vergeblich . Jenny konnte nicht zur Ruhe kommen , und die Mutter sah an der Leidenschaftlichkeit , die so plötzlich , so anscheinend grundlos hervorgebrochen war , daß wohl schon lange ein andres stilles Feuer in Jenny ' s Seele geglüht haben mochte . Wer dieses Feuer aber angefacht , das wußte sie nicht zu errathen . Sie konnte sich nicht erinnern , daß irgend einer der jungen Männer , die in ihr Haus eingeführt waren und Jenny auf jede Weise huldigten , einen besonderen Eindruck auf diese gemacht hätte . Sie sann und sann , während die Tochter noch ganz erhitzt und aufgeregt wieder an den Nähtisch zurückgekehrt war , und sich emsiger als sonst mit einer Arbeit beschäftigte , die gar nicht so großer Eile bedurfte . Sie wurde aber allmälig ruhiger dadurch , und hatte sich äußerlich bereits gesammelt , als man den Doctor Steinheim meldete . Einen Augenblick schwankte die Mutter , der in dieser Stimmung jeder Besuch unwillkommen war , ob sie ihn annehmen solle , oder nicht , dann entschied sie sich dafür , weil sie hoffte , Steinheim ' s Lebhaftigkeit werde Jenny auf angenehme Weise zerstreuen . Als er darauf nach wenig Minuten in das Zimmer trat , wurde er von beiden Damen wie ein alter Bekannter behandelt . Er mochte siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt sein , hatte eine große , kräftige Figur und einen vollblütigen , rothbraunen Teint . Sein krauses schwarzes Haar , die dunkeln Augen und der starke bläuliche Bart konnten ebenso gut dem Südländer als dem Juden gehören , und machten , daß er von vielen Leuten für einen schönen Mann gehalten wurde , während Andere die Kohlschwarzen Augen starr und unheimlich , die Schultern hoch , den starken Hals zu kurz und Hände und Füße so groß fanden , daß dieses Alles ihm jeden Anspruch auf wirkliche Schönheit unmöglich mache . Er selbst schien indessen gar nicht dieser Meinung zu sein , das bewies die sehr studirte Toilette , die aber trotz ihrer gesuchten Eleganz des Geschmacks ermangelte . Er trug an jenem Morgen einen kurzen dunkelgrünen Ueberrock , zu dem eine ebenfalls grüne Atlasweste und mehr noch ein dunkelrother türkischer Shawl sonderbar abstachen , den er unter der Weste kreuzweise über die Brust gelegt und mit einer großen Brillantnadel zusammengesteckt hatte . Handschuhe , Stiefel und Frisur waren nach der modernsten Weise gewählt , aber all das stand ihm , als ob er es eben wie eine Verkleidung angelegt hätte . Es war für den feinen Beobachter etwas Unharmonisches in der ganzen Erscheinung , das störend auffiel . Ich bitte tausendmal um Vergebung , sagte er , daß ich in diesem Morgenanzug vor Ihnen erscheine , aber ich bin so durchweg erkältet , meine Nerven sind so abgespannt , mein Wunsch , Sie zu sehen , war so groß , daß ich dachte , die Damen entschuldigen Dich wohl . Es ist allerdings eine Verwegenheit - aber : » ich kann nicht lange prüfen oder wählen , bedürft Ihr meiner zu bestimmter That , dann ruft den Tell ! Es soll an mir nicht fehlen . « Mein Gott ! Herr Doctor ! geht es so bergab mit Ihnen , daß Sie von dem göttlichen Shakespeare , dem erhabenen Calderon und dem heiligen Schmerzenssohne unserer Zeit , dem unvergleichlichen Byron , schon zu unserm armen Schiller zurückkehren müssen ? Sie haben also in den letzten Tagen wohl gar zu viele Citate verbraucht ? fragte Jenny spottend , und - Jenny ! ' rief die Mutter mit mißbilligendem Tone . - Aber Steinheim ließ sich nicht stören , er ging zu Jenny und sprach : » Mit Ihnen , Herzogin , hab ' ich des Streits auf immer mich begeben , « und Sie werden auch nicht mehr streiten wollen , meine schöne kleine Feindin ! wenn ich