet , sagte Josephine . Haben Sie niemals etwas Anderes sich gewünscht ? Sie müssen weit zurückschauen , in ihre früheste Vergangenheit , setzte Waldau hinzu . Gott ! meine Mutter ! rief außer sich der Kranke . O , Madame , Madame , Sie sind zu jung , um es selbst zu sein ; aber , um Gottes willen , wenn Sie etwas von ihr wissen , o geschwind ! geschwind ! lassen Sie mich bei ihr sterben , da ich nicht bei ihr leben durfte ! Er schwankte . Waldau hielt ihn mit Mühe . Bitte , bitte , fuhr er fort , vor Josephine wie zum Gebet die Hände faltend . Ei , junger Freund , drohte freundlich St. Luce , haben Sie denn nur dem Feinde gegenüber Courage ? Haben Sie doch jetzt den Muth , für Ihre Mutter zu leben ! Aber des Sohnes Herz war nun mit Gewalt erweckt und vermochte die Ueberfülle eines geahneten Glücks nicht länger schweigend zu tragen . Mutter ! Meine Mutter ! rief er laut aufschreiend . Und die Mutter hörte und erkannte beim ersten Laut die Stimme ihres Kindes . Mein Sohn , mein Sohn ! klang es von drinnen , und im Augenblick lag sie an seiner Brust . Sie fragte nichts , untersuchte nichts , der Ton hatte wie ein Zauber gewirkt und sie herbeigezogen . Bewußtlos war sie ihm gefolgt , die Erschlaffung war verschwunden ; sie hatte mit einem Male Kraft , Riesenkraft ; aber ach , wie sie das Haupt hob , um nun auch die geliebten Züge zu sehen , fühlte sie die leblose Schwere des seinen auf ihrer Schulter . Der junge Krieger war ohnmächtig geworden . Die Umstehenden versuchten , ihn aufrecht zu erhalten , das Zimmer war noch nicht erreicht , kein Stuhl auf dem Hausflur ; sie vermochten die Last des hochgewachsenen , starken Jünglings nicht zu tragen und mußten ihn langsam auf den Boden sinken lassen ; die Mutter aber hielt ihn fest und legte geschickt seinen Kopf auf ihren Schoos , indem sie neben ihm kniete . Es gibt kein schmeichelndes Liebeswort , mit dem sie ihn nicht nannte ; sie riß ihm die Uniform auf , um ihm Luft zu verschaffen , und fand das Fünfsous-Stück , das sie lachend und weinend zugleich an die Lippen drückte . Immer lag er ihr noch nicht sanft , nicht bequem genug ; bald küßte sie seine Haare , bald seine Hände oder flüsterte ihm in ' s Ohr , und hauchte ihn an , als wolle sie ihr Leben ausströmen