Seele ist , und suche nicht nach fremden Regionen , wo Dein Schutzengel Dich nicht zu finden ausging . Ein Sichdaheimfühlen im innersten Dasein ist die Region , in der wir in schuldlosem Bewußtsein am Quell des Vertrauens und der Weisheit schöpfen , das heißt : Denken . Es ist Nacht geworden während dem Schreiben , da ging ich noch weit ins Feld , da liegen noch einzelne Schneedecken über der Saat , das Hessenland ist ein rauhes Land . Bei Dir ist alles wohl schon viel frühlingsmäßiger , ich freu mich doch auf Dich recht herzlich und hab auch keine Angst , daß Du nicht dieselbe sein könntest , die Du immer warst . Es ist ein so heller Morgen heute , da sitz ich am Schreibtisch , und der Hahn kräht schon zum drittenmal , das flößt mir ein recht Vertrauen ein in die Zukunft . Ich werde recht oft nach Offenbach kommen und alles tun , um die Zeit recht innig mit Dir zu verbringen . Es wird doch wohl eine Zeit kommen , wo ich selten von Dir entfernt bin und wo wir alles zusammen denken . Denken , was heißt das , es ist die einzige Vermittlung mit dem Göttlichen . Es stellt sich gleich eine Säulenreihe um Dich auf , und ein Tempel wölbt sich über Dir , und Dein Gedanke durchduftet ihn . Das ist Denkseligkeit - Gedankenlosigkeit ist Unseligkeit . Aber Du wirst gewiß noch recht glücklich werden und ich auch , aber das wird nur dann sein , wenn wir dem Bedürfnis genügen unserer Seele , das können wir alleine durch Bildung . Wenn ich was weiß und so in mir gerüstet bin , daß ich auch von jedem Punkte aus , ich mag sein wo ich will , und vom Schicksal eine Aufgabe habe , sie zu lösen verstehe und darin mir selber genüge und der Kunst . Das ist Bildung ! - Der Mensch ist auf Erden , sich zu bilden und dann wieder die Welt . Jetzt kommt der Frühling , da sitze ich abends oft am Fenster , ich wohne in einem Garten , klimpere ein wenig auf der Gitarre und singe auch wohl das Lied vien qua Bettina bella etc. ; in den Garten kommen oft einige Kinder , mit denen ich spiele , die zwar ein bißchen dumm sind , aber doch gesund und treu . - Ehe ich weggehe , werde ich den Kindern ein Fest geben , auch eine Schwägerin von Rossi hat drei artige kleine Mädchen , die gegen die schwarzen Rossibuben wie Engelchen gegen Teufelchen aussehen , so schwarz sind diese kleinen Italiener , besonders ist das älteste Mädchen , etwas jünger als Loulou , sehr sanft und hold ; sie hat den seltsamen Namen Anonciata , Verkündigung . Namen sind oft recht einladend , der Deinige zum Beispiel . Diese Kinder nun , die in einem traurigen schmutzigen Hause wohnen und mit ebensolchen Menschen , haben doch ein kleines Fleckchen rein und schön zu machen gewußt . In dem kleinen Hof steht ein Baum , um den herum haben sie sich ein äußerst niedliches Gärtchen gebaut , so groß wie ein großer Tisch , in diesem Garten nun stehen Butterblumen , Veilchen , Buchs und dergleichen , gleich daneben haben sie sich Tisch und Bank errichtet und sitzen beisammen , wenn die Sonne scheint , unter einer Art Laube , die sie durch in die Mauer gesteckte Tannenzweige zusammengeflochten haben . Ich habe gestern lang mit ihnen gesessen , ihnen erzählt und , während sie allerlei bunte Perlen und Schmelz in Schnüre fädelten , womit sie ein kleines Handelspiel treiben , ihnen Klostereier gemalt . - Das ist so mein Zeitvertreib , und sie wird mir jetzt lange , bis ich bei Dir bin . Nimm dies als eine kleine Gegenerzählung für Deinen Bericht von dem Veilchen , der ist aber schöner , und ich finde es auch ganz natürlich , daß Du gern mit dem Veilchen das Kleid fertigsticken willst , aber ich meine doch , es wird besser sein , wenn Du nicht am Morgen so früh Dich vom Haus entfernst . Hast Du nicht zufällig den Herrn Hofmeister begegnet , der Dir den Verdruß machte bei der Tante , böse über