Ihnen sage , daß ich als der Verkünder sehr interessanter Nachrichten komme . Erstens ist Erlau entzückt über den Vorschlag Ihrer Frau Mutter , hier am Sylvesterabend Tableaux darzustellen , zweitens - - nun rathen Sie - hat man heute Herrn Salomon , einen jüdischen Kaufmann , zu einem städtischen Amte erwählt . Das Letztere ist mir ungemein gleichgültig , rief Jenny , aber für die erste Nachricht bin ich Ihnen sehr dankbar , und sie macht mir großes Vergnügen . Weiß es Eduard schon ? Was denn ? Daß der Kaufmann Salomon gewählt ist ? - fragte Jenny . Also sehen Sie , sehen Sie , es ist Ihnen doch nicht so gleichgültig , als Sie behaupten , und wie könnte es auch . Wen sollte es nicht freuen , wenn alte barbarische Vorurtheile allmälig vor der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit weichen müssen ; wenn ein Volk , das Jahrhunderte hindurch mit Füßen getreten wurde , endlich allmälig die Rechte erlangt , an die es dieselben Ansprüche hat , als die andern Bürger des Staates , wenn .... A propos ! was ist gestern bei Horn ' s vorgefallen , man ließ ja Eduard noch so spät holen ? sagte Steinheim , der oft von dem Hundertsten , wie man sagt , auf das Tausendste kam . - Ich höre , die Clara Horn hat den Fuß gebrochen ; Erlau sagte es mir , der mich , das fällt mir eben ein , bei der Giovanolla erwartet ! Wie hat sie Ihnen gestern gefallen , die Giovanolla ? Sie gehen doch morgen wieder hin ? - Das Alles fragte er so durcheinander , daß es nicht möglich war , irgend eine der Fragen zu beantworten ; dann wandte er sich , Abschied nehmend an Madame Meier , rieth Jenny nochmals , das Theater nicht zu versäumen , und empfahl sich mit den Worten : » So süß ist Trennungswehe , ich sagte wohl Adieu , bis ich den Morgen sähe . « Mutter und Tochter sahen ihm lächelnd nach . Ehe wir in der Erzählung fortfahren , müssen wir aber einen Rückblick auf den Lebensweg der Personen werfen , von denen diese Blätter handeln sollen . Die Familie Meier galt bei Allen , die sie kannten , für eine der glücklichsten . Der Vater hatte ein hübsches Vermögen , das er von seinen Eltern ererbt , durch Thätigkeit und kluge Berechnung in einen großen Reichthum verwandelt , dessen er bei seiner Bildung auf würdige Weise zu genießen wußte , und von dem er dem Dürftigen gern und reichlich mittheilte . Aus Neigung hatte er sich früh mit seiner Frau , einem schönen und guten Mädchen , verheirathet , die ihm mit immer gleicher Liebe zur Seite gestanden , und ihm zwei Kinder , Eduard und Jenny , geboren hatte . In seiner Frau , und mit ihr in diesen beiden Kindern , hatte Meier Trost und Ersatz gefunden , wenn Welt und Menschen ihren Haß und ihre Unduldsamkeit gegen den Juden bewiesen , wenn man ihn ausgeschlossen hatte von Gemeinschaften , ihm Rechte verweigert , deren Gewährung jeder Mann von Ehre zu fordern hat . Die Thätigkeit , Wirksamkeit und Liebe , denen einer großen Gesammtheit zu nutzen nicht vergönnt war , waren lange Zeit hindurch Eduard ' s alleiniger Segen geworden , da er mehr als zehn Jahre älter war als seine Schwester . Man wundert sich oft , daß die Juden noch immer die Geburt eines Messias erwarten und die göttliche Sendung Jesu weder anerkennen noch begreifen . Aber von ihrem Standpunkte aus muß das ganz natürlich scheinen . Wie sollten sie an eine Lehre glauben , deren mißverstandene Grundsätze ihnen bis auf den heutigen Tag die blutigsten , widersinnigsten Verfolgungen zugezogen haben ? wie an einen Erlöser , der sie bis jetzt nicht von Schmach und Unterdrückung erlöset hat ? Von der Liebe , die Jesus der Menschheit gepredigt , haben die Juden bei den Christen