Dich zu reden ? - Nun könnten doch noch andre Leute Dir begegnen , die auch darüber reden könnten . Dein Clemens Weil ich die Ostern nicht komme , sondern erst acht Tage später , so erwarte ich noch einen Brief von Dir , Du wirst ja doch wohl die zwei Sonntage recht still zubringen . Die Leute werden alle spazieren gehen , und Du wirst aus dem Fenster sehen , und sie in ihrem Putz die Straße hinab , dem Tor hinaus wandern und dann auch wieder heimkommen sehen . Aber in der Zwischenzeit kannst Du schreiben bei Deinem Strauß , den Du doch gewiß im Glas stehen hast . Lieber Clemens ! Wenn man aber auf den Barbara-Tag Reiser von den Obstbäumen abschneidet und die ins Wasser stellt , dann blühen sie im März , und das hab ich getan , und sie blühen auch alleweil . Apfelblüten sind zu schön ! - Wär ich als Mädchen , was die Apfelblüte ist , ich wär doch wohl alles Liebe und herzlich Schöne . Was Du von mir denkst , dann könnt ich Dir verzeihen , was Du mir und Dir weismachen willst . Ja , es ist recht schön ; denn ich hab das Plaisir davon , und Dir schadet ' s nichts . Aber sei nur nicht ängstlich , daß ich keine Apfelblüte bin , weiß und rot und goldner Same drin , sondern daß ich vielleicht gar so eine Nessel bin oder Distel oder Dorn , wie Du meinst , vor denen ich mich soll hüten . Ich hab am Feiertag nicht können schreiben , die drei kleine Katzen auf dem Schoß so kommod ineinandergelegt , alle drei eingeschlafen unter der großmächtigen Pappel im Eckelchen auf der Bank . So viel Blüten tanzten herunter , so viel braune klebrigte Schalen platzten los von den Knospen , ich dachte , was knistert doch im Baum ; und später , wie die Katzen so sanft schliefen , da hatte ich auch ein bißchen geschlafen . - Ach , Clemens wir wollen recht vertrauend einander schreiben , und nichts weismachen einander ! - - Und wenn Du aber frägst , ob das Einbildung sei oder Eitelkeit mit dem Mirabeau , so kann das ja möglich sein und doch auch wahr , ich wehr mich dagegen nicht ! Aber der Mirabeau ! - Ich wollt , ich stünd vor ihm ; weißt Du ? - Denk ich an ihn , ich fühl mein Gesicht brennen . Liebster Clemens , mit aller Sehnsucht meiner Arme , meiner Augen , ja mit allem , was umfassend ist in mir , möcht ich seine Knie umschlingen ! Des großen Helden , der auf seine Lippe nimmt das Geschick des Volkes und entzündet es , mit seines Mundes Hauch facht er es an . Auf meiner Seele klarem Grund die Fischchen herumspielen sehen , das freut Dich ? - Nun , so guck ! Wie sie da fahren wie der Blitz hin und her , sie prallen ans Ufer der allbekannten todbringenden Langenweile , sie stoßen sich den Kopf ein ; und soll ich keine Leuchte anzünden , zwischen diesem klippigten Grund einen Ausweg zu finden aus der Pfütze - ins Weltenmeer ? - Wohin sonst ? - Glaub nicht , daß ich im angenehmen häuslichen Kreis mich gefangen gebe , und auch nicht der Bildungsanstalt schöner edler Ideen . Auch nicht Latein kann ich ein Jahr oder ein halb Jahr der Großmama zu Gefallen lernen ; denn mir kann ich ' s nicht zuleid tun . Ich habe ja nicht eine Vernunft , der ich folge , ich bin ja ein elektrischer Funke , und ins Latein kann ich nicht hineinfahren , es stößt ab , sagst Du selbst . Es ist nichts , du Welt , wonach ich die Hand strecke . Wär ' s etwas ! - Auf dem Dach vom Taubenschlag die Sonne sinken sehen , das ist meines ganzen Lebens Aussicht . Sie geht dort unter so blutrot , und mein Blut - wallt mit im roten Meer der Sonne , und dort wird ' s röter , und mein Gesicht wird blässer . Ja , ich glaub , daß der Geist des Blutes mit fortgezogen wird , wenn dort die Sonne ihre letzten Strahlen hineintaucht . Denn denk ich feurig , daß mir ' s Herz klopft , dann werd ich blaß , lange war ' s nicht so schön hier in Offenbach als heute abend , und lange hat mich ein schöner Abend nicht so froh gemacht und so traurig zugleich . Es war da gar niemand , der auch nur den geringsten Anspruch hätte gemacht an meine Seligkeit . Ich wundre mich , daß andre nicht sind wie ich ! Und Du ? - Vielleicht in demselben Augenblick dachtest Du ganz was anders , das geht mir zu Herzen . Die Sonne sank eben in den Main . Ist es Dir nicht auch so , wenn die Sonne sich im Wasser spiegelt , man möchte sich gar zu gerne hineinstürzen und so in dem Glanz untergehen . Aber es wiegte sich noch eine schöne Harmonie von blasenden Instrumenten auf den Wellen ; ein leichtes Schiffchen trug alle die Seligkeit auf seinem Verdeck , still bedachtsam zog ' s den Strom hinauf . Das Abendrot am Strand hinzieht , Ergibt den Wellen sich mit Lust , Da schwellet die beklemmte Brust Der unbewußten Sehnsucht Lied , So kühn gewaltig zwingt das Lied Die Trauer der beklemmten Brust , In Lebensmut erstrebt sie Lust , In Liebesflut sie Wolken zieht , Und weckt in der beklemmten Brust Der hohen Freiheit kühnes Lied . Sein voller Klang Das Herz durchdrang , Das Lied sich schwang In Liebesdrang . Zu ihm , zu dem ich hin verlang , Dort über die Berge mit der Lerche , Ihm nach der Hymne zu singen dem Volk , Dem von seinen Lippen sie sollte erklingen . O , Clemens , was ist mir doch heute geschehen Sonderbares , da bringt die Großmama heute einen alten Brief vor vom Lavater , der schon drei Jahre alt ist , kurz vor seinem Tod geschrieben , der malt den Mirabeau und recht unglimpflich , und die Großmama holt die Silhouette aus dem Brief hervor , die er mitgeschickt hatte . » Beschauen Sie die Nase « , schreibt er , » diese Nase ist eine Bauern-Nase , die bezeichnet nicht den Helden , der die kühnsten Entwürfe beharrlich ausführt . Seine Freunde glauben , daß er die Tugend liebte , dies kann aber unmöglich mit so schwülstigen Lippen , deren Winkel so matt herabhängen , übereinstimmen , sein Auge ist zwar feurig , aber von finsterer Vermessenheit und hat einen verachtenden Blick , eine schamvergessene Gewaltsamkeit thront auf seiner Stirne , aber kein Heldenmut , ein Zug geht durch die ganze Physiognomie , der zwar die Karikatur des Genies markant ausspricht , nämlich Exaltation , die an Narrheit grenzt . « Und siehst Du , so hat mich die Großmama gequält , ich soll ' s herausfinden , worin es liege , vergeblich wollt ich sie erinnern , daß sie ja so verleumderische Ansichten über den erhabnen Charakter nicht könne gelten lassen , aber sie wollte ihres Lavaters Schwanengesang ( so nannte sie diesen letzten Brief Lavaters an sie ) nicht als verleumderisch gelten lassen . - Und Du predigst mir immer Pietät gegen die Großmutter ! - Wo und wie soll sich das alles zusammenfinden , ohne daß heuchlerische und kleinliche Furcht sich drein mische ! Ach , Clemens ! vertrauend - und das heißt ganz wahr und offen sein , das verlangt , daß ich stets auch aus der Tiefe meines Herzens mich an den Tag gebe , nicht umsonst will ich alles verstanden haben , nicht umsonst hab ich meine französischen Aufsätze für Herrn L ' endroit als geheime Antworten , Fragen und Begeisterungen für diesen Mirabeau geschrieben , habe er meinetwegen Pockengruben , die ihn bis zur Häßlichkeit entstellen , mich geht ' s nichts an ; nicht tief genug kann ich mich in die Gruben seines tiefen Denkens alles Reinen und Hohen hineinbetten , ja in diesen Gruben möcht ich begraben sein . Du wirst antworten , daß ich ihn ja nicht verstehe , - ich versteh ihn freilich nicht , wie könnt ich all die großen Beziehungen auffassen , die er durch diese grausame Revolution hindurch mit der größeren Zukunft des Volkes anknüpfte . - Aller Jammer , der seitdem hereingebrochen ist , den würde er mit starker Faust zurückgewiesen haben , so viel versteh ich doch , daß er liebte nämlich : und daher keine gehässige Gewaltsamkeit geduldet hätte . Und ich will lieber schweigen , ich bin noch so jung - und mit jedem Schritt meines Daseins stoß ich auf lauter widerwärtige Ungereimtheiten , ganz in der Stille schlag ich die Hände zusammen über alle Narrheit , - ganz in der Stille bete ich zu dem , der in seinem schmerzvollen Tod noch mit allen Kräften seiner Sinne sich dem Volk zuwendete , für es zu sorgen , ja , ich bete zu ihm , daß er bei mir , mit mir sein möge und mich lehren sprechen zu seiner Zeit . Denn auch ich möchte die Welt umfassen . O , ich weiß , was Du sagst , Du tadelst mich . - Du sagst , ich sei überspannt , ich wolle affektieren . - Ich beweise schon darin meinen Heldenmut , auf einmal so aufrichtig meine Seele vor Dir auszusprechen ? - Ja , wenn Du von offnem Vertrauen sprichst - damals auf der Hoftreppe war ich ja gar nicht aufrichtig ! - ich schwieg mit meiner tieferen Seele . - Denn Du hättest sie getadelt . - Aber doppelt kann ich nicht die Wahrheit verleugnen . Wenn Du sagst , ich soll recht vertrauend gegen Dich sein , da muß der tiefste Quell meines Herzens hervorsprudeln . - Gestern hab ich bei Arenswald eine ganze Stunde Lektion gehabt über Elektrizität , mir flimmert ' s vor den Augen wie tausend elektrische Funken . Wenn Du ein Stück Papier verbrennst , dann laufen diese Funken alle durcheinander wie bei einer Revolution , als wenn sie allesamt die wichtigsten Geschäfte hätten , so geht ' s in meinem Kopf ; wenn ' s nur nicht so traurig ausging , zuletzt bleibt einer nur übrig , oder zwei , das ist noch melancholischer - der läuft ganz allein durch die schwarzen verlaßnen Finsternissen ; - flipps ist er weg ! - Der andre dort , weg ist er . Gestern Abend hab ich immer wieder ein Papier angezündet , um diesen beiden Fünkchen auf ihrem Aschenweg nachzusehen . Die alte Cordel war auf ihrem ledernen Sessel eingeschlafen , sie mußte husten vom Qualm und erwachte mit sehr schlimmem Humor , sie sperrte Laden und Fenster auf , da schien der Mond herein , mir was ganz Neues , ich hatte nicht gedacht , daß der scheinen sollte ; ich lief in den Garten , der Spitz , der ist mein Geisterbanner , oder vielmehr bewacht er meine Zusammenkünfte mit den Geistern ; denn weil ich die Geister nicht fürchte , wenn er bei mir ist , so ruf ich mir sie herbei und rede mit ihnen , ich würde das allein nicht wagen ohne den Spitz . Lieber Clemens , ich hab Dir alles geschrieben , ich weiß , Du würdest zanken , wenn Du schriebst - aber Du schreibst ja nicht , Du kommst ja selbst , da kannst Du nicht , mit meinem Mund geb ich Dir einen Kuß auf Deinen , in welcher Sprache kann ich gebieterischer ausrufen : » Halt ' s Maul , geliebter Bruder ! « O , mein lieber Clemens , wie freu ich mich darauf . - Die Sonne scheint mir eben ins Bett und läßt mich nicht länger träumen von Dir . Ich kann mich mit dem Kritzlen nicht aufhalten , sieh , wie das schöne Wetter mich schnöde macht . Lieber Clemens , die Sonne ist eben wieder weg , da wollt ich gern weiter schreiben . Aber adieu , Clemens , sie ist schon wieder da , es geht gleich in den Wald , da wollen wir frühstücken , ich will sehen , ob ich ein Veilchen für Dich finde , komm bald , daß es noch blüht , ich bewahr Dir ' s am Herzen , und wenn ich dann so redselig mit Dir bin , dann duftet Dir ' s aus meiner Brust . Deine Bettine An Bettine Frankfurt Sei nicht traurig , liebe Bettine , daß ich nicht mehr hinaus komme , es ist besser so , mir selber tut ' s leid , und es ist wahrlich keine Trägheit von mir ; denn laufe ich doch gern viele Meilen um Deinetwegen , da mich nichts herzieht als Du , ja alles andre mich vertreibt . Es würde uns beide traurig gemacht haben , wenn ich noch zu Dir gekommen wär , und hätte nichts genützt . Du bist mir immer nah , und allen meinen frohen und guten Stunden wohnst Du bei , so soll Dir auch sein , drum freue Dich und sei gut . Die Freundschaft heißt nicht zusammenhängen und zusammensitzen , Freundschaft ist groß und frei und liegt im Gedanken , für den jeder Raum gleich nah ist . Jemehr Du mir ähnlich fühlst , wo ich gut fühle , jemehr Du mir ähnlich denkst , wo ich groß und edel denke , je mehr bist Du mein Freund , je näher bist Du mir , auch liebe ich nicht Dich hier in Frankfurt noch in Offenbach zu sehen ; denn wir sind dann beide durch unsre Umgebung gedrückt , und wir müßten , wenn wir nebeneinanderstehen , immer so stolz , so glücklich und so edel sein , als wir es können . Wenn ich nicht hier bin , bin ich viel besser und kann viel reiner und freudiger mit Dir umgehen . Ich kann Dir nichts zurücklassen und Dir nichts mehr sagen , Du weißt , was schön und gut ist , ich hab es oft in Dir gefunden , wolle es eifrig und mit Ernst ; und wo Dich die Menschen drücken , so hasse sie nicht , sehe sie an wie Pflanzen , die vielleicht auch in einem Boden stehen , der ihnen nicht gerecht ist . Menschen , die sich selbst nicht kennen und nicht wissen , wo hinaus sie sollen , sind wie Pflanzen , die nicht zum Blühen kommen . Das Blühen des Menschen ist das innere Bewußtsein ; dieses aber ist zugleich auch der Begriff der ganzen Menschheit , wie sie in ihrer Irrungen umherschwankt , wie sie in ihrer Blindheit und krüppelhaften Verbildung oft das Bessre zurückweist oder zerstört , aber der bewußte Mensch , das heißt der Liebende , muß diese Störungen umgehen können , er muß das Zurückweisen überwinden und muß grade diese Menschen pflegen , denen so vieles mangelt , deren innerem , geistigem Lebenskeim so unendlich vieles im Wege steht ; er muß ihnen sein wie Dein Gärtner aus dem Boskett , den Du so lieb hast , weil er ein so gesellschaftliches Leben führt mit den Blumen ; vom frühen Tag an ist er in fortwährendem Verkehr mit ihnen , und noch spät in die Nacht hinein macht er sich mit ihnen zu schaffen und bringt sie alle zum Blühen , die einen durch Kühle und Schatten , die andren durch Licht und Wärme . Immer geht er um sie her und läßt sie doch in ihrer Freiheit gedeihen , sie empfinden keinen Zuchtmeister in ihm , sie schmiegen sich willig am Stab , an dem er sie in die Höhe richtet . Nun aber ist jenen Menschen , die uns oft mißverstanden haben und haben geglaubt , sie müßten unsern Umgang stören , eine solche Pflege nie geworden , wie der Gärtner Deinem Nelkenstock schenkt , der ihn begießt , wenn er Durst hat , und läßt ihn von der heißen Sonne nicht versengen , nur am Abend darf sie mit ihm spielen . - Die Tante weiß zum Beispiel von solcher Pflege nichts . Ihr hartes Schicksal bei einem ganz verwilderten Mann hat ihr das Heimliche im Lebensumgang ganz versagt , sie ist dadurch selbst weniger gefühlig geworden für das , was die Seele angeht , sie hat eine lange Zeit in ihren Jugendjahren zwar sich müssen stählen gegen diesen Mann , der wie ein grobes Ungeheuer vor der Pforte aller Lebensgenüsse lag , und hätte sie auch nur selbst im besten Willen gewagt , ihm nah zu treten , so war das Ungeheuer gleich wach ; das heißt : mit Bosheit beschlich und mit Wut überwältigte er sie , ich hab in meinen Kinderjahren oft ihn sehen halbtrunken hinter der Tür lauern mit einem Messer in der Hand . Die Tante hat damals sich so ernst zusammengenommen , daß jeder in Koblenz die größte Ehrfurcht vor ihr hegte , obschon man von der Grausamkeit des Herrn von Möhn sich leicht eine Idee machen konnte , der mit lauter Postillionen von morgens bis abends im Wirtshaus lag , ohne der Frau je zu gedenken , ein Vermögen verzettelte und verschleuderte von mehreren Millionen . Das Herz durfte dieser Tante nie aufgehen - sie mußte mit der Form alles