seit jener Zeit wenig zu bemerken Gelegenheit gehabt . Sir haben in der That noch keinen Messias gefunden . Welch ein Wunder also , wenn sie ihn um so sehnlicher erwarten , je mehr sie der Befreiung und Erlösung sich werth fühlen ; wenn jeder Vater bei der Geburt eines Sohnes freudig hofft , dies könne der Erlöser seines Volkes werden , und wenn er den Knaben so erziehen möchte , daß der Mann reif werde für den großen Zweck . So war auch Eduard ' s Erziehung in jeder Beziehung sorgfältig geleitet worden . Sie sollte ihn zu einem Menschen heranbilden , der in sich Ersatz für die Entbehrungen finden könnte , welche das Leben ihm auferlegen würde , und sollte ihn anderseits fähig machen , die Verhältnisse zu besiegen , und sich wo möglich eine Stellung zu verschaffen , die ihn der Entbehrungen überheben und alle Vorurtheile besiegen könne . Glücklicherweise kamen Eduard ' s Fähigkeiten dem Wunsche seiner Eltern entgegen . Eine starke Fassungsgabe und eine große Regsamkeit des Geistes machten , daß er die meisten seiner Mitschüler überflügelte , und erwarben ihm ebenso sehr die Gunst der Lehrer , als eine gewisse Herrschaft über seine Gefährten . Von Liebe und Wohlwollen überall umgeben , schien sein Charakter eine große Offenheit zu gewinnen , und er galt für einen fröhlichen , sorglosen Knaben , bis einst in der Schule der Sohn einer gräflichen Familie , mit dem er sich knabenhaft in Riesenplanen für die Zukunft verlor , bedauernd gegen ihn äußerte : Armer Meier , Dir hilft ja all Dein Lernen Nichts , Du kannst ja doch nichts werden , weil Du nur ein Jude bist . Von dieser Stunde ab war der Knabe wie verwandelt . Er erkundigte sich eifrig nach den Verhältnissen der Juden , er fühlte sich gedrückt und gekränkt durch sie , und nur sein angeborner Stolz verhinderte ihn , sich gedemüthigt zu fühlen ; doch entwickelte sich durch das Nachdenken über diesen Gegenstand bei ihm sehr früh der Begriff von jenen Rechten des Menschen , die Alle in gleichem Grade geltend zu machen vermögen , das Bewußtsein innern Werthes , und ein Zorn gegen jede Art von Unterdrückung . Je älter er wurde , und je mehr er erkennen lernte , welche Vorzüge ihm schon bei seiner Geburt , durch die Aussicht auf eine glänzende Unabhängigkeit zu Theil geworden waren , je bestimmter er einsah , zu welchen Ansprüchen ihn seine Fähigkeiten einst berechtigen dürften , um so mehr empörte sich sein Herz gegen ein Vorurtheil , das alle seine Hoffnungen unerbittlich vernichtete . Grade in der Zeit von Eduard ' s Kindheit war wieder eine neue Judenverfolgung durch ganz Deutschland gegangen und die allgemeine Stimmung hatte sich natürlich auch in der Schule sichtbar gemacht , die Eduard besuchte . Spott und Kränkungen mancher Art waren nicht ausgeblieben ; man hatte wohl gehofft , der feige Judenjunge werde Alles ruhig dulden . Darin hatte man sich aber geirrt . Eduard ' s Charakter war furchtlos , und er erlangte durch Uebung bald eine Gewandtheit und Entschlossenheit , die Jeder sich anzueignen vermag . Er lernte fechten , reiten , schwimmen , und nachdem er sich ein paar Mal mit starker Hand selbst sein Recht verschafft hatte , fand er Ruhe , und endlich auch wieder seine frühere überlegene Stellung zu seinen Gefährten wieder . Hatte der Jüngling früher in einzelnen Momenten dem Gedanken Raum gegeben , sich von dem Judenthume loszusagen und christ zu werden , so verschwand der Plan plötzlich bei dem Anblick der Rohheiten , die er als Knabe selbst von sogenannten gebildeten Christen gegen seine Glaubensgenossen ausüben sehen . Er konnte sich nicht denken , daß das Recht und die Wahrheit sich auf