bekämpfen , und so ist ihr auch nur die Form im Umgang mit Menschen geblieben . Hätte sie je mit sich selber Mitleid gefühlt , so wär die Festung der Konvenienz , in der sie sich verschanzt hielt , wie Schnee geschmolzen , dann war sie dem Mitleid ausgesetzt oder auch der Verachtung , beides ist gleich in gewissem Sinn und soll in allen Lagen des Lebens gemieden werden . Man soll Mitleid mit niemand haben , man soll sich vielmehr schämen , daß es so werden konnte . Der Unglückliche steht immer groß dem gegenüber , der sich im Hafen des Glückes wähnt und wohl befindet , da doch wahrscheinlich ihm die bessere Tendenz ganz ermangelt , also den Unglücklichen bemitleiden heißt dumm sein , nein , vielmehr soll man vor dem Unglücklichen sich schämen glücklich sein zu können auf eigne Faust ; sich irgendeinen Lebensgenuß aneignen zu können oder zu wollen , der nur Beraubung dessen ist , der nicht mitgenießt . Hat der Mensch irgendein Weh , so fühlt er sich krank , ist aber ein Teil der Menschheit gedrückt und bedürftig , so tanzt der übrige Teil mit einer Art Wollust ihm auf dem Kopf herum , so lang er ' s zu tragen vermag , hat er ihn gänzlich zusammengetreten , dann fällt ' s ihm wohl ein , durch Mitleid die arme Seele zu kitzeln , die aber gar nicht mehr wirklich , sondern schon lange zum Gespenst geworden ist . Gespenster fühlen ein Behagen an solchem Tugendgekitzel , sie schmeicheln sich selbst , sie tragen sich auf Händen , sie haben einen faktizen Verkehr mit Gott , der aber nur Götzendienerei ist , sie belämmern alle Menschen mit ihren Anstalten der Menschenliebe ; es fällt ihnen gar nicht ein , daß sie selber die bösen Schicksalsdämonen sind , deren Grausamkeit sie gerührt beweinen , und der sie steuern wollen mit einem Stück Englisch-Pflaster von dem sie mit der feinen englischen Schere der Mildtätigkeit Schnippelchen abschneiden , um damit den aufgesperrten Rachen der entsetzlichen Wunden zu verkleben , aus denen das warme Blut an die Erde quillt . - Ich möchte wohl aufhören , noch weiter darüber zu sagen , denn Du fühlst alles , und besser . Mitleid ist aus Verachtung geboren und ist auch eigentlich Verachtung , und edelgeborne Menschen werden durch Mitleid sich entwürdigt fühlen , sie wollen lieber die eignen Kräfte dran setzen , als vom Mitleid sich betauen lassen , und so kommt es oft , daß diese große Helden werden , die dem Mitleid ausweichen ; denn natürlich liegt der Keim des Helden in ihnen . Jene andern aber , die dem Mitleid erlauben , mit Schmarotzerliebe sich an ihnen zu mästen , die werden verkümmern und menschlicher Würde untauglich sein . Gewiß ist dies eine , daß Mitleid , welches aus Verachtung entspringt , auch wieder die Quelle der Verachtung wird . Der Mildtätige hält sich hoch über dem Bedürftigen . Der Habende dünkt sich in Bildung und Streben weit über dem Nehmenden , und doch sollte er vielmehr ihn über sich stellen . Wie die Indianer , die einen Menschen , der nichts Irdisches sein nennt , für göttlich halten , dem sie ihre Gaben als Opfer darbringen und ihn bitten , ihnen nicht zu zürnen , daß sie nicht so heilig sind wie er . Was machst Du mit Deinem Gelde ? - Die Geschwister sagen , Du habest nie welches , und doch wissen sie nicht , wohin es kommt . Sei fleißig und mache , daß Dir das bürgerliche Mechanische im Leben nicht verächtlich wird , es ist die Quelle von viel Geistigem , und bestrebe Dich einer schönen Sparsamkeit . Du glaubst nicht , wie glücklich es Dich machen wird , wenn Du fortfährst , den Luxus und die augenblickliche Mode zu verachten , und bloße Reinlichkeit und das Gefällige Dich reizt , Du kannst mit allem , was Du ersparst , einstens vieles Schöne und Vortreffliche erschaffen . So sollte Dir auch die Zeit sein , - geteilt in unschuldigem Genuß und in ernstem seelenvollen Geschäft ! Um was ich Dich aber noch bitte , so sehr ich Dich liebe , lerne schweigen , für Dich selbst bestehen , und sei in der Würdigung eines jeden gerecht . Nur , was ewig gefallen oder mißfallen kann , dem ergib Dich , von dem wende Dich . Sei fleißig in Deinen Gedanken , daß heißt , sei lebendig im Geist , sehne Dich nach keiner andern Welt als nach jener andern , die in dieser schon lebt für den , der sie findet , und Du wirst sie finden , denn allen Wesen , die mit einem edlen Durst nach dem Ewigen um sich blicken , denen gestaltet sich das Unsichtbare ; der Geist aller Dinge erblühet in schöner Form um sie , und das ist jene bessere Welt , nach der man sich sehnt , sie ist um uns . - Die Kunst und ihr stiller einziger Tempel : ein reines unschuldiges und stolzes Herz . Ich schicke Dir hier Moritzens Götterlehre und wünsche , daß Du sie mit Ruhe , ohne Mühe und mit Genuß durchlesest . Du mußt nicht drin herumhüpfen und ein Anekdotenbuch draus machen ; denn diese Götterlehre ist eine solche andre Welt , die sich das gebildetste Volk , die Griechen , erschaffen hatten , und kann Dir selbst und Deinem Geiste nur wohltätig werden , wenn sie in Dir , in ihrer großen edlen Folge gleichsam während dem Lesen entsteht . Du sollst besonders suchen den Gesichtspunkt für die mythologischen Dichtungen zu begreifen , das wird Dich aus Deinem Emigrantenverhängnis hoffentlich ein bißchen ablösen . Ich will Dich in Deinen Begeisterungen ja nicht tadeln für alles , was Dein Verstand zu fassen und in Dir selber zu verdauen versucht . Weltgeschicke liegen jedem gleich nah und wirken in ihm , sowie er dadurch auch berufen ist , in ihnen zu wirken . Also studiere in Gottesnamen mit der Großmama alle fliegenden Blätter und Reden der Nationalversammlung durch , wähle Dir Deinen Helden unter ihnen , bete zu ihm und für ihn und vergiß Deinen Clemens , er wird doch Dich nicht aus den Augen lassen . Aber bedenke , daß Reife , Sachkenntnis und Neuheit ein Berg sind , der oft nur eine Maus gebärt ; Du aber bist diese kleine Maus und wirst nicht ein Fädenchen an den Weltgeschicken zernagen , obschon es Dein Auge schärft zu überblicken , zu durchschauen und vielleicht auch manches zu durchdringen ; und vergiß die Muse nicht über der Tonleiter der Revolutionshelden . Schreibe mir öfter und schicke mir Deine Aufsätze dabei , auch die über die Revolution . Der letzte Sur la volonté de la France war schön , und ich finde mich hinein , weil er das Allgemeine in sich enthält . Lebe wohl , und nochmals herzlich bitte ich Deine besondre Aufmerksamkeit auf Schweigen - auf für Dich selbst bestehen und innere Kraft zu wenden und recht froh und gesund zu bleiben . Dein Clemens An Clemens Clemente ! Die Sonne hat Kräuter und Sträucher in sich verliebt gemacht , sie schwellen vor Verlangen und werden ehestens in Blüte ausbrechen , eine Knospe strebt der andern vor , doch sind sie nicht eifersüchtig , so viel ihrer sind . Clemens , wenn ' s die Blumen tun , so will ich auch meine Liebeserklärung machen , aber wem ? - Ich lege sie in Dein Herz nieder , bewahre mir sie , und wenn Du einmal auf einen hohen Berg kommst , wo man eine weite Aussicht hat , geliebter Clemens , so kannst Du sie als Denkmal unsrer Eintracht stiften , aber eine weite Aussicht muß meine Liebe haben , dann übersehen wir beide alles zugleich und fühlen Übereinstimmung in allem , wenn wir auch in manchem verschieden denken , und Deine griechischen Götter und meine französischen Helden bilden eine Welt . Du frägst mich so viel in Deinem Abschiedsschreiben , Du belehrst mich , Du zankst mich verborgen unter heimlicher Decke , und noch so viel Fragen weckst Du mir im Gewissen ; - und voll ist die Brust von der Fülle , die Du mir all in Deinem Brief spendest , daß ich auch