einer Seite befänden , die so zu handeln im Stande war , und Verfolgung machte auch ihn , wie tausend Andere zu allen Zeiten , nur fester seinem Volke angehörig . Er hatte sich aber in jener Zeit gewöhnt , sich in der Opposition zu empfinden und das Gefühl verließ ihn nie wieder , weil er beständig in Verhältnissen lebte , die dazu gemacht waren , seine Opposition hervorzurufen . Da Eduard keine Neigung für den Kaufmannsstand hegte , beschlossen seine Eltern , ihn studiren zu lassen , wobei ihm freilich nur die Wahl blieb , Mediziner zu werden , oder nach beendigten Studien in irgend einem andern Fache als Privatgelehrter zu arbeiten , da ihm der Eintritt in eine Staatsstelle ebenso wie die Erlangung eines Lehrstuhles als Jude unmöglich waren . Er entschied sich für das Erstere und verließ das Vaterhaus , um die Universität zu beziehen . Glücklicherweise herrschte damals auf den Hochschulen ein freier akademischer Geist , und die neuen Verhältnisse übten auf Eduard einen guten Einfluß aus . Hier galt er selbst , sein eigenstes Wesen , ohne daß ihn Jemand fragte , wer bist Du ? und was glaubst Du ? Sein Geist , seine körperliche Gewandtheit erwarben ihm die Achtung seiner Genossen , sein Fleiß , das Wohlwollen der Lehrer , und die Bereitwilligkeit , mit der sein reichlich gefüllter Beutel Allen offen stand , die Sorglosigkeit und Genußfähigkeit , die er zu jedem Feste brachte , machten ihn bald zum Lieblinge der ganzen Burschenschaft , der er sich mit jugendlicher Begeisterung angeschlossen hatte . Die Idee der Freiheit und Sittlichkeit , die jenem Bunde ursprünglich zum Grunde lag , berührte die zartesten Seiten seiner Seele , und kam seiner ganzen Richtung entgegen . Er fühlte sich gehoben als Glied eines schönen Ganzen , das harmonisch aus den verschiedensten Elementen zusammengesetzt war , frei in einem Verbande , in dem Alle gleiche Rechte genossen . Unter den Jünglingen , die sich an ihn angeschlossen hatten , und deren Freundschaft ihn beglückte , war Reinhard ihm der liebste geworden . Er war der Sohn einer armen Predigerwittwe , die einer reichen Familie angehörte . Von seinen Verwandten unterstützt , hatte er die Schule besucht und kaum die Universität bezogen , als er erklärte , nun weiter keines Beistandes zu bedürfen , da er in sich die Kraft fühle , für seine Existenz selbst zu sorgen und hoffentlich auch seine Mutter ernähren zu können . Es hatte ihn seit Jahren schmerzlich gedrückt , von Andern abhängig zu sein , es hatte ihn gedemüthigt , seine Mutter von den Wohlthaten einer hochmüthigen Familie leben zu sehen , welche ihr niemals die Heirath mit einem armen bürgerlichen Candidaten vergeben wollen . Abhängigkeit irgend einer Art schien ihm die größte Schmach , weil sie ihm Kränkungen zugezogen , die er nie vergessen konnte , und nur zu leicht mußten er und Eduard sich verständigen , da Beide , wenn auch aus ganz verschiedenen Gründen , sich in ihrem Ehrgefühle verletzt , in mancher Rücksicht von der Allgemeinheit ausgeschlossen empfunden hatten . Wenn Reinhard den halben Tag mit mühevollem Unterrichten zugebracht hatte , und mit unerschütterlichem Eifer seinen theologischen Studien nachgekommen war , erquickte ihn Abends der Frohsinn , der Geist und der Reichthum an Hoffnungen , mit denen Meier in die Zukunft sah . Im Anfang ihrer Bekanntschaft waren ihre religiösen Ueberzeugungen freilich oftmals zwischen ihnen zur Sprache gekommen , und ein Gegenstand lebhafter Erörterungen geworden . Meier konnte es nicht begreifen , wie man an einen Sohn Gottes , an seine Menschwerdung , an die Dreieinigkeit , an die wirkliche Anwesenheit Christi im Abendmahl zu glauben vermöge - ein Glaube , den Reinhard mit tiefer Ueberzeugung heilig hielt , und den zu lehren und zu predigen sein sehnlichster Wunsch war ; denn er gehörte zu jenen poetischen Naturen , die sich Alles , was sie ergreifen , zu einer Religion gestalten , und bei denen der Glaube an die Wunder ein wahrhaftes Bedürfniß ist . Später aber war davon niemals mehr die Rede zwischen ihnen gewesen , weil sie fühlten , daß der verschiedene Glaube sie Beide doch zu demselben Ziele leite , und ein äußeres Ereigniß war dazu gekommen , sie noch fester zu verbinden . Es war gegen die Zeit ihres Abgangs von der Universität gewesen , als die Regierung es für nöthig gefunden hatte , eine Untersuchung gegen die Burschenschaft einzuleiten . Meier und Reinhard waren nebst vielen Andern verhaftet , längere Zeit mit Verhören und Untersuchungen geplagt und erst nach einem halben Jahre freigesprochen worden . Meier hatte diese Zeit gezwungener Zurückgezogenheit benutzt , sich für sein Doctorexamen vorzubereiten , das er in den ersten Tagen der wiedererlangten Freiheit gemacht , und war dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt , um dort seine Carriere zu beginnen . Zwar war er , wie es zu geschehen pflegte , noch eine geraume Zeit unter der sorgsamen Aufsicht der höhern Polizei geblieben , aber das hatte ihn in der Ausübung seiner medicinischen Praxis nicht gehindert , die er gleich mit dem glücklichsten Erfolge begann . Anfänglich waren es , wie gewöhnlich , nur die Armen gewesen , die seiner Hülfe begehrt und sie bei ihm gefunden hatten , doch das Gerücht von einigen glücklichen Kuren , von seiner Uneigennützigkeit und Menschenliebe , hatte sich schnell verbreitet , seine Praxis hatte angefangen , sich auch in den höhern Ständen auszudehnen , und sein Loos würde ein beneidenswerthes gewesen sein , wenn nicht aufs Neue die alten Vorurtheile gegen ihn geltend gemacht worden wären . Meier ' s sehnlichster Wunsch war nämlich dahin gegangen , Vorsteher irgend einer bedeutenden klinischen Anstalt zu werden , um lehrend zu lernen und zu nützen . Auf eine solche Stelle an irgend einer Universität Deutschlands hatte er aber nicht rechnen können , und es war ihm also wünschenswerth geworden , wenigstens die Leitung einer Krankenanstalt zu erhalten . Als dann durch den Tod eines alten Arztes die Directorstelle eines Stadtlazareths freigeworden , hatte er nicht gezögert , sich darum zu bewerben , besonders da er einer günstigen Meinung im Publicum gewiß gewesen war . Die Vorstellungen der Armenvorsteher und mancher andern Leute hatten die betreffende Behörde auch wirklich dazu vermocht , den jungen geachteten Arzt , dessen Kenntnisse ihn ebenso sehr zu dieser Stelle empfahlen , als seine strenge Rechtlichkeit und seine reinen Sitten , zum Director zu wählen und bei der Regierung um seine Bestätigung einzukommen . Meier war auf dem Gipfel des Glückes gewesen , und in der Freude seines Herzens hatte er sich , nachdem er gewählt worden war , anheischig gemacht , auf das immerhin bedeutende Gehalt zu Gunsten der Lazarethkasse zu verzichten . Einige Wochen waren in frohen Erwartungen hingeschwunden , er hatte die Glückwünsche seiner Freunde empfangen und bereits daran gedacht , seine Wohnung im elterlichen Hause mit der neuen Amtswohnung zu vertauschen , als der Bescheid der Regierung angelangt war , welcher statt der erwarteten Bestätigung die Aufforderung enthalten , Meier möge zum Christenthume übertreten , da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei , einem Juden irgend eine Stelle anzuvertrauen . Vergebens waren seine Vorstellungen , wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hinderniß sein könne , wie diese Zurückweisung in den Gesetzen des Staates nirgends begründet sei - die Regierung war bei ihrem Entschlusse geblieben . Man hatte Meier einen unruhigen Kopf genannt ; seine Neider , an denen es dem Talentvollen , Glücklichen nie fehlt , hatten über die jüdische Anmaßung gelacht , die sich zu Würden dränge , für die sie nicht berufen sei , und dabei vergessen , daß die Behörden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl für den Würdigsten erklärt hatten . Auf das Empfindlichste gekränkt , hatte Meier schon damals sein Vaterland verlassen wollen ; doch die angeborene Liebe zu demselben und der Gedanke an seine Eltern hatten ihn davon zurückgehalten . Er war in der Heimath geblieben , und obgleich er das Unrecht , das ihm geschehen , niemals vergessen , oder es verschmerzen können , das schöne Feld für seine Thätigkeit verloren zu haben , hatten ihn die Anerkennung , die er fand , der ausgezeichnete Ruf , den er erwarb , endlich schadlos gehalten für die erfahrene Zurücksetzung . Bei seiner Rückkehr von der Universität hatte er Jenny als ein liebliches Kind von eilf Jahren wiedergefunden , das sich mit leidenschaftlicher Innigkeit an ihn hing , und für das er eine Zärtlichkeit fühlte , die ebenso viel von der Liebe eines Vaters , als eines Bruders besaß . Die Eltern hatten die Kleine niemals aus den Augen verloren , und jeden Wunsch des nachgebornen Lieblings mit zärtlicher Zuvorkommenheit erfüllt . Eduard war überrascht durch den Verstand und den schlagenden Witz des Kindes , er sah , daß ein lebhaftes , leidenschaftliches Mädchen aus demselben werden müsse , konnte sich es aber nicht verbergen , daß die übergroße Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht , einen Eigensinn entstehen gemacht hatten , dem bis jetzt nur durch seinen Vetter Joseph eine Schranke gesetzt worden war , der , im Meierschen Hause lebend , die Kleine mit seiner ernsten , rauhen Art tadelte und zurechtwies . Dafür hatte Jenny den Cousin schon damals nicht leiden mögen , und es dem Bruder unter vielen Thränen geklagt , wie garstig der Joseph sei , wie er ihr Alles zum Trotze thäte , und wie sie hoffe , in Eduard einen Beschützer gegen den unliebenswürdigen Cousin zu finden . Der junge Mann begriff bald , daß bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten sei , und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem Lehrer und Erzieher . Sie lernte fast spielend , ja es schien oft , als läge das Verständniß aller Dinge in ihr , und man dürfe sie nur daran erinnern , um klar und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen , die man ihr erst mitzutheilen wünschte . Ebenso wahr und offen als Eduard , wuchs sie diesem von Tag zu Tag mehr ans Herz , und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte , daß sich in Jenny zu viel Selbstgefühl und eine fast unweibliche Energie zeigten , obgleich er es Joseph zugestehen mußte , daß sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu früh , die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten , so fiel es ihm doch schwer , als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben mußte , weil seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit mehr dazu übrig ließ . Eduard drang deshalb darauf , man möge seine Schwester einer Privatschule anvertrauen , die von den Töchtern der angesehensten Familien besucht wurde . Er hoffte , der Umgang und das Zusammenleben mit Mädchen ihres Alters werde bei Jenny die Härten und Ecken , die ihr Charakter zu bekommen schien , am leichtesten vertilgen . Die Eltern folgten seinem Rathe und die neuen Verhältnisse machten in vielen Beziehungen einen günstigen Eindruck auf Jenny . Sie gewöhnte sich , ihrem Witze nicht so zügellos den Lauf zu lassen wie in dem elterlichen Hause , wo man ihre beißendsten Einfälle nur lachend getadelt hatte ; sie lernte es , sich in den Willen ihrer Mitschülerinnen zu fügen , dem Lehrer zu gehorchen , aber sie fing auch an , sich ihrer Fähigkeiten bewußt zu werden , welche sie in eine Klasse gebracht , in der alle Mädchen ihr im Alter um mehrere Jahre voraus waren . Von einem Umgange , wie Eduard ihn für sie gehofft hatte , war indessen nicht die Rede . Die halberwachsenen Mädchen dieser ersten Klasse mochten sich größtentheils mit dem bedeutend jüngern Kinde weder unterhalten , noch befreunden , das ihnen obenein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde . Andere , denen Jenny ' s lebhaftes , freimüthiges Wesen behagte , und die gern mit ihr zusammen waren , konnten von ihren Eltern nicht die Erlaubniß erhalten , die Tochter einer jüdischen Familie einzuladen oder zu besuchen , und zu diesen Letztern gehörte auch Clara Horn . Zwei Jahre älter als Jenny , hatte sie dieselbe unter ihre Vormundschaft genommen , ihr gerathen und geholfen , wenn das verzogene Mädchen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden gewußt , und dadurch ihr volles Vertrauen erworben . Ihr hatte Jenny in den Zwischenstunden von ihren Eltern , von ihrem Bruder , von allen ihren Freuden erzählt , und damit ihrer Beschützerin eine Vorliebe für die ganze Meiersche Familie eingeflößt . Wenn nun Clara nach solcher Mittheilung ihre kleine Freundin glücklich pries , und sie um die Eintracht ihrer Eltern und die Liebe ihres Bruders beneidete , da sie Beides entbehrte , wenn Jenny sie dringend bat , zu ihr zu kommen und das Alles mit ihr zu genießen , hatte Clara immer verlegen geantwortet , sie dürfe das nicht . Endlich hatte Jenny sie einmal beschworen , ihr den Grund zu sagen , warum sie nicht zu ihr kommen könne , da hatte Clara ihr mit Thränen erklärt , sie dürfe nicht , weil Jenny ' s Eltern Juden wären und ihre Eltern diesen Umgang niemals gestatten würden . Jenny wurde glühend roth , sprach aber kein Wort , und gab nur schweigend der weinenden Clara die Hand . Die nächsten Stunden saß sie so zerstreut da , daß weder Lehrer noch Mitschüler sie erkannten . Sie dachte über Clara ' s Worte nach , und es wurde ihr klar , wie sie allein und einsam in der Schule sei , wie keines von den ihr befreundeten Mädchen sie besuche , oder ihre Einladungen annähme , außer bei solchen Gelegenheiten , wo man die ganze Klasse einlud , und sie , ohne es zu auffallend zu machen , nicht zurücklassen konnte . Sie erinnerte sich der ewigen Frage , bei wem sie eingesegnet werden würde , und des Lächelns , wenn sie den Namen des jüdischen Predigers nannte . Es schien ihr unerträglich , künftig in diesem Kreise zu leben , und als sie nach Hause kam , warf sie sich weinend den Eltern in die Arme , flehentlich bittend , man möge sie aus der Schule fortnehmen . Alle Thränen , die sie in der Schule standhaft unterdrückt hatte , brachen nun gewaltsam hervor . Eduard kam dazu , und bei der Schilderung , die sie von ihrer Zurücksetzung und Ausgeschlossenheit machte , deren sie sich jetzt plötzlich bewußt geworden war , fühlten ihre Eltern und ihr Bruder nur zu lebhaft , daß sie auch dies geliebte Kind nicht gegen die Vorurtheile der Welt zu schützen , ihm nicht die Leiden zu ersparen vermochten , die sie selbst empfunden hatten und nun wieder mit ihm erdulden mußten . Jenny länger in der Anstalt zu lassen , fiel Niemand ein , weil man das bei ihrem Charakter fast für unthunlich hielt und mit Recht fürchtete , daß ihre Fehler , die man zu bekämpfen wünschte , dort unter diesen Verhältnissen nur wachsen könnten . Man gab also den Besuch der Schule wieder auf , und Jenny sollte wieder zu Hause unterrichtet werden , wobei man aber die Aenderung machte , daß man ihr Therese Walter , die Tochter einer armen Beamtenwittwe , zur Gefährtin gab , die in der Nachbarschaft wohnte und mit der sie von früh auf bekannt gewesen war . Jenny hatte bis dahin für Therese keine besondere Zuneigung gefühlt . Jetzt , getrennt von der Schule , in welcher Umgang mit Mädchen ihr zum Bedürfniß geworden war , wurde Therese ihr Ersatz für diese Entbehrung , ja , ihr einziger Trost . Es bildete sich dadurch allmälig eine Freundschaft zwischen den beiden Mädchen , die sich sonst wohl niemals besonders nahe getreten wären , da Theresens mittelmäßige Anlagen , ihr ruhiges und stilles Wesen zu Jenny ' s Art und Weise nicht recht paßten , und sie derselben unterordneten , was aber freilich dazu beitrug , das Verhältniß zu befestigen . Als es nun nöthig wurde , einen Lehrer für die beiden , jetzt fast fünfzehnjährigen Mädchen zu wählen , schlug Eduard seinen Freund Reinhard dazu vor , der in sehr beschränkten Verhältnissen noch immer in der Universitätsstadt lebte , in welcher die Freunde einander begegnet waren . Reinhards Bemühungen , nach gemachtem Examen eine Pfarre zu bekommen , waren an dem Einwande gescheitert , den man gegen ihn wegen seiner burschenschaftlichen Verbindungen machte . Ein paar Jahre war er Hauslehrer gewesen , hatte die Stelle aber aufgegeben , weil sein Gehalt zwar für seine Bedürfnisse hinreichte , jedoch nicht groß genug war , seiner Mutter die Unterstützung zu gewähren , deren sie bedurfte . Seitdem hatte er durch Unterrichten und durch literarische Thätigkeit für sich und seine Mutter zu sorgen gesucht . Von Eduard Beistand anzunehmen , hatte er verweigert , und nur mit Vorsicht konnte derselbe ihm den Vorschlag machen , nach dessen Vaterstadt zu kommen , um den Unterricht der beiden Mädchen unter den vortheilhaften Bedingungen , die man ihm stellte , zu übernehmen . Eduard ' s Plan gelang . Er sah seinen Freund nach mehrjähriger Abwesenheit wieder , und fand in ihm mit großer Freude den alten treuen Gefährten , den er verlassen hatte ; doch war er im Denken und Fühlen mannigfach verändert . Ein düsterer Ernst hatte sich seiner bemächtigt . Die Armuth hatte ihn stolz , mißtrauisch und reizbar gemacht , und dadurch die Schönheit seines Charakters beeinträchtigt . Im höchsten Grade streng gegen sich selbst , wahr gegen seine Freunde , glühte er für Recht und Freiheit , hing er mit dem alten schwärmerischen Glauben dem Christenthume an , das ihm der Urquell der Wahrheit und der Liebe war . Der günstige Erfolg , den sein Unterricht im Meierschen Hause hatte , verschaffte ihm bald so viele Schüler , daß er den Aufforderungen , die in dieser Beziehung an ihn gemacht wurden , kaum genügen konnte , während sie ihm eine sorgenfreie Existenz bereiteten , da der Unterricht in der reichen Handelsstadt ganz anders als in dem kleinen Universitätsstädtchen bezahlt wurde . Er konnte seine Mutter zu sich nehmen , mit der er seine kleine freundliche Wohnung theilte , und die treffliche Frau wurde bald in vielen Familien , besonders aber im Meierschen Hause ebenso geachtet und geliebt , als Reinhard selbst . - Auf Jenny hatte der neue Lehrer einen eigenthümlichen Eindruck gemacht . Weil Eduard ihn so hoch hielt , hatte sie im Voraus die günstigste Meinung für ihn gehegt , und als